Reisegefährten

von L. Andro (1878–1934)

Gerade als Bertha ein kleines Halbcoupé zweiter Klasse durcheilen wollte, um in den überfüllten Waggons nach einem Platz zu suchen, setzte sich der Zug in Bewegung.

Unschlüssig blieb sie stehen. Sie wusste nicht, ob sie hier werde bleiben können, denn ihre Karte lautete auf dritte Klasse. Aber der Kondukteur, der eben den Kopf zum Fenster hereinsteckte, beruhigte sie, die dritte sei sowieso überfüllt, er werde sie verständigen, wenn drüben ein Platz frei werde. So legte sie ihre kleine, etwas schäbige Handtasche hinauf ins Netz, setzte sich an einen Fensterplatz – den anderen hatte schon ein Herr inne, der einzige Passagier im Coupé außer ihr – und ließ sich’s wohl sein.

Sie freute sich, dass sie auch einmal zweite Klasse fahren durfte. Das Leben hatte sie nicht verwöhnt. Waise eines Postkontrollors, Kleinkinderbonne – ein glänzendes Los war das nicht. Ihr Traum war’s, noch einmal das Lehrerinnenexamen zu machen – das würde ihr eine andere Stellung vor der Welt geben; denn sie war ehrgeizig und hielt etwas auf Bildung. Ihr winziges Köfferchen war schwer von den Klassikerausgaben, die sie immer mit sich führte.

Jetzt fuhr sie nach Prag, wo sie eine neue Stellung bei einem Advokaten antreten sollte – und wieder war ihr Kopf voll von Luftschlössern, Jane-Eyre-Träumen, wie jedes Mal, wenn sie in ein neues Haus eintrat. Erfüllt hatten sich ihre Wünsche nie, aber sie glaubte und hoffte weiter. Und doch hätte sie das Leben schon kennen dürfen. Mehr als eine gute Stelle hatte sie wegen allzu großer Liebenswürdigkeit irgendeines männlichen Familienmitgliedes verlassen müssen. Man hatte ihr oft die unzweideutigsten Anträge gemacht – aber heiraten hatte sie noch keiner wollen.

Manchmal war sie ihres Lebens herzlich müde und dachte: »Es muss ja kein Prinz sein und kein Lord und kein Pair von England – wirklich nicht! Wenn er mich nur liebhat und ein ordentlicher Mensch ist und mich erhalten kann.« – – Und sie malte sich ihr zukünftiges Leben mit einem solchen Manne aus, und ein Häuschen irgendwo im Grünen spielte eine große Rolle dabei, mit etwas Vieh und einer Milchwirtschaft – denn sie hatte die ungestüme Sehnsucht des Stadtkindes nach dem Lande. Aber das schien bisher fast ebenso unerreichbar für sie zu sein wie der Pair von England.

Sie fuhren über die weite, fruchtbare Ebene des Marchfeldes. Es war ein grauer Tag, auf vielen Feldern standen schon die Stoppeln. Bertha fröstelte. Sie fing an, sich zu langweilen, zu sehen gab es auch gar nichts. Ihr Blick fiel auf eine Zeitung, die der Herr vis-à-vis eben aus der Hand gelegt hatte. Dieser bemerkte ihren Blick und reichte ihr das Blatt höflich dar, worauf sie dankte. Dann begann sie zu lesen.

Nach Frauenart studierte sie zunächst die Überschriften der Absätze: Versetzung des Erzherzogs Hermann Eduard – Brand – Hinrichtung – die Wahlen – vom Wetter. Das interessierte sie nicht übermäßig. Sie begann ihr Gegenüber verstohlen hinter dem Blatte zu beobachten.

Es war ein mittelgroßer, sehr stämmiger Mann von etwa vierzig Jahren, dem man wohl riesige Körperkräfte zutrauen durfte, dessen rotes, dickes Gesicht aber einen eher gutmütigen Eindruck machte. Die kleinen schwarzen Augen blickten angespannt und fast sorgenvoll. Er war mit einer Sorgfalt gekleidet, die eigentlich zu seiner Erscheinung nicht passte, trug erlesene Wäsche und einen eleganten Salonrock, ein tadelloser Zylinder lag neben ihm. Er hatte ganz neue schwarze Handschuhe an, doch wurde Bertha die Empfindung nicht los, dass die Hände darunter rot, derb und fleischig sein müssten.

Zunächst blickte er unverwandt durch die Fensterscheiben, dann begann er seiner Nachbarin etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Schließlich fing er eine Unterhaltung an.

»Wenn Fräulein vielleicht lieber eine illustrierte Zeitung lesen …« Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Brusttasche. Man merkte, er sprach wienerisch, wollte sich aber zu einem tadellosen Hochdeutsch zwingen.

»Nein, danke«, sagte Bertha rasch. »Ich sehe sowieso zum Fenster hinaus.«

»Die Gegend ist nicht interessant«, meinte er. »Und bis wir nach Prag kommen, ist es schon finster. Fräulein fahren auch nach Prag?«

Sie nickte.

»Schöne Stadt!«, sagte er. »Ich kenne sie mehr vom Hörensagen. Ich zwar schon zweimal dort gewesen, aber immer nur beruflich; da hat man nicht viel Zeit, sich etwas anzuschauen. Die jungen Damen, die zu ihrem Vergnügen reisen, haben’s da schon besser.«

»Ich bin nicht zu meinem Vergnügen dort«, sagte Bertha. »Ich gehe in Stellung.«

»O …!« Er war überrascht. »Und wenn ich fragen dürfte, in welcher Stellung sind Fräulein?«

»Erzieherin«, sagte Bertha etwas zögernd. Es war ja gelogen, weil sie doch nur Bonne war. Aber es klang so schön …

Das Wort verfehlte auch seine Wirkung auf ihn nicht. »Erzieherin!«, sagte er mit sichtlichem Respekt. »Das muss ein herrlicher Beruf sein!«

»Gewiss«, meinte Bertha mit Selbstbewusstsein. »Es gibt nichts Edleres, als die Jugend gedeihlichen Zielen zuzuführen.«

Er blickte sie bewundernd an. »Ha, so die Bildung, das ist freilich schön. Wer nur auch so zufrieden wäre! …«

»Sind Sie’s nicht?«

»Ja … wissen Sie … ich bin … ich bin bei Gericht … angestellt … das ist schon nicht so schön …«

»Es ist aber doch eine edle Aufgabe für die menschliche Gerechtigkeit einzustehen«, sagte sie und wunderte sich selbst, wie prächtig ihr die Worte von den Lippen flossen.

»Schon … schon …«, brummte er nachdenklich. Dann nach einer Weile: »Ich hab’ mir noch gar nicht erlaubt, mich Ihnen ergebenst vorzustellen.« Er stand auf und präsentierte eine riesige Visitenkarte: »Josef Rössel.«

»Bertha Rauscher«, sagte sie, der sein Name gar nichts sagte. »Ich habe zwar keine Visitkarte bei mir, aber Sie werden mir’s hoffentlich auch so glauben.«

»Und so ein junges Fräulein lässt man schon allein in die Welt hinaus!«, meinte er nachdenklich.

»Ja, was will ich machen? Die Eltern sind früh gestorben, da sind wir halt bei Verwandten herumgestoßen worden, bis wir uns allein haben erhalten können. Ich bin seit sechs Jahren – seit meinem sechzehnten Jahre – in Stellung.«

»Und sonst haben Sie gar niemanden?«

»Einen Bruder hab’ ich gehabt – ein Jahr älter als ich. Der ist vor drei Jahren gestorben – vom Gerüst gestürzt … Dekorationsmaler war er. Sie haben mich ins Spital geholt, wie das Unglück geschehen war – aber er hat mich nicht mehr erkannt. Nur seine Todeszuckungen hab’ ich noch gesehen, das war furchtbar … Waren Sie schon einmal dabei, wenn einer gestorben ist?« – Sie fuhr in der Erinnerung schaudern zusammen. Er schauderte mit. Dann stand er auf und schloss das Fenster. Wie ein Hauch des Todes hatte es sie beide getroffen.

Dann schwiegen sie. Es war ganz finster draußen, man konnte nichts mehr sehen als hie und da den Schein einer trüben Laterne, der draußen vorüberzuhuschen schien. Der Zug raste an kleinen, schlecht beleuchteten Stationshäusern vorbei, an denen das Weinlaub welk und fetzig herunterhing.

Nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf: »Ich bin auch ganz allein.«

Sie nickte nur. Er fragte weiter: »Fräulein sind auch aus Wien?«

»Ja. Und Sie?«

»Auch. Das heißt, wohnen tu ich dort nicht. Ich hab’ ein kleines Haus in Mariendorf – an der Franz Josefs-Bahn. Sie werden gewiss schon dort gewesen sein. Ich hab’ natürlich Telefon in die Stadt. Aber für gewöhnlich wohn’ ich immer draußen. Ich mag die Stadt nicht.«

»Ich auch nicht«, sagte Bertha lebhaft. »Schön muss das sein, so am Land! Denken Sie, ich war noch nie so recht draußen, nur einmal einen Sommer mit einer Familie in Pörtschach und einmal in Ischl. Aber das Richtige ist das doch nicht. Das denke ich mir so herrlich, ein kleines Haus und einen Garten und Vieh …«

»Hab’ ich alles«, nickte er. »Eine Kuh und Geflügel und zwei Ziegen. Ich hab’ die Viecher gern. Lieber wie die Menschen.«

»… Sie haben’s gut«, sagte Bertha nach einer Weile.

»Auch nicht so gut, wie Sie meinen«, sagt er, und sein Gesicht nahm wieder den bekümmerten Ausdruck an, der ihr anfangs schon aufgefallen war. »Man ist doch sehr allein. So die Abende … das ist halt fad.«

»Gehen Sie nicht ins Wirtshaus?«

»Ja … das heißt … die Bauern haben doch eine gewisse Scheu vor einem … man ist doch anders …«

»Lesen Sie nicht?«

»Sie sind ein gebildetes Fräulein, Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man keine gute Erziehung bekommen hat. Ich hab’ als Fleischhacker angefangen. Aber ich beneide die gebildeten Leute … o, ich beneide sie sehr …«

»Ist auch nicht so viel zu beneiden …«

»Sie haben aber doch so einen schönen Beruf …«

»Auch nicht so schön, wie er ausschaut. Die Kinder, die nicht folgen … und die Frauen, die mit einem herumschreien … und die Männer, die …«, sie wollte sagen: »die einen sepieren und oft um sein bissel Brot bringen.« Sie schwieg aber doch lieber.

»Aber es ist doch ein geachteter Beruf«, sagte er. Sie lachte grell auf. »Geachtet! Ein Dienstbot’ ist man, nur schlechter gezahlt!« – Es schien ihr plötzlich ganz überflüssig, ihr Dasein als ein beneidenswertes hinzustellen.

Nach einer Weile sagte er:

»Sie sind noch so jung. Da kann das Glück schon noch kommen.«

»Was soll denn kommen? Aus einem Haus ins andere wird man gehetzt, bis man alt und krank ist und einen niemand mehr will.«

»Sie können doch zum Beispiel heiraten?«

»Ja, wer ein armes Mädel schon so nimmt!« Der Pair von England erschien ihr plötzlich als ein dummes Hirngespinst.

»Ich bin auch allein«, sagte er leise. »Verwandte hab’ ich keine mehr, und die anderen Menschen – die finden sich nicht mit mir zurecht, und ich mich nicht mit ihnen.«

Sie schwiegen beide. Der gleiche Gedanke, der sie vielleicht schon lange beherrscht hatte, kam ihnen plötzlich zum Bewusstsein. Sie dachte: Ein Lord ist er zwar nicht, wie ich mir’s vorgestellt habe – aber er schaut gutmütig aus und scheint in guten Verhältnissen – und ein Häusel am Land hat er auch. Und er dachte: Sie ist jung und hübsch und gesund und hat etwas gelernt, und aufs Geld seh’ ich ja nicht. Und beide sahen sich an und beide senkten die Augen.

»Fräulein Bertha«, sagte er endlich, »ich darf doch Bertha sagen … so ein lieber Name … Sie kennen mich nicht … ich weiß, es ist eine große …« Er suchte ein Wort und fand endlich ein schönes: »Kühnheit! … Aber Sie können sich nach mir erkundigen … in Mariendorf an der Franz Josefs-Bahn. Die Rössel sind schon seit meinem Großvater dort ansässig – auch in Wien wird man Ihnen die beste Auskunft geben – beim Landesgericht …«

»Sie können sich auch nach mir erkundigen«, sagte Bertha leise. »Der Oberlehrer Rauscher in der Webgasse ist mein Onkel – ich bin aus einem guten Hause«, fügte sie nicht ohne Stolz hinzu. »Mein Vater war Postkontrollor.«

»Ich weiß … ich hab’ mir immer eine feine Frau gewünscht … ich kann Sie auch erhalten, ich steh’ mich mit dem Häusel und alles in allem auf dreitausend Gulden jährlich … wenn es ein gutes Jahr ist, können es auch viertausend werden.«

Er streckte ihr die Hand hin. »Fräulein Bertha … wenn Sie Ja sagen möchten …«

»Das kann ich doch nicht«, sagte sie schämig. »Wo wir uns doch so wenig kennen …«

»Aber Sie geben mir Hoffnung für später?«, beharrte er dringend. Da legte sie ihre Hand in seine, die immer schwarz behandschuht war.

Und sie blieben eine Weile so Hand in Hand und schwiegen. Er dachte: »Keine Einsamkeit mehr!« – Und sie dachte: »Nicht mehr herumgestoßen von einem Haus ins andere!« – Und beiden war es, als sei plötzlich ein großes Glück gekommen.

Dann machten sie Zukunftspläne. »Einen Garten hab’ ich auch; da war aber bis jetzt nur Gemüse drin. Jetzt werd’ ich aber auch Rosen und Hollerstauden setzen lassen.«

»Und in die Stadt werden wir doch auch manchmal fahren, ins Theater«, bat sie.

»Alles«, sagte er zärtlich, »alles, was Sie wollen. Aber ich hätt’ noch eine große Bitte, Fräul’n Bertha.«

»Was denn?«

»Einen Kuss – wo wir doch so gut wie versprochen sind.«

Sie lächelte. Mancher hatte sie schon brutal an sich gerissen. Aber so schüchtern war sie noch nie gebeten worden. Sie hielt ihm die Lippen hin.

Er neigte sich mit einem heiligen Respekt darüber und berührte sie kaum. »So ein Glück«, flüsterte er. »Ein bissel Freude zu Hause … nach dem schrecklichen Beruf …«

»Warum schrecklichen Beruf?«, fragte sie. »Sie sind doch bei Gericht? Das ist doch nicht so schrecklich?«

»Schon … schon …«, sagte er trübe. »Schon schrecklich …«

»Was sind Sie denn?«, fragte sie. »Warum geben Sie mir keine Antwort? … Warum wollen Sie mir nicht sagen, was Sie sind?«, rief sie von plötzlicher Angst erfasst. »So reden Sie doch! Was sind Sie?«

Er wendete sich ab. »Scharfrichter«, sagte er leise.

Mit einem grellen Aufschrei machte sie sich los von ihm und stürzte auf den schmalen Korridor hinaus. Mit klopfendem Herzen und hochaufwogender Brust blieb sie stehen.

Das ganze Gespräch zog wieder an ihr vorüber. Und jetzt entsann sie sich auch, dass sie in der Zeitung von einer am nächsten Tage in Prag stattfindenden Hinrichtung gelesen hatte. Darum fuhr er hin. Und diese entsetzlichen Hände in den schwarzen Handschuhen, die sie berührt hatte!

Schon seit ihrer Kindheit hatte sie dieses furchtbare Grauen vor Hinrichtungen gehabt. Wenn sie in der Zeitung las, dass am nächsten Tage eine Exekution stattfinden sollte, konnte sie die ganze Nacht nicht schlafen. Und je näher die Stunde heranrückte, desto deutlicher sah sie das entsetzliche Bild vor sich; so genau sah sie es, so deutlich hörte sie das Läuten des Totenglöckleins, dass es ihr war, als hätte sie das alles in einem früheren Leben schon miterlebt. Alles sah sie vor sich, den düsteren Hof des Landesgerichtes, in dem sie doch nie gewesen war, das fahle, angstverzerrte Gesicht des Delinquenten, und wie das aufgestellte Militär den Todgeweihten grüßte. Und wie das Urteil verlesen wurde und die Henkersknechte ihn packten und zum Galgen schleppten. Und der Henker waltete seines Amtes, und sie hörte das Knacken des zerbrechenden Genicks …

Und immer wilder wurde ihr Entsetzen, als sei es der Tod selbst gewesen, der sie berührt hatte. Der Tod, der schwarze Handschuhe auf seinen verfluchten Händen trug und einen neuen Zylinder hatte. Der seinen Beruf nicht liebte, es in einem »guten« Jahr aber doch auf viertausend Gulden bringen konnte. Und das Grauen kroch an ihr hinauf und machte ihre Zähne klappern, und sie überlegte ernsthaft, ob sie sich wohl schwer verletzen würde, wenn sie aus dem fahrenden Zuge sprang …

Die Lokomotive pfiff, Lichter wurden sichtbar, die hunderttürmige Stadt tauchte auf. Langsam fuhr der Zug in die Bahnhofshalle. Der Reisegefährte saß drin im Coupé, still und traurig, und sprach kein Wort. Nur als Bertha mit abgewendetem Gesicht ihre Handtasche vom Netz nahm, wollte er ihr helfen; aber sie wich mit Entsetzen zurück. Ohne sich umzublicken, stieg sie aus.

Draußen wurde sie von einer kleinen mageren Dame angesprochen, die Berthas Erscheinung mit einer Photographie verglich, die sie in der Hand hielt: »So, Sie sind also Fräulein Rauscher! Nach dem Bilde hätte ich gedacht, dass Sie älter sind. Übrigens habe ich erwartet, dass Sie schon mit dem Frühzug kommen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass mir so etwas nicht wieder vorkommen darf. Unpünktlichkeit dulde ich in meinem Hause nicht …« Ihre scharfe Stimme verlor sich in der Menge.

Der Reisegefährte blickte den beiden Gestalten traurig nach, bis sie verschwunden waren. Dann ließ er sein Gepäck zu einem Wagen bringen und fuhr in das zweitbeste Hotel der Stadt.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung (Morgenblatt), 30. März 1905, S. 1–3 [Erstdruck, in: L. Andro, Die Augen des Hieronymus, Berlin 1905]. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Landschaft mit Viadukt, 1890

Die Stimme im Grammophon

Novelle von L. Andro (1878–1934)

Der Nervenarzt wollte eben in seine Privatwohnung hinübergehen, als ihm das Stubenmädchen meldete, im Wartezimmer sei noch eine Dame, die gebeten habe, zum Schlusse daranzukommen, da ihr Fall ein besonders komplizierter sei und viel Zeit erfordere.

Der Arzt zuckte ärgerlich die Schultern. Einmal, weil jeder Patient seinen Fall für besonders schwierig hielt, dann aber auch, weil er sich darauf gefreut hatte, den Tee mit seiner Frau und seinen vielbeschäftigten halberwachsenen Kindern zu nehmen. Es war die einzige Stunde des Tages, in der er sie sah und aus der er, schweigsam ihren Gesprächen lauschend, Kraft für vergangene und zukünftige Strapazen holte. Allein die Pflicht ging vor.

Die Frau, die eintrat, war jung, schlank und in Trauer gekleidet. Im Arm hielt sie, eng an sich gepresst, ein flaches, kreisrundes Päckchen. Auffallend an ihr waren die schöne falbe Mähne und die rötlichen, stark gezeichneten Brauen, die über der Nasenwurzel zusammenstießen. »Kriegswitwe, die sich in ihren Zustand nicht finden kann«, diagnostizierte der Arzt für sich, während er in der sachlich-väterlichen Art, die zu seinem Berufe gehörte, die ersten Fragen an sie stellte. Er hatte sich nicht getäuscht. Ihr Mann war im ersten Kriegsjahre gefallen. Mit Erleichterung merkte er, dass sie zu jenen gehörte, die, nachdem die ersten Hemmungen überwunden sind, reden wollen, reden müssen. Er sah verstohlen auf die Uhr. Mit dieser Art, die nicht erst auf langen Umwegen zum Abreagieren gebracht werden musste, wurde man rasch fertig.

Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet gewesen, als der Krieg ausbrach. »Wir hatten jahrelang aufeinander warten müssen, mein Mann und ich«, erzählte sie, »und waren viel getrennt gewesen. Dann ermöglichte eine Erbschaft uns die Heirat. Wir waren sehr glücklich – sehr.«

Der Arzt dachte bei sich, dass sie hübsch sein müsste, wenn sie besser aussähe als jetzt, wo die Backenknochen allzu sehr hervortraten.

»Mein Mann machte erst kurze Zeit Garnisonsdienst, und schon das war schlimm, weil wir stündlich vor der Trennung zittern mussten. Endlich musste auch er hinaus. Am Abend, bevor er fortging, brachte er mir etwas mit. ›Damit du doch etwas von mir hast, wenn ich fort bin‹, sagte er.« Sie öffnete das kreisrunde Paket, das sie bis dahin krampfhaft festgehalten hatte. Der Arzt sah mit Erstaunen eine Grammophonplatte darin liegen.

»Er war bei einer Grammophongesellschaft gewesen und hatte die Platte für mich besprochen«, fuhr die Frau fort. »Der Einfall erschien mir zuerst absurd. Das Grammophon war das vielbespöttelte Hochzeitsgeschenk einer Tante gewesen, wir mochten es nicht leiden und hatten es gleich auf den Boden geschafft. Aber als mein Mann fort war, holte ich es in mein Zimmer. Lange wagte ich es nicht, die Platte zum Sprechen zu bringen. Aber an dem Tage, an dem seine erste Feldpostkarte kam, als es Abend wurde und die Bangigkeit immer größer, tat ich es doch. Da hörte ich seine Stimme …«

Sie stockte. »Weiter«, sagte der Arzt.

»Diese Stimme sagte liebe, liebe Worte. Ich war unbeschreiblich glücklich und unbeschreiblich traurig. Ich getraute mich aber nicht, mir dieses schmerzhafte Glück oft zu gönnen. Bis eines Tages die Nachricht kam, dass er gefallen war …«

Die Stimme versagte ihr. Der Arzt nahm ihre zuckende Hand in die seine, redete freundlich einlullend und fragte schließlich: »Sie blieben in sorgenvollen Verhältnissen zurück?«

»Eigentlich nicht. Die Zinsen der kleinen Erbschaft konnten für meine bescheidenen Bedürfnisse gerade ausreichen. Das war vielleicht nicht einmal gut, denn nun hatte ich an nichts zu denken als an meinen Verlust. Ich stand ganz allein, an ihn hatte ich mich ganz und gar hingegeben. Da nahm ich meine Zuflucht zum Grammophon, erst zögernd, dann immer häufiger. Seine Stimme, die ich hören konnte, so oft ich wollte, täuschte mir seine Gegenwart vor, täuschte mir Liebesstunden vor. Sehr bald verspann ich mich ganz und gar hinein. Die paar Menschen, die ich kannte, fanden, ich sei sonderbar geworden. Ich konnte ihnen ja auch nicht erklären, was ich jeden Tag neu erlebte.

Das ging monatelang so fort«, fuhr die Frau fort, »jahrelang. Dann kam aber allmählich ein Unbehagen über mich, so etwas wie Überdruss.

Ich sehnte mich immer noch nach seiner Stimme, aber ich hätte gern andre Worte vernommen. Ich kannte jede Einzelheit des Klanges schon zu genau, wusste, wo er undeutlich wurde, wo die Maschine schnarrte. Aber immer und unabänderlich kam das Gleiche, und ein Gefühl der Abneigung wurde immer stärker in mir. Ich hätte ja nun bloß das Grammophon nicht mehr aufzuziehen gebraucht, nicht wahr? Aber es war wie ein fremder befehlshaberischer Wille über mir, es zu tun, auch wenn ich mir noch so fest vorgenommen hatte, es sein zu lassen. Ich wurde immer erbitterter gegen ihn, der ihn mir aufzwang. Verschiedenes Halbempfundene, längst Vergessene kam mir wieder zum Bewusstsein, zum Beispiel …«

»Zum Beispiel?«, fragte der Arzt.

»Es lässt sich schwer ausdrücken. Vieles, was ich früher auch schon gefühlt hatte, was aber wie unter einem Schleier gelegen war. Die Erinnerung an Gewohnheiten von ihm, die ich nicht sehr liebte, auch dass mein Mann viel älter war als ich und mir seine Zärtlichkeit oft ungestüm aufgedrängt hatte. Und dass ich einmal schon in unsrer Verlobungszeit ihm sein Wort hatte zurückgeben wollen, ich weiß selbst nicht recht, warum. Das Grammophon hatte einen großen, bläulich lackierten Trichter, und schließlich war mir’s, als sei ich einem Ungeheuer mit einem riesigen blauen Maul verfallen, als sperre es seinen Rachen nach mir auf und wolle mich verschlingen.«

»Idée fixe«, nickte der Arzt. »Nur weiter.«

»Einmal versuchte ich eine kleine Reise. Doch kaum war ich fort, so trieb es mich unwiderstehlich wieder heim. Auf der Rückfahrt im Coupé lernte ich einen jungen Mann kennen; er nahm sich meiner freundschaftlich an, wir sahen uns wieder. Es dauerte nicht lange, so konnte ich merken, dass er mich liebte, und auch ich fühlte Neigung für ihn. Nun wäre es wohl das Natürlichste gewesen, wenn ich mich von dem bösen Zauber des andern befreit hätte, allein ich vermochte es nicht. Sooft ich die Liebesworte des Lebenden gehört hatte, schlich ich ans Grammophon und lauschte denen des Toten – diesen entsetzlichen Worten, die erst der Maschine bedurften, die mich bis in meine Träume verfolgten. Die Heiratspläne meines Freundes wies ich von mir. Ich bildete mir ein, der erste müsse noch am Leben sein, irgendwo verschollen, und eines Tages wieder auftauchen – dergleichen kommt ja vor. Ich suchte seine Kameraden auf – sie hatten ihn mit einem Kopfschuss fallen gesehen, ordnungsgemäß identifiziert, in Russland irgendwo begraben. Ein Zweifel war gar nicht möglich, dennoch zweifelte ich – ich kann nur nicht recht sagen, woran, vielleicht nicht so sehr an seinem leiblichen Tode als an seinem andern. Ich habe es nicht gewagt, meinen Freund zu heiraten, aber ich habe mich nicht einmal getraut, ihm meine Liebe zu schenken – immer, wenn er mich in seine Arme nehmen wollte, hörte ich die Stimme des andern, nicht die wirkliche, sondern die furchtbare Grammophonstimme mit den ewig gleichen Worten, und es war mir, als ob man mir Nägel ins Gehirn triebe.«

»Wie kommt es«, fragte der Arzt, »dass Sie es nie versucht haben, sich der Grammophonplatte zu entledigen?«

»Ich habe es ja versucht! Ich habe sie vor mir selbst versteckt, sie in den Keller getragen und auf den Boden – immer wieder aber zwang mich etwas, sie in mein Schlafzimmer zu holen. Ich habe mit dem Hammer davor gestanden, bereit, sie zu zerschlagen – da war es mir, als ob er auf meines Mannes Kopf niederfallen würde, und ich konnte nicht zuschlagen.«

»Der Fall ist so einfach, meine liebe gnädige Frau«, sagte der Arzt und legte seine braune, schlanke Hand auf die Platte, »so unendlich einfach, dass ich mich wundere, wie Sie selbst nicht auf die Lösung verfallen. Das Ding bleibt hier bei mir, da ist es gut aufgehoben. Das, was Sie seine Zauberkraft nennen und was in Wirklichkeit nichts ist als die sinnlich entzündende Kraft einer Erinnerung, wird in dem Augenblick aufhören, in dem Sie seinem Einfluss entzogen sind. Wenn ich Ihnen aber etwas raten darf – Sie sprachen von einem Freund?«

Die Frau errötete. »Einem mindestens, dem an meiner Liebe liegt.«

»Wenn Sie auf mich hören wollen – schenken Sie ihm diese Liebe. Sie sind eine erotisch sehr lebhaft veranlagte Natur, das plötzliche Herausgerissenwerden aus junger Ehe, die lange Einsamkeit, der eingebildete Kontakt mit einem Toten haben Sie zermürbt. Sie werden jetzt so leben, wie ich’s Ihnen vorschreibe, und in ein paar Wochen wieder bei mir erscheinen. Ich werde dann hoffentlich nichts zu konstatieren haben, als dass sie eine gesunde und glückliche Frau geworden sind.«

Der Arzt verordnete ihr eine leichte Kaltwasserkur und Bewegung im Freien, mehr, damit sie das Gefühl hatte, nicht umsonst beim Arzt gewesen zu sein, als weil er es für nötig hielt. In Wirklichkeit, das wusste er, war sie schon gesund, weil sie von ihrem bösen Fetisch befreit worden war. Sie warf noch einen letzten furchtsamen Blick auf ihn, der still und harmlos im Panzer seiner geheimnisreichen Zeichen auf dem Schreibtisch lag und ihr nichts mehr anhaben konnte. Dann wandte sie sich zum Gehen, hoch aufgerichtet, befreit und jetzt mit einem kleinen spöttischen Lächeln für die kreisrunde Zauberscheibe, von der sie sich nun erlöst fühlte.

Der Arzt ging hinüber in sein Wohnzimmer. Die Teestunde war längst vorüber, die Kinder an ihre Aufgaben gegangen, aber am Tisch saß noch immer wartend die Frau des Arztes, die silberne Kanne vor sich, die mit einer grünseidenen Teepuppe bedeckt war. »Das hat heute lang gedauert«, sagte sie freundlich und goss ihm ein. »Du bist wohl recht müde?«

Der Arzt nickte schweigend und in Gedanken. Es gab ihr kein Wort für ihr Warten und dafür, dass sie ihn mit sanften Händen umsorgte, alles nach seinen Wünschen zurecht machend. Die Frau beugte sich auf ihre Arbeit herab und dachte: Niemals ein gutes Wort, nie einen freundlichen Blick. Er merkt die Mühe nicht, die ich aufwende, um Behagen rings um mich zu verbreiten, er sieht die Blume auf dem Tisch nicht, die so schön im Licht der Lampe glänzt, merkt nicht die neue Haartracht, die meine grauen Haare verbergen soll, und nicht, wie ich allein bin, wie die Jahre vergehen und ich mich nach einem kleinen lieben Wort sehne. Es braucht so wenig, ein bisschen Glück zu schenken! Es gibt Tage, an denen man es haben muss, weil sie sonst zu grau sind und mit den gewesenen und noch kommenden zu einem einzigen trüben Nebel verfließen. Das begreift er nicht. In der Seele seiner Patienten bemerkt er die feinste Einzelheit. Dass ich da neben ihm sitze und still verblühe, das sieht er nicht.

»Haben die Kinder nicht einmal ein Grammophon gehabt?«, fragte der Arzt aus seinen Gedanken heraus.

»Jawohl«, sagte sie erstaunt. »Aber sie mochten es so wenig leiden wie wir, da habe ich es in die Rumpelkammer getan.«

»Wenn du es heraussuchen lassen könntest«, bat der Arzt. »Ich möchte ein Experiment damit machen.«

Die Frau gab dem Mädchen den Auftrag. Der Arzt trank seinen Tee zu Ende und überlegte, dass er noch ein paar Minuten Zeit hatte, ehe er zu einem Konsilium musste. Er nickte seiner Frau zu und verließ schweigend das Zimmer.

Drüben bei ihm stand schon das Grammophon, etwas verstaubt, aber intakt. Es hatte gleichfalls einen blaulackierten Trichter, darüber musste er lächeln. Er schraubte die Platte ein, die auf seinem Schreibtisch lag. Die Befürchtung, dass sie von einer andern Marke sein und nicht funktionieren würde, hielt nicht stand, denn alsbald ertönte das charakteristische Schnarren und dann sagte eine Männerstimme leise aber deutlich: »Mein Liebling, mein Einziges, ich will, dass du immer an mich denkst, du sollst nicht traurig sein, ich bleibe immer um dich.« Die Stimme sprach weiter, zögernd zuerst, befangen, allmählich aber sich immer mehr erwärmend. Sie sprach Liebesworte, immer heißere, und geriet schließlich ganz in Wünsche, Erinnerungen, Kosenamen, die aus gemeinsamem Erleben geschöpft sein mussten. »Unglaublich!«, dachte der Arzt. »Da hat der Mann gestanden und solche Sachen zu seiner Frau gesagt, die gar nicht dabei war, während zwei Kerle vor ihm herumkurbelten!« Er unterbrauch die Vorführung und schaltete die Platte aus. Der Fall war für ihn abgeschlossen. Wenn alle so rasch zu kurieren wären!, dachte der Arzt, nahm Hut und Rock und beschäftigte sich im Gehen mit dem viel komplizierteren Fall des maniakalischen Rumänen, der Hilfe von ihm erhoffte.

Es war schon Abend, und man konnte nicht viel mehr sehen, aber am Fenster stand doch die Frau des Arztes und sah der dunkeln Gestalt ihres Gatten nach. Wie immer ging sie hinüber in sein Ordinationszimmer, nachzusehen, ob Ordnung zu schaffen wäre, und wohl auch, um noch ein wenig von seiner Atmosphäre einzuatmen. Das Grammophon war noch da, und die Platte lag daneben. Mechanisch schaltete die Frau sie ein. Das Schnarren begann, und eine Männerstimme fing zu sprechen an. Die Frau lauschte. Sie hörte Liebesworte, nach denen sie sich immer gesehnt hatte. Worte eines Menschen, der besaß, der aber seines Besitzes nicht müde geworden war, sondern in zitternder Angst danach strebte, sich ihn zu erhalten. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ob nicht ein Schauspieler hier etwas aus einer Rolle spräche, aber diese Stimme war nicht kunstvoll geschult, sie sprach einen leisen, nicht eben schönen Dialekt, sie stockte oft und suchte nach Worten, die beinahe einfältig klangen. Dies, das fühlte sie, war Wirklichkeit. Sie zerbrach sich den Kopf nicht darüber, wie die Platte hiehergekommen sein mochte; wichtig war nur, dass sie hörte, was sie selber brauchte. Sie lauschte mit heißen Wangen, und als alles zu Ende war, schaltete sie die Platte noch einmal ein.

Sie versuchte sich vorzustellen, dass ihr Mann diese Worte zu ihr sprach, aber diese Illusion wollte sich nicht zusammenballen lassen, sie zerstob sofort. Dennoch fühlte die Frau mit einer heißen Leidenschaftlichkeit, die sie bis dahin nicht gekannt hatte, dass sie noch einmal Wahrheit werden müssten, ehe das unerbittliche Alter kam. Sie dachte an einen Mann – und zum ersten Mal in seiner Abwesenheit dachte sie bewusst an ihn, der ihr in Gesellschaft zuweilen begegnete und dessen Blicken anzumerken war, dass er um ihre Einsamkeit wusste. »Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen«, baten Wort und Blick. Er hatte ihr nichts gegolten bis jetzt. Aber nun kam es ihr in den Sinn, dass er sie liebte, dass er ihr vielleicht so heiß aufreizende Worte sagen könnte wie die Stimme im Grammophon. Etwas war in ihr geweckt, etwas Wildes, Verzweifeltes, als stünde sie vor einem Abschied und müsse noch ein letztes Glück genießen. Einen Augenblick zögerte sie noch. Der leichte Duft von Seife, Desinfektionsmitteln und Zigarettenrauch, den ihr Mann ausstrahlte, war noch im Zimmer. Dann sah sie seinen grenzenlos gleichgültigen Blick über sich hinweggleiten, sah den blauen Trichter des Grammophons, in dem zum dritten Mal die Worte in einem leisen Schnarren verklangen. Sie sah den andern vor sich, den sie rufen durfte, wenn sein Augenblick gekommen war.

Die Frau des Arztes ging ans Telefon.


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Tagblatt, 15. Mai 1921, S. 19–21. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anita Rée, Bildnis Dr. Malte Wagner, 1920

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