Vor der Premiere

von Emmy Hennings (1885–1948)

Sie ging in ein schmieriges Automatenrestaurant. Sie hatte nicht den Mut, ins Café zu gehen. Das Café war so oft ihre Zuflucht und Rettung gewesen. Sie glaubte Hunger zu haben. Sie sah die vertrockneten belegten Brötchen, alle geordnet in einer Reihe, ging vorbei und steckte ein Zehnpfennigstück in den Kaffeeautomaten. Der Kaffee war kalt und die Tasse nur halbvoll, aber sie wagte nichts zu sagen. Scheu setzte sie sich in eine Ecke. Wie gerne hätte sie geraucht, aber es war verboten. Sie dachte nach. Heute war Premiere. An den Anschlagsäulen hatte sie ihren Namen in riesigen Lettern gelesen. Es war fast unheimlich. Voll Kummer blickte sie auf ihre Schuhe. Sie waren schlecht und die Absätze schief. Ihr Mantel sah nur noch abends schön aus, ihr schwarzer Samtmantel, den sie so sehr liebte. Sie sah ihn an. Er schien ihr abgetragen und billig. Die grüne Mütze war unmöglich. Das Grün passte allerdings gut zu den blonden Haaren, aber trotzdem. Ob ihr Repertoire wohl gut war? Sie sang ganz leise die letzte Strophe ihres Liedes: »Als ich zuletzt ihn sah, mein Gott!« Ihre Augen wurden groß und verzweifelt. »Da schleppten sie ihn aufs Schafott.« Ihr Mund öffnete sich, unendlich schmerzlich und voller Angst. »Sah seinen Kopf in der Lunette.« Ihr Körper reckte sich, und sie konnte es nicht verhindern, dass sich ihre Hände krampften. »A la Roquette.« Da bemerkte sie, dass man sie beobachtete. Ihre Schultern sanken herab, das Gesicht wurde schlaff und fiel zusammen. Sie ging fort und jetzt direkt nach Hause. Die Leute auf der Straße sahen sie an und lachten über sie, so dass ihre Brust schmerzte. War sie es, die heute Abend für die Unterhaltung dieser Menschen sorgen musste? Sie wurde ganz hilflos. Sie hatte diese große Stadt erobern wollen. Jetzt zweifelte sie an ihrer Schönheit. Sie kaufte sich für zwei Mark Cognac. Zu Hause angekommen, trank sie hastig und gierig und warf sich, ohne sich erst zu entkleiden, aufs Bett. Bis sieben Uhr hatte sie Zeit. Es war früh genug, wenn sie um acht in der Garderobe war. O ja, sie würde sich sehr schön schminken, das Gesicht ganz weiß und den Mund grellrot wie eine blutende Wunde. Eine angenehme Betäubung kam über sie. Sie kroch tiefer in die Kissen und lächelte. Ein süßer Gedanke kam. Vielleicht blühten Wiesen irgendwo. Sie schlief ein.


Textnachweis
Aus: Die Schaubühne, Jg. 9, 1913, Bd. 1, S. 393. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alexandra Exter, Stillleben, 1913

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