Fünf Gedichte

von Thekla Merwin (1887–1944)

Dämmerung

Am Horizont verblasst das Abendrot,
Grau wird der letzte rosenfarb’ne Strich,
Nacht, Schlaf und Tod
Vermischen ihren Atem wunderlich.

Der Wind seufzt leise, und dann schweigt die Flur,
Unwirklich ist das Sein, sind ich und du,
Und allen Dingen bleibt nur die Kontur
… Seele, du wanderst fernen Tagen zu.

Du wanderst und du wanderst ohne Rast,
Bis sich der Schoß, der alle Pflanzen hält,
Dir öffnet, dir, der Erde flüchtigem Gast –
Dann wirst du selbst ein Teil der stummen Welt.

Du bist die Dryas, die im Dämmer nickt,
Der Bach, der durch den stillen Abend fließt,
Der Stein, der eine letzte Stätte schmückt,
Die Blume, die aus morschem Leibe sprießt.

Und tiefste Ahnung peinigt dich und droht,
Mit dunkeln Augen naht das Ewige sich
… Nacht, Schlaf und Tod
Vermischen ihren Atem wunderlich.

Die Straße

Die laue Nacht bringt Wonne und Versagen,
Dort, von den Bergen wächst sie riesengroß,
Und was im Lärm vertönt an lauten Tagen,

Das zeigt sie schweigend, nackt und schleierlos.
In hohen Straßen stirbt der letzte Schimmer,
Trübes Laternenlicht erhellt sie bloß.

… Da birgt sich manch ein Glück im stillen Zimmer,
Da weint ein Säugling, dass es widerhallt,
Oder ein Auge schließt sich müd’ für immer.

Hier siehst du eines Weibes Wohlgestalt,
Halb schon erfahren, halb noch voller Schämen,
Noch jung, doch schon in einem Jahre alt.

Bald lockt ihr Aug’, bald ist es voller Grämen.
Im Häuserschatten wartet der Bandit,
Bereit, den grausen Lohn ihr abzunehmen.

Woran der Blick sonst leicht vorüberflieht,
Das wächst im Dunkel zum erbarmungsreichen
Und urgewaltigen Menschheitsklagelied

Und macht das Herz schwer und die Lippen bleichen.
Der schwarze Himmel, den die Nacht umspannt,
Er trägt in tief geheimnisvollen Zeichen

Auch unser Schicksal, nah, doch unbekannt.

Die Stadt

Aus müden Lungen atmet Dunst die große Stadt,
Mildäugig über dem gezackten Turme
Steht blasser Mond, der mich begleitet hat.
Und wie das stille Meer nach hartem Sturme
Schläft auch dies Meer von Menschen, stumm und matt
… Aus müden Lungen atmet Dunst die Stadt.

Doch morgens brüllt das aufgeweckte Tier
Und schreit nach Nahrung durch die engen Gassen,
Aufpeitscht die Woge Hunger, Lust und Gier,
Aufpeitscht die Woge Ehrgeiz, Lieben, Hassen,
Und alle Dämme überfluten schier
… Tagsüber brüllt das aufgeweckte Tier.

Doch in dem feierlichen Raum der Nacht,
Wie liegt sie mir geheimnisvoll zu Füßen,
Gleich der Natur in ihrer Schöpferpracht.
Und auch mein Blut spürt ihr verwandtes Grüßen,
Und jeder Stein, er singt ein Lied von Macht
Hoch in dem feierlichen Raum der Nacht.

Großstadtballade

Hinter mir der Tod über die Gasse sprang,
Kling! Klang!
Das war wie ein Sensenschnitt, harsch und rau,
Und am Boden lag sie, die elende Frau,
Die der Hunger zur Erde zwang.

Fünf Groschen klirrten vom Straßenrand
In den Sand,
Ein Bettler bückte sich heimlich und stahl
Der sterbenden Frau das Betriebskapital,
Und er grinste scheu und verschwand.

Selbst vornehme Wagen warteten schon
(Dabei ein »Baron«!),
Denn die Menge sammelte sich im Nu
Und sah dem Schauspiel des Sterbens zu,
Dann ging man davon.

Die Sonne am Himmel stand purpurrot
Über Grauen und Kot,
Still grüßt’ sie die Erde und ihre Qual,
Das alte Weib verröchelte fahl,
Dann seufzte es tief und war tot.

Vier Arme huben die traurige Fracht,
Gute Nacht!
Dann trabten vier Hufe gleichmütig dahin …
O Menschen, was habt ihr für Widersinn
Aus herrlichem Leben gemacht?

Und alle Jahre geht’s dem Winter zu

Und alle Jahre geht’s dem Winter zu,
Und alle Jahre steigt ein Frühling jung
Gewaltig aus der Erde starrer Ruh’.

Rasend bewegt sich ewiger Erdenschwung,
Hier tönt der Schrei der nächtlichen Geburt,
Dort werden Menschen für den Humus Dung.

Das alte Räderwerk, es rollt und surrt,
Und in den Speichen dreh’n sich unsere Lose,
Narr, der sich freut, Narr, der verbittert murrt.

Der kriegt die Lumpen, der die Bügelhose,
Und beide lädt zuletzt ein Hügel ein,
Ein Pfarrer rührt euch – je nachdem die Chose.

Die Witwe kauft sich einen Totenschein,
Und die Verlassenschaft bezahlt die Parte,
Ist sie aktiv, wird es ein Marmorstein.

Doch stirbst du ohne Geld, mein Freund, dann starte
Zur Ewigkeit im wesenlosen Schein.


Textnachweis
Dämmerung, aus: Neues Wiener Tagblatt, 15. Mai 1921, S. 22.
Die Straße, aus: Arbeiter-Zeitung, 6. Juni 1926, S. 17.
Die Stadt, aus: Arbeiter-Zeitung, 18. Juli 1926, S. 20.
Großstadtballade, aus: Arbeiter-Zeitung, 21. April 1929, S. 17.
Und alle Jahre geht’s dem Winter zu, aus: Arbeiter-Zeitung, 29. Oktober 1932, S. 7.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alexandra Exter, Farbentwurf, 1922

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