Kleine Hexe

von Margarete Beutler (1876–1949)

Und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt, und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt. Und kleine Hexe, kleine Hexe – darin liegt etwas wie Militärmusik, etwas, was das Blut hüpfen und die Augen tanzen macht; etwas, was die Finger ein bisschen krümmt, als ob sie ein Vorbeihuschendes fangen wollen, etwas, wie es in Großvaters Johannisbeerwein steckt – etwas, das sich wild berauschend und doch eigentümlich schwer aufs Denken legt.

Und es hat niemand zu ihr kleine Hexe gesagt, und sie wüsste gar nicht, wie das ist, wenn nicht, wenn nicht …

Um ein Uhr hatte sie heut erst gehen können – da waren noch einige Federn notwendig zu kräuseln gewesen. Nun ja, nach dem feuchten Wetter der letzten Tage!

Sie war abgemattet und hungrig. Aber als sie dann an das niedrige, von dem vielen Regen recht blinde Fenster trat, um ihren Hut aufzusetzen, da blitzte da oben in einem Fenster des vierten Stockes ein seltsames Leuchten. Und da lachte sie. Sie war wohl eine kleine Schwärmerin, denn sie lachte, weil sie wusste, dass das Leuchten da oben von der Sonne kam, und sie lachte, weil sie ahnte, dass es am Nachmittag etwas heller in dem kleinen Parterrestübchen sein würde. Es kräuselte sich noch einmal so schnell, wenn man weiß, dass es eine Sonne gibt da oben, die gewiss recht voll zu uns hineinschauen möchte, wenn der Hof nicht gar so eng und die Häuser nicht gar zu hoch wären.

Da am Fenster sah Trude auch, dass das Band an ihrem Hute schon recht fahl war. Vielleicht, dass man es umkehrte!

Oder ob sie das rotseidene Schürzenband herumgeben soll? Die Schürze hat sie zwar von Hanne Krüger zum Geburtstag bekommen, aber die ist ja viel zu schade zum Umbinden. Für wen soll sie sich wohl zu Hause solche feine Schürze umbinden – Mutter geht flicken – die Tante wäscht … Gertrud warf noch einen Blick auf das flimmernde Leuchten da oben, dann ging sie hinaus über den winzigen Hof, wo der Kommis aus dem ersten Stock Tabaksballen ablud.

Der Kommis ließ sie nie vorbei, ohne mit der Zunge zu schnalzen. Er hat sehr schwarze, listige Augenbrauen – mein Gott, so ein hässlicher Mensch! Was der sich einbildet! – –

Im Flur des Vorderhauses zog sie den einen braunen Zwirnhandschuh an. Sie zieht immer nur einen Handschuh an – sie hat eine hübsche, weiße Hand, und wenn sie den dunklen Rock so ein bisschen hebt und den kleinen Finger ein wenig zurückbiegt …

Sie stand allein in dem Hausflur. Er war finster und traurig wie diese alte Mietskaserne.

An der Wand vor ihr hing ein kurzer Schlauch mit einem Holztrichter – das war ein Sprachrohr, das irgendein Vizewirt einmal angelegt hatte, um in seine Wohnung hinaufzusprechen.

Wie ein Kichern ging es durch Trudes Gedanken: einmal etwas hineinrufen – dann fortlaufen – ganz flink!

Ihr Mund spitzte sich, und sie nahm den Schlauch in die Hand.

Aber da bebte etwas, da zitterte etwas von oben herunter. Da waren Töne – Worte – – sie legte mechanisch das Ohr an den Trichter und presste die linke Hand fest an die Brust.

Da, da – nun trafen die Töne, die Worte ihr Ohr – – aber – – aber das war ja ganz deutlich! – »I du – klei–ne H–hexe«, und dann ein trillerndes, unverschämtes Lachen wie unterdrücktes Schreien aus Mädchenmund.

Eine kalte, fremde Hand strich über Gertruds Körper. Sie wagt nicht zu atmen – – Da oben die Sonne, sie sieht sie vor sich – – Das kann nur der dicke Vizewirt und das rothaarige Stubenmädchen, dem der Tabakkommis neulich einen Klaps gegeben hat – sie hat das ganz deutlich gesehen! – – Und die Vizewirtin ist ausgegangen – die beiden sind in seiner Arbeitsstube … Einmal ist sie oben gewesen und hat die Miete von der Modistin heraufgetragen – dicht am Sprachrohr steht das Ledersofa – –

Ihr Arm sank schlaff herab – dann jagte sie aus dem dunklen Flur hinaus über die Straße, über die Brücke.

Sie sah die Sonne nicht, die aus dem Wasser freundlich zu ihr reden wollte, sie hob ihren Rock nicht und bog ihren hübschen, kleinen Finger nicht rückwärts. Ihre Hände zerrissen beinahe den braunen Zwirnhandschuh – ihre Augen suchten etwas Neues, Fernes, Hässliches …

Und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt, und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt. Und kleine Hexe – kleine Hexe – darin liegt etwas wie Militärmusik, etwas, was das Blut hüpfen und die Augen tanzen macht, etwas, was die Finger krümmt, als ob sie etwas haschen wollen, das vorbeikommen wird, das vorbeikommen muss.


Am Nachmittag war es wirklich heller in dem dumpfen Hofstübchen. Aber das bemerkte Gertrud nicht. Sie nahm sich schweigend ihre Federn vor – große, schwarze, glänzende Federn, die sich kühl und weich zwischen die Finger legen.

Große, schwarze, glänzende Federn!

Und wie die Fiederchen beben, als ob ein geheimnisvolles Leben in ihnen wäre!

Es ist Leben in ihnen – die Fiederchen sind schwarze, wilde Musikanten.

Was spielen sie?

Tolle bunte Weisen: Geigen trillern wie unterdrücktes Schreien aus Mädchenmund und irgendeine Flöte schäkert: »I du – kleine Hexe – klei–ne H–hexe!«

Die schwarzen, glänzenden Federn! Wenn sie über den Hutrand nicken, so weich, so biegsam – wenn sie sich um einen braunen, breiten Haarknoten schmiegen – – und dann – dann das graue Kleid dazu – ein weißer Unterrock –

Gertruds Nasenflügel zittern, sie liebkost die weichen, schwarzen, glänzenden Federn.

Die tollen Musikanten haben ihre Sache gut gemacht.

Morgen ist Sonntag – wenn die Kommerzienrätin heut’ nicht mehr um die Federn schickt, morgen tut sie es sicher nicht. Morgen – Sonntag – nicht!

Und nur einen Tag auf dem Hute die schwarze, wallende Pracht zu haben, einen einzigen Sonntagsnachmittag! Was schadet das der Kommerzienrätin, die Kästen voll Federn und Blumen zu Hause hat.

Am Montag werden die schwarzen Federn wieder in ihrer roten Pappschachtel in dem dunklen Parterrestübchen liegen. Einen Kasten voll Federn und Blumen möchte Gertrud haben – besonders Blumen. Rosaseidene, zarte Rosen oder purpurne Sammetrosen und ganz stille, traurige weiße Rosen – oder sonnengelbe, leuchtende Rosen – – aber am liebsten doch zarte, rosa Seidenrosen mit mattgrünen Blättern.

Und dann möchte Gertrud vor einem Spiegel stehen, der so groß ist, dass sie sich ganz und gar darin sehen kann. In einer weißen Mullbluse möchte sie davor stehen – – aber nein, solche Blusen sind nicht genug ausgeschnitten, in ihrem Einsegnungshemde möchte sie vor dem Spiegel stehen – das hat nur ganz schmale, gehäkelte Spangen über den Schultern und eine breite, durchsichtige Passe, die mit einem grünen Bändchen geschlossen wird.

In ihrem Einsegnungshemde möchte sie vor dem Spiegel stehen und sich die braunen Haare über die Schultern fließen lassen. Und dann die zarten, rosa Seidenrosen in die Haare hinein – und überall Rosen – an der Passe Rosen und auf den Schultern Rosen.

Aber nicht allein möchte Gertrud dastehen, es müssten irgendwo in der Nähe fremde, dunkle, bewundernde Augen sein, die ihre Mädchenschönheit in sich tränken.

Sie kennt wohl keine solche Augen?

Die Männer, die sie kennt, haben kühle graue Augen – kühle blaue Augen – kühle braune Augen – Geschäftsaugen – Alltagsaugen – meistens unter Gläsern –

Aber?

Aber …

Der schwarze Kommis – –

Die Augen könnten so aussehen – graulich beinahe in ihrer wilden Bewunderung – aber berauschend wäre das, berauschend wie die Musik der schwarzen Fiederchen und wie Großvaters Johannisbeerwein. –


Und dann ist die Luft so närrisch warm, und alles sieht so sonntäglich aus, und der schwarze Kommis ist so spaßig.

Und er ist absolut nicht hässlich! – –

Das ist viel schneller gegangen, als Gertrud gedacht hat.

Als sie gestern Abend an ihm vorbeiging, hat er wieder geschnalzt, und sie hat gelacht. Da ist er zu ihr in den Hausflur getreten und hat ihren Arm an sich gedrückt und gesagt: »Na, wie ist es, wollen wir nicht morgen ein bisschen zusammen ausgehen?« – Und seine schwarzen, seltsamen Augen hat sie dicht vor sich gesehen. Nein – solche Augen – solche Augen!

Und nun im Walde ist die Luft so närrisch warm – und das Moos ist so närrisch weich – und die Vögel haben solche possierliche Stimmen – und der schwarze Kommis drückt ihren Arm und erzählt so verdrehte Geschichten.

Aber etwas fehlt noch – etwas fehlt noch – das muss Gertrud noch hören – das Wort, das so mächtig macht, weil es ein Zauberwort ist. Sie kann nicht anders – sie kann nicht dafür – sie muss es hören, muss – muss – muss – –

Und plötzlich liegt sie vor dem schwarzen Kommis auf den Knien und drückt ihre schmächtigen Arme um seinen Leib und stammelt mit durstigen, lachenden Augen: »Du – du – sage mal – sage doch mal ›kleine Hexe‹ zu mir!«

Da lacht der schwarze Kommis, dass die Finken aufhören zu pfeifen, und umklammert und schüttelt ihre kleine Gestalt und zischelt: »Kleine Hexe – kleine Hexe – Hexe – Hexe – Hexe – – wenn du weiter nichts willst …«

Ach, das ist wie Johannisbeerwein, so wild berauschend – – aber man kann nicht mehr denken – gar nicht mehr denken. – –

Im Moose liegt der Hut mit großen, schwarzen, glänzenden Federn.

Die schwarzen Fiederchen geigen wirres, tolles Zeug.

Wind ist Kapellmeister.


Textnachweis
Aus: Die Gesellschaft. Halbmoantschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitk, XVI. Jahrgang, 1900, Bd. III, S. 163–167. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Louise Catherine Breslau, Die Putzmacherinnen, 1899

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