Zwei Gedichte

von Kory Towska (1868–1930)

Mädchenlied

Träume, die kein Magier deutet,
Huschen durch den wirren Sinn,
Glocken, die kein Meßner läutet,
Klingen ohne Ruhe drin,
Märchen, die ich nie vernommen,
Treiben ihren tollen Spuk.
Ach, wann wir der Zaubrer kommen,
Der da sagt: Genug!

Mutterlied

Ich trage still, ich trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht
Und doch von meinem Angesicht
In seligem Glanze wiederblüht.
Noch dunkel ist das Kämmerchen,
Nur heilige Frühe ohne Laut,
Nur manchmal tönt das Hämmerchen,
Das heimlich an dem Wunder baut.
Ich denk ein Maienblümelein
Und sinn ein altes, altes Lied
Und trage still und trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jg., November 1912, Nr. 11, S. 304 (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Frau Treue

von Elsa Asenijeff (1867–1941)

Hui! wie der Sturm saust! Wie der Wind heult! Wie er winselnd über die Dächer kriecht. Frau Treue ist im Bangen.

Tiktik tik, nur die Uhr geht wie sonst!

Geht sie? (Die junge Frau blickt auf das Zifferblatt.)

Ja, sie geht, aber anders als sonst.

Wenn er bei ihr ist, dann zeigt die Uhr jede Stunde in Sekundenschnelle, doch heute schiebt sich der träge Zeiger jede Ewigkeit nur eine Minute weiter.

Schicksalsuhr!

O der bangen Zeit! Es liegt ein böses Fieber in der Luft, das schlägt in ihre Knochen ein.

Wie es durch die Seele kriecht, das Dunkle, dieser Schatten –

Dummheit!

Jetzt wird sie nachdenken: Er kommt ja erst um acht Uhr. Zuerst muss er über den Berg, durch finstern Wald, über den brausenden Fluss und dann zu ihr, ins Nest.

Um acht Uhr ist er da – aber es ist zehn, zwölf, eins – sie blickt in die Nacht hinaus.

Was lesen ihre Augen im Dunkel?

Blitze zerreißen des Himmels Leib, so dass er zitternd dröhnt, Feuergarben stürzen vom Firmamente zur Erde, doch starr wie Stein steht Frau Treue an der Pforte in tiefer Nacht.

Wenn das All zusammenstürzte, so erzitterte sie nicht!

Aber dieses bebende Weh da drinnen in der Seele! Zuerst lief sie von der Uhr zur Tür, von der Pforte zur Uhr. Aber jetzt steht sie still wie die Gewissheit.

Und der Regen gießt kalte Ströme auf ihren angstdurchfluteten Leib. Ihre Seele starrt ins Dunkel.

»Ja dunkel ist fortan ihr Leben, ihr Licht ist ausgelöscht!«

Was sagt sie? Ist sie denn wahnsinnig? So Schauerliches hat ihr Herz nicht einmal gedacht, dennoch hat es ihre Seele ausgesprochen.

»Dennoch ist’s wahr!«

Was? Sie packt sich beim Kopfe. Ist sie denn heute von Sinnen? Wer spricht ihr ins Gemüt, was sie selber nicht denken will.

Wehe! Frau Treue! was wartest du noch in tiefer Nacht!

– Vom Walde hinab über den Wildbach ein schwanker Steg – ein Tritt – wie die Wellen rauschen – klang nicht ein banger Schrei? –

Wehe! Winselt Wehewind, grausam ist der einsame Tod.

Frau Treue, willst du warten bis zum jüngsten Tag?

Deine Seele schluchzt, warum hörst du sie nicht?

Sie drückt ihr Herz zusammen.

Bange denkt sie: Niemand hat es mir gesagt.

O Frau Treue, wartest du armes, trügendes Menschenwort? Du fühlst es doch – nimmer kehrt er wieder – –


Textnachweis
Aus: Elsa Asenijeff, Sehnsucht, Leipzig 1898, S. 3–5. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alice Pike Barney, Frau und Pfau, 1900

Frühlingsgedicht

von Grete Wolf (1882–1942)

Wir wollen hinausgehn, den Frühling zu grüßen!
Durch die seidenklare, schimmernde Luft
Trägt der Wind einen leisen, süßen,
Zögernden Atem von Veilchenduft.

Irgendwo muss es nun Gärten geben,
Wo sie erstehn aus dem bräunlichen Grün,
Auf dem in golden zitternden Stäben
Der Sonne flimmernde Netze glühn.

Irgendwo steht nun der Himmel offen
Und sonnbeschienen, auf leichtem Schuh,
Tanzt hell ein kleines, seliges Hoffen – –
Und der Frühlingswind bläst die Flöte dazu.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 11. April 1909, Osterbeilage, o. S. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Erben

von Charlotte Knoeckel (1879–1923)

Als Marie Rath aus dem Ermattungsschlummer, in welchen sie stets verfiel, nachdem sie aus dem Verbandzimmer in ihr Bett getragen worden war, erwachte, begegneten ihre sich öffnenden Augen dem ängstlich forschenden Blick ihrer Freundin Minna.

»Was ist?«, fragte sie und fasste die sich rasch zur Seite Wendende am Arm.

»Nichts«, sagte die ohne aufzuschauen. »Gar nichts. Ich wollte nur sehen, ob du noch schliefest.«

»Und als du mich so liegen sahst, da … da … dachtest du – – –«

»Nichts.«

»Nichts!«, wiederholte die Marie und schüttelte den Kopf. »Nichts!« Sie versuchte sich aufzurichten; aber ihre Kräfte waren so völlig aufgezehrt, dass sie sogleich wieder in die Kissen zurücksank.

Eine Sekunde schloss sie die Augen. Dann sagte sie: »Gib mir den Spiegel, Minna.«

»Ich weiß nicht, wo er ist!«

»In meiner Schublade, hier im Nachtschränkchen.«

Die Todkranke streckte die abgezehrte Hand aus, und Minna öffnete die Schublade.

Der Spiegel lag vorne an; aber Minna schob ihn mit der Hand zurück und zog ein hübsches Taschentüchlein hervor, das mit einem großen M. bestickt war.

»Ein Taschentuch«, sagte sie. »Ach, was für ein hübsches Taschentuch! Das hab’ ich ja noch nie gesehen! Und deine Uhr! Sie ist von echtem Silber, nicht? Und deine Brosche! Dein Nähschächtelchen!« Sie legte es der Kranken aufs Bett und schloss die Schublade.

»Der Spiegel«, sagte die Marie.

»Er ist nicht darin.«

»Er muss darin sein! Zieh die Schublade heraus, dass ich selber suchen kann.«

Minna zögerte. Sie wühlte noch einmal unter den Sachen. »Ja, da ist er«, sagte sie endlich. Es war ein kleiner, in Celluloid gefasster und mit einem Celluloidgriff versehener Handspiegel. Unwillkürlich sah Minna hinein. Ihr Gesicht war frisch und rund darin und sie lächelte. »Bald werde ich wohl fortgehen dürfen von hier«, sagte sie.

»Ach, so bald nicht«, sagt die Marie und streckte die Hand nach dem Spiegel aus.

Minna reichte ihn ihr, ohne sie anzuschauen.

Eine Sekunde lang sah Marie hinein, dann ließ sie ihn auf die Bettdecke fallen.

Die Minna hatte unterdessen das hübsche Taschentüchlein betrachtet, das noch immer oben auf den Sachen der Marie in der Schublade lag. »M.«, dachte sie. »Das könnte auch Minna heißen«, und sie befühlte es zärtlich. »Wie fein der Stoff ist und so hübsch gestickt!«

Hastig schloss sie die Schublade und wandte sich zur Marie. Es wollte ihr scheinen, als ob die noch blasser geworden sei, als sie zuvor gewesen war.

»Du hättest dich nicht im Spiegel beschauen sollen«, sagte sie. »Es ist ein schlechtes Omen.«

»Ich hab’ schon Leute gesund werden sehen, die anders ausgesehen haben«, sagte Marie.

»Gewiss, gewiss.«

»Und Leute, die ausgesehen haben wie du, sind gestorben!«

»Mag sein! Aber meine Wunde ist schon geheilt. Die Narbe muss nur noch fest werden, sagt der Herr Doktor.«

»Das kenn ich, was der Herr Doktor sagt!«

»Ich hab’ es auch gesehen

»Ich hab’ auch oft gesehen, wie meine Wunde geheilt war obenauf. Aber von innen heraus ist sie dann immer wieder aufgebrochen.«

»Deine vielleicht; aber meine …« Die Minna reckte sich auf und schämte sich plötzlich und verstummte.

Über das totenblasse Gesicht hatte sich eine dunkle Röte ergossen.

Die Minna sah es, und in ihrer Verlegenheit riss sie abermals die Schublade auf und betrachtete das Taschentüchlein. »Sie stirbt ja doch bald«, dachte sie, »da könnte sie es mir schenken.« Unwillkürlich griff sie darnach.

»Schenk es mir«, sagte sie, sich zur Marie zurückwendend. »Ich war doch immer gut zu dir. Und dann hab’ ich auch ein Andenken an dich, wenn ich fortgeh’ von hier.«

»Du gehst ja noch nicht fort.«

»Heute nicht. Aber bald! Und du kannst doch nichts damit machen, solange du hier bist.«

Das Lieschen und die Paula, die am Fenster, ganz in der Nähe von den beiden, miteinander plauderten, bemerkten plötzlich, dass vom Schenken die Rede war zwischen ihnen, und kamen schnell heran.

»Schenk uns auch was«, sagten sie. »Du hast ja so viel schöne Sachen, und wenn du stirbst, kannst du sie doch nicht mitnehmen.« Sie drängten sich an Minna vorbei zum unteren Gefach des Nachtschränkchens, und Lieschen zog den Kasten, der die größten Schätze der Marie enthielt, daraus hervor. Mit ihren dünnen, gelenkigen Fingern löste sie die Schnur, schob ein paar Bänder, die ihr zuerst in die Hände kamen, beiseite und griff nach der Korallenkette, welche ihr aus einem weißen Pappschächtelchen entgegenfiel. »Schau, wie mir die gut steht«, sagte sie, indem sie ihren mageren Hals entblößte und mit der Kette umschlang.

»Schau doch!« Und sie nahm den Spiegel und betrachtete sich. Sorgfältig zog sie sich dabei ein paar blonde Löckchen in die Stirne. Dann griff sie nach einem der Bänder, machte eine Schleife, die sie sich in die Haare steckte, und fasste im nächsten Augenblick nach dem größten Schatz der Marie, einem weißen Unterrock, der mit breiter Stickerei versehen war.

»Sieh doch nur, wie mir das alles stehen würde! Ah, und besonders der Unterrock! Ich würde mein Kleid ganz hoch heben, dass alle Leute auf die Stickerei sähen! Und du …« Sie verstummte plötzlich; denn sie sah die weit aufgerissenen, dunkeln Augen der Todkranken, und sie tastete mit den Händen um sich nach der Freundin. Aber die war entflohen. Und die Minna auch. Sie saß auf dem Stuhl an ihrem Bett, den Kopf in die Kissen vergraben, und schluchzte.

Maries Lippen waren so weiß wie ihr Gesicht, und sie zuckten so seltsam krampfhaft, dass Lieschen plötzlich auch davonlief. Sie lief an der Schwester, die eben den Saal betrat, vorbei, hinaus auf den Flur und den ganzen Flur entlang bis zum Fenster, das sie öffnete.

Die Schwester betrachtete kopfschüttelnd die Unordnung auf dem Bett der Sterbenden. »Was bedeutet denn das?«, fragte sie, indem sie alles wegräumte.

»Sie … wollten mich … beerben«, sagte die Marie und lächelte. »Und sie sollen auch alles haben. Das Lieschen die Kette und die Bänder und den Unterrock! Gleich sollen sie es haben! Packen Sie’s ja nicht mehr ein! Ich will es nicht mehr sehen! – Mir aber, gelt Schwester, mir tuen Sie einen Wandschirm um das Bett. Und keine soll mehr zu mir dahinter kommen. Auch die Minna nicht. Ich will’s nicht. Ich will nicht, dass sie zuschauen, wie … wie … Ich weiß ja alles so genau! Wenn man bald sechs Jahre im Krankenhaus war wie ich …«

»Sie haben den Wandschirm nicht nötig, Marie. Sie sind keine Sterbende.«

»Ich hab mich im Spiegel gesehen, Schwester.«

»Sie wissen doch, dass der Anblick oft täuscht.«

»Der meinige nicht.«

»Auch der Ihrige.«

Die Marie lächelte zu diesen Trostworten, die sie so genau kannte, aber sie drückte der Schwester die Hand.

»Sie sind barmherzig«, sagte sie.

Die Schwester aber ging, um ihr den Willen zu tun. Sie war tief im Herzen froh, dass die Kranke selbst den Wunsch geäußert hatte. Leise umstellte sie das Bett mit dem Wandschirm, der den anderen Kranken im Saal den Anblick der Sterbenden entzog.

»Wenn es nur nicht mehr lange dauert«, sagte sie am Abend zum Arzt und erbat eine größere Dosis Morphium.

Als sie am andern Morgen in den Saal trat und hinter den Wandschirm, war das Gesicht der Marie ganz still und starr und ihre Hände kühl geworden.


Kommentar
Charlotte Knoeckel wurde 1879 in Neustadt an der Weinstraße geboren. Obwohl sie einer wohlhabenden Unternehmerfamilie entstammte, arbeitete sie als junge Frau zunächst in einer Fabrik und später als Krankenschwester. Den Fabrikjob verlor sie wegen ihrer Sympathien für die Sozialdemokratie, die auch in ihren Romanen und Erzählungen deutlich zutage treten. Vom Naturalismus Émile Zolas geprägt, schildert sie darin meist das Leben von Frauen aus den unteren sozialen Schichten. Immer wieder greift sie auch auf ihre Erfahrungen als Krankenschwester zurück, etwa im Roman „Schwester Gertrud“ (1906), der das Thema Euthanasie behandelt, oder eben hier in der Kurzgeschichte „Erben.“ Knoeckel starb 1923 im Alter von nur 44 Jahren an Tuberkulose – einer Krankheit, die sie sich vermutlich während ihrer Arbeit in der Krankenpflege zugezogen hatte.

Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XVII. Jg. Heft 10, Okt. 1915, S. 238– 240. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Rozanova, Komposition mit Karten, 1915

Und nachts in tiefer Dunkelheit …

von Emmy Hennings (1885–1948)

Und nachts in tiefer Dunkelheit,
Da fallen Bilder von den Wänden,
Und jemand lacht so frech und breit,
Man greift nach mir mit langen Händen.
Und eine Frau mit grünem Haar,
Die sieht mich traurig an
Und sagt, dass sie einst Mutter war,
Ihr Leid nicht tragen kann.
(Ich presse Dornen in mein Herz
Und halte ruhig still,
Und leiden will ich jeden Schmerz,
Weil man es von mir will.)


Textnachweis
Aus: Emmy Hennings, Die letzte Freude, Leipzig 1913, S. 7. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Ein Frühlingstag

von Thekla Merwin (1887–1944)

Gegen Ende März erwachte der Adjunkt Peter Adolf Wagner dadurch, dass der Windstoß einen schlecht befestigten Fensterflügel mit voller Wucht aufstieß. Es war halb fünf Uhr morgens und helllichter Tag. Der Himmel zeigte eine sanfte Röte, die stellenweise in Lila übergegangen war. Aber fern am Horizont türmten sich dunkle Wolken auf und schlossen den hellen Teil wie mit einem schwarzen Vorhang ab. Die Bäume standen noch nackt, aber ihre Kontur im scharfen Lichte zeichnete sich klar und freundlich ab. Dem ersten Windstoß folgten bald andere, und eine Welle kalter Luft kam ins Zimmer, bis ans Bett, wo Peter Wagner wohlgeborgen lag. Er warf einen verdrießlichen Blick auf das Bett seiner Frau, das knapp neben seinem stand, aber da sich dort nichts rührte, erhob er sich seufzend, machte ein paar Sprünge zum Fenster, schloss den Flügel und legte sich dann fröstelnd zurück. Doch dann konnte er nicht wieder einschlafen. Eine eigentümlich helle Spannung hielt ihn wach. Einige Mal wälzte er sich vergeblich hin und her, dann gab er den Versuch zu schlafen endgültig auf und verfiel in Gedanken. Das war ein ungewohnter Zustand. Nachdem er alle in dieser Woche zur Erledigung gelangenden Fälle durchgedacht hatte, zeigte die auf dem Nachttisch stehende Uhr erst fünf. Das übliche Gedankenpensum war erschöpft, die Zeitung lag im Speisezimmer. Um nichts in der Welt wäre er jetzt wieder aufgestanden. Er lag warm da und langweilte sich. Endlich fiel sein Blick durch das Fenster. Ein Gewitter, jetzt im März? Dann erinnerte er sich eines Vorfrühlingsgewitters, das ihn als Studenten auf einer fröhlichen Wanderschaft mit mehreren Kollegen mitten auf der Landstraße überrascht hatte. Damit waren angenehme Erinnerungen verbunden, die er in sein Gedächtnis zurückzurufen sich bemühte. Sie waren damals gezwungen gewesen, auf einem großen Bauernhof Zuflucht zu suchen; und in seiner Erinnerung vermischten sich der Duft eines wunderbaren Selchschinkens mit der längst vergessenen Episode eines verliebten Abenteuers am Hofe. Ei, Jugend! Was für ein fescher Bursche er gewesen war!

Inzwischen rührte sich die Frau nebenan, wechselte schlaftrunken die Lage und glitt mit dem Kopfe bis an den Rand ihres Bettes. Er sah ihr Gesicht knapp vor sich. Infolge der unbequemen Lage schlief sie mit offenem Munde, schwer atmend. Das Haar war zerzaust, auf der linken Wange zeichnete sich lächerlicherweise das Häkelmuster des Kopfpolsters ab. Der Adjunkt betrachtete seine Frau mit großer Aufmerksamkeit, als sähe er sie zum ersten Mal. Es war das Gesicht einer zweiundvierzigjährigen Frau, deren Leben weder durch Überfluss noch durch Erlebnisse irgendwie verschönt worden war, die sich mit den täglichen, kleinlichen Sorgen des Haushaltes herumschlug, dazuschauen musste, wie sie mit vier Kindern fertig wurde, und die längst aufgehört hatte, jemand zu Gefallen zu leben. Von der Nasenwurzel bis in die Mundecken zogen sich zwei tiefe Falten, ein vorderer Zahn war stark schadhaft, daneben waren einige Plomben deutlich sichtbar. Die Stirn zeigte einfältige Runzeln, die von Sorgen, aber nicht vom Nachdenken stammten, die Haut am Halse bewegte sich schlaff bei jedem Atemzug. Lange betrachtete sie der Mann, dann fuhr es ihm durch den Kopf: Und ohne das habe ich mir einmal eingebildet, nicht leben zu können! Und mit einem plötzlichen Widerwillen wendete er sich ab. Diese Erkenntnis war mit irgendeinem wehmütigen Schmerz verbunden. Lange lag er ganz still und grübelte.

Er war sehr schlechter Laune, als er aufstand. Der Kaffee war zu kalt, der Anzug nicht gebürstet, die Zeitung wurde zu spät hereingebracht. Er war, wie die Kinder einmütig konstatierten, mit dem linken Fuß aufgestanden. Grollend verließ er das Haus, unausgeschlafen, als hätte er die Nacht getanzt. Die dunklen Wolken hatten sich inzwischen verzogen, ein klarer, blauer Himmel lachte, die Sonne schien warm und heiter. Er knöpfte sich den Überrock auf und rannte zur Station, denn er hatte sich wie gewöhnlich verspätet. Gerade fuhr der Stadtbahnzug in die Halle, und er sprang behände in den Waggon. Drinnen saßen die gewohnten Passagiere des Frühzuges, Arbeiter, Angestellte, ein paar Geschäftsleute. Der Zug sammelte an vielen Stationen die kleinen Bestandteile ein, die sich in das große, kreisende und kreischende Rad der Stadt alltäglich einfügten. Aber über allen verschlafenen Gesichtern lag heute der Abglanz der Frühlingssonne, wie eine ewig wiederkehrende, niemals ganz erlöschende Hoffnung. Gähnend nahm der Adjunkt Platz, gerade einem jungen Paar gegenüber. Und in diesen verkrampften Fingern, die sich pressten, lag etwas unangenehm Aufreizendes, so dass er missmutig den Blick abwendete. Gleichzeitig aber stieg in ihm die Vision eines Baches mit blühenden Ufern, eines kleinen, weißen Häuschens auf entlegener, sonnenbeschienener Halde empor. Eine Reihe lieblicher Bilder begleitete die dumpfe Melodie der rollenden Räder.

Im Büro überraschte ihn der Auftrag, in einer Enteignungssache mit tunlichster Beschleunigung nach B. zu fahren und auf dem Wirtschaftsbesitz des Lebrecht Waldhuber persönlich Erhebungen vorzunehmen. Das war wie in den seligen Gymnasialzeiten, wenn man die Schule schwänzen konnte. Ein Kollege übernahm die Mitteilung an Wagners Frau, dass dieser erst spät am Abend zurückkehren werde, und mit unerhörtem Diensteifer fuhr der Adjunkt, den Überzieher am Arm, in den sonnigen Tag hinaus. In B. angekommen, begann er nach dem Hofe des Waldhuber Erkundigungen einzuziehen. Oh, das war noch ein weites Stück ganz an der Reichsstraße.

Der Ochsenwirt, Fleischhauer und Hotelier in einer Person, erschien mit der blutbefleckten Schürze in der Haustür: Ob sich der Herr nicht noch früher stärken wolle? Ob der Herr nicht eintreten wolle?

Verflucht noch mal, das erste Viertel war gut. Beim zweiten Viertel kamen sie ins Gespräch. Der Wirt hatte seine Schürze abgelegt und präsentierte sich als ein wohlwollender Mann, der die Welt kannte. Der Waldhuber sei ein Schlaukopf, der alle hineinlege. Er solle vorsichtig sein, wenn es sich um ein Geschäft handle.

Der Adjunkt schwieg, rauchte, lächelte und fühlte sich wohl.

Eine halbe Stunde darauf war er auf dem Gehöft. Der Besitzer empfing ihn, die Mistgabel auf der Schulter, schimpfte auf die Regierung, ließ sich den Auftrag zeigen und erklärte, der erste Beamte, der zur Vermessung erscheine, werde von ihm eigenhändig mit dem Dreschflegel totgeschlagen. Der Herr Kommissär da sei ja kein zuwiderer Kerl, aber die Beamtenfratzen, die möge er nicht.

Zu einer andern Zeit hätte sich Wagner diesen Ton energisch verbeten. Aber der genossene Wein und der frohe Tag ließen Ärger überhaupt nicht aufkommen. Die Amtshandlung endete bei einem »Wachauer« und einem gediegenen Schweinernen in der guten Stube.

Die Sonne stand schon tief im Westen, als er wieder in den Zug stieg, wie in ein großes, breites flammendes Meer ergoss sie sich am Horizont. Rot, etwas gedunsen und etwas schwindlig »von der frischen Luft« lehnte der Adjunkt behaglich in einer Ecke. Nur zwei Personen waren außer ihm im ganzen Waggon anwesend, ein alter Mann, offenbar Arbeiter, der aus einer Pfeife qualmte, und in der Ecke gegenüber saß ein junges Mädchen, das einen Ullstein-Roman mit großer Aufmerksamkeit las. Übermut kitzelte den Adjunkten, der halb schlafend sich in seiner Ecke räkelte, so dass er schließlich die Frage wagte:

»Na, kriegen sie sich zum Schlusse?«

Das Mädchen ließ das Buch sinken, lächelte dann, als sie sein vergnügtes Gesicht sah, und antwortete, ohne zu zögern:

»Sie haben sich schon.«

»Gott sei Dank. Dann ist ja alles gut. Wohin fahren Sie, Fräulein?«

»Nach Wien. Ich bin Wienerin. Ich war nur bei einer Tante in B. zu Besuch.«

»So? Von da komm’ ich eben auch. Kennen Sie den Lebrecht Waldhuber?«

»Aber gewiss. Das ist ja mein ›Göd‹.«

»Ein fescher Karl. Der muss wohl nicht arm sein, was?«

»Na, arm ist er nicht, aber ein Geizkragen. Der könnte für einen Kreuzer einen erschlagen.«

So kam man ins Gespräch. Sie drückte sich möglichst gewählt aus. Sie hatte ein hübsches, rundes nichtssagendes Gesicht, schöne blaue Augen, ein kurzes, aber nicht übles Stumpfnäschen. Das Schönste waren ihre zwanzig Jahre, die machten auf Peter Wagner den größten Eindruck. Denn dass sie zwanzig Jahre alt war, das erfuhr er nach fünf Minuten. Sie war in Wien in guter »Kondition« und unterstützte sogar noch einen Bruder, der ein großer Haderlump war. Als der Zug im Südbahnhof einfuhr, überreichte ihr der Adjunkt den heruntergefallenen Roman, den sie beinahe vergessen hätte, so anregend war die Unterhaltung gewesen.

»Wenn ich nicht störe, begleite ich Sie ein Stück«, sagte der galante Adjunkt, dem sie immer besser gefiel, trotzdem er zuletzt die Angaben über ihr Alter für übertrieben bescheiden hielt.

»Ich gehe ganz gern, nach der dummen Fahrt tut einem Bewegung ganz gut.«

Hier wagte der Adjunkt bereits einen Witz, der trotz seiner Beschaffenheit mit einem Lächeln quittiert wurde.

Sie gingen in der Richtung zur Stadt. In einer winkligen Seitengasse, vor einer sogenannten Bar, schlug er, von Löwenmut besessen, plötzlich vor:

»Wollen wir da nicht eine Erfrischung nehmen, Fräulein?«

Sie war ohne weiteres einverstanden. Drinnen saßen in einem schlecht erleuchteten Raume, der auf Dämonie gestimmt war, in halbverhängten Logen kuschig-raffinierten Stils, unter möglichst geringem Verbrauch an Platz, eng aneinander, einige spitzbeschuhte Pärchen. Ein Tänzer mit Kokaingesicht bewegte sich vor einem zweifelhaft aussehenden Frauenzimmer zu dem Gebell eines Klaviers mit Bewegungen, die den mit den Errungenschaften der Neuzeit unvertrauten Adjunkten mit Staunen erfüllten. Sofort stand ein hoheitsvoller Gentleman im Frack vor ihrem Tische, der unbekannte Namen hervorzustoßen begann, vom Cocktail angefangen bis zur letzten Absinthmischung. Der arme Adjunkt, der sich die Verderbnis viel einfacher vorgestellt hatte, bekam ein leichtes Herzklopfen, aber seine Gefährtin, vertrauter mit dieser Welt, machte mit mondäner Sicherheit ihre Bestellung.

Gleich darauf erschien ein Imbiss auf dem Tische, eine wunderbare Konstruktion aus Fleisch, Gemüsen, Farben und Formen. Ein Weinpfropfen knallte dicht neben seinem Ohre. Wagner trat ein leichter Schweiß auf die Stirn. Er zeigte eine auffallende Appetitlosigkeit, währenddem die Kleine mit einer gewissen Gier aß und in immer bessere Laune geriet. Es war wie ein Nebel vor seinen Augen, das Lokal bekam etwas Schattenhaftes für ihn. Während er den Bewegungen des marionettenhaften Paares zusah, ging es ihm durch den Kopf: Adolf braucht einen neuen Anzug, die Gasrechnung ist zu bezahlen, dem Reumann schulde ich anderthalb Millionen und ich sitze hier. Zu Hause hielten sie dreimal wöchentlich fleischlose Tage.

Indessen war die Kleine immer fideler geworden, und zwischen Wagner und ihr hatte sich der Zwischenraum so verringert, dass ihm keine andre Wahl blieb, als den Arm um ihre Taille zu legen, wollte er nicht als ein Dämlack dasitzen. Aber er tat dies nur noch wie eine Pflicht. Der freudige Schwung, die Heiterkeit, die ganze wiederaufgelebte Abenteuerlust des Jünglings waren mit einem Schlage verschwunden, und es kam wie tiefe Trauer über ihn, dass die Lust der Jugend für immer dahin sein sollte. Lange wehrte er sich gegen diese Schatten, die ihm aus seinem Heime gefolgt zu sein schienen, versuchte durch ein paar Küsse und unternehmende Keckheiten ihrer zu spotten. Dann aber stand er plötzlich auf und rief mit fester Stimme: »Zahlen!«

Die Rechnung gab ihm den Rest. Die Trinkgelder fielen so schäbig aus, dass er sich den Rock allein anziehen musste.

Gott sei Dank, er war wieder auf der Straße. Lustig, an seinen Arm gehängt, schwatzte die Kleine:

»Das Schönste ist, dass ich gar nicht weiß, wie du … wie Sie eigentlich heißen. Ich heiße Mitzi.«

Das habe ich mir vorstellen können, dachte er ingrimmig. »Und ich heiße Theodor«, log er.

»G’rad so siehst du aus«, schrie Mitzi begeistert. Sie zog ihn am Arm hin und her und prustete vor Lachen. »Also wohin jetzt?«

Plötzlich empfand er Widerwillen und Beschämung. Und mit Bitternis beschloss er: Nein, nein, mag sie zum Teufel gehen, es lockt mich nichts mehr. Trotzdem zwang er sich, ein freundliches Gesicht zu machen, und sagte mit einer gewissen Höflichkeit:

»Es ist leider so spät geworden, jetzt muss ich nach Hause. Also, Fräulein Mitzi, vielen Dank für die Gesellschaft und kommen Sie gut nach Hause.«

Maßlos erstaunt reichte sie ihm die Hand.

»Alter Narr«, murmelte er im Weggehen durch die Zähne.

Zu Hause fand er die Seinen um den Tisch versammelt. Mit einem Freudengeschrei wurde er begrüßt. Niemand hatte ihn so früh zurückerwartet. Seine Frau war zum Ausgehen gekleidet, denn sie hatte noch einen Abendbesuch bei einer Bekannten vorgehabt. Dennoch freute sie sich aufrichtig; überhaupt sah es aus, als wäre er von einer weiten Reise in ein warmes Nest zurückgeflogen. Es gab seine Leibspeise, Eiernockerln, aber er rührte nichts an, saß tiefsinnig, in Gedanken versunken da, so dass die Frau ihn besorgt fragte:

»Bist du krank, Peter?«

Er schützte Müdigkeit vor. Sie zwang ihn, sich auf das Sofa zu legen. Ihre Fürsorge rührte ihn und beschämte ihn ein wenig. Die Kinder lachten und schwatzten, ihre hellen Stimmen erfüllten den Raum. Er lag wirklich müde da und dachte trübsinnig: Das alles hängt an dir, da kommst du nicht los. Das Licht der Lampe fiel auf das Gesicht seiner Frau. Und wieder sah er die tiefen Falten bei den Mundwinkeln, die schlechten Zähne, die welke Haut, aber diesmal mit einem andern Auge. Sie hat es nicht gut gehabt im Leben, dachte er, als er sich ihres frischen Gesichtes vor zwanzig Jahren erinnerte.

»Therese, komm«, sagte er, sich plötzlich erhebend. »Ich begleite dich zu Bittmanns. Ich bin schon ganz ausgeruht.«

Als sie die Stiege hinuntergingen, drückte sie seinen Arm an sich:

»Ich bin froh, dass ich noch ein wenig wegkomme. Nein, was für ein wunderbarer Abend. Es ist ja schon Frühling, Peter.«

Er warf einen hoffnungslosen Blick auf die Gestalt an seiner Seite, grunzte etwas Unverständliches und zündete sich eine Zigarre an.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 3. April 1925, S. 5–6. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Sophie Taeuber-Arp, Dada-Komposition, 1920

Zwischen Ruinen

von Margarete Beutler (1876–1949)

Lass uns noch einmal den Augenblick greifen,
Lass uns noch einmal selig und still
Diese Gärten des Todes durchstreifen,
Ehe zum Wort die Gedanken reifen,
Und eine Sehnsucht sie pflücken will.

Über die rissigen Tempelwände
Geht des genossenen Tages Schein.
Traumhafter Blicke und Wonnen kein Ende,
Und in den Jubel verschlungener Hände
Rauschen die ewigen Wogen hinein.


Textnachweis
Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler, Berlin 1908, S. 8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Wie man’s nimmt

Eine Dorfgeschichte von Maria Stona (1861–1944)

[Contentwarnung]

Die alte Hebamme saß vor ihrem Bretterhäuschen, strickte, schaute die jungen Mädel an, die über die Straße gingen, und prüfte, ob ihre Gestalt sich nicht verändere, denn man erlebte vieles im Dorf, an Mädeln und Witwen, an den jüngsten und an den ältesten, besonders wenn der junge Herr Baron zu Hause gewesen war, ehe er eine seiner Weltreisen angetreten hatte. Er liebte das Dorf und wollte gern, dass man liebend seiner gedachte, lange – mindestens neun Monate lang.

Ging da die Kleine vom Strohbauer vorbei – ein dummes Ding, zählte vierundzwanzig Jahre und hatte noch nie einen Schatz gehabt. Heiraten mochte sie auch nicht. Wenn der alle Mädchen nachgerieten, gäb’s bald keine Kinder mehr auf der Welt … Dort kam die brave Barbara – so schmutzig, dass man sie auf zwanzig Schritte spürte – sie hatte fünf Mal geboren und alle Kinder trugen der Mutter Mädchennamen. Aber sie war nicht schmutzig im Schenken, die Brave! Gott segne sie. Leider hatte sie die Fünfzig überschritten, und wenn auch die Frauen des Dorfes von wunderbarer Fruchtbarkeit waren – nach dem fünfzigsten Jahre zeitigten sie selten ein Kind, da durften sie ungelohnt sündigen …

Die Alte nickte der Vorübergehenden zu: »G’sund alle – seid’s brav g’sund?« Ihr Gesicht blickte verschmitzt aus hundert Fältchen. Die Augen schauten immer listig und die Lippen umspielte ein nie verlöschendes Lächeln.

»O ja – aber zu viele sein mer halt – alle muss ich erhalten«, grinste die Barbara mit ihrem breiten Maul.

Dummes Luder, dachte die Alte. Glaubst, ich glaub’ dir das! Weiß doch, dass andere für dich sorgen – viele – brave Fäuste, viele Fäuste …

Die Barbara schleppte weiter die zwei Butten an dem Holzträger, den sie über den Schultern hielt.

Kam die sechzehnjährige Therese. Ein braves Kind, dachte die Alte. Wächst schön auf, wird ein tüchtig’s Mädel. Wenn da nur kein Unglück geschieht … Sie geht öfter ins Schloss – ein Wunder, dass der gnädige Herr die Augen noch nicht aufgemacht hat.

»No, Reserl«, rief sie freundlich, »was machst denn nur? Bist schön brav und fleißig! Schaust gut aus! Wie geht’s denn der Großmutter und der Mutter?«. Sie fragte nur aus Höflichkeit, denn bei beiden stand nichts mehr zu erwarten. Die Großmutter zählte siebzig, und ihre Tochter war auch schon bei Jahren, die arme Wittib, die sich genug abgerackert hatte mit dem Seligen und ihren sechs Kindern. No, die Therese sollt’ es ihr einmal lohnen.

»Wo ist denn die Mutter?«

»Sie wascht im Schloss, ich geh’ nur bissel zu ihr schau’n.«

»Na schön, Reserl, bist schon brav, schau aber auch nach der Großmutter, die braucht’s noch mehr!« Therese ging mit dem Kinderschritt der Sechzehnjährigen, mager, gedankenlos. Eh’ nicht ein bissel Fülle in sie kommt, ist nichts mit ihr, dachte die Alte. Sieht ja aus wie ein unterrupftes Huhn.

Jetzt humpelte die Dorfälteste vorbei, die Portiunkula. »O Ježiš – Ježiš – ’s is schon a Kreuz – sitzt denn noch immer da und wart’st auf den großen Störchezug? Na ja – na ja! Mir is schon alles eins – ob’s Kinder kriegen oder ni’. Brauchst erst ni’ zu antworten – ich hör’ dich doch ni’.«

Die Hebamme aber schrie: »No ja – no ja – gehst ja wieder ganz brav ’rum!« Die stirbt auch nicht von selbst, dachte sie, da muss der Herrgott noch was erfinden, um die ’rüber zu kriegen.

»I sitz’ halt so und strick’ und hab’ meine Gedanken.«

Die Portiunkula ließ sich neben ihr nieder wie ein alter Raubvogel, der auf einem Stein rastet. Sie blinzelte schläfrig aus den halbgeschlossenen Augen. »No – was gibt’s denn Neues?«

»Nix – dass ich wüsst’!«, schrie die Hebamme.

»Hast denn nimmer die Augen offen? Siehst denn ni’, wie sich die Mädeln verändern, wie s’ blass und mager im Gesicht werden und dick um den Magen? A sechse, sieben kunnt ich dir so weisen. – Gehst denn ni’ am Vollmond zum Kirchhof ’rüber und schaust dir die Gestalten an, wie s’ herhuschen und die Zweigel vom Lebensbaum rupfen und husch – wie der Blitz damit verschwinden? Fallt dir denn das alles nit auf?«

»O ihr sakermentischen Mädel! Die Folgen der Liebe möchten sie wohl vertilgen. Die Biester, die nichtsnutzigen. Na wart’s, ich wär’s euch geben –«, wetterte die Hebamme. »Wenn ich nur so eine erwischen kunnt, gleich zeiget ich’s dem Gericht an – bei meiner Seel’.« Wütend war sie. »Das fehlte noch, so ein verfluchtes Trankerl möchten sich die Weibsbilder brauen – dass die Welt auf einmal steh’nbleibt und sich nimmermehr vermehrt – no, da schaut’s einmal an!« Das Strickzeug fiel ihr aus der Hand. Sie stemmte die Arme in die Seiten und sah die Älteste an. »Nicht zum Glauben, Großmutter, was Ihr mir da sagt’s!«

»Ich werde dir noch was deuten«, raunte die Portiunkula geheimnisvoll. Ein paar graue Haarsträhnen fielen ihr steif über die gelbe, verwitterte Stirn. Sie schaute über ihren Kropf hinweg schräg zur Nachbarin und flüsterte: »Jetzt hab’n mer g’rad’ Vollmond. Setz dich halt heut’ Nacht auf’n letzten Grabstein am Friedhof, dort, wo das Kind vom Lehrer vor vierzig Jahren begraben wor’n is – wirst es schon noch wissen, denk’ ich – die Lehrerin daneben –.«

Freilich wusste es die Hebamme, aber die alte Hexe musste sie nicht g’rad’ dran erinnern, ’s gab Grabsteine genug am Friedhof, versteckt unter hängenden Eschen – sie wird sich doch nicht auf den Stein von der setzen, die sie unter den Stein gebracht hat! Niemand dachte heut’ mehr dran im Dorf als die Älteste da. Na mei, ein Unglück passiert jedem einmal. Der Hebamme seltener wie jedem Doktor – wenn der erst auf’n Friedhof ging, der müsste lang suchen, bis er einen Stein fänd’, zu dem ihn die Schuld nit ’runterzieht. Und die Lehrerin, schwächlich war’s ohnehin – die wär’ heut’ sowieso längst schon tot. Aber das mit dem Aufpassen am Abend wär’ nit schlecht.

»Also, was meinst? Gehst heut’ Abend ’naus?«

»Wer’ mir’s noch überlegen«, sagte die Hebamme. »Wenn ich käm’, tät’ ich’s nur, um die Mädel vor der Sünd’ zurückzuhalten.«

»Und dir ein Einkommen zu sichern, alte Kupplerin«, dachte die Portiunkula. »Also schön, mach’ halt, was du für gut find’st – «, stand dann auf und hinkte davon. Der blaue, fadenscheinige Rock schlug um ihre dürren Beine.

Die Hebamme blieb in Gedanken sitzen, stand dann auf und ging in ihre Kammer, kam wieder heraus, sah auf den Himmel. Der war schön klar wie lange nicht. Der Mond hob sich blutrot und breit in der Rundung, wie ein schwangeres Weib. –

Die Dorfstraße wurde still und leer. Ein leiser Wind seufzte durch die Obstbäume hinter den Häusern, merkwürdig weiß glänzte manches Mauerwerk, das am Tag grau und rissig war. Im letzten Haus drüben blinkte noch Licht; dort lag das Weib des Nachtwächters im Sterben, seit acht Tagen schon, und keine Erlösung wollte ihr kommen. Was der Mann allein an Kerzen- und Nachtlichtern verbrannte – flog es der Alten durch den Sinn. Sie schlug ihr dickes Schaltuch um Kopf und Schultern und Leib und Knie – so groß war das Tuch, dass es die ganze Hebamme in seine Falten hüllte.

Jetzt schlich sie auf die Straße. Da dröhnten Schritte. Rasch kroch sie wieder ins Haus zurück und wartete, bis die Männer vorbeigegangen waren, die zum Sonntag in das Nachbardorf zogen, aus der Wochenarbeit kommend. Sie hatte Herzklopfen. Ihr war, als stände sie im Begriff, ein Unrecht zu begehen, und nicht, als ginge sie daran, ein paar Verirrte von der Sünde wider das Leben abzuhalten.

Sie stahl sich durch das Dorf, an dem Marmorkreuz des Antonin vorbei, von dem die heimliche Sage raunte, dass er es aufgerichtet, weil ein Mord seine Seele bedrückte.

Der Mond leuchtete auf das Kreuz so hell, als habe er es mit reinem Himmelswasser übergossen. Kam ein schmaler Durchweg zwischen Gärten, da hingen die Pflaumen so schwer an den Bäumen, dass die armen Zweige fast niederbrachen. Eben knickte ein Ast zusammen, stöhnend unter der Überfülle seiner Früchte. »Habt’s auch genug zu tragen – gelt? – Die Blüten – das war halt lustiger als jetzt die schweren Zwetschen. Ja – was unser Herrgott halt einmal beschließt –«, murmelte die Alte. Ein Hund schlug an. Ein paar Köter folgten dem Laut und kläfften mit, und bald zog durch das ganze schlafende Dorf das Hundegeläute, zornig, langgezogen, abwehrend irgendeine dunkle, unbekannte Gefahr.

Der Friedhof lag im Mondschein, der schimmerte von mancher Kreuzeszier. Nur drüben an der Mauer, wo die Traueresche der Lehrerin hochgewachsen war, gab es tiefen, schwarzen Schatten. Auch im Kirchtor – aber dort war’s zu unheimlich zu kauern, schlug sich leicht einem ein Glockenstrang ums Genick.

Die Kirche stand hochgebietend, von Licht überflutet, still und weihevoll. Und zu denken, dass drin das Allerheiligste ruhte und der goldene Altar, von den vielen Heiligen bewacht – was brauchte man sich da zu fürchten, so nahe an Gottes Schutz!

Mutig ging die Alte unter die Traueresche, hockte sich nieder und lauerte zum Grabe der Gutsherrin hinüber, das von acht Zypressen umgeben war. Wie schwarze, hohe Wächter standen sie. Drüben im letzten Winkel blieb es finster, dort, wo die Bettler und Selbstmörder eingescharrt lagen. Wie spät mochte es wohl sein? Gewiss nahte Mitternacht … Der Lehrersfrau wird’s doch nicht einfallen, aufstehen zu wollen … Lag ja dort unten so schön und friedlich, war vielleicht gar in die Wurzeln der Esche verwachsen. Die trugen sie jetzt schon zum Himmel empor.

Dass der Nachtwächter nicht blies! Der schlief gewiss bei seiner Sterbenden.

Die Hunde schlugen wieder an, eine Wolke zog vor den Mond und verdunkelte die Welt. »Eine so kleine, dumme Wolke – die soll doch wirklich der Satan holen«, murmelte die Alte. Rieseln und Rascheln ruschelte umher wie von Schritten und fallenden Blättern – und nichts war zu sehen.

Endlich ward es heller – die Welt tauchte in ein mildes Grau – da – jetzt blitzte es wieder licht über die Kirche – und jetzt – barmherziger Himmel – stand eine Gestalt an den Lebensbäumen und rupfte und zupfte …

Der Lauschenden stockte das Herz – hatte die Portiunkula wirklich recht gehabt!

Was nun – soll sie aufspringen – rufen – dann liefe die Gestalt weg und nie mehr erführe die Alte, wer da sündigen gewollt. Und die Neugier war doch jetzt stärker als jedes andere Gefühl. Wissen wollte sie – wissen musste sie – sie bewegte sich. Da blieb die Gestalt regungslos und lauschte nach der Eschenecke hinüber, in der die Alte saß. Der ward mit einem Male, als umständen viele blasse Gestalten die Zypressen – als begännen rings die Grabsteine sich in weiße Mädchen zu wandeln und den Bäumen zuzuschreiten, langsam, mit einer Würde, einem Ausdruck im zögernden Schritt, als schleppten sie lange, fließende Gewänder nach sich … Und die Lebensbäume beugten sich im leisen Wind und ein Stöhnen ward hörbar, ein schmerzvolles, geheimnisvolles Ächzen, das klang, als käm’ es aus fernen Welten her, als schweb’ es von den Sternen nieder, als quell’ es aus den Gräbern vor …

Die Alte brach zusammen in ein Kauern und stierte vor sich hin nach dem seltsamen Zug. – Ihr schien es, als trügen die Toten alle in ihren aufgerafften Gewändern kleine zitternde Kindlein und wandten sich nun wieder zu den Gräbern und hinter ihnen flossen die langen Säume, über Hügel und Gräser hinspielend wie Wässerlein … Nur eine stand noch immer bei den Zypressen und pflückte. Jetzt wandte sie sich zur Kirchentür, mit einem vollen Schoß, der weit abstand durch die Frucht ihres Leibes und die vielen sterbenden Ästlein, die sie trug. Sie brach auf den harten Steinen nieder und wimmerte ein Schluchzen hervor, so bitterlich, so schwer bedrückt, als trüg’ es hunderttausend Sorgen und nicht nur eine einzige.

Die Alte schlich näher, ganz nahe. Sie hätte den Rock der Liegenden ergreifen können. Aber das wollte sie nicht – sie wartete, bis der Leidausbruch vorüber sein würde und die Armselige sich erhob.

Jetzt zog sich die Verzweifelte langsam vom Boden auf, wandte sich um, prallte erschrocken zurück, verbarg ihr Haupt in den Händen und schlug gegen das Tor. Das gab einen dumpfen Laut, der hallte durch die ganze Kirche, drohend, wie ein dröhnendes Grollen, das zu Gottes Ewigkeit aufstieg.

Die Alte zitterte. Wie ein Frevel schien ihr der Wagemut der Unerkannten, die da vor ihr in das Allerheiligste zu flüchten sich unterfangen wollte.

»Still« – zischte sie – »still, nimm Vernunft an – ich bin’s – die Mutter Waser – so zeig dich doch – wer bist denn du? Ich tu’ dir nichts – als höchstens dich beraten …«

Sie zupfte die angstvoll von ihr Fortstrebende am Kopftuch, an der Schulter und suchte mit den kleinen Augen ihren Rücken zu durchdringen. Die Neugier stach die Alte wie eine Pein.

Da wandte die Verhüllte langsam das Haupt und ließ die Hände sinken.

Die Hebamme stieß einen Ruf aus – »Jesus Maria – du – !« Zu jäh war der Schrecken. Statt des jungen Mädchengesichtes, das sie erwartet, zeigte sich ihr das verhärmte Antlitz einer alternden Frau, der tugendhaftesten im Dorf, der armen Wittib, die mit sechs Kindern und der siebzigjährigen Mutter wohnte und im Schloss die Wäsche wusch.

»Alschbieta – um Gotteswillen – was ist dir begegnet?«, zitterte die Hebamme.

Alschbieta sank nieder, in verzweifeltem Schluchzen umklammerte sie der Alten Knie.

»Helft mir, Mutter Waser, helft mir, rettet mich vor der Schande!«

»Ich bin noch ganz wirr – komm, steh auf, wir setzen uns hier unter das Kreuz vor der Kirche – und du erzählst mir alles – wer – wer ist denn der Vater?«

»Ihr fragt noch? Wer ist denn hier der Vater von allen – unser Vater – können alle Kinder gleich beten – o Mutter Waser, ich hab’ mich gewehrt – Ihr könnt’s mir glauben …«

»Das schwört’s ihr alle«, sagte die Alte, »erst spielt’s ihr mit dem Feuer, und wenn’s euch dann in der Gewalt hat, wehrt’s ihr euch – dir mag’s halt geschmeichelt haben – so ein feiner junger Herr –.«

Der Mond schien hell auf das blasse, abgezehrte Gesicht, aus dem die großen Augen verzweifelt blickten.

»Was soll ich tun – ich spring’ ins Wasser –«

»No das fehlte gerade!« Die Alte wollte Alschbieta trostreich zulächeln und lächelte doch immer nur verschmitzt. »Sei doch gescheit – gar so groß is ja das Unglück nit – musst es nur recht bedenken. ’s kommt alles drauf an, dass man’s von der richtigen Seite anschaut. Jetzt bist halt in gesegneten Umständen – besser, dir is es passiert als deinem Reserl –«

»Das is wohl wahr!« Alschbieta war, als hätte sie dem Kinde zuliebe ein schweres Opfer gebracht. »Aber die Mutter schaut mich ni’ mehr an – –«

»Die Mütter, die Mütter, die sind immer dumm. Die deine hätt’ dich auch nicht angeschaut, wenn du heut’ noch verheiratet wärst –«

»Das is wohl wahr!«, nickte die Frau.

»Na also, da kommt’s auf eins heraus –«

»Aber die Schand?«

»Schaaand?« Mutter Waser dehnte das Wort. »Wie man’s auffasst. Sixt, bissel Spaß hat’s dir halt doch gemacht, wie der junge Herr dir nachgestiegen ist – jeder macht’s Spaß – Glaubst, der alten Portiunkula möcht’s ni’ auch Spaß machen, aber das dürre Luder is halt zu alt, die schaut kein Teufel mehr an –«

Ein Pfiff sauste durch die Luft, der kam von der Gräberseite her.

Sie lauschten eine Weile. Dann schwatzten sie ruhig weiter, zu zweien fürchteten sie sich nicht.

»Wirst ein wunderschönes Kind kriegen«, zischelte die Alte. »’s wird vielleicht das schönste von allen – schöner, als die von deinem schwindsüchtigen Mann sind – wird noch einmal dein Trost sein – Bist ja so eine saubere Person – sixt, alle im Dorf haben dich für alt gehalten; kein Mann hat dich mehr angeschaut –«

»Das is wohl wahr« – die Wittib hob den Kopf und sah der Trösterin frei in die Augen.

»Und jetzt werden sie merken, dass du eine bildsaub’re, junge, begehrenswerte Person bist! Pass auf, wie die Freier sich melden werden – denn ärmer wirst auch nicht wer’n durch das neue –«

»Gott gäb’s –«, Alschbieta faltete mit frommem Blick die Hände.

»Also – alles in allem betrachtet, is a Riesenglück über dich gekommen«, tuschelte die Alte eifrig. »Und das wollt’st jetzt so in’ Wind schlagen. Sei g’scheit, überleg’ dir’s, mach kei’ Dummheit, geh nach Haus, schlaf dich aus, lass die Lait reden – ’s is der pure Neid bei die meisten. Die sich gar so tugendhaft spreizen, die sind halt nie in Versuchung gekommen, haben nie ein junges Herz gehabt, waren schon in der Wiege alte Schachteln.«

Die welke Witfrau fühlte sich unter solchen Worten jung, schön, begehrenswert und heißblütig werden. »Mutter Waser – ich dank’ Euch vielmals …«

»Sobald es an der Zeit is, ruf mich und lass die alten Schachteln wie die Portiunkula reden, was sie wollen, wenn dei’ Schand’ oder dei’ Glück an den Tag kommt –«

Ein zweiter Pfiff sauste, ein Stein flog von irgendwo nahe an den Frauen vorbei und schlug an die Kirchenwand.

»Jessus, jetz’ wird’s gefährlich – jetz’ kommen die Geister auf!«, zitterte die Alte. »Schau’n wir, dass wir nach Haus’ finden –«

Sie hatte genau gemerkt, dass der Stein vom Grab der Lehrerin hergeflogen war. Heiliger Gott – wenn da ringsumher ein paar Hände lebendig würden!

Die Frauen schlüpften durch das Gittertor. »Ihr seid’s mein Schutzengel«, flüsterte Alschbietta, »Ihr habt’s mich dem Leben wiedergegeben –«

»Hört es, ihr Heiligen«, betete die Alte, »und schreibt es mir gut.« Laut sagte sie: »Man muss nur jedes Ding nach allen Seiten überlegen, ’s trifft sich immer ein Fleckerl, an dem man seine Freud’ haben kann.« Sie war entschlossen, beim Jüngsten Gericht ihre Sache selber zu führen. Im Dorfe begegnete sie dem Nachtwächter. »Endlich is mein Weib gestorben«, sagte er.

»Sankt Petrus wird der armen Seele das Himmelstor aufmachen«, tröstete die Hebamme. Die einen gingen und die anderen kamen. So hatte es der Herrgott eingerichtet. Ihr waren die Kommenden wichtiger als die Scheidenden.


Kommentar
Maria Stona war Schriftstellerin und Besitzerin von Gut und Schloss Strzebowitz bei Mährisch-Ostrau (tschech. Ostrava), unweit der Grenze zu Schlesien. In dieser mehrsprachigen Grenzregion ist ein großer Teil ihrer Erzählungen und Novellen angesiedelt, so auch die 1909 erschienene ‚Dorfgeschichte‘ Wie man’s nimmt. Obwohl sich die Geschichte durch subtilen Humor auszeichnet, der vor allem in der leicht ironischen, aber doch wohlwollenden Charakterisierung der Protagonistinnen zutage tritt, behandelt sie im Kern ein ernstes Thema: ungewollte Schwangerschaften und die damit einhergehende soziale Ächtung der betroffenen Frauen. Angespielt wird dabei auf die früher weit verbreitete Praxis, Abtreibungstränke aus den Zweigen des Lebensbaums (Thuja occidentalis) zu brauen. Obwohl der darin enthaltene Wirkstoff Thujon tatsächlich zu Blutungen der Gebärmutter führen kann, waren diese Abtreibungsmittel nur bedingt wirksam, dafür aber für die Schwangere lebensgefährlich: Die Wahrscheinlichkeit einer tödlichen Vergiftung war höher als die eines erfolgreichen Schwangerschaftsabbruchs.

Textnachweis
Aus: Die Muskete, 3. Juni 1909, S. 74–77. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Erinnerung, 1907–1908


Contentwarnung: Vergewaltigung, Victim Blaming

Der Unersetzliche

von Carry Brachvogel (1864–1942)

Der jähe Tod des berühmten Professors versetzte die kleine Universitätsstadt, an deren Hochschule er jahrzehntelang gelehrt hatte, in die größte Aufregung. Seine Beerdigung gestaltete sich zu einer imponierenden Kundgebung, wie sie das dankbare Vaterland nur seinen großen Söhnen bereitet. Der König hatte die sonst nur bei Fürstenbegräbnissen übliche Trauerhoheit entsendet, jede europäische Universität eine besondere Deputation. Alle Fachkollegen, die ihn beneidet und gehasst hatten, umstanden schmerzerfüllt seine Gruft und freuten sich, dass sie nicht drin lagen. Die Chargierten der Korps, Burschenschaften und freien Verbindungen legten prächtige Kränze an seinem Sarge nieder und versprachen dem Verstorbenen feierlich alles, was Chargierte nur versprechen können, wenn sie in Wichs sind und »im Namen« reden. Die Berichterstatter großer Zeitungen notierten und erfanden rührende und charakteristische Züge des Toten, in denen fast immer von seiner Hässlichkeit, seiner Barschheit, seiner Weltunerfahrenheit und seinem innigen Familienleben die Rede war, denn das Publikum hat’s gern, wenn ein großer Gelehrter hässlich, grob, weltfremd ist und ein Familiensimpel obendrein. Der Verstorbene hätte auch in der Tat weder mit dem Apoll von Belvedere noch mit dem höflichen Herrn v. Knigge konkurrieren können, hatte es auch nicht unter seiner Würde gefunden, ungefähr ein Halbdutzend Kinder zu zeugen – selbstverständlich alle legitim. Nur so ganz weltunerfahren schien er nicht gewesen zu sein, denn er hinterließ ein beträchtliches Vermögen. Davon aber brauchte schließlich das Publikum nichts zu erfahren …

Nach der Beerdigung gingen die Fremden tieferschüttert in ihr Hotel und die Einheimischen, nicht minder tieferschüttert, in die Kneipe. Etliche, die nicht einmal der Alkohol zu trösten vermochte über den Verlust, den die Alma Mater erlitten, begaben sich noch bei anbrechender Nacht hinaus vor die Stadt, nach einem bescheidenen kleinen Haus, das mit seinen herabgelassenen Fensterläden, hinter denen rosiges Licht schimmerte, äußerst sittsam und gemütlich aussah. Es war auch sittsam und gemütlich, denn es wurde ausschließlich von Damen bewohnt und ausschließlich von Herren besucht …

Am nächsten Morgen stand der Erstchargierte des Korps »Tantania« vor dem Mathematiker der Universität. Der Erstchargierte – Fritz v. Kumpfmüller – war der Sohn eines Oberstaatsanwaltes, Neffe eines Konsistorialrates und zweier Kirchenräte und berechtigte also selbstverständlich zu den schönsten Hoffnungen; trotzdem war er sonst ein normaler Mensch. Er sah etwas übernächtig aus – wahrscheinlich hatte er sich über den unersetzlichen Verlust der Alma Mater mit zu starken Mitteln trösten wollen. Auch dass er in seiner Angelegenheit gerade zum Mathematiker kam, ließ auf sanfte Verblödung schließen.

Der Mathematiker berechnete eben die schönsten Logarithmen und ließ sich zunächst durch den Eintritt des Herrn v. Kumpfmüller nicht im Geringsten stören. Erst als der Studiosus über seine einleitenden Worte hinaus dem Kernpunkt der seltsamen Angelegenheit näher kam, fuhr der Professor auf seinem Sitz herum.

»Herr Studiosus, das ist unmöglich! Sie … Sie müssen sich täuschen! Wie, dieser edle, unersetzliche Tote, auf dessen herrliches Familienleben wir alle mit Bewunderung blickten … er sollte … O, undenkbar!«

»Herr Professor, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen!«

»Wo, wenn ich fragen darf?«

Der Studiosus zögerte eine Sekunde lang, dann sagte er mit edlem Anstand und einer schweifenden Handbewegung:

»Bei der Mina selbst … gestern Abend …«

Da war der Mathematiker überwunden und erklärte sich für inkompetent. Selbstverständlich aber wollte er den ungeheuerlichen Fall unverzüglich dem Senat vortragen, so erforderte es das Ansehen der Alma Mater. Er tat etwas Niedagewesenes – er schob seine Logarithmen beiseite, begab sich unverzüglich und in großer Bestürzung zu seinen Freunden, dem Juristen und dem Historiker.

Der Historiker schrieb gerade an einem Buch: »Die Ethik der Assyrer im Jahre 961 v. Chr. in ihren Wechselbeziehungen zum Moralbegriff der Babylonier.« Es ist also begreiflich, dass er im ersten Augenblick nicht recht verstand, um was es sich handelte, dann aber bestürzt rief: »Wie?! Eine Hetära sagen Sie … (er betonte das »a« am Schluss, denn er hielt es für sehr ungebildet, wenn ein Mensch »Hetäre« sagte). Eine Hetära und dieser große, unersetzliche Tote …«

Der Jurist fragte, ob Defloration vorläge oder Folgen des außerehelichen Beischlafes vorhanden wären. Da jedoch weder die Logarithmen noch die Ethik der Assyrer darüber Aufschluss gaben, konnte ihm keine Antwort werden …

Am nächsten Tage schon trat der Senat zu einer Sitzung zusammen, in der die peinliche Angelegenheit besprochen und schleunigst erledigt werden sollte. Schleunigst. Sonst sahen am Ende noch andere, was der Studiosus v. Kumpfmüller gesehen hatte, und der Tote war noch im Grabe geschändet, die Alma Mater lächerlich gemacht, vernichtet …

Der Dekan der philosophischen Fakultät hatte das Referat übernommen. Er beherrschte sein Thema tadellos, denn er hatte sich genau informiert, so weit das, ohne Aufsehen zu erregen, möglich gewesen war. Aus Respekt vor der Würde des Senats berichtete er alle peinlichen Details nur im Flüsterton. Trotz der gedämpften Stimme lag die Sache aber doch bald klar am Tage: Der hochverehrte, unersetzliche Tote, der weltfremde Mann mit dem herrlichen Familienleben war ein regelmäßiger Gast jenes sittsam-behaglichen Hauses gewesen, hinter dessen geschlossenen Fensterläden abends rosiges Licht schimmerte … Und einer der Damen – Mina – hatte er kaum acht Tage vor seinem Tode seine Photographie mit einer launigen Unterschrift geschenkt. Er war nämlich, wie alle wussten, ein leidenschaftlicher Amateurphotograph gewesen …

Obschon des Dekans Flüstern fast erstarb, als er an das Bild kam, bemächtigte sich des ganzen Senats dennoch eine tiefe Entrüstung.

»Ein Hurenknecht also!«, sprach der Magnifikus. In diesem Jahr war gerade die theologische Fakultät an der Reihe und die biblische Stärke des Ausdruckes erschien daher begreiflich. Alle waren niedergeschmettert. Nicht einmal der Literarhistoriker wagte die Sache mit dem Bild zu verteidigen, obwohl er in den Kreisen der Alma Mater als Repräsentant einer schönen, gesunden Sinnlichkeit galt. Er las nämlich seit zwanzig Semester ein Goethe-Kolleg mit besonders schonender Behandlung der Vulpius und war außerdem Junggeselle.

Sein Halsknorpel, der neugierig über den umgelegten Hemdkragen hinaussah, hüpfte zwar etliche Male auf und ab, als wolle der Mann mit der schönen, gesunden Sinnlichkeit etwas sagen, aber ein Blick auf den biblischen Magnifikus und auf den ehrfürchtigen Flüsterdekan band dem Goethe-Professor alsbald wieder die Zunge.

Entrüstung allein war aber nicht der Zweck dieser Senatssitzung. Vielmehr war man zusammengetreten, um über das Bild zu beraten und über die Stellung, welche man zu ihm einnehmen sollte.

»Wir müssen das Bild erwerben«, sagte Magnifikus. »Es darf nicht in einem Freudenhause von Hand zu Hand gehen.«

»Und zwar muss es gleich erworben werden«, fügte der Jurist bei, »denn es ist anzunehmen, dass gerade jetzt, da das Interesse an dem Erblasser noch sehr rege ist, das Bild in eigennütziger, wenngleich nicht straffälliger, aber darum doch verwerflicher Absicht gezeigt werden könnte.«

Nach kurzer Beratung wurde beschlossen, einen unlimitierten Betrag für den Ankauf des Bildes auszuwerfen.

»Wer von den Herren übernimmt nun die traurige Mission, sich mit jener … jener« … »Hetära«, sagte der Historiker entschlossen. »Nun also, sich mit jener Hetära wegen des Bildes in Verbindung zu setzen?«

Der Magnifikus hatte gefragt. Alle blieben stumm. Nur der Dekan wagte schließlich zu fragen, und zwar ganz laut:

»Sollte man nicht vielleicht den Herrn Studiosus v. Kumpfmüller …?«

Magnifikus lehnte mit einer hoheitsvollen Geste ab.

»Die Würde der Alma Mater gebietet, dass die traurige Angelegenheit auf den engsten Kreis beschränkt bleibe.«

Nach etlichem Hin und Her wurde einstimmig der Literarhistoriker als die geeignete Persönlichkeit bezeichnet. Er las ja, wie gesagt, seit zwanzig Semestern ein Goethe-Kolleg mit besonders schonender Behandlung der Vulpius – also konnte ihm nichts Menschliches fremd sein. Er weigerte sich zwar ein wenig und sein Halsknorpel hüpfte aufgeregt auf und ab, aber schließlich nahm er die Sendung an. Mit den Dankesworten des Senats und seinem unlimitierten Betrag machte er sich auf den Weg …

Magnifikus erwartete ihn am nächsten Morgen – vergebens. Und am nächsten und am übernächsten, aber er wartete umsonst. Er konnte sich dies Zögern nicht recht erklären, aber da er Theologe war, wartete er mit Gottvertrauen. Am vierten Morgen endlich trat der Entsendete ein. Er war etwas blass, aber er hatte die würdige Haltung eines Mannes, der seiner Pflicht genügt hat. Sein Halsknorpel jedoch duckte sich hinter dem Hemdkragen, als schämte er sich dessen, was jetzt kommen musste …

Schweigend legte der Literarhistoriker ein sorgfältig versiegeltes Päckchen vor Magnifikus nieder. Der staunte im Stillen, dass eine einzige Photographie so dick sein könne, riss das Päckchen auf … sah … staunte noch mehr … begriff und war so empört, dass ihm nicht einmal das kleinste Bibelwort einfiel.

Das Päckchen enthielt nicht nur eine, sondern mindestens ein Dutzend Photographien, fast alle nach Dilettantenart geknipst, denn der berühmte Mann war ja ein leidenschaftlicher Amateurphotograph gewesen. Nur ein einziges Bild, das obenauf lag, war aus dem ersten Atelier der Stadt. Hässlich, struppig, wie er im Leben gewesen, zeigte es ihn. Unten stand von seiner Hand: »Der fidelen Mina in treuer Anhänglichkeit ihr alter Professor.« Die anderen Aufnahmen hatte er selbst geknipst. In anmutigen Gruppenbildern zeigten sie ihn und Mina, zuweilen auch noch in Gesellschaft der einen oder anderen Dame. Diese Bilder hätten sich nicht gerade für ein Jungmädchenzimmer geeignet, aber sie waren allesamt sehr flott und lustig und bewiesen, dass der unersetzliche Tote auch außerhalb seines Faches ein Mann von Begabung gewesen war …

In der nächsten Senatssitzung wurden die Bilder feierlich verbrannt; Magnifikus schob sie eigenhändig in den Ofen. Als die ersten Rauchwölkchen aufstiegen, schlug er heimlich das Kreuz; der Halsknorpel des Literarhistorikers schaute in träumender Erinnerung auf all die Reize, die zur höheren Ehre der Alma Mater verkohlten …

Als das Autodafé beendet war, öffnete Magnifikus die Fenster, um den abscheulichen Brandqualm hinauszulassen. Alle atmeten nun leicht und froh. Ihre Stimmung verschlechterte sich erst wieder, als der Literarhistoriker seine Abrechnung »für Bilder und Nebenspesen« vorlegte. Sie betrug nämlich an dreihundert Mark.

Zur Strafe dafür fiel der Urheber der ganzen Sache – Studiosus v. Kumpfmüller – beim Examen glänzend durch, nachdem er vorher zu den schönsten Hoffnungen berechtigt hatte.


Textnachweis
Aus: Die Muskete. Humoristische Wochenschrift, Bd. V, Nr. 114, 5. Dez. 1907, S. 74–75. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alice Pike Barney, In Pose, um 1900

Der Wegweiser

von Irene Forbes-Mosse (1864–1946)

Frühling 1918

O quante lagrime!

Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balkon herab, von seiner Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen zum Lehmboden nieder.

Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte, wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom Blutduft angelockt.

Aber eine davon saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten Wollbändern um die Beine verschnürt.

»Geh heim, Bärhild«, sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem Tisch.«

Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg wie bei einer Katze. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wusste nicht, wer von den beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals und kurzer zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.

»Jetzt geh ich Schlingen legen«, sagte sie mit rauer Knabenstimme und schlüpfte davon.

Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen standen und so einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den schleimigen Wänden wuchsen Farren und Moose, nur selten kam ein Lichtstrahl und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus hingestreckt in Weiden und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben schon blau von Vergissmeinnicht. Die Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur manchmal setzten sie die beiden Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen mitgebracht; fremde Schmiedarbeit aus Norden; fremde Buchstaben drin eingeritzt, sie sahen aus wie Beile und Galgen.

Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnen zur Welt gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte sie den kleinen zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen Sand.

Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Busch und Binsen, düstrer Erlenwald, wo das Wasser zwischen dem geschwärzten Silber der Stämme gluckerte und man die schmalen Dämme kennen musste, um nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war doch wie preisgegeben dem rauschenden Regen, der brütenden Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da hörte auch das niedere Gestrüpp auf, die Erde wurde dürr und karg, wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Hallen und Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in den alten Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wusste sie den Weg nicht; da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte, hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste, die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten dasselbe Los gehabt.

Daheim bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das säuselnde Wipfeldach und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren ihre Freunde gewesen, wie starke Helden stiegen die Stämme aus der rostigen Blätterdecke oder dem vollen Grund von Heidelbeeren und stäubendem Moos. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der hasste die Fallen und Schlingen. Eine Kugel ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht sein, und die Mütter und die Kleinen blieben geschont; aber es gab kein Quälen mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart, wie scharf sein dunkles Aug, wie gut hatte er’s immer gemeint!

Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Düften über den Geruch der Sümpfe, der braunen Gräben voll fauligen Erlenlaubs dahin. Da hatte wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Sterne aufgetan! Und der Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet, an jenem Tag, als der Jäger nicht wiederkam; als wolle er ihr helfen, ihr etwas sagen mit seinem Düften. Sie saß den halben Tag dort und sah ihn versinken in Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen traurigen Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht wieder. Da brach sie sich einen blühenden Zweig ab und ging in den großen, unbekannten Wald.

Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum. Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne glitt an den grauen Buchenstämmen nieder wie einer stolzen Mutter Lächeln über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war’s noch stiller, Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren reglos und redeten doch fern oben mit der blauen Luft. Doch das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller gewesen; da kam der Fingerhut zu seinem Recht, in großen Völkern stand er zwischen den Stümpfen und öffnete den heißen Sammetschlund der Sonne und den Bienen … Und die Stechpalme wucherte und der Holunder, die wilde Himbeere warf feine Arme aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, kein Bienchen konnte dran vorüber. Dort saß sie lang, die Hände um die Knie gespannt, der Berghang ihre Lehne, das blühende Erdbeerkraut ihr Teppich, unter ihr die Wiesen schimmerten durch den Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck rief und eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.

Wie dann der Abend kam, fand er sie in einer großen Lichtung; da lag der braune Waldsee mit schwarzen Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen bebend in der Luft mit glasigen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln schliefen, vom Tau verklebt in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie sich hin, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald seine Hallen.

Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm und gewaltig ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise klirrend die Armbrüste und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt, hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der ganze Wald summte in ihrem Herzen. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an sich.


Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Dort unten wohnte die Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen Hund. In hellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen. Nun fing es an zu dunkeln, das Haus lief über in die grauen Erlen und Weiden; nur oben unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber früh, wenn der Himmel noch düster war, liefen sie schon und sammelten sich in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie auseinanderstoben.

Die Frau ging ins Haus zurück. Heute Nacht wollte der wilde Mann heimkehren von einem Beutezug; da musste sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die grünen Wollkittel ihrer kleinen Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie lauschte den wunderlichen Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen in den grünen Stämmen und drinnen im braunen Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich, bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis; sie wussten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie forttrugen zu ihrer eigenen Brut, die mit bösen gelben Augen nach frischem Fleische schrie. Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben ganz wie die Menschen, und wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf mit leisem, heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag verschwiegen der moorige Teppich mit tausend nickenden Flockblumen oder die faulenden Blätter des Vorjahres, durch die sich die gelben Taubnesseln drängten.

Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl; mit dünnen Fingern tastete er über die Stühle und den Tisch, über ihre Arbeit im Schoß; da stützte sie den schmalen Kopf in die Hand und dachte an die Abende daheim, wie sie die Quelle schwätzen hörte im Dunkeln und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er hereintrat und sein weißer Bart im Mond noch weißer war.

Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört, viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat, haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als der andere, und der Kleinste war wie ein Kätzchen, man hätte ihn in die Tasche stecken können, die baten um Einlass.


Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt, saßen mit schweren Augen um die kleine Öllampe und erzählten weinerlich von Vater und Mutter und wie sie in die Irre gegangen seien. Die Frau ging von einem zum andern, streichelte dem den Kopf, rückte dem das Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie; immer wieder musste sie den Duft ihrer braunen warmen Hälschen einatmen, diesen gesunden Dunst, in den sich ein wenig Ruch mischte von Harz und Kohlenmeilern und fetter, ungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende Sprechweise war ihr wie langentbehrte Musik. Von einem guten, geplagten Vater, von einer harten, geplagten Mutter erzählten sie, von den Meilern tief im Wald und dem Hündchen Strupp, von Buchecken und Pilzen, und sie meinte, wieder mitten drin zu stehen, die Füße tief im Heidelbeerkraut, die gleitenden Sonnenstrahlen um sie her, als würde das Licht zur Orgel. … Aber auch von einem Dorf erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die einsame Straße entlang, wo Krähen auf den verschneiten Steinhaufen saßen und schweren Fluges in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen, und der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach, im Stroh, über ihnen die kleine schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten vom frischen Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o um Heilands Namen, ihr müsst fort, kommt, wir müssen gehen …«

Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die morschen Stufen hinauf, wo in der großen niederen Stube ihre kleinen Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen nebeneinander im Mondlicht, ganz fahl, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne glitzerten und der Atem kam und ging.

Draußen wusste sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing, doch war auch Holz aufgestapelt, das war ein gutes Versteck. Dort würde der Mann sie nicht wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach, durch die Nacht meinte sie schon die raue Stimme zu hören und das Pferd, wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen Augen frei ließ, dass er das Beben ihres Mundes nicht sehen möge, und zog den schweren Riegel zurück, als er näherkam. …


Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden Köpfe, und küsste sie ins Genick und sog noch einmal den warmen Hauch ihrer sonnenverbrannten Hälschen ein. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond schmalfingrig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war und seichte silberne Pfützen, wo der tote, weiße Sand begann und der Pfad langsam aufstieg, und dann, am Rande des Steinbruches vorbei, wo der Wind durch die Höhlen und Hallen fuhr und das schwarze Gewässer tief unten heraufstarrte zum Mond, wie eine Seele, die kein Lichtstrahl mehr erhellen kann … dort ging die Frau und trug den Kleinsten im Arm, ein anderer hielt sie am Kleid und die Größeren folgten ihr nach; an Abgründen und Kreuzungen kamen sie vorüber, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends an; sie sah nur grad in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben liegen und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten die Lichter. … Da kniete sie vor den Kleinen nieder und küsste sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und flüsterte ihnen in die Ohren, guten Rat oder waren’s nur Töne, wie brütende, säugende Tiere ausstoßen, nichts als Angst und Liebe! … Und wandte sich ab von ihnen in scharfem Schmerz, die nun still und ernsthaft im Mondlicht weiterstapften, so kleine Buben, die so große Schatten warfen.


Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen musste; erst durch Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten Thymian, dann aber steiniger, zu beiden Seiten umlagert von Geröll, und graues Gebüsch klomm aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad, schon fühlte sie wieder den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die schmalen Knie zurückschlug. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken!

Grad aus ging sie mit weit offenen Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen, und wusste nicht mehr, sollte sie rechts oder links, wo der Pfad sich teilte; denn der Wegweiser in ihrem Herzen redete nicht mehr. Im Steinbruch wisperte es und seufzte und immer tiefer ging sie hinein, und der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen.


Kommentar
Irene Forbes-Mosse (1864–1946), geb. von Flemming, war eine Enkelin Bettina von Arnims und damit die Ururenkelin von Sophie von la Roche. Als Autorin bevorzugte sie kürzere literarische Formen und schrieb v. a. Lyrik, Erzählungen und Novellen. Daneben war sie auch Übersetzerin und übertrug u. a. Werke von W. B. Yeats und Vernon Lee ins Deutsche. (Als Übersetzerin von Lees Erzählung Schwester Benvenuta und das Christkind kam sie auch schon auf Töchter der Zeit vor.) Mit Vernon Lee verband sie auch eine zeitweise enge Freundschaft. Wie die Texte ihrer berühmteren englischen Freundin haben die Erzählungen von Forbes-Mosse oft einen phantastisch-märchenhaften Einschlag. Auch Der Wegweiser aus dem Jahr 1918 greift auf Märchenmotive zurück: Erzählt wird die bekannte Geschichte vom kleinen Däumling, allerdings aus ungewohnter, nämlich weiblicher Perspektive und mit ungewohntem Ausgang. Für Forbes-Mosse charakteristisch ist die Art, wie darin durch dichte Naturbeschreibungen eine düstere, beklemmende Atmosphäre erschaffen wird.

Textnachweis
Aus: Neue Freie Presse, 24. Juni 1918, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Frances MacDonald MacNair, Man Makes The Beads Of Life But Woman Must Thread Them, um 1912/15

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