Ehret die Frauen!

von Charlotte Löw

Auf, meine teuren Schwestern! Heran zu mir, unter meiner Fahne sollt ihr euch versammeln! Mit starker und kräftiger Hand will ich sie schützend über eure Häupter schwingen. Einer zweiten Wlasta gleich, will ich euch mit scharfen Waffen versehen, mit Waffen, gegen die eine Toledo-Klinge stumpf wie ein Beil, gegen die ein echter Damaszener ein schwerfälliger Dreschflegel sein soll. Lasst uns kämpfen gegen das Los der Erniedrigung und Bedrückung; stolz wollen wir uns erheben, wie der königliche Aar, der, im blauen Äther kreisend, die Kraft seiner Schwingen wachsen fühlt, je mehr er sich der Himmelskönigin – der Sonne – nähert. Unsere Waffe sei: Vernunft; unser Feldgeschrei: Anerkennung; und die Schutzgöttin unseres Heeres: die Ausdauer. Sie, die weiblicher Abkunft ist, wird schützend und schirmend unserem Heere voranziehen; in ihrem Schutze werden wir all die Unbilden rächen, die uns seit so viel hundert Jahren von unseren Widersachern, dem Männergeschlechte, zugefügt wurden. Die beiden Reiche: Liebe und Treue sind unsere Verbündeten. Und so wollen wir es denn im offenen, redlichen Kampfe versuchen, wollen uns das durch die Kraft unsere Waffen erringen, was Vorurteil und alte Gewohnheit uns vorenthalten!

Sagt mir, ihr, die ihr euch die »Herren der Schöpfung« nennt, was euch berechtigt, unsere geistige Freiheit in Fesseln zu legen, uns gleich dem Prometheus am Felsen anzuschmieden, uns gleichsam nur als Mittel und euch als Zweck der Schöpfung zu betrachten? Etwa darum, weil die Fackel der Vernunft ebenso hell unserem Geiste strahlt als dem eurigen? Prometheus beging nicht für euch allen den Raub; nicht für die eine Hälfte der Menschheit stahl er das göttliche Feuer vom Himmel; nicht für die eine Hälfte litt er unsägliche Qualen. Den himmlischen Raub verteilte er brüderlich in gleiche Teile; und nur in eurer physischen Kraft, in dem, was der Erde angehört, steht ihr über uns: Geistig können wir uns immer mit euch messen. Sagt mir, ihr freien Herren der Schöpfung, ob ihr von euren Begierden und Leidenschaften nicht abhängiger seid als das in euren Augen so schwach dastehende weibliche Geschlecht! Wenn durch die leiseste Anregung von außen Zorn und Heftigkeit euer Gemüt ergreift, flüchtet sich das schwache Weib, schwach durch seine physische Schwäche, unter die Fittiche ihrer sie stets begleitenden Genien: Sanftmut und Geduld; und siehe da! der brüllende, zürnende Löwe wird zum ruhigen, freundlichen Schoßhündchen und lässt sich herab, Abbitte sogar da zu tun, wo vielleicht einmal das Recht auf seiner Seite war. Wie oft geschah es, ihr Herren der Schöpfung, dass unsere stille Klugheit da Triumphe feierte, wo ihr mit all euren rastlosen Anstrengungen nichts zuwege brachtet! Wie oft gelingt einem Blicke der Milde von uns, das zu bewerkstelligen, was euch durch hartnäckiges Drohen und durch das ewige Pochen auf euer Recht versagt wird! Ein sanftes Wort aus unserem Munde, ein freundlich bittender Blick aus unseren Augen: und in dem soeben schwer erbitterten Gemüte legen sich die Wogen der Aufregung; der Sturm, der soeben die mannhafte Brust durchtobte und zum Orkane heranzuschwellen drohte, hat dem lauen Westwinde Platz gemacht. Und all diese Wunder vollbrachte ein sanftes Wort, zu seiner Zeit gesprochen! Somit ist es von jeher nur den Frauen vorbehalten, die Tugenden Geduld und Sanftmut den rohen Ausbrüchen des Zornes und der Heftigkeit des männlichen Geschlechtes entgegenzuhalten.

Sagt mir, ihr, die ihr euch zu Richtern unserer Handlungen aufwerft, ob ihr die Tränen auch zählt, die, ungesehen von euch, so oft im Auge zerdrückt werden? Sagt, ob ihr die höhere Tugend, die nur in einer Frauenbrust ihre Wohnstätte aufschlägt, die Tugend der Ergebung und Selbstverleugnung, hegt, ob ihr sie nur zu würdigen versteht? Wieviel solche Dulderinnen traget ihr zu Grabe, deren Haupt im Leben wundgedrückt wurde von der Dornenkrone des stillen, verschwiegenen Leides! Als Immortellen schlingen wir um ihre kalten Schläfen den Siegeskranz, den wir erringen werden, den wir erringen müssen, wenn Ausdauer im Guten je den Sieg davontrug. Die Blumen: Sanftmut, Geduld, Ergebung und Selbstverleugnung wollen wir auf ihre Gräber pflanzen. Und wenn der Keim in Wurzeln schießt; wenn diese Gewinde gleich Schlingkraut Gedeihen finden und allmählich in die Höh’ sich ranken; dann mögen sie zu euren Ohren sprechen und euch mahnen an die, welche ihr im Leben verkanntet!

Alle diese Vorzüge, die ich hier aufzählte, müsset ihr uns zugestehen; doch sollten sich nicht auch unsere geistigen Vorzüge mit den euren messen können? Im Gebiete des wahrhaft Großen und Schönen werden gewiss glänzende Meteore am Himmel der Frauenwelt aus dem Weltbuche euch entgegenstrahlen. Oder brauche ich euch erst zu erzählen von Virginia und von der Mutter des Coriolan? Oder ist euch etwa jene Elisabeth unbekannt, unter der England sein goldenes Zeitalter sah? Mit welchen unabsehbaren Beschwerden, mit welchem Faktionsgeiste hatte sie zu kämpfen! Auf vulkanischem Boden, der von Revolution und Parteigängern untergraben war, wusste sie den Thron fest und ungehindert zu behaupten, mit starker und geübter Hand das Staatsruder zu leiten und – ihrer geistigen Überlegenheit sich bewusst – auch ihre Freiheit zu bewahren. Und ist ihr Geist etwa erloschen? Beherrscht nicht auch eben jetzt eine 18jährige Jungfrau das stolze Albion?

Wollen wir im Gebiete der Künste und Wissenschaften uns ergehen: Schulen und Kollegien sind uns verschlossen, das öffentliche Leben kennen wir nur wie aus Zaubermärchen und vom Hörensagen; denn ihr habt ja genugsam dafür gesorgt, dass unser Ruf, und mit ihm auch unser ganzes irdisches Glück, zugrunde geht, wenn wir dem öffentlichen Leben uns anschließen würden. Aber trotz diesem unübersteigbaren Wall von Hindernissen ist es doch schon vielen meiner Schwestern gelungen, einen Lorbeerkranz um ihren Namen zu flechten, obgleich ihre Richter – Männer waren.

Und doch gehören wir nicht vor euer Tribunal! Wir fühlen und denken anders als ihr, müssen daher auch anders handeln! Bei euch ist der Gedanke der Keim des Gefühles; bei uns ist das Gefühl der Keim des Gedankens. Mit jedem Pulsschlage umsegeln wir das Eiland eures Denkens; unser Gefühl ist ein Kompass, der nicht trügt. Mitten durch Klippen und Sandbänke zeigt er uns den gebahnten, fahrbaren Weg. Mit all eurem gepriesenen Denken könnt ihr oft Wogen und Brandungen nicht vermeiden, während wir, in unseren richtigen Takt eingehüllt, gefahrlos auf offenem Meere uns einschiffen können. Vor euer Tribunal gehören wir nicht; denn ihr richtet mit dem Verstande unser Tun und Handeln, und unser Lieben und Leben will nur mit dem Herzen gerichtet sein.

Darum, meine teuren Schwestern, wollen wir uns nicht länger mit schmeichlerischen Hoffnungen trügen! Wir haben zu lange auf ihre Anerkennung geharrt, um noch länger zu harren. Dieses Geschlecht nennt sich das »starke«, aber es ist nur stark in Schwachheiten, so wie es nur konsequent in Inkonsequenz ist. In der Liebe sind sie meist ohne Treue; in der Treue – oft ohne Liebe. Kopf und Herz leben stets in Zwiespalt; was das eine will, ist dem anderen ein Gräuel. Sie geben vor: unsere Liebe sei ihrem Herzen das Teuerste; und doch will ihr Geist sich über uns erheben! Sie prahlen: sie ständen von der Natur über uns gesetzt; und doch liegen sie oft als Sklaven zu unseren Füßen! Es ist ein Geschlecht voll Widerspruch! Es will über uns urteilen und begreift gar nicht uns, die wir stets ganz sind, bei denen Herz und Geist stets eins sind und eine Richtung haben. Nein, meine Freundinnen! Von diesem Männergeschlechte, so wie es jetzt ist, können wir keine Anerkennung erwarten. Wir müssen uns ein neues Geschlecht heraufbeschwören; Vergangenheit und Gegenwart müssen wir aufgeben, auf die Zukunft nur unser Augenmerk richten; – wir müssen uns erst Richter erziehen!

Unter uns gestanden, meine teuren Schwestern! An einem großen Teile der Ungerechtigkeiten, die uns von den Männern zugefügt wurden, sind wir selbst schuld. Warum haben sich die Frauen die Erziehung ihrer Söhne aus den Händen nehmen lassen? Die Erziehung ist weiblichen Geschlechtes und gehört der Mutter zu. Unser Geschlecht war aber schwach genug, sich dieses wichtigen Einflusses zu begeben. Kein Wunder, wenn die Vorurteile gegen uns sich vom Vater auf den Sohn verpflanzten! Im Mittelalter, wo der Knabe bis zum 15. Jahre unter der Obhut der Frauen stand und in der Minnesitte und zarter Tugend von ihnen unterrichtet wurde, da blühten auch Galanterie und Ritterlichkeit. Die Frauen wurden geehrt, ihre Tugenden anerkannt, in Wettgesängen und Wettkämpfen verherrlicht und ihre Gunst als das höchste Gut gepriesen. In unserem zivilisierten Jahrhunderte, wo die Knabenerziehung den Männern überlassen ist, werden dem Zöglinge bald alle jene Unarten gegen unser Geschlecht von seinem Lehrer eingeflößt, mit welchen dieser wieder von dem seinigen erzogen wurde. Und fürwahr! hätte der gute Schiller uns nicht vernünftigerweise besungen, ich glaube: es wäre kein Vers – als von lauter verrückten Liebhabern – auf uns gemacht worden. Und Schiller! – Man weiß, welchen Einfluss seine Mutter auf ihn hatte.

Darum, meine Schwestern, wollen wir von nun an ein so wichtiges Mittel, uns Achtung und Anerkennung zu verschaffen, nicht so leicht uns aus den Händen nehmen lassen; wir wollen die Erziehung unserer Söhne mit leiten! Was können die Männer dagegen einwenden? Mögen sie immerhin durch die Kraft der Verhältnisse imstande sein, den Geist eines Knaben heranzubilden: Herz und Gemüt erhält sein Gepräge am schönsten von der weichen Hand der Frauen. Darum wollen wir in die zarte Brust des Knaben jene lieblichen Keime legen, die unseres Geschlechtes Erbteil sind: Sanftmut, Zartsinn, Liebe und Treue! Wir wollen sie pflegen, dass sie feste Wurzel fassen! Und wenn dann der Knabe zum Manne wird, hinausgestoßen in den frostigen Winter des Lebens, dann werden die Blüten jener Keime ihn erquicken und vor Erstarrung schützen, und dankbar und huldigend wird er sich jenem Geschlechte nähern, dessen edle Eigenschaften er in sein Blut eingesogen hat. Er wird dessen Tugenden verehren; Rohheit und Unsitte werden verbannt sein; und ihre Verbannung ist der Triumph und die Emanzipation der Frauen. Darum auf, meine Schwestern! Rasch zur Tat, die Waffen zur Hand genommen, das Banner entfaltet! »Erziehung« ist das Losungswort!

Gegeben im Reiche unserer Verbündeten: Liebe und Treue.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., Nr. 151, 18. Dezember 1837, S. 621–622. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Nadelstiche

von Charlotte Löw

9. Oktober 1837

Man hat die Frauen oft mit Schmetterlingen verglichen; warum nicht mit Bienen? Wenn sie so an ihrem stillen, traulichen Nähtischchen mit ihrer Arbeit beschäftigt sitzen, wie sehr gleichen sie dann einer Biene! Nicht des Fleißes, auch nicht des Stachels wegen, den sie in Händen haben, sondern weil sie dann mit ihren Gedanken so gern in bunten Schwärmen ausfliegen und sich auf einen Gegenstand niederlassen, von dem sie erst nach vielem Schütteln und Rütteln wieder loszubringen sind. Wer ihr Wachs bei solcher Gelegenheit zu sammeln versteht, der kann ein Licht daraus bekommen, welches das Innere manches Herzens vor seinen Blicken erhellt. –

Man sagt, die Freude hat Flügel. Wohl muss sie welche haben; denn sie ist ein Engel, eine Bewohnerin des Himmels. Nur ungern senden die Götter diese strahlende Fee zur Erde nieder, noch weniger gern trennt sie selbst sich von ihrer lichten Heimat. Darum ist ihr Flug so langsam und träge, wenn sie sich einem Sterblichen nähern muss; darum ist er so blitzschnell und unaufhaltsam, wenn sie davonfliegt. Anders ist es mit dem Grame. Er ist ein Bewohner der Finsternis, ein greiser Sünder, dem die Verdammnis der Unterwelt zuteilwurde. Die Erde mit ihrem Lichte ist für ihn ein Paradies, und wenn die Dämonen ihn mit seiner Sendung zu den Menschen schicken, da kann er seine Krücke nicht hastig, nicht eilig genug in Bewegung setzen. Darum ist er weit schneller im Kommen als im Gehen; er hat alle seine Kräfte im Herbeieilen verschwendet und ist daher umso langsamer beim Fortschleichen.

11. Oktober 1837

Stille Trauungen gleichen hastigen Mahlzeiten – sie sättigen, aber sie nähren nicht; dass sie in ihren Folgen schädlich werden können, das ist eine Ursache, weshalb man dafür warnen muss. Und doch nimmt die Mode, Trauungen ohne Feierlichkeiten, Hochzeiten ohne Gepränge vor sich gehen zu lassen, immer mehr und mehr überhand! Man nennt das einen Fortschritt der Bildung, während es ein Rückschritt der Klugheit ist. Es gibt gewisse Abschnitte im Leben, wo Gepränge und Feierlichkeit nötig sind, damit sie die Grenze beleuchten, damit wir nicht vergessen, dass wir die Marken unseres bisherigen Vaterlandes überschritten haben und in einem andern uns befinden, wo andere Gesetze und andere Rechte herrschen. Bei dem Manne, der in den Ehestand tritt, ist dies noch nötiger als bei dem weiblichen Wesen. Das Mädchen tritt aus dem Vaterhause in jenes des Gatten ein. Diese Veränderung ihrer Lage und ihres Standpunktes ist markiert und wichtig genug für sie, als dass nicht ihre neuen Pflichten mit jener Veränderung umso lebendiger Eingang bei ihr fänden und die Grenze, die um sie gezogen wurde, ihr stets in Gedächtnis riefen. Bei einem Manne aber ist die Ehe gewöhnlich nur eine Vermehrung seines Hausstandes; seine äußeren Verhältnisse bleiben gewöhnlich dieselben, ohne Umstaltung und Veränderung. Der Mensch aber ist nun einmal ein sinnliches Wesen, und solange er jene Hülle nicht abgestreift hat, durch welche allein die Eindrücke Zugang zu seiner Seele finden, solange muss er auch an den Eingangspforten den gebührenden Zoll erlegen. Darum, soll des Mannes Seele ergriffen werden von der Heiligkeit und Bedeutung seines neuen Standes, so darf ihm dieser nicht kahl und matt entgegentreten! Man behauptet, der Ernst und die Unverbrüchlichkeit der Ehe sei in unserem Jahrhundert schwächer als vor alters. Sollte dieses nicht auch seinen Grund haben, weil der Hochzeitstag, von Schmuck und Glanz entledigt, nicht würdig genug entgegentritt?

23. Oktober 1837

Die Männer sind doch manchmal in der Tat recht possierlich mit ihren Ansichten und Zumutungen dem weiblichen Geschlechte gegenüber. In einer unlängst erschienenen Schrift will ein Hr. Werner den Frauen durchaus das Reiten streitig machen, weil es nach seinem Ausspruche der weiblichen Zartheit und überhaupt der weiblichen Bestimmung entgegen sei. Ob das Essen wohl dem weiblichen Geschlechte erlaubt sein dürfte, davon schreibt Herr Werner zwar nichts; aber sollte nicht das Kauen unserer Zartheit entgegen sein? Und ist nicht die Bestimmung des Weibes zu dulden, und wäre es daher nicht ganz gerecht, dass wir auch den Hunger dulden sollten? – Das Reiten kommt uns Frauen nicht zu! – Wie, wenn wir nun den Satz umdrehen und behaupten wollten, den Männern sei das Fahren unzukömmlich, weil es der männlichen Kraft nicht zukommt, sich schleppen zu lassen, und weil es überhaupt seiner Bestimmung entgegen sei, so weichlich zu sein? Oder ist das Reiten auf einem lebendigen Rosse für eine Dame unanständiger als das Reiten auf einem Steckenpferde für einen Mann? Lasset uns immerhin dies kleine Vergnügen, ihr Herren der Schöpfung! Wir überlassen euch dafür jene edle Reiterei, wobei das Pferd den Herrn tyrannisiert; wir überlassen euch die – Steckenpferde. Seid doch gerecht und prüfet genau, wie selten diese Art Reitkunst bei den Frauen ist. Mann und Kind und Haushaltung, das sind die einzigen Steckenpferde des edlen Weibes (bei dem schwächeren kommt höchstens noch der Spiegel als das vierte im Bunde); der edelste Mann aber hat, neben Weib und Kind und Berufsgeschäft, noch eine ganze Stallung von Steckenpferden. Von dem minder edlen will ich gar nicht sprechen. Darum, meine Herren, drücket immer ein Auge zu und lasset uns reiten! Wir wollen zum Danke dafür beide Augen zudrücken.

Wie viel wird bei der weiblichen Erziehung vernachlässigt; selbst bei dem Unterrichte ist der Knabe vom Geschick schon begünstigt; wie sucht man nicht durch große Vorbilder seinen Geist, seine Phantasie zu entflammen! »Cornelius Nepos«, »Plutarch«, das sind die Bücher, welche man ihm in die Hände gibt; man führt ihn auf die Höhen und zeigt ihm glänzende Sternbilder und Namen, vor welchen die Erde sich bückt. Und dem Mädchen? »Marianne Strüf«. Ist das hinreichend, den Nepos zu ersetzen, hat das Weib keine höhere Bestimmung, als Teig zu kneten und schmutzige Wäsche aufzuschreiben? – Oder ist etwa unser Geschlecht so arm an großen Vorbildern? O, ich könnte euren vielgerühmten Helden und Weisen Weiber entgegenstellen, mit glänzenden Kronen auf dem Haupte und krönendem Glanze im Haupte, wüsste ich nicht, dass ihr sie wohl kennt! Aber, was sollen uns die Beispiele großer Regentinnen? Denket ihr, das Weib soll gehorchen und nicht herrschen, solche Beispiele könnten uns verderben? Aber wir haben ja auch Heldinnen, glänzendere und größere, als euer Plutarch sie aufzuweisen hat.

27. November 1837

Fast jede Frau betrachtet eine neue Männerbekanntschaft mit den Beziehungen der Liebe. Der Mann mag noch so reizlos und uninteressant sein, die Frau forscht überall an ihm. Ob nichts Liebenswürdiges an ihm aufzufinden sei, – und solange sie nicht vom Gegenteil überzeugt ist, wird ihr der Mann nicht völlig gleichgültig. Das Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Beruf! Natürlich ist es dabei nicht immer auf jene Liebesverhältnisse, oder was man im gemeinen Leben so zu nennen beliebt, abgesehen, sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgültigkeit.

Die gewaltigsten Herrscher unseres Lebens sind unsere Gedanken; selbst im Schlafe sind wir ihnen dienstbar, selbst unsere Träume unterliegen ihrem Zepter. Dünkt es uns doch bisweilen, als streckten in die Träume sogar ganz fremde Mächte gebieterisch ihre Hände! Im Schlafe sehen wir Gedanken und Bilder ausgewachsen vor uns stehen, deren Anfänge wir kaum in unserem Herzen geahnt haben. Unsere Bildung wird nicht selten sogar in den Träumen verarbeitet, neu gerichtet und gewendet; unsere Selbstständigkeit ist zu Ende, aber unsere Kräfte sind gewachsen: Wir empfinden uns freudig oder schmerzlich als die unmittelbaren Werkzeuge höherer Gewalten. Vielleicht ließen die älteren Völker darum ihre Götter im Traume kommen und mit den Menschen reden! Vielleicht nennt man darum die begabtesten Menschen – die Poeten – Träumer, weil wir sie erfüllt sehen von göttlichen Worten und Gedanken, die ihnen nur direkt von der Gottheit gekommen sein können, im Schlafe und Traume! Wenn es ein Mittel gibt, die Zukunft zu erraten, so liegt es gewiss in den Träumen. Diese Kenntnis der Zukunft wäre aber gleich jener Frucht vom Baume der Erkenntnis, welche die neugierige Eva naschte und die ihr den Tod bereitete. Die Erfüllung ist der Tod des Wunsches, und wer nichts mehr wünschen und hoffen kann, der ist des Todes.

10. Januar 1838

Das Verhältnis des männlichen und weiblichen Geschlechtes gleicht dem Verhältnisse der rechten und linken Hand. Beide sind Zweige eines Baumes, beide sind an Gestalt gleich; aber das Vorurteil hat sie zu ganz verschiedenen Geschöpfen gemacht. Das Weib, und die Linke, werden von Jugend auf daran gewöhnt, ihrem Zwillingsbruder den höheren Rang einzuräumen. Der Mann, und die rechte Hand, beide lernen das Schwert führen, Gesetze schreieben und den Hammer schwingen; das Weib, und die Linke, werden nur zu den untergeordneten Beschäftigungen zugelassen. Man sagt: beide seien schwach; aber es ist nicht wahr! Durch die Schuld der Erziehung, durch den Mangel an Übung, durch das Entziehen jeder kräftigen Entwickelung sind sie geschwächt worden. Verbannt euer Vorurteil, und ihr sollt unsere Kraft anstaunen! Seht nur zu, wenn durch ein Unglück der rechte Arm abgehauen wird; seht nur zu, wie durch Gewohnheit und Übung die Linke ihn ersetzen macht! – Und gibt es nicht viele Menschen, welche die Herrschaft der linken Hand und das Hausrecht der Frau überlassen haben? Merkt ihr etwa einen Unterschied? – O, nur an eurer Erziehung liegt die ganze Schuld! Würdet ihr von Jugend auf den beiden Händen gleiche Beschäftigung einräumen, so würde auch die Kraft eine gleich starke. Aber ihr fürchtet, wenn ihr die Linke emanzipiert, eure Rechte darunter leiden zu sehen. Ihr wollt die Rechte als Oberhand behalten und drückt lieber ein Auge zu, wenn die linke Hand schwach ist und einen Missgriff sich zuschulden kommen lässt. – »Was die Linke tut, soll die Rechte nicht wissen!«, sagt ihr dann mit nachsichtigem Lächeln. – Verdorbenes Geschlecht! Glaubt ihr, die Götter nennen euch die Rechten? Euch, denen das Recht ganz fremd ist?

5. März 1838

Glückliches Männergeschlecht, dessen Herz noch ein anderer Beruf füllt als – die Liebe; unglückliche Frauen, deren Ein und Alles sie ist! Von der Wiege bis zum Grabe ist sie der Mond, der ihren Weg beleuchtet; und wie der Nachtwandler folgen wir den Strahlen dieses Mondes unbewusst und träumend bis zu den höchsten Zinnen des Lebens, bis zu den jähesten Abgründen des Unglückes. Wehe uns, wenn der Mond erlischt, wenn wir plötzlich aus unserm Traume geweckt werden! Wir sind unrettbar dann verloren; zerschmettert sinken wir zu Boden. Dem Manne aber ist die Liebe nur ein Stern; so lange er scheint, ergötzt er sein Auge an seinem Glanze; und wenn er untergeht, so blinken tausend andere ihm entgegen: Ehre, Ruhm, Humanität, Wissen und Tatenlust.

Warum gebärt in der Brust des Weibes die höchste Liebe oft den höchsten Hass? – Eben, dass die Extreme sich so berühren, ist ein Beweis, dass das Gefühl der Frauen zu einer weit höheren Spitze emporschwillt als das Gefühl des Mannes. Der Blitz wirft seinen verheerenden Strahl meist in die höchst gelegenen Türme und in die Wipfel tausendjähriger Rieseneichen, während die niedrig gelegene Bauernhütte und Blumenstaude davon verschont bleiben. Der Hass eines Weibes gleicht dem leuchtenden, schnell tötenden Blitze, weil seine Liebe eine Eiche ist; die Liebe des Mannes ist ein Krüppelholz; darum gleicht sein Hass dem langsam verzehrenden Kohlenfeuer, dessen Dasein sich unter der Asche tückisch verbirgt.

19. März 1838

Zu den Erbfeinden des weiblichen Geschlechts gehört – die Tinte. Die meisten Frauen wissen, welche Gefahr es ist, wenn ein Tintenfleck in das Weißzeug sich eingefressen hat. Man hat so viele Mittel vorgeschlagen, die Tintenflecke zu vertreiben: Zitronensaft und Kleesalz; aber erfahrene Hausfrauen wissen, dass diese Mittel über Kurz oder Lang die schlimmsten Spuren, nämlich: Löcher, zurücklassen. Aber noch eine andere Art von Tintenflecken gibt es, die den Frauen weit weniger bekannt sind, obgleich sie weit schädlicher und zerstörender sind als die gewöhnlichen. Ich meine jene Tintenflecke, die in das weiße und reine Gewebe der weiblichen Phantasie sich eingefressen haben; jene schwarzen Tintenflecke, die aus Romanen und ähnlichen Schriften in das leicht erregte Herz eines jungen Mädchens getropft werde. Hier hilft alles Reiben nichts; der Zitronensaft trauriger Verhältnisse, das Bittersalz des Zwanges verschlimmern das Übel und fressen Löcher in ein Herz, dessen Fäden allzu fein sind, um diesem Konflikte zu widerstehen. Solche Tintenflecke haben manches Gemüt zerrissen, wenn törichte Eltern mit Lauge, Seife und Bürste es zu reinigen versuchten. Nur Zeit und freie Luft können diese Flecke bleichen; nicht der Gewalt, der Sorgfalt nur werden sie weichen. Eltern und Gatten sollten dies bedenken und darnach sich richten.

»Bettinas Briefe an Goethe« mögen bei Männern Wohlgefallen, Bewunderung, Enthusiasmus erregen; das Gemüt der Frauen fühlt sich bei dieser Lektüre verletzt. Der Mann, sei es nun, dass er sie für eine poetische Fiktion oder als eine durchlebte Wirklichkeit betrachtet, genießt sie, wie man ein Kunstwerk genießt, ruhig und unbefangen. Der weibliche Sinn aber ist befangen und verwundet, wenn er sieht, wie unverhohlen Bettina ihre Glut gegen einen Mann ausspricht, der sie durch die abgemessene Kälte seiner Briefe gar nicht dazu auffordert. Geist und Gemüt sind zwei Engelsschwingen, die das Weib über die niedrigen Schranken der Verhältnisse erheben können; Frauenwürde und edle Weiblichkeit müssen jedoch dem Mittelpunkte eine Schwerkraft verleihen, sonst verwandeln sich die Engelsschwingen in Schwalbenflügel, deren Flug mehr der Erde als dem Himmel sich nähert. Darum haben in England, wo die Charaktere ausgeprägter und fester geschieden sind als bei uns und der britische Stolz den weiblichen noch erhöht, »Bettinas Briefe« eine so harte Verurteilung gefunden.

23. März 1838

Es gibt Männer, welche die Schmeichelei als eine Zauberrute betrachten, bei deren Berührung jedes weibliche Herz sogleich sich öffnen muss. Wohl sind die Frauen nicht von Eitelkeit ganz frei; aber eben diese Eitelkeit macht nicht selten ihre Brust gegen das Eindringen der Schmeichelei verschlossen. Frauen von Geist durchschauen die Absicht der schmeichelnden Männer und finden sich verletzt durch die Leichtgläubigkeit, die man ihnen zutraut.

Die Geschichte nennt die Namen so vieler Helden und nur so weniger Heldinnen; und dennoch übersteigt die Zahl dieser bei weitem die Anzahl jener. Die Welt hat nur den rechten Standpunkt der Beurteilung noch nicht gefunden. Man verbindet gewöhnlich mit dem Worte »Held« die Idee eines Menschen, der den Tod nicht fürchtet und der für die Sache, die seine Brust erfüllt, zu sterben bereit ist. Aber es ist viel leichter, für eine Sache zu sterben, als für sie zu leben. Tausende von Menschen würden für ihre Religion freudig in den Tod gehen; aber nach ihren Vorschriften zu leben, vermögen nur wenige über sich. Der eigentliche Held bewährt sich nicht darin, dass er den Tod, sondern dass er das Leben nicht scheut. Darin sind die Frauen groß und unübertroffen. Das stille, unbemerkte Leben mancher Frau ist eine Kette glänzender Heldentaten, und mancher Leidenstag ist das Siegesdenkmal einer Schlacht, in der so viele ruhmgekrönte männliche Helden unterlegen wären. Die Zahl männlicher Märtyrer kann die Geschichte aufzählen; für die Zahl der weiblichen sind ihre Blätter zu eng.

Ein Triumph, den unser Geschlecht sich in diesem an Aufklärung so reichen Jahrhunderte selbst bereitet hat, besteht darin, dass das Schminken in den höheren Kreisen der weiblichen Welt außer Mode gekommen ist. Die Schminke ist eine Erfindung, bei deren Gebrauch eine Frau nicht durch Kunst erröten soll, sondern aus Natur; während die Schminke die eine Wange bedeckt, sollte Schamröte die andere färben. Kaum sollte man es glauben, dass eine edle Frau ihre Würde so weit vergessen kann, zu solchen Täuschungen ihre Zuflucht zu nehmen um zu gefallen. Ein weibliches Wesen, welches sogar ihre Außenseite mit lügnerischem Firnisse zu bedecken nicht verschmäht, kann unmöglich eine günstige Meinung über ihr inneres Wesen erwecken; und in der Tat, alle die vorurteilsvollen Bemerkungen über die Falschheit des weiblichen Herzens, die wir in so vielen Büchern und von so vielen Männern aufgetischt bekommen, sind leicht zu verzeihen, wenn man eine geschminkte Frau zu Gesichte bekommt. – Warum sind die Männer zu stolz, durch solche Mittel unser Wohlgefallen erwerben zu wollen? Ist der Stolz des Weibes minder edler Art als der des Mannes? Zeigen und erklären wir uns nicht selbst als untergeordnete Geschöpfe, indem wir zu Mitteln greifen, die die Männer verachten? – Man sollte doch einmal in einer Gesellschaft geschminkter Damen Schillers »Würde der Frauen« lesen! Ich glaube, trotz aller Schminke würden die Gesichter in verschiedenen Farben spielen! – Schätzen wir uns glücklich, dass diese entartete Mode den Sonnenblicken unserer modernen Zeit weichen muss, und dass sowohl in Paris als in verschiedenen deutschen Städten die Sitte bereits begründet ist, dass jede Dame von Stand und gutem Tone es unter ihrer Würde hält, sich der Schminke zu bedienen! – Das ist ein großer Schritt zur wahren Emanzipation: zur Emanzipation unser selbst!


Textnachweis
Aus: Der (Wiener) Telegraph
II. Jg., Nr. 121, 9. Oktober 1837, S. 500.
II. Jg., Nr. 122, 11.Oktober 1837, S. 504.
II. Jg., Nr. 127, 23. Oktober 1837, S. 524.
II. Jg., Nr. 142, 27. November 1837, S. 586.
II. Jg., Nr. 5, 10. Januar 1838, S. 20–21.
II. Jg., Nr. 28, 5. März 1838, S. 116.
II. Jg., Nr. 34, 19. März 1838, S. 140.
II. Jg., Nr. 36, 23. März 1838, S. 148.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Ein Kindermärchen

von Aglaia von Enderes (1836–1883)

Draußen hinter dem Dorfe, wo die uralten Eichen und Fichten stehen und das hohe, zerbröckelte Felsstück liegt, mit dem vielen weichen grünen Moos darauf, dort lag vor Jahren und Jahren ein großer, dunkler Wald. Das Dorf war damals noch viel kleiner, als es jetzt ist, und viel stiller, und wenn des Abends die Glocke vom Kirchturme läutete, dann hallte das von dem Felsstücke und dem Walde ganz tönend wider, so dass man meinte, das Glockengeläute käme von dort herüber. Damals stand dort im Walde ein winziges, zausiges Häuschen. Es war nur aus Baumrinde, Erde und Holz gemacht; ganz nieder, braun und grün sah es aus; denn das langhalmige Waldgras wuchs in wehenden Büscheln aus allen Fugen hervor, die Schnecken krochen daran auf und nieder, und nicht selten huschten im Frühlinge und Sommer die Vögel zwischen den Gräsern ab und zu und spielten Verstecken.

In diesem Häuschen aber wohnte ein kleines, uraltes, verhutzeltes Männchen; das war selbst so braun und so knorrig, als wäre es aus Baumrinde gemacht, mit einem langen, langen Barte und zwei funkelnden, blitzenden Augen, die ernst und klug aus dem verschrumpften Gesichte schauten. Es war eigentlich nicht heimlich anzusehen, das Männlein, wenn es so leise aus seinem sonderbaren Häuschen hervortrat, mit den dunklen Augen forschend in den Wald hinausspähte, als sähe es dort etwas, wo eigentlich nichts Besonderes zu sehen war. Es scheute sich aber niemand vor ihm; die Vögel blieben ruhig sitzen und sangen lustig fort, das Häschen hockte vor ihm nieder und schaute mit hochgespitzten Ohren das kleine, dunkle Männchen an und naschte dann unbesorgt weiter von den Blattknospen am nächsten Busche. Wer sich aber am wenigsten vor ihm scheute, das waren die Kinder.

Allabendlich kam eine ganze Schar mit dem Vesperbrot in der Tasche vom Dorfe zum Walde gezogen. Über die lange grüne Wiese, wo im Frühlinge die vielen blauen Veilchen wachsen und im Winter die schwarzen Krähen und Dohlen im funkelnden, weißen Schnee herumstolzieren, kam das kleine Kindervolk hergepilgert. Aber nur im Frühlinge, Sommer und Herbst; im Winter war der Wald im Schnee begraben, und die Hütte und das Männchen wohl auch; die Mütter und Väter sagten das und die Kinder blieben zu Hause. – Dafür aber, wenn die schöne, die warme Zeit kam, wenn der Wald im dunkelgrünen Kleide prangte und der weiche Moosboden voll duftender Blütchen stand, dann saß die ganze Kinderschar draußen unter den uralten Bäumen kunterbunt durcheinander, und ihr gegenüber, auf einem alten, umgestürzten Weidenstamme saß das Männchen und erzählte. Keines der Kinder rührte sich, alle die bausbackigen, roten Gesichter schauten unverwandt auf den kleinen Mann, keines der braunen und blonden Köpfchen bewegte sich, höchstens dass sie manchmal bejahend nickten, wenn ihnen der Alte ihre Zustimmung abverlangte.

Es war aber auch ganz merkwürdig, was das Männchen alles wusste, und wie es von jedem Dinge eine lange, erstaunliche Geschichte zu sagen hatte. Es wusste, wie die Sonnenstrahlen fliegen, wie ihr herrliches, funkelndes Schloss aussieht, aus dem sie jeden Morgen in die Welt hinausziehen, wie lange die Schleppe ihres goldenen Gewandes und wie viele blitzende Edelsteine darüber gestreut sind. Es hatte den Wind gesehen, die Nacht mit den dunklen Augen und dem bleichen Gesichte und den Morgen, wie er lachend von einem Sterne zum anderen sprang, bis er der Sonne in die offenen Arme fiel. Vom Feuer, vom Wasser wusste es zu erzählen, von den kleinen Wurzeln unter der Erde, vom Würmchen, das unter der Baumrinde begraben lag, und von dem Fledermäuschen, das mit zuckenden Flügeln unter der alten Fichte auf und nieder flog. – Manchen Tag gab es ernste Geschichten oder traurige, manchen Tag gab es so lustige, dass die ganze Kinderschar in jubelndes Gelächter ausbrach, so dass es weit in den dunklen Wald hineinschallte. Das Männchen aber saß stille auf dem Baumstamme und erzählte fort und fort und fuhr mit den Händen durch die Lüfte und schaute mit den blitzenden Augen rundum, und die Worte kamen eines um das andere; der Erzähler hatte nicht nachzusinnen, nichts zu bedenken; es war alles so, wie er sagte, und die Kinder wussten das. Bei dem Erzählen war es den kleinen Horchern immer, als weinte und lachte der Alte mit ihnen, als jauchzte er mit ihnen oder könnte er vor Schluchzen nicht sprechen, aber dem war nicht so; das Jauchzen und Schluchzen lag nur in seinen Worten, er weinte und lachte nicht mir, sondern saß zusammengekauert und schaute mit den dunklen Augen über die Kinderköpfe hinüber, tief, tief in den finsteren Wald hinein.

Und so saßen die Kinder; und wenn die Sonne unten war, und in irgendeinem hohen Baumwipfel ein Stern sein Silberlämpchen hing, dann schwieg der Alte plötzlich stille, die Kinder krabbelten vom Boden auf und flüsterten leise: »Gute Nacht.« – Das Männchen aber regte sich nicht und ließ den Kopf auf die Brust herabsinken, als rüstete es sich zum Schlafe.

Die Kinder aber gingen Hand in Hand zwischen den Baumstämmen durch, bis sie draußen im Freien waren, auf der großen Wiese, auf der die Tautropfen im Mondlicht blitzten. Über die jagten sie dann dem Dorfe zu, immer schneller und schneller, während die Käuzchen vom Waldrande herüberschrien und die Nachtschwalben, über den Büschen, ihre gaukelnden Tänze hielten.

Wenn man aber des Nachts nach dem Walde schaute, dort wo die winzige Hütte hinter den Eichen und Fichten verborgen stand, so sah man oft plötzlich hinter den Bäumen eine himmelhohe Feuergarbe aufsteigen, ein Funkenregen blitzte zwischen den Zweigen nieder, und ein Klingen und Klirren, ein Hämmern und Feilen, ein Pochen und Schlagen ertönte, wie von kleinen Silberhämmern, die auf einem silbernen Ambos niederfielen. Die Bäume standen dann wie in Verklärung, so rot und goldig angeleuchtet, und die Luft war voll von dem feinen Glockentone. Aber wer vom Dorfe das sah oder hörte, der schlich ganz leise nach Hause; denn er wusste, der Alte arbeite draußen im Walde, und es bringe Tod und Verderben, wollte man ihn dabei belauschen.

Und so ging es seit undenklichen Zeiten fort. Die Sage erzählte, dass einst draußen im Walde ein ganzes Volk solcher Männlein gehaust; fleißig und tätig, in Frieden mit dem Dorfe, einsam und vergnügt; bis man den Wald zu lichten begonnen, die sonnigen Felder ringsher immer breiter und größer wurden, und der Waldrand immer tiefer hineinrückte. Mit den fallenden Baumstämmen lichtete sich das Volk der Zwerge; immer wenigere und wenigere wurden von ihnen, und als man zuletzt den großen Eichenstamm umbrach, den man weit in das Tal hinaus sehen konnte, da waren sie alle verschwunden, alle, bis auf den einen. Der tummelte sich einsam und trübselig zwischen den Zweigen des gefallenen Baumes herum und trug Ästchen, Eicheln und Zweige zusammen, und sammelte die bemoosten Rindenstücke, die zerschmettert am Boden lagen, und baute die Hütte zwischen den Stämmen aus Holz und Erde auf. Dabei aber sah der kleine Mann so finster und traurig darein und hob und senkte so verzweifelt die Arme, dass die Leute sich zu fürchten begannen und scheu und ängstlich den Zwerg gewähren ließen.

Seither steht der Waldteil unberührt, die Erwachsenen meiden die Bäume und die Stelle, und nur die Kinder gehen hinaus und hocken dort nieder und kommen mit glühenden Wangen und blitzenden Augen nach Hause. Und die Eltern lassen sie ruhig gewähren; denn auch sie sind als Kinder draußen gewesen und haben die schönen, die wunderbaren Geschichten gehört, und auch ihre Eltern und Großeltern und Urgroßeltern; ja das war nun schon sehr lange her; kaum mehr zu denken.

Aber außer den Geschichten hatte der Alte noch andere Freuden, mit denen er die Kinder glücklich machte. Alle Jahre im Spätherbste, wenn das Laub zu fallen begann und die Wildgänse langsam mit eintönigem Rufe über den Wald hinzogen, dann sagte der Alte abends, wenn er mit seiner Erzählung zu Ende war, zu einem der Kinder: »Morgen abends werde ich dir eine Freude machen.« Und wenn er das sagte, dann sprang der kleine Beglückte himmelhoch, denn das war dann eine wirkliche Freude, die ihm bevorstand, und ein Beweis, dass der Alte mit ihm vor allen anderen den ganzen Sommer über zufrieden gewesen.

Dieselbe Nacht aber sah man das Feuer zwischen den Bäumen lodern und hörte das Hämmern und Pochen, und am nächsten Abende waren die Kinder nicht draußen im Walde, sondern liefen alle zu dem kleinen Kameraden, dem der Alte gestern für heute eine Freude versprochen; und da fanden sie dann immer irgendeine Bescherung, irgendein Spielzeug, das ganz merkwürdig, ganz sonderbar war, so wie man es nirgends zu kaufen bekommt, selbst in der größten Stadt nicht.

So hatte einmal eines der Kinder einen Stein bekommen, ein raues Stück Fels, mit etwas Moos darauf, und einen kleinen Farrenbüschel. Das Felsstückchen lag auf dem Fenster, niemand wusste, wie es dahin gekommen, und das Kind sah es trübselig an, und wendete es nach allen Seiten; es hatte sich eine glänzende Bescherung erwartet, und nun hatte es nichts bekommen als ein bemoostes, knorriges Stückchen Stein. Aber wie es das Ding so wendet und drehte, da sah es unter dem Moos einen schmalen kleinen Spalt, und aus dem kam ein eigentümliches, zitterndes Licht hervor, und als das Kind neugierig besser hinsah und den Stein ganz dicht an das Auge hielt, da sah es, zu seinem Erstaunen, in einen ungeheuren Raum hinein, in dem es fast ganz dunkel war und nur von Zeit zu Zeit aufleuchtete. Und gleichzeitig hörte es ein Rauschen und Brausen, ein Zischen und Tosen wie von stürzenden Wässern, und eine kühle, feuchte Luft drang aus dem Steine hervor.

Aber da wurde es plötzlich drinnen licht und helle, hohe Felsen wurden sichtbar und tiefe Abgründe, grausige Steinzacken, die wie Berge hinausragten; und von hoch oben, von der höchsten Spitze, toste ein Wildbach in die Tiefe hinab; erst sprang er in einem weiten Bogen von der Höhe herab, dann zerschellte er bald rechts, bald links an den Steinen, fiel in glänzenden Strahlen und Tropfen auseinander, und stürzte dann brausend und blitzend in den Abgrund hinab. Zwischen den Steinzacken und Felsen glimmte aber plötzlich bald da, bald dort ein Fünkchen an, bald da, bald dort zitterte ein Lichtchen, und von allen Seiten kamen kleine, winzige Männlein hervor, die hatten jeder ein Lämpchen am Gürtel hängen, ein Schurzfell vorgebunden und allerhand Werkzeug in den Händen, – Hämmer und Spaten, Schiebkarren und Beile, Meißel und Äxte, Stemmeisen und Zangen, und mit all dem machten sie sich ans Werk.

Das war nun ein Klettern, ein Schieben, ein Hämmern und Pochen, bald hoch oben, bald tief unten an dem dunklen Gesteine. Und wo sie hinschlugen, begann es zu glänzen, wo sie den Fels spalteten, blitzte es wie eitel Gold und Silber und Edelstein hervor. Von Zeit zu Zeit löste sich ein oder das andere Stück glänzenden Metalles unversehens los und fiel in die Tiefe; dann schlugen die Wellen hoch auf und hörte man das unten gurgeln und rollen, als wäre das Erz ins Endlose gefallen. Die Zwerge aber kümmerten sich nicht darum; sie kletterten und klopften, sie sammelten und schoben, sie bauten silberne Brückchen von einem Felsen zum anderen und trugen die herrlichsten Edelsteine zusammen. Wo man hinsah, rührten und regten sie sich; bald schlüpften sie in ein Felsloch, bald kamen sie hinter einer Steinzacke hervor, bald ritten sie weit draußen auf einer Felsenkante und hämmerten daran herum.

So war es drinnen in dem kleinen Steine, den das Kind in den Händen hielt und jauchzend seinen Kameraden zeigte.

Ein ander Mal wurde einem kleinen Mädchen ein wunderhübscher, winziger Apfelbaum beschert. Er stand wie festgewurzelt auf dem Fenster, Grashälmchen wuchsen an dem Stamme, goldgrüne Blätter glänzten an den Zweigen, und zwischen diesen lugten die herrlichsten rotbackigen Äpfel hervor. Das war ein Jubeln und Lachen! alle Kinder des Dorfes kamen herzugelaufen, alle wollten die Äpfel sehen und berühren und, wenn es anging, auch kosten; und sie wurden gekostet; das war ein köstliches Naschwerk. Sie waren wohl nicht groß diese Äpfel, höchstens wie eine Erbse, aber so süß, so duftend, so herrlich; Hunderte hingen an dem Bäumchen; einen durfte jedes Kind bekommen, mehr aber nicht; denn der Baum sah ja so wunderbar prächtig mit den roten Früchtchen aus. Die Kinder konnten sich nicht sattsehen und saßen bis zum Abende davor und schauten in die grünen Zweige hinein. Aber da schüttelten sich plötzlich die Äste, der Wipfel bebte, als wäre ein brausender Windstoß durch denselben gegangen, und eine Menge Äpfel fielen in das Gras unten am Baumstamme hinab. Die Kinder machten sich jauchzend darüber her und begannen zu sammeln und zu schmausen, was von oben herunterfiel. Aber das kleine Mädchen jauchzte nicht mit, sondern schaute mit angstvollen Blicken auf sein liebes Bäumchen hin, von dem ein Apfel um den anderen herabfiel, während die Zweige zitternd bebten. Die schönen grünen Blättchen begannen sich zu entfärben, sie wurden rot, gelb und braun und hingen endlich dürr und trocken an den Zweiglein und fielen, wie vom Winde verweht, leise wirbelnd und zitternd in das Grab herab.

Die Kinder schauten verdutzt auf den dürren, kahlen Baum und gingen still nach Hause. Das kleine Mädchen saß bis spätabends in einem Winkel der Stube und schluchzte und weinte, dass sein liebes Bäumchen gestorben sei. Und in der Nacht konnte es nicht schlafen; es war ihm gar zu weh zumute, und als der Mond so freundlich hereinschien, da stand es ganz leise auf, um noch einmal nach seinem dürren Bäumchen zu sehen. Aber, was war mit dem vorgegangen? – Das war ja weiß überzuckert mit weichem, glänzendem Schnee, und feine winzige Flöckchen fielen noch immer darauf nieder und hüllten alle Ästlein ein und alle Zweige, und das Gras unten am Baumstamme. Und das glitzerte und flimmerte alles wunderbar im Mondlichte; jede Flocke war ein Sternchen, und jedes Sternchen flunkerte wie ein Edelstein.

Das kleine Mädchen saß die ganze Nacht und schaute dem Schneefalle zu, und wie sich kleine weiße Hügel auf den Zweigen aufbauten, und wenn sie recht hoch und spitz waren, plötzlich herabfielen in das überschneite Gras. Aber nach und nach hörten die Flocken auf zu fallen, die Äste zitterten und rüttelten sich wie im Winde oder als hätten sie geschlafen und wollten nun erwachen. Der Schnee fiel erst herab, dann begannen die Zweige zu tropfen, als regnete es hinein, und als es Morgen wurde und die Sonne zum Fenster hereinleuchtete, da waren alle Flocken verschwunden, und statt der Schneesternchen glänzten grüne und weiße Knöspchen an den Zweigen; und die wuchsen und wurden immer größer und größer, und nach einigen Stunden waren sie alle offen und aufgebrochen, und das ganze Bäumchen prangte und duftete in Blütenschnee. Die Sonne leuchtete hinein, winzige Käferchen, wie Sandkörnchen so klein, kamen in grünen und goldenen Paraderöckchen angeflogen, niedliche Bienchen summten, und zwei Vöglein, jedes so groß wie eine Fliege, schlüpften zwischen den Zweigen auf und nieder und zwitscherten und sangen sich leise Lieder vor.

Aber die Blütenblättchen fielen ab, die Baumblätter wuchsen, und die Fruchtknöspchen wurden größer und größer; erst waren sie grün, dann gelb, und endlich wurden sie rund und glühten in purpurnem Rot als prächtige herrliche Äpfel zwischen dem grünen Laube hervor.

So fanden die Kinder vom Dorfe den Baum, als sie nachmittags zum Besuche kamen. Das kleine Mädchen aber ließ sie pflücken und ernten nach Herzenslust; es wusste ja, dass für das Bäumchen der Herbst gekommen, und dass heute Nacht wieder Winter und morgen Früh wieder Frühling wird.

Nicht alle Kinder im Dorfe bekamen Geschenke; jedes Jahr nur eines von ihnen, dasjenige, welches in der Schule am besten gelernt hatte, sich im Hause am artigsten und freundlichsten betrug, keine Blumen köpfte, keine Vogelnester ausnahm, draußen im Walde am aufmerksamsten zuhörte und die Geschichten am besten im Gedächtnisse behielt. Der kleine Mann wusste genau, was drüben im Dorfe, auf der Wiese, im Felde und in der Schule geschah, und wenn er des Abends eines der Kinder finster ansah oder ihm gar mit dem braunen, knochigen Finger drohte, dann wusste es jedes Mal genau, warum das geschah, und schlich beschämt von dannen. –

Das war im letzten Jahre dem kleinen Hans gar oft geschehen. Hatte er die Schule gestürzt, die Hofhühner gejagt, seinen Kameraden irgendeinen Schabernack gespielt, so suchten ihn am Abende die Blicke des Alten und erhob sich drohend die hagere Hand. Hans mochte sich noch so weit hinten verkriechen, hinter dem letzten Kinde im Grase hocken, die zwei dunklen, forschenden Augen fanden ihn heraus und schauten ihn drohend an. Hans fürchtete den Alten, und er wäre vielleicht schon längst fortgeblieben, hätte ihn nicht immer wieder die Neugierde hinaus in den Wald gelockt. Erst waren da die schönen Geschichten, die so wunderbar klangen, und die Hütte des Alten und die sonderbaren Werkzeuge, die ringsumher lagen und die niemand berühren durfte. Ein paar Mal hatte es Hans schon versucht und war ganz nahe an das Häuschen herangeschlichen und hatte das sonderbare Mauerwerk betastet; aber da hatte sich eine Waldschnecke, die daran hinaufkroch, plötzlich aufgerichtet wie ein Hase, der ein Männchen macht, und hatte ihn aus zwei großen Glotzaugen angestiert, und ein Grasbüschel, nach dem er griff, schoss feurige Strahlen hervor, so dass Hans verschüchtert sich wieder nach seinem Platze hinter den anderen Kindern schlich.

Da war ein anderer Knabe aus dem Dorfe, ein lustiges, fleißiges Kind, voll gutem Willen, freundlichem Sinne und einem lieben, treuherzigen Gesichte. Der sagte guten Morgen und guten Abend zu den Alten im Dorfe, mit den Jungen war er gut Freund. Wenn er plauderte, klang es fröhlich und freudig, und wenn er lachte, lachten alle anderen mit; draußen im Walde aber saß er immer stille und machte große Augen, wenn etwas gar zu wunderbar klang, und daheim erzählte er der Mutter, was er gehört und erlebt. Und zu diesem Knaben sagte der Alte eines Abends im Spätherbste: »Gute Nacht, Fritz, morgen sollst du eine große Freude haben.«

Der Kleine wurde über und über rot und riss die Mütze vom Kopfe und machte einen Kratzfuß, weil ihm im Augenblicke nichts Besseres einfiel; aber am Heimwege rannte er wie toll über die Wiese voran, dem Dorfe zu, und schoss wie ein Pfeil zu seiner Mutter in die Stube und fiel ihr um den Hals.

»Morgen bekomme ich eine Bescherung, Mutter«, jubelte er und rannte in den Hof, um es auch dem Vater zu sagen.

»Der Alte arbeitet draußen im Walde«, sagten die Leute, welche des Abends vom Felde heimkehrten; der Himmel war schon dunkel; die helle Feuergarbe stand hochaufgerichtet über den Bäumen, und das laute, silberne Klingen tönte vom Walde herüber. Alles ging zur Ruhe, das kleine Fritzchen lag im Bettchen und horchte auf das Klopfen und Pochen und konnte kaum einschlafen vor Freude für den morgigen Tag.

Auch der kleine Hans konnte nicht schlafen, auch er hörte das Klingen und Hämmern und sah vom Fenster das Sprühen von Feuerfunken, die über dem Walde aufflogen. Was geschah jetzt dort? Niemand konnte das sagen, niemand hatte je zugesehen. Wenn er jetzt so hinausschliche, ganz leise; niemand wüsste, dass er dort gewesen, niemand, selbst die Mutter nicht. Erst dachte er es bloß, dann stand er mit beiden Füßen außer Bette, dann schlüpfte er in seine Kleider, dann klinkte er die Tür auf und zu, und dann flog er wie der Sturmwind zum Dorfe hinaus. Draußen auf der Wiese lag kalter Tau und finstere Nacht. Aber Hans brauchte nicht zu tasten, er kannte seinen Weg. Die Käuzchen riefen rechts und links, der Herbstwind rüttelte die Bäume, und die Blätter fielen knisternd und rauschend zu Boden. Hans ging jetzt langsamer, die Feuergarbe leuchtete, das Hämmern klang immer näher und näher. Hans bückte sich zu Boden und schlich auf Händen und Füßen herzu.

Der Wald stand wie im Brande. Immer näher und näher kam Hans heran, hinter dem Brombeerbusche vorüber und hinter dem Eichbaume; dort wollte er bleiben, und dort blieb er auch, auf allen Vieren, mit weit offenen Augen und langgestrecktem Halse. Da gab es aber auch zu schauen.

Dicht neben der Hütte, mitten aus der Erde, schoss eine hohe, tanzenden Flamme empor, und rings um sie her loderten Tausende von winzigen Flämmchen wie Glühwürmchen aus dem Boden. Jedes Moospflänzchen hatte ein Feuerhütchen auf, alle Schnecken hatten in ihren Häuschen ein Lichtchen angezündet und sahen ganz glänzend und durchsichtig aus; von jeder Tannennadel an den Bäumen leuchtete ein Lämpchen, von jedem Steine sprühte ein Fünkchen hervor. – Und mitten in diesem Feuermeere, das die Hütte des Alten umgab, stand ein silberner Ambos, und vor diesem Ambos sprang der Alte ab und zu und hämmerte und formte und pflückte bald da ein Pflänzchen und hob bald dort ein Steinchen und fügte und beguckte und schwang bald etwas durch die Lüfte und knetete es zwischen den Fingern und benetzte es mit dem Munde und drehte es im Kreise herum. Das ging alles so schnell wie im Wirbel; Hans konnte nicht sehen, was der Alte eigentlich machte. Er kroch näher und näher, noch einen Schritt … da krachte ein Zweiglein unter Hansens Füßen; der Alte wandte sich wie ein Sturmwind um, seine zwei funkelnden Augen glühten wie zwei Flammen auf den Knaben nieder; dann hob er den Hammer und ließ ihn auf den Ambos niederfallen.

Ein furchtbarer Knall, wie ein Schuss, ging durch den Wald; die Flammen waren erloschen, die Nachtvögel flogen schreiend auf und schlugen mit den Flügeln, die Käuzchen kreischten draußen auf der Wiese, und dann war alles stille, ganz stille, im Walde draußen.

Der kleine Hans aber floh mit bleichem Gesichte und fliegenden Haaren dem Dorfe zu.

Am anderen Morgen gab es ein Laufen und Rennen vom Dorfe zum Walde und wieder zurück. – »Er ist fort«, sagten die Alten; »er ist fort«, schluchzten die Kinder. –

Im Walde lag die Hütte umgestürzt, verkohlt, verbrannt. Etwas Asche lag am Boden, ein gebrochener Baumstamm darüber, das war alles. Auf dem Baumstamme aber saß Fritzchen und weinte. Ihn hatte das doch am härtesten betroffen, wo blieb seine Freude für heute? Ach, er hatte vor Glück die ganze Nacht nicht schlafen können. –

»Ich weiß es, du kommst nicht mehr zurück, du guter Mann«, sagte er und hob ein wenig Asche auf, die er vor Tränen kaum sehen konnte. Mit dem Häuflein Asche in der Hand ging er des Abends heim. Ganz still und traurig ging er durch die Dorfgasse, alle Leute hatten die Türen zu; denn der kalte Herbstwind wehte über die Dächer. Fritzchen ging ins Haus und tappte im Dunklen nach der Stubentür und klinkte sie auf. Da kam ihm ein heller, glühender Lichtschein entgegen, und ein Hämmern und Pochen klang an sein Ohr, und als er vollends in die Stube rannte, da stand auf dem Fenster eine kleine leibhaftige Schmiede mit Feueresse und Blasebalg, mit Hammer und Ambos, und zwei winzige schwarze Gestalten hantierten drinnen herum und schwangen die Hämmer und drehten die Zangen und schürten das Feuer. Und draußen vor der Schmiede hielten Wagen und Reiter, Pferde wurden beschlagen, Räder gebessert und das Fuhrwerk wieder zusammengeflickt. Und wenn die Leute weiterzogen, bis um die Ecke der Schmiede, dann waren Ross und Reiter und Wagen verschwunden, und von der anderen Seite kamen andere her. Das war ein Leben und Treiben; drinnen in der Schmiede das Hämmern und Klopfen, das Feuerlicht und das Funkensprühen, und draußen das Rasseln und Fahren, das Pferdewiehern; und Tiere und Menschen so nett und klein.

Fritzchen schrie vor Glück und Freude; alle Kinder im Dorfe mussten noch gerufen werden und schauten und staunten. Auch der kleine Hans trat herein, aber er stand bleich und still in der Ecke.

Und wie die Kinder so frohlockten und sich nicht sattschauen konnten, da sah Fritzchen unter den vielen kleinen Leuten, die an der Schmiede hielten, plötzlich ein winziges braunes Männchen; es war viel kleiner als die anderen und hatte ein altes, verhutzeltes Gesicht. Es hielt sich nicht vor der Schmiede auf, sondern ging eilig seinen Weg; aber dabei sah es immerfort auf Fritzchen und winkte ihm leise mit seiner kleinen, braunen, knochigen Hand wie zum Abschiede. Die anderen Kinder sahen es nicht. »Leb wohl!«, sagte Fritzchen flüsternd, und die Tränen kamen ihm in die Augen, und darum meinte er wohl, er habe auch das Männchen weinen sehen; und als Fritz sich die Augen trockenwischte, da war die kleine, dunkle Gestalt hinter der Ecke der Schmiede verschwunden – auf Nimmerwiedersehen.


Textnachweis
Aus: Die Dioskuren. Literarisches Jahrbuch des Ersten Allgemeinen Beamten-Vereins der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, 2, 1873, S. 198–206. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Blumenpflückendes Mädchen auf einer Waldlichtung, 1881

Drei Gedichte

von Else Lasker-Schüler (1869–1945)

Morituri

Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben –
Seitdem sind meine Lippen kalt und blass.
Du hast mich aus dem Rosenparadies vertrieben!
Ich musst’ sie lassen, alle die mich lieben.
Gleich einem Vagabund zieh’ ich fürbass.

Und in den Nächten wenn die Rosen singen –
Dann brütet still der Tod – ich weiß nicht, was …
Ich möchte dir mein krankes Herze bringen,
Den gift’gen Odem und mein mühsam Ringen,
Mein Weh und alles Kranke und den Hass.

Sehnsucht

Mein Liebster, bleibe bei mir die Nacht
Ich fürchte mich vor den dunklen Lüften.
Ich hab’ so viel Schmerzliches durchgemacht
Und Erinnerung steigt aus den Totengrüften.
Ich fürchte mich vor dem Heulen der Stürme
Und dem Glockengeläute der Kirchentürme
Vor all den Tränen, die heimlich fließen
Und sich über meine Sehnsucht ergießen.

Leg deinen Arm um meinen Leib,
Du musst ihn wie dein Kind umfassen –
Ich seh’ im Geiste ein junges Weib –
Das Weib bin ich – von Gott verlassen …
Mein Liebster, erzähle von heiteren Dingen!
Und ein Lied von Maienlust musst du singen!
Und herzige Worte und schmeichelnde sagen …
Damit sie die Raben des Schicksals verjagen.

Mein Liebster, siehst du die bleichen Gespenster?
Von mitternächtlichen Wolken getragen …
Sie klopfen deutlich ans Erkerfenster.
Ein Sterbender will »Lebewohl« mir sagen.
Ich möchte ihm Blüten vom Lebensbaum pflücken …
Und die Schlingen zerreißen, die mich erdrücken!
Mein Liebster, küsse, – küss’ mich in Gluten
Und lass deinen Jubelquell über mich fluten!

Phantasie

Ich schlummerte an einem Zauberbronnen
Die Nacht – und träumte einen stillen Traum –
Von Sternenglanz und Mondenblässe
Und silberhellem Wellenschaum.
Von dunkler Schönheit der Zypresse
Und von dem Glühen deiner Augensonnen.

Der Neumond kann sich nicht vom Morgen trennen –
Ich hör’ ihn mit den jungen Frauen scherzen. –
Im Tale blühen heiße Purpurrosen
Und Lilien, andachtsvoll wie heil’ge Kerzen
Und sonnenfarbig, goldene Mimosen
Und Blüten, die wie meine Lippen brennen …


Textnachweis
Aus: Das Magazin für Litteratur [sic], 69. Jg., Nr. 38, 1900, Sp. 666–667. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Juana Romani, Eine dunkelhaarige Schönheit, 1898

Die bleiche Nachbarin

von Carola Bruch-Sinn (1853–1911)

Sie wohnte Tür an Tür mit mir schon seit vierzehn Tagen, und nie noch hatte ich ihre Stimme gehört. Auch aus ihrer Wohnung drang nie ein Geräusch. Wenn sie mir zuweilen am Gange begegnete, hörte ich nie ihre Tritte; sie schien über den Fliesen zu schweben und hatte auch einen seltsamen Gang, der wie ein niederes Fliegen aussah. Sie neigte sich, stumm grüßend, vor mir und glitt vorüber wie eine segelnde Schwalbe. Sie war noch jung und hübsch, zart gebaut wie eine Sylphe, aber von einer erschreckenden Blässe des Gesichtes. Sie huschte mitunter über den Gang zur Wasserleitung, aber nur, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, ängstlich um sich spähend, ob niemand sie bemerke.

Als sie mir zum ersten Male begegnete, wandte sie rasch ihr Gesicht zur Seite, aber ich hatte dessen geisterhafte Blässe, die in ein fahles, totenähnliches Grau überging, trotz dieses Manövers bemerkt. Später versuchte sie es nicht mehr.

Sie lebte völlig allein und abgeschieden und empfing keine Besuche in ihrer bescheidenen Wohnung, die aus Zimmer, Kabinette und Küche bestand. Die Hausbesorgerin, die sie bediente und ihr das Essen aus dem Gasthause holte, war die einzige Person, die ihre Schwelle überschritt.

Dieses junge Wesen, das allem Anschein nach ganz verlassen und freudlos in der Welt dastand und, nach ihrer Blässe zu schließen, auch leidend zu sein schien, begann mir die regste Teilnahme einzuflößen. Ich befragte die Hausbesorgerin über sie.

»Krank?«, meinte diese erstaunt. »Das glaub’ ich nicht. Blass hab’ ich sie nie gesehen.«

Über weitere Fragen erfuhr ich, dass das junge Wesen sich unter dem Namen Serena Neri, Private, in den Meldzettel eingetragen habe, zweiundzwanzig Jahre alt, katholisch und ledig sei.

Allein meine Sympathie für das einsame junge Geschöpf mit dem süßen, todbleichen Gesichtchen, dem Elfenkörper und den schwarzen Rabenflechten, die ich einmal gelöst über ihren Nacken fluten gesehen wie einen dunklen Strom – sollte plötzlich einen argen Stoß erleiden. Ein Vorkommnis, bizarrer, als es sich die kühnste Phantasie träumen lassen konnte, verwandelte meine Gefühle für die interessante Straniera in Grauen, ja Entsetzen. Ich war eines Abends gegen meine Gewohnheit spät – gegen Mitternacht – aus einer Gesellschaft nach Hause gekommen. Vorsichtig über den schon dunklen Gang nach meiner Wohnung schreitend, musste ich an dem Fenster vorbei, das zu der Küche meiner interessanten Nachbarin gehörte. Zu meinem Erstaunen schimmerte mir durch die dünnen Vorhänge Licht entgegen.

»Sie ist noch wach! Vielleicht ist sie leidend, hilfsbedürftig!« Viel Teilnahme, gemischt mit ein wenig Neugierde, veranlassten mich zu der Indiskretion, durch das Fenster zu blicken. Was ich sah, machte mein Blut erstarren und trieb mir die Haare zu Berge.

Das schwache Licht drang aus dem Zimmer, dessen nach der Küche führende Tür geöffnet war, so dass der volle Einblick in das Gemach ermöglicht wurde. Dieses Zimmer – ich fuhr mit der Hand über die Augen – ich musste träumen oder eine gruselige Halluzination hielt mich in ihrem Banne! Dieses Zimmer glich einer Gruft. Die Wände ringsum schwarz verhängt und auf diesem dunklen Grunde grinsende Riesen-Totenschädel, auf kolossalen, gekreuzten Knochen gelagert.

Inmitten des Raumes aber stand ein offener Sarg, dessen nebenan liegender Deckel ein weißes Kreuz zeigte. Immer wieder fuhr ich mir über die Augen – es musste doch all das nur ein phantastisch toller Traum sein!

Jetzt begann es sich in dem unheimlichen Raum geheimnisvoll zu regen; weiße Schleier flatterten, es bewegte sich wie die Fittiche eines Riesenvogels in phantastischen Windungen um den Sarg herum. Es war eine formlose Gestalt, die eine Art Reigen tanzte in dem spukhaften Raum, und es war mir, als hätte sie ein unsichtbares Vis-à-vis. Denn augenscheinlich galten diese Bewegungen, die mich an das Flattern des »luftigen Gesindels« um den Rabenstein gemahnten, einer zweiten Gestalt, als wären sie die Antwort auf deren Gebärden, der stumme Verkehr mit ihr.

Jetzt wandte die Gestalt sich langsam nach der offenen Tür, schwebte in die Küche und kam auf das Fenster zu, hinter dem ich zitternd, zähneklappernd stand. Ich erkannte sie jetzt. Im langen, schleppenden Leichentuche, mit dem schwebenden Gang, das Antlitz fahler denn je – die Augen wie heiße Kohlen darin glühend – so kam sie mir nahe.

Ich taumelte vom Fenster zurück, tiefer ins Dunkel des Ganges hinein, aber mein Blick blieb gebannt, ich musste wider Willen durch das Glas starren.

Jetzt wandte sich die grässliche Erscheinung wieder nach dem Zimmer zurück. Sie warf jetzt mit einer wilden Bewegung die Arme empor, dass das Totenhemd wie im Winde flatterte; dann stürzte sie sich in den Sarg, dessen Deckel sich über ihr schloss. Gleichzeitig erlosch das bläuliche Licht und tiefes Dunkel umhüllte die grässliche Szene …

Ich wankte nach meiner Wohnung. Wie ich diese Nacht geruht, das frage mich niemand …

Ich beschloss, dem unheimlichen Treiben neben mir auf den Grund zu kommen oder – auszuziehen. Früher aber wollte ich neuerdings die Hausbesorgerin interpellieren und sie durch geschicktes Ausfragen zu einem Bekenntnis über das eigentliche Wesen meiner bleichen Nachbarin veranlassen.

»Ich glaube, das Fräulein neben mir war heute Nacht leidend; ich hörte sie im Zimmer umhergehen, und als ich nach Hause kam, sah ich noch Licht in ihrer Wohnung.«

»Ach nein, sie wird gelesen haben. Sie liest immer in den Romanbücheln, die ich ihr aus der Buchhandlung hol’.«

»So, so. Und sie arbeitet nichts, beschäftigt sich mit nichts?«

»Die hat’s nicht nötig.«

»Beneidenswert! Sie wird gewiss schön eingerichtet sein?«

»Nicht besonders. Sie hat ihr gutes Bett und ein paar Kästen, einen Waschtisch – was man halt so braucht.«

»Und im Kabinett?«

»Da hat sie nichts als ein paar große Koffer. Was drinnen ist, weiß ich nicht.«

»Mir ist, als hätte ich dunkle Vorhänge gesehen an den Fenstern!«

»Hat sie nicht. Nur die weißen Fahnerln vor dem Küchenfenster.«

»Und an den Wänden hat sie wohl schöne Bilder?«

»Sehr wenige. Eine heilige Maria und ein paar Photographien.«

»Sie sieht immer so schlecht aus – als wenn sie hungerte. Isst sie denn mit Appetit?«

»O ja, danke, sehr passabel. Ich bring’ ihr jeden Mittag zwei Speisen und abends Bier, und es schmeckt ihr alles ausgezeichnet. Es ist eine sehr liebe Fräul’n.«

»Aber warum sie nur so elend aussieht, wenn es ihr so gut geht?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Vielleicht war sie halt unwohl. Ich hab’ sie immer ganz frisch gesehen.«

Merkwürdig! Ich musste unwillkürlich an die südslawische Sage vom Vampir denken, der auch verschiedene Gestalten anzunehmen pflegt, um seine Opfer und die Umgebung zu täuschen. Und die interessante Signora Neri war wohl ein solches Doppelwesen?

Am selben Abend hörte ich plötzlich die schwermütigen Töne eines Harmoniums aus der Wohnung der bleichen Nachbarin dringen. Hatte die Hausbesorgerin dieses Instrument bei der Aufzählung des Inventars vergessen?

Signora Neri (oder eines ihrer Gespenster) spielte gedämpft einen Totenmarsch. Wahrlich, die geeignetste Musik zu ihren anmutigen, munteren Tänzen.

Mir ward es nachgerade unerträglich in der Wohnung; trotzdem es schon spät war, kleidete ich mich an um auszugehen. Als ich aus der Tür trat, öffnete sich die meiner Nachbarin, und ein eleganter Herr schritt heraus. Eine hohe Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, dunkles Haar, bleiches Gesicht und ein Paar glühende Augen. Er machte mir eine feierliche Reverenz.

»Vampir Nr. 2!«, sagte ich mir. »Auch dieses Inventarstück scheint die biedere Hüterin des Hauses und seiner Geheimnisse übersehen zu haben, so wie das Harmonium, den Sarg und die Totenschädel. Sehr interessant, aber ich ziehe, wie in der Kunst, den Realismus bei weitem dem Mystizismus vor – auch bei der Nachbarschaft. Morgen werde ich die Wohnung kündigen.

*  *  *

Der Morgen kam und mit ihm die Hausbesorgerin, die mir ein zusammengefaltetes Papier brachte, »mit einer schönen Empfehlung von dem Fräulein nebenan und Herrn Bruder, der gestern angekommen.«

Ich schlug das Blatt auseinander und las:

»Zaubertheater der Geschwister Neri im Blumensaal. Heute den 26. März erste Vorstellung. Geistererscheinungen à la Kratky-Baschik von Professor der Magie Luigi Neri und Serena Neri

I. Abteilung: Die Schöne und der Tod. – Das Leben im Sarge. – Der Kampf mit den Skeletten. – Der Tanz der Gerippe.

Apparate nach den neuesten Erfindungen auf dem Gebiete der Zaubertechnik.

II. Abteilung: Der entlarvte Spiritismus. – Das wunderbare Medium. – Die Hellseherin. – Erscheinungen im Dunkelzimmer.

Alles auf natürlichem Wege erklärt.

Um den werten Besuch bitten ergebenst

            Geschwister Neri.«


Textnachweis
Aus: Österreichische Illustrierte Zeitung, 28. Mai 1899, S. 2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, In einem weißen Kleid, 1890

November im Englischen Garten

von Josefa Metz (1871–1943)

Greisenhaft stehen die Baumgruppen auf dem Teppich ihrer welken Jugend, der sich rostrot vom hellen Grün der Rasenflächen hebt. Diesem Grün, dem der Reif, der es in der Frühe übersilbert, noch nichts von seiner Leuchtkraft nehmen kann.

Zwischen gelb-braunen Laubrüschen und farblosen Astgerippen liegt grau, mit weißlichen und violetten Lichtern, der Kleinhesseloher See. Die Schwäne, die flimmernde Kielfurchen durch seinen fahlen Spiegel ziehen, sehen aus, als seien sie soeben aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur gekommen: weiß und neu und künstlerisch. Sie machen Frage- und Ausrufungszeichen mit ihren langen Hälsen, und die stumme Bitte des goldenen Schnabels, den sie mit königlicher Gebärde vorstrecken, bedeutet ein bescheidenes: »Nichts zu essen?« – Die Enten sind weniger königlich und weniger bescheiden. Sie verlassen ihr feuchtes Logis und watscheln dem Spaziergänger entgegen. »Was heißt denn das?!«, schnattern sie ihn an, »denkst du, weil’s jetzt kalt wird, hätten wir keinen Hunger mehr, Bazi, elendiger?!« Also heraus mit dem Brot aus der Paletottasche! – – Ein kleines Mädel mit einem Korb am Arm sagt: »Bitt schön, i hab’s vergessen. Da herin sind Eier, die könnt’s ihr nit fressen, die tut ihr ja selber legen.« – »Faule Ausreden!«, schnattern die Enten, aber das kann das kleine Mädchen nicht verstehen.

Eine blasse Sonne schiebt das Gewölk beiseite. Schräg über den See fällt ein bleicher, metallischer Schein. Die Trauerweiden stehen wie gekämmte Struwelpeter, viele ihrer gelben Haare mussten sie schon lassen. – Auf den schwarzen Reitwegen dumpfes Aufschlagen, helles Vorüberblitzen. Rhythmische Geräusche, die langsam verstummen. Der chinesische Turm gleicht einem vergessenen Sommerhut: verbraucht, verbogen, fortgeworfen.

Über das tote Kinderkarussell könnte man Tränen vergießen. Vornehm blickt der Monopteros auf Garten und Stadt. Er wird das Geheimnis der vielen Stelldicheins, die er überdacht, gut bewahren, ebenso wie die Sprüche und Namen, die seine Säulen wenig schmücken. Ein bunter Papierfetzen liegt auf seiner untersten Stufe. Vielleicht der Überrest eines gewiss einst stolzen und schönen Drachens, dem der Flug nach den Höhen schlecht bekommen ist. Die Kinderbänke stehen vereinsamt, nur ein paar hungrige Spatzen unternehmen dort Forschungsreisen nach unsichtbaren Zielen.

Das fröhliche Jankerl, die sportliche Joppe wurden verdrängt von ängstlich geschlossenem Überzieher, selbstbewusst flatterndem Havelock, schwer hängendem Kapuzenmantel. Die Lust des Sommers ist erschlagen, die Fröhlichkeit des Winters noch nicht erwacht. Ein Dämmerzustand herrscht im Garten, den erst der kommende Schnee siegreich brechen wird. Doch auch in diesem fahlen Traumzustand ist der liebe Garten schön und reizvoll. Blicke gibt’s da über rote Büsche, auf schlanke, weiße Türme, auf die Isar, die ihr lichtes Grün durch den sterbenden Wald trägt, festlich und unbekümmert. Ein früher Mond taucht seine Sichel in das ernste Dunkelbraun einer Buche, die einsam steht. Die entkleideten Sträuche tragen zwischen spärlichen Blättern schwarze Beeren mit bläulichem Schmelz, wie köstliche Perlen.

Auf glitschigen Wegen, über denen es schon dunkelt, geht einsam ein Student. Ein unbekanntes Heimweh beschleicht ihn, eine uneingestandene Sehnsucht. Er prunkt mit einem leichten Sommerpaletot, aber die blauroten Hände verraten ihn. Frierend taucht er sie tief in die Taschen. Die Stadt ist ihm kein verschlossenes Buch mehr, er hat sie rasch durchblättert, hat viele, noch nicht weit zurückliegende Gymnasiastenträume verwirklicht. Aber nun kommt so eine tote Stunde, die erste im ersten Semester …

Da schreitet es leicht federnd daher: braune Stiefelspitzen, das sanfte Dunkelblau eines fußfreien Rockes … die reizende Erfüllung eines unbewussten Wunsches. – Ein strammes Zusammennehmen, ein kurzes Rücken des Hutes: »Darf ich vielleicht … gnädiges Fräulein sind so allein … vielleicht begleiten …? schon etwas dunkel …« Ein halbes Nicken. Dann in gemeinsamem Schweigen geht es dahin. Das Laub raschelt, die Enten quarren.

»Es fängt schon an, kühl zu werden?«

»Ja.«

»Nun ist der Winter bald da.«

»Ja.«

Pause.

»Man kann sich einen Schnupfen holen.«

»Ja.«

Pause.

»Haben … gnädiges Fräulein vielleicht … schon einen … Schnupfen?«

»Nein, danke.«

Pause.

»Man muss sich sehr in acht nehmen, hier in München.«

»O ja.«

Pause.

»Gnädiges Fräulein sind auch nicht von hier?«

»Nein.«

»Wie gefällt es gnädigem Fräulein denn hier … in München?«

»O, es macht sich.«

»Gnädiges Fräulein sind auch … Norddeutsche?«

»Ja.«

»Ah, das ist aber ein glückliches Zusammentreffen.«

Pause.

»Haben gnädiges Fräulein schon viel gesehen?«

»Es geht.«

»Theater?«

»Nur im Deutschen.«

»So, so.«

Pause.

»Sind gnädiges Fräulein vielleicht Studentin?«

»O nein!«

»Aber bei der Kunst?«

»Auch nicht mal.«

»Hm.«

»Nun, es ist ja nicht … unumgänglich notwendig … etwas … zu sein … ich meine …«

Tiefe Pause.

»Frieren gnädiges Fräulein auch so?«

»Nein, danke, mir ist warm.«

»So? Ach.«

»Gott sei Dank, da ist er! Ich hatt’ ja so ’ne Angst in dem ekligen dunklen Garten!«

Braune Haken, ein fußfreier Rock von sanftem Dunkelblau …

Unerträglich, wie die Enten so schnattern! Und das faule Laub riecht abscheulich. Und dann diese Kälte! Und eigentlich war sie ein ganz stupides Subjekt. Nächstens wird man die Sache anders anfangen.

Was soll man nur essen heute Abend? Wurst von zuhause und zwei Rollmöpse? Oder schlemmen gehn? Kalbshaxen mit Kraut. Geschwollene Wollwürste? … Vornehm sieht der Monopteros herab auf den dunkelnden Garten, die Stadt, in der die Lichter sich entzünden. Der Novemberwind bläst auf den bunten Papierfetzen auf der untersten Stufe, und der, in dem Wahn, er sei noch der einstige stolze Drache, bläht sich und hebt sich, dreht sich um sich selbst, ohne doch die Höhe zu erreichen, und taumelt zwischen die frierenden Reiser eines nackten Strauchs.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1909, Heft 49, S. 1175–1176. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Elisabeth von Eicken, Herbstlandschaft

Drei Gedichte

von Sophie Albrecht (1756–1840)

Lied auf dem Kirchhofe

Sei leiser hier, du meines Kummers Klage,
Und seufze nur, was mich zu Gräbern beugt;
Verzeiht – verzeiht, ihr Toten, dass ich’s wage
Zu jammern, wo des Schmerzes Stimme schweigt.

Nichts kann der Gräber stolze Ruhe stören,
Der Friede wohnt im stillen Schattenreich;
Drum will ich heilig eure Täler ehren,
Ach! er, mein Herzensfreund, wohnt unter euch.

Mein Freund, der wieder all die süßen Bande,
Die längst die Welt von meinem Herzen riss,
Sanft knüpft’ und mir im finstern Wechsellande
Elysiums ewig daurend Glück verhieß.

Die heiße Stirn gelehnt am kalten Steine,
Der meiner Trauer stummen Hügel deckt;
Rinnt sanft, ihr Tränen! wie im Frühlingshaine
Des Morgens Tau, der junge Rosen weckt.

Sie fließen nicht, dich Freien zu beklagen,
Der nicht im Kerker der Verwesung wohnt;
Dir jauchz’ ich zu, dem nun nach schwülen Tagen
Das kühle Wehn der Dulderpalme lohnt.

Dort seh ich dich den großen Morgen feiern,
Der nur an jenem Purpurufer tagt;
Wohin keins von des Lebens Ungeheuern
Durch Gottes Wachen sich hinüberwagt.

Nur mir, nur mir Gesunknen rinnt die Zähre,
Nur mich Verlassne klagt dies Tränenlied;
Mir ist die Welt nur eine öde Leere,
Wo mir allein kein stiller Hügel blüht.

Er deckt mit dir auch alle bleiche Schrecken,
Die Gruft und Tod mir einstens schaudernd gab;
So muss die Nacht den jungen Morgen wecken,
Du starbst – und Heimat wird mir Tod und Grab.

Umschlungen unsrer schönsten Hoffnung Büste
Späh ich, ob bald der Kahn herüber schwimmt,
Der mich von der Verwesung schwarzen Küste
Zu dir – zu dir, mein Freund, hinüber nimmt.

Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe

Leise wie das Lispeln junger Bäume,
Wenn der erste West sie wiegt,
Sei der Inhalt aller eurer Träume,
Die ihr hier im kalten Staube liegt;
Leicht mög’ euch des Todes Dunkel decken,
Graus und Schrecken fliehe eure Gruft,
Bis Gott wird den schönen Tag erwecken,
Der einst Leben in die Gräber ruft.

Lied auf dem Kirchhof zu singen

Vergebens weht die Frühlingsluft
In diesen Todeshain,
Vergebens streut die Rose Duft
Ums modernde Gebein.

Ach! keine Liebesstimme ruft –
Und keine Träne weckt
Sie aus der öden dunkeln Gruft,
Wo lange Nacht sie deckt.

Wach auf! Wach auf! Posaunenton!
Komm, letztes Morgenrot!
Zerstöre der Verwesung Thron,
Und scheuch den starken Tod.

Weck auf, was in der Erde schlief,
Was längst vermodert lag,
Was keine Träne wiederrief,
Weck auf, du großer Tag!

Komm, lass uns ewig Frühling wehn
Und düften Rosenduft
Und unsre längst Getrennten sehn
In neugeborner Luft.


Textnachweis
Aus: Sophie Albrecht, Gedichte und Schauspiele, Dresden 1791, Teil 2, S. 65–66 (Lied auf dem Kirchhof zu singen), Teil 3, S. 32–35 (Lied auf dem Kirchhofe), S. 85 (Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe). (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Constance Marie Charpentier, Melancholie, 1801

Geisterspuk

Novellette von Martha Asmus (1844–1910)

Der Herbstwind fuhr durch die Straße und trieb Regen und welke Blätter an die Fensterscheiben.

Nach zwei Jahren der Examen-Studien wieder zu Hause bei Großtantchen!

Johanna drückte sich behaglich in den alten Großvaterstuhl und ließ sich ohne Widerrede von dem Großtantchen bedienen. Sie hatte es ja fast vergessen, wie das Rostbrötchen hergerichtet und wie der Tee aufgegossen werden musste. Ja, richtig! So hatte es Großtantchen immer gehalten: nicht viel von den China-Blättern, aber ein Stückchen Vanillestange in den Teetopf! Großtantchens gutes, runzliches Gesicht strahlte über dem feinen, uralten Teeservice, und ihre Kinnladen machten einige unmotivierte Kaubewegungen, als sie die heißen Brötchen mit Butter bestrich.

»Ja, siehst du«, sagte sie, »so hat es dir doch nie geschmeckt in der ganzen Zeit.«

Nein, wirklich! Und dazu das ganze alte Heim! Diese Wände mit den rotbraunen Sammettapeten, das tafelförmige Klavier, der rote Ripssofa mit dem Großtantchen darauf, der hochlehnige Großvaterstuhl, in dem sie selbst saß, und da in der Ecke ihr einstiges Kinderschränkchen, hinter dessen Glastüren jetzt ihre Seminarbücher standen. Johanna war es wie im Traum, und die Berliner Anstalt, die sie heute erst verlassen hatte, lag wie in weiter Ferne hinter ihr.

Nur ein Wesen fehlte: das alte Faktotum Barbara mit ihrer weißen Küchenhaube um das kleine spitze Gesicht; ihr Gehen und Kommen fehlte, ihr Einmischen in die Gespräche, ihr leises Stöhnen, mit dem sie ihre Atemzüge zu begleiten pflegte. Außerdem war alles wie sonst.

Wie sonst tickte die alte Wanduhr mit den Hängegewichten, und wieder sprach Großtantchen, leise und etwas heiser, wie sonst.

»Ich sehe doch nicht ein, warum du wieder fort willst. Nun Barbara nicht mehr hienieden ist – du weißt, heut ist’s gerade ein Jahr. –«

»So? Gerade heut?«, sagte Johanna traurig. »Die gute Barbara!«

Aber Großtantchen fuhr etwas hastig fort: »Und du hast es doch nicht nötig!«

»Nein!«, sagte Johanna träumerisch. Dann richtete sie sich aus ihrer zurückgesunkenen Stellung empor und atmete tief auf. »Aber es hat mich nötig! Ich habe Pflichten gegen die Welt. Die neue Zeit will die Kräfte ihrer Kinder nützen.«

»Na ja, du weißt ja, dass ich dich nicht hindern will. Wenn es zu deinem Glück ist. – Du kannst ja wohl hier nicht leben, wo’s nichts für dich zu tun gibt. Zu den jungen Mädchen in den Leseverein passest du nicht mehr. –«

Johanna sagte: »O, deshalb –!« Dann lachte sie aber doch kurz auf –

»Und von unserm Nähverein und den Kaffees wirst du auch nichts wissen wollen.«

Johanna lachte wieder, und doch tat ihr Großtantchen leid. Ihre alten trüben Augen sahen über die große Brille hinweg so gespannt nach einem Widerspruch aus. Enttäuscht richteten sie sich wieder auf das Strickzeug, das Großtantchen nach dem Einschenken der Tassen vorgenommen hatte.

Nein, Johanna hatte sich bereits gebunden, im neuen Semester eine Stelle als Lehrerin in einem bekannten Berliner Institut anzutreten. Sie schilderte Großtantchen das Leben, das sie dort erwartete, ihre zukünftige Tätigkeit, ihren anregenden Umgangskreis. Es sollte ein frisches, freudiges Schaffen, Weiterstreben und Wachsen werden.

Großtantchen hörte halb bewundernd, halb eingeschüchtert zu. Ganz zufriedengestellt aber war sie, als Johanna schloss: »Wenn ich mich völlig eingelebt habe, dann kommst du zum Besuch, und wenn es dir gefällt, dann trennen wir uns nie mehr.«

Sie – in Berlin! Na, daraus würde wohl nichts werden, dachte Großtantchen. Das Beste davon war, dass ihr altes kleines Mädchen doch nicht ohne sie sein mochte.

Sie nahm die Brille ab und wischte daran herum. Dann brauchte sie das Taschentuch in ihrer alten unhörbaren Weise, setzte die Brille wieder auf und strickte eifrig fort.

Der Herbstwind fuhr durch die Straße und trieb Regen und welke Blätter an die Fensterscheiben.

Unter dem Plaudern war es spät geworden. Großtantchen und Johanna saßen noch auf ihren Plätzen. Es gab so viel zu reden über Vergangenheit und Zukunft.

Johanna hatte hin und wieder nichts gegen eine kleine Pause, in der sie wie träumend umher sah. Mochte Großtantchen dann immerhin einmal das Strickzeug sinken lassen und etwas tief mit dem Kopfe nicken. Unbeschadet setzte das Geplauder lebhaft und traulich wieder ein.

Da fuhr plötzlich Großtantchens Kopf aus seiner hängenden Lage mit einem Ruck in die Höhe. Scheu sah die alte Frau hinter sich.

»Was war das?«, flüsterte sie.

»Ich weiß nicht!«, sagte Johanna gleichgültig, »ein sonderbares Geräusch, nicht wahr?«

»Wo?«, fragte Großtantchen leise.

»Da, nebenan, in meiner Schlafstube. Es klang fast wie menschliches Seufzen. Wahrscheinlich der Wind. – Was ist dir, Großtantchen?«, rief sie plötzlich lachend, »du fürchtest wohl Gespenster?«

»Bst! Um Gotteswillen!« Großtantchen nahm die Brille ab, faltete ihr Strickzeug zusammen und legte beides in ein Körbchen. Behutsam, um jedes Geräusch zu vermeiden, und mit einem bekümmerten, ergebenen Ausdruck.

»Großtantchen, ist es möglich?«

Die alte Frau stand auf. Mit einem verstörten Blick nach der Tür winkte sie Johanna zu schweigen.

Die Stille wurde durch zwölf laute Schläge der Wanduhr unterbrochen.

Gleich darauf stöhnte es tief auf in der Nebenstube. Zitternd und kreidebleich stand Großtantchen da.

Johanna wurde ungeduldig. »Frage doch deine Vernunft, Großtantchen! Wovor fürchtest du dich denn? Vor irgendeinem Toten? Das ist doch –«

Großtantchen zog Johanna dicht zu sich und flüsterte ihr ins Ohr: »Es war um diese Stunde. Gerade jetzt vorm Jahr.«

»Und deshalb?! Meinst du wirklich, dass ihr Geist –«, unwillkürlich flüsterte Johanna auch.

»Sie findet keine Ruhe ohne mich!«

Nun lachte Johanna laut auf. »Ich glaube, Großtantchen, du schmeichelst dir zu viel. Warum spukt sie denn nicht in deiner Schlafstube, sondern in meiner?«

»Ach, du weißt doch, das Bild, das du von ihr gezeichnet hast, mit der spitzen Tollenhaube, das hing doch immer über meiner Kommode. Das hab’ ich da weggenommen und in deine Schlafstube gehängt.«

Die alte Frau stieß ein leises Wimmern aus. Deutlich kam ein Echo aus Johannas Schlafgemach.

»Deshalb?«, sagte Johanna ärgerlich, »und ich glaube, weil ich dem Wind das Fenster aufgemacht habe. Es gibt keine Geister!«

Großtantchen faltete die Hände. »Sprich nicht so gottlos, Johanna! Davon wissen die Berliner auch nicht mehr als wir.«

Johanna, die ein Licht angezündet hatte, ging der Tür zu. Da vergaß Großtantchen alle Scheu. »Um Gotteswillen, schlaf nicht da drin!«, rief sie entsetzt.

Johanna sagte nur: »Ich hätte dich für aufgeklärter gehalten.« Dann ging sie hinein.

Als Johanna die Tür hinter sich geschlossen hatte, begann Großtantchen sich zu beruhigen. Sie hörte menschliche Schritte in dem Gespensterraum hin- und hergehen, Schubladen öffnen und schließen, zuletzt ein Liedchen summen. Da nahm sie ihr Körbchen, und mit einem halblaut gesprochenen Gebet ging sie in ihr Schlafzimmer.

Johanna lag noch lange wach. Sie konnte sich nicht so bald beruhigen. Immer sah sie Großtantchens verstörtes Gesicht vor sich und hörte ihre wimmernden Laute.

Wie fremd war sie doch in zwei Jahren in ihrer alten Welt geworden! Ihre eigene Großtante! Noch Zeitgenossen, nur zwei Generationen entfernt, und schon war es ihnen nicht mehr möglich, sich zu verstehen. Großtantchen glaubte an Geisterspuk! An wandelnde, seufzende Geister! Ein unmöglicher Begriff! Das war ja das reine Mittelalter! Nein, hierher gehörte sie nicht! Sie kam sich wie verirrt vor und sehnte sich in ihre eigene Welt der neuen, goldenen Morgenröte.

*

Es war ein Jahr später. Johanna hatte keine Zeit gefunden, Großtantchen wiederzusehen. In Berlin schien es, als ob die Erde zu schnell um die Sonne kreiste. Das Jahr war zu Ende und die Ausführung aller Wünsche und Pläne noch im Rückstande. Im Sommer waren Ausflüge mit neuen Bekannten gemacht worden. Nun war es wieder Herbst. Beim Rückblick auf den vorigen war die Welt doch sonderbar verändert. Da waren neue Verhältnisse, neue Freunde, neue Anschauungen. Johanna schien sich selbst verwandelt, andere Sinne, andere Fähigkeiten gewonnen zu haben.

Ein blasser, herbstlicher Morgensonnenstrahl fiel auf die Chaiselongue, auf der Johanna aus ihrer Nachtruhe erwachte. Sie dehnte sich lässig, verschränkte die Arme im Nacken und starrte sinnend in die Helle der Fenster, die auf einen weiten, lichten Hofgarten führten. Die Taschenuhr auf dem Stuhl vor Johannas Lager hatte ihr die volle achte Stunde gezeigt. Welche Wonne, noch im Bett zu sein, statt zu unterrichten!

Da kam die Aufwärterin herein, schloss das Fenster, das die Nacht über offen gewesen war, und machte Feuer im Ofen. Als sie sah, dass Johannas Augen blinzelten, sagte sie: »Ich glaube, die alte Dame wacht!«

»Was, Großtantchen?« Johanna sprang auf, warf einen Schlafrock über und tappte leise an die Tür ihrer Schlafstube. Da drin war Großtantchen einquartiert und hatte ihre erste Nacht in Berlin verbracht. Wirklich! Das Schlüsselloch verdunkelte und erhellte sich bei dem Hin- und Hergehen eines Etwas dahinter. Johanna öffnete die Tür.

Fast gar nicht geschlafen hatte Großtantchen. Die Pferdebahnen und die Droschken fuhren ja immerzu, und Nacht wurde es überhaupt wohl nicht in Berlin. Aber das tat nichts. Ein Mittagsschläfchen sollte es wieder gut machen. Großtantchen fühlte sich jung wie ein Backfisch. Sie freute sich auf die Bildergalerien, das Panoptikum, die Theater und die Schaufenster. Sie wollte sich mehrere Garderobestücke kaufen. Im Nu war sie fertig, und während Johanna den Toilettentisch benutzte, besah und bewunderte Großtantchen die Wohnstube, aus der die Aufwärterin die Schlafdecken fortgenommen hatte, und die nun elegant und wohnlich aussah. In der Nähe des Ofens war ein Frühstückstisch arrangiert, an dem Johanna einige Minuten später vergnügt ihren Gast bediente.

Sie machten eben ihren Tagesplan, für den vor allem die großen Warenhäuser mit den bekannten Namen in Aussicht genommen waren, als Johanna ein Brief eingehändigt wurde. Nachdem sie ihn gelesen hatte, rief sie fröhlich: »Und damit sind die Außengenüsse für heute vorbei! Am Abend geht’s hier innen los. Meine besten Freunde haben sich angesagt.«

Großtantchen sah etwas unruhig aus. »O, sie werden dir gefallen! Sie kennen dich auch schon bis ins Kleinste. Es ist ein Ehepaar und die Schwester der Frau. Sie beschäftigen sich viel mit dem Seelenleben. Sie beschreiben das wissenschaftlich. Weißt du, wie man –«

Aber Großtantchen sprach bereits dazwischen. Sie fragte, ob sie das Schwarzseidene oder das Grauwollene anziehen sollte, und nach einigem Hin- und Herreden wurde für das Schwarzseidene entschieden.

*

Gefallen würden sie ihr, hatte Johanna gesagt, aber Großtantchen fand, dass das nicht das rechte Wort war. Sie konnte sich nicht so schnell an all das Sonderbare gewöhnen. Zu Hause, in ihrem Verein, hätte man einfach über diese Menschen gelacht. Schon die Trachten! Die Frauen trugen lose Gewänder, Johanna auch. Herr Mallwitz hatte eine Art Joppe an und hackenlose Schuhe. Und auch die Haarfrisuren sahen absonderlich aus. Das Haar war tief über die Ohren weggescheitelt. Fräulein Bieler trug sogar ihr hellrotes Haar ganz offen herunterfallend, darüber hinweg, wo sonst die Taille abschloss. Großtantchen kam das alles etwas unpassend vor. Sie atmete öfter tief auf und drehte sich hin und her, dass ihre feste Seidenkorsage knarrte und knackte, und stolz strich sie über die korrekt genähten Falten ihres Rockes.

Und diese Unterhaltungen bei Tisch! Nichts vom gewohnten Leben und Treiben! Von der Zubereitung der kleinen Teekuchen, die Großtantchen so gut schmeckten, wusste Frau Mallwitz nichts. Sie könne gar nicht kochen, verstand Großtantchen, aber sie mochte nicht genauer fragen. Auch waren bereits Gespräche im Gange über unentdeckte Seelenfähigkeiten. Johanna sprach erregt, und ihre Augen glitzerten unruhig. Mit Frau Mallwitz geriet sie in ein eifriges Streiten über den Astralleib, das Od, die Suggestion und andere Dinge, von denen Großtantchen noch nie gehört hatte. Johanna musste ihr später all die Worte wiederholen. Jetzt schwirrten sie nur so an ihrem Ohr vorbei, ohne haften zu können. Zudem wurde ihre Aufmerksamkeit von ihrem Nachbar in Anspruch genommen, der ihr von seinen Beobachtungen aus der »vierten Dimension« sprach. »Die Toten sind für mich lebendiger als die Lebenden«, sagte er.

Großtantchen überlief ein geheimes Gruseln, das aber von Johannas plötzlichem Auflachen verscheucht wurde. Auch Frau Mallwitz lächelte, und Johanna warnte sie vor Eifersucht. Da erst merkte Großtantchen, dass sie, in ihrer Eingenommenheit, unwillkürlich die schwarzen Haare ihres Nachbars zurückgestrichen hatte, die ihm fast in die träumerisch halbgeschlossenen Augen hingen. Und nun küsste er ihr sogar die Hand mit einem Lächeln, das, anstatt lustig und mokant zu sein, etwas Ernsthaft-Schwermütiges hatte! Großtantchen konnte sich nicht zurechtfinden.

Fräulein Bieler war sehr schweigsam. Blass und nervös lehnte sie in ihrem Stuhl, aß wenig und nichts von dem, das gelebt hatte wie sie. So drückte sie sich aus auf Großtantchens verwunderte Frage, als sie den Teller mit dem appetitlichen Aufschnitt immer weiterreichte, ohne davon zu nehmen.

Die Unterhaltung über die unverständlichen Dinge war immer lebhafter geworden. Zuletzt wurden Beweise für die Behauptungen auf beiden Seiten gefordert und angeboten. Man erhob sich hastig. Johanna klingelte der Aufwärterin, mit der sie den Tisch anfasste, um ihn in die Küche zu tragen. Da griff aber schon Herr Mallwitz zu. Alles ging so schnell, dass Großtantchen noch ihr »Gesegnete Mahlzeit« knixte, als sie bereits niemand mehr an ihrer Seite hatte. Sie beeilte sich, in den Kreis zu kommen, der sich um ein kleines Tischchen schloss.

Lautlose Stille trat ein. Die Spitzen der Endfinger ruhten übereinander auf der Tischplatte. Großtantchen fand es nicht recht passend, dass Herr Mallwitz dabei zwischen Johanna und seiner blassen Schwägerin stand. Aber niemand schien dabei etwas zu finden. Und wirklich, es dauerte nicht lange, so fing der Tisch an zu schwanken. Alle sahen starr und feierlich aus, und Großtantchen schrie vor Angst plötzlich laut auf.

Natürlich war die magnetische Wirkung dadurch gestört. Aber man machte gute Miene zum bösen Spiel. Die Tatsache war ja doch festgestellt: Der Tisch hatte »gerückt«. Alle waren in einer begeisterten Erregung. Großtantchen machte mit, obwohl sie leise Gewissensbisse hatte, denn was war das anderes als Zauberei? Aber sie war nun einmal mittendrin und wusste nicht, wie sie sich herausziehen sollte. Sie beschwichtigte die warnende innere Stimme mit allerlei Ausreden. Es war ja doch harmlos gemeint, eine Art Gesellschaftsspiel.

Fräulein Bieler bewies sich als wunderbares »Medium«. Einer nach dem andern fand die versteckten Gegenstände mit verbundenen Augen, wenn sie nur ihre Finger um das Handgelenk der Suchenden legte. Nur Großtantchen weigerte sich hierbei standhaft, sich zu einem Versuche herzugeben. Freilich war ihr das Ersatzspiel, das die Bresche füllte, auch nicht recht. Wie konnte Johanna sich von Herrn Mallwitz am Handgelenk herumführen lassen! Er verstand es auch sichtlich nicht so gut wie Fräulein Bieler, denn es dauerte viel länger, bis Johanna den Gegenstand fand.

Der Abend war schon weit vorgerückt, und die Spiele wurden immer wunderbarer. Etwa um Mitternacht wurde, nach Angabe der Frau Mallwitz, die Beleuchtung des Zimmers auf einen Punkt gedrängt. Der übrige Teil blieb in tiefem Dämmer. In der Helle, die das Licht der halbumhüllten Lampe warf, ruhte mit geschlossenen Augen das todblasse Fräulein Bieler. Ihr Haar leuchtete wie helles Gold um sie herum. Frau Mallwitz stand, von einer Draperie verborgen, neben ihr und richtete Fragen an sie. Eintönig und feierlich klangen die kurzen Sätze durch die Stille und Dunkelheit.

Die ruhende Gestalt veränderte sich. Sie sah bald nicht mehr aus wie die Gefährtin der Abendunterhaltungen. Ein fremdes Wesen schien sich dafür eingetauscht zu haben, das sich nur ihrer Hülle bediente, um sichtbar zu werden. Der Ausdruck der Züge und die Stimme gehörten nicht Fräulein Bieler an.

Was sie in sonderbar gequälten Tönen, die sich ihr wider Willen zu entringen schienen, antwortete, verstand Großtantchen nicht. Entweder war es eine fremde Sprache oder die Ausdrücke waren ihr so unbekannt, dass sie für sie eine sinnlose Aneinanderreihung von Worten bedeuteten. Johanna und Herr Mallwitz aber folgten mit der größten Spannung den Vorgängen. Einmal hörte Großtantchen den Namen »Sokrates« von seinen Lippen kommen. Bald darauf sagte Johanna voll Andacht: »Nietzsche!«, und in seliger Vergessenheit stammelte sie: »Wirst du uns wieder gehören?«

Aber das beunruhigte die Verzückte. Sie warf sich hin und her, und ihr Gesicht drückte physische Pein aus. Die Hand der verborgenen Fragerin wurde sichtbar und strich beruhigend über die liegende Gestalt hin. Da wurde Fräulein Bieler wieder still. Nach einer Weile fing sie plötzlich an aufzustöhnen, aber in einer kurzen behaglichen Art, und dann fragte sie in klagend vorwurfsvollem Ton nach den Wirtschaftsschlüsseln. Da antwortete von den Zuschauern her ein Seufzer: »Barbara!«

In dem Augenblick rief Johanna: »Genug, genug! Bitte, aufhören!« Herr Mallwitz sprang hinzu und riss die Verhüllungen von der Lampe, und seine Frau weckte ihre Schwester. Johanna aber hielt das ohnmächtige Großtantchen im Arm, und alle außer dem erschöpften Fräulein Bieler bemühten sich um ihre Wiederbelebung.

*

Eine Stunde später waren die Spuren des abendlichen Treibens verschwunden, und das Wohnzimmer war zur Nacht hergerichtet. Aber Johanna saß noch am Bett von Großtantchen, die sich in den Kissen aufgerichtet hatte und eine Tasse Pfefferminztee schlürfte.

»Ja, ja, alles ist wieder gut! Lass nur und sorge dich nicht mehr! Aber ich bitte dich, lass die Zauberei! Es ist schlimm genug für uns arme Menschen, dass es Geisterspuk gibt. Warum ihn auch noch herbeirufen?«

Johanna zuckte plötzlich zusammen, als habe das Wort sie körperlich getroffen. Deutlich sah sie den Spukabend in Großtantchens Hause vor sich. Damals hatte Großtantchen die Nervenerregungen für Geisterspuk gehalten, heute hatte sie, die Verstandesstolze, dasselbe getan. Sie hörte kaum, was die liebe alte Frau noch sagte, nur die leis klagende, heisere Stimme klang ihr zu Herzen. Immer spärlicher und müder fielen die Worte. Großtantchen war im Einschlafen. Sorglich rückte Johanna die Kopfkissen zurecht, schob ihr die Wärmflasche an die Füße und deckte das Federbett um sie herum. Dann sagte sie ihr zärtlich Gutenacht und löschte das Licht.

Sie ging in ihr Zimmer und öffnete das Fenster zum Schlafen. Da sah sie über den Bäumen des Gartens einen mattroten Streif aufdämmern. Grauweiße Wolken lagerten darüber. Johanna glaubte deutlich die Gestalt einer Sphinx zu erkennen. Unerreichbar thronte sie über der Morgenröte. Ihre weißen Augen sahen mit stolzem Mitleid herab, und ihre Lippen bewegten sich. Höhnisch schwirrte es vor Johannas Ohren:

»Geisterspuk! Geisterspuk!«


Textnachweis
Aus: Das Magazin für Litteratur [sic], 69. Jg., Nr. 38, 1900, Sp. 633–637, 663–666. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Blick aus dem Fenster, 1900

Ritter Aage und Jungfrau Else

von Luise von Plönnies (1803–1872)

Es war am Maientage, die Glocken hallten laut,
Da freite Ritter Aage schön’ Else, seine Braut.

Und als sie sich umschlungen, da blühten die Rosen all,
Da hat ihr Lied gesungen die holde Nachtigall.

Ein Monat ist verflossen, die Rosen fallen ab,
Das Glück ist all genossen, Herr Aage ruht im Grab.

Viel heiße Tränen rollen von Elsens Aug’ herab,
Wohl durch die braunen Schollen, hinunter in sein Grab.

Eine Träne ist gesunken ihm auf das tote Herz,
Als wie ein glüh’nder Funken – da wacht er auf voll Schmerz.

Die Lieb’ hat aus den Banden des Grabes ihn befreit,
Da ist er aufgestanden, zur mitternächt’gen Zeit.

Er hat den Sarg genommen wohl auf die Schulter fein
Und ist damit gekommen bis vor ihr Kämmerlein.

»Schließ auf die Tür, Geliebte, dein Liebster, der ist nah,
Schließ auf die Tür, Betrübte, der Bräutigam ist da!«

»Sprich aus des Heilands Namen, wie sonst lass ich dich ein.«
Herr Aage der sprach Amen und trat ins Kämmerlein.

Das waren sel’ge Wonnen, er lag an ihrer Brust,
Das Leid war all zerronnen, versunken in der Lust.

Sie strich auf seinem Haupte mit goldnem Kamm das Haar,
Für jedes, das sie raubte, fiel eine Träne klar.

»O du Herzliebster, sage, wie ruht sich’s in dem Grab?« –
»Wenn du lächelst«, spricht Herr Aage, »dann fallen Rosen hinab.«

»Doch wenn ich weine, sage, fühlst du’s in deinem Grab?« –
»Wenn du weinest«, spricht Herr Aage, »tropft es wie Blut herab.«

Sie schmiegt in Lust und Leide sich fester an ihn an.
»Horch, Zeit ist’s, dass ich scheide, es kräht der rote Hahn.

Jetzt müssen alle Toten zurück zum Erdenschoß.«
»Lass kräh’n den Hahn, den roten, ich lass dich nimmer los!« –

»Es kräht zum zweiten Male, das ist der schwarze Hahn,
Jetzt wird im Morgenstrahle der Himmel aufgetan.

Lass mich den Sarg erheben und folgen dem Gebot!«
»Ach Liebster, nimm mein Leben und gib mir deinen Tod!«

Mit seinem Sarge schreitet Herr Aage aus dem Haus,
Von seinem Lieb begleitet, in dunkle Nacht hinaus

Zum Kirchhof, durch den dunkeln und langen Tannenwald.
»Sieh, wie die Sterne funkeln, zur Stelle sind wir bald.«

Sie treten aus dem Walde, der Kirchhof ist erreicht;
»Herr Jesu, wie ist balde dein golden Haar gebleicht!«

Sie treten zur Kapelle im blassen Mondenstrahl;
»Herr Jesu, wie so schnelle wird deine Wange fahl!«

»Süß Lieb, du darfst nicht weinen, schlag auf dein Augenpaar,
Sieh wie dort oben scheinen die Sterne hell und klar.«

Sie lässt die Blicke fliegen empor in blaue Luft,
Indes ist er gestiegen hinab in seine Gruft.

Sie sah ihn nimmer wieder, ging heim in stillem Gram,
Bald legte man sie nieder zu ihrem Bräutigam.


Textnachweis
Aus: Ignaz Hub (Hg.), Deutschland’s Balladen- und Romanzen-Dichter. Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit, zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage, Karlsruhe 1849, Bd. 1, S. 672. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marguerite Godin, Griseldis, 1894

Was es kostet

von Selma Lagerlöf (1858–1940)

Gerade jetzt, während ich in die Arbeit vertieft dasitze, flammt im Nordwesten ein feuerroter Sonnenuntergang. Der Tag war regnerisch und grau gewesen, aber eben erst zeigte sich ein schmaler Streif klaren Himmels unten am Horizont. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, damit ich einen Schimmer des Sonnenballs erhaschen konnte, bevor er hinter den blauen Höhen hinabglitt. Jetzt benutzen ihn die Sonnenstrahlen, um zu den Wolkenrücken emporzugleiten und sie mit Blut und Purpur zu umrahmen. Das ganze Firmament nimmt sich wie eine ungeheure Seidenbahn aus, mit Rot gerändert. Zu unterst, vor allem in der Nähe der Stelle, wo die Sonne eben versank, ist das Rot vorherrschend, da laufen die roten Streifen so dicht zusammen, dass der graue Grundton verschwindet. Höher oben wir die Moirierung spärlicher, und im Zenit sieht man nur ein paar roter Spritzerchen. Der große Pinsel, der die ganze Himmelswölbung malen zu wollen schien, ist zu verschwenderisch gewesen. Die Farbenschale ist schon geleert. Für die östliche Himmelswölbung blieb nichts übrig.

Die Glut und der Strahlenglanz haben mich verlockt, die Feder hinzulegen und an das Fenster zu treten. Aber mit einem kleinen Seufzer kehre ich bald zum Schreibtisch zurück. Ich musste daran denken, dass es denen, die mit Feder und Tinte arbeiten, fast nie gelingt, eine solche Herrlichkeit zu beschreiben. Man mag sein Allerbestes tun, es kommt doch äußerst selten vor, dass man das Interesse des Lesers zu fesseln vermag. Denken Sie sich, dass Sie in einem Buch auf eine lange Beschreibung eines Sonnenuntergangs, einer Abendröte stoßen. Gestehen Sie ehrlich, dass Sie sie am liebsten überspringen. So mache ich es wenigstens.

Der Fehler muss jedoch irgendwie an dem liegen, der dies schildert. Etwas so Bezauberndes wie eine Abendröte muss sich so beschreiben lassen, dass sie dasselbe Entzücken wie beim Beschauen auslöst. Es lässt sich schon machen, aber es gilt die rechte Art zu finden.

Ich erinnere mich, dass zu der Zeit, als ich als Lehrerin in Landskrone lebte – also vor etwa fünfunddreißig Jahren – im »Südschwedischen Tagblatt« eine Folge von Naturschilderungen erschien, die die größte Bewunderung aller Leser erregten. Sie waren selten mehr als eine Spalte lang, überaus konzentriert und mit einer erstaunlichen Sicherheit und Eleganz geschrieben. Sie erschienen anonym, aber es war leicht zu sehen, dass der Verfasser wissenschaftliche Bildung besaß. Und doch schilderte er keine fremden Weltteile und Länder, er gab nur jede Woche eine Übersicht über die Witterung und die Vegetation eines Landstriches an der Öresundküste. Er verfolgte das Auftauchen der Wiesenblumen, er zählte sie auf, so wie sie sich im Frühling zeigten oder im Herbst verschwanden, er kündigte die Ankunft der Zugvögel an, er behielt Kriechtiere und Insekten der Erde im Auge sowie die Maneten, Seesterne und Krabben, die an den steinigen Strand gespült wurden. Vor allen Dingen aber beschäftigte sich der Anonymus mit der Himmelswölbung, den Wolken, den Regenbogen, den Gewittern und den Sonnenuntergängen.

Alles ließ darauf schließen, dass er sich in der Helsingborger Gegend aufhielt, also nur einige wenige Meilen nördlich von Landskrona. Man konnte sagen, dass derselbe Himmel sich über ihm wölbte wie über uns, dass dieselben Wolkenbildungen über seinem Kopfe dahinstrichen wie über unserem.

Aber dennoch griff man jedes Mal eifrig nach der Zeitung, wenn einer seiner Artikel darin stand, um von Regenschauern oder Federwölkchen oder von den Farbenschattierungen der Abendröte zu lesen. Wir hatten ja genau dasselbe gesehen, aber wir hatten nicht herausgefunden, wie merkwürdig, wie interessant alles war, ehe dieser Mann uns die Augen öffnete.

Haben Sie den Sonnenuntergang an diesem und diesem Abend beobachtet?, konnte er fragen, und darauf folgte ein ganzes Drama. Eine Wolke zog auf, wurde beschrieben, in Positur gestellt, dann kam eine zweite, eine dritte, eine vierte, bis der ganze Abendhimmel von einer drohenden Wolkenburg umgeben war. Wenn sie glücklich zur Stelle und geordnet waren, begann das Spiel der Strahlen, Farbe ging in Farbe über, sie kämpften und wurden besiegt. Das Wasser des Sunds und die schöne dänische Küste bekamen auch ihr Teil von den Schattierungen und Stimmungen ab, nicht eine Nuance des ganzen Schauspiels ging dem Leser verloren.

Man erkannte ja alles wieder, aber das Bild ward um so viel reicher und klarer, als unsere eigenen Sinne es zu erfassen vermocht hatten.

Man darf sich nicht denken, dass diese Schilderungen poetisch im hergebrachten Sinne waren, Der Anonymus bediente sich weder großartiger Bilder noch hoher, klingender Worte. Seine Zaubermacht bestand in etwas ganz anderen. Er zwang einen, das, wovon er sprach, zu erleben. Es nahm uns mit hinaus ins Freie. Man fühlte sich von der Abendbrise umfächelt. Man hatte die Regenschauer oder die Gewitter dicht über sich. Man schaute mit seinen eigenen Augen diesen violetten oder bronzegrünen oder zitronengelben oder goldnen Sonnenuntergang.

Aber dies, dass wir sozusagen an seinen Wanderungen teilnahmen, dass wir gleichsam an seiner Seite Muscheln und Pflanzen sammelten, machte es wohl, dass wir gern gewusst hätten, wer er war. Wir nahmen so eifrig an seinen kleinen Freuden teil, wir waren stolz auf seine Entdeckungen! Wer war er denn, dieser Mann der Wissenschaft mit der gewandten Feder, dieser Sonnenuntergangsanbeter, dieser Wortmaler?

Es konnte eigentlich nicht schwer sein, die Lösung des Rätsels zu finden. Nur auf ganz wenige Menschen konnte ja die Beschreibung passen: wissenschaftlich geschulter Beobachter, künstlerisch ausgebildeter Schriftsteller, auf dem Lande ansässig, in der Nähe von Helsingborg.

Aber wie wir auch nach ihm fahndeten, der Mann war nicht zu entdecken.

Da halfen wir uns selbst. Wir nahmen an, dass der Unbekannte jung war, er hatte sich noch keinen Namen machen können, deshalb konnte man ihn nicht aufspüren. Und wir dachten ihn uns als einen neuen Linné, fröhlich, schön, strahlend und genial. Wir waren überzeugt, dass wir bald von reden hören würden. Wenn er fertig war, wenn er in der ihm eigenen lebensvollen Art das Ergebnis seiner Forschungen darlegte, dann würde unser Land einen neuen großen Gelehrten haben, auf den es stolz sein könnte.

So hofften wir im Stillen, als auf einmal die Artikel ganz aufhörten. Einige Tage später erzählte das »Südschwedische Tagblatt«, dass der Anonymus, der die vielbeachteten Artikel auf der Helsingborger Gegend geschrieben hatte, gestorben war.

Die Zeitung brachte auch einige kurze biographische Notizen. Der Mann mit der wissenschaftlichen Schulung, der eleganten Darstellungsweise war ein alter ehemaliger Student. Der hieß Frederikson und hatte wohl nie daran gedacht, dass dieser Name irgendwelche Berühmtheit erlangen könnte. Eine Zeitlang hatte er in Lund studiert, aber die Hochschule verlassen, ohne Prüfungen abzulegen. In späteren Jahren war er, wie man so sagt, menschenscheu geworden; überaus arm, wie er war, und ungeneigt, jemandes Hilfe in Anspruch zu nehmen, hatte er in der letzten Zeit in einer verlassenen Hütte irgendwo am Sund gehaust. Es sah beinahe aus, als glaubte die Zeitung, dass er an Entbehrung, Hungers gestorben war.

Also der Meister der schönen Sonnenuntergänge war kein neuer Linné. Wir hatten ihn uns als einen ruppigen, alten, verbummelten Studenten zu denken, menschenscheu und herabgekommen.

Sein einziger Umgang war die große, freie Natur gewesen, seine einzige Freude hatte darin bestanden, dem Wechsel der Jahreszeiten zu folgen. Die einzige Herrlichkeit, die er vor Augen gehabt hatte, war die Abendröte gewesen. Ein schöner Sonnenuntergang hatte das große Ereignis in seinem armen Leben bedeutet.

Aber das ist es vielleicht, was nottut. Nur das, was höheren Wert für uns hat als irgendetwas sonst auf der Welt, kann man wohl in der richtigen Weise schildern.


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Journal, 6. Jan. 1926, S. 3–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Schwedischen von Marie Franzos (1870–1941).

Titelbild
Detail aus: Marie Luplau, Abendstimmung bei Fredensborg, 1898

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