Kleine Hexe

von Margarete Beutler (1876–1949)

Und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt, und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt. Und kleine Hexe, kleine Hexe – darin liegt etwas wie Militärmusik, etwas, was das Blut hüpfen und die Augen tanzen macht; etwas, was die Finger ein bisschen krümmt, als ob sie ein Vorbeihuschendes fangen wollen, etwas, wie es in Großvaters Johannisbeerwein steckt – etwas, das sich wild berauschend und doch eigentümlich schwer aufs Denken legt.

Und es hat niemand zu ihr kleine Hexe gesagt, und sie wüsste gar nicht, wie das ist, wenn nicht, wenn nicht …

Um ein Uhr hatte sie heut erst gehen können – da waren noch einige Federn notwendig zu kräuseln gewesen. Nun ja, nach dem feuchten Wetter der letzten Tage!

Sie war abgemattet und hungrig. Aber als sie dann an das niedrige, von dem vielen Regen recht blinde Fenster trat, um ihren Hut aufzusetzen, da blitzte da oben in einem Fenster des vierten Stockes ein seltsames Leuchten. Und da lachte sie. Sie war wohl eine kleine Schwärmerin, denn sie lachte, weil sie wusste, dass das Leuchten da oben von der Sonne kam, und sie lachte, weil sie ahnte, dass es am Nachmittag etwas heller in dem kleinen Parterrestübchen sein würde. Es kräuselte sich noch einmal so schnell, wenn man weiß, dass es eine Sonne gibt da oben, die gewiss recht voll zu uns hineinschauen möchte, wenn der Hof nicht gar so eng und die Häuser nicht gar zu hoch wären.

Da am Fenster sah Trude auch, dass das Band an ihrem Hute schon recht fahl war. Vielleicht, dass man es umkehrte!

Oder ob sie das rotseidene Schürzenband herumgeben soll? Die Schürze hat sie zwar von Hanne Krüger zum Geburtstag bekommen, aber die ist ja viel zu schade zum Umbinden. Für wen soll sie sich wohl zu Hause solche feine Schürze umbinden – Mutter geht flicken – die Tante wäscht … Gertrud warf noch einen Blick auf das flimmernde Leuchten da oben, dann ging sie hinaus über den winzigen Hof, wo der Kommis aus dem ersten Stock Tabaksballen ablud.

Der Kommis ließ sie nie vorbei, ohne mit der Zunge zu schnalzen. Er hat sehr schwarze, listige Augenbrauen – mein Gott, so ein hässlicher Mensch! Was der sich einbildet! – –

Im Flur des Vorderhauses zog sie den einen braunen Zwirnhandschuh an. Sie zieht immer nur einen Handschuh an – sie hat eine hübsche, weiße Hand, und wenn sie den dunklen Rock so ein bisschen hebt und den kleinen Finger ein wenig zurückbiegt …

Sie stand allein in dem Hausflur. Er war finster und traurig wie diese alte Mietskaserne.

An der Wand vor ihr hing ein kurzer Schlauch mit einem Holztrichter – das war ein Sprachrohr, das irgendein Vizewirt einmal angelegt hatte, um in seine Wohnung hinaufzusprechen.

Wie ein Kichern ging es durch Trudes Gedanken: einmal etwas hineinrufen – dann fortlaufen – ganz flink!

Ihr Mund spitzte sich, und sie nahm den Schlauch in die Hand.

Aber da bebte etwas, da zitterte etwas von oben herunter. Da waren Töne – Worte – – sie legte mechanisch das Ohr an den Trichter und presste die linke Hand fest an die Brust.

Da, da – nun trafen die Töne, die Worte ihr Ohr – – aber – – aber das war ja ganz deutlich! – »I du – klei–ne H–hexe«, und dann ein trillerndes, unverschämtes Lachen wie unterdrücktes Schreien aus Mädchenmund.

Eine kalte, fremde Hand strich über Gertruds Körper. Sie wagt nicht zu atmen – – Da oben die Sonne, sie sieht sie vor sich – – Das kann nur der dicke Vizewirt und das rothaarige Stubenmädchen, dem der Tabakkommis neulich einen Klaps gegeben hat – sie hat das ganz deutlich gesehen! – – Und die Vizewirtin ist ausgegangen – die beiden sind in seiner Arbeitsstube … Einmal ist sie oben gewesen und hat die Miete von der Modistin heraufgetragen – dicht am Sprachrohr steht das Ledersofa – –

Ihr Arm sank schlaff herab – dann jagte sie aus dem dunklen Flur hinaus über die Straße, über die Brücke.

Sie sah die Sonne nicht, die aus dem Wasser freundlich zu ihr reden wollte, sie hob ihren Rock nicht und bog ihren hübschen, kleinen Finger nicht rückwärts. Ihre Hände zerrissen beinahe den braunen Zwirnhandschuh – ihre Augen suchten etwas Neues, Fernes, Hässliches …

Und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt, und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt. Und kleine Hexe – kleine Hexe – darin liegt etwas wie Militärmusik, etwas, was das Blut hüpfen und die Augen tanzen macht, etwas, was die Finger krümmt, als ob sie etwas haschen wollen, das vorbeikommen wird, das vorbeikommen muss.


Am Nachmittag war es wirklich heller in dem dumpfen Hofstübchen. Aber das bemerkte Gertrud nicht. Sie nahm sich schweigend ihre Federn vor – große, schwarze, glänzende Federn, die sich kühl und weich zwischen die Finger legen.

Große, schwarze, glänzende Federn!

Und wie die Fiederchen beben, als ob ein geheimnisvolles Leben in ihnen wäre!

Es ist Leben in ihnen – die Fiederchen sind schwarze, wilde Musikanten.

Was spielen sie?

Tolle bunte Weisen: Geigen trillern wie unterdrücktes Schreien aus Mädchenmund und irgendeine Flöte schäkert: »I du – kleine Hexe – klei–ne H–hexe!«

Die schwarzen, glänzenden Federn! Wenn sie über den Hutrand nicken, so weich, so biegsam – wenn sie sich um einen braunen, breiten Haarknoten schmiegen – – und dann – dann das graue Kleid dazu – ein weißer Unterrock –

Gertruds Nasenflügel zittern, sie liebkost die weichen, schwarzen, glänzenden Federn.

Die tollen Musikanten haben ihre Sache gut gemacht.

Morgen ist Sonntag – wenn die Kommerzienrätin heut’ nicht mehr um die Federn schickt, morgen tut sie es sicher nicht. Morgen – Sonntag – nicht!

Und nur einen Tag auf dem Hute die schwarze, wallende Pracht zu haben, einen einzigen Sonntagsnachmittag! Was schadet das der Kommerzienrätin, die Kästen voll Federn und Blumen zu Hause hat.

Am Montag werden die schwarzen Federn wieder in ihrer roten Pappschachtel in dem dunklen Parterrestübchen liegen. Einen Kasten voll Federn und Blumen möchte Gertrud haben – besonders Blumen. Rosaseidene, zarte Rosen oder purpurne Sammetrosen und ganz stille, traurige weiße Rosen – oder sonnengelbe, leuchtende Rosen – – aber am liebsten doch zarte, rosa Seidenrosen mit mattgrünen Blättern.

Und dann möchte Gertrud vor einem Spiegel stehen, der so groß ist, dass sie sich ganz und gar darin sehen kann. In einer weißen Mullbluse möchte sie davor stehen – – aber nein, solche Blusen sind nicht genug ausgeschnitten, in ihrem Einsegnungshemde möchte sie vor dem Spiegel stehen – das hat nur ganz schmale, gehäkelte Spangen über den Schultern und eine breite, durchsichtige Passe, die mit einem grünen Bändchen geschlossen wird.

In ihrem Einsegnungshemde möchte sie vor dem Spiegel stehen und sich die braunen Haare über die Schultern fließen lassen. Und dann die zarten, rosa Seidenrosen in die Haare hinein – und überall Rosen – an der Passe Rosen und auf den Schultern Rosen.

Aber nicht allein möchte Gertrud dastehen, es müssten irgendwo in der Nähe fremde, dunkle, bewundernde Augen sein, die ihre Mädchenschönheit in sich tränken.

Sie kennt wohl keine solche Augen?

Die Männer, die sie kennt, haben kühle graue Augen – kühle blaue Augen – kühle braune Augen – Geschäftsaugen – Alltagsaugen – meistens unter Gläsern –

Aber?

Aber …

Der schwarze Kommis – –

Die Augen könnten so aussehen – graulich beinahe in ihrer wilden Bewunderung – aber berauschend wäre das, berauschend wie die Musik der schwarzen Fiederchen und wie Großvaters Johannisbeerwein. –


Und dann ist die Luft so närrisch warm, und alles sieht so sonntäglich aus, und der schwarze Kommis ist so spaßig.

Und er ist absolut nicht hässlich! – –

Das ist viel schneller gegangen, als Gertrud gedacht hat.

Als sie gestern Abend an ihm vorbeiging, hat er wieder geschnalzt, und sie hat gelacht. Da ist er zu ihr in den Hausflur getreten und hat ihren Arm an sich gedrückt und gesagt: »Na, wie ist es, wollen wir nicht morgen ein bisschen zusammen ausgehen?« – Und seine schwarzen, seltsamen Augen hat sie dicht vor sich gesehen. Nein – solche Augen – solche Augen!

Und nun im Walde ist die Luft so närrisch warm – und das Moos ist so närrisch weich – und die Vögel haben solche possierliche Stimmen – und der schwarze Kommis drückt ihren Arm und erzählt so verdrehte Geschichten.

Aber etwas fehlt noch – etwas fehlt noch – das muss Gertrud noch hören – das Wort, das so mächtig macht, weil es ein Zauberwort ist. Sie kann nicht anders – sie kann nicht dafür – sie muss es hören, muss – muss – muss – –

Und plötzlich liegt sie vor dem schwarzen Kommis auf den Knien und drückt ihre schmächtigen Arme um seinen Leib und stammelt mit durstigen, lachenden Augen: »Du – du – sage mal – sage doch mal ›kleine Hexe‹ zu mir!«

Da lacht der schwarze Kommis, dass die Finken aufhören zu pfeifen, und umklammert und schüttelt ihre kleine Gestalt und zischelt: »Kleine Hexe – kleine Hexe – Hexe – Hexe – Hexe – – wenn du weiter nichts willst …«

Ach, das ist wie Johannisbeerwein, so wild berauschend – – aber man kann nicht mehr denken – gar nicht mehr denken. – –

Im Moose liegt der Hut mit großen, schwarzen, glänzenden Federn.

Die schwarzen Fiederchen geigen wirres, tolles Zeug.

Wind ist Kapellmeister.


Textnachweis
Aus: Die Gesellschaft. Halbmoantschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitk, XVI. Jahrgang, 1900, Bd. III, S. 163–167. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Louise Catherine Breslau, Die Putzmacherinnen, 1899

Schwester Benvenuta und das Christkind

Eine Klostergeschichte aus dem 18. Jahrhundert
von Vernon Lee (1856–1935)

Vor etwa sechzig Jahren und kurz vor seinem gänzlichen Aussterben tat das berühmte venezianische Haus der Loredan Schritte, um die Seligsprechung eines seiner Mitglieder, einer im Jahre 1740 zu Cividale verstorbenen Nonne, durchzusetzen.

Die Einwohner von Cividale hatten freilich die offizielle Bestätigung von Schwester Benvenuta Loredans Heiligkeit nicht abgewartet. Es bestand schon damals, wie allgemein bekannt, ein regelrechter Kultus und eine entsprechende Legende ihr zu Ehren. Ja, es scheint, als ob die Seligsprechung dieser jungen Edeldame (die in ihrem Weltleben die dritte Tochter Almoròs IV. Loredan, Grafen von Teolo und Soave und seiner Gemahlin Fiordispina Badoer gewesen) nicht nur aus Gründen der Erkenntlichkeit für ihre Frömmigkeit und Wundertaten ratsam geworden sei, sondern auch um die Andacht des Volkes in berechtigte Wege zu leiten und sie von allerhand phantastischen Gebräuchen und Aberglauben zu reinigen, die sich unbemerkt eingeschlichen hatten.

Denn die umsichtig ausgeführten kirchlichen Nachforschungen hatten festgestellt, dass die selige Benvenuta, wie sie vorzeitig benannt wurde, ein Hauptgegenstand der Andacht junger Kinder und ihrer zärtlichen Mütter in Cividale geworden war. In dieser Eigenschaft hatte sie sich das Ansehen und zum Teile die Legenden andrer, älterer und bestempfohlener Heiligen des Kalenders angeeignet. So war es Tatsache, dass die Kinder von Cividale nicht mehr die Heiligen Drei Könige für die Wohltäter ansahen, die ihnen ihre Neujahrsgaben brachten, sondern dass sie ihre Strümpfe und Schühchen herrichteten, damit die Beata Benvenuta sie füllen möge. Noch bedenklicher aber war es, dass ihr einige jener ehrwürdigen Vertraulichkeiten mit dem Christkind zugeschrieben wurden, die mit Gewissheit nur der heiligen Katharina, dem heiligen Antonius von Padua und – gewissen frommen Chronisten gemäß – dem seraphischen Franziskus selber nachgesagt werden können, während man ihr anderseits persönliche Begegnungen mit dem großen Feinde der Menschheit beimaß, wie sie nur von den Heiligen Antonius, Nikolaus von Bari, Dunstan, Anaximander, Vitus und Rodwald und der heiligen Theodora, sowie von einer geringen Anzahl wohlbekannter himmlischer Streiter, die in älteren Perioden der Geschichte lebten, festgestellt und beglaubigt sind.

Zu dieser offenbaren Regellosigkeit kam hinzu, dass eine jährliche Prozession zu Ehren der sogenannten Beata Benvenuta stattfand, die, von Kindern, hauptsächlich kleinen Mädchen, ohne jegliche Anleitung seitens der Geistlichkeit ausgeführt, lediglich darin bestand, dass die Kinder in Kränzen und phantastischen Gewändern aus Flittergold und allerhand bunten Flicken unter dem Absingen kindischer Verschen die Stadt durchzogen und sogar, wird erzählt, mit verschlungenen Händen tanzten sowie gewisse, kleine Pfeffernüsse aßen, die eigens für diese Gelegenheit angefertigt wurden. Eine ähnliche Art harten Backwerks, das mit gerösteten Mandeln gleichsam gespickt war, wurde am 15. Mai, dem Geburtstag der sogenannten Beata Benvenuta, in den Straßen von Cividale feilgeboten, welches Backwerk die Gestalt des kleinen Heilands in den Armen der genannten Nonne darstellen sollte. Auch wurde dieser Tag durch eine ungewöhnliche Schaustellung von Puppenspielen gefeiert, deren Besitzer auf die selige Benvenuta als auf ihre Schutzpatronin Anspruch erhoben, eine Behauptung, die mit größter Vorsicht aufgenommen zu werden verdient.

Aber der eigentümlichste Umstand in der ganzen fragwürdigen Angelegenheit, wohlgeeignet, die Einmischung der höchsten geistlichen Behörde zu rechtfertigen, war derjenige (und es gab in Cividale niemanden, der es in Abrede stellte), dass die Kinder beim Abzählen in ihren Spielen ein Verschen gebrauchten, dessen erste Zeile den Namen der seligen Benvenuta, dessen letzte aber den Teufel erwähnte.

Dies waren einige der Gründe, die, von der unbestrittenen Heiligkeit ihres Lebenswandels und einer ansehnlichen Reihe wohlbeglaubigter, wunderbarer Heilungen und Errettungen abgesehen, die Seligsprechung der Schwester Benvenuta Loredan von Cividale wünschenswert erscheinen ließen.

Seine Heiligkeit Papst Gregor XVI. lieh sowohl diesen Gründen als auch den lobenswerten Wünschen des edlen Hauses Loredan (welches alle Kosten zu tragen gewillt war) und denen der wenigen überlebenden Nonnen aus dem Kloster der heiligen Muttergottes vom Rosenbusch ein gnädiges Ohr; denn es herrschte auf beiden Seiten wohlberechtigter Stolz, ein so berühmtes Mitglied in ihrer weltlichen oder geistlichen Familie besessen zu haben.

Aber nach einigen Jahren eifriger Nachforschung in öffentlichen und privaten Archiven wurde die Frage der Seligsprechung Schwester Benvenuta Loredans fallengelassen.

Ihr Tagebuch, das sich unter den Akten des fraglichen Falles befindet, wird vielleicht sowohl auf ihren Anspruch auf Seligsprechung als auch auf den Grund, warum dieser Anspruch von der obersten Behörde nicht anerkannt wurde, Licht werfen.


Kloster der Hl. Muttergottes zum Rosenbusch zu Cividale in Friaul, Januar 1740.
Am Tage des Hl. Namens Jesu.

Ich muss immerfort daran denken, wie unserm lieben Christkindchen die Zeit so lang werden mag, ewig in dem Schrank in der Sakristei eingeschlossen, wo es so nach altem Holz und kaltem Weihrauch riecht, wenn man aufmacht.

Außer von der Christnacht bis zu Epiphanias, wenn es in der Krippe unter dem Hochaltar, zwischen Ochs und Eslein liegt, und an ein paar großen Festen, wenn es in der Prozession getragen wird, bleibt es immer in dem gleichen Gefach, zusammen mit den heiligen Knochensplittern, die in Baumwolle gewickelt sind, den überzähligen Messgewändern und den Wachslichtern, und die Schwester Messnerin ist immer so genau mit dem Zuschließen. Einmal, bald nach dem letzten Fronleichnamsfest, hatte sie vergessen, den Schrank zu verschließen, und da hab ich denn rasch einen großen Rosenstrauß hineingesteckt für den lieben Bambino. Ich sah, wie sie den Strauß ein paar Wochen später herausnahm, ihn auf Armlänge von sich hielt, die Nase rümpfte und ihn dann in den Ascheneimer warf. Da war ich froh, dass ich nicht auch einen der kleinen runden Kuchen – aus feinstem Mehl und Vino Santo – hineingelegt hatte, welche Schwester Rosalba – die so stolz auf ihren Onkel, den Dogen – nach einem Rezept aus Seiner Herrlichkeit Küche für das Fest zubereitet.

Wenn ich doch nur Messnerin werden könnte! Aber dafür bin ich zu jung, dazu auch lahm und kann nicht gut auf die Treppenleiter steigen. Aus all diesen Gründen habe ich mir vorgenommen, dass ich, weil ich nun doch niemals frei mit dem lieben, großmächtigen Kindlein reden darf, all die Dinge niederschreiben will, die es vielleicht belustigen möchten, und die Blätter in den großen, hohlen Silberarm verstecken werde, in dem ein Fingerknochen des heiligen Pantalio, Bischofs von Baalbeck, aufbewahrt wird, sobald ich Gelegenheit habe, mir an dem Schranke zu schaffen zu machen.

St. Agnes. Januar.

Liebes Christkindchen, ich habe sehr ernsthaft mein Herz erforscht, ob es auch nicht sündlicher Hochmut sei, mir einzubilden, dass ich dich unterhalten könne, und ob es nicht besser wäre, ich beichtete es. Aber unser Beichtiger ist ein gelehrter Mann; er hat eine Abhandlung über die Sprache geschrieben, die vor Adams Sündenfall im Paradiese gesprochen wurde (es soll ein türkischer Dialekt gewesen sein), auch schreibt er jedes Mal, wenn eine Nonne eingekleidet wird, höchst kunstvolle Sonette, die werden auf gelbe Seide gedruckt und mit dem Gefrornen herumpräsentiert. Unser Beichtiger meint, ich sei sehr einfältig; er würde wohl nur ungeduldig seine Prise nehmen und sagen: »Geschwätz! Betet um ein wenig Verstand, Schwester Benvenuta!« – Und es ist ja auch nicht Ruhmredigkeit, mithin keine Sünde, denn ich bilde mir nicht ein, dass ich diese Dinge auf kurzweilige Art erzählen werde oder mich mit Erhabenheit auszudrücken weiß, wie es die ehrwürdige Mutter tut, oder auf witzige Art wie die alte Schwester Grimana Erno, die mich immer zum Erröten bringt. Es ist lediglich, dass, wie einfältig ich auch immer bin (und ich war zeitlebens ein unwissendes Ding), es doch auf solche Weise ein bisschen kurzweiliger für unser liebes, großmächtiges Herrlein sein wird, dort in dem Wandschrank, ganz allein mit dem Holzwurm und den heiligen eingewickelten Knochensplittern unter gläsernen Glocken.

Vierter Sonntag nach Epiphanias.

Nein, es kann gewiss keine sündhafte Ruhmredigkeit sein; denn der Himmel würde mir nicht so bald etwas ganz wunderbar Merkwürdiges gesandt haben, meinem lieben, hochheiligen Herrlein zu berichten.

Ach, es ist so furchtbar aufregend! Es soll ein großes Fest am Fastnachtdienstag sein; all die Edelleute der Stadt sind geladen, und im Sprechzimmer wird ein Puppentheater spielen. Wir müssen so tun, als wüssten wir von nichts, bis es uns die ehrwürdige Mutter im Kapitel mitteilt; aber unter uns sprechen wir von nichts andrem, und so musste ich es gleich meinem lieben, gebenedeiten Herrlein erzählen.

St. Dorothea. Februar.

Der Puppenmann hat vorgestern eine lange Audienz bei der ehrwürdigen Mutter gehabt. Er soll einen schrecklich hohen Preis verlangt haben, weil das Kloster so vornehm sei und jede Schwester ihre sechzehn Ahnen haben und zum Mindesten tausend Dukaten an Mitgift einbringen muss. Aber die Ehrwürdige, welche eine Witwe aus dem Hause Morosini ist, hat ihm mit großer Würde ein gut Teil abgehandelt. Ich habe den Puppenmann einen Augenblick gesehen. Er ist ein ungestaltes Geschöpf, hat eine Bologneser Aussprache und schielt auf dem einen Auge; auch trägt er eine rote Perücke, und seine Strümpfe schlagen ihm Falten um die Beine. Schwester Rosalba, die viel Weltklugheit besitzt, meint, er sei nicht unter dem Kirchenbann, wenn er auch aussieht, als ob er’s wäre. Wir haben lang darüber geredet, ob das Puppenspiel eines Exkommunizierten auch ein exkommuniziertes Puppenspiel sein müsste, und ob es daher ins Kloster gebracht werden dürfe oder nicht. Schwester Rosalba meint, ein so vornehmes Kloster habe Vorrechte. Die Schwester Messnerin sagte, jedenfalls sei die ehrwürdige Mutter dem Menschen mit vollendeter Hoheit begegnet und habe ihn gewarnt, keinerlei Possen zu treiben.

St. Scholastica. Februar.

Oh, du wunderliebes Kindlein, wenn ich dir doch die Puppen zeigen könnte! Der Mann hat sie gebracht – zum Voraus – damit Zeit sei, Änderungen vorzunehmen, im Fall die Ehrwürdige oder aber unser Beichtiger etwas entdeckten, was ihnen sündlich vorkäme.

Die ehrwürdige Mutter hat sie alle in ihrem persönlichen Gemach mit dem Vergrößerungsglase untersucht. Schwester Grimana sagt, unser Beichtvater sei unwillig gewesen, weil einige der Puppendamen zu viel von ihren Hälsen zeigten. Aber unsre Äbtissin, die in der Welt gelebt hat, habe geantwortet, sie müsse staunen, dass der hochwürdige Herr nicht zu wissen scheine, dass eine venezianische Edeldame kraft des Gesetzes einer allerdurchlauchtigsten Republik ermächtigt sei, genau die Hälfte ihres Busens, und nicht mehr, zu entblößen, und dass hierin nichts zu finden sei, was die Schamhaftigkeit verletzen könnte. Ich verstehe nichts von solcherlei Dingen, aber es heißt, dass die Ehrwürdige fürder bemerkte, es würde ein ungerechtfertigter Tadel für die eingeladenen Damen darin liegen, wenn die Puppen, welche die Rollen der Königinnen, Fürstinnen und Heldinnen innehaben, ihre Schultern mit Seidenpapier umwickelt hätten, wie es der hochwürdige Herr in Vorschlag gebracht. Ich kann über die Mieder der Puppendamen nichts sagen; ich weiß nur, wie wunderniedlich die Puppen sind, und wie gern ich sie meinem allerheiligsten Herrlein zeigen möchte.

Denn, nachdem die Untersuchung im Zimmer der Frau Äbtissin vorüber war, wurden sie alle herausgebracht und auf hölzernen Gestellen – gleich Kleiderböcken – im Gang von Sankt Magdalenen aufgehängt, und dort durften wir Schwestern sie nach Herzenslust betrachten.

O liebstes Christkindchen, wenn ich dir doch die eine oder andre bringen dürfte! Sie haben Drähte durch den Kopf gezogen und Fäden an Händen und Füßen, die in einer dicken Holzspule endigen, an der sie aufgehängt werden; und wenn man an den Fäden zieht, bewegen sich ihre kleinen Holzhände wie Gabeln, das Kinn geht herunter, und der Mund öffnet sich, und ihre Arme und Beine strecken sich aus und klappern. Das ist freilich nicht die rechte Art, sie in Bewegung zu setzen, aber ich verstehe es nicht besser. Schwester Rosalba und Schwester Grimana halten sie in der richtigen Weise, dass ihre Füßchen (einige haben die niedlichsten Schühchen mit Rosetten, andre wieder gestickte Pantoffeln wie die Türken) fest auf dem Boden stehen, so dass sie sich grade halten und vorwärtsschreiten, wobei sie sonderbare Armbewegungen machen, sogar quer über den Rücken, was vielleicht doch nicht ganz in der Ordnung ist, aber ich weiß es nicht bestimmt.

Bei einigen von ihnen, besonders bei einem gräulichen Sklavonier, mit einem Leibgurt voller Messerklingen und großem Rosshaarbart, und bei einer Kammerzofe, da hatten sich die Bindfäden verwirrt, und sie drehten und drehten sich, aber immer mit dem Rücken gegeneinander.

Doch eine kleine Schäferin war da und ein Kriegsheld in blonder Perücke und römischem Rock, die waren gar leicht zu handhaben, und die beiden Schwestern ließen sie eine Menuett tanzen, wozu Schwester Grimana mit zittriger Stimme sang, bis dann meine Base, Atalanta Badoer, die noch Novize ist, eine Laute herbeiholte, welche von der Messe mit Musik am letzten Sonntag hiergeblieben war, und darauf eine Furlana spielte – o, so lieblich kam’s mir vor! … Kann mein liebes Herrlein die Musik in seinem Schranke wohl hören? … Aber einige der älteren Schwestern haben gescholten und nahmen die Laute weg. Wie gern wollte ich meinem lieben, gebenedeiten Kindlein die niedliche Schäferin zeigen! Die andern Puppen habe ich nicht so lieb; es sind wohl feine Edeldamen darunter, mit prächtigen Kleidern aus geblümtem Silberstoff, und Andriennen, dass ihre Hüften abstehen; die Schnebbenleibchen sind mit winzigen Perlen bestickt, und sie haben Schönheitspflästerchen und rote Schminke auf den Wangen, grad wie die leibhaftigen Damen, die bei meiner Mutter und meinen Tanten die Schokolade tranken. Einige haben auch leichte Mäntel an und Hüte, die mit schwarzen Tüchlein festgebunden sind, dazu weiße Masken wie Rüssel, genau so wie die Damen, die ich zur Faschingszeit die große Freitreppe in Venedig heraufkommen sah, von ihren Kavalieren gefolgt. O, diese weißen Rüssel und schwarzen Tücher und ihre großen Reifröcke, die unter den Dominos hin- und herschwankten, wie schrecklich war das doch, ich habe oft vor Angst geweint …

Nein, solche Puppen möchte ich dir nicht zeigen, mein allerliebstes Kindlein, auch die schlimmen Sklavonier und Türken nicht oder den Menschenfresser und den ekligen alten Doktor mit langer, roter Nase, oder den Harlekin, der ganz gestreift ist wie eine böse Schlange – auch nicht den Spanier Don Matamoros im schwarzen, geschlitzten Rock und Stiefeln, mit stacheligem Schnauzbart und einem Mund, der dich verschlingen könnte. Aber den sanften, gütigen Maurenkönig würde ich dir zeigen, und den schönen Helden in römischem Rock und blonder Perücke, der aussieht, als ob er eben sänge »Mio Ben« und »Amor Mio« wie der berühmte Sopransänger damals in der Oper – ich wurde hingetragen, ihn zu hören, kurz eh’ ich den Schleier nahm.

Aber vor allen andern würde ich meinem herzlieben Christkindlein die feine kleine Schäferin zeigen und sie an meiner Hand tanzen lassen. Oh, ich werde doch noch eine Sünde begehen, den Schrankschlüssel stehlen und mich herschleichen, um meinem lieben Herrlein die kleine Schäferin zu bringen.

St. Juliana.

Ich bin dumm und unvernünftig gewesen. Als wir heute wieder die Puppen besahen (denn wir bringen es alle Tage fertig – wenigstens einige von uns – sie auf ihren Gestellen anzuschauen), war da eine, wie ich die ansah, musste ich laut lachen; ja, ich lachte bis zu Tränen, und das war sehr dumm und sehr schlecht von mir, wie Schwester Grimana auch sagte, denn ich wusste die ganze Zeit gar wohl, dass die Puppe niemanden anders vorstellte als den Teufel.

Ich bin nie vor dem Teufel bang gewesen, ich, die ich mich vor so vielem fürchte – wie vor den Leuten in schwarzen Kapuzen und weißen Rüsselmasken, die in meines Vaters Hause Karten spielten und Samoswein tranken. Ich weiß, dass es unrecht ist, und oft habe ich recht gebetet, dass ich’s doch lernen möchte, mich vor dem Bösen zu fürchten; aber ich hab es niemals vermocht, und all die Bilder von ihm, und die Sachen, die wir über ihn im spicilegium sanctorum zu lesen bekommen, haben mich immer nur zum Lachen gereizt. So bin ich denn aus Unvernunft, und weil mein Herz verstockt ist, über diese Teufelspuppe in Lachen ausgebrochen, und das war sehr unrecht von mir; aber, o du herzliebes Kindlein, du würdest auch gelacht haben!

Die ehrwürdige Mutter hat gesagt, es sei an der Zeit, dass dies kindische Getändel mit den Puppen im Kloster zum Rosenbusch nun endlich aufhöre; so sind wir nunmehr alle sehr geschäftig, und ich habe kaum Zeit, meinem viellieben Kindlein zu schreiben. Unser Kloster ist sehr vornehm, nur Patrizier der allerdurchlauchtigsten Republik und Grafen vom Heiligen Römischen Reich dürfen ihre Töchter anmelden; so werden wir denn zu keinerlei Hausarbeit zugelassen, denn dafür sind die Laienschwestern da. Mich will es oft betrüben, dass dem so sei, denn ich habe keinen hohen Sinn, wie es meinem Stande zukäme – darüber haben schon meine Wärterinnen geklagt. Wie gern würde ich in der Küche Erbsen aushülsen und Reis waschen oder Paradiesäpfel in Scheiben schneiden! Wie oft beneide ich die Laienschwestern, wenn sie die wohlriechende Gartenerde umgraben oder wenn sie pflanzen und pfropfen, während wir in den Kreuzgängen auf- und niedergehen. Ich weiß es, meine unbeholfenen Finger würden sich wohler fühlen, wenn sie den armen Kindern und alten Weiblein wollne Hemden zum Winter nähen dürften statt all der Stickereien, die mich so sauer ankommen. Aber ich fürchte, das ist wohl nur der böse Geist des Aufruhrs und der Unzufriedenheit (die Sünde Accidia, von der unser Beichtiger spricht), und ich will recht inniglich beten, dass mir ein dankbares und demütiges Herz werde.

Ja, wie dem nun sei, wir Schwestern sind alle sehr eifrig geworden. Einige haben Pomeranzen verzuckert und in den silbernen Kochtiegeln der ehrwürdigen Mutter Rosolio bereitet, andre haben Altardecken genäht, gestickt und Spitzen gemacht oder allerhand sinnreichen und andächtigen Zierat aus geflochtnem Stroh, aus goldnen und farbigen Papierstreifen und bunten Perlen hergestellt. Ich war unter denen, so die Ehre hatten, gefälteltes, gekräuseltes und getolltes Linnen für Seiner Eminenz des Patriarchen Chorröcke anzufertigen. Und dabei habe ich wieder eine Sünde der Anmaßung begangen, indem ich dachte, Seine Eminenz habe an Chorröcken mehr denn genug, und heimlich wünschte, von all diesem gekräuselten Linnen, das so zart ist wie Seeschaum oder wie Blüten unsrer Mandelbäume, meinem lieben hochheiligen Herrlein etwas abgeben zu dürfen, welches es so kalt hat in dem Schrank in der Sakristei, und hat doch nur eine harte Schärpe aus Purpur und Gold um seinen armen, kleinen Leib.

St. Kunigunda.

Ich muss dir nun wirklich von dem Puppenteufel erzählen, du mein vielliebes Christkindlein; denn wenn ich dich zum Lächeln bringe, so werd ich fühlen, dass es nicht bloßer Leichtsinn ist, der mich immer zum Lachen verleitet, wenn ich ihn ansehe oder auch nur an ihn denke.

Auf seinem Zettel steht »Beelzebub Satanasso, Fürst über alle Teufel«, und er ist an der Spule über seinem Kopf auf dem Kleiderstock im Klostergang von Sankt Eusebius aufgehängt, grad unter dem Bilde von Sebastiano Ricci, das den martervollen Tod der Heiligen Agathe darstellt. Die Puppen ihm zur Seite haben auch Zettel, die eine heißt »Pulcinella«, die andre »Sophonisbe«. Aber dicht neben ihm, so dass man beinahe meinen möchte, sie seien aus einem Stück, ist ein fürchterliches Ungeheuer, das heißt »Basilisk«.

Der Teufel trägt einen schwarzen Schlafrock mit einer hellblauen Schärpe; er hat einen Stab aus Ebenholz in der einen Hand, und auch seine Beine, da, wo der Rock aufhört, sind aus Ebenholz, grad wie die eines Pferdes, mit fein geschnitzten, schwarzen Hufen. Auch hat er lange Ohren und kleine feuerrote Hörner. Er scheint die eine Hand auf den Basilisken zu stützen, und er soll wohl eigentlich recht furchtbar sein. Oder eher, ich sollte mich wohl recht vor ihm fürchten. Denn es ist ja sehr schrecklich, Hörner und Pferdehufe zu haben, und einen Drachen neben sich und »Beelzebub Satanasso, Fürst über alle Teufel« zu heißen. Aber das macht mich nur lachen, du mein vielliebes Kindlein, lachen und immer wieder lachen; und ich weiß es gewiss, du würdest auch lachen, ob du auch das fleischgewordene Wort bist, und all die großen Dinge, die wir in der Christenlehre lernten. Ach, ich wünschte mir, du könntest ihn sehen oder ich könnte ihn dir beschreiben!

Er hat ein breites Gesicht, mit einem Barte wie ein Kapuziner, und schwarze, glotzende Augen, und diese Augen scheinen aus dem Kopf herauszustehen, als ob sie etwas begreifen möchten und doch nicht könnten; und der Mund mit dem Bart ringsum steht auch offen, als ob er etwas nicht recht verstehen könnte, und das ganze Gesicht ist krausgezogen, um ausfindig zu machen, was eigentlich von ihm verlangt wird.

Sooft ich ihn ansehe, muss ich an den Präzeptor meiner Brüder – er war Oratorianer – denken, wenn ihm die schlimmen Buben Igel ins Bett gelegt hatten, dass er sich stach und anhub, auf Lateinisch zu wehklagen. Aber um den Präzeptor tat mir’s immer leid, und mit dem Teufel hab ich kein Krümchen Mitleid, nur lachen muss ich, wie er so steif ist und glotzt und den Mund aufreißt vor lauter Verantwortlichkeit, der Teufel zu sein. O, du mein liebes, heiliges Kindlein, wie lustig wär’s, wenn du und ich ihm einen rechten Schabernack spielen könnten! Es wär ja nicht so arg, wie Igel in das Bett eines Hochwürdigen Herrn zu tun, denn er hat doch Hörner und Hufen, und er ist der Teufel.

Wenn ich nicht so dumm im Kopf wäre und ein bessres Gedächtnis hätte, so könnte ich mich auf die Possen besinnen, die ihm die frommen Väter in der Wüste und all die andern Verklärten aus dem goldnen Legendenbuch gespielt – nicht der Puppe, mein ich, sondern dem Teufel.

Aschermittwoch, 1740.

Die Aufführung ist vorüber. Es war die Geschichte von Judith, wie sie den Holofernes umbringt und ihr Volk befreit, alles von unserm Hochwürdigen Beichtvater in Alexandrinerverse gebracht, denn er führt ja unter den arkadischen Hirten den Namen »Corydon Melpomenias«. Der Kopf des Holofernes fiel wirklich herunter, und eine Menge roter Wolle kam heraus, es sah ganz natürlich und schauderhaft aus. Dann war noch der Triumph der Judith, welche angeputzt war wie die Pariser Modepuppe bei der großen Uhr in Venedig, auf einem goldnen Wagen mit Transparent, und die Zeit erschien mit ihrer Sense, und die Religion kam aus den Wolken herab, um unsrer ehrwürdigen Mutter und der ganzen edlen Familie Morosini (Morosini Peloponnesiacus mit einbegriffen) ein Loblied zu singen.

Hierauf gab es noch einen Tanz von lauter Türken, sehr zierlich, und eine unterhaltende Szene, nachdem Holofernes schon tot war, zwischen dem Kammermensch der Judith und Harlekin, des Holofernes Diener. Die Puppen waren wie lebendig, sie schlugen mit ihren Füßchen auf dem Boden auf, und wenn sie Reverenzen machten, klappten sie in der Mitte zusammen, streckten die Arme aus und ließen den Unterkiefer mit einem kleinen Knacks herunter, genau als seien es kleine Menschlein; ihre Stimmen waren höchst wunderbar, wie Dudelsack oder Mundharmonika.

Es war eine unzählbare Gesellschaft von Edeldamen und Kavalieren, Prälaten und Mönchen und Offizieren; auch Seine Exzellenz der Herr Provveditor der Republik und der oberste Spion waren zugegen, und es wurde Gefrornes, Schokolade und allerlei Sorbetti gereicht, und Tische waren aufgestellt zum Kartenspielen für die hohen Herrschaften. Und tausend Wachskerzen zum mindesten brannten in den Glaskronen aus Murano, die sonst nur am grünen Donnerstag, zur Ausstellung des heiligen Grabes, angezündet werden.

Als dann alles vorüber war, gab es noch ein Handgemenge zwischen den Sänftenträgern des Patriarchen und den Bravos Seiner Exzellenz des Grafen von Gradisca; ein Mann blieb für tot liegen, und am nächsten Tag wurde ein Flickschuster von der Polizei auf die Folter gespannt, damit man der Sache auf den Grund komme und Recht walten möge.

Wir Schwestern saßen alle hinter einem vergoldeten Gitter, aber als die Jüngste saß ich bei den Novizen, und war mir nicht möglich, sie zu einem geistlichen Betragen zu zwingen oder sie zu verhindern, mit Makronen nach ihren Brüdern und Vettern zu werfen. Ich hätte mich wohl recht verlustieren sollen, aber stattdessen tat ich die ganze Zeit weiter nichts, als mir bittre Vorwürfe über meine Undankbarkeit gegen die Vorsehung und gegen unsre ehrwürdige Mutter zu machen, welche mir gestattet, einer so feinsinnigen und ausgezeichneten Unterhaltung beizuwohnen, wogegen ich nur mit Bitterkeit und dem einzigen Wunsch erfüllt war, einen vollen Wasserkrug über die Tür der Schwester Messnerin zu stellen, auf dass sie unbarmherzig begossen und erschreckt werde und ein lächerliches Geschrei ausstoßen möge, wenn sie in ihre Zelle zurückkehrt. Denn ich hatte einen Anschlag gemacht, der ganz gewisslich keine Sünde war (auch werd ich ihn nie und nimmer beichten), um den Schlüssel zum Wandschrank zu stehlen, mein liebes Christkindchen herauszunehmen und grad gegenüber dem Theater, in der großen Vase aus Pappe, die mit künstlichen Rosen gefüllt ist, zu verbergen, wo es die ganze Aufführung mitangesehen hätte. Aber die Schwester Messnerin schloss die Schranktür doppelt und dreifach zu, gleich nach der Frühmette, zählte die Schlüssel und steckte das ganze Bund mit einem herausfordernden Blick an ihrem Gürtel fest. Oh, wie ich sie hasse! Und sie kommt auch ganz gewiss nicht in den Himmel wegen ihrer Anmaßung und Lieblosigkeit gegen mein liebes, hochheiliges Kindlein.

Im Juli. Am Tage St. Praxedis.

Ich fürchte, dass ich mich zu der Todsünde Hass und Hartherzigkeit habe hinreißen lassen; doch wie wäre es möglich, die Schwester Messnerin nicht zu hassen und nicht zu denken, dass sie ein Gesicht macht wie ein Hahn, wenn sie bei jeder Gelegenheit so lieblos gegen mein geliebtes Christkindchen ist, das doch gewisslich der König des Himmels ist und Achtung erheischt, und sei’s auch von einer venezianischen Edeldame? Aber wie sich alles zutrug, will ich nunmehr berichten:

Unsre ehrwürdige Mutter, die wohl bange war, das Puppenspiel sowie der Anblick all der feinen Damen und Herren möchte den Novizen und jüngeren Schwestern weltlichen Unfug in den Sinn gebracht haben, hat anbefohlen, dass sich das ganze Kloster täglich vier Stunden lang – zwischen Frühmette und Abendsegen – frommer Arbeit widmen solle, dazu angetan, geistliche Betrachtungen und bußfertige Gespräche zu fördern.

Alle Reliquienschreine sollen mit Silberkreide geputzt und die Baumwolle und Bändchen der heiligen Reliquien sämtlich erneuert werden. Es ist das eine mühsame Arbeit, denn die kleinen Knochensplitter sind mürbe, und viele davon so winzig, dass sie manchesmal zwischen all der Watte und den Bandröllchen auf dem Arbeitstische verloren gehen.

Auch sollen die Schwestern, so mit der Nadel behänd sind, die Kleider der vielen heiligen Bildwerke auffrischen und diejenigen Teile ihrer Spitzen und Verbrämungen, wo es nottut, zu sorgsamer Ausbesserung beiseitelegen. All die verschiedenen Gottesmütter sind heruntergenommen worden, und ihre Kleider wurden genau untersucht. Die ehrwürdige Mutter war sehr aufgebracht über den argen Mottenschaden gleicherweise, dass die Schuhe und Strümpfe und spitzenbesetzten Rastüchlein keineswegs vollzählig sind; einige der Männer, die im Garten arbeiten, sind darum ernstlich verdächtig und wurden dem Heiligen Officium zum Verhör ausgeliefert. Meine Base Badoer, die ausgelassenste der Novizen, sagt, es sei die Fortsetzung des Puppenspiels im Kopf unserer ehrwürdigen Frau Äbtissin, worauf ich sie zu demütigeren Gedanken ermahnt habe, aber doch, in meiner Unweisheit, das Lachen nicht verbeißen konnte.

Wie von selber gingen meine Gedanken zu allererst zu meinem lieben, hochheiligen Herrlein in seinem feuchten, dumpfigen Schrank, ohne das geringste Gewändlein, nur mit der harten Schärpe aus Scharlach und Gold um die Mitte.

Da ich nun weiß, dass die ehrwürdige Mutter mir wohlgesinnt ist (teils um meines Gebrechens, teils auch meiner Familie willen, die bis zu den ersten Zeiten der durchlauchtigsten Republik zurückreicht und ursprünglich von Lars Porsenna, König von Rom, abstammt), so wagte ich, ihr anheimzustellen, dass es wohl ziemlich sein dürfte, dem Allerheiligsten Kleinen ein Röcklein von weicher Seide über einem linnenen Untergewändlein anzufertigen, auf dass es warm liege, wenn es zur kalten Weihnachtszeit in der kahlen Krippe ausgestellt wird.

Die ehrwürdige Mutter sah mich lange an, lächelte und kniff mich sogar in die Wangen, indem sie sprach: »Wahrlich, unsre Schwester Benvenuta Loredan ward erschaffen, um im Himmel das Kindermühmchen zu sein.« Aber in diesem Augenblick, just als sie mir die Erlaubnis erteilen wollte, wer trat herein, – ach, es ist sündlich zu hassen, aber ich hasse sie doch – die Schwester Messnerin, die sofort kaltes Wasser über meinen Vorschlag goss, indem sie auseinanderzusetzen begann, dass Zeit und Geld draufgehen würden, die besser angebracht seien, um das Skelett des Heiligen Prodoscimus neu einzukleiden, einer höchst verdienstvollen Reliquie von achtbarstem Ruf, mit Schleifchen aus echtem Demant in den Augenhöhlen, und die es wohl wert sei, für die Andacht der Gläubigen ausgestellt zu werden. Das Jesuskind, fügte sie hinzu, sei nie bekleidet gewesen und die Schärpe selbst nur ein Zugeständnis an die Schamhaftigkeit; aber niemand habe je davon gehört, dass ihm ein ganzes Gewändlein vonnöten, der Vorschlag sei nichts andres denn Neuerungssucht und, käme er nicht von einer Schwester, für deren offenkundigen Schwachsinn bereits Fürbitten getan würden, beinahe derart, dass der Verdacht der Häresie naheliege.

Da wandte sich die Frau Äbtissin zu mir, und, indem sie ihren beringten Finger warnend hin und her bewegte, sprach sie: »Pfui, pfui, Schwester Benvenuta, das gebenedeite Kindlein ist nicht Euer Cavalier servente, dass Ihr es mit Sammet und goldenen Flittern ausstaffieren möget.« Und dann drehte sie sich um und verlangte zu wissen, wie viel fette Karpfen abgeliefert seien für das Mahl, welches vom Kloster zu Ehren des Monsignor Almosenier von Sankt Patrick hergerichtet wird.

5. August. Mariä-Schnee.

Aber mein vielliebes Christkindlein soll sein Kleidchen haben, und ein weicheres, wärmeres und stattlicheres, als es die Schwester Messnerin dem heiligen Prodoscimus mit den Demantaugen herrichten wird.

St. Ursula und eilftausend Jungfrauen.

Ich bin in diesen letzten Wochen schwer heimgesucht worden durch Bitterkeit und Verzweiflung. Ich hatte eine Laienschwester bestochen, mir Seide und Goldfaden und feinstes Linnen zu kaufen; und jede Nacht habe ich in meiner weißen Zelle auf dem Bett gesessen und mir solche Mühe gegeben, meinem lieben, allerheiligsten Kleinen sein Gewändlein zu machen. Aber immer, wenn ich eben anfangen will, seh ich die bösen Augen der Schwester Messnerin, die mich anblickt wie ein alter Hahn. Dann zittert die Schere in meiner Hand, ich schneide und schnipple aufs Ungewisse in den Stoff hinein, die Vorderteile und der Rücken passen nie zusammen, ach und nun gar die Ärmelchen! … Ich habe auch schon ein Hemdchen von einem Gärtnerkind entlehnt und habe den Schnitt danach gemacht, wenn er auch gar plump ist. Mein liebes Kleines wird mir’s verzeihen, wenn das Gewändlein auch besser einem jungen Bären anstehen mag als meinem heiligen Herrlein. Doch es soll bedeckt werden mit Arabesken und Sinnsprüchen, wie die Gewänder der Heiligen auf den goldgrundigen Bildern in unsrer Kapelle, die alle die Herrlichkeit des allmächtigen Kleinen in Versen und Symbolen erzählen werden: Fische und Sonnen und Monde, kleine Sternblumen und springende Seidenhäschen und pickende Vöglein! Und jedes Fältchen wird mit einem kleinen, liebenden Herzschlag durchstochen sein!

21. Sonntag nach Pfingsten.

O du törichtes und ruhmrediges Schwesterlein Benvenuta! Wie ist deine Hoffart gesunken! Meine Finger sind klamm in den eisigen Nächten; die Nadel fährt schief in den Stoff und kommt heraus, wo sie nicht soll; die Stiche sind oft so grob wie Binsengeflecht, und bisweilen purzeln sie übereinander; dann verknotet sich der Faden, oder die Nadel fädelt sich aus, und ich richte mich auf bei meiner Kerze und führe den gewachsten Faden gegen das Nadelöhr, und nun ist er gewisslich drin, und ich gebe einen kleinen Schubs – und siehe da, er geht daneben und will durchaus nichts mit dem Nadelöhr zu schaffen haben. Ach – und wer hat wohl die Fingerhüte erfunden, und warum?

O heilige Martha, Schutzpatronin aller emsigen Hausfrauen, warum ward ich gelehrt, Menuett zu tanzen und mich zu verbeugen und zum Spinett zu singen und zu sagen »Oui, monsieur – votre Servante, Madame« – aber warum lernt ich niemals, niemals säuberlich nähen?

St. Kreszenz.

Ich werde diese Blätter nicht in den silbernen Arm im Wandschrank tun. Mein heiliges Herrlein soll sie wohl lesen, aber erst später, wenn es sein Röcklein hat, damit es sich daran erfreuen möge … und auch am Preis, den es gekostet. Ja, du geliebtes Kindlein, ein Preis, viel höher als alle Silbergulden und Golddukaten, alle Zechinen und Dublonen, die für Seide und Atlasgewand, für Spitzenwerk und Verbrämung irgendeiner Madonna oder Heiligen in allen Christenländern je gegeben wurden … der einzige Preis, der wert ist, gezahlt zu werden, um dich zu freuen: der Preis einer Seele, die gewisslich recht einfältig und töricht ist, aber so ganz erfüllt von unvermischter Liebe und Andacht, wie eine Weintraube von Süßigkeit, wie eine Rose von Wohlgeruch.

Erster Sonntag im Advent.

Sie müssen wohl ihn gerade verloren oder verlegt haben, als das Puppenspiel zu Ende war, und er ist zurückgeblieben, vergessen, in einem Winkel. Oder aber … ich muss vergessen haben, dass es Worte gibt, die immer gehört werden, und wär’s in noch so großer Ferne, und die der Böse beantwortet, beinahe ehe sie gesprochen.

Wie dem auch sei, ich fühlte einen plötzlichen Lufthauch, und dann war ein seltsames kleines Geräusch auf den Fliesen meiner Zelle, ein Geklapper und eine Reihe kurzer, harter Stöße, wie wenn die Ehrwürdige, auf ihr Malaccarohr gestützt, durch die Kreuzgänge geht; es war etwas, dass mein Herz auffuhr und stille stand und meine Stirn feuchtkalt wurde. Und als ich mich auf meinem Betschemel umwandte, da stand er da, in dem vermischten Lichte – hell und doch so blass – meiner Kerze und des runden Monds. Er kam mir eigentlich größer vor, so groß wie ich selbst; aber sonst war er ganz der nämliche. Derselbe schwarze Schlafrock, von einer blassblauen Schärpe umwunden, und, wo er endigte, die feinen graden Pferdebeine mit glatten Ebenholzhufen. Derselbe Kapuzinerbart, die langen Ohren und kleinen, roten Hörner; und ganz der gleiche Ausdruck, starr und glotzend und gaffend, und so besorgt, ob er auch verstehen würde, wovon die Rede sei und was alles von ihm verlangt werde.

Er klappte seinen Körper beinah entzwei, als er sich verbeugte und mit der einen Hand – wie eine Gabel war sie – den Fußboden berührte; die andre hielt er auf der Brust; dann ließ er seinen beweglichen Unterkiefer mit einem unbestimmten Ruck herunterhängen, so dass ein großer, runder Mund sichtbar wurde, und eine Zunge darin, die anhub zu sprechen. Ich kann mich besinnen, dass ich auf die Zeit achtgab, die zwischen dem Herabsinken seines Unterkiefers und seinen ersten Worten verging; auch dass ich zu mir selbst sagte: »ich würde seine Augen so eingerichtet haben, dass er sie rollen könnte« – aber ich kann nicht sagen, hatte er Drähte und Fäden am Leib oder nicht.

Ich lachte; aber, wie ich es tat, war mir, als sei mein Atem eiskalt geworden und mein abgeschnittenes Haar stünde zu Berge unter meiner Haube.

Es schien mir eine Ewigkeit, ehe er begann, und als er es dann tat, mit quäkender Stimme, wie die Masken reden, und mich plötzlich beim Namen nannte, da war ich auf einmal wie erlöst, mein Herz befreit und ganz ruhig. Er fragte mich, ob ich wisse, wer er sei, und deutete auf den Zettel, der an seiner Schulter hing, wo zu lesen war: »Beelzebub Satanasso, Fürst über alle Teufel.« Er schien mir etwas schwer von Verstand zu sein, und als liebte er eine Menge unnötiger Erklärungen und Klauseln, aber ungemein höflich in seinen Reden, und bediente sich vieler, langsilbiger Worte, deren Sinn er zwischendurch erklärte.

Er wünschte die genauen Maße zu wissen, entsprechend den neuesten Vorschriften über das Zuschneiden von Kleidern, wie sie in dem Handbuch nützlichen Wissens für junge, adlige Frauenzimmer zu finden sind. Auch war es ihm sehr drum zu tun, ob der Heilige, der das Muster trägt, der zweite oder dritte zur rechten Hand sei, wenn von der Mitte aus gezählt, wiewohl ich ihm aufs Genaueste beschrieben hatte, dass es der mit den roten Haaren und grünen Stiefeln sei (worauf er aber nicht sonderlich acht zu geben schien), und dann auch, ob das Bild links vom Altare hinge, trotzdem ich ihm wiederholentlich bedeutet hatte, dass es die Weisen aus dem Morgenland darstellt. Dann tastete er erst lange herum, bis er die Stelle im Pergament gefunden hatte, wohin ich meinen Namen setzen sollte, und quälte sich damit, ob ich auch nicht zu groß beginnen und dann kein Platz sein möchte, zu Ende zu schreiben; er bat mich um Entschuldigung, dass es nötig sei, mich in den Finger zu stechen (als ob man sich niemals vorher in den Finger gestochen hätte), und als es geschehen war, sagte er »mein vielliebes junges Fräulein« und vergaß, was er sonst noch hatte sagen wollen. Dann gab er seinem Unterkiefer einen Ruck, dass er zuschnappte wie ein Schloss, bog wieder seinen Leib in zwei Teile, klappte mit den Armen, und als er, wieder mit einer Reihe kleiner Klopftöne, verschwand, fuhr abermals der kalte Lufthauch durch meine Zelle. Heute Morgen fragte mich Schwester Rosalba, als sie in meine Zelle trat, ob ich in mein Kohlenbecken Schwefelfaden habe fallen lassen.

Ich schlug kein Kreuz, ich sprach keine Formel zur Austreibung, denn, du weißt es ja, ich hatte ihn gebeten zu kommen, und es war eben ein Handel.

Christabend.

Ich habe zum ersten Male, so lang ich zurückdenken kann, über mein eignes Leben nachgesonnen und Teile davon wieder durchlebt, aber alles auf einmal, wie es der alten Laienschwester erging, als sie in den Fluss Natisone fiel und zu ertrinken meinte.

Und weil ich nun so lange Zeit – weiß nicht warum – nicht mehr an mein liebes, allerheiligstes Kleines geschrieben, so will ich ihm heut erzählen, welcher Art ich kleines Ding war, und wie ich dazu kam, es so innig, so über alles andre zu lieben.

Es war natürlich von Anfang an bestimmt, dass ich Nonne würde; denn unser Haus hat eine Freistelle in diesem vornehmen Kloster, und von uns drei Schwestern war ich die jüngste und etwas lahm. Unsre Eltern waren äußerst weise und tugendhaft und bestimmten über uns, wie sie auch bestimmt hatten, dass unser einer Bruder heiraten und unser berühmtes Geschlecht fortsetzen, der zweite aber ein Monsignore und der dritte ein Ritter von Malta werden sollte.

Wenn wir nach der großen Villa an der Brenta gebracht wurden, erhielt ich ein großes Schlafzimmer für mich allein, dessen Wände ganz behangen waren mit farbigen Stichen, welche Ordensfrauen in allerhand geistlicher Tracht darstellten; es war ein Alkoven in dem Zimmer, der wie die Grotte eines heiligen Einsiedlers hergerichtet war, voller Eulen und Totenschädel und allegorischen Figuren, die alle aufs Kunstreichste aus Pappe verfertigt waren und die Felsen aus Gips. Als ich noch klein war, entsetzte ich mich bisweilen, wenn ich im Dämmerlicht all der Dinge gewahr wurde; und dann auch zu wissen, dass hinter meinem Bett ein Guckfenster mit kleinem Vorhang war, zog man den zurück, so blickte man hinunter in die Kapelle, wo so viele meiner Ahnen bestattet sind. Ich habe manches Mal vor großer Angst geweint und geschluchzt; aber dann sagten mir die Kammerzofen, das alles würde mir die rechte Berufung geben. Und gewiss hatten sie recht, denn bis dahin war ich ein weltlich gesonnenes Kind, sehr geneigt, in den Gärten zu wandern und im Gras zu liegen und an allen Blumen zu riechen; auch liebte ich’s, den Flößen zuzuschauen, die vor der Terrasse vorbeizogen, wo die Pfauen einherstolzierten und die Täubchen girrten. Und gern besah ich mir meiner Mutter schöne Kleider und die Schminke und Schönheitspflästerchen auf ihrem Angesicht, wenn ihre Zofe uns zu zweit oder dritt am Vormittage zu ihr einließ, während ihr Haar gekräuselt und gepudert wurde, und ein kleiner Mohrenpage ihr die Schokolade brachte und ihr Cavalier servente neben ihrem Spiegel stand und aus seiner Dose Tabak schnupfte; dann kamen die Händler und Juden mit allerhand gestickten Geweben und Goldschmiedwaren, unter denen sie auswählte; aber auf ihrer Schulter saß ein kleiner Affe, vor dem hatte ich ein Grauen, denn er kreischte und bleckte die Zähne nach mir.

Als ich dann drei oder vier Jahre alt war, ward ich der Mutter Gottes geweiht; da bekam ich ein Habitchen gleich einer Nonne, schwarz und weiß, mit Haube und Rosenkranz, alles zu meiner Größe passend, und hatte eins für Alltag und eins für die Feste; aber zu Himmelfahrt und an Weihnacht erhielt ich je ein neues, um meinem vornehmen Haus Ehre anzutun.

Aber meine Schwestern mussten Kittel tragen aus alten Nachtgewändern, mit zerschlissenen Spitzen gefertigt, so früher unsrer Mutter angehört; doch wenn Besuch kam und sie hereingeführt wurden, so kleidete man sie in prächtig gestickte Schnürbrüste und Reifröcke, und hatten Perlen und kunstvolle Blumen zum Schmuck. Meinen Vater sah ich wohl einmal jede Woche und war sehr bange vor ihm, denn er war so edel und gerecht. Wenn ich zu ihm eingelassen wurde, hatte er ein Taschentuch wie einen Turban um die Stirn gewunden und eine große Hornbrille auf der Nase, und sein Kinn war schwarz. Er machte immerzu Gold mit einem Astrologen und schloss Teufel in Flaschen ein, doch daran glaube ich nicht mehr so fest. Dann, wenn er in seiner Gondel ausfuhr, hatte er einen schwarzen Domino an und eine weiße Maske vor dem Gesicht, wie jeder andere Mensch auch; und wenn Gala war in unserm Palaste zu Venedig, stand er oben an der Treppe in einem seidenen Gewand gleich einer Klatschrose und hatte eine weiße Perücke auf, und dann lächelte er.

Ich nahm mit meinen Schwestern Tanzstunde und lernte ein wenig auf dem Spinett spielen und Französisch parlieren; aber das Lesen brachte ich mir alleine bei, nicht bloßes Buchstabieren wie die andern, sondern mich trieb das Verlangen, die wunderschönen Legenden und Gebete zu verstehen, die auf der Rückseite all der Heiligenbilder standen, welche die Wandermönche und der Priester, der in unsrer Kapelle die Messe las, uns Kindern schenkten.

So blaue Hügel lagen dort, weit weg, über den Baumgipfeln bei der Brenta; aber einen Streifen vom Meer, mit gelben Segeln, die zwischen Türmen und Kuppeln hinglitten, den sah man vom Trockenplatz aus, auf unserm Dache in Venedig, wo das Leinen aufgehängt wird. Und ich war wohl ein sehr glückliches, kleines Mädchen und dankte der Vorsehung für meine weisen und trefflichen Eltern.

Aber was mich am glücklichsten machte, war das Bild über dem Hochaltar in unsrer Kapelle; und jedes Mal, wenn mein Kammermensch mit den Gondolieren schwatzen wollte – was ihr von der Beschließerin verboten war – brachte sie mich erst in die Kapelle und half mir auf den Altar klettern, wo sie mich stundenlang alleine ließ, wohl wissend, dass ich ganz stille sein und nicht nach meinem Mittagessen verlangen würde.

Das Bild war das schönste Bild auf Erden. Es war durch Säulen, die von Fruchtkränzen umwunden waren, abgeteilt; und in der Mitte, auf einem Goldgrund, der sich in Strahlen teilte, die in Rost- und Orangefarbe schillerten, stand der Thron Unserer Lieben Frau, und Sie selber saß darauf, eine wunderschöne Dame, ob auch nicht so schön gekleidet wie meine Mutter und ungeschminkt; auch zeigte sie beim Lächeln ihre Zähne nicht. Auf den Stufen ihres Throns waren kleine Engelkinder, mit Blumen gekrönt; einige spielten auf Lauten und Flöten, andre brachten Früchte und Blumen herbei und sogar einen kleinen Blutfink mit rotem Federbrüstchen, grad wie die, welche meine Brüder immer auf Leimruten fingen.

Aber auf den Knien der Allerheiligsten Jungfrau, was lag da? – schlafend – o so fest eingeschlafen … du, du, mein herzliebstes, allerherrlichstes Kindlein, ganz klein und nackt, mit runden Gliederchen und einem roten Mündchen, das ganz müde war vom Saugen. Die Jungfrau neigte sich betend über dich, die Engelchen all, sie brachten Äpfel und sangen dir Wiegenlieder, ja gar das Vögelchen hielt eine Beere im Schnäblein, bereit, sie dir zu bringen, wenn du die Augen aufschlügst. All das ganze, große Paradies wartete, dass du erwachen solltest und lächeln; und ich kauerte da und wartete auch, dort oben auf dem Altar, bis es zu dunkel wurde und ich nichts mehr sehen konnte als das schimmernde Gold.

Ich wusste ja nicht, worauf ich wartete, und auch später im Kloster, als Novize, wusst ich’s nicht; nein, auch dann wohl nicht, als ich den Schleier genommen. Ich wusste nicht, worauf ich wartete, viele, viele Jahre nicht; aber das Warten machte mich ebenso froh wie die Engel und das kleine Vögelchen. Ich wusste nicht, was es war, das ich erwartete, bis zu dieser letzten, furchtbaren Woche. Aber nun weiß ich es, und nun bin ich ja wieder so glücklich zu warten. Ich warte darauf, dass du aufwachen wirst, mein liebes, heiliges Kleines, dass du deine Arme ausstrecken mögest und auf meinen Knien stehen und deinen kleinen Mund an meine Wange legen und meine arme Seele erfüllen mit unsäglicher Herrlichkeit.


Nachschrift von Schwester Atalanta Badoer, vom Kloster der hl. Muttergottes vom Rosenbusch zu Cividale in Friaul:

15. Mai, 1785.

Das Tagebuch meiner Base und geliebten Schwester in Christo Jesu, Schwester Benvenuta Loredan, wurde durch mich vor der Zerstörung bewahrt. Ich hatte bemerkt, wie sie beschriebene Blätter in einem silbernen Reliquienbehälter – in Form eines hohlen Armes – verbarg, und hatte sie daraus entfernt und in meiner Zelle verwahrt, auf dass sie nicht in die Hände der Schwester Messnerin fielen. Meinem Gelübde des Gehorsams nachkommend, zeigte ich jedoch einige dieser Blätter unsrer ehrwürdigen Frau Äbtissin, welche sie mir, nach flüchtiger Durchsicht, zurückgab, mit dem Befehl, sie zu zerstören, da sie nur bewiesen – was sie freilich längst geahnt – dass Schwester Benvenuta von schwachem Verstande gewesen und weder unserm vornehmen Kloster noch dem edeln Hause der Loredan zum Ruhme gereiche, ob auch nicht zu leugnen wäre, dass dieselbe im Geruch der Heiligkeit verstorben sei.

Aber da es mir nicht möglich war, die Ansicht unsrer ehrwürdigen Mutter zu teilen, ob ich auch bloß Novize war und erst in meinem fünfzehnten Jahre stand, so entschloss ich mich, besagte Blätter treulich zu verwahren, durch die Zuversicht gestärkt, dass solche eines Tages zum Ruhme Gottes und jener Gebenedeiten, meiner Base, gereichen würden.

Und da diese Zuversicht nunmehr Gewissheit worden und die Heiligkeit und Wundertaten der Schwester Benvenuta mit Andacht und Staunen erfüllen, sogar in diesem, unserm gottlosen Zeitalter, so habe ich die Blätter, so sie beschrieben, sorgsam zusammengelegt und möchte, ehe denn ich ihr auf schönere Fluren nachfolge, ein paar Worte über die Geschehnisse hinzusetzen, deren ich vor nun fünfundvierzig Jahren, am Todestag der Schwester Benvenuta, als am Christabend des Jahres unsres Herrn Siebenzehnhundert und vierzig, Zeugin gewesen, zur Zeit, da die edle Giustina Morosini Valmarana Äbtissin unsres Konventes war.

Zu jener Zeit war ich fünfzehn Jahre alt und stand im ersten Jahre meines Noviziats. Meine Base war um fünf Jahre älter und hatte vor vier Jahren den Schleier genommen. Trotz ihrer vornehmen Abkunft und mannigfachen Tugenden wurde sie im Kloster nur gering geachtet und für eine einfältige und kindische Person angesehen. Aber unter den Novizen herrschte eine andre Ansicht, was der großen und liebreichen Sanftmut zuzuschreiben war, die sie uns erwies, wenn uns Heimweh oder jugendliche Wehmut überkam, wohl auch ihren wechselreichen, launigen Einfällen, in denen sie freilich oft etwas Kindliches hatte. Sie liebte die Musik und wusste viel Geschichten zu erzählen, wie sie von Ammen und Wartefrauen den Kindern erzählt werden, auch war sie den Blumen und allerhand kleinem Getier sehr zugetan, so dass sie sogar Mäuse und Eidechsen zähmte. Aber besonders gut waren wir ihr für die große Ehrfurcht, die sie dem heiligen Christkind erwies, ob sie auch wenig davon sprach, da sie selbst überzeugt war, ein sehr einfältiges Menschenkind zu sein und keine Ahnung ihrer eignen Gnade und Heiligkeit hatte. Es begab sich aber, dass meine geistliche Berufung sich nur langsam erwies, und damals, in meinem fünfzehnten Lebensjahre, war ich oft verzagt bei dem Gedanken, die Welt zu verlassen, und fühlte mich abgeschieden in meinem aufrührerischen und unerweckten Sinne. Zu solcher Zeit war es dann, dass meine Base, die selige Benvenuta, mich mit größter Liebe anzusprechen und zu trösten pflegte, und ihre Trostworte waren auch die einzigen, die mein verstocktes Herz ertragen konnte. Und eine Vertraulichkeit entstand zwischen uns, wenigstens von meiner Seite; denn meine Base redete nie über sich selbst und gehörte wohl zu denen, die mehr Liebe geben als nehmen.

So stand es um uns; da begab es sich, dass am Christabend des Jahres unsres Herrn 1740, als wir alle im Kapitelsaal versammelt waren, um zur Mitternachtsmette zu gehen, die ehrwürdige Mutter gewahr wurde, dass Schwester Benvenuta Loredan fehlte, und mich, als deren Base und jüngste der Novizen, nach ihrer Zelle absandte, im Fall eine plötzliche Schwäche sie angewandelt hätte. Denn es war schon ein Gespräch darüber gewesen, dass die Schwester während der letzten Wochen schmal und blass geworden, und dass ihre Augen einen seltsamen Ausdruck angenommen hatten, was den Glauben erwecken konnte, dass sie sich irgendeiner besonderen Kasteiung unterworfen habe, welches sie aber, auf Befragen der ehrwürdigen Mutter, stets geleugnet.

Während also unser ganzer Konvent unter Anführung der Äbtissin in Pontificalibus (denn sie genoss bischöfliche Ehren und war eine Fürstin vom römischen Reich) in feierlicher Prozession zur erleuchteten Kapelle aufbrach, lief ich hinauf nach der Zelle meiner Schwester Benvenuta Loredan.

Die Zelle lag am Ende eines langen Ganges, und als ich näherkam, bemerkte ich ein sehr glänzendes Licht, das unter der Türfuge hervorströmte. Gleichzeitig dünkte es mich, als ob ich Stimmen und Töne hörte, welche mich mit Bewunderung erfüllten. Ich hielt inne und klopfte an, Schwester Benvenuta bei Namen rufend, doch erhielt ich keine Antwort.

Inzwischen waren die Töne ganz klar und unverkennbar geworden, und wahrlich, es waren solche Laute, wie sie Mütter oder Wärterinnen von sich geben, wenn sie kleine Kinder wiegen und herzen, von liebreichen Ausrufen und Liebkosungen unterbrochen. Ich musste daran denken, dass die Ehrwürdige oft gesagt, Schwester Benvenuta sei unweise und nicht recht bei Verstande; aber eigentlich erregten die Töne weder meine Lachlust noch meinen Ärger, erfüllten mich vielmehr mit inniger Ehrfurcht, so wie ich sie nie bevor empfunden hatte und wie ich sie nicht beschreiben kann; aber ich widerstand nur schwer der Regung, vor der Tür, die aus allen Fugen und Ritzen Licht ausströmte, als vor einem heiligen Mysterium niederzuknien. Dann, meiner Pflicht eingedenk, klopfte ich noch einmal, drückte leise auf die Klinke und öffnete. Aber im selben Augenblick sank ich auf die Knie, dort auf der Schwelle, unfähig mich zu rühren oder einen Laut hervorzubringen, in der wunderbaren Herrlichkeit, die sich meinen armen irdischen Augen geoffenbart.

Die Zelle flutete von Licht wie von vielen hundert Kerzen, und in der Mitte, im Quell des Strahlenglanzes, saß Schwester Benvenuta, und auf ihren Knien, grad aufgerichtet, stand niemand anders als das heilige Christkind, ein nacktes Füßchen auf jedes ihrer Knie gestellt und das ganze, nackte Körperchen emporgereckt, um ihr Antlitz zu erreichen und seine Ärmchen um ihren Hals zu schlingen, und sein Mündchen zu ihrem Munde erhoben. Und die selige Benvenuta hielt ihn sehr behutsam umfangen, als fürchte sie seine Gliederchen zu drücken, und dann küssten sie sich und brachten Laute hervor, die waren nicht wie Menschenlaute, sondern wie von Tauben und voll himmlischer Bedeutung.

Aber als ich dieses Anblicks gewahr wurde und diese Laute hörte, lösten sich meine Knie; ich sank wortlos auf die Erde nieder, meine Augen waren von Herrlichkeit geblendet, und meine Lippen stammelten vergebens ein Gebet. Und die Zeit schien stille zu stehen.

Dann plötzlich fühlte ich, dass ich berührt wurde, und begriff, dass die Äbtissin noch eine andre Schwester abgesandt hatte, um sich nach Schwester Benvenuta und auch nach mir umzutun.

Das strahlende Licht war verblasst, und die Zelle wurde nur durch eine einzige Kerze auf dem Betschemel erleuchtet; aber mir kam es vor (und auch der andern Schwester, als ich sie befragte), als ob noch ein zarter Schimmer in der Luft zurückgeblieben sei, wie auch seltsame Töne, wie von fernen Lauten und viol d’amour und ein wunderbarer Duft, als von Damaskusrosen und weißen Lilien, wenn die Sonne darauf scheint.

Schwester Benvenuta saß noch, wo ich sie gesehen hatte, und in ihren Armen hielt sie das wächserne Bildnis des kleinen Heilands aus unsrer Sakristei; und ein wunderschönes Kleidchen, aus Gold und Silberfäden gewoben, war ihr zu Füßen geglitten und lag da. Aber Schwester Benvenutas Augen und Lippen standen offen, wie in Entzückung; und sie war tot und schon kalt.

Was aber niemand erklären konnte, war, dass dicht beim Fenster ihrer Zelle, auf der Erde, eine Puppe gefunden wurde, die zu einem Marionettentheater gehörte, das wenige Monate vorher in unserm Kloster eine Aufführung gegeben hatte; eine bärtige und gehörnte Figur mit Pferdefüßen, die einen Zettel umhatte, auf dem der Name stand: »Beelzebub Satanasso«. Seine Drähte waren herausgezerrt und verwirrt, sein beweglicher Unterkiefer zertrümmert und seine Kleider ringsum angesengt.

Hier endigt die Nachschrift von Schwester Atalanta Badoer, zu jener Zeit Novize im Kloster der Heiligen Muttergottes vom Rosenbusch und Base der seligen Benvenuta Loredan.


Übersetzung
Aus dem Englischen von Irene Forbes-Mosse.

Textnachweis
Aus: Deutsche Rundschau, Bd. CXXV, Oktober – November – Dezember 1905 , S. 448–466. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marie Ellenrieder, Maria mit Kind und muszierenden Engeln, vor 1864.

Das Brautkleid

von Emma Haushofer-Merk (1854–1925)

Sie hatte eine wunderbare Gestalt, diese Thekla, und sie wusste sich famos anzuziehen! Man hätte glauben können, sie käme aus einem Palast, wenn man ihr flüchtig auf der Straße begegnete. Der leichte, sichere Gang, der schlanke hohe Wuchs, das feine zartrosige Gesicht, die stolze Miene! Aber sie war keine Prinzessin und keine Millionärin – sondern erste Vorarbeiterin in dem Geschäft der Frau Willibald, der vornehmsten und teuersten Schneiderin der Stadt.

Geschmack musste sie natürlich haben, und über das, was modern und chic ist, musste sie Bescheid wissen, nachdem die Eleganz all der schönen Damen durch ihre Hände ging, gewissermaßen ihr Werk war. Aber sie verstand sich nicht bloß darauf, die Reize der andern zur Geltung zu bringen. In ihren Mußestunden entwickelte sie auch das größte Talent, selbst ein Männerherz zu bezaubern.

Er war Leutnant und an manchem Abend in der Woche holte er sie ab; natürlich in Zivil. Sie gingen dann miteinander in ein Varieté-Theater oder sie speisten in einem feinen Restaurant zu Nacht und amüsierten sich. Recht strenge Moralisten pflegten ihren Weg nicht zu kreuzen. Die meisten, die mit ihnen zusammentrafen, hatten ein warmes Wohlgefallen an dem hübschen Paar. Man wurde selbst vergnügter, wenn man diese lebenslustigen Gesichter sah. Besonders Thekla war es von den leuchtenden Augen abzulesen, wie köstlich ihr diese freien Stunden in ihrem Arbeitsleben waren, wie sie ihren Teil am Glück der Welt mit allen Fibern genoss. Sie machte sich keine Illusionen. Sie wusste, dass ihr Ottmar sie nicht heiraten konnte und dass die schöne Zeit einmal enden würde. Aber sie mochte daran nicht denken, so wenig wie an das Sterben, das ja auch unvermeidlich ist.

Drei Jahre lang war er immer gleich lieb und nett zu ihr. Dann, im Herbst, kam er seltener zum Abholen. Sie wartete ein paar Mal vergeblich auf ihn und war dann gereizt und schnippisch beim Wiedersehen. Aber es gab doch immer wieder eine reizende Versöhnung.

Manchmal wurde er plötzlich, bei der lustigsten Musik, mitten im Gespräch, nachdenklich und zerstreut. Wenn sie ihn frug: »Was hast du denn?«, dann versicherte er hastig: »O nichts, gar nichts!« und sagte ihr rasch eine Zärtlichkeit oder machte einen schlechten Witz. Aber gleich darauf starrte er wieder, geistesabwesend, in eine Ecke.

Sie fühlte wohl längst, dass das Unheil drohte. Aber sie hatte doch nicht den Mut, ihn zu fragen, ob er von ihr los sein wolle.

Und als dann der Brief kam, der so hart zu schreiben und so viel, viel härter noch zu empfangen ist, – der Abschiedsbrief, – da meinte sie doch, sie könne es nicht tragen. Sie müsse nun irgendetwas Verzweifeltes tun! Es schien ihr unmöglich, ruhig weiterzuleben; mit der rasenden Erbitterung im Herzen jeden Tag ein paar Ball-Taillen zu garnieren und all den Wünschen der eitlen Damen Rechnung zu tragen. Doch gerade im Karneval drängte die Arbeit. Wenn sie einmal im Geschäft war, blieb ihr keine Minute Zeit, über ihre verarmte Existenz nachzudenken, und wenn sie heimkam, war sie so todmüde, dass sie gleich nach ihrem einsamen Abendessen einschlief. Die jungen Mädchen in der Schneiderstube spürten allerdings Fräulein Theklas üble Laune und sie tuschelten miteinander, während sie an dem Bügelbrett im Flur zu tun hatten: »Die Geschichte mit dem Leutnant ist aus! Darum kann man ihr gar nichts mehr recht machen!« Eines Tages kam die ›Taillen-Bertha‹ ganz aufgeregt angerückt. Beim Mantelausziehen verkündete sie schon die Nachricht: »Verlobt hat sich ihr Leutnant! Mit einem Fräulein Westheimer, der Vater ist Bankier. Schwer reich soll sie sein!« »Na, da wird sie heut wieder ihre Wut an uns auslassen!«, rief die rothaarige ›Ärmel-Anna‹. »Aber ich lass es mir nicht mehr gefallen! Ich sag’ ihr’s einfach ins Gesicht: Ich kann doch nichts dafür, dass Ihr Schatz jetzt die Bankierstochter heiratet!«

Doch als Thekla dann ankam, später als sonst, sichtlich mit verweinten Augen, da beugten sie sich doch alle, verlegen und stumm, auf die ›Schoßbrettchen‹ herab, auf denen sie die Futter anhefteten oder die Fischbein-Bändchen annähten, und jede, die an die Vorarbeiterin eine Frage zu richten hatte, sprach heute auffallend sanft und bescheiden, wie eingeschüchtert von diesem blassen Gesicht mit den rotgeränderten Lidern. Thekla schien der vollendeten Tatsache gegenüber ihre Ruhe und Kraft wiederzufinden. »Nun ist’s einmal zu Ende, und alles Jammern nützt nichts mehr«, sagte sie sich mit dem praktischen Verstand und der Tapferkeit der Mädchen aus dem Volke, die auf ihrer Hände Arbeit angewiesen sind und von dem frühen Ernst ihres Lebens gehärtet werden.

Die ›Taillen-Bertha‹ und die ›Ärmel-Anna‹, die unter ihrem direkten Oberbefehl standen, hatten sich nicht mehr über sie zu beklagen. Und im Frühjahr tat sie ihnen allen herzlich leid. Frau Willibald rief nämlich eines Tages ganz vergnügt in die Schneiderstube: »Fräulein Thekla! Kommen Sie mit dem Maßbuch! Fräulein Westheimer bekommt sechs seidene Kleider zur Aussteuer!«

Nun musste die arme Thekla auch noch die Toiletten für die Bankierstochter machen!

Sie biss die Lippen aufeinander, als sie in das Anprobezimmer trat und sich vor dem kleinen, plumpen aufgeputzten Fräulein und vor der dicken, aufgeputzten Mama verneigte. Aber dann flog manchmal ein Spottlächeln über ihr feines, blühendes Gesicht, während sie mit dem Zentimeter den Wuchs der Kundin abmaß, den kurzen Hals, die flache Büste, und mit Kennerblicken sah, dass die rechte Hüfte etwas schief saß und dass an der einen Schulter Watte eingelegt werden müsste, wenn die Taille die krumme Rückenlinie verbergen sollte.

Schön war sie nicht, seine Braut!

An dem Abend schaute sich Thekla mit einem schadenfrohen Wohlgefallen in den Spiegel, während sie ihr üppiges braunes Haar über ihre prächtigen weißen Schultern, über ihren stolzen Nacken herabrieseln ließ; – und dann las sie Ottmars Abschiedsbrief wieder; dieses Mal mit einem Gefühl der Genugtuung. In ihrem ersten Groll hatte sie alles, was er ihr schrieb, für nichtssagende Redensarten gehalten, für leeres Geflunker. Nun schien ihr mancher Satz doch wahr, voll von bitterem Ernst.

»Ach, weißt du, Thekla«, hieß es auf der zweiten Seite, »ich wollte wahrhaftig, ich dürfte dir treu bleiben. Ich würde mir gar nichts Besseres wünschen und gewiss niemals an eine andere denken als an dich, – aber was will man machen als armer Offizier mit so und so viel Schulden? Man muss in den sauren Apfel beißen und nach irgendeinem hässlichen, langweiligen Goldfisch angeln! Aber glaub mir, mein Lebwohl an dich, das ist auch für mich ein Abschied von der schönen, freien Jugend, vom Glück! Darum kann ich diese Erinnerung nie vergessen!«

Thekla trug den Brief nun immer mit sich herum. Es machte ihr Spaß, das Blatt in ihrer Tasche zu fühlen, während sie die seidenen Toiletten für Fräulein Sidonie Westheimer komponierte. Bisher war sie mit der jungen Dame nicht mehr viel in Berührung gekommen. Frau Willibald war selbst bei der Anprobe zugegen, und die Vorarbeiterin musste nur erscheinen, wenn eine Änderung nötig war.

Zuletzt, – wenige Tage vor der Hochzeit, – wurde in der Schneiderstube das Brautkleid begonnen, aus wunderbarem weißen Panne, weich wie Samt und glänzend wie Seide. Theklas feine geschickte Finger steckten den zarten Stoff in weichen Falten über die Puppe und arrangierten Spitzen und Bänder, mit einer künstlerischen Freude an der kostbaren weißen Pracht, fast in halber Vergessenheit, wen das Wunderwerk schmücken sollte. Nach altem Brauch hatten die jüngeren Mädchen ihr auch ein paar Stirnhärchen gebracht, die sie sich ausgerissen und die sie in die Brauttaille einnähen musste: Es hieß, dass man dann im nächsten Jahre selbst Hochzeit macht. Die Älteren hatten das zu oft ohne Erfolg versucht, um noch an den Zauber zu glauben.

»Fräulein Thekla!«, rief Frau Willibald am Tage vor der Hochzeit. »Sie müssen heute Nachmittag zu Westheimers zur letzten Anprobe. Die Damen können nicht mehr herkommen.«

Die Arbeiterinnen schauten alle erschrocken und gespannt auf Thekla. Im ersten Moment war sie allerdings entschlossen zu der trotzigen Erklärung: »Das tu’ ich nicht! Das können Sie nicht von mir verlangen!« Frau Willibald hätte in Anbetracht der Verhältnisse, die ihr gewiss nicht ganz unbekannt waren, die Weigerung gelten lassen müssen. Aber eine krankhafte Neugier, ein selbstquälerisches Verlangen, dieses Haus zu betreten, Ottmar vielleicht noch einmal zu begegnen, verdrängte Theklas erste Regung des Widerwillens. So stieg sie denn, mit dem Lehrmädchen hinter sich, das die große Schachtel trug, die teppichbelegte Treppe zu der Westheimer’schen Wohnung empor. Ein lichtstrahlender Vorraum, ein von Gold und Seide strotzender kleiner Salon. Man ließ sie warten. Zuweilen wurde eine Tür geöffnet; dann hörte man Teller und Tassen klappern, schwatzende Stimmen.

Sie dachte an alle die Arbeit, die heute noch zu erledigen war, an Frau Willibalds Verzweiflung, wenn sie so lange ausblieb, und die Ohren wurden ihr glühend heiß vor Aufregung und Ungeduld. Endlich nach einer Stunde rief sie nach einem Dienstmädchen, das hin- und herlief, und ließ fragen: ob man ihre Anwesenheit vergessen habe.

Es dauerte wieder geraume Zeit; dann trat endlich die junge Dame ein, erwiderte sehr von oben herab ihren Gruß und warf in beleidigendem Tone hin:

»Eine solche Last, dieses ewige Probieren! In Gottes Namen! Kommen Sie!«

Durch eine Flucht von Zimmern folgten Thekla und das Lehrmädchen mit der Schachtel der widerwillig Voranschreitenden in ein entzückendes Rokoko-Boudoir. Hier ließ sie sich gnädigst das Prachtgewand überwerfen, die Taille einhaken und stellte sich dann prüfend vor den großen, hellbeleuchteten Spiegel. Das kleine Persönchen verschwand fast in dem üppigen Gewoge der langen Schleppe; ihr fahles Gesicht wirkte noch grünlicher und reizloser über dem weißen Perlmutter-Glanz des schimmernden Gewebes, die plumpe Gestalt war mit all den kostbaren Spitzen und anmutig eingestreuten Myrtenbüscheln nicht zu verdecken. Sie schien sich selbst nicht zu gefallen und Thekla musste ihre Enttäuschung entgelten.

Unzufrieden und ärgerlich zupfte sie an der Taille herum. »Ich finde, die Toilette hat gar keinen Chic! Im Journal sah das alles so viel flotter und graziöser aus! Der Gürtel ist zu hoch! Diese Schleife wäre viel hübscher auf dieser Seite. Und das sind auch nicht die Spitzen, die ich ausgesucht habe! Nein, bitte, widersprechen Sie nicht! Ich weiß das ganz genau! Und der Rock ist vorne zu lang! Trennen Sie einmal hier die hässlichen Puffen an den Ärmeln ab. Und der Gürtel muss weg!« Sie klingelte: »Rufen Sie Mama oder meinen Bräutigam!«

Thekla kniete gerade auf dem Boden und steckte den Rock um einen halben Zentimeter kürzer, als Ottmar eintrat. Langsam hob sie die Augen zu ihm empor. War er nicht zusammengezuckt, als er sie erkannte? Jedenfalls schaute er über sie hinweg, als wäre sie Luft, als sie sich dann zu ihrer stattlichen Höhe aufrichtete und, nicht ohne Absicht, einen Moment in ihrer vornehmen stolzen Schlankheit neben der Unscheinbaren in dem leuchtenden gleißenden Gewande stand. Sie hätte es ihm noch verziehen, dass er nicht den Mut hatte, ihrem Blick zu begegnen. Aber als er mit seiner Braut dann französisch zu reden anfing und die beiden sich über ihren Kopf weg miteinander unterhielten wie in Gegenwart einer Magd; als er es gemütsruhig mitanhörte, wie Fräulein Sidonie aus Laune an dem Kleid herumkritisierte, immer wieder neue Änderungen verlangte, zertrennen ließ, was sie vorher nach langer Beratung selbst angeordnet hatte, ohne dass er in seiner erbärmlichen Feigheit ein Wort der Begütigung dazwischenwarf, ohne dass er nur einmal sagte: »Lass es jetzt gut sein!« – da begann’s in ihr zu kochen vor Zorn. Ihre Finger zitterten, während sie die Nadeln in den Stoff steckte. Fieberheiße, rote Flecke glühten auf ihren Wangen. Sie war am Rande ihrer Geduld und Selbstbeherrschung und überließ es dem Stubenmädchen, das Kleid aufzuhaken und in die Schachtel zu packen. Mit stummer Verbeugung verließ sie das Zimmer.

»Ein unangenehmes Frauenzimmer«, hörte sie das Fräulein Westheimer noch sagen. Nun sprach sie deutsch, um sicher verstanden zu werden.

Es war schon ganz still in der Schneiderstube, als Thekla noch immer nähte und nähte ohne aufzublicken. Ihre Schläfen schmerzten zum Zerspringen, und während sie arbeitete, hörte sie immerfort das wilde, zornige Klopfen ihres Herzens.

Sie war vernünftig gewesen. Sie hatte es ganz in der Ordnung gefunden, dass die andre ihm angehören würde vor aller Welt, dass die andere mit ihm fortreiste nach Italien, dass ihr alles Glück zuteilwürde, von dem sie niemals hatte träumen dürfen; denn die andere war reich und sie war arm. Aber nun fühlte sie nur mehr die krasse Ungerechtigkeit, dass die Übermütige sie auch noch quälen und schlecht behandeln durfte, weil sie reich war; dass sie dasitzen musste bis tief in die Nacht hinein, um alle die hundert Stiche wieder zu machen, nur wegen der boshaften Laune des verzogenen, verwöhnten Glückskindes. Von Viertelstunde zu Viertelstunde wuchs in ihr die Empörung. Sie hatte nur mehr den tollen, glühenden, überwältigenden Wunsch sich zu rächen, ihr wehzutun, ihrem Hochmut einen empfindlichen Schlag zu versetzen.

Als sie dann endlich das Brautkleid in die Schachtel legte, die das verschlafene Lehrmädchen heute noch zu Westheimers tragen musste, da schob sie in die seidene Rocktasche ein kleines Blatt Papier – Ottmars Abschiedsbrief.

– – – –

Man sah Thekla am nächsten Morgen an, dass sie nicht geschlafen hatte. Sie war sehr blass und hatte dunkle Ringe um die Augen. Sooft es klingelte, schrak sie heftig zusammen. In der Nacht war sie mitten in ihrem süßen Racherausch von der wilden Angst erfasst worden: Wenn die Heirat im letzten Moment zurückginge! Dann hätte sie Ottmars Existenz ruiniert, und Westheimers würden kommen und sie bei Frau Willibald anklagen, und es musste furchtbare Szenen geben, und sie verlor ihre Stelle und war dem Hass der beleidigten Familie preisgegeben.

Sie konnte nicht bereuen, was sie getan. Aber todesbang war es ihr zumute. Doch der Vormittag verging, ohne dass sie in den Salon gerufen wurde, und als sie mittags nach Hause ging, fuhren die eleganten Hochzeits-Wagen an ihr vorüber. Nun musste sie die Trauung sehen; sie konnte gar nicht anders. Das war ein Funkeln von Juwelen, ein Glitzern von Pailletten, ein Rauschen von Seide und Samt, ein Aufwand orientalischer Pracht in der schlichten protestantischen Kirche! Und doch machte die Festversammlung einen freudlosen Eindruck. Der Bräutigam trat mit einem düstern Kopf an den Altar. Die Braut hatte ihre selbstbewusste, übermütige Miene verloren und beugte sich unter dem Myrtenkranz wie unter einer Last. Ihr »Ja« klang gepresst, wie von Tränen erstickt. Ihre Hand glitt mit einem krampfhaften Zucken herab nach der Tasche ihres Kleides.

Aber nur eine, die mit kreideweißem Gesicht und großen, starren Augen hinter einer Säule stand, wusste diese Bewegung zu deuten.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1903, Bd. 1, Nr. 22, S. 386–390. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Louise Catherine Breslau, La Toilette, 1898

Herr und Dame

Ein Briefwechsel. Von Alice Berend (1875–1938)

Liebe gnädige Frau,

Sie bitten mich zu einem Abendvergnügen in Ihr Heim. Sie versprechen, mir jenen Fensterplatz zu zeigen, der aus warmer, verwöhnter, vielleicht luxuriös zu nennender Wohnlichkeit über den verschneiten Garten hinaus in die Endlosigkeit blicken lässt. Sie stellen mir als Nachbarn bei Tisch einen Dichter in Aussicht und einen Filmstar, einen weiblichen, und sich selbst als Gegenüber. Sogar Ihren Herrn Gemahl soll ich vorgeführt bekommen. Alles dies nicht etwa aus Belohnung, weil ich das lilagebundene Paketchen aufhob, das Ihnen unbemerkt entglitten war, im weihnachtlichen Kaufgedränge, sondern weil ich, ohne eigentlich Erlaubnis dazu erhalten zu haben, Ihnen vom Leipzigerplatz bis zum Spittelmarkt, zwischen Schneegewirbel, autostrotzenden Straßenübergängen und rücksichtslos drängenden Mitmenschen, achtlos von Dingen sprach, die nichts mit alledem zu tun hatten und, wie Sie sagen, sogar in Ausdrücken, die eigene Meinung so zu markieren verstanden, dass sie zumindest aus sehr gescheiter, keineswegs durchschnittlicher Lektüre angelesen sein konnten.

Seien Sie mir nicht böse, wenn ich trotzdem nicht komme. Obwohl ich kein Feind des Vergnügens bin. Dazu weiß ich zu viel vom Leben. Wäre das Leben nicht so ernst, brauchten die Menschen nicht so vergnügt zu sein. Lachen Sie nicht, bedenken Sie lieber, dass es eigentlich niemandem Spaß macht, vergnügt zu sein. Aber es muss sein. Bitte, versuchen Sie dies Muss nicht zu bestreiten. Jede Einwendung würde widerlegbar sein. Ich bürge dafür. Man braucht den Lärm der andern, um sich selbst nicht hören zu müssen.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, gewiss, es gibt auch Stillvergnügte, die schweigendes Geplauder kennen, gegenüber einer Weinflasche, einem Buch, einer Blume, einem Fernblick, vielleicht auch mit einem vertrauten Menschen, am Ende sogar mit eigenen Gedanken. Aber dies ist keine Sache der vielen.

Ganz falsch, dass Sie schon das Wort Hochmut auf den Lippen haben. Meine Behauptung birgt keine Beleidigung der Allgemeinheit. Im Gegenteil. Zu diesem Verfahren des Alleinseins gehört reichliches Selbstgefühl, vielleicht sogar Selbstgefälligkeit.

Den meisten aber, bescheiden veranlagt oder von jeher zur Aufrichtigkeit erzogen, graut es vor sich selbst. (Auch ein aufrichtiger Menschenfreund wird dies in vielen Fällen begreiflich finden müssen!) Jeder Schritt, der außerhalb des aufgedrungenen, notwendigen Berufskreises unternommen wird, gilt der Flucht vor sich selbst. Alle die Sprünge in jede neue Mode der Kleidung, Frisur, der Kunst, des Tanzes sind nichts als Versuche, den eigenen Menschen möglichst unkenntlich zu machen. Das beliebte Erzählen von Anekdoten, das Bespötteln der anderen, abwesend oder nur mit dem Rücken uns zugewendet: alles nur Angstsymptome. Bemühungen irreführender Ablenkung von der eigenen Person. Unnötige Mühe. Sie wissen alle besser Bescheid um uns als wir selbst. Die wir unsere Bekanntschaft mit uns nur durch ein Spiegelbild machen können. Wir glauben im Grund einander so wenig wie uns selbst. Aber wir freuen uns doch, wenn schon in der Garderobe jeder, während er sich selbst im Spiegel betrachtet und noch etwas zurecht zu zupfen versucht, dem anderen versichert, dass er blühend und gesund aussähe. Hier liegt der Anfang des Vergnügens. Vielleicht auch schon sein Ende. Zumal für jemanden, dem das Spotten schwer zu fallen beginnt, seit er den fatalen Gedanken nicht mehr los wird, dass hinter allen Gesichtern, ob noch glatt oder schon mit Runen beschrieben, ein Schicksal lauert, das getragen werden will. Meist, ohne dass man den Zweck dieses unentrinnbaren Befehls weiß oder zu erraten vermag.

Sie werden mir nicht böse sein. Sie werden mir dies beweisen, indem Sie mir Ihre Abendgesellschaft beschreiben, so wie sie war, oder besser gesagt, wie sie Ihnen schien, denn nichts ist wirklich. Jeder Ihrer Gäste wird den Abend anders gesehen haben. Und dann: Mein Vergnügen ist Neugier oder, wenn Sie nachsichtig sein wollen, Wissbegier. Verraten Sie mir darum, was das lila Paketchen enthielt, das so unklug gewesen, Ihrer Nähe entfliehen zu wollen.

Der Ihre
………

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich denke nicht daran, Ihnen zu antworten, noch gar den Gesellschaftsabend zu beschreiben, dem Sie leichtsinnigerweise fernzubleiben beliebten. Nicht weil ich Ihnen dieses Versäumnis übelgenommen. Bei fünfzehn Personen kommt es auf eine Absage nicht an, nur bei vierzehn könnte dies peinlich sein, da es noch immer Abergläubige gibt, denen es vor einer Tafelrunde zu dreizehn gruselt. Die Hauptsache des Abends von meinem Standpunkt aus: Ich selbst habe mich vorzüglich amüsiert. Ich habe den ganzen Abend getanzt. Mit dem Dichter. Er spricht durchaus nicht nur Verse. Meinem Mann schien sogar manches recht ungereimt vorzukommen, was der Poet mir zuflüsterte. Er nannte ihn sogar verkommen. Ich erwiderte: »Lieber verkommen als stramm.« Sie müssen wissen, mein Mann hat noch immer einen Hang für die Uniform; er stammt aus diesen Revieren. Daher waren unter unseren Gästen auch zwei Landesgerichtsräte mit zugehörigen Gattinnen. Der eine beklagte sich über Überbürdung in Ehescheidungen. Er brummte, was Gott zusammengefügt, soll der Mensch nicht trennen. Er sei prinzipiell gegen jede Scheidung. Ich fragte ihn, was er in diesem Fall unter Gott verstände. Er bekam einen Hustenanfall. Seine Gattin klopfte ihm den Rücken. »Nur tüchtig!«, munterte ich sie auf. Mein Mann beruhigte den Mächtigen, indem er versicherte, dass diese Scheidungsmanie genau so schnell abflauen werde wie die Blinddarmoperationen, die auch eine Zeit lang hypermodern gewesen.

Der Filmstar, dessen Kleid eigentlich nur aus einem nicht sehr breiten Gürtel bestand, beeilte sich, dem Landesgerichtsrat, kaum, dass er wieder zu Atem gekommen, zu erklären, dass er mit seiner Ansicht angenehmerweise zu den Ausnahmen gehöre. Beweis dafür, sie selber. Sie wäre schon dreimal aufs Schmerzloseste getrennt worden. Den Blick träumerisch den verhangenen Fenstern zugewandt, fragte sie, wie oft hintereinander der Mensch eigentlich geschieden werden könne …

Man kann heutzutage nicht mehr nur zusammenbitten, was zusammenpasst. Das Leben ist zu bunt geworden. Wir mussten auch den neuen Besitzer der Nachbarvilla einladen, aus mancherlei Gründen. Er ist nicht gerade erst seit gestern reich, aber auch nicht viel länger als seit vorgestern. Er leugnet dies nicht, es würde ihm auch schwerfallen, er berichtet sogar mit Vorliebe aus seinen »Werdejahren«. So erzählte er gestern sein Abenteuer, als er zum ersten Mal mit einer Ladung Vieh nach Berlin gekommen sei. Er hatte schon damals »saumäßig« verdient gehabt, war in einem der feinsten Hotels Unter den Linden abgestiegen. Zum Abendbrot wünschte er etwas Apartes zu essen. Er hatte sich darum italienischen Salat bestellt. Er hatte im Coupé gehört, er fuhr nur erster Klasse, die Italiener seien die Erfinder aller Konditorwaren. Er schwärmte für Süßigkeiten. Aber er hatte etwas schauderhaft Saures vorgesetzt bekommen, obendrein noch verziert mit schwarzen Fischeierchen. Er hatte den Dreck sofort wieder auf den Teller gespuckt.

Die alte Exzellenz, deren Haus der Erzähler nun besitzt und die darin nur noch ein Zimmer, auf Lebenszeit, bewohnen darf, musste das Taschentuch vor den Mund pressen, wie wenn sie sich an Bord eines Schiffes bei hohem Seegang befände. Man beeilte sich, ihr ein Gläschen Kognak einzuschenken.

Jemand machte die Bemerkung, dass alle Leute aus der guten, alten Vorkriegszeit nicht recht sattelfest mehr wären.

Es war dies unsere Gönnerin, die dies mit vollem Mund feststellte. Sie ist Privatiere. Dass sie mit Gemüse handelte und schon um fünf Uhr morgens in die Halle fuhr, liegt mindestens sechs Jahre zurück. Unsere Bekanntschaft jedoch rührt schon von damals her. Wir essen sehr gern Gemüse, ich empfahl sie allen Verwandten, Bekannten. Dafür hat sie uns nun eine Hypothek auf unser Haus gegeben. Sie fühlt ihre Übermacht. Sie sagte zu dem Filmstar mit dem Blick der Naturforscherin: »Sie werden sich erkälten, Kindchen, was zu viel ist, ist zu viel.« Der alten Exzellenz redete sie freundlich zum tüchtigen Zugreifen zu, so etwas bekäme er jetzt nicht mehr alle Tage. Nach Tisch, als wir tanzten, holte sie ihren Strickbeutel hervor und strickte Strümpfe für arme Kinder. Soll ich Ihnen beichten, dass mir diese Frau besser gefiel als wir alle? Dass ich mich beinah ein wenig schämte, wenn ich unter Dichtergeflüster nach jeder Tanzrunde feststellen konnte, dass auch das nützliche Wollgewebe um manche Runde gewachsen? Vielleicht ist es doch wichtiger, das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, als genau zu wissen, welche Speisen nicht mit dem Messer gegessen werden dürfen? Oder halten Sie mich nun für krankhaft moralisch? Das wäre ein Irrtum. Beweis mag Ihnen dafür sein, dass ich Ihnen verraten will, dass das lila Paketchen, das Sie mir aufhoben im Straßengewühl, das Zigarettenetui enthielt, um das mein Brief hier gewickelt ist. Ich sah es bei einem Antiquitätenhändler liegen in seiner hilflosen Altmodischkeit der Biedermeierzeit. Die Perlenrosen, so liebevoll gestickt, vielleicht von einem Schatz für einen Schatz bestimmt und noch so neu erhalten, wie wenn sie morgen erst verschenkt werden sollten, ich musst es kaufen. Für irgendwen, vielleicht für niemand, vielleicht um es niemals auszupacken. Mögen Sie selbst urteilen, ob es des Aufhebens wert gewesen. Mag es Ihnen ein kleines Andenken sein an eine jemandin, die in wenigen Tagen in Rapallo Mimosen pflücken wird, während der Ehemann eine Geschäftsreise unternimmt ins Dollarland. Die Welt ist ja so wundervoll groß.

                   Haben Sie es gut.

                                                                  Ihre
………

Liebe, gnädige Frau,

was das Essen mit dem Messer und dem Herzen auf dem rechten Fleck betrifft, so ziehe ich die Fälle vor, wo beides vereint ist. Auch das soll noch vorkommen. Für das Zigarettenetui meinen Dank. Ich werde mir erlauben, Ihnen auf dem Uferweg, längs des ligurischen Meeres, zwischen Rapallo und Santa Margherita, eine Zigarette daraus anzubieten. Der einfachste Anstand erfordert dies.

                               Ganz der Ihre
………


Textnachweis
Aus: Neue Freie Presse, 6. Dezember 1925, S. 29. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Ljubow Sergejewna Popowa, Komposition (Schwarz-Rot-Gold), 1920

Agnes

von Maria Lazar (1895–1948)

[Contentwarnung]

Die Geschworene Marie Obermaier, Inhaberin der größten Gemüsehandlung im Bezirk, rückt auf ihrem Sitz hin und her. Sie hat ihr Sonntagskleid an, nur dass sie den weißen Spitzenkragen gegen einen schwarzen vertauscht hat. Ihr Mann hat gesagt, das schickt sich so.

Jetzt steht er wohl bei den Spinatkörben oder er zählt die Eier ab. Sie seufzt auf, starrt erschrocken in den düsteren Saal. Noch nie war sie bei Gericht. Der Vorsitzende verliest mit tonloser Stimme die Daten des Angeklagten. Was die Kundinnen wohl sagen werden, wenn sie heute nicht im Geschäft ist.

Neben ihr, die andere Geschworene, ist eine Gebildete, schreibt sogar für Zeitungen. Sie trägt eine Brille. Mit verkniffenen Lippen betrachtet sie den jungen Burschen, der zwischen den beiden Justizsoldaten sitzt. Sonst aber sind rundum lauter Männer mit gespannten Gesichtern. Die Geschworene Obermaier fährt sich über die Stirn. Sie muss auch gut aufpassen, das ist ihre Pflicht, hat ihr Mann gesagt.

*

Der Angeklagte Anton Ruß, ein arbeitsloser junger Kellner, hat eine traurige Kindheit hinter sich. Ein betrunkener Stiefvater, keine Schulbildung, Prügel und Hunger. Er sitzt, die Hände vors Gesicht geschlagen, die dichten schwarzen Haare hängen ihm über die Finger. Manchmal schluchzt er auf. Dann nickt die andere Geschworene bedeutsam mit dem Kopf.

An einem Sonntagnachmittag im Frühling hat er in einem Gasthaus seine Braut, eine junge Kontoristin, erstochen. Eifersucht. Sie wollte von ihm nichts mehr wissen, hatte ihm einen Reicheren vorgezogen. Die andere Geschworene schüttelt missbilligend den Kopf.

Der Obmann der Geschworenen räuspert sich.

Die Stimme des Richters wird sehr mild, wie er mit Fragen auf den Schuldigen eindringt.

Hinter dem hohen Fensterkreuz sieht die Geschworene Marie Obermaier ein Stück blauen Himmel. Der Bursche tut ihr leid. Sie schaut auf ihre gefalteten Hände, schuldbewusst, als ob sie es wäre, die da verhört wird.

*

»Sie hat also mit Ihnen gespielt?«, fragt der Richter.

Da meldet sich die andere Geschworene zum Wort. »Und war es das erste Mal, dass dieses Mädchen, wie hieß sie doch, diese …«

»Agnes«, sagt der Angeklagte. Er steht jetzt kerzengerade.

»… dass diese Agnes …«

*

Marie Obermaier greift nach ihrem Stuhl. Ihr ist auf einmal, wie wenn im Schlaf das sichere Bett plötzlich zum Abgrund wird; entsetzt fährt sie auf, krampft die Hände in die Decke.

Ihre Agnes, die sitzt doch jetzt lebendig in einer Kanzlei und tippt. Oder sie isst gerade ihr Frühstücksbrot. Nun, das Mädchen hat eben auch Agnes geheißen. Das kommt vor.

Ganz böse schaut Marie Obermaier um sich. Was geht sie das an, diese fremden Leute und dieser Saal und dieser Mensch da vorn, der sein Messer in einen Mädchenleib gestoßen hat? Der Staatsanwalt mit seinem Barett sieht aus wie auf dem Theater. Sie möchte nach Hause gehen, Mittagessen bereiten für den Mann und für ihre Agnes.

»Sie hat Sie also sehr gereizt?«, fragt der Richter.

Ihre Agnes, die hält auch gern die Burschen zum Narren. Hübsch ist sie, und wenn sie auch einmal im Geschäft steht mit ihren krausen blonden Haaren, dann drängt sich plötzlich lauter Mannsvolk zwischen die Weiber mit den Einkaufstaschen. Und die Agnes lacht …

»Ausgelacht hat sie Sie?«, fragt der Richter. Die andere, die jetzt tot ist, die ist wohl auch hübsch gewesen, hat sich auch noch für keinen entscheiden können. »Mutter«, hat erst gestern ihre Agnes gesagt, »weißt, ich hab’ Zeit.«

Hasserfüllt starrt die Geschworene Marie Obermaier auf den jungen Mörder.

*

»Schlecht ist sie nicht gewesen«, sagt die Hausfrau der Ermordeten, »aber leichtsinnig, furchtbar leichtsinnig. Immer wieder ein neuer Hut und seidene Strümpfe.«

Ganz rot wird die Marie Obermaier. Am 15. hat ihre Agnes Geburtstag. Sie hat ihr auch ein Paar Seidenstrümpfe vorbereitet.

»Ernst hat sie es nie mit ihm gemeint«, sagt die Freundin des toten Mädchens.

Ja, hat denn die Agnes überhaupt schon einen ernstgenommen?

»Nun sprechen Sie doch!«, redet der Verteidiger auf den jungen Menschen ein. »Sie sehen ja, man meint es gut mit Ihnen.«

Die Geschworene Marie Obermaier ballt die Fäuste.

»Weil ich sie so gern gehabt hab’«, sagt der Angeklagte.

Ja, vom Gernhaben hat der Obermaier auch immer gesprochen. Damals schon, wie er sie von dem Standplatz auf dem Markt in seine feine Gemüsehandlung geholt hat, und gar erst, wie er sie geheiratet hat. Keinen anderen hat sie anschau’n dürfen, er hätte sie erschlagen.

Und deshalb hat sie ihm das Haus so gut geführt und das Geschäft, deshalb stellt sie ihm jeden Abend die Pantoffel vor das Bett, hängt den Schlafrock über die Sessellehne.

»Ein braver, fleißiger Bursch ist er gewesen«, sagt der Gastwirt, bei dem der Angeklagte einmal bedient gewesen war.

Die Marie Obermaier schaut den Richter herausfordernd an. Wie der redet! Wie auf dem Theater. Ihre Agnes aber will gar keinen braven, fleißigen Burschen.

*

Da legt der Gerichtsdiener etwas auf den Tisch, etwas Zartes, Blaues, Luftiges – ein Mädchenkleid. Und daneben ein rostiges Brotmesser. Oder sind die braunen Flecke Blut?

Die andere Geschworene streckt den Hals lang vor. Die Geschworene Marie Obermaier flieht mit den Augen von dem blauen Mädchenkleid zu dem blauen Himmel hinter dem Fensterkreuz.

Ihre Agnes – die hat auch – so ein blaues Kleid …

»Und da haben Sie sie in den Rücken gestochen?«, fragt der Richter.

»Jawohl. Weil sie ihn geküsst hat.«

Die Geschworene Marie Obermaier ist aufgestanden. Ganz allein steht sie in der Reihe der anderen, die geduckt auf sie schauen.

»Es ist nur – ich wollt’ nur fragen – ja, hat das Mädel denn keine Mutter?«

Die andere Geschworene zieht sie am Rock zurück. Der Richter blickt sie missbilligend an. Die Verhandlung geht weiter.

*

Marie Obermaier hört nicht mehr zu. Ganz allein sitzt sie da, weiß, das alles ist nur ein Theater. Und außer ihr gibt es hier bloß noch das blaue Mädchenkleid. Darunter rührt es sich. Kleine Glieder, rosige Finger …

Ihre Agnes wächst daraus empor, läuft über die Gasse mit nackten Füßchen, springt zum Fenster herein, steht vor dem Spiegel, lacht sich zu in das eigene helle Gesicht …

»Mutter«, ruft sie, »heut’ geh’ ich tanzen!«

*

»Ja, was wollen Sie denn?«, schreit aufgeregt im Geschworenenzimmer die Obermaier der anderen Geschworenen ins Gesicht. »Haben Sie denn einen Sohn, der Anton heißt und schwarze Haare hat?«

Sie ist gar nicht mehr die biedere Bürgersfrau, keift wie ein Marktweib. Ihr Unterkiefer schiebt sich vor.

»Immer nur ihn habt ihr angeschaut; habt ihr denn nicht das Mädel gesehen und das Kleid, das Kleid, so ein liebes Kleid?«

Der Obmann sucht sie zu beruhigen.

»Dumm seid ihr, gottsjämmerlich dumm, und schlecht noch dazu! Es ist euch ja alles so gleichgültig!«

Die andere Geschworene ringt die Hände.

»Aber ich, ich«, kreischt die Gemüsehändlerin, »ich hab’ sie geboren!«

*

Der Angeklagte wurde mit elf Stimmen gegen eine freigesprochen. Vor dem Gerichtsgebäude soll sich noch eine peinliche Szene abgespielt haben. Ein rasendes Weib, angeblich die Mutter der Ermordeten, forderte die Menge auf, den Freigesprochenen nicht lebend durchzulassen. Nur mit Mühe konnte er den aufgeregten Leuten, die das Urteil eben noch akklamiert hatten, entrissen werden. Wachleute brachten die Unglückliche in das Gerichtsgebäude. Man hat nichts weiter von ihr gehört.


Textnachweis
Aus: Der Tag, 28. Juli 1925, S. 4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alice Bailly, L’heure du thé, 1920


Contentwarnung: Femizid, Victim Blaming

Einsamkeit

von Leonie Meyerhof-Hildeck (1858/60–1933)

Es geht jemand hinter mir.

Ich höre ihn deutlich, wie er mit mir Schritt zu halten sucht; er folgt allen meinen Wendungen nach rechts und links, wenn ich einem der wenigen Begegnenden ausweiche. Kaum drei Schritt kann er von mir entfernt sein. Wenn wir an einer Straßenlaterne vorübergehen und mein Schatten plötzlich vorspringt, verschmilzt der seine mit dem meinen, wächst mit ihm, wird mit ihm blasser, wird zugleich mit ihm von dem Scheine der nächsten Laterne aufgesogen. Ich bilde mir ein zu spüren, sobald wir vor der Laterne sind, dass der hinter mir Gehende auf meinen Schatten tritt. Ich weiß, dass es nur Einbildung sein kann; aber das Grauen, das diese Vorstellung in mir weckt, ist mächtiger als meine Logik.

Wenn es ein Bekannter wäre, hätte er mich schon längst vollends eingeholt und angeredet. Aber wer sollte es auch sein in der fremden Stadt, wo ich niemand näher kenne? Und das Gefühl meiner Einsamkeit, der Zusammenhangslosigkeit mit meiner Umgebung hängt sich wie eine traurige Last an mich, verdoppelt den trüben Schauer über diese immer gleiche unsichtbare Nähe hinter mir.

Vielleicht ist es einer, der Abenteuer sucht. Er glaubt wohl, ich sei eine für ihn, und meine Eile sei Schein und Lockung. Ich brauchte mich nur zu wenden, ihn mit einem kalten, gleichgültigen Blicke zu streifen … Warum tue ich es nicht? Ich kann nicht, ich muss vorwärts, als ob dieser Unbekannte mit dem rhythmischen Schritt mich peitschte … Wenn ich langsamer ginge – ihn an mir vorbeigehen ließe –? Doch die Angst, dass auch sein Schritt sich verlangsamen möchte – dass alsdann etwas Gemeinsames, gleichsam Verabredetes uns verbände, zwingt mich zu immer größerer Eile. Schneller als jetzt kann ich nicht – kann – ich – nicht! Ich bin so atemlos. Mir ist elend, mein Herz weint vor Einsamkeit und Grauen.

Und der Schritt ist immer, immer hinter mir. Als ob es nie anders werden könne, so ist es. Als solle es in alle Ewigkeit so bleiben – ich voran, hinter mir dieser Schritt, der dem meinen sekundiert in erbarmungslosem Takt, – vor dem ich bin wie ein Wild vor dem Jäger, sinnlos vor Entsetzen, halb taub vor rasendem Herzklopfen.

Sieht es denn keiner, wie ich leide? Verjagt mir niemand den Verfolger? So allein bin ich, dass es in dieser großen, großen Stadt nicht einen gibt, der mich erlöst von diesem Schicksal!

Ja, wie das Schicksal schreitet es da hinter mir. Das Schicksal – der Tod – das, vor dem es kein Entrinnen gibt … Ein eisiges Erstarren in mir –: wenn es mich nun lähmte, mich widerstandslos vor seine Füße hinwürfe – – – Vorwärts – nein – vorwärts! Und wenn es das Unabwendbare ist – ich bin schneller als das Unabwendbare!

Die Straße wird lebhafter. Wir nähern uns mehr und mehr der Innenstadt. Es ist wie ein Winken naher Erlösung. Ich kann diesen Schritt hinter mir nicht mehr ertragen – diese zudringliche Nähe, die mir den Rücken zu Eis macht, die Muskeln auflöst, als kröchen sie auseinander, jede Faser für sich – –

Plötzlich ändert sich der Schall des Schrittes. Er wird heller, ferner, kürzer – er verliert sich in einer Querstraße. Zuerst ist es ein Schrecken, es ist so unerwartet, so anders, so neu. Mein Herz schlägt auf einmal schneller und leiser. Ich verlangsame meinen Gang und atme tief auf mehrere Male. Ah – Gottlob, denke ich – Gottlob!

Aber ich denke es nur und lausche dabei hinter mich, enttäuscht fast, den Schritt nicht mehr zu hören. Es war doch etwas wie eine Begleitung, etwas, das ich auf mich, auf meine Persönlichkeit bezog – Närrin!

Und nun drängen sich mir Tränen in die Augen. Es war ein Fremder, der seines Weges ging – nicht meines Weges –

Ich bin einsam, so einsam wie nie.

Um mich her klingen und dröhnen die Symphonien des Lebens, dröhnen unaufhaltsam an mir vorbei. Ich bin ein versprengter Ton, der zu keiner von ihnen gehört – summe nebenher, in keiner Harmonie aufgehend, übertönt, verschwimmend, aufgelöst in der unendlichen Leere …


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. Nr. 26, 1901, S. 414. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Zdenka Braunerová, In Paris, 1886.

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