Im Wartezimmer

von Marie Holzer (1874–1924)

Er stand im weiten eleganten Wartezimmer des Arztes. Als Letzter war er eingetreten. Die meisten Fauteuils waren besetzt. Er grüßte stumm und blieb vor einem tiefhängenden Schlachtenbilde stehen, das dicht bei der Türe hing. Er sah darauf – gespannt, lauernd, als wollte er ergründen, was hinter der Stirn jener Männer geschrieben stand. Seine Gedanken gingen dieselben Wege wie die der Krieger dort, einen Weg wohl, doch ohne jenen Beigeschmack, doch ohne jenes Lustgefühl, das wohl das Herz so manches dieser Leute schlagen lässt.

Die Augen des Offiziers dort glänzten wie im Fieber, und aus dem Blick jenes Soldaten leuchtete ein Rachegefühl, aus den kraftvollen Bewegungen eines anderen sprach verwegener Mut. Doch dieser hier, der Letzte fast, ja, in seiner ganzen Haltung, in seinem Gesichtsausdruck, da lag deutlich völlige mutlose Resignation – nein, nicht Resignation – Furcht – ja, ja, Furcht, und doch musste er mit – in den Tod.

Sterben! Das ist das Ende jeden Weges, jeder Gasse. Alle Wege führen ins dunkle Reich – alle. Doch es gibt Umwege – weite – lange – beschwerliche – immer gleich weit – gleich – lang – öd – staubig – endlos, dass man sich endlich gerne hinlegt und ausruht …

Doch gibt es auch andere, die durch Gärten führen; mit knospenden Sträuchern, mit blühenden Blumen, mit weiten Rosenflächen, mit verschlungenen Pfaden und Rosen am Wegesrand, die weit, weit von der Ausgangspforte liegen, die einen immer wieder in den Bann des Lebens ziehn, mit ihren Zaubermärchen, mit ihrem Liebesgeflüster, mit ihren Blumenketten.

Aber steile Wege gibt es auch, knapp und eng, über Geröll und Steinfelder, aber die führen in die Höhe, alles hinter sich lassend in der Tiefe. Die ziehn uns mit tausend Armen hinauf in die frische, freie Luft, wo man aufatmen kann, tief und frei, und allein ist.

Allein? Allein ist man auch in der Tiefe, in der Erde, und vor dem Alleinsein graut ihm.

Ein Zittern überfällt ihn, ein krampfartiger Husten.

Die Diele knarrte. Ein ungeduldiger Patient hatte sich erhoben, oder war ein neuer eingetreten. Dann wieder ein Räuspern. Es sah nicht auf. Dann huschte jemand vorüber. Ein entlassener Patient wohl. Die Portière, die vor der Türe hing, wurde einen Augenblick beiseitegeschoben und ließ einen Lichtschein hereinfallen – dann glitt sie wieder langsam zur Erde. Er rührte sich nicht. Er kam noch nicht dran. Noch eine kurze Galgenfrist lag zwischen jetzt und später? Jetzt gab es noch ein Später – bald nur noch ein Jetzt und dann – dann nichts mehr – dann Ruhe – Stille – kein Bewusstsein – kein Erwachen – kein Schmerz – keine Angst – nichts – nichts – alles ringsum tot – schwarz. Das Ticken der Uhr verstummt – das Bild vor ihm versunken – der Lichtschein, der durch die Tür ins Zimmer fiel – weg alles weg – – – – – Nein, nein, alles bleibt, die Uhr tickt weiter – der Lichtschein fällt durch die Türe herein, des Morgens, des Abends, so oft ein Patient geht und kommt, das Bild an der Wand bleibt hängen – nur er – er ist nicht da – alles andere bleibt.

Sterben muss er. Jetzt beim Erwachen des Frühlings, beim leuchtend blauen Himmel, beim ersten Sprießen junger Knospen, beim Blütenduft, der wundersam die Luft durchzieht. Sterben – sterben!

Warum nicht im Herbst, wo alles zur Ruhe geht? Wenn der Himmel dicht verschleiert ist, wenn kalte Winde über die staubige Straße fegen und die Blättchen von den Bäumen rütteln – nicht jetzt – Gott, nicht jetzt – wo alles zu neuem, jungem, kräftigem Leben ersteht – nicht jetzt. Und doch, er fühlt ja deutlich, wie die Kräfte schwinden, täglich, stündlich – dass das Frühjahr mit der schönen, würzigen Luft ihm den Tod bringen wird. –

Frische Blüten erstehen, und die dürren Blätter müssen fallen! Die Natur geht schmerzlos schlafen – denn sie erwacht wieder. Schlafen und Erwachen, wie schön! Aber schlafen – immer schlafen – ohne Ende – morgen – übermorgen – immer. Immer? Was heißt das, immer? Was war immer – und was wird immer sein, sind die Blättchen dieselben und war er immer derselbe oder hatte er hundertfache Gestalt? Zuerst ein Wickelkind, in dem die Gefühle leise dämmern, dann ein kleiner, zärtlicher Junge, dann ein munterer, ausgelassener Schulbub, ein wilder Knabe, dann ein Hochschüler mit tausend Träumen und Wünschen, voll Kampfeslust und Jugendkraft und Begeisterung – dann ein Mann, ernst und strebsam – und endlich ein Bürokrat, pflichttreu und bitter – weil die Welt so eng wurde – und so anders. Nichts ist ihm geblieben als der Name, und auch der hatte so verschiedenen Klang.

Alles hat sich geändert, alles. Die Gedanken – die Gefühle. Ja Gedanken – Gefühle – Wünsche – hatten so verschiedene Färbung – zuerst rot – hell – leuchtend – dann matter werdend – immer matter. Die Hoffnungen sind andere geworden – alles ist anders geworden – alles –

Aber die Gedanken, die Gefühle, die Wünsche, die gehen nicht zugrunde, auch wenn er fort muss. Die Gedanken waren nicht sein, auch wenn er sie gedacht. Sie liegen in der Luft wie die todbringenden Keime. Ein Windhauch bringt sie uns zu. Wir atmen sie ein mit dem Blütenduft im Morgentau, und in dem eine setzen sie sich fest und leben fort, entwickeln sich, und der andere bleibt unberührt davon – von den Keimen – von den Gedanken.

Und was er erlitten, was er gehofft, gefühlt, geträumt, leiden, träumen, hoffen und fühlen andere – andere, die nach ihm kommen und denselben Weg gehen – denselben Weg abwärts in die Tiefe.

– – – – – – – – – –

Er steht und denkt und hört nicht das Kommen und Gehen der Leute – hört nicht ihre Worte – hört nicht ihren Gruß. Er starrt auf das Bild der Krieger, die ihm voran in den Tod reiten und denen er folgen muss – willenlos.

Die Sonne ist untergegangen mit einem letzten warmen, roten Aufleuchten, und das Zimmer liegt im grauen Dämmerschein. Da öffnet sich die Türe und ein Diener tritt ein.

»Verzeihen, mein Herr. Die Sprechstunde ist vorüber. Der Herr Professor ist fort, soll ich Sie vielleicht für morgen aufschreiben?«

Er sieht den Diener an – ungläubig – verständnislos, und dann stürzt er auf die Gasse …


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, Nr. 1556, 16. April 1908, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Skizze für ein männliches Porträt, um 1900

Vorfrühling

von Hedwig Lachmann (1865–1918)

Märzstaub fliegt auf. Es fröstelt leicht.
Der Tag in langer Dämmrung bleicht.

Vom Wind das Pflaster blank gefegt.
Es klingt verloren, was sich regt.

Der Kinder Spiel ist eben aus.
Die Mütter winken sie ins Haus.

Es schreit in mir: Verratnes Herz!
Doch geh ich schweigend frühlingwärts.


Textnachweis
Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte, Potsdam 1919, S. 38. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Nadelstiche

von Marianne von K**

9. Oktober 1837

Man will den Frauen die Feder streitig machen, und doch verstehen sie oft besser zu schreiben als die geistreichsten Männer; ja, es gibt ein Fach, wo ihr Schriftstellertalent noch von keinem Manne erreicht wurde – ich meine, im Briefschreiben. Ich will nicht von den Schriftstellerinnen par métier sprechen, obgleich die Männerliteratur nur wenige epistolarische Muster aufzuweisen hat, welche den Lettres de Madame Sévigne und den Briefen von Rahel [Varnhagen] gleichzustellen sind; sondern ich meine hier jene weiblichen Schriftstellerinnen, die, wenn sie die Feder auf das Papier setzen, keinen Gedanken an die Öffentlichkeit haben, die sogar verzweifeln würden, wenn die Briefe, die sie schrieben, von einer anderen Person noch gelesen würden als von der, an welche sie solche richten. Ich meine die Briefe, die das liebende Mädchen an den Mann ihrer Wahl, die einsame Gattin an den fernen Gatten, die Tochter an die Eltern, die Mutter an ihre Kinder schreibt; kurz, alle jene Briefe, wo das Gemüt die Feder führt. Hier kann der Mann dem Weibe nie gleichkommen! Das einfachste Mädchen weiß da eher Gefühl und Ausdruck zu verschmelzen als der gebildetste, gelehrteste Mann. Der Brief ist das Eigentum des Weibes; in der Konversation gebietet ihr Würde und Klugheit, ihre Gefühle zu verschweigen, im Briefe darf sie selbe aussprechen. Der liebende Mann taucht seine Feder in Flammen, die Frau taucht sie in ihr Herzblut. Der Brief des Mannes trägt die Farbe seines Geistes, der Brief der Frau trägt die Farbe ihres Gemütes. Mögen sie uns immer vorwerfen, dass wir die Rechtschreibung vernachlässigen; das Rechte zu schreiben, verstehen wir besser als sie.

11. Oktober 1837

Langweilige Visiten haben für Frauen einen großen Vorteil; sie üben ihre Geduld. Das Lustspiel: »Die bezähmte Widerspenstige« enthält eine etwas sonderbare und abenteuerliche Kur, wodurch ein junger Offizier seine wilde und ungeduldige Frau zur Sanftmut und Schmiegsamkeit bringt. Ich weiß eine weit leichtere, natürlichere und erfolgsicherere. Es ist kein Geheimnis, und die ganze Heilmethode ist sehr gut auszuführen. Jeder junge Ehemann darf nur in den ersten Wochen nach seiner Vermählung alle alten und verlegenen Basen, Muhmen, Tante und Schwägerinnen heimlich einladen und ihnen zureden, seine liebe Frau fleißig mit ihrem Besuche zu beehren; das ist eine Kur, gegen welche Gräfenberg, Ischl und die »bezähmte Widerspenstige« in nichts zerfallen. Eine junge Frau, die vier, fünf Wochen lang von solchen Visiten bearbeitet wird, und wäre sie vor der Hochzeit so wild wie ein Falke gewesen, ist in kurzer Zeit milder und geduldiger als eine Taube.

Mit Recht ist die Weltgeschichte weiblichen Geschlechtes; ist sie doch die größte Plauderin, die es auf Erden gibt! Kein Geheimnis, und beträfe es Fürsten und Kronen, ist vor ihrer Zunge sicher – sie plaudert alles aus. Nur in einem Punkte macht sie eine Ausnahme: Sie schont ihre eigenen Kinder nicht, und ihr böser Leumund wendet sich auch gegen ihre größten Söhne. Darum hätte man die Geschichte immer männlichen Geschlechtes sein lassen können, denn nur der Mann ist fähig, sein Kind dem Recht zu opfern. Das weibliche Geschlecht hat keine Brutustat aufzuweisen, und das ist ein größerer Ruhm, als wenn sie solche hätte.

10. November 1837

Unterläge der biegsame Stoff in uns Frauen nur immer einer bildenden Meisterhand, so würden Formen daraus hervorgehen, die alle Bereiche des Guten, Schönen und Sittlichen in sich fassten. Das Weib wird meistens durch zufällige Umgebung innerlich geschaffen; der Mann aber, der echte, schafft sich selbst seine Umgebung, er passt sie seinen Vorzügen und seinen Fehlern an. Darum klage der Mann nie die Gebrechen und die Missverhältnisse eines weiblichen Charakters an, denn die Klage fällt auf sein eigenes Haupt zurück; der weibliche Charakter ist nur ein Spiegelbild, die Gestalt, die es zeigt, ist ein Abbild jener, die sich vor dem Spiegel seiner Seele stellte. Der Geist des Weibes und ihre Phantasie gleichen jener Quelle, aus welcher der Erzvater Jakob seine Herden tränkte. Sind es fleckige Schafe, die jene Quelle umstehen, so spiegelt sie auch ein fleckiges Bild zurück; doch lasset nur weiße Lämmer sie umgeben, da wird auch die Gestalt in der Quelle weiß und rein sich euren Blicken zeigen! Darum soll der Mann nie seine Frau anklagen; ihre Fehler sind nur der Widerstrahl der seinigen. Würde er mit kräftiger Hand in den weichen Ton bildend greifen, und würde diese Hand eine reine, unbefleckte sein: er würde, jenem Künstler gleich, vor dem Gebilde, das er selbst geschaffen, niederknien – und es anbeten.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph
II. Jg., No. 121, 9. Oktober 1837, S. 500.
II. Jg., No. 122, 11. Oktober, S. 504–505.
II. Jg., No. 135, 10. November, S. 558–559.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

An eine Rose

von Marianne von K**

Wohl bist du mir ein holdes Bild der Jugend
Wie Morgenrot, von zartem Duft verklärt;
Wohl uns, wenn unser Herz, wenn uns’re Tugend,
Wie dich ein schützend scharfer Dorn bewehrt!

Denn nur als Knospe spornst du das Verlangen,
Bist du erblüht, so wechselt schnell dein Los –
Der Fluch »Vergänglichkeit« hält dich umfangen,
Und welkend sinkst du bald in ihren Schoß.

D’rum, Frau’n, bewahrt die zarte inn’re Blüte,
Die Hülle treffe nur des Schicksals Macht!
Denn was wir schützend bergen im Gemüte,
Nur dies allein versinket nicht in Nacht.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., No. 116, 27. Sept. 1837, S. 479. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Briefe aus Teplitz

von Marianne von K**

I.

Erklärt mir, Graf Oerindur, warum wir Frauen nicht ebenso gut schriftstellern sollen als wie Ihr gottlosen Männer? Glaubt Ihr, weil uns das Schwert zu gewichtig sei, dass auch die Feder Schwielen in unsere Hand drücken könnte? Glaubt Ihr, weil wir nicht die Kraft haben, zu zerstören, fehle uns auch die Kraft zum Schaffen? Und warum liegt Ihr denn zu unseren Füßen und fleht um unsere Gunst, warum krümmt Ihr Euch, um unsere Huld zu erlangen? Ist das keine Schöpfung, wenn wir Euch aus Eurem Nichts in den Himmel unserer Liebe erheben? O, Ihr wisst zu gut, welch ein Paradies in unserer Hand liegt, darum buhlt Ihr auch stets darum und seid glücklich, wenn wir sie Euch reichen; aber schreiben sollen wir nicht davon, und warum? – weil Ihr unsere geistige Übermacht fürchtet! Die Suppe könnte verbrennen und das Essen versalzen werden, wenn wir zu lange am Schreibtische sitzen, sagt Ihr mit erzwungenem Lachen. Als ob wir nicht nach Tische schreiben könnten! Aber ich weiß, Ihr meint eine ganz andere Suppe, die wir Euch verderben könnten. Nun, über mich soll keiner klagen, und wenn ich diese Zeilen schreibe, so geschieht es mit hoher und gnädiger Erlaubnis meines Herrn Gemahls, dem der Kellner die heiligsten Versicherungen gegeben hat, dass die Suppe mit ihrem ganzen Gefolge sich bei ihrer Darstellung unsere Huld und Zufriedenheit erwerben werde. Wir wohnen im Hotel de Londres, und ich will es diesem Engländer glauben, dass die Bill, die er im Oberhause – auf unserem Zimmer – entworfen, im Unterhause – d. h. im Speisesalon – mit Beifall angenommen wird. Ruhig und sorglos will ich mich daher dem Vergnügen, Ihnen Mitteilungen zu machen, überlassen.

Ich fühle mich so leicht, so heiter, der Himmel hat die dunklen Vorhängen, hinter welchem er die Sonne so lange versteckt hielt, heute endlich auseinander geschlagen und uns das glänzende Antlitz jener großen Königin sehen lassen. Wenn die goldenen Strahlen derselben Teplitz bedachten, dann sucht die Gegend ihresgleichen. Man weist Karlsbad den ersten und Teplitz den zweiten Rang unter den böhmischen Kurorten an; aber diese Rangordnung ist hier ebenso schlecht angewendet, als wenn man sagt: Goethe ist der erste und Schiller der zweite deutsche Dichter. Es gibt Menschen, die zwei Größen nicht nebeneinander sehen können, ohne an Sonne und Mond zu denken. Vorzüglich die Männer sind es, die immer eines dem andern untergeordnet sehen wollen. Der Ausspruch: »Und er soll dein Herr sein« hat manchen Ehemann unter den Pantoffel gebracht; denn der Mann muss beherrscht sein, wenn er nicht herrschen soll. Gleiche Rechte leuchten ihm schwer ein. Teplitz und Karlsbad können recht gut nebeneinander bestehen, jedes hat seine eigenen Schönheiten. Karlsbad trägt den Typus der Romantik, Teplitz hat mehr klassisches Element. Wie ein schwärmerisches Jüngling liegt das Karlsbader Tal unter dunklen Felsen im Waldesschatten, die schlanke Sylphide des kleinen Flusses hat ihren Arm um seinen Nacken geschlungen, und Tränen dringen aus ihren Augen, die sie an dem Busen des Geliebten verbirgt. In seinem Innern aber kämpfen widerstrebende Gefühle: Sehnsucht nach den blauen Höhen, Liebe zu der teuren Jugendgefährtin durchströmen mit siedenden Quellen seine Brust. Mit der einen Hand umschlingt er feurig die Geliebte, die andere streckt er schwärmerisch zu den Spitzen jener Berge, deren tausendjährige Eichen ihre Wipfel zum Himmel erheben und das Geflüster der Wolken hören und die Geheimnisse der Gottheit einander zulispeln. Da erhebt der Dreikreuzelsberg sein ehrwürdiges Haupt und zeigt dem Jünglinge jenes heilige Symbol, welches die Liebe mit dem Glauben in sich vereint, und wie es der Jüngling erblickt, sinkt er betend auf seine Knie, und der aufgehende Mond wirft sein weißes Licht auf sein zuckendes Angesicht. Ein ganz anderes Bild gewährt Teplitz. Die Natur ist hier plastischer, ihre schönen, wohlgeformten Glieder sind nicht unruhig bewegt, überall ist heiterer Himmel und griechische Klarheit; auf dem Schlossberge aber steht Helios und schaut mit glänzenden Augen hinein in die Badehäuser, wo mehr als eine Venus aus den Wellen steigt und liebliche Najaden in den Gewässern plätschern.

Aber Sonnenschein muss Teplitz haben, wenn es seinen schönen Charakter nicht verlieren soll; sobald es regnerisch wird, ist sein ganzer Reiz dahin. Wir sind bereits acht Tage hier und leben wie in einem Dorfe. Denn das Theater, welches abends die einzige Unterhaltung bieten soll, erinnert eben nicht an das klassische Altertum, obgleich der Direktor Römer heißt. Noch ist hier übrigens das eigentliche Kurleben nicht angebrochen; denn da Teplitz von vielen als Nachkur des Karlsbades gebraucht wird, so füllt es sich erst in der Mitte des künftigen Monats; bis heute enthält die Badeliste 600 Personen, wovon aber viele wieder abgereist sind. – Wir wollen heute nach der Schlackenburg fahren, beten Sie für mich, dass der Himmel uns gewogen bleibe.

II.

Noch aus einem Grunde kann man Teplitz klassisch und Karlsbad romantisch nennen: In Teplitz wird gebadet nach der schönen Sitte der Griechen und Römer, in Karlsbad aber wird getrunken, ein wahres Zeichen des romantischen Rittertums. Ach, es muss eine poetische Zeit gewesen sein, als wir Frauen nur demjenigen unsere Gunst schenkten, der die meisten Schädel gespalten hatte und zur Ehre und zum Preise unserer Schönheit aus ungeheuren Humpen sich täglich voll soff! Ritterliche Galanterie – man kann Krämpfe bekommen, wenn man daran denkt. Bei den Griechen hörte man in ihren entartetsten Zeiten nie von solchem Skandal. Bei den Spartanern war Trunkenheit ein Verbrechen; in Athen durfte kein Sklave in der Schenke trinken. Das Baden war ihre höchste Leidenschaft. Dagegen finden wir in allen Ritterbüchern, vom Nibelungenlied bis auf die Heldentaten des Ritters Don Quixote herab, keine Spur, dass sich einer jener tapferen Kämpen je gebadet oder auch nur abgewaschen hätte. Es mögen saubere Menschen gewesen sein. Für meinen Geschmack nehme ich nicht ein ganzes Fass voll romantischer Poesie für ein Kästchen Griechentum. Mein Herr Gemahl kann sich beim Schicksal bedanken, dass wir nicht in Wien wohnen; so ein schöner Grieche könnte ihm leicht gefährlich bei mir werden. Übrigens haben wir auch in Teplitz eine Trinkanstalt; selbe befindet sich – wohlgemerkt – hinter dem Herrenhause. Doch ist diese Trinkanstalt auch von Frauen stark besucht, und die Teplitzer schmeicheln sich mit der Hoffnung, dass noch mehre derlei Quellen in der Nähe sich befinden. Wenn diese Hoffnung zu Wasser wird, dann ist den Teplitzern geholfen, und es dürfte dem Karlsbade ein gefährlicher Rival entstehen. Dagegen erhält Teplitz selbst wieder einen Nebenbuhler an dem angrenzende Dorfe Schönau, wo sich das Schlangen- und Steinbad befindet; denn indem man hier das nahe Stadtleben mit einem idealisch-ländlichen Aufenthalte verbinden kann, wird es für jeden Badegast ein wünschenswertes Asyl, und so mancher Fremdling, der in den hiesigen Quellen sich Heil gesucht, hat, von der Lieblichkeit dieses idyllischen Aufenthaltes ergriffen, die Worte wiederholt: »Hier ist’s gut sein, hier lasst uns Hütten bauen!« Nach den pekuniären Verhältnissen dieser Naturfreunde haben sich dann die Hütten in schöne Wohnhäuser verwandelt, so dass das Dörfchen mit der Stadt in die Schranken treten darf. Indessen macht diese immer mehr und mehr Fortschritte, neue Häuser fliegen auf, und auch das Herrenhaus, welches das alljährliche Logis des Königs von Preußen ist, wurde heuer durch den Anbau eines neuen Flügels vergrößert. Nach dem neuen Schlossberge ist eine gebaute Chaussee errichtet worden, wodurch nunmehr der Besuch auf jener herrlichen Höhe erleichtert wurde. Allmählig wird es lebendiger hier. Am 29. Juni kam der Fürst Radziwill mit seiner Gemahlin hier an; Letztere ist eine Tochter der Fürstin Clary. Vorgestern langte endlich auch der langerwartete Gouverneur des Königreichs Polen, Fürst Paskewitsch, an, und bezog eine Wohnung von 19 Zimmern. – Morgen oder übermorgen (am 7. oder 8. Juli) aber erwartet man Se. Majestät den König von Preußen, dessen Ankunft immer mit einer kleinen Festivität gefeiert wird.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., No. 82, 10. Juli 1837, S. 340; II. Jg., No. 83, 12. Juli 1837, S. 343.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Gedichte und Lieder

von Charlotte Löw

Verlorne Mühe

Jüngst sah er im Auge ihr glänzen
Die Träne, perlenhell;
Der Wehmut schien sie entsprungen –
Ein bittersüßer Quell.

Viel Fischlein drinnen baden
Auf seinem so düstern Grund:
Die Fischlein sind die Gedanken,
Gefleckt, wie Forellen, so bunt.

Schnell ward er lüstern, zu fischen
In diesem Gedanken-Meer.
Auswarf er das Netz und die Angel;
Er zog sie heraus – doch leer!

Und wieder glänzte im Auge
Die Trän’ ihr, perlenhell;
Doch lachend spitzt sich ihr Mündchen –
Geschwätzig spricht es und schnell:

»Gedanken wirst nimmer du raten,
Kündet sie dir nicht der Mund.
Im Trüben wirst du stets fischen,
Gibt der Gedanke im Wort sich nicht kund!«

Lieder

I.

Wenn ich auf meinem Lager,
Von Schatten eingehüllt,
Dann drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

Vom Bild, das sonst mit klarem Blick
Mich freundlich angeschaut,
Bis jede Wolke wich zurück,
Die meine Stirn umtaut’!

Von Worten, die beredt und mild
Durchdrangen Seel’ und Herz;
Und oft die Tränen mir gestillt,
Beschwichtigt oft mein Herz.

Wohl blicket klar noch jetzt das Bild,
Das Wort entströmt dem Mund;
Doch dass die Ferne sie umhüllt,
Das drückt das Herz mir wund.

Drum wenn ich auf dem Lager ruh’,
In Schatten tief verhüllt,
So drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

II.

Könnt’ ich das Herz heraus mir heben
Aus meiner grabesstillen Brust:
Wie wollt’ ich gute Wort’ ihm geben,
Bis es erwacht zu neuer Lust!

Wie wollte ich es eifrig pflegen,
Ihm Lieb’ einhauchen, glutenheiß,
Bis es in lebenswarmen Schlägen
Sich regte aus dem starren Eis!

Doch eingesargt im kalten Schreine,
Der Totenwürmer sich’rer Raub,
Verschlossen jedem Hoffnungsscheine,
Zerfällt es bald in leichten Staub.

In Staub, aus dem nicht Halm noch Blüte
Mit frischem Dufte je entquillt;
Die Brust, die einst vulkanisch sprühte,
Hat tote Lava jetzt gefüllt.

Kein Frühling

Wie es schwillt aus jeder Knospe,
Aus den Keimen steigt’s empor;
Wie es zwitschert in den Zweigen,
Freudig grüßt es Aug’ und Ohr.

Auch die Schwalben kommen wieder,
Und der Storch baut hoch sein Nest;
Und die bunten Schmetterlinge
Schwärmen froh nach Ost und West.

Blüte dränget sich an Blüte,
Zweig um Zweig die Arme schlingt;
Liebesfreuden, Lebensfreuden
Junger Frühling mit sich bringt.

Nur ein Veilchen tief im Busche
Steht vereinzelt da und sinnt,
Matten Blicks, gesenkten Hauptes,
Perlentau es leis’ durchrinnt.

Perlen, sagt man, deuten Tränen,
Tränenperlen künden Schmerz;
Armes Veilchen! ach ich ahne,
Was so früh zerknickt dein Herz.

Ungestillter Sehnsucht Schauer,
Rieselt kalt im Busen dir,
Und nach Sonne und nach Wärme
Lechzest du vergebens hier.

Sehnsucht schleicht gesenkten Hauptes
Mit dem tränumflorten Blick;
Schmerz weiß nichts von Lenzesjubel,
Sehnsucht nichts von Maienglück.


Textnachweis
Verlorne Mühe, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 8, 17. Januar 1838, S. 31.
Lieder, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 76, 25. Juni 1838, S. 309.
Kein Frühling, aus: Camellien. Almanach für 1840, Prag und Berlin [1839], S. 363–364.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Lob des Schmerzes

von Charlotte Löw

Du mächtiger König mit dem blutgefärbten Purpur, dessen Palast gebrochene Herzen sind, dessen Gefolge Jammer und Tränen bilden, dessen Hofstaat aus bleichen Wangen und hohlen Augen besteht, auf deinem Altare will ich jetzt Weihrauch opfern!

Lobt man doch die Nacht und die Finsternis; lobt man doch den Winter mit seinen alles Leben zerstörende Frösten; lobt man doch Regen, Sturm und Ungewitter und all die Schattenseiten des Lebens, die dem Lichte zur Folie dienen – warum nicht auch ein Wort des Lobes für den Schmerz?

Das Ungetüm »Schmerz« ist für die menschliche Brust das, was die Seeungeheuer für die Tiefe des Meeres sind. Ohne diese raubgierigen Larven würde das große Weltmeer zu einem Pest aushauchenden Sumpfe, der mit polypenartigen Armen das ganze Weltall umfasste, dass es ersticke in seinen Umarmungen. Aber jene furchtbaren Seebewohner reinigen das heimatliche Element von dem Aase toter Fische und retten es von dem tötenden Dunste der Fäulnis. Also auch der Schmerz. Wie er auch mit seinen furchtbaren Flossen unsere Brust peitscht, dass es zum Himmel spritzt; so reinigt er doch unser Herz von den verpesteten Dünsten, die Zorn, Neid, Rachsucht und tausend andere Leidenschaften darin zurückgelassen haben. Wohl wühlt er unbarmherzig in unserem Innern; aber er gleicht dem Spaten des Bergmannes, der die reichsten Goldadern im Schoße der Erde entdeckt; – ein neues, längst verschüttetes Herculaneum steigt plötzlich ans Licht, eine Welt von Wundern erschließt sich; und indem wir mit ihm ringen, werden wir erst die kostbaren Schätze gewahr, die sich in der Menschenbrust gebettet haben. Er ist es, der den trägen Schläfern das »Erwache!« zudonnert, und geschäftig, gleich Bienenschwärmen, kreuzen sich Gedanken und Empfindungen in dem früher so wüsten Raume. Wohl gibt uns der anfangs überlegene Feind viel zu schaffen; doch an seiner Kraft stählt sich unsere Stärke; zum riesigen Kampfe aufgefordert, stehen uns auch außerordentliche Mittel zu Gebote, und wie die Lawine im raschen Sturze sich immer vergrößert, indem zum kleinen, unbedeutenden Schneeflocken sich Myriaden seiner Brüder gesellen, so vergrößert sich auch die Sicherheit unsers Innern durch die Aufforderung von außen. Unsere frühere stille Welt ist zwar zerstört; unsere geweckten tatkräftigen Gesinnungen hingegen schaffen sich neue Welten. Das früher unfruchtbare, brachgelegene Feld unserer Gedanken wird neu bebaut; mit schaffendem, emsigen Fleiße wird jedes Plätzchen urbar gemacht, um jetzt, durch unser eigenes Selbst, das in uns nun üppig blühende Leben zum keimenden, wuchernden und reifenden Saatfelde zu gestalten.

Nur im Schmerze beurkunden wir unsere göttliche Abstammung. Durch seine Gluten geläutert, gleichen wir dem Demant an Glanz und Klarheit; – die unreinen Schlacken unsers Innern hat sein Feuer verzehrt! Selbst die Freude, dieser ewige Antipode des Schmerzes, muss zur festeren Gründung ihres Reiches den Schmerz als Grundlage nehmen, wenn nicht die Pfosten ihres Thrones wanken, wenn nicht Gewohnheit und Stumpfsinn bald die Säulen ihres Palastes zernagen sollen! – Im Schoße des Glückes reift der Mensch keiner Vollkommenheit entgegen. –

Kein Schmerz, und wäre er der höchste, dauert ewig; die Zeit gleicht der Baumwolle, die um den Pfeil sich legt und auch die schärfste Spitze abstumpft und überwindet. Der überwundene Schmerz aber hat sich zu einem andern Wesen in unserem Innern gestaltet. Gleich der Raupe hat er sich eingesponnen, und von seinem Dasein gibt nur die Schwermut Kunde, die mit ihrem grauen Nebelschleier (sein Kokon) ihn bedeckt und deren milden Reflex wir so oft als Stempel höheren Seelenadels auf dem bleichen Menschenantlitze bewundern. Das Leben wird erst unser, wenn es sich wieder erzeugt in unserm Innern. Der Schmerz ist der edelste Reiz, der uns gleichsam zum Wettkampfe auffordert, die Verheerungen unsers Innern durch neues Leben zu ergänzen; – und er ist es wieder, der Herz und Geist mit seltener Produktivität begabt. Nennet ihn daher nicht den Verheerer, den Würgeengel unseres Lebens! – Er erschließt uns neue, unversiegbare Lebensquellen, lässt unsern Sinn zu jener Reife und Vollkommenheit gedeihen, durch welche Erdenleid und Erdenschmerz leicht besiegt werden, und bereitet uns endlich würdig zur letzten Katastrophe vor, wo aller Kampf und alles Mühen ein Ende hat und wo wir, Erdenleid und Erdenfreude tief unter uns lassend, das endliche Ziel unserer Wanderung erreichen.


Textnachweis
Aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 16, 5. Februar 1838, S. 66. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Ehret die Frauen!

von Charlotte Löw

Auf, meine teuren Schwestern! Heran zu mir, unter meiner Fahne sollt ihr euch versammeln! Mit starker und kräftiger Hand will ich sie schützend über eure Häupter schwingen. Einer zweiten Wlasta gleich, will ich euch mit scharfen Waffen versehen, mit Waffen, gegen die eine Toledo-Klinge stumpf wie ein Beil, gegen die ein echter Damaszener ein schwerfälliger Dreschflegel sein soll. Lasst uns kämpfen gegen das Los der Erniedrigung und Bedrückung; stolz wollen wir uns erheben, wie der königliche Aar, der, im blauen Äther kreisend, die Kraft seiner Schwingen wachsen fühlt, je mehr er sich der Himmelskönigin – der Sonne – nähert. Unsere Waffe sei: Vernunft; unser Feldgeschrei: Anerkennung; und die Schutzgöttin unseres Heeres: die Ausdauer. Sie, die weiblicher Abkunft ist, wird schützend und schirmend unserem Heere voranziehen; in ihrem Schutze werden wir all die Unbilden rächen, die uns seit so viel hundert Jahren von unseren Widersachern, dem Männergeschlechte, zugefügt wurden. Die beiden Reiche: Liebe und Treue sind unsere Verbündeten. Und so wollen wir es denn im offenen, redlichen Kampfe versuchen, wollen uns das durch die Kraft unsere Waffen erringen, was Vorurteil und alte Gewohnheit uns vorenthalten!

Sagt mir, ihr, die ihr euch die »Herren der Schöpfung« nennt, was euch berechtigt, unsere geistige Freiheit in Fesseln zu legen, uns gleich dem Prometheus am Felsen anzuschmieden, uns gleichsam nur als Mittel und euch als Zweck der Schöpfung zu betrachten? Etwa darum, weil die Fackel der Vernunft ebenso hell unserem Geiste strahlt als dem eurigen? Prometheus beging nicht für euch allen den Raub; nicht für die eine Hälfte der Menschheit stahl er das göttliche Feuer vom Himmel; nicht für die eine Hälfte litt er unsägliche Qualen. Den himmlischen Raub verteilte er brüderlich in gleiche Teile; und nur in eurer physischen Kraft, in dem, was der Erde angehört, steht ihr über uns: Geistig können wir uns immer mit euch messen. Sagt mir, ihr freien Herren der Schöpfung, ob ihr von euren Begierden und Leidenschaften nicht abhängiger seid als das in euren Augen so schwach dastehende weibliche Geschlecht! Wenn durch die leiseste Anregung von außen Zorn und Heftigkeit euer Gemüt ergreift, flüchtet sich das schwache Weib, schwach durch seine physische Schwäche, unter die Fittiche ihrer sie stets begleitenden Genien: Sanftmut und Geduld; und siehe da! der brüllende, zürnende Löwe wird zum ruhigen, freundlichen Schoßhündchen und lässt sich herab, Abbitte sogar da zu tun, wo vielleicht einmal das Recht auf seiner Seite war. Wie oft geschah es, ihr Herren der Schöpfung, dass unsere stille Klugheit da Triumphe feierte, wo ihr mit all euren rastlosen Anstrengungen nichts zuwege brachtet! Wie oft gelingt einem Blicke der Milde von uns, das zu bewerkstelligen, was euch durch hartnäckiges Drohen und durch das ewige Pochen auf euer Recht versagt wird! Ein sanftes Wort aus unserem Munde, ein freundlich bittender Blick aus unseren Augen: und in dem soeben schwer erbitterten Gemüte legen sich die Wogen der Aufregung; der Sturm, der soeben die mannhafte Brust durchtobte und zum Orkane heranzuschwellen drohte, hat dem lauen Westwinde Platz gemacht. Und all diese Wunder vollbrachte ein sanftes Wort, zu seiner Zeit gesprochen! Somit ist es von jeher nur den Frauen vorbehalten, die Tugenden Geduld und Sanftmut den rohen Ausbrüchen des Zornes und der Heftigkeit des männlichen Geschlechtes entgegenzuhalten.

Sagt mir, ihr, die ihr euch zu Richtern unserer Handlungen aufwerft, ob ihr die Tränen auch zählt, die, ungesehen von euch, so oft im Auge zerdrückt werden? Sagt, ob ihr die höhere Tugend, die nur in einer Frauenbrust ihre Wohnstätte aufschlägt, die Tugend der Ergebung und Selbstverleugnung, hegt, ob ihr sie nur zu würdigen versteht? Wieviel solche Dulderinnen traget ihr zu Grabe, deren Haupt im Leben wundgedrückt wurde von der Dornenkrone des stillen, verschwiegenen Leides! Als Immortellen schlingen wir um ihre kalten Schläfen den Siegeskranz, den wir erringen werden, den wir erringen müssen, wenn Ausdauer im Guten je den Sieg davontrug. Die Blumen: Sanftmut, Geduld, Ergebung und Selbstverleugnung wollen wir auf ihre Gräber pflanzen. Und wenn der Keim in Wurzeln schießt; wenn diese Gewinde gleich Schlingkraut Gedeihen finden und allmählich in die Höh’ sich ranken; dann mögen sie zu euren Ohren sprechen und euch mahnen an die, welche ihr im Leben verkanntet!

Alle diese Vorzüge, die ich hier aufzählte, müsset ihr uns zugestehen; doch sollten sich nicht auch unsere geistigen Vorzüge mit den euren messen können? Im Gebiete des wahrhaft Großen und Schönen werden gewiss glänzende Meteore am Himmel der Frauenwelt aus dem Weltbuche euch entgegenstrahlen. Oder brauche ich euch erst zu erzählen von Virginia und von der Mutter des Coriolan? Oder ist euch etwa jene Elisabeth unbekannt, unter der England sein goldenes Zeitalter sah? Mit welchen unabsehbaren Beschwerden, mit welchem Faktionsgeiste hatte sie zu kämpfen! Auf vulkanischem Boden, der von Revolution und Parteigängern untergraben war, wusste sie den Thron fest und ungehindert zu behaupten, mit starker und geübter Hand das Staatsruder zu leiten und – ihrer geistigen Überlegenheit sich bewusst – auch ihre Freiheit zu bewahren. Und ist ihr Geist etwa erloschen? Beherrscht nicht auch eben jetzt eine 18jährige Jungfrau das stolze Albion?

Wollen wir im Gebiete der Künste und Wissenschaften uns ergehen: Schulen und Kollegien sind uns verschlossen, das öffentliche Leben kennen wir nur wie aus Zaubermärchen und vom Hörensagen; denn ihr habt ja genugsam dafür gesorgt, dass unser Ruf, und mit ihm auch unser ganzes irdisches Glück, zugrunde geht, wenn wir dem öffentlichen Leben uns anschließen würden. Aber trotz diesem unübersteigbaren Wall von Hindernissen ist es doch schon vielen meiner Schwestern gelungen, einen Lorbeerkranz um ihren Namen zu flechten, obgleich ihre Richter – Männer waren.

Und doch gehören wir nicht vor euer Tribunal! Wir fühlen und denken anders als ihr, müssen daher auch anders handeln! Bei euch ist der Gedanke der Keim des Gefühles; bei uns ist das Gefühl der Keim des Gedankens. Mit jedem Pulsschlage umsegeln wir das Eiland eures Denkens; unser Gefühl ist ein Kompass, der nicht trügt. Mitten durch Klippen und Sandbänke zeigt er uns den gebahnten, fahrbaren Weg. Mit all eurem gepriesenen Denken könnt ihr oft Wogen und Brandungen nicht vermeiden, während wir, in unseren richtigen Takt eingehüllt, gefahrlos auf offenem Meere uns einschiffen können. Vor euer Tribunal gehören wir nicht; denn ihr richtet mit dem Verstande unser Tun und Handeln, und unser Lieben und Leben will nur mit dem Herzen gerichtet sein.

Darum, meine teuren Schwestern, wollen wir uns nicht länger mit schmeichlerischen Hoffnungen trügen! Wir haben zu lange auf ihre Anerkennung geharrt, um noch länger zu harren. Dieses Geschlecht nennt sich das »starke«, aber es ist nur stark in Schwachheiten, so wie es nur konsequent in Inkonsequenz ist. In der Liebe sind sie meist ohne Treue; in der Treue – oft ohne Liebe. Kopf und Herz leben stets in Zwiespalt; was das eine will, ist dem anderen ein Gräuel. Sie geben vor: unsere Liebe sei ihrem Herzen das Teuerste; und doch will ihr Geist sich über uns erheben! Sie prahlen: sie ständen von der Natur über uns gesetzt; und doch liegen sie oft als Sklaven zu unseren Füßen! Es ist ein Geschlecht voll Widerspruch! Es will über uns urteilen und begreift gar nicht uns, die wir stets ganz sind, bei denen Herz und Geist stets eins sind und eine Richtung haben. Nein, meine Freundinnen! Von diesem Männergeschlechte, so wie es jetzt ist, können wir keine Anerkennung erwarten. Wir müssen uns ein neues Geschlecht heraufbeschwören; Vergangenheit und Gegenwart müssen wir aufgeben, auf die Zukunft nur unser Augenmerk richten; – wir müssen uns erst Richter erziehen!

Unter uns gestanden, meine teuren Schwestern! An einem großen Teile der Ungerechtigkeiten, die uns von den Männern zugefügt wurden, sind wir selbst schuld. Warum haben sich die Frauen die Erziehung ihrer Söhne aus den Händen nehmen lassen? Die Erziehung ist weiblichen Geschlechtes und gehört der Mutter zu. Unser Geschlecht war aber schwach genug, sich dieses wichtigen Einflusses zu begeben. Kein Wunder, wenn die Vorurteile gegen uns sich vom Vater auf den Sohn verpflanzten! Im Mittelalter, wo der Knabe bis zum 15. Jahre unter der Obhut der Frauen stand und in der Minnesitte und zarter Tugend von ihnen unterrichtet wurde, da blühten auch Galanterie und Ritterlichkeit. Die Frauen wurden geehrt, ihre Tugenden anerkannt, in Wettgesängen und Wettkämpfen verherrlicht und ihre Gunst als das höchste Gut gepriesen. In unserem zivilisierten Jahrhunderte, wo die Knabenerziehung den Männern überlassen ist, werden dem Zöglinge bald alle jene Unarten gegen unser Geschlecht von seinem Lehrer eingeflößt, mit welchen dieser wieder von dem seinigen erzogen wurde. Und fürwahr! hätte der gute Schiller uns nicht vernünftigerweise besungen, ich glaube: es wäre kein Vers – als von lauter verrückten Liebhabern – auf uns gemacht worden. Und Schiller! – Man weiß, welchen Einfluss seine Mutter auf ihn hatte.

Darum, meine Schwestern, wollen wir von nun an ein so wichtiges Mittel, uns Achtung und Anerkennung zu verschaffen, nicht so leicht uns aus den Händen nehmen lassen; wir wollen die Erziehung unserer Söhne mit leiten! Was können die Männer dagegen einwenden? Mögen sie immerhin durch die Kraft der Verhältnisse imstande sein, den Geist eines Knaben heranzubilden: Herz und Gemüt erhält sein Gepräge am schönsten von der weichen Hand der Frauen. Darum wollen wir in die zarte Brust des Knaben jene lieblichen Keime legen, die unseres Geschlechtes Erbteil sind: Sanftmut, Zartsinn, Liebe und Treue! Wir wollen sie pflegen, dass sie feste Wurzel fassen! Und wenn dann der Knabe zum Manne wird, hinausgestoßen in den frostigen Winter des Lebens, dann werden die Blüten jener Keime ihn erquicken und vor Erstarrung schützen, und dankbar und huldigend wird er sich jenem Geschlechte nähern, dessen edle Eigenschaften er in sein Blut eingesogen hat. Er wird dessen Tugenden verehren; Rohheit und Unsitte werden verbannt sein; und ihre Verbannung ist der Triumph und die Emanzipation der Frauen. Darum auf, meine Schwestern! Rasch zur Tat, die Waffen zur Hand genommen, das Banner entfaltet! »Erziehung« ist das Losungswort!

Gegeben im Reiche unserer Verbündeten: Liebe und Treue.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., Nr. 151, 18. Dezember 1837, S. 621–622. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Nadelstiche

von Charlotte Löw

9. Oktober 1837

Man hat die Frauen oft mit Schmetterlingen verglichen; warum nicht mit Bienen? Wenn sie so an ihrem stillen, traulichen Nähtischchen mit ihrer Arbeit beschäftigt sitzen, wie sehr gleichen sie dann einer Biene! Nicht des Fleißes, auch nicht des Stachels wegen, den sie in Händen haben, sondern weil sie dann mit ihren Gedanken so gern in bunten Schwärmen ausfliegen und sich auf einen Gegenstand niederlassen, von dem sie erst nach vielem Schütteln und Rütteln wieder loszubringen sind. Wer ihr Wachs bei solcher Gelegenheit zu sammeln versteht, der kann ein Licht daraus bekommen, welches das Innere manches Herzens vor seinen Blicken erhellt. –

Man sagt, die Freude hat Flügel. Wohl muss sie welche haben; denn sie ist ein Engel, eine Bewohnerin des Himmels. Nur ungern senden die Götter diese strahlende Fee zur Erde nieder, noch weniger gern trennt sie selbst sich von ihrer lichten Heimat. Darum ist ihr Flug so langsam und träge, wenn sie sich einem Sterblichen nähern muss; darum ist er so blitzschnell und unaufhaltsam, wenn sie davonfliegt. Anders ist es mit dem Grame. Er ist ein Bewohner der Finsternis, ein greiser Sünder, dem die Verdammnis der Unterwelt zuteilwurde. Die Erde mit ihrem Lichte ist für ihn ein Paradies, und wenn die Dämonen ihn mit seiner Sendung zu den Menschen schicken, da kann er seine Krücke nicht hastig, nicht eilig genug in Bewegung setzen. Darum ist er weit schneller im Kommen als im Gehen; er hat alle seine Kräfte im Herbeieilen verschwendet und ist daher umso langsamer beim Fortschleichen.

11. Oktober 1837

Stille Trauungen gleichen hastigen Mahlzeiten – sie sättigen, aber sie nähren nicht; dass sie in ihren Folgen schädlich werden können, das ist eine Ursache, weshalb man dafür warnen muss. Und doch nimmt die Mode, Trauungen ohne Feierlichkeiten, Hochzeiten ohne Gepränge vor sich gehen zu lassen, immer mehr und mehr überhand! Man nennt das einen Fortschritt der Bildung, während es ein Rückschritt der Klugheit ist. Es gibt gewisse Abschnitte im Leben, wo Gepränge und Feierlichkeit nötig sind, damit sie die Grenze beleuchten, damit wir nicht vergessen, dass wir die Marken unseres bisherigen Vaterlandes überschritten haben und in einem andern uns befinden, wo andere Gesetze und andere Rechte herrschen. Bei dem Manne, der in den Ehestand tritt, ist dies noch nötiger als bei dem weiblichen Wesen. Das Mädchen tritt aus dem Vaterhause in jenes des Gatten ein. Diese Veränderung ihrer Lage und ihres Standpunktes ist markiert und wichtig genug für sie, als dass nicht ihre neuen Pflichten mit jener Veränderung umso lebendiger Eingang bei ihr fänden und die Grenze, die um sie gezogen wurde, ihr stets in Gedächtnis riefen. Bei einem Manne aber ist die Ehe gewöhnlich nur eine Vermehrung seines Hausstandes; seine äußeren Verhältnisse bleiben gewöhnlich dieselben, ohne Umstaltung und Veränderung. Der Mensch aber ist nun einmal ein sinnliches Wesen, und solange er jene Hülle nicht abgestreift hat, durch welche allein die Eindrücke Zugang zu seiner Seele finden, solange muss er auch an den Eingangspforten den gebührenden Zoll erlegen. Darum, soll des Mannes Seele ergriffen werden von der Heiligkeit und Bedeutung seines neuen Standes, so darf ihm dieser nicht kahl und matt entgegentreten! Man behauptet, der Ernst und die Unverbrüchlichkeit der Ehe sei in unserem Jahrhundert schwächer als vor alters. Sollte dieses nicht auch seinen Grund haben, weil der Hochzeitstag, von Schmuck und Glanz entledigt, nicht würdig genug entgegentritt?

23. Oktober 1837

Die Männer sind doch manchmal in der Tat recht possierlich mit ihren Ansichten und Zumutungen dem weiblichen Geschlechte gegenüber. In einer unlängst erschienenen Schrift will ein Hr. Werner den Frauen durchaus das Reiten streitig machen, weil es nach seinem Ausspruche der weiblichen Zartheit und überhaupt der weiblichen Bestimmung entgegen sei. Ob das Essen wohl dem weiblichen Geschlechte erlaubt sein dürfte, davon schreibt Herr Werner zwar nichts; aber sollte nicht das Kauen unserer Zartheit entgegen sein? Und ist nicht die Bestimmung des Weibes zu dulden, und wäre es daher nicht ganz gerecht, dass wir auch den Hunger dulden sollten? – Das Reiten kommt uns Frauen nicht zu! – Wie, wenn wir nun den Satz umdrehen und behaupten wollten, den Männern sei das Fahren unzukömmlich, weil es der männlichen Kraft nicht zukommt, sich schleppen zu lassen, und weil es überhaupt seiner Bestimmung entgegen sei, so weichlich zu sein? Oder ist das Reiten auf einem lebendigen Rosse für eine Dame unanständiger als das Reiten auf einem Steckenpferde für einen Mann? Lasset uns immerhin dies kleine Vergnügen, ihr Herren der Schöpfung! Wir überlassen euch dafür jene edle Reiterei, wobei das Pferd den Herrn tyrannisiert; wir überlassen euch die – Steckenpferde. Seid doch gerecht und prüfet genau, wie selten diese Art Reitkunst bei den Frauen ist. Mann und Kind und Haushaltung, das sind die einzigen Steckenpferde des edlen Weibes (bei dem schwächeren kommt höchstens noch der Spiegel als das vierte im Bunde); der edelste Mann aber hat, neben Weib und Kind und Berufsgeschäft, noch eine ganze Stallung von Steckenpferden. Von dem minder edlen will ich gar nicht sprechen. Darum, meine Herren, drücket immer ein Auge zu und lasset uns reiten! Wir wollen zum Danke dafür beide Augen zudrücken.

Wie viel wird bei der weiblichen Erziehung vernachlässigt; selbst bei dem Unterrichte ist der Knabe vom Geschick schon begünstigt; wie sucht man nicht durch große Vorbilder seinen Geist, seine Phantasie zu entflammen! »Cornelius Nepos«, »Plutarch«, das sind die Bücher, welche man ihm in die Hände gibt; man führt ihn auf die Höhen und zeigt ihm glänzende Sternbilder und Namen, vor welchen die Erde sich bückt. Und dem Mädchen? »Marianne Strüf«. Ist das hinreichend, den Nepos zu ersetzen, hat das Weib keine höhere Bestimmung, als Teig zu kneten und schmutzige Wäsche aufzuschreiben? – Oder ist etwa unser Geschlecht so arm an großen Vorbildern? O, ich könnte euren vielgerühmten Helden und Weisen Weiber entgegenstellen, mit glänzenden Kronen auf dem Haupte und krönendem Glanze im Haupte, wüsste ich nicht, dass ihr sie wohl kennt! Aber, was sollen uns die Beispiele großer Regentinnen? Denket ihr, das Weib soll gehorchen und nicht herrschen, solche Beispiele könnten uns verderben? Aber wir haben ja auch Heldinnen, glänzendere und größere, als euer Plutarch sie aufzuweisen hat.

27. November 1837

Fast jede Frau betrachtet eine neue Männerbekanntschaft mit den Beziehungen der Liebe. Der Mann mag noch so reizlos und uninteressant sein, die Frau forscht überall an ihm. Ob nichts Liebenswürdiges an ihm aufzufinden sei, – und solange sie nicht vom Gegenteil überzeugt ist, wird ihr der Mann nicht völlig gleichgültig. Das Lieben und Geliebtwerden ist nun einmal unser Beruf! Natürlich ist es dabei nicht immer auf jene Liebesverhältnisse, oder was man im gemeinen Leben so zu nennen beliebt, abgesehen, sondern nur auf die Frage des Interesses oder der Gleichgültigkeit.

Die gewaltigsten Herrscher unseres Lebens sind unsere Gedanken; selbst im Schlafe sind wir ihnen dienstbar, selbst unsere Träume unterliegen ihrem Zepter. Dünkt es uns doch bisweilen, als streckten in die Träume sogar ganz fremde Mächte gebieterisch ihre Hände! Im Schlafe sehen wir Gedanken und Bilder ausgewachsen vor uns stehen, deren Anfänge wir kaum in unserem Herzen geahnt haben. Unsere Bildung wird nicht selten sogar in den Träumen verarbeitet, neu gerichtet und gewendet; unsere Selbstständigkeit ist zu Ende, aber unsere Kräfte sind gewachsen: Wir empfinden uns freudig oder schmerzlich als die unmittelbaren Werkzeuge höherer Gewalten. Vielleicht ließen die älteren Völker darum ihre Götter im Traume kommen und mit den Menschen reden! Vielleicht nennt man darum die begabtesten Menschen – die Poeten – Träumer, weil wir sie erfüllt sehen von göttlichen Worten und Gedanken, die ihnen nur direkt von der Gottheit gekommen sein können, im Schlafe und Traume! Wenn es ein Mittel gibt, die Zukunft zu erraten, so liegt es gewiss in den Träumen. Diese Kenntnis der Zukunft wäre aber gleich jener Frucht vom Baume der Erkenntnis, welche die neugierige Eva naschte und die ihr den Tod bereitete. Die Erfüllung ist der Tod des Wunsches, und wer nichts mehr wünschen und hoffen kann, der ist des Todes.

10. Januar 1838

Das Verhältnis des männlichen und weiblichen Geschlechtes gleicht dem Verhältnisse der rechten und linken Hand. Beide sind Zweige eines Baumes, beide sind an Gestalt gleich; aber das Vorurteil hat sie zu ganz verschiedenen Geschöpfen gemacht. Das Weib, und die Linke, werden von Jugend auf daran gewöhnt, ihrem Zwillingsbruder den höheren Rang einzuräumen. Der Mann, und die rechte Hand, beide lernen das Schwert führen, Gesetze schreieben und den Hammer schwingen; das Weib, und die Linke, werden nur zu den untergeordneten Beschäftigungen zugelassen. Man sagt: beide seien schwach; aber es ist nicht wahr! Durch die Schuld der Erziehung, durch den Mangel an Übung, durch das Entziehen jeder kräftigen Entwickelung sind sie geschwächt worden. Verbannt euer Vorurteil, und ihr sollt unsere Kraft anstaunen! Seht nur zu, wenn durch ein Unglück der rechte Arm abgehauen wird; seht nur zu, wie durch Gewohnheit und Übung die Linke ihn ersetzen macht! – Und gibt es nicht viele Menschen, welche die Herrschaft der linken Hand und das Hausrecht der Frau überlassen haben? Merkt ihr etwa einen Unterschied? – O, nur an eurer Erziehung liegt die ganze Schuld! Würdet ihr von Jugend auf den beiden Händen gleiche Beschäftigung einräumen, so würde auch die Kraft eine gleich starke. Aber ihr fürchtet, wenn ihr die Linke emanzipiert, eure Rechte darunter leiden zu sehen. Ihr wollt die Rechte als Oberhand behalten und drückt lieber ein Auge zu, wenn die linke Hand schwach ist und einen Missgriff sich zuschulden kommen lässt. – »Was die Linke tut, soll die Rechte nicht wissen!«, sagt ihr dann mit nachsichtigem Lächeln. – Verdorbenes Geschlecht! Glaubt ihr, die Götter nennen euch die Rechten? Euch, denen das Recht ganz fremd ist?

5. März 1838

Glückliches Männergeschlecht, dessen Herz noch ein anderer Beruf füllt als – die Liebe; unglückliche Frauen, deren Ein und Alles sie ist! Von der Wiege bis zum Grabe ist sie der Mond, der ihren Weg beleuchtet; und wie der Nachtwandler folgen wir den Strahlen dieses Mondes unbewusst und träumend bis zu den höchsten Zinnen des Lebens, bis zu den jähesten Abgründen des Unglückes. Wehe uns, wenn der Mond erlischt, wenn wir plötzlich aus unserm Traume geweckt werden! Wir sind unrettbar dann verloren; zerschmettert sinken wir zu Boden. Dem Manne aber ist die Liebe nur ein Stern; so lange er scheint, ergötzt er sein Auge an seinem Glanze; und wenn er untergeht, so blinken tausend andere ihm entgegen: Ehre, Ruhm, Humanität, Wissen und Tatenlust.

Warum gebärt in der Brust des Weibes die höchste Liebe oft den höchsten Hass? – Eben, dass die Extreme sich so berühren, ist ein Beweis, dass das Gefühl der Frauen zu einer weit höheren Spitze emporschwillt als das Gefühl des Mannes. Der Blitz wirft seinen verheerenden Strahl meist in die höchst gelegenen Türme und in die Wipfel tausendjähriger Rieseneichen, während die niedrig gelegene Bauernhütte und Blumenstaude davon verschont bleiben. Der Hass eines Weibes gleicht dem leuchtenden, schnell tötenden Blitze, weil seine Liebe eine Eiche ist; die Liebe des Mannes ist ein Krüppelholz; darum gleicht sein Hass dem langsam verzehrenden Kohlenfeuer, dessen Dasein sich unter der Asche tückisch verbirgt.

19. März 1838

Zu den Erbfeinden des weiblichen Geschlechts gehört – die Tinte. Die meisten Frauen wissen, welche Gefahr es ist, wenn ein Tintenfleck in das Weißzeug sich eingefressen hat. Man hat so viele Mittel vorgeschlagen, die Tintenflecke zu vertreiben: Zitronensaft und Kleesalz; aber erfahrene Hausfrauen wissen, dass diese Mittel über Kurz oder Lang die schlimmsten Spuren, nämlich: Löcher, zurücklassen. Aber noch eine andere Art von Tintenflecken gibt es, die den Frauen weit weniger bekannt sind, obgleich sie weit schädlicher und zerstörender sind als die gewöhnlichen. Ich meine jene Tintenflecke, die in das weiße und reine Gewebe der weiblichen Phantasie sich eingefressen haben; jene schwarzen Tintenflecke, die aus Romanen und ähnlichen Schriften in das leicht erregte Herz eines jungen Mädchens getropft werde. Hier hilft alles Reiben nichts; der Zitronensaft trauriger Verhältnisse, das Bittersalz des Zwanges verschlimmern das Übel und fressen Löcher in ein Herz, dessen Fäden allzu fein sind, um diesem Konflikte zu widerstehen. Solche Tintenflecke haben manches Gemüt zerrissen, wenn törichte Eltern mit Lauge, Seife und Bürste es zu reinigen versuchten. Nur Zeit und freie Luft können diese Flecke bleichen; nicht der Gewalt, der Sorgfalt nur werden sie weichen. Eltern und Gatten sollten dies bedenken und darnach sich richten.

»Bettinas Briefe an Goethe« mögen bei Männern Wohlgefallen, Bewunderung, Enthusiasmus erregen; das Gemüt der Frauen fühlt sich bei dieser Lektüre verletzt. Der Mann, sei es nun, dass er sie für eine poetische Fiktion oder als eine durchlebte Wirklichkeit betrachtet, genießt sie, wie man ein Kunstwerk genießt, ruhig und unbefangen. Der weibliche Sinn aber ist befangen und verwundet, wenn er sieht, wie unverhohlen Bettina ihre Glut gegen einen Mann ausspricht, der sie durch die abgemessene Kälte seiner Briefe gar nicht dazu auffordert. Geist und Gemüt sind zwei Engelsschwingen, die das Weib über die niedrigen Schranken der Verhältnisse erheben können; Frauenwürde und edle Weiblichkeit müssen jedoch dem Mittelpunkte eine Schwerkraft verleihen, sonst verwandeln sich die Engelsschwingen in Schwalbenflügel, deren Flug mehr der Erde als dem Himmel sich nähert. Darum haben in England, wo die Charaktere ausgeprägter und fester geschieden sind als bei uns und der britische Stolz den weiblichen noch erhöht, »Bettinas Briefe« eine so harte Verurteilung gefunden.

23. März 1838

Es gibt Männer, welche die Schmeichelei als eine Zauberrute betrachten, bei deren Berührung jedes weibliche Herz sogleich sich öffnen muss. Wohl sind die Frauen nicht von Eitelkeit ganz frei; aber eben diese Eitelkeit macht nicht selten ihre Brust gegen das Eindringen der Schmeichelei verschlossen. Frauen von Geist durchschauen die Absicht der schmeichelnden Männer und finden sich verletzt durch die Leichtgläubigkeit, die man ihnen zutraut.

Die Geschichte nennt die Namen so vieler Helden und nur so weniger Heldinnen; und dennoch übersteigt die Zahl dieser bei weitem die Anzahl jener. Die Welt hat nur den rechten Standpunkt der Beurteilung noch nicht gefunden. Man verbindet gewöhnlich mit dem Worte »Held« die Idee eines Menschen, der den Tod nicht fürchtet und der für die Sache, die seine Brust erfüllt, zu sterben bereit ist. Aber es ist viel leichter, für eine Sache zu sterben, als für sie zu leben. Tausende von Menschen würden für ihre Religion freudig in den Tod gehen; aber nach ihren Vorschriften zu leben, vermögen nur wenige über sich. Der eigentliche Held bewährt sich nicht darin, dass er den Tod, sondern dass er das Leben nicht scheut. Darin sind die Frauen groß und unübertroffen. Das stille, unbemerkte Leben mancher Frau ist eine Kette glänzender Heldentaten, und mancher Leidenstag ist das Siegesdenkmal einer Schlacht, in der so viele ruhmgekrönte männliche Helden unterlegen wären. Die Zahl männlicher Märtyrer kann die Geschichte aufzählen; für die Zahl der weiblichen sind ihre Blätter zu eng.

Ein Triumph, den unser Geschlecht sich in diesem an Aufklärung so reichen Jahrhunderte selbst bereitet hat, besteht darin, dass das Schminken in den höheren Kreisen der weiblichen Welt außer Mode gekommen ist. Die Schminke ist eine Erfindung, bei deren Gebrauch eine Frau nicht durch Kunst erröten soll, sondern aus Natur; während die Schminke die eine Wange bedeckt, sollte Schamröte die andere färben. Kaum sollte man es glauben, dass eine edle Frau ihre Würde so weit vergessen kann, zu solchen Täuschungen ihre Zuflucht zu nehmen um zu gefallen. Ein weibliches Wesen, welches sogar ihre Außenseite mit lügnerischem Firnisse zu bedecken nicht verschmäht, kann unmöglich eine günstige Meinung über ihr inneres Wesen erwecken; und in der Tat, alle die vorurteilsvollen Bemerkungen über die Falschheit des weiblichen Herzens, die wir in so vielen Büchern und von so vielen Männern aufgetischt bekommen, sind leicht zu verzeihen, wenn man eine geschminkte Frau zu Gesichte bekommt. – Warum sind die Männer zu stolz, durch solche Mittel unser Wohlgefallen erwerben zu wollen? Ist der Stolz des Weibes minder edler Art als der des Mannes? Zeigen und erklären wir uns nicht selbst als untergeordnete Geschöpfe, indem wir zu Mitteln greifen, die die Männer verachten? – Man sollte doch einmal in einer Gesellschaft geschminkter Damen Schillers »Würde der Frauen« lesen! Ich glaube, trotz aller Schminke würden die Gesichter in verschiedenen Farben spielen! – Schätzen wir uns glücklich, dass diese entartete Mode den Sonnenblicken unserer modernen Zeit weichen muss, und dass sowohl in Paris als in verschiedenen deutschen Städten die Sitte bereits begründet ist, dass jede Dame von Stand und gutem Tone es unter ihrer Würde hält, sich der Schminke zu bedienen! – Das ist ein großer Schritt zur wahren Emanzipation: zur Emanzipation unser selbst!


Textnachweis
Aus: Der (Wiener) Telegraph
II. Jg., Nr. 121, 9. Oktober 1837, S. 500.
II. Jg., Nr. 122, 11.Oktober 1837, S. 504.
II. Jg., Nr. 127, 23. Oktober 1837, S. 524.
II. Jg., Nr. 142, 27. November 1837, S. 586.
II. Jg., Nr. 5, 10. Januar 1838, S. 20–21.
II. Jg., Nr. 28, 5. März 1838, S. 116.
II. Jg., Nr. 34, 19. März 1838, S. 140.
II. Jg., Nr. 36, 23. März 1838, S. 148.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Ein Kindermärchen

von Aglaia von Enderes (1836–1883)

Draußen hinter dem Dorfe, wo die uralten Eichen und Fichten stehen und das hohe, zerbröckelte Felsstück liegt, mit dem vielen weichen grünen Moos darauf, dort lag vor Jahren und Jahren ein großer, dunkler Wald. Das Dorf war damals noch viel kleiner, als es jetzt ist, und viel stiller, und wenn des Abends die Glocke vom Kirchturme läutete, dann hallte das von dem Felsstücke und dem Walde ganz tönend wider, so dass man meinte, das Glockengeläute käme von dort herüber. Damals stand dort im Walde ein winziges, zausiges Häuschen. Es war nur aus Baumrinde, Erde und Holz gemacht; ganz nieder, braun und grün sah es aus; denn das langhalmige Waldgras wuchs in wehenden Büscheln aus allen Fugen hervor, die Schnecken krochen daran auf und nieder, und nicht selten huschten im Frühlinge und Sommer die Vögel zwischen den Gräsern ab und zu und spielten Verstecken.

In diesem Häuschen aber wohnte ein kleines, uraltes, verhutzeltes Männchen; das war selbst so braun und so knorrig, als wäre es aus Baumrinde gemacht, mit einem langen, langen Barte und zwei funkelnden, blitzenden Augen, die ernst und klug aus dem verschrumpften Gesichte schauten. Es war eigentlich nicht heimlich anzusehen, das Männlein, wenn es so leise aus seinem sonderbaren Häuschen hervortrat, mit den dunklen Augen forschend in den Wald hinausspähte, als sähe es dort etwas, wo eigentlich nichts Besonderes zu sehen war. Es scheute sich aber niemand vor ihm; die Vögel blieben ruhig sitzen und sangen lustig fort, das Häschen hockte vor ihm nieder und schaute mit hochgespitzten Ohren das kleine, dunkle Männchen an und naschte dann unbesorgt weiter von den Blattknospen am nächsten Busche. Wer sich aber am wenigsten vor ihm scheute, das waren die Kinder.

Allabendlich kam eine ganze Schar mit dem Vesperbrot in der Tasche vom Dorfe zum Walde gezogen. Über die lange grüne Wiese, wo im Frühlinge die vielen blauen Veilchen wachsen und im Winter die schwarzen Krähen und Dohlen im funkelnden, weißen Schnee herumstolzieren, kam das kleine Kindervolk hergepilgert. Aber nur im Frühlinge, Sommer und Herbst; im Winter war der Wald im Schnee begraben, und die Hütte und das Männchen wohl auch; die Mütter und Väter sagten das und die Kinder blieben zu Hause. – Dafür aber, wenn die schöne, die warme Zeit kam, wenn der Wald im dunkelgrünen Kleide prangte und der weiche Moosboden voll duftender Blütchen stand, dann saß die ganze Kinderschar draußen unter den uralten Bäumen kunterbunt durcheinander, und ihr gegenüber, auf einem alten, umgestürzten Weidenstamme saß das Männchen und erzählte. Keines der Kinder rührte sich, alle die bausbackigen, roten Gesichter schauten unverwandt auf den kleinen Mann, keines der braunen und blonden Köpfchen bewegte sich, höchstens dass sie manchmal bejahend nickten, wenn ihnen der Alte ihre Zustimmung abverlangte.

Es war aber auch ganz merkwürdig, was das Männchen alles wusste, und wie es von jedem Dinge eine lange, erstaunliche Geschichte zu sagen hatte. Es wusste, wie die Sonnenstrahlen fliegen, wie ihr herrliches, funkelndes Schloss aussieht, aus dem sie jeden Morgen in die Welt hinausziehen, wie lange die Schleppe ihres goldenen Gewandes und wie viele blitzende Edelsteine darüber gestreut sind. Es hatte den Wind gesehen, die Nacht mit den dunklen Augen und dem bleichen Gesichte und den Morgen, wie er lachend von einem Sterne zum anderen sprang, bis er der Sonne in die offenen Arme fiel. Vom Feuer, vom Wasser wusste es zu erzählen, von den kleinen Wurzeln unter der Erde, vom Würmchen, das unter der Baumrinde begraben lag, und von dem Fledermäuschen, das mit zuckenden Flügeln unter der alten Fichte auf und nieder flog. – Manchen Tag gab es ernste Geschichten oder traurige, manchen Tag gab es so lustige, dass die ganze Kinderschar in jubelndes Gelächter ausbrach, so dass es weit in den dunklen Wald hineinschallte. Das Männchen aber saß stille auf dem Baumstamme und erzählte fort und fort und fuhr mit den Händen durch die Lüfte und schaute mit den blitzenden Augen rundum, und die Worte kamen eines um das andere; der Erzähler hatte nicht nachzusinnen, nichts zu bedenken; es war alles so, wie er sagte, und die Kinder wussten das. Bei dem Erzählen war es den kleinen Horchern immer, als weinte und lachte der Alte mit ihnen, als jauchzte er mit ihnen oder könnte er vor Schluchzen nicht sprechen, aber dem war nicht so; das Jauchzen und Schluchzen lag nur in seinen Worten, er weinte und lachte nicht mir, sondern saß zusammengekauert und schaute mit den dunklen Augen über die Kinderköpfe hinüber, tief, tief in den finsteren Wald hinein.

Und so saßen die Kinder; und wenn die Sonne unten war, und in irgendeinem hohen Baumwipfel ein Stern sein Silberlämpchen hing, dann schwieg der Alte plötzlich stille, die Kinder krabbelten vom Boden auf und flüsterten leise: »Gute Nacht.« – Das Männchen aber regte sich nicht und ließ den Kopf auf die Brust herabsinken, als rüstete es sich zum Schlafe.

Die Kinder aber gingen Hand in Hand zwischen den Baumstämmen durch, bis sie draußen im Freien waren, auf der großen Wiese, auf der die Tautropfen im Mondlicht blitzten. Über die jagten sie dann dem Dorfe zu, immer schneller und schneller, während die Käuzchen vom Waldrande herüberschrien und die Nachtschwalben, über den Büschen, ihre gaukelnden Tänze hielten.

Wenn man aber des Nachts nach dem Walde schaute, dort wo die winzige Hütte hinter den Eichen und Fichten verborgen stand, so sah man oft plötzlich hinter den Bäumen eine himmelhohe Feuergarbe aufsteigen, ein Funkenregen blitzte zwischen den Zweigen nieder, und ein Klingen und Klirren, ein Hämmern und Feilen, ein Pochen und Schlagen ertönte, wie von kleinen Silberhämmern, die auf einem silbernen Ambos niederfielen. Die Bäume standen dann wie in Verklärung, so rot und goldig angeleuchtet, und die Luft war voll von dem feinen Glockentone. Aber wer vom Dorfe das sah oder hörte, der schlich ganz leise nach Hause; denn er wusste, der Alte arbeite draußen im Walde, und es bringe Tod und Verderben, wollte man ihn dabei belauschen.

Und so ging es seit undenklichen Zeiten fort. Die Sage erzählte, dass einst draußen im Walde ein ganzes Volk solcher Männlein gehaust; fleißig und tätig, in Frieden mit dem Dorfe, einsam und vergnügt; bis man den Wald zu lichten begonnen, die sonnigen Felder ringsher immer breiter und größer wurden, und der Waldrand immer tiefer hineinrückte. Mit den fallenden Baumstämmen lichtete sich das Volk der Zwerge; immer wenigere und wenigere wurden von ihnen, und als man zuletzt den großen Eichenstamm umbrach, den man weit in das Tal hinaus sehen konnte, da waren sie alle verschwunden, alle, bis auf den einen. Der tummelte sich einsam und trübselig zwischen den Zweigen des gefallenen Baumes herum und trug Ästchen, Eicheln und Zweige zusammen, und sammelte die bemoosten Rindenstücke, die zerschmettert am Boden lagen, und baute die Hütte zwischen den Stämmen aus Holz und Erde auf. Dabei aber sah der kleine Mann so finster und traurig darein und hob und senkte so verzweifelt die Arme, dass die Leute sich zu fürchten begannen und scheu und ängstlich den Zwerg gewähren ließen.

Seither steht der Waldteil unberührt, die Erwachsenen meiden die Bäume und die Stelle, und nur die Kinder gehen hinaus und hocken dort nieder und kommen mit glühenden Wangen und blitzenden Augen nach Hause. Und die Eltern lassen sie ruhig gewähren; denn auch sie sind als Kinder draußen gewesen und haben die schönen, die wunderbaren Geschichten gehört, und auch ihre Eltern und Großeltern und Urgroßeltern; ja das war nun schon sehr lange her; kaum mehr zu denken.

Aber außer den Geschichten hatte der Alte noch andere Freuden, mit denen er die Kinder glücklich machte. Alle Jahre im Spätherbste, wenn das Laub zu fallen begann und die Wildgänse langsam mit eintönigem Rufe über den Wald hinzogen, dann sagte der Alte abends, wenn er mit seiner Erzählung zu Ende war, zu einem der Kinder: »Morgen abends werde ich dir eine Freude machen.« Und wenn er das sagte, dann sprang der kleine Beglückte himmelhoch, denn das war dann eine wirkliche Freude, die ihm bevorstand, und ein Beweis, dass der Alte mit ihm vor allen anderen den ganzen Sommer über zufrieden gewesen.

Dieselbe Nacht aber sah man das Feuer zwischen den Bäumen lodern und hörte das Hämmern und Pochen, und am nächsten Abende waren die Kinder nicht draußen im Walde, sondern liefen alle zu dem kleinen Kameraden, dem der Alte gestern für heute eine Freude versprochen; und da fanden sie dann immer irgendeine Bescherung, irgendein Spielzeug, das ganz merkwürdig, ganz sonderbar war, so wie man es nirgends zu kaufen bekommt, selbst in der größten Stadt nicht.

So hatte einmal eines der Kinder einen Stein bekommen, ein raues Stück Fels, mit etwas Moos darauf, und einen kleinen Farrenbüschel. Das Felsstückchen lag auf dem Fenster, niemand wusste, wie es dahin gekommen, und das Kind sah es trübselig an, und wendete es nach allen Seiten; es hatte sich eine glänzende Bescherung erwartet, und nun hatte es nichts bekommen als ein bemoostes, knorriges Stückchen Stein. Aber wie es das Ding so wendet und drehte, da sah es unter dem Moos einen schmalen kleinen Spalt, und aus dem kam ein eigentümliches, zitterndes Licht hervor, und als das Kind neugierig besser hinsah und den Stein ganz dicht an das Auge hielt, da sah es, zu seinem Erstaunen, in einen ungeheuren Raum hinein, in dem es fast ganz dunkel war und nur von Zeit zu Zeit aufleuchtete. Und gleichzeitig hörte es ein Rauschen und Brausen, ein Zischen und Tosen wie von stürzenden Wässern, und eine kühle, feuchte Luft drang aus dem Steine hervor.

Aber da wurde es plötzlich drinnen licht und helle, hohe Felsen wurden sichtbar und tiefe Abgründe, grausige Steinzacken, die wie Berge hinausragten; und von hoch oben, von der höchsten Spitze, toste ein Wildbach in die Tiefe hinab; erst sprang er in einem weiten Bogen von der Höhe herab, dann zerschellte er bald rechts, bald links an den Steinen, fiel in glänzenden Strahlen und Tropfen auseinander, und stürzte dann brausend und blitzend in den Abgrund hinab. Zwischen den Steinzacken und Felsen glimmte aber plötzlich bald da, bald dort ein Fünkchen an, bald da, bald dort zitterte ein Lichtchen, und von allen Seiten kamen kleine, winzige Männlein hervor, die hatten jeder ein Lämpchen am Gürtel hängen, ein Schurzfell vorgebunden und allerhand Werkzeug in den Händen, – Hämmer und Spaten, Schiebkarren und Beile, Meißel und Äxte, Stemmeisen und Zangen, und mit all dem machten sie sich ans Werk.

Das war nun ein Klettern, ein Schieben, ein Hämmern und Pochen, bald hoch oben, bald tief unten an dem dunklen Gesteine. Und wo sie hinschlugen, begann es zu glänzen, wo sie den Fels spalteten, blitzte es wie eitel Gold und Silber und Edelstein hervor. Von Zeit zu Zeit löste sich ein oder das andere Stück glänzenden Metalles unversehens los und fiel in die Tiefe; dann schlugen die Wellen hoch auf und hörte man das unten gurgeln und rollen, als wäre das Erz ins Endlose gefallen. Die Zwerge aber kümmerten sich nicht darum; sie kletterten und klopften, sie sammelten und schoben, sie bauten silberne Brückchen von einem Felsen zum anderen und trugen die herrlichsten Edelsteine zusammen. Wo man hinsah, rührten und regten sie sich; bald schlüpften sie in ein Felsloch, bald kamen sie hinter einer Steinzacke hervor, bald ritten sie weit draußen auf einer Felsenkante und hämmerten daran herum.

So war es drinnen in dem kleinen Steine, den das Kind in den Händen hielt und jauchzend seinen Kameraden zeigte.

Ein ander Mal wurde einem kleinen Mädchen ein wunderhübscher, winziger Apfelbaum beschert. Er stand wie festgewurzelt auf dem Fenster, Grashälmchen wuchsen an dem Stamme, goldgrüne Blätter glänzten an den Zweigen, und zwischen diesen lugten die herrlichsten rotbackigen Äpfel hervor. Das war ein Jubeln und Lachen! alle Kinder des Dorfes kamen herzugelaufen, alle wollten die Äpfel sehen und berühren und, wenn es anging, auch kosten; und sie wurden gekostet; das war ein köstliches Naschwerk. Sie waren wohl nicht groß diese Äpfel, höchstens wie eine Erbse, aber so süß, so duftend, so herrlich; Hunderte hingen an dem Bäumchen; einen durfte jedes Kind bekommen, mehr aber nicht; denn der Baum sah ja so wunderbar prächtig mit den roten Früchtchen aus. Die Kinder konnten sich nicht sattsehen und saßen bis zum Abende davor und schauten in die grünen Zweige hinein. Aber da schüttelten sich plötzlich die Äste, der Wipfel bebte, als wäre ein brausender Windstoß durch denselben gegangen, und eine Menge Äpfel fielen in das Gras unten am Baumstamme hinab. Die Kinder machten sich jauchzend darüber her und begannen zu sammeln und zu schmausen, was von oben herunterfiel. Aber das kleine Mädchen jauchzte nicht mit, sondern schaute mit angstvollen Blicken auf sein liebes Bäumchen hin, von dem ein Apfel um den anderen herabfiel, während die Zweige zitternd bebten. Die schönen grünen Blättchen begannen sich zu entfärben, sie wurden rot, gelb und braun und hingen endlich dürr und trocken an den Zweiglein und fielen, wie vom Winde verweht, leise wirbelnd und zitternd in das Grab herab.

Die Kinder schauten verdutzt auf den dürren, kahlen Baum und gingen still nach Hause. Das kleine Mädchen saß bis spätabends in einem Winkel der Stube und schluchzte und weinte, dass sein liebes Bäumchen gestorben sei. Und in der Nacht konnte es nicht schlafen; es war ihm gar zu weh zumute, und als der Mond so freundlich hereinschien, da stand es ganz leise auf, um noch einmal nach seinem dürren Bäumchen zu sehen. Aber, was war mit dem vorgegangen? – Das war ja weiß überzuckert mit weichem, glänzendem Schnee, und feine winzige Flöckchen fielen noch immer darauf nieder und hüllten alle Ästlein ein und alle Zweige, und das Gras unten am Baumstamme. Und das glitzerte und flimmerte alles wunderbar im Mondlichte; jede Flocke war ein Sternchen, und jedes Sternchen flunkerte wie ein Edelstein.

Das kleine Mädchen saß die ganze Nacht und schaute dem Schneefalle zu, und wie sich kleine weiße Hügel auf den Zweigen aufbauten, und wenn sie recht hoch und spitz waren, plötzlich herabfielen in das überschneite Gras. Aber nach und nach hörten die Flocken auf zu fallen, die Äste zitterten und rüttelten sich wie im Winde oder als hätten sie geschlafen und wollten nun erwachen. Der Schnee fiel erst herab, dann begannen die Zweige zu tropfen, als regnete es hinein, und als es Morgen wurde und die Sonne zum Fenster hereinleuchtete, da waren alle Flocken verschwunden, und statt der Schneesternchen glänzten grüne und weiße Knöspchen an den Zweigen; und die wuchsen und wurden immer größer und größer, und nach einigen Stunden waren sie alle offen und aufgebrochen, und das ganze Bäumchen prangte und duftete in Blütenschnee. Die Sonne leuchtete hinein, winzige Käferchen, wie Sandkörnchen so klein, kamen in grünen und goldenen Paraderöckchen angeflogen, niedliche Bienchen summten, und zwei Vöglein, jedes so groß wie eine Fliege, schlüpften zwischen den Zweigen auf und nieder und zwitscherten und sangen sich leise Lieder vor.

Aber die Blütenblättchen fielen ab, die Baumblätter wuchsen, und die Fruchtknöspchen wurden größer und größer; erst waren sie grün, dann gelb, und endlich wurden sie rund und glühten in purpurnem Rot als prächtige herrliche Äpfel zwischen dem grünen Laube hervor.

So fanden die Kinder vom Dorfe den Baum, als sie nachmittags zum Besuche kamen. Das kleine Mädchen aber ließ sie pflücken und ernten nach Herzenslust; es wusste ja, dass für das Bäumchen der Herbst gekommen, und dass heute Nacht wieder Winter und morgen Früh wieder Frühling wird.

Nicht alle Kinder im Dorfe bekamen Geschenke; jedes Jahr nur eines von ihnen, dasjenige, welches in der Schule am besten gelernt hatte, sich im Hause am artigsten und freundlichsten betrug, keine Blumen köpfte, keine Vogelnester ausnahm, draußen im Walde am aufmerksamsten zuhörte und die Geschichten am besten im Gedächtnisse behielt. Der kleine Mann wusste genau, was drüben im Dorfe, auf der Wiese, im Felde und in der Schule geschah, und wenn er des Abends eines der Kinder finster ansah oder ihm gar mit dem braunen, knochigen Finger drohte, dann wusste es jedes Mal genau, warum das geschah, und schlich beschämt von dannen. –

Das war im letzten Jahre dem kleinen Hans gar oft geschehen. Hatte er die Schule gestürzt, die Hofhühner gejagt, seinen Kameraden irgendeinen Schabernack gespielt, so suchten ihn am Abende die Blicke des Alten und erhob sich drohend die hagere Hand. Hans mochte sich noch so weit hinten verkriechen, hinter dem letzten Kinde im Grase hocken, die zwei dunklen, forschenden Augen fanden ihn heraus und schauten ihn drohend an. Hans fürchtete den Alten, und er wäre vielleicht schon längst fortgeblieben, hätte ihn nicht immer wieder die Neugierde hinaus in den Wald gelockt. Erst waren da die schönen Geschichten, die so wunderbar klangen, und die Hütte des Alten und die sonderbaren Werkzeuge, die ringsumher lagen und die niemand berühren durfte. Ein paar Mal hatte es Hans schon versucht und war ganz nahe an das Häuschen herangeschlichen und hatte das sonderbare Mauerwerk betastet; aber da hatte sich eine Waldschnecke, die daran hinaufkroch, plötzlich aufgerichtet wie ein Hase, der ein Männchen macht, und hatte ihn aus zwei großen Glotzaugen angestiert, und ein Grasbüschel, nach dem er griff, schoss feurige Strahlen hervor, so dass Hans verschüchtert sich wieder nach seinem Platze hinter den anderen Kindern schlich.

Da war ein anderer Knabe aus dem Dorfe, ein lustiges, fleißiges Kind, voll gutem Willen, freundlichem Sinne und einem lieben, treuherzigen Gesichte. Der sagte guten Morgen und guten Abend zu den Alten im Dorfe, mit den Jungen war er gut Freund. Wenn er plauderte, klang es fröhlich und freudig, und wenn er lachte, lachten alle anderen mit; draußen im Walde aber saß er immer stille und machte große Augen, wenn etwas gar zu wunderbar klang, und daheim erzählte er der Mutter, was er gehört und erlebt. Und zu diesem Knaben sagte der Alte eines Abends im Spätherbste: »Gute Nacht, Fritz, morgen sollst du eine große Freude haben.«

Der Kleine wurde über und über rot und riss die Mütze vom Kopfe und machte einen Kratzfuß, weil ihm im Augenblicke nichts Besseres einfiel; aber am Heimwege rannte er wie toll über die Wiese voran, dem Dorfe zu, und schoss wie ein Pfeil zu seiner Mutter in die Stube und fiel ihr um den Hals.

»Morgen bekomme ich eine Bescherung, Mutter«, jubelte er und rannte in den Hof, um es auch dem Vater zu sagen.

»Der Alte arbeitet draußen im Walde«, sagten die Leute, welche des Abends vom Felde heimkehrten; der Himmel war schon dunkel; die helle Feuergarbe stand hochaufgerichtet über den Bäumen, und das laute, silberne Klingen tönte vom Walde herüber. Alles ging zur Ruhe, das kleine Fritzchen lag im Bettchen und horchte auf das Klopfen und Pochen und konnte kaum einschlafen vor Freude für den morgigen Tag.

Auch der kleine Hans konnte nicht schlafen, auch er hörte das Klingen und Hämmern und sah vom Fenster das Sprühen von Feuerfunken, die über dem Walde aufflogen. Was geschah jetzt dort? Niemand konnte das sagen, niemand hatte je zugesehen. Wenn er jetzt so hinausschliche, ganz leise; niemand wüsste, dass er dort gewesen, niemand, selbst die Mutter nicht. Erst dachte er es bloß, dann stand er mit beiden Füßen außer Bette, dann schlüpfte er in seine Kleider, dann klinkte er die Tür auf und zu, und dann flog er wie der Sturmwind zum Dorfe hinaus. Draußen auf der Wiese lag kalter Tau und finstere Nacht. Aber Hans brauchte nicht zu tasten, er kannte seinen Weg. Die Käuzchen riefen rechts und links, der Herbstwind rüttelte die Bäume, und die Blätter fielen knisternd und rauschend zu Boden. Hans ging jetzt langsamer, die Feuergarbe leuchtete, das Hämmern klang immer näher und näher. Hans bückte sich zu Boden und schlich auf Händen und Füßen herzu.

Der Wald stand wie im Brande. Immer näher und näher kam Hans heran, hinter dem Brombeerbusche vorüber und hinter dem Eichbaume; dort wollte er bleiben, und dort blieb er auch, auf allen Vieren, mit weit offenen Augen und langgestrecktem Halse. Da gab es aber auch zu schauen.

Dicht neben der Hütte, mitten aus der Erde, schoss eine hohe, tanzenden Flamme empor, und rings um sie her loderten Tausende von winzigen Flämmchen wie Glühwürmchen aus dem Boden. Jedes Moospflänzchen hatte ein Feuerhütchen auf, alle Schnecken hatten in ihren Häuschen ein Lichtchen angezündet und sahen ganz glänzend und durchsichtig aus; von jeder Tannennadel an den Bäumen leuchtete ein Lämpchen, von jedem Steine sprühte ein Fünkchen hervor. – Und mitten in diesem Feuermeere, das die Hütte des Alten umgab, stand ein silberner Ambos, und vor diesem Ambos sprang der Alte ab und zu und hämmerte und formte und pflückte bald da ein Pflänzchen und hob bald dort ein Steinchen und fügte und beguckte und schwang bald etwas durch die Lüfte und knetete es zwischen den Fingern und benetzte es mit dem Munde und drehte es im Kreise herum. Das ging alles so schnell wie im Wirbel; Hans konnte nicht sehen, was der Alte eigentlich machte. Er kroch näher und näher, noch einen Schritt … da krachte ein Zweiglein unter Hansens Füßen; der Alte wandte sich wie ein Sturmwind um, seine zwei funkelnden Augen glühten wie zwei Flammen auf den Knaben nieder; dann hob er den Hammer und ließ ihn auf den Ambos niederfallen.

Ein furchtbarer Knall, wie ein Schuss, ging durch den Wald; die Flammen waren erloschen, die Nachtvögel flogen schreiend auf und schlugen mit den Flügeln, die Käuzchen kreischten draußen auf der Wiese, und dann war alles stille, ganz stille, im Walde draußen.

Der kleine Hans aber floh mit bleichem Gesichte und fliegenden Haaren dem Dorfe zu.

Am anderen Morgen gab es ein Laufen und Rennen vom Dorfe zum Walde und wieder zurück. – »Er ist fort«, sagten die Alten; »er ist fort«, schluchzten die Kinder. –

Im Walde lag die Hütte umgestürzt, verkohlt, verbrannt. Etwas Asche lag am Boden, ein gebrochener Baumstamm darüber, das war alles. Auf dem Baumstamme aber saß Fritzchen und weinte. Ihn hatte das doch am härtesten betroffen, wo blieb seine Freude für heute? Ach, er hatte vor Glück die ganze Nacht nicht schlafen können. –

»Ich weiß es, du kommst nicht mehr zurück, du guter Mann«, sagte er und hob ein wenig Asche auf, die er vor Tränen kaum sehen konnte. Mit dem Häuflein Asche in der Hand ging er des Abends heim. Ganz still und traurig ging er durch die Dorfgasse, alle Leute hatten die Türen zu; denn der kalte Herbstwind wehte über die Dächer. Fritzchen ging ins Haus und tappte im Dunklen nach der Stubentür und klinkte sie auf. Da kam ihm ein heller, glühender Lichtschein entgegen, und ein Hämmern und Pochen klang an sein Ohr, und als er vollends in die Stube rannte, da stand auf dem Fenster eine kleine leibhaftige Schmiede mit Feueresse und Blasebalg, mit Hammer und Ambos, und zwei winzige schwarze Gestalten hantierten drinnen herum und schwangen die Hämmer und drehten die Zangen und schürten das Feuer. Und draußen vor der Schmiede hielten Wagen und Reiter, Pferde wurden beschlagen, Räder gebessert und das Fuhrwerk wieder zusammengeflickt. Und wenn die Leute weiterzogen, bis um die Ecke der Schmiede, dann waren Ross und Reiter und Wagen verschwunden, und von der anderen Seite kamen andere her. Das war ein Leben und Treiben; drinnen in der Schmiede das Hämmern und Klopfen, das Feuerlicht und das Funkensprühen, und draußen das Rasseln und Fahren, das Pferdewiehern; und Tiere und Menschen so nett und klein.

Fritzchen schrie vor Glück und Freude; alle Kinder im Dorfe mussten noch gerufen werden und schauten und staunten. Auch der kleine Hans trat herein, aber er stand bleich und still in der Ecke.

Und wie die Kinder so frohlockten und sich nicht sattschauen konnten, da sah Fritzchen unter den vielen kleinen Leuten, die an der Schmiede hielten, plötzlich ein winziges braunes Männchen; es war viel kleiner als die anderen und hatte ein altes, verhutzeltes Gesicht. Es hielt sich nicht vor der Schmiede auf, sondern ging eilig seinen Weg; aber dabei sah es immerfort auf Fritzchen und winkte ihm leise mit seiner kleinen, braunen, knochigen Hand wie zum Abschiede. Die anderen Kinder sahen es nicht. »Leb wohl!«, sagte Fritzchen flüsternd, und die Tränen kamen ihm in die Augen, und darum meinte er wohl, er habe auch das Männchen weinen sehen; und als Fritz sich die Augen trockenwischte, da war die kleine, dunkle Gestalt hinter der Ecke der Schmiede verschwunden – auf Nimmerwiedersehen.


Textnachweis
Aus: Die Dioskuren. Literarisches Jahrbuch des Ersten Allgemeinen Beamten-Vereins der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, 2, 1873, S. 198–206. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Blumenpflückendes Mädchen auf einer Waldlichtung, 1881

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