Der Günstling

von Irene Forbes-Mosse (1864–1946)

Nachdem die Gräfin Rhoden, das Fräulein von Dieveneck und die dem Haushalt der jungen Herzogin zuerteilten Kammerfrauen derselben eine tiefe Reverenz gemacht, welche von der Neuvermählten in ihrem großen, von Seide und Federbüschen überdachten Bett durch ein unbehagliches und darum hochmütig wirkendes Nicken erwidert wurde, blieb Ihre Hoheit allein.

Dieses Gemach, in welchem sie nun zum ersten Male ruhte, wirkte beklemmend, und wenn man bei Betreten desselben der hochgebornen Frauen gedachte, die alle, nach altem Brauche, hier ihre Brautnacht verlebt hatten, so war es wie Gespenster, aus sammetverbrämten Särgen auferstanden, dass man sie, blass und wartend, umhergehen sah. Aber jung und warm und lebensdurstig, nein, das ging hier nicht an.

Ihre Hoheit dehnte die kleinen, brennenden Füße, die den ganzen, langen Hochzeitstag so schrecklich wehgetan. Gott, sie war auch so furchtbar echauffiert gewesen, und das Bewusstsein davon, unter all den neugierigen Blicken, hatte ihre runden, ach zu runden Wangen immer heißer und röter werden lassen. Aber das wurde jetzt besser, in der Dunkelheit.

Sie war ein wenig eingeduselt; nun fuhr sie wieder auf. Ihr Herz klopfte so rasch: Es war doch etwas Erstickendes mit all dem Damast an den Wänden; wenn man nur ein Fenster öffnen könnte! Wie lange lag sie wohl schon da? ………… Diese kleine Dieveneck war eigentlich niedlich, mit amüsanten Augen, so ein bisschen chinesisch. Ja, aber auf Freundschaften musste sie hier wohl verzichten. »Sei recht vorsichtig« – das war der Kehrreim aller Ermahnungen gewesen bis zum letzten Augenblicke, als sie das töchterreiche Schloss ihrer Eltern verließ.

Sie seufzte, so tief es ihre durch rechtzeitiges Schnüren wohlerzogene Lunge vermochte, und wollte sich eben etwas anders legen, denn die große Seidenrolle knirschte so ärgerlich unter ihrem Genick, als sie auf dem Kies unter den Fenstern Pferdegetrappel und leises Sprechen vernahm. Sie stützte sich auf den Ellbogen und zog die Knie ein wenig an, ihre fein gezeichneten Brauen hoben sich, strebten einander zu, wie zarte, zuckende Fühlhörner: Das war ja ihres Vetters, ihres jungen Gemahls Stimme, sie hatte ihn gleich erkannt; und jene andre, tiefere auch, die ihr unlieb war wie mit der Hand über Sammet zu streichen. Noch einen Augenblick, dann trabten die Pferde davon, erst weich klingend über den Kies, als ob bei jedem Schritt ein Beutel voll Silber leise aufschlüge, dann sacht dröhnend; ja, sie ritten über die Brücke, die zur Allee führt.

Plötzlich war sie aus dem Bett geglitten und rannte auf schmerzenden Füßen den Fenstern zu. Sie griff in den schweren Damast, der Geruch alter Seide fuhr ihr ins Näschen, sie blickte hinaus in die fremde, nächtige Welt.

Gradaus, mitten in der Allee, zwischen den Platanen, die weißgefleckt im Monde standen, sah sie zwei Reiter. Dort war die Erde mit kurzem, moosigem Rasen bedeckt, wie mit einem Fell; geisterhaft, ohne einen Laut, konnte man darüber wegtraben, das wusste sie … und sie sah, wie die Reiter kleiner wurden, undeutlicher, bis sie ihren Augen ganz verloren gingen, in den weißen Dunst hinein, zwischen den Bäumen. Ja, oder war’s, weil sie ein bisschen kurzsichtig war?

Sie ließ den Vorhang fallen, sie tappte sich zurück in ihr großes Bett; es war ganz kalt, sie lag erst starr, und nur langsam, nicht auf einmal, fing sie an zu weinen, lautlos und ergiebig, weinte über die erste, schwere Kränkung ihres Lebens ……

Es hatte sich aber begeben, dass der junge Herzog, als er, von Wein erhitzt und der hergebrachten, platten Witze seiner Vettern überdrüssig, sich zurückzog zur Nacht, auf der Treppe mit dem Stallmeister, Herrn von Holk, zusammentraf, dessen Blick er den ganzen Tag wie eine weiche Last im Nacken gespürt hatte. Derselbe stellte sich ehrfürchtig an die Wand, um den Gebieter vorbeizulassen, sah denselben auch gar nicht an, sondern blickte bescheiden auf die Spitzen seiner tadellos sitzenden Reiterstiefel. Vielleicht war aber doch ein leichtes, mitleidiges Zucken unter seinem rötlichen Schnurrbart gewesen, genug, der Herzog fühlte sich genötigt, ihm zu winken und dann, noch im Vorzimmer seiner Privatgemächer, wo die wartenden Lakaien lautlos auseinanderstoben, dem ergebenen Diener und Vertrauten klarzumachen, dass er sein eigner Herr, dass von Zwang oder Überredung keine Rede sei, dass ihm diese gespreizte Wichtigtuerei wegen der Erbfolge nur lächerlich dünke, und das Geschwätz scheinheiliger Hofprediger erst recht; und dass, wenn er auch seiner Mutter zu Gefallen die kleine Kusine mit dem spitzen Kinn zum Altar geführt, und es ja vielleicht auch das Vernünftigste gewesen sei, er sich seine Freiheit, seine Freude am Augenblick nicht rauben lassen, sondern sie erst recht mit Argwohn, wie ein verbrieftes Recht, behüten würde. Das möchten sich auch seine Untertanen gesagt sein lassen, nun er großjährig sei, ob er auch oft Langmut walten ließe, wo andere mit Strenge und Gerechtigkeit vorgingen – ihm sei nun einmal dies zu Gerichtsitzen und dieser unnatürliche Abstand zwischen Herrscher und Volk ein Gräuel – aber zu toll dürften sie’s auch nicht treiben, und bei Übergriffen, da knackte etwas in ihm, da sei er fähig, ohne das geringste Bedenken seinem Gegner das Genick zu brechen ……

Dies alles von kurzen, etwas harten Handgebärden begleitet, wie sie lebhaften, unreifen Menschen eigen sind, die schon nach vielem zu greifen gelernt, aber noch keine Zeit hatten, sich im Halten zu üben.

Vom Stallmeister gefolgt, war er sodann in seine Gemächer gegangen, um nach kurzer Zeit, gestiefelt und im dunklen Reitermantel, herauszukommen. Durch Seitengänge, eine Wendeltreppe hinab, schritten die beiden den Ställen zu.

Dieser warme Pferdedunst, als sie eintraten, hatte etwas Berauschendes. Hunde fuhren knurrend aus dem Stroh, Stallknechte schnarchten in finstern Ecken, von Herrn von Holks leisgrollender Stimme zurückgescheucht, wenn sie schlaftrunken herbeitaumelten, Strohhalme im Haar, rot und zwinkernd unter den tiefhängenden Laternen.

Zwei Pferde standen bereit, gesattelt, mit den Köpfen nach vorn gestellt, mit dem tiefen, abenteuerlichen Licht in den Augen, das edlen Pferden in der Nacht zu eigen ist. Sie wieherten gedämpft, verstehend, als der Stallmeister in ihre Nähe kam.

»Du hattest schon satteln lassen, Holk?«, sagte er junge Herzog, und eine kleine Wolke ging über sein Gesicht.

»Eurer Hoheit Wünsche sollen stets rasch in Erfüllung gehen, soweit sie in mein Departement gehören«, erwiderte der Stallmeister; und wieder legte sich sein Blick wie ein weicher, lastender Druck auf des Herzogs Genick, auf seine Arme und hastigen Hände, die eben am Kopfzeug des Pferdes nestelten.

»Ja«, sagte der Herzog und lachte ein bisschen schrill, »Wünsche darf man nicht kalt werden lassen.«

Auf einen leisen Ruf des Stallmeisters kam ein Stalljunge mit krausblondem Kinderkopf auf dem Nacken eines jungen Gladiators herbei, und führte das Pferd des Stallmeisters, der selber mit dem seines Herrn voranging, ins Freie. Wieder fuhr ein Hund aus einer Ecke hervor, Gestalten richteten sich im Stroh auf, sanken wieder hinein in die Dunkelheit, das Rascheln, das leise Klirren, der warme, beißende Geruch blieben zurück.

Herr von Holk hielt dem Herzog den Bügel, dann sprang er selbst auf, der junge Stallbursche reichte ihm die Peitsche und blieb ganz starr und weiß im Mondlicht stehn und blickte ihnen nach, mit weichem Mund, mit überwachen, strahlenden Augen. Sacht ritten die beiden über den kiesbedeckten Hof. Die Fenster der jungen Herzogin glänzten. Da gab der eine sich einen Ruck. »Eine Stunde, Stallmeister«, sagte der Herzog, und seine knabenhafte Stimme klang dunstig in all dem Tau und der schwimmenden Klarheit.

»Alle Stunden meines Lebens, so lang und so weit Eure Hoheit befiehlt«, sagte der Mann und grüßte. Und dieser stolzweiche Gruß war wie die Liebkosung einer Hand, die sehr leicht sein kann, weil sie sehr stark ist.

So ritten sie davon, über den tiefen Kies, dass es klang wie ein Beutel voll Silber, der leise aufschlägt bei jedem Schritt, und dann, sacht dröhnend, über die Brücke, und weiter, nun fast ohne Widerhall, in schnellerem Tempo, über den Sammet der Allee, zwischen den großen, fleckigen Platanen, hinein in die weiße, schwimmende Ferne.


Textnachweis
Aus: Die Neue Rundschau, Oktober 1913, S. 833–836. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Agnes Slott-Møller, Isolde, 1907

Zwei Gedichte

von Grete Wolf (1882–1942)

Ein jedes Morgen …

Ein jedes Morgen hat nun feste Wände,
ist wie ein gut verschlossenes und enges Haus.
Es geh’n nicht mehr der Sehnsucht helle Brände
auf jedem Weg wie Fackeln mir voraus.

Wollt ich’s nicht so: dass ich die Stätte fände,
wo selbst der Schaffende sein Wirken misst;
durch Arbeit, Liebe und Besitztum bände,
was schweifend frei und ewig heimlos ist?

Oh schnell und gierig können Wünsche bauen!
Schon mauert um mein Herz sich satte Ruh.
Nur manchmal fühl’ ich: meine Augen schauen
fremd, wie im Spiegel. Fragen fremd: wozu?

Frauenschicksal

Du bist der Fremde und du bist der Feind.
Du brichst in meinen Frieden ein und raffst
All das für dich, was in mir lacht und weint – –
Ich weiß nur dies, dass du mir Sehnsucht schaffst.

Noch gestern warst du nicht. Ich ging allein.
Und war in mich geschlossen und war gut.
Nun muss ich nach mir selbst voll Sehnsucht sein,
Weil, was ich bin, in deinen Wünschen ruht.

Drum wird mir vieles Böse von dir kommen:
Du wirst nicht hüten, was du jetzt erflehst.
Ganz einsam bin ich morgen, wenn du gehst,
Und arm an allem, was du mir genommen.

Ich will mich bang und glühend an dich pressen,
Küss mir die Augen, Liebster, mach sie blind!
Und gib den Mund – dein Mund ist voll Vergessen – –
Dass wir nicht wissen, wann der Tag beginnt.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XVI. Jahrgang., Nr. 6, Juni 1914, S. 185. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 3 – Jugend, 1907

Blauer Falter

von Marie Eugenie delle Grazie (1864–1931)

Ein blauer Falter gaukelt
Um einen Lindenbaum –
Der wiegt sich leis’ und schaukelt
Die Zweige wie im Traum,
Die blüh’nden Zweige.

Sie schwanken hin und wider
Vor einem Kämmerlein,
Drin liegt in weißem Flieder
Ein totes Kind … allein
In weißem Flieder.

Er fiel aus kleinen Händen
Herab wohl auf die Leich’ –
Die Sonn’ geht an den Wänden
So lautlos und so weich –
Der Tag rückt weiter.

Und mitten in dem Kreise,
Dem mag’schen Zauberring
Von Licht und Tod tanzt leise
Der blaue Schmetterling –
Im Kreis’ … im Kreise …


Textnachweis
Aus: Wiener Rundschau, Bd. 1, 1897, S. 290. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Mary Cassatt, Flieder in einem Fenster, um 1880

Ibsens Köchin

von Carry Brachvogel (1864–1942)

Schon muss ich fürchten, allzu lange über sie geschwiegen zu haben, denn ein sichtbarer Platz gebührt ihr in einer Zeit, da verschämte wie unverschämte Indiskretionen über große Männer an der Tagesordnung sind. Seit erst gar über Ibsens Grab sich eine ebenso interessante wie feinsinnige Debatte erhob, ob Henrik bei Paul Heyse gute oder schlechte Trinkgelder gezahlt habe, seitdem habe ich die Empfindung, dass ich eine Defraudation an der Unsterblichkeit begehe, wenn ich sie noch länger verleugnete. Sie, die wohl mehr als andere Frauen berechtigt wäre, einen Band zu veröffentlichen »Meine Beziehungen zu Ibsen«.

Staunender Leser und neugierige Leserin, es ist kein Märchen, das ich euch erzählen will. Keine Gestalt der Phantasie oder auch nur Aufschneiderei soll vor euch hintreten, sondern die strenge Frau, die sieben Jahre lang in Ibsens Küche herrschte. Sieben Jahre lang – genau so lang wie der Erzvater um Rahel diente – hat sie für ihn gesotten, gebraten, gedämpft, geröstet, aus schwimmendem Schmalz und auf der Pfanne gebacken, hat die Früchte des Feldes und die Tiere des Waldes zu seinem Opfer bereitet, dass sie ihm wohlschmeckten und ihm nimmer ein miserables Mittagessen die Laune verdarb. O ihr Dichter der alten und insbesondere der neuen Zeit! Wer von euch darf sich rühmen, sieben Jahre lang eine so übermenschliche Weibesliebe empfangen zu haben?

In München war es, wo Mina zuerst dem Dichter nahe trat und jene bedeutungsvollen Beziehungen anknüpfte, die sie sieben Jahre lang mit ihm und seinem Hause verbinden sollten. Als ich sie kennenlernte, waren jene Beziehungen bereits gelöst, und es wäre mir nun ein Leichtes zu renommieren, dass ich Mina direkt aus Ibsens Händen empfing. Da aber meine Aufzeichnungen über sie dem strengsten Wahrheitsgebot entsprechen sollen, muss ich gleich hier feststellen, dass eine engere Verbindung, eine gemeinsame Häuslichkeit zwischen Mina und mir niemals zustande kam oder auch nur projektiert war. Immerhin aber lernte ich sie genügend kennen, um jenen Teil ihres dramatischen Schicksals darzulegen, der am deutlichsten Ibsensche Einflüsse verrät, der am zwingendsten erweist, wie diesem schlichten Mädchen aus dem Volke des Dichters Gebote und Träume in Fleisch und Blut übergegangen waren.

Als ich Mina kennenlernte, hatte sie bereits das Ideal aller Dienstmädchen erreicht: Sie war Haushälterin bei einem einzelnen Herrn, bei einem jungen Arzt, mit der harmlosen Spezialität der Ohren-, Nasen- und Rachenkrankheiten. Er verkehrte seit Jahren in meinem Hause, und ich wusste daher, dass er dazu prädestiniert schien, von einer Frau, das heißt seiner Frau, gehätschelt, bemuttert und auch ein wenig pantoffelt zu werden. Erstaunlich war, wie schnell Mina in die Psychologie ihres Dienstherrn und Gebieters eindrang; ich bin überzeugt, dass die Lektüre von »Nora« ihr dabei wesentliche Dienste geleistet hat. Der Doktor war für sie bald »das Eichkätzchen«, das immer munter, liebenswürdig und arglos zu sein hatte, indes Mina mit eiserner Rute das Haus, das heißt die Parterrewohnung regierte. Hausmeister, Wäscherin und die Dienstboten sämtlicher Nebenparteien zitterten vor ihr, und wahrscheinlich tat es auch das Doktor-Eichkätzchen, das übrigens in seiner Jugend eine Entschuldigung für seine furchtsame Hingebung fand: Er war nämlich um mindestens zehn Jahre jünger als Mina, die konsequent, wie es in ihrem Charakter lag, an der Schwelle der Vierzig stehenblieb. Wenn ihre eine Hand aber auch gelegentlich mit Skorpionen züchtigte, so kochte dafür die andere tadellos; insbesondere in ihren Rahmstanitzeln hob sie sich weit über den Durchschnitt berufsmäßig oder dilettantisch kochender Münchnerinnen hinaus. Sie sorgte aber nicht nur für das leibliche, sondern auch für das geistige Wohl ihres Eichkätzchens und erzählte ihm zeitweise Küchenintimitäten aus dem Hause Ibsen. Die eine ist mir besonders im Gedächtnisse geblieben, nämlich: Der Dichter liebte es, das Rindfleisch mit englischem Senfpulver dick zu bestreuen, nicht etwa mit angerührtem Senf, sondern mit dem trockenen Pulver … Es wäre mir natürlich eine Kleinigkeit, noch mehr nordische Küchenallotria zu berichten, aber ich möchte erst die Stöße von Entgegnungen, Kommentaren und Berichtigungen abwarten, die der Senfenthüllung folgen werden … An dem geistigen Schaffen des Dichters scheint sie dagegen weniger Anteil genommen zu haben; so sehr ich mich auch besinne, wüsste ich nichts von Mitarbeiterschaft oder Inspiration zu sagen …

Es widerstrebt mir im Allgemeinen, bedeutende Frauen auf ihr Äußeres hin zu kontrollieren, dennoch möchte ich Minas Seelenhülle mit ein paar flüchtigen Worten gedenken. Sie war eine kleine Blondine, deren energisch vorspringender Mund rhetorische Eigenschaften verriet, und die früher, noch zu Ibsens Zeit, Plattfüße gehabt hatte. Ein chirurgischer Kollege und Freund Eichkätzchens befreite sie aber von diesem ästhetischen Übel, so dass auf des jungen Doktors Nacken wenigstens ein normal geformter Frauenfuß stand. Zu Anfang unserer Bekanntschaft war mein Verhältnis zu Mina ein freundschaftliches und ungetrübtes: Wir achteten einander und tauschten Kochrezepte. Später schlich sich leider ein Misston in die Harmonie unserer Seelen und Kasserollen, und Mina warf Hass auf mich. Ein Vanillekipfel, ein einziges kleines Vanillekipfel (Rezept »Vanillekipfel ohne Ei«) war zwischen sie und mich getreten! Mir gelang es nämlich, diese Kipfel, wenn auch nicht besser, so doch schöner herzustellen als Mina, in einem verblüffenden Miniaturformat, während die großzügige Natur der Ibsen-Köchin ausführliche Kipfel, auf denen sogar Weltanschauungen Platz gehabt hätten, bevorzugte. Das medizinische Eichkätzchen, das, gleich vielen Junggesellen, den Ehrgeiz der »besten Küche« hatte, nahm einmal, da alles Zureden zu »Klein-Kipfel« nichts half, eines meiner Liliputkunstwerke als Muster mit und meinte in seiner Manneseinfalt, dass Mina nun künftighin ihre Kipfel »in Schönheit« backen sollte. Selbstverständlich ging es gerade umgekehrt. Mina erklärte mit wahrem Trollenlächeln, dass die Figur der Kipfel mit dem jeweiligen Herd in Zusammenhang stünde, und Eichkätzchen schwieg resigniert, weil es doch nicht Lust hatte, zu »Vanillekipfel ohne Ei« einen neuen Herd setzen zu lassen. Zwischen ihr und mir aber stand Hass seit jenem Tage, und ich glaube, auch Eichkätzchen büßte um des Kipfels willen an Liebe und Achtung ein.

An der »sittlichen Forderung« im buchstäblichen Sinne des Wortes sollte dann das Puppenheim zugrunde gehen, in dem Mina sich so lange an dem Singvögelchen-Doktor erfreut hatte. Für ängstliche Gemüter füge ich gleich bei, dass nichts, absolut nichts passierte, was Minas oder Eichkätzchens Ruf nur im Leisesten hätte trüben können. Das Verhängnis lag einzig und allein in Minas Phantasie, die entschieden bei dem großen Skandinavier in die Schule gegangen war und von ihm gelernt hatte, aus dem Alltag die tiefen und grausigen Lebensprobleme herauszuholen. Wie in einem richtigen Ibsen-Drama fing die Sache mit scheinbarer Harmonie an.

Da war unter unseren Bekannten eine hübsche, mollige, lustige, geistig nicht übermäßig ausstaffierte Witwe, mit der Eichkätzchen und ich eines Tages eine Landpartie machten. Als wir abends müde, aber immer noch in sehr fideler Stimmung heimkamen, lud Eichkätzchen uns ein, à la fortune du pot bei ihm zu nachtmahlen. Ich bestaunte im Innern seinen Mut, denn jede Hausfrau weiß, dass auf die fortune du pot fast allemal le malheur du lendemain folgt, weil Dienstboten einen unüberwindlichen Horror gegen Improvisationen haben. Was aber mit und durch Mina geschah, grenzte ans »Wunderbare«.

Zunächst täuschte sie uns alle freilich durch ein gütiges Lächeln und kulinarische Impromptus, die entschieden Beachtung verdienten. Auch als sich dem vergnügt speisenden Kleeblatt noch ein junger Maler angesellte, deutete nichts auf die drohende Katastrophe hin. Nach dem Essen setzte sich der Maler ans Klavier und spielte Strauß-Walzer. »Die lustige Witwe«, die der Ausflug sehr müde gemacht hatte, legte sich auf die Ottomane und ließ sich vom Doktor eine Reisedecke über die Füße breiten, eine Handlung, die sie schon aus Klugheit hätte vermeiden sollen, denn sie trug kalblederne Tourenstiefel Nr. 43. Lange vor Mitternacht verabschiedeten wir uns vom Doktor, der uns höchsteigenhändig hinausleuchtete, denn Mina durfte stets unmittelbar nach dem Abendessen zu Bette gehen. Vergnügt lachend schritten wir ins Dunkel und ahnten nichts von den noch viel dunkleren Mächten, denen wir den Doktor überlassen hatten.

Was zwischen Eichkätzchen und Mina in jener Nacht sich zutrug, haben wir nie genau erfahren. Doch am anderen Morgen kam der Doktor bleich und erschüttert zu mir.

»Mina hat gekündigt! Sie kann nicht länger ›in so einem Haus‹ bleiben!«

Eine kluge Hausfrau fragt ja nie, was das Dienstmädchen mit »so einem Haus« sagen will. Eichkätzchen aber mit der zweifachen Begier, des Mannes und des Naturwissenschaftlers, hatte törichterweise gefragt. Was Mina da alles vorbracht, ließ sich nur mit den Worten kommentieren: »O welch ein edler Geist ist hier zerstört …« Die Ausschweifungen ihrer Phantasie waren unbeschreiblich und gipfelten schließlich in der wildromantischen Behauptung, dass »die lustige Witwe« gegen Morgen aus dem Fenster in den Vorgarten gesprungen sei … Vergebens versuchte man, ihr klar zu machen, dass selbst unter den pikantesten Voraussetzungen normale Großstadtmenschen sich vorteilhafter durch die Haustür als durch einen Salto mortale entfernen. Es half nichts. Die springende Witwe blieb der springende Punkt ihrer Anklage und Kündigung. Der Doktor entsprach nicht mehr dem »frohen Adelsmenschen«, für den ihn Rebekka-Mina gehalten hatte. Ganz ähnlich wie »Brand« scheint sie in jener rätselvollen Nacht mit der Forderung »alles oder nichts« vor ihn getreten zu sein, und da der Unselige, der eben eine Reisedecke über Kalbslederstiefel Nr. 43 gebreitet hatte, die Reinheit nicht gewähren konnte, die sie forderte, so ging sie, »weil sie jahrelang mit einem fremden Manne unter einem Dache zusammengelebt hatte«. Das heißt, ganz so friedlich und würdig ging sie nicht, sondern sie schimpfte noch zuerst tüchtig bajuwarisch, woraus zu ersehen war, dass der skandinavische Einschlag das Bodenständige in ihr nicht hatte vernichten können.

Das ist die Geschichte von Ibsens Köchin. Allen Biographen, Kommentatoren etc. stelle ich mit Vergnügen weitere Auskünfte zur Verfügung. Auch Minas Adresse kann bei mir erfragt werden sowie die Eichkätzchens, das immer noch jung, unbeweibt und pantoffelbedürftig ist, eine große Praxis besitzt und nun mit einer gänzlich unliterarischen Haushälterin wirtschaftet …


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Tagblatt, 7. April 1907, S. 2–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Mädchen mit Gemüsekorb im Garten, 1891

Der lästige Ausländer

Eine aktuelle Legende von Hermynia Zur Mühlen (1883–1951)

Er war des Himmels überdrüssig geworden, das Gedudel der Engel, die ewig heitere Ruhe der Seligen ging ihm auf die Nerven. So beschloss er denn, zur Erde niederzusteigen, und langte eines Tages an einem kleinen deutschen Ort an.

Dem Rate des heiligen Paulus folgend, hatte er genügend Geld mitgenommen, doch kehrte er nicht in dem erstklassigen Hotel ein, weil ihm die Schieber und die Offiziere in Zivil allzu widerlich waren, sondern begnügte sich mit einem kleinen Gasthof.

Den nächsten Tag hielt ihn ein Polizist auf der Straße an und verlangte seine Papiere zu sehen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich habe keine!«

»Woher kommen Sie?«

»Aus dem Himmel!«

Der Polizist starrte den schwarzbärtigen, blassen Mann verblüfft an. War der Mann etwa aus dem Irrenhaus entsprungen? Doch war der Polizist ein Mensch – freilich nur im Geheimen – und seine spöttische Überzeugung half ihm das Rätsel lösen. Sicherlich ist der Fremde aus Russland gekommen, wollte dies nur nicht aussprechen und umschrieb daher den Sowjetstaat mit der Bezeichnung Himmel.

»Sie müssen versuchen, sich eine Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen«, meinte er gutmütig, und der Fremde nickte zerstreut.

Eine Woche lebte der Fremde still und unbehelligt in dem kleinen Ort, dann kam er unglücklicherweise an der gemeinsamen Mittagstafel mit einem Alldeutschen ins Gespräch, das bald, trotz der Milde des Fremden, in einen heftigen Streit ausartete.

»Wie erfrechen Sie sich, mir derartiges zu sagen«, brüllte der Alldeutsche. »Was wissen Sie vom reinen Germanentum? Was sind Sie denn eigentlich? Woher kommen Sie?«

»Ich bin Jude«, sagte der Fremde sanft, »stamme aus Palästina.«

»Natürlich!« Des Alldeutschen feistes Gesicht rötete sich vor Zorn. »Ostjuden, lästige Ausländer!«

Der Fremde blickte ihn verständnislos an.

Zwei Tage später erschien ein anderer Polizist bei dem Fremden und verlangte dessen Papiere. Da der Fremde bekennen musste, dass er keine besitze, wurde ihm mitgeteilt, er habe binnen vierundzwanzig Stunden Deutschland zu verlassen.

Der Alldeutsche lachte höhnisch, als er des Polizisten klobige Gestalt die Treppe hinabsteigen sah.

Der Fremde wusste nicht ein noch aus. Wohin sollte er, der keine Papiere besaß, in vierundzwanzig Stunden reisen? Ein wohlwollender Gast des Hotels zog ihn beiseite und riet ihm zu versuchen, über die Schweizer Grenze zu gelangen. Wenn die Leute dort sehen, dass er viel Geld besitzt, werden sie ihm keine Schwierigkeiten machen, auch solle er sich einen aristokratischen Namen zulegen, dann halten ihn die Schweizer Behörden vielleicht für einen Konterrevolutionär aus Deutschland oder Österreicher oder für einen Anhänger Horthys und werden ihn mit offenen Armen aufnehmen.

Der kluge Ratgeber hatte rechtgehabt, ungehindert überschritt der Fremde die Schweizer Grenze. Nun aber beging er einen argen Fehler. Anstatt in einem der vornehmen Hotels zu wohnen, begab er sich auch hier in ein schäbiges kleines Gasthaus, außerdem besuchte er bisweilen eine sozialdemokratische Versammlung, und so entstand das Gerücht, er sei ein »Bolschewik«, der die Schweiz samt ihrer Verfassung, ihren Hotels und ihren vielen konterrevolutionären Gästen an Russland verraten wolle.

Er wurde abermals ausgewiesen, doch weigerte er sich ebenso sanft wie hartnäckig, das Land zu verlassen, sagend, er habe auf Erden kein Vaterland und sei nirgendhin zuständig.

Ein Schweizer Flieger erbarmte sich seiner. »Gebt mir den Mann mit, ich werde ihn über die österreichische Grenze bringen«, sagte er, und die Schweizer Behörden nahmen seinen Vorschlag an.

Doch geschah es, dass am Flugzeug irgendetwas brach und der Wind es weitertrieb über die Donau. In Budapest musste der Flieger eine Notlandung vornehmen. Er setzte den Fremden auf der Straße ab und begab sich in ein elegantes Hotel.

Verloren und verwirrt schlenderte der Fremde dahin. Eine Offizierspatrouille kam ihm entgegen.

»Wieder so ein Saujüd!«, brüllte der Anführer.

»Nachschau’n!«, gebot ein zweiter.

Auf offener Straße rissen sie dem Fremden die Kleider herunter. Dann trieben sie ihn unter Schlägen vor sich her. An einer Kirchentür brach der Fremde zusammen.

Die Tür stand offen, frommer Orgelton drang aus der Kirche. Über dem Hauptaltar hing ein großes Kruzifix. Viele Männer und Frauen knieten betend davor. Die Offiziere schlugen ein Kreuz.

Der Fremde blickte sie verwundert an.

»Wie kommt es«, fragte er, »dass ihr mich dort drinnen anbetet und hier draußen erschlägt?«

Mit wildem Gebrüll stürzten sich die Offiziere auf ihn. »Gotteslästerer!« »Grindiger Jud’!« »Schlagt ihn tot!«

Sie rissen ihn weiter. Bei einem Baum machten sie Halt. Einer brachte einen Strick.

»Bet’ zu deinem Götzen, Saujud, deine letzte Stunde ist gekommen!«

Da hob der Fremde die Augen, und vor dem Licht, das aus ihnen strahlte, erschraken die Mörder. Sein Blick umfasste die ganze Stadt, und in ihm lag die Ahnung des letzten Gerichts. Da ihm einer den Strick um den Hals warf, betete er laut mit erhobenen Händen:

»Vater, vergib ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun!«


Textnachweis
Aus: Burgenländische Freiheit, 14. April 1922, S. 5. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne Werefkin, Klostergarten, um 1926

In der Konditorei

Skizze von Else Krafft (1877–1947)

Gleich am Eingang, hinter den breiten, blitzenden Glasscheiben, zwei grienende Studenten. Sie musterten die Vorübergehenden der belebten Straße und machten ihre Glossen darüber. Die halbgeleerten Kaffeetassen dampften nicht mehr, und die sechs Stück Zucker lagen unberührt auf dem Metallschälchen.

»Blödsinniges Weib«, meinte der eine, indem er der schon etwas reifen Dame zusieht, die hinter dem Glase gravitätisch wie ein Pfau in ihrem überputzten Seidenkleide vorüberrauscht. Als sie die jungen, lachenden Gesichter sieht, stockt einen Augenblick ihr Fuß.

»Um Gottes willen, Mensch, die kommt noch rein, wenn du solche Zicken machst«, warnt der ältere den jüngeren Studiengenossen. »Wir wollen doch hier keine Antiquitätenhandlung anlegen.«

Und sein Blick streift herausfordernd das Nebentischchen, an dem ein bejahrtes Fräulein ihre Schokolade löffelt.

Sie achtet gar nicht auf die kecke Jugend. Sie sieht alle Minuten auf die große Uhr über dem Küchenbüfett und denkt nur eins: »Wirst du die Stellung bekommen oder nicht?«

Sie ist vorhin zu früh gekommen, als sie sich in dem großen Bureau der Friedrichstadt gemeldet hat. Der Chef empfing noch nicht. »Um sechs wiederkommen«, hieß es. Bis dahin war es noch eine gute Stunde. Zuerst hatte sie vor der Haustür unten auf und ab gehen wollen die ganze Zeit. Dann, als der kalte Wind ihr wieder und wieder das Haar zausend auseinanderriss, ihr das Kleid emporblähte, dass die vorübergehenden Herren nach ihren Füßen sahen und sie ansprachen, flüchtete sie in die Konditorei. Das Geld für die Tasse Schokolade freilich tat ihr leid, es war entschieden ein Leichtsinn für eine stellenlose Buchhalterin, drei von den teuren Spargroschen so hinauszuwerfen. Aber hier zitterte sie doch wenigstens nicht mehr so in Angst und Erwartung, in Sturm und Herbstnebel, hier unter den geschliffenen Spiegeln, den roten Samtstühlen und der goldenen Pracht an der Wand lag es wie ein einziges zuversichtliches Hoffen in der Luft.

Der alte Herr über seiner Zeitung, der ganz in der Nähe des einsamen Mädchens saß, hatte den Wandel in dem müden Frauengesicht beobachtet.

»Was doch so eine Tasse Schokolade ausmacht«, dachte er. »Sieht distinguiert aus in dem schwarzen Kleid. Gewiss eine Offizierstochter, die das Heiraten aufgegeben hat und ihr Taschengeld vom gestrengen Papa für süße Erinnerungsstündchen in der Konditorei anlegt.«

Und er vertiefte sich von Neuem in die Börsenberichte, mit Wonne einen Aufschwung seiner Aktien feststellend.

In einer Nische saß eine junge Frau mit ihrem kleinen, vielleicht dreijährigen Mädchen, das sich den Kuchen selber aussuchen durfte.

»Aba mit Schlacksahne«, befahl das kleine Fräulein, »ein ganz großes Stück, … Schukelade auch, und denn noch viel Tortens!«

Mama nickte und zupfte an der rosenroten Bandschleife der lebendigen Puppe. Heute kriegte Mausi alles. Heute kam Papa zurück. Acht Wochen war er auf einer Geschäftsreise fortgewesen, acht lange, einsame Wochen. Heute mit dem Siebenuhr-Zug kehrte er heim. Sie hatte es aber schon am Nachmittage nicht mehr ausgehalten in der stillen Wohnung. »Bahnhof Friedrichstraße« hatte auf der Depesche gestanden. Die beiden Worte waren wie ein Strom von Glut und Glück über die junge Frau hergefallen. Sie hörte nicht den Herbststurm draußen, sah nicht den Nebel, der nass und schwer über Berlin lag. Ihr bestes Kleid hatte sie angezogen, hellgrau, mit rosa Seide garniert, und Mausi hatte sogar das weiße Spitzenkleidchen unter dem blauen Mäntelchen an, an dem die Schärpenenden wie Freudenflaggen bis zu den runden Beinchen herniederhingen.

»Papa kommt«, weiter wussten Mutter und Kind nichts. Und nun saßen sie beide wartend nahe dem Bahnhof Friedrichsstraße in der Konditorei, und Mausi aß Mamas unberührte Kuchenportion auch noch mit auf. Ein kleiner Winkel voll großen Glücks!

An einem Tische zankten sich zwei, ein Herr und eine Dame, flüsternd zwar nur, aber sie zankten sich doch. Sie würgte mit emporquellenden Tränen ihr Sahnenbaiser herunter, und er qualmte wie ein Schornstein.

»Das geht dich gar nichts an!«

»Doch! … Ich verbitte mir überhaupt diesen Ton!«

»Du hast dir gar nichts zu verbitten!«

Er fuhr hoch.

»Denkste, ich weiß das nicht ganz genau, dass du den Herrn da drüben kennst? Würde er sonst so frech rüberblicken?«

Sie lachte krampfhaft.

»Einbildung!«

»Du kommst jetzt mit … Kellner zahlen!«

»Fällt mir nicht ein … ich bleibe.«

»Das werden wir ja sehn!«

»Sprich doch nicht so laut!« Sie schluchzte jetzt wirklich. »L…i…eber geh’ – ich schon – mit.«

Als das elegante Paar über den roten Teppichboden dem Ausgang zuschritt, stieß eine junge Frau ihren Mann an.

»Du … sieh mal, Schatz, solch Kleid … das mit den Kimonoärmeln … mein’ ich.«

Er sah.

»Unsinn … so was kannst du gar nicht tragen.«

»Warum nicht?«

»Na, Suse!«

Er lachte zärtlich.

»Meine lüttche Frau und solch Kleid! Nee … da sprächen dich ja die Herren auf der Straße an.«

Sie wurde trotzig.

»Lass sie doch! Ein Zeichen, dass man hübsch aussieht!«

Er trank erschrocken sein Glas Echtes aus.

»Komm, Kind. Der Luxus hier verdirbt dich. Wir gehen nie wieder in ’ne Konditorei!«

Darauf sagte sie nichts. Aber nach einem ganzen Weilchen – der Apfelkuchen war auch mit den letzten Krümeln vertilgt – griff die kleine Frauenhand schmeichelnd unter dem Tisch nach der großen des Mannes.

»Noch ’n Stück … ja, Schatz? Dafür will ich auch kein Kleid … alter Brummbär!«

Der Händedruck wurde stürmisch zurückgegeben.

Zwei, die sich heute zum ersten Male heimlich getroffen hatten, saßen auf einem der Tischchen.

»Sie« ganz in die Ecke gedrückt, hinter einem Kleiderständer.

Er war weniger schüchtern.

»Was befehlen Gnädigste?«

»Eisschokolade«, lispelte sie.

»Ist Ihnen so heiß, gnädiges Fräulein?«

Dunkles Erglühen, hastiges Nicken.

»Wie Ihnen mal wieder die Bluse entzückend steht, Fräulein Elisabeth!«

»Finden Sie?«

Verschämtes Lächeln.

»Natürlich, … kleine, süße Liese …«

»Die ist glücklich«, dachte ein schlankes, braunäugiges Mädel, die neben der Mutter saß und das Paar beobachtete. »Die hat Mut! Sich treffen mit dem Liebsten, heimlich, plaudern mit ihm können, Stuhl an Stuhl, Kopf an Kopf, jung, selig sein, ohne Gedanken an Gegenwart und Zukunft … ach, wer das doch auch könnte! Nicht immer nur mit Mama durch Berlin ziehn, durch die Warenhäuser, durch die Ausverkäufe, und dann zur Belohnung ein Stück Kuchen für 15 Pfennig in der Konditorei essen. Torte mit Sahne war der Mutter zu teuer oder gar Eisschokolade …«

»Sitz grade, Erna! Sieh doch nicht so auffallend an den Tisch da drüben, Gott, Mädel … wann endlich lernst du mal Manieren! Was hast du denn … was machst du denn für ein Gesicht? Ist das der Dank für den teuren Kleiderstoff, den ich dir heute gekauft habe? Drei Mark das Meter … Vater darf das gar nicht wissen. Wie ich so alt war wie du, habe ich überhaupt noch kein Tuchkleid bekommen. Halbwolle … allenfalls einen praktischen Cheviot für sonntags. Aber heutzutage … ich sage ja … wer hat’s denn so gut wie du?«

Dazwischen kauderwelschten ein paar Russen bei ihrem Glas Tee, die gleich neben Mutter und Tochter saßen. Sie hatten Bücher vor sich auf dem Tisch liegen und gestikulierten so lebhaft mit den Händen, dass die Löffel klirrten.

Und drüben, ganz weit vom Eingang entfernt, im äußersten Winkel des Raumes saß ein altes Ehepaar, das sich gegenseitig anlachte.

Er hatte zuerst allein seinen Kaffee in der Ecke getrunken. Dann war seine Frau gekommen, die Besorgungen gemacht hatte.

Er hielt die Taschenuhr in der Hand.

»Zum ersten Male unpünktlich … Alte!«

Sie war ganz heiß und rot.

»Ach Gott … es gab so viel zu besorgen, Alterchen.«

»Was denn?«, fragte er.

Da lächelte sie.

»Donnerwetter«, dachte der Grauhaarige, »dein Weib wird wieder jung. Guckt einen an wie ’ne Siebzehnjährige!«

Sie suchte unter ihren Paketen und schob ihm das kleinste direkt vor seine Kaffeetasse.

»Wohl wieder ’n neuer Schlips für deinen eitlen Mann?«

Umständlich wickelte er es aus. Mittendrin stockten seine Finger. Ein feines Klingen, wie von winzigen Glöcklein, kam aus dem Papier.

»Da…as … da soll doch … Du hast wohl ’ne Höllenmaschine drin?«

Sie schüttelte den Kopf. Unter dem weißen Scheitel lachten die Augen wie Sonne im Schnee.

»Wickle man weiter … Großpapa!«

»Großpapa«, hatte sie gesagt. Er war förmlich erschrocken vor diesem neuen Wort. Er wickelte, und da lag’s vor ihm, blinkend, mit Elfenbeingriff und funkelnagelneu: eine Babyklapper.

»Will ich der Lotte schicken, sie … sie hat mir heut geschrieben, dass im Frühling« … Die alte Frau stockte.

Er half ihr schon.

»Dass sie so’n Dings braucht?«

Sie nickte.

»Kling…lingelinge…ling« … Es war das reine Freudenkonzert, was da für einen Augenblick unter den Fingern des alten Herrn begann.

Alle blickten auf, und keiner wusste, wo’s herkam. Aber alle lächelten.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, Nr. 1497, 16. Januar 1908, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Verlassen, 1907

Im Wartezimmer

von Marie Holzer (1874–1924)

Er stand im weiten eleganten Wartezimmer des Arztes. Als Letzter war er eingetreten. Die meisten Fauteuils waren besetzt. Er grüßte stumm und blieb vor einem tiefhängenden Schlachtenbilde stehen, das dicht bei der Türe hing. Er sah darauf – gespannt, lauernd, als wollte er ergründen, was hinter der Stirn jener Männer geschrieben stand. Seine Gedanken gingen dieselben Wege wie die der Krieger dort, einen Weg wohl, doch ohne jenen Beigeschmack, doch ohne jenes Lustgefühl, das wohl das Herz so manches dieser Leute schlagen lässt.

Die Augen des Offiziers dort glänzten wie im Fieber, und aus dem Blick jenes Soldaten leuchtete ein Rachegefühl, aus den kraftvollen Bewegungen eines anderen sprach verwegener Mut. Doch dieser hier, der Letzte fast, ja, in seiner ganzen Haltung, in seinem Gesichtsausdruck, da lag deutlich völlige mutlose Resignation – nein, nicht Resignation – Furcht – ja, ja, Furcht, und doch musste er mit – in den Tod.

Sterben! Das ist das Ende jeden Weges, jeder Gasse. Alle Wege führen ins dunkle Reich – alle. Doch es gibt Umwege – weite – lange – beschwerliche – immer gleich weit – gleich – lang – öd – staubig – endlos, dass man sich endlich gerne hinlegt und ausruht …

Doch gibt es auch andere, die durch Gärten führen; mit knospenden Sträuchern, mit blühenden Blumen, mit weiten Rosenflächen, mit verschlungenen Pfaden und Rosen am Wegesrand, die weit, weit von der Ausgangspforte liegen, die einen immer wieder in den Bann des Lebens ziehn, mit ihren Zaubermärchen, mit ihrem Liebesgeflüster, mit ihren Blumenketten.

Aber steile Wege gibt es auch, knapp und eng, über Geröll und Steinfelder, aber die führen in die Höhe, alles hinter sich lassend in der Tiefe. Die ziehn uns mit tausend Armen hinauf in die frische, freie Luft, wo man aufatmen kann, tief und frei, und allein ist.

Allein? Allein ist man auch in der Tiefe, in der Erde, und vor dem Alleinsein graut ihm.

Ein Zittern überfällt ihn, ein krampfartiger Husten.

Die Diele knarrte. Ein ungeduldiger Patient hatte sich erhoben, oder war ein neuer eingetreten. Dann wieder ein Räuspern. Es sah nicht auf. Dann huschte jemand vorüber. Ein entlassener Patient wohl. Die Portière, die vor der Türe hing, wurde einen Augenblick beiseitegeschoben und ließ einen Lichtschein hereinfallen – dann glitt sie wieder langsam zur Erde. Er rührte sich nicht. Er kam noch nicht dran. Noch eine kurze Galgenfrist lag zwischen jetzt und später? Jetzt gab es noch ein Später – bald nur noch ein Jetzt und dann – dann nichts mehr – dann Ruhe – Stille – kein Bewusstsein – kein Erwachen – kein Schmerz – keine Angst – nichts – nichts – alles ringsum tot – schwarz. Das Ticken der Uhr verstummt – das Bild vor ihm versunken – der Lichtschein, der durch die Tür ins Zimmer fiel – weg alles weg – – – – – Nein, nein, alles bleibt, die Uhr tickt weiter – der Lichtschein fällt durch die Türe herein, des Morgens, des Abends, so oft ein Patient geht und kommt, das Bild an der Wand bleibt hängen – nur er – er ist nicht da – alles andere bleibt.

Sterben muss er. Jetzt beim Erwachen des Frühlings, beim leuchtend blauen Himmel, beim ersten Sprießen junger Knospen, beim Blütenduft, der wundersam die Luft durchzieht. Sterben – sterben!

Warum nicht im Herbst, wo alles zur Ruhe geht? Wenn der Himmel dicht verschleiert ist, wenn kalte Winde über die staubige Straße fegen und die Blättchen von den Bäumen rütteln – nicht jetzt – Gott, nicht jetzt – wo alles zu neuem, jungem, kräftigem Leben ersteht – nicht jetzt. Und doch, er fühlt ja deutlich, wie die Kräfte schwinden, täglich, stündlich – dass das Frühjahr mit der schönen, würzigen Luft ihm den Tod bringen wird. –

Frische Blüten erstehen, und die dürren Blätter müssen fallen! Die Natur geht schmerzlos schlafen – denn sie erwacht wieder. Schlafen und Erwachen, wie schön! Aber schlafen – immer schlafen – ohne Ende – morgen – übermorgen – immer. Immer? Was heißt das, immer? Was war immer – und was wird immer sein, sind die Blättchen dieselben und war er immer derselbe oder hatte er hundertfache Gestalt? Zuerst ein Wickelkind, in dem die Gefühle leise dämmern, dann ein kleiner, zärtlicher Junge, dann ein munterer, ausgelassener Schulbub, ein wilder Knabe, dann ein Hochschüler mit tausend Träumen und Wünschen, voll Kampfeslust und Jugendkraft und Begeisterung – dann ein Mann, ernst und strebsam – und endlich ein Bürokrat, pflichttreu und bitter – weil die Welt so eng wurde – und so anders. Nichts ist ihm geblieben als der Name, und auch der hatte so verschiedenen Klang.

Alles hat sich geändert, alles. Die Gedanken – die Gefühle. Ja Gedanken – Gefühle – Wünsche – hatten so verschiedene Färbung – zuerst rot – hell – leuchtend – dann matter werdend – immer matter. Die Hoffnungen sind andere geworden – alles ist anders geworden – alles –

Aber die Gedanken, die Gefühle, die Wünsche, die gehen nicht zugrunde, auch wenn er fort muss. Die Gedanken waren nicht sein, auch wenn er sie gedacht. Sie liegen in der Luft wie die todbringenden Keime. Ein Windhauch bringt sie uns zu. Wir atmen sie ein mit dem Blütenduft im Morgentau, und in dem eine setzen sie sich fest und leben fort, entwickeln sich, und der andere bleibt unberührt davon – von den Keimen – von den Gedanken.

Und was er erlitten, was er gehofft, gefühlt, geträumt, leiden, träumen, hoffen und fühlen andere – andere, die nach ihm kommen und denselben Weg gehen – denselben Weg abwärts in die Tiefe.

– – – – – – – – – –

Er steht und denkt und hört nicht das Kommen und Gehen der Leute – hört nicht ihre Worte – hört nicht ihren Gruß. Er starrt auf das Bild der Krieger, die ihm voran in den Tod reiten und denen er folgen muss – willenlos.

Die Sonne ist untergegangen mit einem letzten warmen, roten Aufleuchten, und das Zimmer liegt im grauen Dämmerschein. Da öffnet sich die Türe und ein Diener tritt ein.

»Verzeihen, mein Herr. Die Sprechstunde ist vorüber. Der Herr Professor ist fort, soll ich Sie vielleicht für morgen aufschreiben?«

Er sieht den Diener an – ungläubig – verständnislos, und dann stürzt er auf die Gasse …


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, Nr. 1556, 16. April 1908, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Skizze für ein männliches Porträt, um 1900

Vorfrühling

von Hedwig Lachmann (1865–1918)

Märzstaub fliegt auf. Es fröstelt leicht.
Der Tag in langer Dämmrung bleicht.

Vom Wind das Pflaster blank gefegt.
Es klingt verloren, was sich regt.

Der Kinder Spiel ist eben aus.
Die Mütter winken sie ins Haus.

Es schreit in mir: Verratnes Herz!
Doch geh ich schweigend frühlingwärts.


Textnachweis
Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte, Potsdam 1919, S. 38. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Nadelstiche

von Marianne von K**

9. Oktober 1837

Man will den Frauen die Feder streitig machen, und doch verstehen sie oft besser zu schreiben als die geistreichsten Männer; ja, es gibt ein Fach, wo ihr Schriftstellertalent noch von keinem Manne erreicht wurde – ich meine, im Briefschreiben. Ich will nicht von den Schriftstellerinnen par métier sprechen, obgleich die Männerliteratur nur wenige epistolarische Muster aufzuweisen hat, welche den Lettres de Madame Sévigne und den Briefen von Rahel [Varnhagen] gleichzustellen sind; sondern ich meine hier jene weiblichen Schriftstellerinnen, die, wenn sie die Feder auf das Papier setzen, keinen Gedanken an die Öffentlichkeit haben, die sogar verzweifeln würden, wenn die Briefe, die sie schrieben, von einer anderen Person noch gelesen würden als von der, an welche sie solche richten. Ich meine die Briefe, die das liebende Mädchen an den Mann ihrer Wahl, die einsame Gattin an den fernen Gatten, die Tochter an die Eltern, die Mutter an ihre Kinder schreibt; kurz, alle jene Briefe, wo das Gemüt die Feder führt. Hier kann der Mann dem Weibe nie gleichkommen! Das einfachste Mädchen weiß da eher Gefühl und Ausdruck zu verschmelzen als der gebildetste, gelehrteste Mann. Der Brief ist das Eigentum des Weibes; in der Konversation gebietet ihr Würde und Klugheit, ihre Gefühle zu verschweigen, im Briefe darf sie selbe aussprechen. Der liebende Mann taucht seine Feder in Flammen, die Frau taucht sie in ihr Herzblut. Der Brief des Mannes trägt die Farbe seines Geistes, der Brief der Frau trägt die Farbe ihres Gemütes. Mögen sie uns immer vorwerfen, dass wir die Rechtschreibung vernachlässigen; das Rechte zu schreiben, verstehen wir besser als sie.

11. Oktober 1837

Langweilige Visiten haben für Frauen einen großen Vorteil; sie üben ihre Geduld. Das Lustspiel: »Die bezähmte Widerspenstige« enthält eine etwas sonderbare und abenteuerliche Kur, wodurch ein junger Offizier seine wilde und ungeduldige Frau zur Sanftmut und Schmiegsamkeit bringt. Ich weiß eine weit leichtere, natürlichere und erfolgsicherere. Es ist kein Geheimnis, und die ganze Heilmethode ist sehr gut auszuführen. Jeder junge Ehemann darf nur in den ersten Wochen nach seiner Vermählung alle alten und verlegenen Basen, Muhmen, Tante und Schwägerinnen heimlich einladen und ihnen zureden, seine liebe Frau fleißig mit ihrem Besuche zu beehren; das ist eine Kur, gegen welche Gräfenberg, Ischl und die »bezähmte Widerspenstige« in nichts zerfallen. Eine junge Frau, die vier, fünf Wochen lang von solchen Visiten bearbeitet wird, und wäre sie vor der Hochzeit so wild wie ein Falke gewesen, ist in kurzer Zeit milder und geduldiger als eine Taube.

Mit Recht ist die Weltgeschichte weiblichen Geschlechtes; ist sie doch die größte Plauderin, die es auf Erden gibt! Kein Geheimnis, und beträfe es Fürsten und Kronen, ist vor ihrer Zunge sicher – sie plaudert alles aus. Nur in einem Punkte macht sie eine Ausnahme: Sie schont ihre eigenen Kinder nicht, und ihr böser Leumund wendet sich auch gegen ihre größten Söhne. Darum hätte man die Geschichte immer männlichen Geschlechtes sein lassen können, denn nur der Mann ist fähig, sein Kind dem Recht zu opfern. Das weibliche Geschlecht hat keine Brutustat aufzuweisen, und das ist ein größerer Ruhm, als wenn sie solche hätte.

10. November 1837

Unterläge der biegsame Stoff in uns Frauen nur immer einer bildenden Meisterhand, so würden Formen daraus hervorgehen, die alle Bereiche des Guten, Schönen und Sittlichen in sich fassten. Das Weib wird meistens durch zufällige Umgebung innerlich geschaffen; der Mann aber, der echte, schafft sich selbst seine Umgebung, er passt sie seinen Vorzügen und seinen Fehlern an. Darum klage der Mann nie die Gebrechen und die Missverhältnisse eines weiblichen Charakters an, denn die Klage fällt auf sein eigenes Haupt zurück; der weibliche Charakter ist nur ein Spiegelbild, die Gestalt, die es zeigt, ist ein Abbild jener, die sich vor dem Spiegel seiner Seele stellte. Der Geist des Weibes und ihre Phantasie gleichen jener Quelle, aus welcher der Erzvater Jakob seine Herden tränkte. Sind es fleckige Schafe, die jene Quelle umstehen, so spiegelt sie auch ein fleckiges Bild zurück; doch lasset nur weiße Lämmer sie umgeben, da wird auch die Gestalt in der Quelle weiß und rein sich euren Blicken zeigen! Darum soll der Mann nie seine Frau anklagen; ihre Fehler sind nur der Widerstrahl der seinigen. Würde er mit kräftiger Hand in den weichen Ton bildend greifen, und würde diese Hand eine reine, unbefleckte sein: er würde, jenem Künstler gleich, vor dem Gebilde, das er selbst geschaffen, niederknien – und es anbeten.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph
II. Jg., No. 121, 9. Oktober 1837, S. 500.
II. Jg., No. 122, 11. Oktober, S. 504–505.
II. Jg., No. 135, 10. November, S. 558–559.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

An eine Rose

von Marianne von K**

Wohl bist du mir ein holdes Bild der Jugend
Wie Morgenrot, von zartem Duft verklärt;
Wohl uns, wenn unser Herz, wenn uns’re Tugend,
Wie dich ein schützend scharfer Dorn bewehrt!

Denn nur als Knospe spornst du das Verlangen,
Bist du erblüht, so wechselt schnell dein Los –
Der Fluch »Vergänglichkeit« hält dich umfangen,
Und welkend sinkst du bald in ihren Schoß.

D’rum, Frau’n, bewahrt die zarte inn’re Blüte,
Die Hülle treffe nur des Schicksals Macht!
Denn was wir schützend bergen im Gemüte,
Nur dies allein versinket nicht in Nacht.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., No. 116, 27. Sept. 1837, S. 479. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

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