Das Nachttier

von Else Feldmann (1884–1942)

Am Ende der kleinen, engen, finsterkalten Sackgasse steht ein Mann. Seine Haare sind grau, lang, sich selbst überlassen. Das Regenwasser sickert durch sein Schuhwerk, der eisige Nord dringt durch seinen fliegenden Rock in die Poren seines Körpers.

Er steht still, wie festgenagelt, und spricht leise etwas: »Hier bleibe ich – – hier – ich rühre mich nicht vom Fleck …« Dann horcht er leise in sich, und seine Augen, die weit sind vor Furcht und wie blöd vor Erschöpfung, senden große, wilde Frageblicke umher, die vom grauen Pflaster und von der grauen Feuermauer aufgenommen werden.

Im Wirtshaus drüben, am andern Ende des Gässchens ist noch Licht; die Leute trinken und spielen und rauchen. Sooft die Tür aufgeht, trägt ein Windstoß Weindünste, Tabaksqualm und ein abgerissenes Lied im Basston ins Freie.

»Ich rühre mich nicht von der Stelle – nicht von der Stelle –«, sagt der Mann. Ein Rayonsposten klatscht und stampft an dem Gässchen vorbei. Sofort duckt sich der Mann, stellt sich an die Feuermauer, so dass es im Dunkel der Nacht aussieht, als wäre dort, wo der Mann steht, ein abgebröckelter Balken, ein zerklüfteter Teil der Mauer, ein Riss. Die Mauer und der Mann sind fast wie eins.

Wieder sagt er etwas, innerlichst in seine eigene Kehle hineingesprochen. »Ach, ich versteck’ mich, bis der da vorbei ist –«

Und er steht wie ein Pfosten, und ein tausendstel Teilchen jener kleinen Lust des Geborgenseins kommt über ihn. Wie der Polizist mit den festen Taktschritten langsam vorbeigeht, ist es ihm fast, als wäre er plötzlich glücklich geworden, oder als hätte ihn jemand gerettet vor etwas, das unbekannt hinter ihm lag wie ein Fluss hinter der Brücke.

Aber im nächsten Augenblick steigt ein sonderbarer Übermut in ihm auf. Der sagt zu ihm: justament. Und er spricht laut nach, was er hört: »Justament – er soll nur herschauen.«

Der Polizist fängt an, aufmerksam zu werden. Er geht denselben Weg noch einmal zurück und will es eben unternehmen, das Gässchen zu durchstreifen. Da kommt ihm der Mann auch schon ein paar Schritte entgegen. Er weiß, was er tut; er markiert den Betrunkenen, den total besoffenen lustigen Bruder. Er schreit dem Wachmann zu: »Lieber Freund, schau, ich bin’s!«, und dabei versteht er es brillant, seiner todmüden Kehle eine raue, starke Bierstimme zu erpressen.

Der Wachmann sieht ihn nicht sogleich; er geht so lange vorwärts, bis er eine Hemmung finden wird.

Der Mann denkt sich: Ich will mich lieber doch verstecken!, und im Augenblick steht er wieder auf seinem alten Platze – eins mit der Mauer.

Von dort aus beobachtet er den Polizisten: Hihihi – er sucht mich! Weil gerade auch der Schmerz aussetzt, der ihm bis jetzt in den Rippen gelegen hatte, und sein Herz infolgedessen beim Atmen nicht die Beschwerde fühlt, sagt er sich mit dem aufgeschürten Mut alter, vergangener Tage, der manchmal wiederkehrte und eigentlich der Mut zum Leben war: »Warum denn verstecken? Der könnt’ grad mein Freund sein!«

Der Wachmann bemerkt ihn noch nicht vollständig wegen eines kleinen Vorsprunges an der Wand. Den Mann lockt etwas, die Bekanntschaft des Polizisten zu machen, und er ruft wie ein Despot: »He, Polizist, hierher!« Und er winkt sogar, er winkt – – Eins, zwei ist der Wachmann an seiner Seite; er fasst den Mann am Arme und schleppt ihn hinüber ins Bereich der Laterne; er blickt ihn fest und zäh an, von oben bis herunter und dann nochmals rasch von unten bis hinauf. Er weiß alles: besoffener Vagabund.

Der Mann torkelt ein paar Schritte zurück, der Polizist bleibt allein unter der Laterne. Er ist ein junger, etwas genierter Wachmann, sein Gesicht trägt nicht die indifferente Amtsmiene, es leuchte noch von einer schönern Menschlichkeit. Das Wort: ›im Namen des Gesetzes‹ ist noch nicht heimisch in seinem Munde, viel näher liegt ihm ein anderes: ›armer Bruder‹; er ist erst seit kurzem im Dienst. Mit einem Ruck geht der Polizist auf den Mann zu, fasst ihn fest ins Auge und fragt:

»Was ist denn los? – Sie schauen gut aus! (Er meint damit hauptsächlich den zerknüllten Hut auf dem grauen, struppigen Kopfe.) Warum gehen Sie nicht nach Hause?«

»Es ist mir noch zu früh, nach Hause zu gehen, Herr Wachmann!«

Der Wachmann denkt sich: o du Armer!

Es nutzte nichts, dieser Wachmann hatte ein menschlich fühlendes Herz. Er sagte: »So haben’s gewiss eine böse Alte!« Damit will er sich entfernen.

Der Mann staunte darüber, dass ein Wachmann so – fast kollegial mit ihm sprach. Das war eigentlich lieb vom Wachmann und machte ihm noch mehr Mut. Er hatte jetzt beinah’ Lust, sich in ein kleines Plauscherl einzulassen; man könnte irgendeine Geschichte ausdenken – –

»Alte? Ja, ganz richtig! Sie sind ein Menschenkenner. Überhaupt ein gemütlicher Herr sind Sie, hahaha, so ein gemütlicher Herr!«

Die Vertraulichkeit des Besoffenen trieb dem jungen Wachmann das Blut ins Gesicht! »Also machen’s kein Lärm und gehen’s Ihrer Wege.«

»Aber Herr Wachmann, sind’s mir nicht neidig um das Stückl Platzl.«

»Gehen’s nur, gehen’s – na warten’s, ich hilf Ihnen, bis dass’ im Schwung sind. Natürlich hat er ein Rausch!«

Der Mann lässt sich einige Schritte fortbewegen, dann bleibt er stehen, sieht den Polizisten an mit den verzweifelten Augen und sagt, als ob er dieses Spiels überdrüssig geworden wäre: »Ich – und einen Rausch!«

Der Wachmann ist sehr im Zweifel: »Na, gehen’s!«, wiederholt er. Der andere steht unschlüssig; hier möchte er so gerne bleiben heute nachts. Dort ist gleich der Kehrichthaufen. Wenn man die paar Glasscherben und rostigen Reindeln wegschleudert, wird sich’s ganz gut ruhen lassen dort.

Die Stimme des Wachmanns reißt ihn jäh aus der Träumerei. »Hier können Sie nicht bleiben! Haben Sie’s weit nach Haus?«

»Weit? Ach woher! Lassen’s mich aus, ja? Bemühens’s sich nur nicht mit mir. Ich geh’ allein, nur ein bisserl Luft schnappen.«

»Das ist keine gute Luft; da schauen’s die Nässe, Sie haben nicht einmal einen Regenschirm. Da können’s sich einen ordentlichen Schnupfen holen.«

Der Wachmann ist noch ein bisschen ungeschickt, er ist erst kurze Zeit im Dienst, er hat noch nicht den richtigen Kontakt.

»Ach, mir tut die Luft sehr gut«, sagt der Mann. »Unsereins sitzt den ganzen Tag bei 8 Grad Kälte – –«

Dem Wachmann ist das Konfuse seines Erzählens noch kaum bewusst. Er fragt ihn: »Wo ist’s denn so kalt? Ja, wo? Sind Sie ein Kellerarbeiter?«

»Ja, ich arbeit’ in ein’ Keller, in ein’ Eiskeller, in einer Brauerei, Bierbrauerei. Mehr als 25 Jahr bin ich in dem Haus. Vorig’s Jahr hab’ ich mein Jubiläum gehabt, da hat mich unser Herr beschenkt, eine goldene Uhr, fein – mit Initialen drin.«

Der Polizist denkt sich: Aha, der Kerl da hat mich zum Besten. Doch weil er wirklich gutmütig war, fragte er: »Sind Sie noch in dem Haus?«

»Na, was denn? Wo sollt ich denn sein? War ja schon mein Vater und mein Großvater dort. Jedes Jahr am 1. Jänner hab’ ich mein Geburtstag, da sollen’s sehen, die herzlichen Gratulationen, die ich krieg. Ich bin überhaupt wie’s Kind im Haus. Bitt’ Sie, wenn man schon so lang wo ist!«

»Na, ja, ich glaub’s Ihnen schon!« Der Wachmann geht bis in die Mitte des Gässchens, sieht sich dann nach dem Manne um und kommt zurück. Auf dem kurzen Weg hat er sich eiserne Entschlossenheit geholt.

»Ja, Herr, da können Sie nicht bleiben, in den Straßen darf nachts niemand herumstehen.«

Der Mann denkt sich: Ich muss ihn bitten, recht sehr bitten. »Herr Wachmann, tun Sie sich doch meinetwegen nicht alterieren«, sagt er. Er klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Herr, anrühren dürfen Sie mich nicht!« Der junge Polizist ist atemlos vor Entrüstung.

Der Mann blickt ihn mit den verzweifelten Augen an; er weiß, noch mehr bitten muss er! »Seien Sie nicht beleidigt um Gotteswillen!« Eine unerhörte Kühnheit erfasst ihn; er ergreift den Wachmann an der Hand: »Ein junger, sauberer Mensch, der Sie sind – Sie können höchstens 26 Jahre alt sein! Was scheren Sie sich um mich alten Halunken? Für Sie passt ein hübsches, liebes Mäderl mit weichen Handerln, gehn’s da um die Ecke – da sind die schönsten Mädeln.«

Bei diesen Worten überläuft es den jungen Wachmann kalt und heiß. Gleich nimmt er sich aber zusammen.

»Kommen Sie mit!«

»Wohin denn?«

»Auf die Wachstube. Kommen Sie!«

Der Mann sinkt vor ihm herab auf die Knie – im Morast der Gasse liegt er nun. Diese Stellung tut ihm merkwürdig wohl; sie entlastet den untern Teil seiner Beine. Er denkt: Jetzt kniet ein Mensch vor einem andern. Blitzschnell erinnert er sich an ein lebendes Bild, das sie einmal in der Bude von Fratelli Bernuzzi gestellt haben, da kniete ein Gefangener vor einem Soldaten. Er glaubt, dass es einen türkisch-französischen Krieg gegeben habe, wobei dies geschah. Er will das sogleich dem Wachmann erzählen – aber er sieht doch ein, dass es zwecklos wäre. Viel besser ist es, das zu sagen, was das Nächste ist, und mit heiserm Geschrei, wie wenn eine Möwe auffliegt, stößt er hervor:

»Ich hab’ ja nix tan, lassen’s mich aus – –«

»Dann reden ’S nicht so was zusammen; ich bin im Dienst. Also vorwärts – wollen Sie jetzt den Platz verlassen und gehen?«

Der Mann zieht respektvoll den Hut und geht ruhig und gelassen seiner Wege. Der Polizist sieht ihm nach, so lange sein Auge ihn erreicht, dann macht er links kehrt, um seinen Rayongang fortzusetzen.

*   *   *

Das Wirtshaus drüben in der Ecke, im niedrigen, baufälligen Häuschen, an dem seit heute Früh mit dem Niederreißen begonnen wurde, entlässt die letzten Zecher. Der windschiefe Lampion, der es beleuchtet, wird abgesteckt, die Türen werden unter lautem Knarren verschlossen. Im weißen Leinenkittel kommt der Laternenanzünder und löscht jede zweite Laterne aus. Dann geht er sachte wieder fort: Zur Seite tanzt ihm lauernd sein Schatten, ein weißes Gespenst, das die Stange wie eine Sense hält.

Er hat die tiefste Stille in die Nacht getragen.

Da kehrt der Mann in das Gässchen zurück – der Kehrichthaufen lockt ihn mit offenen Armen an sich wie den frommen Pilger heiliges Land. Schlafsehnsucht steigt ihm schwer in die Glieder. Plötzlich erschallt, vom Nachtsturm mit roher Gewalt an sein Ohr getragen, der schreckliche Ruf: »Mayer!« – es ist sein Name, der Name, den er vor einigen Jahren abgelegt hatte, als er sich gelobte, für den Rest des Lebens ein anständiger Mensch zu bleiben. Der Name Mayer traf ihn wie mit einem Hammerschlag auf den Kopf – – Suran hieß er sich zuweilen oder Stefanides, auch Krasso oder Krassa. Er hatte schon früher bemerkt, wie einer, der als Allerletzter aus dem Wirtshaus kam, ihn angestarrt hatte. Er dachte aber, er würde gleich wieder von ihm lassen.

Nein, er ging hinter ihm und schrie ihm das verhasste, verfluchte ›Mayer‹ zu. Was wollte der von ihm?

Er zittert, er betet darum, dass der Fremde doch gehen möchte.

Allein er geht nicht, er bleibt hinter ihm ein paar Schritte, und wenn er es auch nicht hört, so denkt er fortwährend daran, dass der Fremde im nächsten Augenblick »Mayer« sagen wird. Warum ließ ihn der nicht allein? Was trieb ihn ihm in den Weg? Er wollte ja trotz größter Not ein anständiger Mensch bleiben für den Rest seines Lebens, und der war ein schwerer, feister Bürger mit einem weinfröhlichen Gesicht und hatte Ringe und eine goldene Kette, die hat er gesehen, als er auf die Uhr blickte, und Geld hatte er wahrscheinlich auch. Er selbst hatte nichts, gar nichts, nicht einmal ein ganzes Kleidungsstück gehörte ihm, und das Gässchen war doch finster und totenstill, wie leicht konnte da der Hass Akteur werden.

Der Mann zitterte an allen Gliedern vor Schrecken, vor entsetzlichem Schrecken; ihm fällt ein davonzulaufen –. Er läuft rings herum, er weiß kaum wie, aber er läuft – bis er wieder bei der Feuermauer ist. – Eigentlich hat er das Gässchen umkreist.

Der feiste Bürger ist noch immer da und ruft ihm: »Mayer!«

Der Mann drückt sich die Fingernägel in die hohle Hand und stößt hervor: »Sind Sie vielleicht ein Detektiv?«, und er läuft die Gasse hinunter bis an die andere Ecke, dort krümmt er sich auf dem Boden zusammen. Sein Hut ist ihm in die Pfütze gefallen.

Der Bürger kommt ihm nach und ruft ihm zu: »Mayer!« Er lacht aus vollem Halse und schlägt sich auf die Schenkel.

Da erhebt sich der Mann und steht auf einmal da wie ein Mensch aus Eisen: »Herr, sagen Sie mir, machen Sie sich einen Spaß oder sind Sie wirklich ein Detektiv?«

Der Bürger hält sich die Seiten vor Lachen. »Hahaha – hohoho – – der Mayer!« Der Mann reißt sich die Hemdbrust auf. Er packt den Bürger an der Schulter, schleppt ihn unter die Laterne, wie es der Polizist vorhin mit ihm gemacht hatte.

»Ja, ich bin der Mayer! Schauen’s mich an, schauen’s mich nur genau an! Habn’s mich schon genug angeschaut?«

»Ich kenne Sie!«

»Und jetzt sagen’s mir, woher Sie mich kennen, dass ich der Mayer bin?«

»Ich kenne Sie ujegerl schon lang!« Er dreht sich um und will gehen.

Der Mann, der plötzlich ein Mensch wie aus Eisen geworden war, sagt: »Dableiben!«

»Nein, ich dank Ihnen schön, ich hab’ ein’ Schlaf.«

»Ein’ Schlaf haben’s, ah – das könnt’ jeder sagen – einen erst verfolgen und dann sagen: Ich hab’ einen Schlaf, ich geh’! Sie haben mich verfolgt wie die Katz die Maus und jetzt sagen Sie, Sie wollen z’ Haus geh’n schlafen! Aha – das glaub’ ich Ihnen! Probieren’s und gehen’s z’Haus schlafen.«

Der Bürger machte ein paar Schritte.

»Aha, da gehen’s grad in die Feuermauer hinein! Und da steh’ wieder ich! ’s Wirtshaus ist zug’sperrt – also jetzt sagen’s mir, warum haben’s mich verfolgt?«

»Was reden’s denn für ein’ Unsinn?«

»Alsdann, woher wissen’s dann, dass ich der Mayer bin?«

»Weil ich Sie kenn’!«

»Woher kennen’s mich?«

»Vom Prater.«

»Das stimmt schon.«

»Sie waren einmal in einer Bude Ausrufer, wo die Dame ohne Unterleib war.«

»Das stimmt auch.«

»Da sind Sie immer so gestanden (er hält den Zeigefinger der einwärts gebogenen Hand ausgestreckt gegen seine Nasenspitze). Parris – Parris, wie es leibt, lebt und liebt – Parris bei Nacht! – –«

Der Mann kratzt sich den Hinterkopf und lallt: »Paris« – – – »Vor zwanzig Jahren, wie ich noch ein junger Bursch war, sind Sie mir einmal nachg’laufen bis am Praterstern.«

»Ah, das waren Sie? Warum bin ich Ihnen denn nachg’laufen?«

»Weil ich den Vorhang weggezogen hab’ von der Dame ohne Unterleib, wie sie grad hat raussteigen wollen aus ihrem Korb.«

»Das waren Sie?«

Dämmerdunkles Erinnern steigt in ihm auf, wächst, schwillt an und reckt sich an ihm empor als ein großes schwarzes Nachttier, das ihn aus Augen wie Feuerkugeln anblickt.

»Und die Leut’ haben g’schimpft und g’lacht und haben’s Eintrittsgeld zurückverlangt – das ist ja ein Schwindel!, haben’s g’schrien. Das Mistvieh ist ja gar keine Dame ohne Unterleib.«

Das Ungeheuer fletscht die Zähne, die Feuerkugeln blicken ihn an, lechzend an – –

»Also das waren Sie? – – – Ich erinnere mich schon, ich hab’ wegen dem Fall fortgehen müssen. Damals bin ich zum ersten Mal ein Dieb gewesen – meine erste Kerkerstraf’, 6 Monat schweren Kerker – –«

Dem Bürger ist das peinlich zu hören, darum unterbricht er ihn.

»Dann hab’ ich Sie wiedergesehen – Sie waren Billeteur bei der Rutschbahn – in ein Jahr drauf waren’s Zuckerlmann – hinter Kalafatti sind’s g’standen – ein bissl schmierige War’ haben’s immer g’habt – dann waren’s beim Künstler Absammler und Staberlwachter – so zwei Jahrln drauf sind’s wieder g’standen vor einer Buden mit wilde Menschen – wieder haben’s g’sagt – Pa–r–rris – Pa–rrris – Sie sollen staunen, dieses Großartige, dieses Neue, dieses Wunderbare – –«

Der Mann sieht jetzt schon mit den Augen des großen Nachttiers. »Weiter, weiter –«, sagt er.

Der Bürger schweigt – –

»No, weiter – –«

»Dann bin ich nicht mehr in den Prater gekommen – ja, einmal noch an ein’ Sonntag – ich bin damals schon mit meiner Braut hingekommen – vorm Eingang von Venedig haben Sie von ein’ Weibsbild eine Ohrfeig’n kriegt. –«

»Weiter – wo haben’s mich noch gesehen?«

»Richtig – vor fünf Jahren hab’ ich Sie in München g’sehn: Ich war mit meinen zwei ältesten Kindern auf der Vergnügungsreis’ beim Oktoberfest – da sind Sie vor einer Hütt’n g’standen mit ein großmächtigen Schuh und haben ausg’rufen: Der R–rriese Pisjak hier zu sehen – der gr–rrößte Mann der Welt.«

»Und dann – dann haben’s mich nimmer g’sehen –«

»Nein – bis auf den heutigen Tag, sind’s nimmer bei dem G’schäft?«

»O ja – aber ein anderes Fach –«

»So? Was denn?«

»Zauberei – –«

»Gehn’s zu!«

»No, es ist grad net Zauberei, es ist Taschenspielerei – da schau er’s amal her, ich zeig’ Ihnen ein Beispiel – hier in meiner Tasche habe ich ein Messer mit einer starken Klinge, ein bissel rostig ist’s ja – das macht nichts – vom Rege wohl. Nun jetzt passen’s auf, auf eins, zwei, – drei, wird das Messer verschwunden sein – –«

Der Bürger denkt ganz oberflächlich daran, wohin das Messer wohl verschwinden könne – aber – er weiß es nicht – er muss auch an seine zwei hübschen großen Buben daheim denken und an sein herziges blondes Mäderl, das Violinspielen lernt – – –

»Also«, zählt der Mann, »eins, zwei, drei – –«, und das Messer verschwindet bis an das Heft – in den Hals des Bürgers.

Er ist mit kleinem, kurzem Röcheln zusammengebrochen und war dann gleich tot.

Der Mann – nein, das Nachttier – kniete eben am Boden, um der Leiche alles wegzunehmen – als feste, langsame Taktschritte näher und näher kamen.

Es war der junge Polizist mit dem mitleidigen Herzen, der vom Dienstgang kam.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, 18. Juni 1911, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Sturmwind, um 1915

Dini

von Else Feldmann (1884–1942)

Dini wohnte zwei Stock tiefer als wir, unten im Erdgeschoß. Zwei große, kahle Stuben und eine Küche hatten sie. Die Wohnung war vollständig finster, und immer brannte ein Petroleumlämpchen mit angerußtem Glas. Dinis Eltern waren sehr alt; alle ihre Geschwister waren schon erwachsen und vom Hause fort. Ich glaube, sie hatte fünf, meist Brüder – zwei waren bei der Eisenbahn und trugen Uniform – ich konnte nicht glauben, dass diese bärtigen Männer wirklich Brüder Dinis waren.

Dinis Eltern waren Flickschneider – man brachte ihnen die alten Kleider. Dann saßen die beiden Alten, Grauhaarigen beim Lämpchen mit ihren großen Brillen bewaffnet und zupften Fäden, hantierten mit Nadel und Zwirn oder sie hatten gelegentlich wohl auch eine Schüssel mit Fleckwasser vor sich stehen, sie bügelten und bürsteten die alten Kleider wieder auf neu. Aber da es nicht genug trug, um davon leben zu können, vermieteten sie ein Zimmer an Schlafgänger. In diesem einen Zimmer gab es drei Stühle, sonst lauter Lagerstätten, einige Eisenbetten und Strohsäcke und Matratzen auf dem Boden, so viel man wollte.

Dini schlief in demselben Zimmer auf zwei zusammengerückten Koffern. Aber sie hatte Kissen und Decken, mehr als alle andern Schlafgänger, und Dini beklagte sich bei mir, dass man sie Nacht für Nacht, wenn sie schlafe, ihrer Decken beraube und sie dann frierend erwache.

Noch eine große Merkwürdigkeit hatte Dini; das war ihre Großmutter. Seltsame Dinge hatte sie mir von ihr erzählt. Aber einmal passierte das Wunderbarste; denn Dini sagte zu mir: »Komm du einmal mit zur Großmutter. Sie lebt im Gemeindearmenhaus; es ist dort sehr hübsch. Es wohnen dort nur fünf Alte in einem Zimmer, und eine von ihnen liegt im Bett und ist verrückt, und man muss viel lachen über sie; und die andre heißt Frau Treu und hat eine große blaue Blase an der Unterlippe und schaut jedes Mal, ob die blaue Blase noch nicht aufgesprungen und Tinte herausgeflossen ist.«

»Tinte?«

»Ja, es kann nicht anders sein, als dass Tinte darin ist. Und denke, Frau Treu hat Wasser in den Beinen und sie sagt, wenn das Wasser zum Herzen komme, ist es aus mit ihr; ich muss immer hinlaufen und schauen, und das ist auch so lustig.«

Wieder fragte sie: »Kommst du einmal mit?« »Ja«, sagte ich, »aber erst nach meinem dreizehnten Geburtstag, denn dann kann man mich nicht mehr schlagen, denn dann gelte ich schon für groß.« Aber es fehlten noch zwei Tage bis zu meinem Geburtstag, als ich beschloss mitzugehen.

»Ach«, meinte Dini, »ich werde noch heute geschlagen und bin schon vierzehn Jahre alt.«

»Nein«, sagte ich erschrocken, »wenn ich einmal dreizehn bin, darf mich niemand schlagen.«

Ein paar Tage später schlich ich mich fort und ging mit Dini in das Armenhaus. Es war so, wie Dini erzählt hatte. Lange, schrecklich unheimliche Gänge voll Gespenstern – denn nicht anders als Gespenster sahen die vielen alten Weiblein aus, die auf den Gängen herumstanden oder hockten.

Es war Kaffeezeit, und sie guckten aus den Türen und über die Treppen, ob der Wagen mit dem Kaffee schon angefahren käme.

Von den Fenstern hatte man den Ausblick auf den alten Friedhof mit seinen Bäumen, Hügeln und Grabsteinen.

»Oh, wie schauerlich«, sagte ich zu Dini, »dass die Alten da immer hinuntersehen müssen und denken: Jetzt liege ich oben, bald aber werde ich unten liegen.«

»Dummes Zeug«, belehrte mich Dini, »dies ist der alte Friedhof, dort wird nicht mehr begraben.«

»Und wenn auch nicht mehr begraben wird, ein Friedhof ist es, und sie müssen ihn vor Augen haben und sehen.«

Dini erzählte mir eine abergläubische Geschichte, als wir uns an ein Gangfenster lehnten und von dort aus hinunterblickten.

»Siehst du, da unten«, sagte Dini, »in der Mitte den Stein, diesen eigentümlichen Stein? Darunter liegt ein Fisch begraben.«

»Wieso denn ein Fisch?«

»Ja. Ein Fisch wurde aus dem Wasser gezogen und sollte geöffnet werden, da hörte man, wie der Fisch, der doch für gewöhnlich stumm ist, einen Wehlaut ausstieß; gerade als das Messer ansetzen wollte, hörte man ein deutliches menschliches Stöhnen aus dem Innern des Fisches kommen. Man ließ sogleich davon ab, ihn zu zerschneiden und zu kochen, und er wurde wie ein Mensch auf dem Menschenfriedhof begraben und er bekam einen Denkstein, und dieses ist der Platz.«

Ich fragte: »Und du glaubst, dass das wahr ist?«

»Ja, ja.«

»Ich nicht, das ist Aberglaube.«

»Und der Stein dort mit dem Fisch – von hier kannst du ihn gut sehen –, was wäre dann das?«

Ja, den Stein mit dem Fisch sah man; wir standen lange und sahen ihn an.

Dann gingen wir in das Zimmer der fünf Alten, wo Dinis Großmutter wohnte.

Es war genau so, wie Dini es geschildert hatte. Im Bett lag eine Alte und war verrückt, sie sprach fortwährend und lachte grausig. In einem Krankenlehnstuhl saß Frau Treu, und an ihrer hängenden Unterlippe war eine große, dunkelblaue Blase, die wie mit Tinte gefüllt aussah, und Frau Treu erzählte uns sofort, dass sie Wasser in den Beinen habe, und wenn es zum Herzen komme, sei es aus mit ihr.

Die verrückte Alte im Bett sagte etwas und Dini fing an laut zu lachen.

Mir war es nicht zum Lachen.

Dinis Großmutter saß am Fenster und strickte; sie war wirklich uralt mit einem Netz von Runzeln im Gesicht; ihre Augen und ihr Mund waren in all den vielen Furchen und Falten fast ganz verschwunden. Dini ging sofort zu den Schubladen, zog eine um die andre heraus, und ich hörte sie jede Sekunde rufen: »Großmutter, kann ich das haben? Kann ich das haben?«

Die Alte am Fenster nickte, sie sprach fast kein Wort. Sie musste zu viel husten, darum konnte sie nicht sprechen. Sie legte jedes Mal die Strickerei weg, wenn sie husten musste, und nahm sie dann wieder auf.

Dini räumte alle Laden aus und versteckte die Sachen, die sie fand, in ihrem Kleid. Dann flüsterte sie mir zu: »So, jetzt können wir wieder gehen.«

Ich stürzte hinter Dini die Treppen hinunter; ich fürchtete mich auf den langen Gängen und endlosen Treppen, und am meisten vor den Schatten, die unsere Gestalten auf den weißen Wänden warfen. Ich fürchtete mich auch ein wenig wegen der Fischgeschichte und wurde erst ruhiger, als wir wieder auf der Straße waren.

Aber jetzt erst fiel es mir ein, wie spät es geworden war, und wir hatten noch einen langen Weg.

»Von den Sachen kann ich dir nichts geben«, sagte Dini.

»Oh, ich brauche nichts«, erwiderte ich zornig. Was glaubte Dini von mir? War ich vielleicht acht oder neun Jahre alt? Mit dreizehn Jahren ist man nicht mehr so genäschig, dass man geraubte Sachen annahm. O ja, die Sachen waren so gut wie geraubt oder gestohlen; ich hatte aufgepasst und gemerkt, dass Dinis Großmutter beinahe taub war und nichts verstand, wenn sie gefragt wurde: »Darf ich das haben?«

»Weißt du«, flüsterte mir Dini zu, obwohl wir auf der Straße waren, wo niemand uns kannte, »ich habe von allem genommen, nur nicht von den Spitzwegerichzuckerln, sie sind grün, ich kann die grüne Farbe nicht leiden; auch schmecken sie nach Süßholz.« Zum Schluss sagte sie: »Die Sachen werde ich dann essen, wenn ich auf der Kellertreppe sitzen und ›Verlorene Liebe‹ lesen werde.«

Als ich von dem langen Weg nach Hause kam, war es vollkommen dunkel. Ich wurde ermahnt, die Wahrheit zu sagen, wohin ich heimlich ausgerissen und wo ich so lange geblieben sei.

»Im Armenhaus, bei Dinis Großmutter.« Ich wurde heftig gestraft, ich bekam sogar Schläge.

»Ich sehe schon, reden nützt bei dir nichts, und wer nicht hören will, muss fühlen …«

Ich weinte den ganzen Abend, und als ich im Bett lag, weinte ich noch immer.

Ja, wäre es noch vor acht Tagen gewesen, da war ich noch zwölf, jetzt aber, da ich schon dreizehn war, man zu mir in der Schule »Sie« sagte, und noch immer Schläge.

Ich war bekümmert; ja ich konnte es nicht unterlassen, Vergleiche anzustellen zwischen Dini und mir. Freilich hatte ich nicht in einer Anstalt Laden ausgeraubt, und noch dazu in einem Armenhaus. Aber war ich nicht mit Dini gegangen? Mit diesem schlimmen und diebischen Mädchen. »Willst du wissen, wer du bist?«, musste ich im Laufe des Abends einige Male hören.

Freilich war der Friedhof mit dem Denkstein und die Geschichte von dem Fisch sehr schön … ich würde sie mir lange merken und vielleicht auch anderen erzählen …

Ich schlief endlich ein mit geschwollenen Augen und Lippen vom Weinen. Und am Morgen beim Erwachen weinte ich aufs Neue, als ich mich erinnerte: Dreizehn Jahre und noch immer Schläge!


Kommentar
Else Feldmann (1884–1942) war eine jüdische Autorin aus Wien. Die überzeugte Sozialdemokratin behandelte in ihren Kurzgeschichten, Erzählungen und Romanen, aber auch in Feuilletons und Reportagen meist sozialkritische Themen. Ihr Hauptaugenmerk galt dabei dem Elend der Kinder und Jugendlichen in den ärmeren Vierteln der Stadt. Der größte Teil von Feldmanns Werk erschien in Zeitungen und Zeitschriften mit politisch linker Ausrichtung. Besonders eng war ihre Zusammenarbeit mit der Arbeiter-Zeitung, für die sie insgesamt weit über 100 Beiträge lieferte. Nach der Zerschlagung der Sozialdemokratie durch das Dollfuß-Regime 1934 hatte Feldmann kaum noch Publikationsmöglichkeiten, nach der Machtergreifung der Nazis 1938 gar keine mehr. 1942 wurde sie ins Vernichtungslager Sobibór deportiert und dort ermordet. – Erst in den letzten Jahren wurden einige von Feldmanns Texte neu herausgegeben: Bei der Wiener Edition Atelier erschien ein Band mit ausgewählten Erzählungen und ein Band mit Reportagen.

Wie viele von Feldmanns Texten erzählt auch Dini eine Episode aus dem Leben von Kindern, die nicht gerade aus betuchten Familien kommen. Der Text erschien erstmals am 9. Mai 1925 in der sozialdemokratischen Salzburger Wacht. Die hier wiedergegebene Fassung folgt jedoch dem leicht gekürzten Wiederabdruck in der Arbeiter-Zeitung vom 28. Juni desselben Jahres. Abgesehen von kleinen Details unterscheidet sich diese Fassung vom Erstdruck vor allem durch den Wegfall des Einleitungssatzes. In der Salzburger Wacht beginnt der Text nämlich mit einer rückblickenden Betrachtung, die ihm eine moralisierende Note verleiht: »Die Geschichte von Dini habe ich noch nicht erzählt, dieselbe Dini, die ich 16 Jahre später eines Abends im dunklen Hafengässchen Hamburgs spazieren gehen sah; die mich ansah, erkannte und doch nicht kennen wollte; o welch trauriger Putz sie umgab.« – Dass diese Einleitung in der Arbeiter-Zeitung weggestrichen wurde, basierte vermutlich einfach auf der Notwendigkeit, den Text noch als Ganzes auf der letzten Seite vor dem Anzeigenteil unterzubringen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die Kürzung eigenmächtig von der Redaktion durchgeführt wurde. Bedenkt man die langjährige Zusammenarbeit Feldmanns mit dieser Zeitung, scheint es aber doch naheliegend, dass die Änderungen in Absprache mit der Autorin erfolgten.

Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 28. Juni 1925, S. 18. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: María Blachard, Die Bretonin, 1928–1930

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