Von Himmelfahrt bis Pfingsten

Novellette von Carry Brachvogel (1864–1942)

»Herrlicher Pfingstaufenthalt. Historisch hochinteressantes Städtchen, von Wäldern umgeben, reine, ozonreiche Luft, prächtige Spaziergänge, Fernsicht auf die Gebirgskette, beste Verpflegung bei mäßigen Preisen. Für Pfingsten besonders günstige Zugsverbindung mit allen Knotenpunkten des Reiches. Erholungs- und Ruhebedürftigen besonders zu empfehlen.«

So konnte man kurz vor dem Himmelfahrtstage in vielen großstädtischen Blättern lesen, denn die Gemeindeverwaltung besagten »historisch-hochinteressanten Städtchens« hatte beschlossen, nicht länger hinter der Konkurrenz anderer »herrlicher Pfingstaufenthalte« zurückzustehen, und harrte nun der Gäste, die nach ihrer Ansicht doch in Scharen herbeiströmen mussten. Nur Peter Beringer, der Kirchenmaler, lächelte ironisch in sich hinein, wenn er diese gemeindlichen Pfingstträume vernahm. Er saß in seiner Werkstatt und legte sachverständig schönes, leuchtendes Kobaltblau auf den verblassten Mantel einer holzgeschnitzten Gottesmutter, die, also verschönt, am Pfingstsonntag wiederum in dem Dorfkirchlein prangen sollte, aus dem sie vor kurzem in dies Sanatorium für Heiligenbilder und -figuren, in die Werkstatt Peter Beringers, gekommen war.

Peter zuckte zwar stets ein wenig ärgerlich mit den Brauen, wenn sie im Städtchen sich durchaus nicht daran gewöhnen konnten, seinen Arbeitsraum »Atelier« zu nennen, wie er ihnen unermüdlich vorsagte, aber diese kleine Stadt war für Neuerungen nur schwer zugänglich und seit Jahrzehnten gewohnt, von der »Werkstatt« des Kirchenmalers zu sprechen. Für sie alle, deren Leben ruhig und immer im gleichen Gleis dahinfloss, war es schon Zumutung genug, dass sie sich daran gewöhnen mussten, in besagter Werkstatt nicht mehr den weißbärtigen alten Kirchenmaler zu sehen, der vor etlichen Jahren gestorben war, sondern seinen Nachfolger, den sie freilich auch schon gut kannten, denn Peter war jahrelang die rechte Hand des alten Herrn gewesen, ganz buchstäblich die rechte Hand, denn als der alte Kirchenmaler nicht mehr auf Gerüste steigen, sondern nur noch Heiligengestalten über Haustüren oder in der Werkstatt ausbessern konnte, da war Peter Beringer hilfreich an seine Stelle getreten. So war es ganz selbstverständlich, dass er nach dem Tod des alten Kirchenmalers das Geschäft übernahm, und nicht minder selbstverständlich schien es, dass er die Enkelin des Verstorbenen, die blonde Elsbeth, heiraten würde, die mit ihrer verwitweten Mutter in dem Hause wohnen geblieben war, in dem sich die Werkstatt befand.

Peter hatte grundsätzlich nichts gegen diese Heirat einzuwenden. Elsbeth war jung, tüchtig im Hauswesen und mit jener bescheidenen, aber fest umrissenen Bildung ausgestattet, die in ländlichen Klosterinternaten erworben wird. Sie war noch ein wenig Mädchen alten Stils: saß lieber über einer Handarbeit als auf dem Rodelschlitten, zog ein schönes Buch dem Kino vor, sann nicht über Probleme der Willensfreiheit oder indischer Magie, sondern nahm das Leben dankbar und fröhlich hin.

Peter aber nahm es nicht fröhlich hin, denn er hatte etliche Jahre die Kunstakademie besucht, hielt sich darum für ein großes Talent und haderte mit dem Schicksal, dass es ihm nicht gestattete, jahraus, jahrein unverkäufliche Bilder zu malen, sondern ihm als Kirchenmaler eine auskömmliche Existenz geschaffen hatte. Um seinem misshandelten Talent (oder was er dafür hielt!) wenigstens einigermaßen gerecht zu werden, hatte er sich neben der Werkstatt einen abgesonderten Raum als »Atelier« eingerichtet, in dem er, wenn die Brotarbeit ihm Zeit ließ, Kitschbilder malte, sich in den wonnigen Schmerz der verkannten Genies hineinwühlte und von der Welt, der großen Welt träumte, nach der seine ganze Sehnsucht ging. Hinaus wollte er, nicht nur höher, sondern überhaupt hinaus aus dieser kleinen Stadt, in der das Leben ruhig, klar und gleichmäßig dahinfloss wie der Bach, der ihre Mühlenräder drehte. Peter aber wollte kein Leben im Bachstil. Er wollte die Wogen des großen Lebens brausen hören, mitschwimmen in der Welle, die über kühne Schwimmer tausend Lichtfunken hinsprüht, dass sie trunken werden vor Licht und Glanz und seligem Kraftgefühl. »Die bunte Welle« – seit er diesen Film mit Iva Ivetti gesehen hatte, ließ ihn die Vorstellung solchen Lebens nicht mehr los. Im Gegensatz zur blonden Elsbeth war er ein eifriger Kinobesucher, und die »bunte Welle« hatte er mindestens fünf- oder sechsmal an sich vorübergleiten lassen. Vor Iva Ivettis pikantem Bubikopf verblich der Blondschopf Elsbeths wie der malerische Zauber der kleinen alten Stadt mit ihrem rosenverhängten Wall, ihren mittelalterlichen Türmen und Toren vor den Bildern großstädtischen Lebens verblichen, die auf der Leinwand an Peters begeisterten und gläubigen Augen vorbeizogen.

Und siehe da! Knapp vor Himmelfahrt kam die bunte Welle wirklich in das Städtchen gerauscht! Oder nein, nicht gerauscht, sondern verkündet durch die Hupe eines Autos, das vor der »Goldenen Krone« hielt und dem eine Dame entstieg, wie man in diesem Bezirk noch keine gesehen. Zunächst war sie freilich ganz in Leder eingemummt, als wäre sie nur ein eleganter Koffer; als sie aber die Autovermummung abgelegt hatte, stand eine Gestalt da, wie aus dem letzten Modejournal gestiegen. Ein lachendes Gesicht unter einer Bubifrisur. Ihr hochgetürmtes Gepäck war nicht minder elegant wie sie, und der Wirt zur »Goldenen Krone« kam sich zu gleicher Zeit wie ein Begnadeter und wie ein Schächer vor. Wie ein Begnadeter, weil so viel Holdseligkeit und Zahlungsfähigkeit bei ihm absteigen wollte, und wie ein Schächer, weil er den Ansprüchen der Dame nur unvollkommen genügen konnte, denn sie begehrte ein Appartement mit Bad und Salon. Als er verlegen und stammelnd erklärte, dass sein bescheidenes Haus solchen Luxus nicht besäße, wurde sie nicht ungnädig, sondern begnügte sich mit zwei Zimmern, von denen eines eilig und so gut wie möglich in einen Salon umgewandelt wurde. Jedermann in der »Goldenen Krone« war neugierig, wie sich die Fremde auf dem Meldezettel einschreiben würde, und als man ihren Namen las, wuchs das Staunen ins Ungemessene. Von der »Goldenen Krone« aus verbreitete es sich im Städtchen, und das flüsternde Raunen und Staunen drang auch durch Peters Tür, der eben seinen Lehrjungen ausschalt, weil er mit dem Goldstaub so leichtfertig umging, als könnte man ihn auf der Straße auflesen.

Peter vernahm die seltsame Mär, wollte ungläubig den Kopf schütteln, strich aber doch an diesem Tag eifrig um die »Goldene Krone« herum. Und wahrhaftig! Das Gerücht hatte nicht gelogen. Die Dame im Bubikopf war sie, die bunte Welle, Iva Ivetti!

Das Herz stand ihm beinahe still vor Schreck und Glück. Und Iva, die sah, welchen Eindruck sie machte, lächelte ihm zu und gab dem Lächeln einen Blick mit, dass Peter meinte, schon in der bunten Welle zu schwimmen. Selbstverständlich führte ihn sein Weg nun zwei- bis dreimal täglich an der »Goldenen Krone« vorüber, und weil ihm Iva jedes Mal gütiger zulächelte, fasste er sich eines Tages zu seinem eigenen Staunen ein Herz, trat mit Verbeugungen und hochrotem Gesicht auf sie zu und stammelte Unzusammenhängendes von Bewunderung und Verehrung.

Iva sah ihn nachdenklich an und sprach freundliche Worte. Da sie merkte, wie glücklich er dastand, lud sie ihn sogar in ihren improvisierten Salon, ließ Tee bringen, bot dem sich im Paradies Wähnenden Zigaretten an, rauchte selbst mit jener Grazie, die Peter schon in der »Bunten Welle« hingerissen hatte. Dazwischen plauderte sie von der großen Welt, die er immer nur von ferne brausen hörte, das heißt, sie sprach nur von sich und ihrem Leben. Von den Anstrengungen ihres Berufes, von den Reisen, die sie durch alle Weltteile führten, von den Triumphen, die sie überall feierte, von ihrem Palais in Berlin. Peter war berauscht. Kaum, dass er nachts ein Auge zutun konnte, so tanzten all die Bilder vor ihm, die Iva ihm entrollt hatte. Und – o Glück! Der Rausch erneuerte sich Tag für Tag, denn Iva schien großes Gefallen an Peter zu finden, lud ihn immer wieder in ihren Salon, erkundigte sich nun auch nach seinem Leben, besuchte seiner Werkstatt, war entzückt von seinen braven Bildern, sagte, dass er nicht am richtigen Platze stünde, und gewährte ihm schließlich, was er nie zu hoffen gewagt hätte: Sie saß ihm für ein Porträt. Eine einzige Bedingung knüpfte sie daran: »Es darf nicht ausgestellt werden! Ich will es ganz still für mich behalten.« Da er sie fragend ansah, sagte sie seufzend in düsterem Ton: »Fragen Sie nicht, Sie großes Kind! Es gibt im Leben Verhältnisse und Abgründe, von denen Sie nichts ahnen! Meine Sicherheit gebietet mir, für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zu verschwinden …, im Privatleben meine ich. Man ist ja umstellt von Neidern und Verbrechern. Darum habe ich mich hierher geflüchtet in die Stille, zu guten Menschen, die von den Intrigen der Großstadt und der Kollegen nichts wissen.«

Wie von Schmerz überschauert bedeckte sie die Augen mit der Hand. Peter war erschüttert. Am liebsten wäre er vor ihr niedergestürzt, hätte ihr die Hände geküsst und geschworen, dass er sie wie ein Ritter gegen jedermann verteidigen wolle. Aber es gebrach ihm dann doch an Mut zu solch heldischer Pose, und so machte er sich an das Porträt, dessen Umrisse sich bald auf der Leinwand zeigten.

In der Werkstatt ging indessen alles drunter und drüber, und der Lehrjunge hielt es für angezeigt und ungefährlich, einen alten Küchenschemel seiner Mutter mit Goldverzierungen zu versehen.

Peter plätscherte in Seligkeit über die bunte Welle. Iva Ivetti hatte ihm erklärt, dass sie es für ihre künstlerische Pflicht halte, ihn der Kleinstadt zu entreißen und ihn an den Platz zu führen, der einem jungen Meister (wahrhaftig, sie sagte »junger Meister«) gebühre. Sie würde ihn mitnehmen in die Hauptstadt – alles weitere sollten ihre vornehmen und einflussreichen Freunde besorgen.

Die Stadt sprach nur noch von Iva Ivetti und von dem ungeheuren Reichtum, der um sie her war. Jede Woche brachte der Briefträger ihr einen Wertbrief, und das Zimmermädchen der »Goldenen Krone« erzählte von Spitzen, Seidenwäsche und Essenzen, dass allen Damen ringsum die Haut schauderte vor Entzücken und Entrüstung. Peter aber ging einher, schon ganz »junger Meister«, ganz Günstling von Fürsten, Filmsternen und verwandten Gesellschaftsklassen. Und weil Iva Ivetti eben von der Großzügigkeit der Weltdame war, für die Geld keine Rolle spielt, fragte sie Peter bei einer der Sitzungen mit charmantem Lächeln, ob er ihr für ein oder zwei Tage mit etwa tausend Mark aushelfen wollte, ihr Wertbrief habe sich diese Woche verspätet, und – hier zögerte sie ein wenig.

»Und ich hatte mir’s so hübsch gedacht, wenn wir beide über Pfingsten von hier wegflögen, irgendwo hin, wo es still ist, stiller, als es hier zu Pfingsten sein wird. Ich bin überzeugt, dass das Inserat eine Menge anderer Leute anlocken wird, wie es auch mich angelockt hat! Besonders Kolleginnen und Kollegen von mir werden nicht widerstehen. Wir Geistesarbeiter sind ja am ruhe- und erholungsbedürftigsten! Und darum meinte ich, Sie und ich könnten dem Schwarm aus dem Weg gehen, das heißt, wenn Sie wollen! (Ein Blick traf ihn bei diesen Worten, ein Blick, der sich nicht schildern lässt.) Aber ohne Geld kann ich natürlich weder abreisen noch ausfliegen. (Ein Lächeln, so kindlich-vertrauend und auch so verheißend, dass es sich ebenfalls nicht schildern lässt.) Und darum, wenn Sie so freundlich sein wollten …«

Ob er wollte! Er war beglückt von ihrem Vertrauen und entzückt von der Unbefangenheit, mit der sie ihn bat! Wenn er dagegen an das kleinstädtische Getue dachte, das die Frauen rundum bei allen Geldangelegenheiten zutage förderten! Er hatte just vor kurzem eine kleine Erbschaft gemacht, beschämt, dass es nur neunhundertzwanzig Mark waren, händigte er sie Iva ein.

Sie hauchte: »Ich danke Ihnen, mein Freund, die Bitte ist mir doch schwerer geworden, als Sie denken! Aber nun wollen wir auch ein schönes, stilles Pfingstfest haben, ganz für uns! Sonnabend vor Pfingsten wollen wir abreisen! Denken Sie sich aus, wohin! Sie sind ja hier in der Gegend besser bekannt als ich!«

Er hatte gar nicht nötig, sich etwas in dieser Hinsicht auszudenken, denn dank der besonders günstigen Pfingstzugsverbindung langte an besagtem Sonnabend neben einem kleinen Häuflein Gäste auch die Polizei an, und nun kam sich der Wirt zur »Goldenen Krone« nicht nur wie ein Schächer, sondern auch wie ein bekanntes Grautier vor. Die Polizei verhaftete nämlich eine bei ihm wohnende Hochstaplerin, die unter Missbrauch des Namens Iva Ivetti schon zahlreiche Betrügereien verübt hatte. Ehedem Zofe bei der echten Filmdiva, hatte sie, während die Diva auf Reisen war, sich aus deren Garderobe reich ausgestattet und trat überall unter dem Namen der ehemaligen Herrin auf. Die große Sicherheit ihres Benehmens und eine oberflächliche Ähnlichkeit mit der Filmdiva kamen ihr bei den Betrügereien zustatten und die einlaufenden »Wertbriefe« erhöhten ihren Kredit. Man fand sie uneröffnet im Besitze der falschen Ivetti – sie enthielten nur zusammengefaltetes Zeitungspapier, das ihr eine Freundin nachgesandt hatte. Peter Beringer hatte seitdem keine Sehnsucht nach der bunten Welle, seine Vorliebe für das Kino und auch den Glauben an seine große Begabung eingebüßt. Über den Lehrjungen entlud sich ein gewaltiges Donnerwetter und anschließend daran kratzte Peter wütend ein angefangenes Frauenporträt von der Leinwand. Ging dann in die Werkstatt und schaffte wie nie zuvor.

Die blonde Elsbeth aber sitzt jetzt von früh bis spät an der Nähmaschine, denn in ein paar Monaten soll Hochzeit sein.


Textnachweis
Aus: Wiener Bilder, XXXVI. Jg., Nr. 21, 24. Mai 1931, S. 16–18. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Helene von Taussig, Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, um 1920/1930

Mainacht

von Thekla Merwin (1887–1944)

Es rauscht der Mai in meinem Traum,
Ein Vogel singt in hellen Nächten,
Voll Blüten steht der alte Baum,
Es rauscht der Mai in meinem Traum,
Der Mond hängt in der Weide Flechten.

Uralter Erde ewiges Spiel,
Du bleibst die Junge, doch wir altern.
O sing dein Lied, so stark und schwül,
Uns Menschen gabst du kurzes Ziel,
Das Los von Mücken und von Faltern.

Wie süß und mild die Blumennacht!
Gewaltige Sehnsucht, längst versunken,
Steigt heiß empor mit neuer Macht.
Ich atme tief, mein Herzschlag wacht,
… Die junge Frühlingsnacht ist trunken!

Und was ich atme – roter Wein!
So rauscht wie eine wundervolle
Musik der Mai durch Sinn und Sein.
… O Menschen, lasst uns Brüder sein,
Bevor uns deckt die dunkle Scholle!


Textnachweis
Aus: Arbeiter Zeitung, 16. Mai 1926, S. 17. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Wir Spione

von Fanny zu Reventlow (1871–1918)

Wir verlebten das erste Kriegsjahr in einem neutralen Kurort, wo sich alle möglichen Nationalitäten zusammenfanden. In unserem näheren Bekanntenkreis war die Zusammenstellung die folgende: drei Deutsche, zwei Wienerinnen, ein amerikanisches Ehepaar namens Strong und ein Italiener, welcher Ravelli hieß, ferner ein Pole und ein Herr, den man kurzerhand den ‚Balkan‘ nannte; denn er stammte sicher irgendwo von der Drina her, sprach sich aber nicht näher darüber aus.

Da wir alle fern der Heimat waren, taten wir das Einzige, was man in dieser Zeit im Ausland tun kann, wir verschlangen die Zeitungen und warteten auf Briefe. Dabei gaben wir uns alle Mühe, möglichst wenig über die Weltereignisse zu sprechen – das war so ausgemacht worden, weil wir bis zum Ausbruch des Krieges sozusagen befreundet waren. Es war gewissermaßen unser Ehrgeiz, zu beweisen, dass man unter gebildeten Menschen sich selbst in solchen Zeiten auf eine internationale Basis stellen könne.

Natürlich war es nicht immer so einfach; z. B. fiel der Unterseebootkrieg Mr. Strong des Öfteren auf die Nerven; seine Frau verhielt sich mehr passiv und zog es vor, mit dem Polen zu kokettieren. Der Pole war Revolutionär und schwur bei jeder Gelegenheit, er würde noch auf einer Kanone in Warschau einreiten; selbstverständlich hieß er Stanislaus. Wenn er sich in dieser Weise äußerte, pflegte der Balkan leise zu knurren und sah ihn scheel von der Seite an. Im Übrigen schien sein politisches Interesse nicht besonders rege, dagegen war er leidenschaftlicher Spieler, sprach gerne von Ostende und Monte Carlo, und die Zukunft dieser beiden Ort erfüllte ihn mit großer Besorgnis. – Zwischen den Wienerinnen und Signor Ravelli spannen sich ebenfalls zarte Fäden; sie konnten stundenlang über der Karte von Südtirol sitzen und versuchten dann, sich freundschaftlich über die Berechtigung der Irredenta zu einigen. Wir Deutschen ärgerten uns manchmal, wenn die Damen bei diesen Verhandlungen zu entgegenkommend waren.

Bis zum Frühjahr hatten wir so in gutem Einvernehmen gelebt. Die Bevölkerung des kleinen Kurorts sowie die anderen Fremden schienen sich darüber zu verwundern; denn wo wir uns nur sehen ließen, in Restaurants, Cafés oder bei geselligen Veranstaltungen, wurden wir mit größtem Interesse angestarrt und beobachtet; sogar auf der Straße bemerkten wir, dass die Vorübergehenden sich gegenseitig auf uns aufmerksam machten.

Allmählich aber geriet die internationale Basis ins Schwanken; vor allem begann man, sich gegenseitig zu misstrauen. Das Ehepaar Strong interessierte sich nach unserem Gefühl in übertriebener Weise für die Feldpostkarten, die wir von Bekannten oder Angehörigen erhielten; und uns stieg manchmal der Verdacht auf, sie möchten am Ende gar nicht von drüben, sondern verkappte Engländer sein; denn wenn wir irgendwelche ganz harmlose Fragen über englische Bräuche taten, konnte Strong manchmal in geradezu verletzender Weise antworten:

»Uarum wollen Sie das uissen?«

Außerdem schickte er rätselhaft viele Telegramme ab. Signor Ravelli war überhaupt ungemein neugierig, und wir warnten seine Freundinnen wiederholt, ihm nicht so viel von ihren Alpenwanderungen zu erzählen. Was schließlich den Balkan betraf, so traute ihm in politischer Hinsicht wohl niemand über den Weg, weder wir noch die anderen. Aber entweder merkte er es nicht, oder es focht ihn nicht an. Er blieb immer derselbe, präokkupiert, aber heiter und liebenswürdig. Und wie es denn so kommt – unsere Wege trennten sich unter Misstrauen und Übelwollen, und die Strongs zogen erbittert in eine entfernt gelegene Pension.

Bald darauf brach der italienische Krieg aus; unser Freund Ravelli rückte zwar nicht ein (ob das Vaterland oder er selbst darauf verzichtete, haben wir nicht erfahren), war aber fortan sehr verstimmt, konnte sich nicht mehr mit seinen schönen Gegnerinnen über die Grenzfragen einigen und verschwand grollend aus unserem Gesichtskreis. Der Balkan war der Einzige, der uns treu blieb; denn Stanislaus war schon vorher unter mysteriösen Andeutungen abgereist – wir erhielten späterhin eine Postkarte von ihm aus Warschau, aus der jedoch nicht hervorging, ob er wirklich auf einer Kanone oder auf normalerem Wege dahingekommen war.

Neue Bekanntschaften ergaben sich nicht, und das Dasein war recht eintönig geworden, man musste sich Mühe geben, die Zeit nur einigermaßen totzuschlagen. So kam uns eines Tages aus reiner Langweile die Idee, unseren Balkon mit einem Zeltdach zu versehen, weil die sich immer gleichbleibende Neugier der Bevölkerung uns auf die Länge lästigfiel. Es wurde also Stoff gekauft, beratschlagt, konstruiert, und als alles so gut wie fertig war, meinte der Balkan, der plötzlich ungewohnte technische Fähigkeiten entwickelte, man solle doch innerhalb des Zeltes eine elektrische Lampe anbringen, um abends in aller Gemütlichkeit Meine Tante, Deine Tante spielen zu können. Gesagt, getan – bald war alles fertig; wir hofften nun, die Früchte unserer Arbeit ungestört zu genießen und vor allem von der Neugier der Passanten befreit zu sein. Aber als wir zum ersten Mal unter unserem Zeltdach saßen und unter Anleitung des Balkans Meine Tante, Deine Tante spielten, gab es geradezu einen Volksauflauf. Der Balkan wurde nervös und trat an die Balustrade, um das Volk zu beruhigen. In diesem Moment jedoch teilte sich die Menge, um zwei Polizisten durchzulassen, welche uns für verhaftet erklärten. Was wir getan hatten, war uns völlig unklar, aber wir folgten ihnen ohne Weiteres, nur der Balkan verfärbte sich. Am nächsten Morgen wurden wir dem Kommissär vorgeführt, und unsere Verwunderung stieg, als gleich darauf auch unsere alten Freunde Strong und Ravelli in das Büro traten. Ein Gerichtsdiener begleitete sie und rief dem Kommissär zu: »Spionage – Register 6.«

»Also doch«, sagte die eine Wienerin halblaut, aber Mr. Strong hatte es gehört und fuhr wie ein Berserker auf sie los:

»Und Sie, uir haben Sie immer für Spion gehalten mit Ihre deutsche Freunde und das Balkan – –«

»Balkan«, brüllte der Balkan, »was soll das heißen?« Dies war die erste politische Äußerung, die wir von ihm hörten, aber niemand antwortete. Der Kommissär rief zur Ordnung, aber die allgemeine Aufregung war nicht mehr zu beschwichtigen. Ravelli wandte sich wild an den Beamten und erklärte, die Damen hätten tatsächlich eine merkwürdige Kenntnis der Tiroler Grenzen und die Herrschaften aus Deutschland – – – und nun wallte auch in uns das Misstrauen wieder auf – das Interesse für Feldpostkarten – die Telegramme – kurz und gut, es entbrannte ein Kreuzfeuer von gegenseitigen Beschuldigungen. Der Kommissär wartete geduldig, bis etwas Stille eingetreten war, nahm dann die Personalien auf und eröffnete uns milde, dass wir samt und sonders unter Spionageverdacht ständen. Wir Deutsche und Österreicher waren Register 5. – Der Balkan wurde gesondert behandelt. Man nahm einen Fingerabdruck von ihm, wir haten diese Prozedur noch nie gesehen und verfolgten sie neugierig; er aber benahm sich wie bei allen technischen Dingen sehr sachverständig. Dann begann das Verhör. Register 6 wurde zuerst vorgerufen – sie hätten Bomben fabriziert und besäßen zusammenlegbare Flugzeuge, wir dagegen wurden beschuldigt, Lichtsignale gegeben zu haben – – Lichtsignale – – wir hatten doch seit drei Wochen keinen Abend zu Hause verbracht, ausgenommen den gestrigen, der so unliebsam unterbrochen wurde; aber hier musterte der Kommissär uns der Reihe nach mit einem durchbohrenden Blick und erklärte, für Spione habe man uns von Anfang an gehalten, uns dauernd beobachtet und nur auf Beweismaterial gewartet.

»Und das Beweismaterial«, fragten wir – Nun eben die Lampe – – wir erfuhren erst jetzt, dass Lichtsignale zu spionistischen Zwecken verwandt werden können. Und unser Erstaunen war so aufrichtig, dass er sich endlich überzeugen ließ, die Lampe sei tatsächlich nur zu Beleuchtungszwecken angebracht worden. Sodann kam wieder Register 6 an die Reihe. Mr. Strong antwortete auf die Fragen des Kommissärs einigermaßen erbittert:

»Yes, Herr Kommissär, uir haben nicht nur Bomben und zusammenlegbare Aeroplane, sondern auch eine Flotte in unserer Pension.«

Der Kommissär wurde nun ernstlich nervös und sagte, gleich würde die Gerichtskommission da sein, welche inzwischen die Haussuchung vornehme.

Man wartete, und nach einer guten Weile erschien die Kommission und brachte drei Fußbälle von verschiedener Größe und einen vielfach zusammengeklappten Gegenstand. – – Mr. Strong klappte ihn mit größter Seelenruhe auseinander, und er erwies sich als ein amerikanischer Liegestuhl mit Lesepult und unendlichen Finessen; dann bemerkte er, der Kommissär möge doch mit diesem Flugzeug eine Probefahrt machen. Es selbst würde inzwischen versuchen, mit seinen Bomben die Polizei in die Luft zu sprengen.

Der Kommissär war so enttäuscht, dass wir wirklich Mitgefühl hatten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als beide Register zu entlassen und sich obendrein noch zu entschuldigen. Nur der Balkan wurde zurückbehalten; er hatte sich zwar nie politisch betätigt, sondern war einfach ein vielgesuchter internationaler Hoteldieb.

Wir anderen verließen gemeinsam das Gerichtsgebäude und versöhnten uns unterwegs, fortan war alles gegenseitige Misstrauen geschwunden.

Noch manchen Abend saßen wir auf dem Balkon und spielten Karten. Wir glaubten uns rehabilitiert und wurden auch nicht wieder verhaftet, aber die Vorübergehenden blieben immer noch stehen und hielten uns nach wie vor für Spione.


Textnachweis
Aus: Simplicissimus, Jg. 20, 1915, Nr. 32, S. 374–375. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Sonntagnachmittag, 1908

Still kehr ich heim …

von Ite Liebenthal (1886–1941)

Still kehr ich heim von langen Wanderfahrten.
Noch decken Nebel meine liebe Küste,
als ob ein Freund mir langsam erst mit zarten
Trosthänden diese Welt enthüllen müsste.

Nimm fort das Tuch! Ich weiß: in weiter Fläche
dehnt sich das Land zur Ferne. Seine Wunder
sind dunkle Wälder, stille, breite Bäche
und Gärten unter Birken und Holunder.


Textnachweis
Aus: Ite Liebenthal, Gedichte, Jena 1921, S. 40. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Die Totengräberin

von Johanna Wolff (1858–1943)

Dorothea Zinn fasste einen großen Entschluss.

Sie stand zeitig auf, besorgte das Bärbchen, stellte für die Buben einen Topf mit Essen zurecht und legte ihr gutes Sonntagszeug an. Dann nahm sie ihren Spaten unter den Arm und ging zur Stadt, geradewegs auf das Rathaus zu.

Dore fasste ihren Spaten fester und machte ihrem Herzen Luft in einem Laut, so grimmig, als käme er aus einer Manneskehle hervor.

Und wollte sie jetzt nicht ein Mann sein? Sie begehrte eines Mannes Amt und ging hin, darum zu bitten.

So trat sie in die Amtsstube des Bürgermeisters.

Sie durfte ihr Anliegen vorbringen und bat schlecht und recht um Absetzung des Totengräbers Ede Norkus, der ihr Schwiegersohn war.

Sie erzählte, wie sie den Mann betrunken aufgefunden, dazu die Enkel, die gutgearteten Zwillinge.

»Herr«, sagte sie, »er darf fortan kein Geld in die Hände kriegen. Das Geld muss ich verdienen, und ich muss es auch ausgeben.« Und Grabe-Dore stützte sich auf ihren Spaten, damit der Bürgermeister sehe, dass es ein zuverlässiger Spaten sei.

Die Kinder müssten versorgt werden! Sechse seien es! Im Armenhaus würde es der Stadt auch nicht billiger kommen.

Dagegen ließ sich nichts einwenden.

Ob sie denn für solchen Posten stark genug sei? Der Blick des Bürgermeisters flog prüfend über sie hin. Da stellte Grabe-Dore ihren Spaten hin, trat vor und legte ihre beiden großen Hände auf den Tisch. »Seht diese Hände an, Herr! Wo wäre ich geblieben, hätte ich nicht diese Hände gehabt! Gegraben vom Morgen bis zum Abend, Herr. Jeden Tag das gleiche Stück. Ich hab’s gekonnt, und die Leute waren zufrieden. Auch die Toten werden zufrieden sein. Ich will’s gut machen, ich will’s mit Liebe machen. Die Lebendigen habe ich mit Liebe nicht verwöhnt, die kriegen das manchmal in die verkehrte Kehle. Aber die Toten! Recht schön glatt nach innen und keinen Zoll zu wenig in die Tiefe. Das gibt’s nicht bei der Grabe-Dore …« Und ihre zwei großen Hände lagen auf dem Tische wie zwei schwere Steine, die schon viele Risse und Schründe bekommen.

Der Bürgermeister schaute sie sonderbar an: In der Tat, das waren Ausnahmshände! Das war eine Ausnahmsfrau! Und das Ganze war ein Ausnahmsfall! Dem musste ausnahmsweise entsprochen werden.

Dore dankte und nahm ihren Spaten wieder unter den Arm.

Ob sich das mit dem Zurückhalten des Geldes auch machen würde bei dem Ede, fragte er.

Der Zug um Dores Mund härtete sich; dafür komme sie sicher auf. Sie ging. Und kam dafür auf.

Aber der Mensch, der Ede, der kam dabei herunter, ganz auf den Hund kam er dabei. Dass er nicht mehr graben durfte, war ihm recht, doch immer fand er eine Gelegenheit, von Vorübergehenden zu borgen – er stahl sogar – seinen Kindern aus den Sparbüchsen nämlich.

Früh am Morgen wollte sich der Missetäter, scheu, wie die Dore jetzt oft gesehen, davondrücken, den gewohnten Weg hinunter.

Da stieg in Grabe-Dore eine Wut auf, eine heiße, gallenbittere Wut. Sie lief gegen ihn an wie eine Kuh, die stoßen will, und gab ihm einen Schubs. »Fahr hin, in Gottes Namen, du! Und brich dir das Genick dabei, das Genick!« Mit diesem Morgensegen rannte sie ins Haus, und er hinkte von dannen.

Keine zwei Stunden währte es, da brachten sie ihn getragen auf einer Tragbahre; totenblass lag der Ede da, bewegungslos, aber mit weit offenen Augen.

Eine Kellerstiege war er hinuntergestürzt und hatte sich das Rückgrat verletzt. Der Arzt, der ihn bereits angesehen, hatte die Achseln gezuckt: Man solle ihn nur nach Hause bringen, er werde bald nachschauen.

Nun lag der Norkus da und drehte den Kopf nach einer und dann nach der anderen Seite; das war das einzige, was er konnte.

Seine Jacke, in der unversehrt die gefüllte Schnapsflasche stak, lag ihm quer über der Brust – so nahe, und doch vermochte er nicht zuzulangen. Arme und Beine waren vom Sturz gelähmt, aber das Herz klopfte weiter.

Grabe-Dore tat stumm im Zimmer herum und sah ihn nicht an.

Seine Augen gingen ihr nach: »Ist es dir recht, dass es mich getroffen hat?«

»Ist mir recht.«

»Freust dich wohl gar?«

»Wohl … weil es genützt hat.«

»Hm. Du hast mir das nicht verziehen, das mit der Sparbüchse?«

»Nein, ich denke fortwährend daran … deinem eigenen Kinde … so etwas … Ludriges …«

Sie wendete ihm ihr Gesicht zu. Waren das noch seine Augen? Eingesunken, wie aus kleinen Gräbern sahen sie zu ihr herauf, und es standen Dinge darin, Dinge, die ihr niemals nahegetreten.

Was musste der in sich beherbergt haben! Sie trat näher zu ihm.

»Ich dachte, du mochtest selbst nicht mehr leben.«

»Könntest recht gedacht haben.«

»Und du warst schädlich, Ede. Die Kinder, sie würden schlecht werden.«

»Ich sehe das ein, Mutter.«

»Bisschen spät, Ede.«

»Ich konnt’ nicht früher.«

»Das sagt jeder. Ich kann, will keiner sagen. Auf das Starke kommt’s an, Ede.«

»Der Durst, Mutter, der verdammte Durst! Wenn man trinkt, brennt’s, und wenn man nicht trinkt, brennt’s erst recht … Denkst du wirklich, dass … dass ich hin bin, Mutter?«

»Freilich denke ich das … und ich segne dich, Ede. Als du leben und saufen wolltest, habe ich dir geflucht; nun du sterben willst, segne ich dich. Mög’ es dir recht schön werden.«

»Gib mir einen Schluck aus der Flasche … die steckt in meinem Rock.« Er machte eine mühsame Bewegung mit dem Kinn.

»Mensch, das tu ich nicht! Das tu ich bei Gott nicht.«

»Tu’s, Mutter«, bettelte er kindlich. »Anna hätt’s auch getan, die hätte mich nicht durstig abfahren lassen.«

Der helle Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Er wendete gequält den Kopf.

»Dürsten sitzt im Körper, nicht in der Seele«, tönte Grabe-Dores Stimme auf. »Der Körper fällt ab und das Dürsten fällt ab. Im Grunde magst du gar nicht saufen … auf das ›Mögen‹ kommt’s an.«

»Das ist ein Trost, Mutter. Aber dann ist’s ja auch einerlei, ob ich noch mal aus der Flasche trinke oder nicht.« Wie ein Zittern lief’s durch ihn hin.

»Fürchtest du dich vor dem Tod, Ede?«

»Bewahre! Singen will ich, Mutter.«

»Das Singen wird dir wohl vergehen.« Sie wischte ihm den Schweiß ab.

Ein Todeszittern flog durch die langgestreckte Gestalt, und die Augen glänzten noch immer nach der Flasche …

Über Grabe-Dore kam ein großes Erbarmen. Sie griff zu, hob ihm den Kopf und ließ ihn trinken, sachte, sachte, damit er noch schlucken könne. Den »höllischen Brand« schien er nicht mehr zu spüren, er war schon über erdliche Grenzen hinaus mit seinem Schmerzgefühl; aber noch sog er, leise, ruckweise, wie ein Kind an der Mutterbrust.

Sie begrub ihren Schwiegersohn. Sie war nicht mehr »die Grabe-Dore«, sondern »die Totengräberin«.

Nun hatte sie all die Toten zu betreuen, und sie tat es mit Wucht und Schwere.

Ja, mit Schwere drückte sie den Spaten in das Erdreich, schwer stand der Fuß auf dem Blatt. Aber schwer war auch das Schicksal, das zu ihr gehörte. Auch die Zwillinge wurden zum Friedhof gebracht; ein großes Sterben in der Gegend raffte die Kleinen dahin, eine Seuche, die von irgendwoher kam und irgendwohin ging.

Als die Dore den sauber abgestrichenen Grabhügel mit ihrem Spaten glattklopfte, stand schweigend der Bürgermeister am Gitter. Sonderbar war sein Blick.

»Ich bin die Totengräberin, Herr«, sagte sie einfach und sah verlegen auf ihren Spaten. »Der hält nicht durch mit mir, schon zu sehr abgeschliffen, und ich muss schon vorsichtig mit ihm umgehen.« Dann wendete sie das Gesicht ab, klopfte weiter, liebevoll, nur ein wenig leiser noch als vorher.

Bekannte und Unbekannte begrub die Totengräberin ohne Furcht und Ermüden. Und wenn ihre großen Hände auch manchmal zitterten und der Rücken nur mühselig grad aufzubringen war – sie grub und begrub, wo andere versagten.

Eine tiefe, stille Zufriedenheit kam über sie. Sie verwuchs ganz mit dem Friedhof: so wie die Bäume und die Kreuze, so war auch sie ein Teil des schweigsamen Gartens.

Wie sie gelebt, so starb sie hin – mitten in ihrem Tageswerk. Umgesunken an ihrem Spaten fand man sie.

Wenige Tage vorher hatte sie ihr eigenes Grab gegraben: Sie hatte gutes Maß genommen, zwei ihrer großen Schritte in die Länge. Denn sie war ein stattlicher Mensch.

Ihren Spaten bekam sie mit in den Sarg.

Die Grabe-Dore, die Totengräberin.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 3. November 1921, S. 6–7. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Käthe Kollwitz, Arbeiterfrau im Profil nach links, 1903

Die Toteninsel

von Alice von Gaudy (1863–1929)

(Zu dem Gemälde Arnold Böcklins)

Ein Eiland steigt aus dunklem Ozean.
Unheimlich finstere Zypressen ragen,
Und nackte Felsen starren himmelan,
Und Wetterwolken wälzen sich heran.
Von wildem Sturmesfittig fortgetragen.

Da nahet einsam auf der Flut ein Boot:
Kein Ruderschlag, kein Segel lässt es gleiten.
Der Kiel gehorcht des Lenkers Machtgebot,
Sein roter Mantel wallt, sein Auge loht,
Er hebt die Arme, weit sie auszubreiten.

Das ist sein Gruß dem stillen Inselland:
Kein Wort entringt sich seinem strengen Munde.
Den Totenschrein auf seines Bootes Rand
Geleitet er zum unbewohnten Strand,
Und senkt zur Gruft ihn, tief im Felsengrunde.

Dort mag der Freund, der nun ein fühllos Nichts,
Zu unentweihtem Sphärenstaub verwehen,
Um einst, am großen Tag des Weltgerichts,
Von stiller Toteninsel zu des Lichts
Erträumtem Paradiese einzugehen ……

Dumpf braus das Meer und bricht sich am Gestein,
Es beugt der Sturm die düsteren Zypressen:
Um Felsengräber flammt des Blitzes Schein,
Er leuchtet – wie ein kurzes Menschensein –
Und stirbt dann hin in ewiges Vergessen.


Textnachweis
Aus: Alice Freiin von Gaudy, Mein Sonnenschein. Dichtungen, Stuttgart 1888, S. 15. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Mein Ritter

Eine Allerheiligenerinnerung von Adelheid Popp (1869–1939)

Der Schmelzer Friedhof, auf dem einst der Obelisk der Märzgefallenen stand, wird in einen Park umgewandelt. Der idyllische Totenhain aus den Tagen Alt-Wiens verschwindet, an den Stellen, wo die Gräber und Grüfte im grünen Schmucke prangten, werden Kinder ihre Reifen treiben, ihre Bälle springen lassen – wenn der Parkwächter es erlauben wird. Vor meinen Augen tauchen Bilder aus längstvergangenen Tagen auf. Der Schmelzer Friedhof nahm in meiner Jugend eine besondere Stelle ein. Er war der Vertraute und Freund aller meiner Erlebnisse. Von meinem Schmerz und meinem Glück, von meinen Freuden und Qualen, wie sie jedem, auch dem bescheidensten Leben beschieden sind, war der Friedhof am Rande der Schmelz Zeuge. Wenn der Frühling kam, begann ich alle meine freien Sonntage dort zuzubringen. Ganz oben, wo die Mauer den Friedhof vom Exerzierfeld trennt, stand neben verlassenen Gräbern, die von niemandem mehr besucht wurden, eine Trauerweide. Unter ihrem Schutz eine primitive, gerade für eine Person bestimmte Holzbank. Dort las ich meine Dichter: Lenau, Chamisso, Schiller, dann alle die Romane, die mir in die Hände kamen. Wenn der Flieder blühte, dann war der ganze Friedhof von seinen Düften erfüllt, denn zahllose Fliedersträuche befanden sich dort. Manchen Zweig nahm ich mit nach Hause, obwohl es im Volksmund heißt, man dürfe vom Friedhof keine Blume nach Hause tragen, sie bringe den Tod. Nur der Wächter durfte nichts von dem Raube sehen. Da versteckte ich denn die Zweige in meinem Sonnenschirm, nur um in unser Stübchen etwas von dem herrlichen Dufte mitnehmen zu können. Wenn ich arbeitslos war, selbst im Winter, wenn Schnee die Gräber deckte, ging ich oft in den Friedhof und hielt dort meinen Mittagstisch. Auf irgendeinem verschneiten Grabhügel sitzend, aß ich das mitgebrachte Brot.

Aber nicht davon wollte ich erzählen; nein, ich wollte nur zeigen, wie viele Fäden mich mit dem Orte verknüpfen, der bestimmt ist, den Kindern der künftigen Stadt auf der Schmelz Erholung zu bieten. Von meiner Liebe, die ich auf dem Schmelzer Friedhof hatte, will ich ja erzählen. Denn ich hatte dort eine »Liebe«.

Nie unterließ ich es, das geliebte Grab zu besuchen, und an den Tagen, an welchen die gläubige Christenheit Lichter brennt für die armen Seelen im Fegefeuer, ging auch ich zu »meinem Grab« und brannte meine Wachskerzchen. Wie andere ging ich zuerst zu dem im Mittelpunkt des Friedhofes hochaufgerichteten Heiland am Kreuze. Mit anderen betete ich dort, am Betschemel kniend, und blickte voll tiefen heiligen Mitleids auf die von Nägeln durchbohrten Hände und Füße des gekreuzigten Jesus. Wenn ich mit meiner Andacht fertig war, besuchte ich, so wie andere auch, die berühmten Gräber und Grüfte, den Blumen- und Laternenschmuck bewundernd. Dann aber schlug ich meine eigenen Wege ein. Auf der rechten Seite des Schmelzer Friedhofes befand sich das Grab, das meine Liebe barg. Kein Name war dort zu lesen, ich wusste nicht, wer unter diesem Hügel ruhte. Aber eine Gestalt befand sich dort, eine Gestalt aus leblosem Stein, die mich immer wieder anzog. Ein Jüngling in der Rüstung eines Ritters. Das Visier war geöffnet und ließ ein schönes, liebliches Antlitz sehen. Auf dem zu seinen Füßen lehnenden Schild waren nur Geburts- und Sterbejahr zu lesen. Vierundzwanzig Jahre alt war der gewesen, dessen Leib hier begraben war. Meine Phantasie wob Märchen um die anziehende Jünglingsgestalt in mittelalterlicher Rüstung. Ich konnte ihn mir lebend vorstellen und schmückte ihn mit den herrlichsten Eigenschaften. Am Allerheiligentag kaufte ich mir Wachskerzchen, die ich an seinem Grabe anzündete. Es war ein verlassenes Grab. Nie habe ich jemanden dort gesehen, der ein Recht darauf gehabt hätte. Nur Neugierige blieben stehen und sahen die Statue an. Kein Baum, kein Blumenschmuck zierte je diese mich so fesselnde Ruhestätte. Ich betete für seine »arme Seele« und brannte Kerzen für einen, dessen Namen ich nicht wusste, den ich lebend nicht gekannt und der wohl einer ganz anderen Welt angehört hatte, als die war, in der ich lebte. Mädchenphantasien! Ich schämte mich ihrer nicht. Waren doch diese phantastischen Mädchenträume das einzig Schöne meiner Jugend. Schließlich habe ich ja den Weg in die Wirklichkeit nicht verloren. Vom Beten für die im Fegefeuer Schmachtenden habe ich gelernt, mit vielen Tausenden anderen für die Erweckung der Lebenden zu kämpfen. Würden doch alle, die am Allerheiligen- und Allerseelentag noch Erlösungskerzen brennen, bald selbst erleuchtet werden, um zu lernen, für ihre eigene Erlösung zu kämpfen!

Mein Ritter vom Schmelzer Friedhof war seit vielen Jahren aus meiner Erinnerung ausgelöscht. Die Umwandlung des Friedhofs, an die in letzter Zeit erinnert wurde, hat mir auch seine Gestalt wieder lebendig gemacht. Statt Wachskerzen weihe ich ihm heute dieses Erinnerungsblatt.


Kommentar
Die österreichische Frauenrechtlerin und Sozialdemokratin Adelheid Popp (1869–1939) wurde 1919 als eine der ersten sieben weiblichen Abgeordneten in den österreichischen Nationalrat gewählt. Neben ihrer politischen Tätigkeit trat Popp immer wieder als Autorin hervor. Neben zahlreichen im engeren Sinn politischen Schriften verfasste sie mehrere autobiographische Texte, von denen Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, von ihr selbst erzählt (München 1909) der bekannteste ist. (Unter dem leicht vereinfachten Titel „Jugend einer Arbeiterin“ ist das Buch auch in einer aktuellen Neuausgabe erhältlich.)
Auch in Mein Ritter schildert Popp eine Erinnerung aus ihrer Jugend. Ort der Handlung ist der ehemalige Schmelzer Friedhof im Westen Wiens, der 1874 aufgelassen und schließlich nach dem Ersten Weltkrieg in einen Park umgewandelt wurde. Mein Ritter erschien zwar ursprünglich an einem 1. November und verweist im Untertitel auf Allerheiligen, passt aber auch zum 1. Mai. Zum einen, weil er prominent die Fliederblüte erwähnt, für die die alten Wiener Friedhöfe damals bekannt waren, zum anderen, weil Popp natürlich auch hier den Kampf für die Rechte der Arbeiter*innen als Rahmen um die eigentliche Erzählung legt. Explizit am Ende, implizit aber auch schon am Anfang des Textes: Das gleich im ersten Satz erwähnte Denkmal der Märzgefallenen, das an die Opfer der Revolution von 1848 erinnerte, war ein wichtiger Gedenkort der Wiener Arbeiter*innenschaft. 1888 wurde es auf den Wiener Zentralfriedhof übertragen, wo es sich als eines der letzten Überbleibsel des Schmelzer Friedhofs bis heute befindet.

Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 1. November 1912, S. 8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Mary Cassatt, Flieder in einem Fenster, um 1880

Friedhof

von Marie Eugenie delle Grazie (1864–1931)

Im Friedhof schimmert der Flieder
Und kosige Maienluft
Trägt bis zu mir herüber
Den schwül betäubenden Duft;

Er legt sich um meine Sinne
So schwer wie ein Zauberbann,
Es ist, als hätten die Toten
Ein Leides mir angetan –

Die Toten, die ohne Liebe
Gestiegen in ihre Gruft –
Und deren Sehnsucht nun einsam
Verblutet im Fliederduft …


Textnachweis
Aus: Österreichische Kunst-Chronik, Bd. XV, Nr. 10, 1. Mai 1891, S. 289. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Zwei Gläser

von Marie Eugenie delle Grazie (1864–1931)

Ein wolkenverhangener Sonntag ……

Müd und versonnen komm’ ich von einem Friedhof heim – greife, müd und versonnen, eines der hochstängeligen Gläser aus dem Spind, die Blumen darin zu kühlen, die ich mir von dort draußen heimgebracht. Greife hinein und – fühle plötzlich meine Hand herabsinken: von einem Schauer durchfröstelt, der zum ersten Male mehr ist als ein flüchtiges Erinnern, mehr als die gleichgültige Gelassenheit, mit der ich bis heute immer eines dieser beiden Gläser herausgeholt, darin die Blumen eines Grabes zu kühlen. So unsagbar mehr, dass dieses Glas mit meiner Hand zu beben beginnt und leis’ an das andere schlagend, einen Klang voll unirdischer Zartheit weckt. Der Klang aber das Besinnen auf Stunden und Tage, deren wirklicher Inhalt mir erst heute aufleuchtet, wie damals der goldperlende Asti in diesen Gläsern. Nach vierzig Jahren erst heute! So undankbar kann die Jugend sein. Nun aber –

Und wie schwindelnd greif’ ich um mich. Muss das Glas niederstellen und mich selbst setzen, dem Flug der Bilder standzuhalten, die wie aus tiefstem Dämmer plötzlich an mir vorübergleiten …… Der unsagbaren Erschütterung, die wie ein Sturm über mich hingeht. Diesem späten Ergreifen alles dessen, was mir mit einem Male die Seele zu füllen beginnt, bis an des Glases Rand.

Und dann ist es wie in einem Traum:

Ein hohes, helles Zimmer gegen Osten. Tritt man ans Fenster, blaut die Donau herein und über die Bogen einer Brücke winkt das Grün des Praters herüber. Oder der Schnee liegt zwischen den starren Gipfeln und dann hat die stille Stube noch einen Reiz mehr, bleiben Blick und Aufmerksamkeit nur ganz ihr zugewandt, so schmucklos sie auch ist.

Aber der Harzer Roller am Fenster scheint dann noch heller zu singen. Die unzähligen Bücher an den Wänden verleiten zu einem neugierigen Griff … Das alte Spinett in der Ecke scheint einen wunderlichen Klang von sich zu geben. Als säße die Einsamkeit selbst dort und griffe von Zeit zu Zeit einen verträumten Akkord. Tritt man aber näher, ist es die »Mondscheinsonate«, die dort aufgeschlagen liegt. Und dann ist es immer dasselbe nachsichtig spöttelnde Lächeln, das zwei junge Mädchenlippen umspielt. Derselbe wie verschämt sich verhüllende Blick in zwei sonst so klare Greisenaugen:

»Wenn ich – wenn ich Zeit habe, spiel’ ich noch zuweilen.«

Und dann tritt die alte Pauline ein und macht ihren Gebieter ganz verstummen. Denn er ist »wie Simson in ihre Gewalt gekommen«, wie er oft humorvoll sagt, wenn er auch nicht weiß, »wie« und »warum«. Oder vielleicht eben bloß deshalb, weil er noch immer einen solch keuschen Respekt hat vor allem Weiblichen. Ob es nun eine Madonnenstirn hat oder nicht. Gerade nur so viel Mut ist ihm geblieben, uns selbst die beiden hochstengeligen Gläser vorzusetzen und dazu die kleinen Biskotten, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit jenen haben, die der Krämer unten, auf Papier geklebt, feilhält. Was der alte Herr ganz gewiss so wenig weiß wie manches andere, was seine Pauline tut oder – nicht tut. Trotz seiner Befehle.

Nun aber ist sie wieder draußen und mit leicht bebender Hand – einer fast frauenhaft zarten Hand – hebt der greise Gelehrte die Flasche, den perlenden Asti in die Gläser seiner Freunde gleiten zu lassen. Dabei immer dieselben rührenden Worte:

»Es ist kein Champagner – nur Schaumwein. Und auch er ein Geschenk. Aber ich wollte ihn nur mit Ihnen trinken. So hab’ ich ihn – hab’ ich ihn aufgespart.«

Wie seltsam, dass ich erst heute das leise Vibrieren der Stimme höre, die diese Worte sprach. Das traumhaft-sehnsüchtige Aufleuchten der schönen Greisenaugen bemerke … die leis’ zuckende Wehmut um die Lippen, die mich, während unsere Gläser zu dritt aneinanderklingen, in der Sprache eines verschämten Troubadours feiern. Ja, wie seltsam, dass ich das alles nicht verstand, mehr als einmal belächelt, es so selbstverständlich hingenommen als – vergessen habe – damals.

Er aber:

Unsere Kämpfe, unsere Pläne, unsere Zukunft machte er zu der seinen. Sie waren die letzte Arbeit seines Lebens. Und schieden wir – wie zart nahm er meine Hand; mit welcher Andacht hielt er sie in der seinen!

»Werden Sie auch wiederkommen. Man wird so leicht vergessen, wenn man alt ist.«

Alt, o – wie ich das verstand, in dieser Stube! Nichts anderes aus seinen Worten hörte wie nur dieses – »alt«. Und, kaum vor der Türe, mich immer mit demselben Aufatmen der eigenen Jugend besann. So sehr ich dem alten Mann auch sonst zugetan war. Als wäre etwas von dem spinnwehgrauen Zauber der Einsamkeit da drinnen an mir hängen geblieben und bekäme heimlich Gewalt über mich. O, fort, nur fort … Er aber – –

Noch hatte unser Fuß nicht die letzte Treppe berührt, und schon geisterten uns die Töne seines Spinetts nach. Die – »Mondscheinsonate«. Bis zu uns hinunterwebend. Diese gleichsam alles in dieselbe einspinnenden Triolen. Als strecke sich eine unsichtbare Hand nach uns, etwas festzuhalten an uns oder in uns. Und dann lief ich fast zu dem alten Tor hinaus:

»Licht, Luft, Jugend!«

»Er ist ja ein ganz außerordentlicher Mensch«, pflegte ich dann wohl zu sagen. »Aber zwischen ihm und mir liegt es wie ein ganzes Jahrhundert.«

Meist schwieg mein Freund. Ihm ging wohl etwas näher an dem alten Mann. Viel näher, als er damals sagen wollte und konnte, wie ich auch erst mit einem Mal begreife und in einem fast visionären Schauen. Als wir aber eines Tages wieder einmal um die Ecke des Hauses waren, meinte er halb nachdenklich, halb humorvoll:

»Nur eines möchte ich wissen: ob der alte Herr schon immer diese Gläser gehabt hat oder –«

Das Geklingel der Pferdebahn, die gleich um die Ecke hielt und die wir besteigen mussten, ließ mir diese Worte verhallen. Aber ich glaube, dass ich sie auch sonst nicht weiter beachtet hätte. Und dann – wer Wein anbot, musste wohl auch die nötigen Gläser dazu stellen. Was war dabei? So wenig gab meiner Jugend zu denken, was einem alten Herzen hinter ihr ein schmerzhaftes Erleben war.

Oft aber kam er auch zu uns, und es war seltsam, welche Tage er sich meist wählte oder besser gesagt, welches Wetter. Einen Schneesturm oder ein Gewitter, triefende Nebel oder brütende Sommerhitze. Vorsicht und Überlegung scheinen diesen Besuchen nie vorangegangen zu sein. Saß er aber dann zwischen uns, taten sich die großen Blauaugen immer mit einem Blick auf, als öffneten sich plötzlich zwei wunderbare Blumen, die weiß Gott in welchem Wald bisher Zeit und Leben verträumt. Und mit diesem Blick sah er mich an – keuschester Innigkeit voll, zärtlicher Sorge beflissen. Ich aber … Ach, man kann ein Dichter sein, und doch an dem Tiefsten und Rührendsten vorübergehen, das einem das Leben in den Weg stellt, ohne es auch nur zu bemerken. Solange man überreich ist durch die Jugend. Befremdet hat mich dieser Blick mehr als einmal – das weiß ich noch heute. Wenn ich auch heute erst weiß, woher ihm dieser unirdische Glanz kam: aus einem Herzen, das ganz mein eigen war, ob ich es auch so wenig wusste als – er selbst. – Dann schied mich eine lange Reise von ihm und dann –

Ein Büschelchen süß duftender Veilchen sandte er mir durch unseren gemeinsamen Freund, als ich wieder daheim war. Als Zeichen seines Gedenkens. Aber diese Veilchen hatten schon an seinem – Krankenlager geblüht und mit ihrer Sendung verband er die Bitte, ihn »nicht zu besuchen, um ihn in einem besseren Andenken zu haben«, wenn er sterben müsse. Wenige Tage später war er tot.

Ich weiß nicht mehr, was mich hinderte, zu seiner Leiche zu gehen. Und so weiß ich noch heute nicht, wo ich sein Grab zu suchen hätte, auf dem trostlos weiten Leichenfelde dieser Stadt.

Wieder einige Tage später aber kam die alte Pauline und stellte plötzlich die beiden Champagnerkelche auf unseren Tisch.

»Ich musst’ es dem Herrn versprechen, ihnen die selbst zu bringen. Zur – zur Erinnerung.« Und dann, unter einem Strom von Tränen:

»Am Abend vor seinem Tod hat er mir das aufgetragen.«

Geweint habe ich auch damals, herzlich und doch besonnen, wie man um einen lieben alten Freund eben weint, dessen Ende an sich durchaus nichts Überraschendes ist. Und dann hab’ ich die beiden hochstängeligen Gläser in den Schrank gestellt und sie dort vergessen, bis –

Ein wolkenverhangener Sonntag war es und ich kam von einem Friedhof heim. Von einem Grabe, darauf die ersten Blumen blühten. Damals hob ich eines der Gläser zum ersten Male wieder aus dem Spind, die tiefdunklen Violen darin zu kühlen, die ich von einem Grabe heimgetragen. Dem Grabe dessen, der aus einem dieser Kelche getrunken – damals, als wir beide noch jung waren.

Aber ich dachte nichts dabei. Bis heute. Nichts. Bis dieser jähe Schauer mir plötzlich die Hand herabgleiten ließ, die wieder nach jenem Glase griff, die Blumen eines Grabes darin zu kühlen. Und mein Gedenken von diesem Grab plötzlich nach einem irrte, das ich nie gesehen, um gleich jäh zu erkennen, woran ich vierzig Jahre lang nicht gedacht, was mir erst heute ganz rührende Gewissheit wurde; über die Nachdenksamkeit der eigenen Jahre hinweg und dieses Glas, das eine bebende Hand einst mit goldperlendem Asti bis an den Rand gefüllt für einen, der auch nicht mehr ist –

Wann kommt es an das zweite Glas? Das Glas, aus dem ich getrunken? Und welches wird sein Schicksal sein? Die Blumen meines Grabes zu kühlen oder wieder mit perlendem Asti gefüllt zu werden, bis an den Rand? Und für – wen?

Mög’ es eine Hand sein, so keusch und entsagungsvoller Güte reich wie jene, die zuerst diese Gläser gefüllt.


Textnachweis
Aus: Reichspost, 13. August 1924, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Stilleben mit Wecker, um 1912

Die Mutter

Von Eleonore Kalkowska (1883–1937)

Eine schweigt, seitdem sie die Nachricht empfing …
Zeit und Raum konnt’ die Stunde nicht halten,
Irgendwo, wie ein Blitz, im Leeren sie hing
Und hat der Tage bleiernen Ring
Gespalten;
Zerstört von den Flammen,
Kommt gestern und morgen nimmer zusammen.

Und sie schweigt. Denn sie kann von den Dingen nicht reden,
Wie früher. Und zeitlos die Zeit verrinnt.
Das Gestern ist ein Haus mit geschlossenen Läden,
Das Morgen – die Leere. Und doch, leise, spinnt
Sie das Graugarn des Grams. Und es sind neue Fäden
Zu ihrem Kind.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XVIII. Jg., Juli 1916, Nr. 7, S. 168 (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

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