Die Erbtochter von Bouzas

von Emilia Pardo Bazán (1851–1921)

Ich werde den Schauplatz der folgenden Ereignisse nicht mit peinlichster Sorgfalt und Genauigkeit bezeichnen. Wer sich für novellistische Topographie interessiert, dem genüge es, dass Bouzas ebenso gut in der pittoresken Gegend von Bercia liegen kann wie hinter den Schroffen und Klüften des Barco de Baldeorras zwischen der Sierra de la Eucina und der Sierra del Ege. Jedenfalls gehört Bouzas jenem ursprünglichen schönen Galizien an, das vor zwanzig Jahren noch nicht entdeckt war.

Wer hat dort nicht die Erbtochter gesehen? Wer kennt sie nicht noch als kleines Kind, wie sie an heißen Sommerabenden hoch oben auf dem Maiswagen mit fliegendem Haar in den väterlichen Gutshof einfuhr? Größer geworden, ließ sie sich oft auf einem ungesattelten Klepper sehen, ohne anderes Geschirr als eine Strickhalfter. Sie und ihr Reittier waren wie ein Stück. Um aufzusitzen, hielt sie sich an den Mähnen fest oder stützte die Hand auf den Rücken des Pferdes: ein Sprung, und sie war oben. Mit einem Hasel- oder Tamariskenzweige, den sie sich abgeschnitten hatte, fuchtelte sie dem Gaul um die unruhigen Ohren, und im Galopp ging’s dahin an den steilen Ufern des Sil.

Als die Erbtochter ein fertiges und vollkommenes Weib war, machte ihr Vater die Reise nach dem klassischen Markte von Monterroso, wo sich alle ländlichen Sportsmen versammeln. Da handelte er für sein Mädel eine hochbeinige, lebhafte Stute ein, einen andalusischen Mischling – einen Sprossen des Regierungsgestüts, und um das Geschenk zu vervollständigen, ein reiches Sattelkissen und ein silbernes Geschirr. Und die Erbtochter, die sich mit Kleinigkeiten nicht abgab, brauchte keinen englischen Sattel – von denen man überhaupt in Bouzas nichts weiß – und leitete ohne Stallmeister, der sie unterwiesen, ohne Reitknecht, der sie gestützt hätte, ihr Reittier mit der Geschicklichkeit und Kraft einer mythischen Zentaurin.

Ich fürchte sehr, wenn irgendein ehrenfester Bürger von Madrid unverhofft nach Bouzas gekommen wäre und das große Mädchen allein durch Wald und Feld hätte reiten sehen, er würde mit würdevollem Ernste gesagt haben, dass Don Remigio Padornin de las Bouzas seine einzige Tochter zu einem Mannweibe erziehe. Und ich möchte gern sehen, was für eine Miene eine sächsische Instituts-Vorsteherin zu den Inkonvenienzen der Erbtochter machen würde. Wenn sie Durst hatte, stieg sie ruhig vor einer Schänke an der Heerstraße ab und ließ sich ein Glas Wein reichen. Zu Zeiten machte es ihr Spaß, ihre Kräfte mit den Schäferbuschen und Ackerknechten zu messen, und gar manchem beugte sie das Handgelenk, manchen warf sie zu Boden. Nicht selten half sie den Heuwagen beladen oder sie pflügte mit dem besten Ochsenpaare des väterlichen Stalles. Auf dem dörflichen Tanzboden, bei Ernte- und anderen ländlichen Festen tanzte sie wie ein Kreisel mit ihren eigenen Taglöhnern und Pächtern, indem sie, wie Königinnen tun, den herbeirief, der ihr gefiel. Und es gefielen ihr die hübschesten und behändesten Burschen.

Gleichwohl würde man eher Flecken am Himmel erblickt haben als Schatten an der rauen Tugend der Erbtochter. Ihr galt kein anderer Moralkodex als der Katechismus, den sie in der Kindheit gelernt hatte; er genügte ihr aber, um den Gebrauch ihrer wilden Freiheit zu regeln. Streng katholisch, hörte sie täglich die Messe im Sommer wie im Winter, betete abends den Rosenkranz und gab Almosen, so viel sie konnte. Ihre demokratische Vertraulichkeit den Arbeitern und Knechten gegenüber wurzelte in jenem Instinkt des patriarchalischen Systems, der den Adeligen als Angehörigen einer höheren Rasse betrachtet, und gewiss gestattete es ihr bloß die Überzeugung, dass jene Leute nicht so seien wie sie, mit ihnen so frank und frei zu verkehren, so dass sie sich oft auch an ihren Tisch setzte und, gleichsam als Musterbild der Mäßigkeit, Fleischbrühe und Maisbrot mit ihnen aß.

Dem Vater konnte nichts erwünschter sein als die energische entschlossene Sinnesart dieser Tochter. Er war ein gutmütiger ruheliebender Mann, der das Fideikommiss von Bouzas durch den tragischen Tod seines älteren Bruders übernommen hatte. Dieser war während des ersten Bürgerkrieges das Haupt eines Häufleins Aufständischer gewesen, mit dem er unter dem nom de guerre eines Senorito de Padornin die Gegend durchstreifte, bis ihn eines Tages das Militär abfasst und in den Fluss stürzte, nachdem er drei Bajonettstiche in den Leib erhalten hatte. Don Remigio, der Zweitgeborne, machte es wie die Katze, die sich verbrannt hatte: Er sah kein Zeitungsblatt an, hatte über gar nichts eine Meinung und wollte nicht einmal mit den Wahlen zu tun haben. So verbrachte er ein Leben ohne Kummer und Sorgen und machte seine regelmäßige Kartenpartie mit dem Pfarrer und dem Dorfarzte.

Die Erbtochter mochte nahe an die Zweiundzwanzig sein, als ihr Vater die Wahrnehmung machte, dass sie schlechter aussehe, dunkle Ringe um die Augen habe, seltener auf ihrer Stute ausreite und ohne Ursache vor sich hinbrüte. – Das Mädel muss heiraten – entschied der Alte in seiner Weisheit. Und sich eines Edelmanns erinnernd, eines gewissen Balboa de Fonsagrada, der einstmals sein guter Freund gewesen und von der Vorsehung mit einer zahlreichen männlichen Nachkommenschaft beglückt worden war, setzte er sich hin und richtete an diesen ein Schreiben, in welchem er eine Familienverbindung vorschlug. Die Antwort lautete, der dritte Balboa, der eben Lizenziat der Rechte in Santiago geworden war, werde nicht zögern, sich auf Bouzas einzustellen; denn der erste dürfe das Haus nicht verlassen und der zweite sei schon vermählt. Und in der Tat, nach Ablauf von drei Wochen – welcher Zeitraum nötig war, um ihm sechs Hemden zum Wechseln machen und ein Dutzend Sacktücher märken zu lassen – traf Camilo Balboa ein, ein hübscher Junge, etwas verfeinert durch das Universitätsleben, aber ein wenig bleich infolge der Wirtshauskost und der studentischen Liederlichkeit. Zwei Stunden, nachdem der junge Herr von Balboa von seinem mageren Pferde abgestiegen war, war die Hochzeit beschlossene Sache.

Vom physischen Standpunkte bildeten die Brautleute einen außerordentlichen Gegensatz, gleich als ob die Natur bei ihrer Bildung die Eigenschaften der Geschlechter verwechselt hätte: die Erbtochter kräftig, breitbrüstig, hochgewachsen, mit Wangen wie ein Apfel um Johanni, mit einem dunklen Flaum auf der Oberlippe, gesunden Zähnen, harten Händen und mit ihren freien und energischen Bewegungen; Balboa zart, blass, blond, mit feinen Gesichtszügen, ein Freund des Plauderns und des Schmeichelns, etwas nervös und allem Anschein nach der Verhätschelung und Bevormundung bedürftig. War es diese Verschiedenheit, welche in dem Busen der Erbtochter eine so heftige Liebe entzündete, dass die Braut zuverlässig schwer erkrankt wäre, wenn sich die Trauung nur ein wenig verzögert hätte? Oder lag es einzig daran, dass die Frucht reif war, dass Camilo Balboa eben zur rechten Zeit kam? Tatsache ist es, dass man in Bouzas, seit die Welt steht, kein so hingebendes Weib gesehen hat.

Das eheliche Leben vermochte nicht, diese Zärtlichkeit abzukühlen; es verhüllte sie nur, indem es sie heiter und ruhig machte. Die Erbtochter hätte um alles in der Welt gern ein Püppchen gehabt, und da das Püppchen nicht kommen wollte, vereinigte sich der doppelte Strom der Liebe in dem Gatten, für ihn also alle Zärtlichkeit und Freundlichkeit, Leckerbissen und Lieblingsspeisen, gute Zigarren und starker Kaffee, die feinsten Liköre und die kostbarste Wäsche. Sie, die imstande war, von einem Teller voll Gemüse zu leben, erbat sich jetzt von den Nonnen Rezepte zu feinen Bäckereien; sie, die auch auf einem Steine geschlafen hätte, kaufte jetzt die zartesten Dunen zusammen und füllte damit die Kissen und Decken des Ehebettes. Und als sie sah, dass Camilo stärker und dicker wurde, dass ihm ein schöner kastanienbrauner Bart wuchs, da lächelte die Erbtochter und dachte bei sich: Zur Zeit der Weinlese, da haben wir unser Püppchen.

Doch die Zeit der Weinlese verstrich, und die Zeit der Aussaat und die Zeit, wo die Äpfel blühen: und das Püppchen stieg nicht zur Erde herab, um deren Unannehmlichkeiten mitzumachen. An seiner statt beschäftigte sich Don Remigio damit, es mit einem besseren Leben zu versuchen, und unterstützt von einer Gedärmverschlingung, welche auch eine Pille größten Kalibers nicht zu entwirren vermochte, ließ er dieses Jammertal und seine Tochter als Herrin von Bouzas hinter sich.

Für die Erbtochter war es keine Überraschung und keine Verlegenheit, sich an der Spitze der Gutsverwaltung und des Hauswesens zu sehen. Seit langer Zeit schon fiel alles ihr anheim; ihr Vater hatte sich um nichts gekümmert, ihr Mann, unpraktisch, wie er war, half ihr nicht viel; dafür besaß sie ein Faktotum, das ihr ergeben war wie ein Hund und pünktlich wie eine Maschine, in ihrem Milchbruder Amaro, der in Bouzas eines jener undefinierbaren Ämter versah, halb Majordomus, halb Aufseher. Obwohl von derselben Milch genährt, glichen sich Amaro und das Fräulein von Bouzas in keinem Punkte. Denn der Bauer war klein, mager und hässlich, und das wirre Haar, das ihm in Büscheln in die Stirne und an den Ohren herabhing, trug nicht dazu bei, sein Aussehen zu verschönern. Trotz der Vertraulichkeiten der Kindheit behandelte Amaro die Erbtochter mit dem tiefsten Respekt, er nannte sie nie anders als »meine gnädigste Herrin«.

Kurz nach Don Remigios Tode begann die revolutionäre Bewegung höhere Wellen zu schlagen, und ihre Wogen wälzten sich auch in das Tal von Bouzas, wo sie sich in eine carlistische Agitation umsetzen. Gleich als ob ihr das Gespenst des mit Bajonetten gespickten Oheims abends in den Dünsten des Sil racheheischend erschienen wäre, fühlte die Erbtochter ihr Parteigängerblut in den Adern rollen, und sie widmete sich mit ganz vendéeischem Eifer dem Verschwörergeschäfte. Wieder konnte man sie auf dem Rücken ihrer schnellen Stute durch Schluchten und Waldwege eilen sehen, auf dem Busen eine leuchtende Nadel, die auf einer Seite das Bildnis des Don Carlos, auf der anderen das Pius’ IX. zeigte. Da gab es Gürtel und Brotsäcke zu nähen, Patrontaschen zu füllen, aus farbigem Flanell Herzen als Abzeichen auszuschneiden, rostzerfressene Flinten zu reinigen, alte Pistolen beim Waffenschmied ausbessern zu lassen, aus der Umgebung Reitpferde zu requirieren, insgeheim eine Fahne zu sticken.

Camilo Balboa wollte sich anfänglich den Schleichwegen seiner Frau nicht anschließen. Er behandelte sie skeptisch, gleichgültig, als kluger Alphonsist und riet ihr eindringlich sich zurückzuziehen, oder er machte über die ganze Sache studentische Witze, wenn er beim schwarzen Kaffee saß, zwischen dem Domino und dem Gläschen Cognac. Über Nacht, ohne Übergang, kam der Enthusiasmus über ihn. Er begann mit der Erbtochter zu wetteifern, verlangte auch sein Teil an der Arbeit, indem er sich erbot, das Tal zu durchstreifen, während sie, von Amaro eskortiert, in den Bergen herumklettere. So geschah es auch, und Camilo nahm sich der übernommenen Aufgabe mit solchem Eifer an, dass er ganze Tage vom Hause wegblieb. Nur am Morgen kam er zu der Erbtochter und verlangte »Geld für Pulver … für einige Flinten, die er da und dort entdeckt habe«. Er kehrte mit leerer Börse zurück, versichernd, die Waffen seien wohlgeborgen, ganz bereit für die feierliche Stunde.

Eines Nachmittags, nach einem leckeren Mahle – so beschäftigt auch die Erbtochter sein mochte, nie vergaß sie deshalb den Magen ihres Gatten; das hätte noch gefehlt! – zog Camilo seinen Samtrock an, ließ sein Pferd satteln und empfahl sich mit den hingeworfenen Worten:

»Ich gehe zu den Resendes. … Wenn wir nicht fertig werden, bleibe ich vielleicht über Nacht dort. … Nur keine Angst, wenn ich nicht heimkehre. … Von hier zum Kastell von Resende ist’s auch ein gut Stück Weges.«

Das Kastell von Resende, ein adeliges Jagdschloss, war in eine Art von Arsenal oder Werkstätte verwandelt worden. Man fabrizierte Munition, richtete alte Feuerwaffen her und maskierte sogar Pferdedecken als Reitsättel. Die Erbtochter würdigte vollkommen die Wichtigkeit der Expedition; gleichwohl flog ein Schatten über ihre Augen; war es doch das erste Mal seit der Hochzeit, dass Camilo erst am anderen Tage zurückkehren sollte. Sie vergewisserte sich, dass ihr Mann gut geschützt fortgehe – er trug Pistolen im Sattel und einen Revolver im Gürtel »für alle Fälle« – und begleitete ihn bis zum Torwege. Dann rief sie Amaro und befahl ihm, die Pferde vorzuführen. Sie hatte noch mit dem Pfarrer von Buron zu sprechen, einem der Organisatoren des künftigen königlichen Heeres.

Ohne der Peitsche zu bedürfen, schlug die Stute der Erbtochter ihren lebhaften Trab ein, während Amaros Klepper in ungleichen, holprigen Sprüngen wütend nebenher galoppierte. Herrin und Diener schwiegen; er noch stiller und verschlossener, als es sonst schon seine Art war; sie, ein wenig melancholisch, an den abwesenden Gatten denkend. Sie ritten einen Pfad, der, anfangs steinig und stellenweise durch den angeschwollenen Sil überschwemmt, dann geradeaus auf das Pfarrhaus von Buron hinführt, als Amaros Gaul plötzlich die Ohren spitzte und einen Seitensprung machte, dass er samt seinem Reiter beinahe in den Fluss gestürzt wäre. Die Erbtochter sah über einer Weidengruppe die Dreispitze der Guardia Civil auftauchen.

Die Begegnung hatte durchaus nichts Beunruhigendes, denn alle Gardisten der Umgebung waren dem Hause Bouzas wohlgesinnt, wo stets für sie der Mostkrug bereitstand, im Notfalle ein reines Bett und allemal freundliche

Aufnahme und gute Behandlung. So kam es, dass der Sergeant, welcher die Abteilung befehligte, beim Anblicke der Erbtochter den Hut respektvoll lüftete und einen guten Abend bot. Sie aber, einer plötzlichen Eingebung folgend, führte ihn abseits zu einer Krümmung des Pfades und fragte ihn leise, doch in gebieterischem Tone:

»Wohin geht Ihr, Pineiro?«

»Verraten Sie mich nicht, Señorita, beim Heile Ihres Vaters, der im Himmel sein möge. … Nach Resende, Señorita, nach Resende. … Es heißt, dass dort eine Waffenfabrik ist, und Leute sind versteckt, und der Teufel und seine Großmutter. … Ja, ja, Señorita, manchmal muss der Mensch auch gegen seinen Willen. … Man muss leben, und wenn man kein anderes Mittel hat. … Die Jungfrau gebe, dass nichts daran ist …«

»Es wird nichts daran sein, Pineiro. … Nichts als Erfindung. … Geht jetzt, und Gott lohn’ es Euch…«

»Señorita, noch einmal, verra…«

»Keine Seele wird es erfahren. Adieu, grüßt mir Eure Frau!«

Man sah noch das Wachstuch der Mäntel durch die Weiden schimmern, als die Erbtochter Amaro anrief.

»Gnädigste Herrin?«

»Du reitest, so schnell du kannst … gib acht, dass dich die Gardisten nicht sehen … nach Resende und sagst dem jungen Herrn, dass die Garde hinkommt, um das Kastell zu durchsuchen. Sie sollen die Waffen vergraben, das Pulver und die Patronen verstecken. … Mein Mann soll den kürzeren Weg über Illosa einschlagen und gleich nach Hause kommen. … Nun, du stehst noch da?«

Unbeweglich, mit einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen, den Blick zur Erde gesenkt, stand Amaro da, als wäre er zu Stein geworden.

»Nun! … Sprich! Was ist dir über die Leber gelaufen? … Wird’s bald, oder soll ich selbst nach Resende gehen?«

Amaro hob die Augen nicht empor, sondern fuhr sich nur mit der Hand in sein wirres Haupthaar. Endlich öffnete er die Lippen zu einem tiefen Seufzer und brachte mit heiserer Stimme mühsam die Worte hervor:

»Wenn es ist, um die Herren von Resende zu benachrichtigen, denk’ ich, so will ich gleich gehen. … Wenn es wegen dem gnädigen Herrn ist, denk’ ich, es wäre umsonst. … Der junge Herr ist nicht in Resende.«

»Mein Mann ist nicht in Resende?«

»Nein, gnädigste Herrin, mit Ihrer Erlaubnis; in Resende nicht.«

»Wo denn sonst?«

»Wo er ist? … Er wird dort sein, wo er jeden lieben Tag hingeht.«

Die Erbtochter schwankte im Sattel und ließ die Zügel der Stute locker, so dass diese überrascht schnaubte und sich zum Laufen anschickte.

»Wohin geht er jeden Tag?«

»Alle Tage.«

»Aber wohin, wohin? … Heraus mit der Farbe, oder es geht dir schlecht!«

»Gnädigste Herrin!« – Amaro überstürzte sich im Sprechen, sprudelnd und glucksend wie das Wasser aus einer abwärts gekehrten Flasche. – »Gnädigste Herrin, der gnädige Herr … in Carballos … das heißt … da ist eine hübsche Näherin, welche im Resende-Kastell arbeitete … jetzt geht sie nicht mehr hin. – Der Herr gibt ihr Geld … sie leben zusammen, sie und ihre leibliche Tante … manchmal geht sie mit dem gnädigen Herrn auf die Berge … auf dem Jahrmarkt von Illosa hat ihr der gnädige Herr Ohrringe von Gold gekauft … sie ist eine kecke Person … sie nennen sie Wunderblume, denn heut’ ist sie zum Sterben, morgen ist sie frisch und gesund, singt und tanzt. … Sie ist verrückt, denk’ ich.«

Die Erbtochter hörte, ohne mit den Wimpern zu zucken. Die Blässe verlieh ihrer dunklen Haut die Färbung des Lehms. Maschinenmäßig nahm sie die Zügel auf und streichelte den Hals ihres Pferdes, während sie an der Unterlippe kaute. Nach einer kurzen Pause sagte sie mit dumpfer Stimme:

»Amaro, du lügst nicht?«

»Gnädigste Herrin, so wahr wir alle sterben müssen … Möge mich ein Blitzstrahl treffen, wenn ich nicht die Wahrheit sage.«

»Gut – jetzt schweige! Der Herr sagte, dass er diese Nacht in Resende schlafen werde. Er wird aber dort über Nacht bleiben bei – dieser?«

Amaro nickte, einen scheuen Seitenblick auf seine Herrin werfend. Diese dachte einige Augenblicke nach. Ihre entschlossene Natur kannte kein langes Schwanken.

»Hörst du, du gehst jetzt nach Resende, so schnell als möglich. Sie müssen Zeit haben, die Waffen zu verbergen. Vom Herrn erwähnst du nichts. Auf dem Rückwege triffst du mich eine Stunde vor Tagesanbruch in dem Wäldchen bei Corballos, bei der Raposo-Quelle. Jetzt geh.«

Amaro pfiff seinem Pferde, zog sein Messer, mit dem er sich Reitgerten abzuschneiden pflegte, aus der Tasche, und den Gaul sanft damit stachelnd, sauste er im Galopp davon. Lange vor den Gardisten traf er in Resende ein, und Sergeant Pineiro hatte das Vergnügen, in dem Kastell keine anderen Waffen zu finden als den Bratspieß in der Küche und die Jagdflinten der Herren in einem Saalwinkel. Noch hörte man in den Gebüschen kein Flüstern des Laubes, kein Piepsen der Vögel, wie es die Annäherung des Morgens ankündigt, als Amaro mit seiner Herrin zusammentraf. Sie verbargen sich hinter einer Gruppe von Eichen, an deren Stämmen sie ihre Pferde ankoppelten.

Schweigsam harrten sie das etwa anderthalb Stunden. Das bleiche Licht der Morgendämmerung breitete sich langsam über die Landschaft aus, schon begann die Sonne den Nebelschleier zu durchbrechen, der über dem Flusse lag, als zwei menschliche Gestalten in geringer Entfernung von dem Eichenwäldchen sichtbar wurden: ein zierlicher junger Mann und ein schlankes Mädchen, frisch und lächelnd, aber nicht ganz ausgeschlafen. Das Pärchen nahm zärtlichen Abschied. Der Mann bestieg das Pferd, welches er an der Rechten führte, und eilte in scharfem Trabe weg wie einer, der Eile hat. Das Mädchen folgte ihm eine Weile mit den Augen, dann dehnte und streckte es sich und band ein blaues Tuch um den Kopf, denn sie war barhaupt mit zwei langen, herabhängenden Zöpfen. Bei diesen Zöpfen packte sie Amaro, indem er ihr mit ihrem eigenen Tuche den Mund verstopfte und ihr mit drohender Stimme zurief:

»Wenn du muckest, bring ich dich um!«

Sie stiegen eine Weile bergauf, die Erbtochter voran, Amaro, der das Gekreisch der Dirne erstickte und ihr die Arme festband, hintendrein. In Wahrheit leistete die kleine Näherin zwar wütenden, doch nur schwachen Widerstand; ihr zartes Körperchen machte Amaro wenig zu schaffen. Er begnügte sich, ihr die Kinnladen zu pressen, damit sie nicht beiße, und die Hände, damit sie nicht kratze.

Sie mochten so etwas wie eine Viertelmeile gegangen sein und befanden sich auf einer öden Lichtung, begrenzt von schwarzen Felsen, zu deren Füßen der stumme Sil dahinrollte. Da hielt die Erbtochter an, wendete sich um und betrachtete einen Augenblick ihre Nebenbuhlerin. Die Näherin besaß eines jener zarten Gesichtchen, welche die Bauern Gnadenbilder nennen, die von Wachs geformt zu sein scheinen; im Augenblicke glich sie einem solchen noch mehr infolge ihrer tödlichen Blässe. Gleichwohl belebten sich, als der Blick der beleidigten Gattin auf sie fiel, ihre Züge, und ihre Pupillen entluden einen Strahl triumphierenden Hasses, als wollten sie sagen: Du kannst mich töten; aber vor einer halben Stunde ruhte dein Gatte in meinen Armen. – Mit diesem Aufleuchten traf ein Aufblitzen von Gold zusammen, ein Glanz, den die aufgehende Sonne von den kleinen Ohren her zurückwarf: Es waren die Ohrgehänge, das Geschenk Camilo Balboas. Die Erbtochter fragte mit rauer und dumpfer Stimme:

»War es mein Mann, der dir diese Ohrringe gegeben hat?«

»Ja«, antworteten die funkelnden Vipernaugen.

»Nun ich, ich schneide dir die Ohren ab«, entschied die Erbtochter, ihre Hand ausstreckend.

Und Amaro, der weder taub noch lahm war, zog sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den Zähnen und zückte es. … Ein Schrei des Entsetzens und der Todesangst … und noch einer …

»Soll ich sie in den Sil werfen?«, fragte der Milchbruder, das ohnmächtige, blutbedeckte Opfer hoch emporhebend.

»Nein, lass sie hier. … Eilen wir jetzt zu unseren Pferden.«

Und sie stiegen den Berg hinab, ohne den Blick zurückzuwenden.

– – – – – – – – – – – –

Von der hübschen Näherin weiß man, dass sie sich niemals öffentlich zeigte, ohne ein stark ins Gesicht gezogenes Kopftuch; von Camilo Balboa, dass er seiner Frau keine Streiche mehr spielte, oder wenn er es tat, sie geschickt zu verheimlichen wusste; und von jener Verschwörung, die in Resende geplant wurde, dass ihre Taten der Geschichte nicht überliefert worden sind.


Textnachweis
Aus: Die Presse, 3. Januar 1894, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Spanischen; Übersetzer*in unbekannt.

Titelbild
Detail aus: Rosa Bonheur, Weißes Pferd, 1866

Die Jula

von Dorothee Goebeler (1867–1945)

Es hatte niemals zu vermieten brauchen, das kleine, feine Fräulein Medenwald, so bescheiden die paar Zinsen auch waren, die ihm Vaters Ersparnisse zur Verfügung stellten; so sehr es sich damit einrichten hieß, das bescheidene Altjungfernheim hatten sie doch erhalten helfen. Aber nun – in diesen harten Zeiten! – Es blieb nichts anderes übrig, man musste sich einschränken. Das kleine Fräulein Medenwald seufzte und ließ den Kopf hängen. Es war ihr nicht um das Engerwerden, sie war auch mit einem Stübchen zufrieden, aber was für einen Menschen bekam man nun in das Haus? Es gab doch heute zu gräuliches Volk, und die Männer waren womöglich Hochstapler und lagen mit den Stiefeln auf dem Sofa oder bekamen – Besuch. Fräulein Medenwald errötete schon, als sie nur an den »Besuch« dachte – und die Damen stellten die Brennmaschine auf die Tischdecke und wollten Taschentücher in der Küche waschen, in ihrer blitzblanken, kleinen Puppenküche.

Fräulein Medenwald warf die fünfhundertsiebenundzwanzig Angebote, die auf ihr Inserat eingelaufen waren, zum zwanzigsten Mal durcheinander und entschloss sich doch, dem Herrn zu antworten, der ein Zimmer für eine junge Landsmännin suchte.

Er kam schon am Nachmittag und entsprach ganz dem Eindruck, den sein Brief gemacht. Ein sehr würdiger und offenbar vornehmer Herr. Er hatte einen Gehpelz und eine dicke, goldene Uhrkette, sein Haar war schon ein bisschen angegraut; er sprach sehr nett und vertrauenerweckend – und das Zimmer wollte er für die Jula.

»Wohl eine Nichte?«, fragte Fräulein Medenwald.

Er schien die Frage zu überhören oder war doch so in seine Erklärungen vertieft, dass er hastig weitersprach. »Ja, also die Jula!« Sie war eine Landsmännin und erst achtzehn Jahre und sollte etwas lernen in Berlin oder sich sonst eine Stellung suchen. Es wäre ihm gerade recht, wenn sie bei einer netten, alten Dame unterkäme – und hier sei die Miete, gleich auf zwei Monate voraus.

Es waren nicht nur die paar Tausendmarkscheine, die Fräulein Medenwald in die Augen stachen, es war das Ganze, das ihr gefiel. Ein junges Mädel sollte sie bekommen, so ein nettes, liebes Ding, das fremd war in der großen Stadt, das man ein bisschen huscheln und hätscheln und bemuttern konnte. Das war reizend; sie hatte ja niemals etwas zum Bemuttern gehabt. Oh, das Kind sollte es gut bei ihr haben, der »Herr Onkel« konnte ruhig sein – liebhaben würde sie das Kind. Ihre guten, alten Augen leuchteten.

Und also kam die Jula. – Fräulein Medenwald hatte geglaubt, »der Onkel« würde sie bringen; sie kam aber merkwürdigerweise allein. Fräulein Medenwald bekam unwillkürlich einen Schreck. Nein, wie ein Kind sah sie eigentlich gar nicht mehr aus. Sehr elegant war sie, mit dem dicken Opossumkragen, dem feinen Lederhut, dem schicken Kostüm und den Seidenstrümpfen, die dünn wie ein Hauch die schlanken Beinchen umspannten. Nett und freundlich war sie ja und hatte auch ein liebes Gesichtl und wunderhübsche Augen; aber diese Haare! Nein, gab es denn solch ein Weißblond überhaupt? Fräulein Medenwald war innerlich ganz aufgelöst. Mit Hätscheln und Bemuttern anzufangen, kam ihr gar nicht erst in den Sinn. Sie fragte nur, was Fräulein Jula denn nun zum Abend wünsche. Sie hatte schon von einem netten Plauderstündchen am Teetische geträumt und zum Empfange für »das Kind« sogar ein paar Plätzchen gebacken. Aber »das Kind« wünschte nichts, es wollte nur rasch ein bisschen Toilette machen und würde dann ausgehen. Es würde überhaupt abends immer ausgehen. »Abends – immer – ausgehen?« Fräulein Medenwald staunte. Sie war als Mädchen von achtzehn Jahren abends niemals ausgegangen, – aber die Jula wollte wohl zu Verwandten? Wohl zu dem Onkel?

»Zu welchem Onkel?«, fragte die Jula.

»Nun, zu dem, der das Zimmer für Sie gemietet hat!«

»Ach, zu dem!« Die Jula lächelte. »Ja, zu dem gehe ich natürlich auch!«

Fräulein Medenwald wollte wach bleiben, bis das Kind nach Hause kam. So ein junges Ding, die erste Nacht im fremden Haus, es würde sich doch freuen, wenn es noch ein freundliches Wort zur Guten Nacht bekam. Fräulein Medenwald wartete. Sie saß in der Sofaecke und zählte die Stunden – aber auf einmal waren die Stunden weg und Fräulein Medenwald auch, und als sie fröstelnd hochschreckte, weil draußen die Korridortür ging, da rief der Kuckuck in der Uhr gerade vier Mal. Fräulein Medenwald war ein bisschen entrüstet. Um vier Uhr nach Hause zu kommen, gehört sich das für solch ein Kind? Aber freilich, wenn die Verwandten und der Onkel dabei waren – –!

Sie schlief sehr lange – die Jula. Mittag war schon längst vorüber, als es sich in ihrem Zimmer rührte, und als Fräulein Medenwald anklopfte und fragte, ob sie denn noch Frühstück bringen sollte, lag das Kind noch im Bett. Es sah übrigens jetzt wirklich aus wie ein Kind. Mit dem aufgelösten Wuschelhaar, das lockig um das rotgeschlafene Gesichtchen hing, konnte man die Jula kaum für siebzehn halten. Fräulein Medenwalds mütterliches Herz wallte wieder über. Nun sollte das Kind aber auch die Plätzchen kosten, die sie gestern zu seinem Empfange gebacken.

Das Kind besah sich die Plätzchen, gähnte und sagte: »Sehr nett, aber lassen Sie man, ich hab mir was zum Frühstück mitgebracht«, und dann nahm es ein Paket vom Nachttisch und packte aus. Nein, was kam da heraus! Butter und Käse in Stanniol und feine Schlackwurst – Fräulein Medenwalds Augen wurden immer größer. Sie wusste schon seit Monaten nicht mehr, wie Wurst und Butter aussahen.

Die Jula aber verzog den Mund und sagte: »Och nee! Jetzt hat er mir schon wieder Schlackwurst einpacken lassen; ich wollte doch Leberpastete haben, – no, der kriegt’s ja! Da, essen Sie man – ich mag das Zeug nicht!« Sie schob Fräulein Medenwald die Wurst hin.

Es war mit einem Male eine Stimme in Fräulein Medenwald, die sagte sehr bestimmt: Hände weg! – Aber wenn man monatelang nichts anderes als Brot mit Margarine gegessen hat! – Und wenn es der Onkel dem Kinde mitgegeben hatte, denn von einem »Er« hatte es ja doch gesprochen. – Fräulein Medenwald ließ sich die Wurst schmecken.

Sie war eigentlich eine sehr bequeme Mieterin, die Jula. Zum Huscheln und Hätscheln kam man zwar wirklich nicht, aber sonst lebte es sich ganz angenehm mit ihr. Sie schlief bis Mittag, ging aus und kam erst spät in der Nacht oder früh am Morgen heim; immer brachte sie etwas zu knabbern mit, Schokolade und Pralines oder einmal einen Hühnerflügel, ein Büchschen Mayonnaise; sie war entschieden gutmütig. Sie sagte: »Essen Sie nur – ich habe es vom – Onkel.« Mit einem allerliebsten Kichern sagte sie das. Also, wie gesagt, Fräulein Medenwald konnte zufrieden sein.

Und dennoch!

Dennoch war da etwas, das rumorte in Fräulein Medenwald und rumorte jeden Tag lauter. Sie ging durch das Zimmer der Jula und schüttelte den Kopf. Nein, was hatte das Kind für Flaschen und Fläschchen und Döschen auf dem Toilettetische. Der ganze Raum roch nach allen möglichen Parfüms, und Cremes gab es und Salben und Puder – wahrhaftig, das Kind schminkte sich und hatte einen Stift zum Zeichnen der Augenbrauen. Fräulein Medenwald war entsetzt.

Fräulein Medenwald wurde noch entsetzter – sie fand auf Julas Nachttisch ein modernes Witzblatt. Nein, dieses Witzblatt! Fräulein Medenwald sank in einen Sessel und war sprachlos.

In Fräulein Medenwald erwachten mit einem Male Gewissensbisse. Sprach sie denn wohl auch die Wahrheit, wenn sie immer erzählte, sie sei mit den Verwandten zusammen bis spät in die Nacht? Wenn sie nun auf schlechte Wege geriet, die Jula? Schließlich war sie doch wirklich noch ein Kind, und der Onkel hatte sie ihr anvertraut, sie hatte ihm versprochen, über das Kind zu wachen. Ob man dem Onkel einmal vertraulich einen Brief schrieb? Er müsste es ja doch wohl hoch aufnehmen, wenn er sah, wie sie sich um das Kind ängstigte, selbst wenn die Angst unberechtigt war. Oder ob man selber zu ihm ging?

Fräulein Medenwald entschloss sich für das Letztere. Sie hatte zwar damals nur postlagernd mit ihm korrespondiert, aber er hatte ja seinen Namen genannt: Burkhard – und die Jula hatte es auch einmal verraten, dass er Direktor an einer großen Bank sei und eine Villa im Grunewald habe. Fräulein Medenwald suchte sich die Adresse, hängte ihr altes Seidenmäntelchen um, setzte das Kapotthütchen auf und fuhr hinaus.

»Der Herr Direktor ist nicht zu Hause«, sagte der vornehme Diener, der ihr aufgetan hatte; »aber wenn Sie die gnädige Frau sprechen wollen?«

Die Tante also – ach ja! Fräulein Medenwald atmete auf, das war ja noch besser, mit einer Frau konnte man so heikle Dinge ja noch viel eingehender besprechen.

Und nun saß sie in dem eleganten Salon einer sehr eleganten Dame gegenüber und brachte ihre Sache und ihre Sorgen um die Jula vor.

Die elegante Dame, deren Haar auch schon grau war, hörte sehr ruhig zu, nur ihre Finger zuckten etwas nervös hin und her, dann aber stand sie mit einem Male kerzengerade vor Fräulein Medenwald und sagte kühl und mit einer entlassenden Handbewegung: »Es ist sehr menschenfreundlich, liebes Fräulein, dass Sie sich dieses – Kindes annehmen wollen, aber es liegt hier ein Irrtum vor: Weder mein Mann noch ich haben eine Angehörige, die Jula heißt.«

Fräulein Medenwald war sprachlos. Sie sollte noch viel sprachloser werden. In dieser Nacht kam die Jula überhaupt nicht nach Hause. Fräulein Medenwald stand in dem leeren Zimmer vor dem leeren Bett. Ja, was war denn nun? War das Kind verunglückt? Was war dem Kind passiert? Da flog draußen die Korridortür mit einem Krach, dass das Haus bebte. Da ging die Stubentür auf, da stand vor ihr die Jula mit wutverzerrtem Gesicht und schrie: »Sie! Na, das is ja gut, dass ich Sie gleich treffe! Also so eine sind Sie! Da laufen Sie raus nach’m Grunewald und verklatschen meinen ollen Knopp und mich bei seiner eifersüchtigen Ollen? Retten wollen Sie mich? Sagen Sie mal, sind Sie nu jemein oder bloß dämlich? Na, jedenfalls sind wir fertig mit Ihnen und Ihrer Bude. Her mit meine Sachen und denn – raus!«

Sie war in der Tat sehr schnell hinaus, die Jula. Aber Fräulein Medenwald saß in ihrem Zimmerchen und schluchzte und weinte: »Erst – das Kind! Und nun so eine! – Und in meinem Haus – in –«

Und dann mit einem Male in Tönen höchster sittlicher Wut: »Und von dem – Onkel seiner Wurst – hab’ ich noch mitgegessen!«


Textnachweis
Aus: Arbeiterwille, 23. Nov. 1922, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Suzanne Valadon, Die verlassene Puppe, 1921

Reisegefährten

von L. Andro (1878–1934)

Gerade als Bertha ein kleines Halbcoupé zweiter Klasse durcheilen wollte, um in den überfüllten Waggons nach einem Platz zu suchen, setzte sich der Zug in Bewegung.

Unschlüssig blieb sie stehen. Sie wusste nicht, ob sie hier werde bleiben können, denn ihre Karte lautete auf dritte Klasse. Aber der Kondukteur, der eben den Kopf zum Fenster hereinsteckte, beruhigte sie, die dritte sei sowieso überfüllt, er werde sie verständigen, wenn drüben ein Platz frei werde. So legte sie ihre kleine, etwas schäbige Handtasche hinauf ins Netz, setzte sich an einen Fensterplatz – den anderen hatte schon ein Herr inne, der einzige Passagier im Coupé außer ihr – und ließ sich’s wohl sein.

Sie freute sich, dass sie auch einmal zweite Klasse fahren durfte. Das Leben hatte sie nicht verwöhnt. Waise eines Postkontrollors, Kleinkinderbonne – ein glänzendes Los war das nicht. Ihr Traum war’s, noch einmal das Lehrerinnenexamen zu machen – das würde ihr eine andere Stellung vor der Welt geben; denn sie war ehrgeizig und hielt etwas auf Bildung. Ihr winziges Köfferchen war schwer von den Klassikerausgaben, die sie immer mit sich führte.

Jetzt fuhr sie nach Prag, wo sie eine neue Stellung bei einem Advokaten antreten sollte – und wieder war ihr Kopf voll von Luftschlössern, Jane-Eyre-Träumen, wie jedes Mal, wenn sie in ein neues Haus eintrat. Erfüllt hatten sich ihre Wünsche nie, aber sie glaubte und hoffte weiter. Und doch hätte sie das Leben schon kennen dürfen. Mehr als eine gute Stelle hatte sie wegen allzu großer Liebenswürdigkeit irgendeines männlichen Familienmitgliedes verlassen müssen. Man hatte ihr oft die unzweideutigsten Anträge gemacht – aber heiraten hatte sie noch keiner wollen.

Manchmal war sie ihres Lebens herzlich müde und dachte: »Es muss ja kein Prinz sein und kein Lord und kein Pair von England – wirklich nicht! Wenn er mich nur liebhat und ein ordentlicher Mensch ist und mich erhalten kann.« – – Und sie malte sich ihr zukünftiges Leben mit einem solchen Manne aus, und ein Häuschen irgendwo im Grünen spielte eine große Rolle dabei, mit etwas Vieh und einer Milchwirtschaft – denn sie hatte die ungestüme Sehnsucht des Stadtkindes nach dem Lande. Aber das schien bisher fast ebenso unerreichbar für sie zu sein wie der Pair von England.

Sie fuhren über die weite, fruchtbare Ebene des Marchfeldes. Es war ein grauer Tag, auf vielen Feldern standen schon die Stoppeln. Bertha fröstelte. Sie fing an, sich zu langweilen, zu sehen gab es auch gar nichts. Ihr Blick fiel auf eine Zeitung, die der Herr vis-à-vis eben aus der Hand gelegt hatte. Dieser bemerkte ihren Blick und reichte ihr das Blatt höflich dar, worauf sie dankte. Dann begann sie zu lesen.

Nach Frauenart studierte sie zunächst die Überschriften der Absätze: Versetzung des Erzherzogs Hermann Eduard – Brand – Hinrichtung – die Wahlen – vom Wetter. Das interessierte sie nicht übermäßig. Sie begann ihr Gegenüber verstohlen hinter dem Blatte zu beobachten.

Es war ein mittelgroßer, sehr stämmiger Mann von etwa vierzig Jahren, dem man wohl riesige Körperkräfte zutrauen durfte, dessen rotes, dickes Gesicht aber einen eher gutmütigen Eindruck machte. Die kleinen schwarzen Augen blickten angespannt und fast sorgenvoll. Er war mit einer Sorgfalt gekleidet, die eigentlich zu seiner Erscheinung nicht passte, trug erlesene Wäsche und einen eleganten Salonrock, ein tadelloser Zylinder lag neben ihm. Er hatte ganz neue schwarze Handschuhe an, doch wurde Bertha die Empfindung nicht los, dass die Hände darunter rot, derb und fleischig sein müssten.

Zunächst blickte er unverwandt durch die Fensterscheiben, dann begann er seiner Nachbarin etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Schließlich fing er eine Unterhaltung an.

»Wenn Fräulein vielleicht lieber eine illustrierte Zeitung lesen …« Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Brusttasche. Man merkte, er sprach wienerisch, wollte sich aber zu einem tadellosen Hochdeutsch zwingen.

»Nein, danke«, sagte Bertha rasch. »Ich sehe sowieso zum Fenster hinaus.«

»Die Gegend ist nicht interessant«, meinte er. »Und bis wir nach Prag kommen, ist es schon finster. Fräulein fahren auch nach Prag?«

Sie nickte.

»Schöne Stadt!«, sagte er. »Ich kenne sie mehr vom Hörensagen. Ich zwar schon zweimal dort gewesen, aber immer nur beruflich; da hat man nicht viel Zeit, sich etwas anzuschauen. Die jungen Damen, die zu ihrem Vergnügen reisen, haben’s da schon besser.«

»Ich bin nicht zu meinem Vergnügen dort«, sagte Bertha. »Ich gehe in Stellung.«

»O …!« Er war überrascht. »Und wenn ich fragen dürfte, in welcher Stellung sind Fräulein?«

»Erzieherin«, sagte Bertha etwas zögernd. Es war ja gelogen, weil sie doch nur Bonne war. Aber es klang so schön …

Das Wort verfehlte auch seine Wirkung auf ihn nicht. »Erzieherin!«, sagte er mit sichtlichem Respekt. »Das muss ein herrlicher Beruf sein!«

»Gewiss«, meinte Bertha mit Selbstbewusstsein. »Es gibt nichts Edleres, als die Jugend gedeihlichen Zielen zuzuführen.«

Er blickte sie bewundernd an. »Ha, so die Bildung, das ist freilich schön. Wer nur auch so zufrieden wäre! …«

»Sind Sie’s nicht?«

»Ja … wissen Sie … ich bin … ich bin bei Gericht … angestellt … das ist schon nicht so schön …«

»Es ist aber doch eine edle Aufgabe für die menschliche Gerechtigkeit einzustehen«, sagte sie und wunderte sich selbst, wie prächtig ihr die Worte von den Lippen flossen.

»Schon … schon …«, brummte er nachdenklich. Dann nach einer Weile: »Ich hab’ mir noch gar nicht erlaubt, mich Ihnen ergebenst vorzustellen.« Er stand auf und präsentierte eine riesige Visitenkarte: »Josef Rössel.«

»Bertha Rauscher«, sagte sie, der sein Name gar nichts sagte. »Ich habe zwar keine Visitkarte bei mir, aber Sie werden mir’s hoffentlich auch so glauben.«

»Und so ein junges Fräulein lässt man schon allein in die Welt hinaus!«, meinte er nachdenklich.

»Ja, was will ich machen? Die Eltern sind früh gestorben, da sind wir halt bei Verwandten herumgestoßen worden, bis wir uns allein haben erhalten können. Ich bin seit sechs Jahren – seit meinem sechzehnten Jahre – in Stellung.«

»Und sonst haben Sie gar niemanden?«

»Einen Bruder hab’ ich gehabt – ein Jahr älter als ich. Der ist vor drei Jahren gestorben – vom Gerüst gestürzt … Dekorationsmaler war er. Sie haben mich ins Spital geholt, wie das Unglück geschehen war – aber er hat mich nicht mehr erkannt. Nur seine Todeszuckungen hab’ ich noch gesehen, das war furchtbar … Waren Sie schon einmal dabei, wenn einer gestorben ist?« – Sie fuhr in der Erinnerung schaudern zusammen. Er schauderte mit. Dann stand er auf und schloss das Fenster. Wie ein Hauch des Todes hatte es sie beide getroffen.

Dann schwiegen sie. Es war ganz finster draußen, man konnte nichts mehr sehen als hie und da den Schein einer trüben Laterne, der draußen vorüberzuhuschen schien. Der Zug raste an kleinen, schlecht beleuchteten Stationshäusern vorbei, an denen das Weinlaub welk und fetzig herunterhing.

Nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf: »Ich bin auch ganz allein.«

Sie nickte nur. Er fragte weiter: »Fräulein sind auch aus Wien?«

»Ja. Und Sie?«

»Auch. Das heißt, wohnen tu ich dort nicht. Ich hab’ ein kleines Haus in Mariendorf – an der Franz Josefs-Bahn. Sie werden gewiss schon dort gewesen sein. Ich hab’ natürlich Telefon in die Stadt. Aber für gewöhnlich wohn’ ich immer draußen. Ich mag die Stadt nicht.«

»Ich auch nicht«, sagte Bertha lebhaft. »Schön muss das sein, so am Land! Denken Sie, ich war noch nie so recht draußen, nur einmal einen Sommer mit einer Familie in Pörtschach und einmal in Ischl. Aber das Richtige ist das doch nicht. Das denke ich mir so herrlich, ein kleines Haus und einen Garten und Vieh …«

»Hab’ ich alles«, nickte er. »Eine Kuh und Geflügel und zwei Ziegen. Ich hab’ die Viecher gern. Lieber wie die Menschen.«

»… Sie haben’s gut«, sagte Bertha nach einer Weile.

»Auch nicht so gut, wie Sie meinen«, sagt er, und sein Gesicht nahm wieder den bekümmerten Ausdruck an, der ihr anfangs schon aufgefallen war. »Man ist doch sehr allein. So die Abende … das ist halt fad.«

»Gehen Sie nicht ins Wirtshaus?«

»Ja … das heißt … die Bauern haben doch eine gewisse Scheu vor einem … man ist doch anders …«

»Lesen Sie nicht?«

»Sie sind ein gebildetes Fräulein, Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man keine gute Erziehung bekommen hat. Ich hab’ als Fleischhacker angefangen. Aber ich beneide die gebildeten Leute … o, ich beneide sie sehr …«

»Ist auch nicht so viel zu beneiden …«

»Sie haben aber doch so einen schönen Beruf …«

»Auch nicht so schön, wie er ausschaut. Die Kinder, die nicht folgen … und die Frauen, die mit einem herumschreien … und die Männer, die …«, sie wollte sagen: »die einen sepieren und oft um sein bissel Brot bringen.« Sie schwieg aber doch lieber.

»Aber es ist doch ein geachteter Beruf«, sagte er. Sie lachte grell auf. »Geachtet! Ein Dienstbot’ ist man, nur schlechter gezahlt!« – Es schien ihr plötzlich ganz überflüssig, ihr Dasein als ein beneidenswertes hinzustellen.

Nach einer Weile sagte er:

»Sie sind noch so jung. Da kann das Glück schon noch kommen.«

»Was soll denn kommen? Aus einem Haus ins andere wird man gehetzt, bis man alt und krank ist und einen niemand mehr will.«

»Sie können doch zum Beispiel heiraten?«

»Ja, wer ein armes Mädel schon so nimmt!« Der Pair von England erschien ihr plötzlich als ein dummes Hirngespinst.

»Ich bin auch allein«, sagte er leise. »Verwandte hab’ ich keine mehr, und die anderen Menschen – die finden sich nicht mit mir zurecht, und ich mich nicht mit ihnen.«

Sie schwiegen beide. Der gleiche Gedanke, der sie vielleicht schon lange beherrscht hatte, kam ihnen plötzlich zum Bewusstsein. Sie dachte: Ein Lord ist er zwar nicht, wie ich mir’s vorgestellt habe – aber er schaut gutmütig aus und scheint in guten Verhältnissen – und ein Häusel am Land hat er auch. Und er dachte: Sie ist jung und hübsch und gesund und hat etwas gelernt, und aufs Geld seh’ ich ja nicht. Und beide sahen sich an und beide senkten die Augen.

»Fräulein Bertha«, sagte er endlich, »ich darf doch Bertha sagen … so ein lieber Name … Sie kennen mich nicht … ich weiß, es ist eine große …« Er suchte ein Wort und fand endlich ein schönes: »Kühnheit! … Aber Sie können sich nach mir erkundigen … in Mariendorf an der Franz Josefs-Bahn. Die Rössel sind schon seit meinem Großvater dort ansässig – auch in Wien wird man Ihnen die beste Auskunft geben – beim Landesgericht …«

»Sie können sich auch nach mir erkundigen«, sagte Bertha leise. »Der Oberlehrer Rauscher in der Webgasse ist mein Onkel – ich bin aus einem guten Hause«, fügte sie nicht ohne Stolz hinzu. »Mein Vater war Postkontrollor.«

»Ich weiß … ich hab’ mir immer eine feine Frau gewünscht … ich kann Sie auch erhalten, ich steh’ mich mit dem Häusel und alles in allem auf dreitausend Gulden jährlich … wenn es ein gutes Jahr ist, können es auch viertausend werden.«

Er streckte ihr die Hand hin. »Fräulein Bertha … wenn Sie Ja sagen möchten …«

»Das kann ich doch nicht«, sagte sie schämig. »Wo wir uns doch so wenig kennen …«

»Aber Sie geben mir Hoffnung für später?«, beharrte er dringend. Da legte sie ihre Hand in seine, die immer schwarz behandschuht war.

Und sie blieben eine Weile so Hand in Hand und schwiegen. Er dachte: »Keine Einsamkeit mehr!« – Und sie dachte: »Nicht mehr herumgestoßen von einem Haus ins andere!« – Und beiden war es, als sei plötzlich ein großes Glück gekommen.

Dann machten sie Zukunftspläne. »Einen Garten hab’ ich auch; da war aber bis jetzt nur Gemüse drin. Jetzt werd’ ich aber auch Rosen und Hollerstauden setzen lassen.«

»Und in die Stadt werden wir doch auch manchmal fahren, ins Theater«, bat sie.

»Alles«, sagte er zärtlich, »alles, was Sie wollen. Aber ich hätt’ noch eine große Bitte, Fräul’n Bertha.«

»Was denn?«

»Einen Kuss – wo wir doch so gut wie versprochen sind.«

Sie lächelte. Mancher hatte sie schon brutal an sich gerissen. Aber so schüchtern war sie noch nie gebeten worden. Sie hielt ihm die Lippen hin.

Er neigte sich mit einem heiligen Respekt darüber und berührte sie kaum. »So ein Glück«, flüsterte er. »Ein bissel Freude zu Hause … nach dem schrecklichen Beruf …«

»Warum schrecklichen Beruf?«, fragte sie. »Sie sind doch bei Gericht? Das ist doch nicht so schrecklich?«

»Schon … schon …«, sagte er trübe. »Schon schrecklich …«

»Was sind Sie denn?«, fragte sie. »Warum geben Sie mir keine Antwort? … Warum wollen Sie mir nicht sagen, was Sie sind?«, rief sie von plötzlicher Angst erfasst. »So reden Sie doch! Was sind Sie?«

Er wendete sich ab. »Scharfrichter«, sagte er leise.

Mit einem grellen Aufschrei machte sie sich los von ihm und stürzte auf den schmalen Korridor hinaus. Mit klopfendem Herzen und hochaufwogender Brust blieb sie stehen.

Das ganze Gespräch zog wieder an ihr vorüber. Und jetzt entsann sie sich auch, dass sie in der Zeitung von einer am nächsten Tage in Prag stattfindenden Hinrichtung gelesen hatte. Darum fuhr er hin. Und diese entsetzlichen Hände in den schwarzen Handschuhen, die sie berührt hatte!

Schon seit ihrer Kindheit hatte sie dieses furchtbare Grauen vor Hinrichtungen gehabt. Wenn sie in der Zeitung las, dass am nächsten Tage eine Exekution stattfinden sollte, konnte sie die ganze Nacht nicht schlafen. Und je näher die Stunde heranrückte, desto deutlicher sah sie das entsetzliche Bild vor sich; so genau sah sie es, so deutlich hörte sie das Läuten des Totenglöckleins, dass es ihr war, als hätte sie das alles in einem früheren Leben schon miterlebt. Alles sah sie vor sich, den düsteren Hof des Landesgerichtes, in dem sie doch nie gewesen war, das fahle, angstverzerrte Gesicht des Delinquenten, und wie das aufgestellte Militär den Todgeweihten grüßte. Und wie das Urteil verlesen wurde und die Henkersknechte ihn packten und zum Galgen schleppten. Und der Henker waltete seines Amtes, und sie hörte das Knacken des zerbrechenden Genicks …

Und immer wilder wurde ihr Entsetzen, als sei es der Tod selbst gewesen, der sie berührt hatte. Der Tod, der schwarze Handschuhe auf seinen verfluchten Händen trug und einen neuen Zylinder hatte. Der seinen Beruf nicht liebte, es in einem »guten« Jahr aber doch auf viertausend Gulden bringen konnte. Und das Grauen kroch an ihr hinauf und machte ihre Zähne klappern, und sie überlegte ernsthaft, ob sie sich wohl schwer verletzen würde, wenn sie aus dem fahrenden Zuge sprang …

Die Lokomotive pfiff, Lichter wurden sichtbar, die hunderttürmige Stadt tauchte auf. Langsam fuhr der Zug in die Bahnhofshalle. Der Reisegefährte saß drin im Coupé, still und traurig, und sprach kein Wort. Nur als Bertha mit abgewendetem Gesicht ihre Handtasche vom Netz nahm, wollte er ihr helfen; aber sie wich mit Entsetzen zurück. Ohne sich umzublicken, stieg sie aus.

Draußen wurde sie von einer kleinen mageren Dame angesprochen, die Berthas Erscheinung mit einer Photographie verglich, die sie in der Hand hielt: »So, Sie sind also Fräulein Rauscher! Nach dem Bilde hätte ich gedacht, dass Sie älter sind. Übrigens habe ich erwartet, dass Sie schon mit dem Frühzug kommen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass mir so etwas nicht wieder vorkommen darf. Unpünktlichkeit dulde ich in meinem Hause nicht …« Ihre scharfe Stimme verlor sich in der Menge.

Der Reisegefährte blickte den beiden Gestalten traurig nach, bis sie verschwunden waren. Dann ließ er sein Gepäck zu einem Wagen bringen und fuhr in das zweitbeste Hotel der Stadt.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung (Morgenblatt), 30. März 1905, S. 1–3 [Erstdruck, in: L. Andro, Die Augen des Hieronymus, Berlin 1905]. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Landschaft mit Viadukt, 1890

Vor dem Sturm

von Maryla Wolska (1873–1930)

Die Zeit ist so müde, die Winde wehklagen,
Es schreiten mit Sicheln die Schnitter einher;

Ich habe so manches, so viel dir zu sagen,
So vieles und alles, vielleicht auch noch mehr …

Es naht ein Gewitter, es blitzt in der Höhe!
Ein Sturm wird die Nacht nach den Gluten durchwehn;

Ich möcht in die Seele dir schaun aus der Nähe,
Doch trau ich mich kaum in dein Antlitz zu sehn …

Es fallen schon Tropfen! Und rings auf den Auen
Erbeben die Blumen und müd liegt das Feld.

Und in deinen Augen tief ist nun zu schauen
Der fernen Verheißungen göttliche Welt …


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Aus: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 25. Dez. 1908, Weihnachts-Beilage, o. S. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Kornfeld

Ferrier

von Helene Raff (1865–1942)

[Contentwarnung]

Ein kleiner Badeort an einer französischen Küste. Alles, was man ansah, hatte einen gewissen Miniaturmaßstab: winzige bunte Häuschen am Strande und auf dem mäßig ansteigenden Geklipp – von zwergenhafter Zierlichkeit das Kasino, wo die Konzerte und Réunions stattfanden. Wie aus einem Baukasten herausgenommen wirkte auch die Kirche, die am Ende des Badedorfes lag, von einem kleinen sandigen Friedhof umschlossen. Gras und Pflanzenwuchs gedieh hier nur kümmerlich. Die Gräber, eng aneinandergerückt, gewährten einen unsäglich schlichten und kahlen Anblick. Ihren Hauptschmuck bildeten die Totenkränze aus verschiedenfarbigen Perlen, die kurze ergreifende Inschriften trugen: »A mon mari« – »A mon fils« – »Au revoir« – und Ähnliches.

Hier sah man bisweilen die dunkel gekleideten Fischerfrauen, deren Männern man unten am Strande begegnete: ein ernster, zurückhaltender Menschenschlag, luftgebräunt und kräftig, voll höflichen Misstrauens gegen die Fremden, die von ihnen als Einnahmequelle zugleich und als notwendiges Übel betrachtet wurden.

Das Badepublikum bestand zumeist aus Franzosen, Parisern wie auch Provinzlern. Wir Ausländer – ein paar Deutsche und Engländer – befanden uns in der verschwindenden Minderzahl.

Von 10 Uhr des Morgens an lagerte diese bunte Schar am Strande, lachte, plauderte, medisierte – die Damen in eleganter Frühtoilette, die Herren in weißen Anzügen und Mützen. Besonders lebhaft ging es bei den Badehütten zu: Fortwährend kamen abenteuerliche Gestalten im langen, bis auf die Füße reichenden Bademantel herausgeschlüpft, um sich angesichts von hundert Augen dem Meere zu überantworten. Am äußersten von der Flut gesicherten Kiesfleck wurden die Mäntel abgestreift, und dann hieß es: hinein in die wogende Unendlichkeit! Ein Unternehmen, wozu das zärtere Geschlecht kaum den Mut gehabt hätte ohne den Schutz des Baigneurs, der hergebrachtermaßen die Damen geleitete.

Dies hilfreiche Amt versah unter anderen ein stämmiger, blonder Seebär mit rötlicher Gesichtsfarbe und sehr hellen Augen. Wie eine sorgsame Bonne hielt er die feinen Zappelpüppchen, die sich in ihren luftigen Badeanzügen recht kläglich dem majestätischen Element gegenüber ausnahmen, an der Hand und stapfte mit ihnen den andringenden Wogen entgegen. Er warnte davor, dem Anprall das Rückgrat zu bieten, verhütete, dass man umgeworfen wurde – und wenn man »Ah!« schrie, weil einem eine Spritzwelle ins Gesicht geklatscht hatte, tröstete er im gutmütigsten, kaum hörbar mit Malice durchsetzten Ton: »Ça vous fera du bien, mademoiselle!«

Sonst konnte unser Ferrier – so hieß er – keineswegs für gewitzt oder durchtrieben gelten; in seinem Wesen war die unverkennbare Kindlichkeit, die starken Menschen so oft eigen ist, und die etwas Deutsches hat.

Dieses Urbild körperlicher und geistiger Unanfechtbarkeit, das halbe Tage lang ohne Schaden barbeinig im Wasser stehen konnte, unterlag nur einer einzigen Schwäche. Niemand würde geglaubt haben, dass Ferrier, der Nüchterne, Gesetzte, zeitweilig trank – hätte nicht seine Frau, die Feinwäscherin war, es ihren Kundinnen heimlich vertraut. Er trage ein gutes Teil seines Verdienstes dorthin – sie deutete nach der Richtung einer von den Strandleuten bevorzugten Kneipe. Man solle nur um Gotteswillen nichts darüber sagen: Wenn ihr Mann in Zorn gerate, sei er comme un furieux.

Die kleine Madame Ferrier verhehlte, wer ihn dazu trieb, wer ihn manchmal so rasend machte, dass er zum Alkohol seine Zuflucht nahm. Nämlich sie selber.

Das niedliche, hausbackene Geschöpf im tadellosen, weißen Häubchen war ihrerseits das Opfer einer unseligen Leidenschaft – der blindesten Eifersucht. Sie hasste die Baigneurtätigkeit ihres Mannes, hasste die eleganten fremden Damen, von denen er Tag für Tag umgeben war, deren verführerische Kostüme sie obenein waschen und plätten musste. Den ermüdet Heimkehrenden quälte sie mit argwöhnischen Stichelreden, sinnlosen Vorwürfen so lange, bis sein Grimm seine Gutmütigkeit überwand und er sie durch brutale Misshandlungen zum Schweigen brachte.

»Du machst mich toll – du bist noch einmal schuld, dass wirklich etwas geschieht!« – hatten ihn die Nachbarn bei solchem Anlass schreien hören. Hernach lief er davon, ins Wirtshaus, um seinen Verdruss niederzutrinken. War ihm dies gelungen, so schlich er nach Hause, wo die beiderseitige Reue eine zärtliche Versöhnung herbeiführte. Dann bezwang sich die Frau eine Zeitlang, gab sich den Anschein vertrauender Ruhe, und er, Ferrier, betrug sich im Dienste gemessener denn je.

Sein zurückhaltendes Wesen, doppelt auffällig bei dem Angehörigen eines für Galanterie berühmten Volkes gefiel, den meisten wohl, ärgerte nur ein paar sieggewohnte Einzelne.

So zum Beispiel die Argentinierin, deren rötlich braunes Haar und biegsame Gestalt großes Aufsehen unter der Herrenwelt erregten. Einige behaupteten allerdings, ihr schon anderswo begegnet zu sein; freilich sei sie damals blond und aus Südrussland gebürtig gewesen. Diese vielseitige Schönheit kannte, wie alle Welt, Ferriers häusliche Verhältnisse und meinte mit einem spöttischen leichten Lachen, das ihre Mausezähnchen blinken ließ: Ferrier sei ein Einfaltspinsel. Seiner dummen kleinen Frau geschähe es doch ganz recht, wenn er gelegentlich aus der Rolle fiele!

Etwas anders äußerte sie sich gegen die Frau, als sie ein Päckchen gereinigter Spitzen von ihr abholte. »Seien Sie nicht töricht, ma bonne! – Ihr Mann ist ja viel zu schlafmützig, um Ihnen jemals Grund zur Eifersucht zu geben. Er hat richtiges Fischblut – man nennt ihn auch nur l’invulnérable.« – Diesen Namen hatte sie selbst ihm aufgebracht.

Der kleinen Madame Ferrier gereichte dies Zeugnis, das ein so anerkannt gefährlicher Mund ihrem Mann ausstellte, zu wirklicher Beruhigung. Ob es nun aus einer abbittenden Regung geschah – oder aus einer erziehlichen Bosheit, um ihm beizubringen, wie uninteressant die feinen Damen ihn fänden, – genug: Sie verriet ihm, was jene gesagt.

Ferrier zuckte wegwerfend die Achseln. So eine von irgendwoher – was ging sie ihn an! Aber er war keineswegs vom Lobe seiner Tugend erbaut. Es wurmte ihn, für fischblütig zu gelten, einen Spitznamen zu tragen, von dem er zuvor nichts gewusst. Er verspürte den unbestimmten Wunsch, der Argentinierin zu beweisen, dass solch ein langweiliger Fisch auch schnappen kann.

Sein Verhalten ihr gegenüber hatte von da an etwas Herausforderndes, eine Beimischung beleidigter Würde, die zu Ferriers Persönlichkeit drollig stand. Seine Widersacherin behandelte ihn ihrerseits kühl und von oben herunter, bis sie unvermerkt ihre Taktik änderte. Sie befahl ihn zu allerhand kleinen Diensten, lehnte sich fester an ihn als notwendig, und eine Art hatte sie, ihn ihre Reize sehen zu lehren – eine Art –

Ja, er lernte sie sehen! Allmählich ging mit dem Hünen eine Wandlung vor. Ein unruhiger Trübsinn bemächtigte sich seiner – er überhörte, wenn man ihn ansprach; seine Antworten klangen rau, und sein Gesicht erschien manchmal so rot und gedunsen. – – –

Ein windiger Morgen! Der Himmel war bleigrau und wolkig, das Meer voll stahlfarbiger wimmelnder Wellchen, mit weißen Schaumkämmen darauf. Nur wenige Badende hatten sich hinausgewagt – am weitesten draußen befanden sich Ferrier und die Fremde mit dem leuchtenden Haar. Da – niemand begriff das Wie – riss Ferrier die, die sich auf ihn stützte, plötzlich an sich – warf beide Arme um ihren Körper, als wollte er sie verschlingen, zerdrücken. – Ein Augenblick nur – dann hatte sie ihn zurückgestoßen, sich so heftig losgerungen, dass sie unters Wasser geriet und eine Strecke weit fortgerissen wurde. Sie wäre wahrscheinlich ertrunken ohne den Mann, der ihr nachsprang und eigener Gefahr die laut Schreiende, krampfhaft sich Sträubende in Sicherheit brachte. –

Die Kunde eines aufregenden Geschehnisses verbreitete sich rasch. Alles drängte nach der Uferstelle, wo die Argentinierin nunmehr in Weinkrämpfen lag und Ferrier regungslos neben ihr stand, triefend von salzigem Nass. Mit einem leeren hilflosen Kinderblick schaute er um sich. Mittlerweile war ein Mitglied des Badekomitees erschienen, das die Neugierigen ebenso höflich als bestimmt zurückwies: »Bien, Messieurs, je vous assure! Il n’y a absolûment rien!«

Ärgernisse und Skandale im Keim zu ersticken, gehört eben zu den Obliegenheiten jeder zielbewussten Badekommission. Die Argentinierin wurde aufgehoben und fortgeführt. – Ferrier aber war noch selbigen Tages in aller Stille seiner Funktionen enthoben. Es nützte ihm nichts, dass die wenigen Zeugen des Vorgangs so sehr als möglich zu seinen Gunsten sprachen, seine bei der Rettung der Versucherin bewiesene Tapferkeit hervorhoben. Er hatte sich eine Minute lang unkorrekt benommen. Das ließ sich nicht leugnen – und diese eine unkorrekte Minute entschied des armen großen Kindes Schicksal.

Nachdem er seine Entlassung erhalten, war er nicht nach Hause gegangen. Wie man nachträglich erfuhr, hatte er in der Kneipe gehockt, viele Stunden lang, ohne ein Wort zu sprechen. Ganze Ströme starken Getränkes hatte er hinabgeschüttet, entweder, um seine Scham und Verstörung zu betäuben, oder um sich Mut zu machen für den Empfang daheim. Endlich, da man ihm nichts mehr geben wollte, hatte er mit einem Fluche sich aufgerappelt und war davongestolpert in die Nacht hinaus.

Am Morgen aber war seine Frau umhergelaufen im flatternden Häubchen, hatte ihn überall gesucht und nichts weiter erfahren können, als dass er fortgegangen sei. Bis ihn die Flut nach ein paar Tagen ans Ufer spülte, wächsern und kalt. – Ob er in der Trunkenheit zufällig den Weg verfehlt – oder ob ein jäher Lebensekel ihn überfallen hatte, blieb unaufgeklärt.

Jedermann war erschüttert und zugleich aus tiefster Seele wider die Urheberin des Unglücks empört. Man entsann sich zu wohl, wie es ihr Bestreben gewesen, Ferrier aufs Äußerste zu reizen, und war überzeugt, dass sie ihn nur zurückgestoßen hatte der Zuschauer wegen. Die Argentinierin, von allen Kurgästen gleich einer Pestkranken gemieden, ward gezwungen, ihr Heil in schleuniger Abreise zu suchen. Aber das machte Ferrier nicht wieder lebendig.

Seine Frau mit ihren zwei Kleinen blieb nicht eben im Elend zurück, da sie leidlich vermögender Leute Kind war. Eine mitleidige Dame besuchte seine Witwe und fand sie merkwürdig ergeben. Sie weinte wohl – sie sprach von ihrem Mann mütterlich liebevoll, wie von einem durch Unvorsichtigkeit verunglückten Kinde. Aber deutlich, so deutlich, dass es die teilnehmende Besucherin fast erschreckte, klang aus dem allen ein Unterton von Triumph, als habe sie recht behalten in ihrem langen Argwohn gegen den Mann. Zugleich ein Unterton von Erleichterung: »Nun ist er sicher vor euch, ihr mit den Spitzen und Bändern, sicher vor der Versuchung. Keiner mehr kann ihn mir nehmen: Er gehört mir endlich allein!« –

Sie soll Ferriers Grab auf dem kleinen, sandigen Friedhof sehr hübsch hergerichtet haben. Ein schwarz gestrichenes Kreuz hat sie ihm gesetzt, geschmückt mit einem Kranze aus blauen und weißen Perlen, der die Inschrift trägt: »Sainte Vierge, prieze pour lui!«


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1909, Heft 33, S. 772–774. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Lilla Cabot Perry, Klippen bei Etretat


Contentwarnung: Alkoholismus, häusliche Gewalt, Suizid

Sommermittag

von Hilda Bergmann (1878–1947)

Die Erde liegt wie eine reife Frucht
In Glanz gebettet im Hochmittagsschweigen.
Die Grillen haben aufgehört zu geigen.
Allgegenwart des Lichts: Das Auge sucht
Vergeblich nach den Wolken in der Bläue,
Vergeblich nach dem Schatten in der Glut.
Jetzt musiziert das Grillenvolk aufs Neue,
Indes verborgne Lebenssäfte steigen
Und das Geschaffene in Sonne ruht.

O Meer von Leuchten! Wiegendes Getreide,
Kornblumenfarbe, flammendroter Mohn,
Lied ohne Ende sommerlicher Freude!
Von ferne her gewittert Glockenton,
Nein, Glocken singen anders, Weidenrohr
Von Hirtenmund geblasen, mag so klingen.
O Tor!
Pans Flötentöne schwellen an dein Ohr
Und schenken sich, umzirpt vom Grillenchor,
Geschwisterlich den daseinstrunknen Dingen.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1926, Heft 37, S. 730. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Maria Oakey Dewing, Mohnblumenbeet, 1909

Grace Lukas’ Sommer

Skizze von Elisabeth Heydemann-Möhring (1869–1920)

Es waren noch nicht die Tage der hohen Preise, es waren noch die allerersten Rosen, da kam Grace Lukas auch einmal heraus aus ihrem Großstadtnorden, um einmal tief und gierig zu atmen und schimmernde Möwen zu sehen und im losen, warmen Strandsand sich zu dehnen.

»Das schickt sich nicht für uns« und »Das können wir nicht«, das waren sonst immer die Angeln gewesen, in denen die Resignation der hübschen Grace hing.

Sie hatte die viel zu gute Bildung des gebildeten Proletariats, denn sie hatte sie eigentlich nur, um für fünfundsiebzig Pfennige Klavier- und Sprachstunden zu geben und Nerven zu bekommen, die zu subtil waren für ihre Verhältnisse. Sie hatte einen entsetzlichen Winter gehabt und sich durch die nasskalte Zeit geschlichen wie einer, der ein Absterben fühlt und doch eigentlich nicht krank ist. Sie hatte wie immer ihre Stunden gegeben und ihrer Mutter geholfen, die ein paar alte nie zufriedene Damen in Pension hatte. Denen las sie die halben Nächte hindurch aus der Journalmappe vor und goss ihnen dann noch Baldriantee auf, obwohl ihr der Geruch Ekel verursachte. Die andere Nachthälfte hätte sie gern geschlafen, aber sie hörte immer die unmusikalischeste ihrer Schülerinnen zu »Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald« zählen oder deklinierte französische Substantive, bis der Wecker losschnarrte.

»Ihre Tochter muss einmal heraus aus dem Geplacke, ein paar Wochen mal an die See«, hatte der Arzt gesagt zu Frau Lukas, die das Umherschleichen nicht mehr mitansehen konnte.

»Heraus? Und an die See? Das können wir nicht«, wollte Frau Lukas sagen, aber sie dachte, dass sie vielleicht ihren Mann nicht in die Irrenanstalt hätte bringen müssen, wenn er einmal herausgekommen wäre.

Und sie vermietete auch noch die Kammer, in der sie sonst schlief, und ihre Mieterin war eine kleine lustige Confectioneuse und passte nicht in den etwas altjüngferlich gefärbten Haushalt von Frau Lukas. Die beiden alten verbrauchten Lehrerinnen rümpften auch die spitzen weißen Nasen und redeten bedrohlich. Aber sie waren zu alt und zu umständlich zum Ausziehen, und die vergnügte Hirondelle wurde in respektvoller Ferne gehalten.

Frau Lukas vermietete also an eine kleine Hirondelle, und weil die eine einzige kleine Schwalbe für Grace noch keinen Sommer bringen konnte, meldete sie sich auch bei einem Verein, der überarbeitete, bleichsüchtige Mädchen zu einer Sommerreise unterstützte. Dieses eine Mal strich sie ihr »Das können wir nicht« und »Das schickt sich nicht für uns.« Wenn Frau Lukas ihre Besorgungen machte, stand sie lange vor den Schaufenstern der Modegeschäfte und studierte Pariser Modelle. Grace sollte auch elegant aussehen, und nirgends sollte die verschämte Armut herausgucken. Grace sollte einen Sommer haben. Sie sollte nicht an jedem Groschen die zehn Pfennige zählen wie sonst, und Frau Lukas kam der Gedanke, dass Kupfergeld nur darum Grünspan ansetzt, weil am Heller viel mehr giftiges Sorgen klebt als am Gold. Grace sollte einen Sommer haben und helle duftige Blusen tragen. Die kleine Hirondelle war gutmütig und geschickt, und dafür durfte sie einen Sonntagnachmittag mit Frau Lukas und Grace im Wohnzimmer Kaffee trinken und ihre Possen reißen.

Grace hatte über das kleine Ding nachgedacht. Die war noch viel ärmer als sie und viel lustiger. Sie hätte so gern mit ihr gelacht, wenn die Mutter nicht mit ihrer eisigen Freundlichkeit zwischen ihnen gestanden hätte. »Der Umgang schickt sich nicht für uns«, hatte Grace schon bald nach ihrem ersten Schultag gehört, als sie eine Kleine mit nach oben gebracht hatte, die über ihre direktesten Ahnen im Zweifel war. Es hatte sich eigentlich nie ein Umgang für sie geschickt, und der sich für Grace geschickt hätte, suchte das einsame Ding nicht, das immer nur mit der Mama spazieren ging und ein altkluges Gesicht hatte. O ja – Grace Lukas war immer zu alt und zu klug gewesen, um einmal vom Herzen glücklich zu sein. Nur großstadtklug war sie nicht, und Frau Lukas hatte ihr nie erzählt, wie das Leben mit einem hübschen, armen Mädchen umspringt. Grace meinte, die Kleine von Firma H. u. Co. stand unter ihr, weil ihr Vater Dienstmann war und ihr eigener hätte Kanzleirat sein können, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Aber das lustige Geschöpf interessierte sie doch, und ganz heimlich lernte sie von ihr eine flotte Frisur und wie man Schleifen fesch bindet und dem Schleier die rechten Falten gibt.

Als Grace in dem kleinen Fischerwinkel war, von dem es noch weit ins Binnenland hinein nach Flundern und Teert riechen musste, dachte sie dankbar an die anmutige Kleine, denn die Leute guckten sie an, weil sie so niedlich aussah in den aparten Sommerfähnchen. Manchmal hatten die Alten, denen sie die rührendsten Stellen immer zweimal vorlesen musste, gesagt, dass sie niedlich genug sei, selbst etwas zu erleben. Fräulein Elly, die Kammermieterin, hatte ihr es auf ihre Art gesagt, wie die Männer sie angucken würden und wie die Frauen, und hatte dazu die männlichen und weiblichen Grimassen gemacht.

Und die Kleine hatte mal wieder recht. Grace hatte doch viel von ihr profitiert. Auch sonst noch allerlei im Bausch und Bogen, worin die kleinen vogelfreien Schwalben klüger sind als Stubenvögel. Eins gab es für das lustige Wesen gar nicht, nämlich, dass sich etwas für sie nicht schicke. Die Mutter hatte beim Abschied zu Grace gesagt: »Nun kommst du doch heraus und hast deinen Sommer, und ich kann dich ja allein fahren lassen, du tust ja nichts, was sich nicht für dich schickt.« Fräulein Elly, die Hirondelle, aber hatte gesagt: »Fräulein Grace, nun amüsieren Sie sich mal. Sie sehen wirklich süß aus.«

Amüsieren wollte sich Grace Lukas gar zu gern einmal. Sie hatte doch auch eine Großstadtseele, und wenn ihr Vater Dienstmann wäre, wäre sie auch wie Fräulein Elly in ein Geschäft gegangen und hätte ein Album gehabt mit den Bildern vieler, vieler Freunde. Oh! einen Freund – und einen Schatz! Denn bei Elly war Freund und Liebster dasselbe. Grace war achtzehn Jahre und noch nicht großstadtklug trotz ihrer heimlichen Freundschaft mit der kleinen Hirondelle.

Grace hatte ihren Sommer, und Grace fand ihren Freund. Es war noch nicht die »Saison«. – Es war die Vorsaison mit dem billigen Publikum, unter dem Grace Lukas auffallen konnte. Und Grace Lukas war einem aufgefallen, der übersatt war von der Kosmpolis des Lido und von Spaa.

James Peters suchte ein Idyll. Er hatte alles genossen, weil er reich und ohne Arbeit war – die Frauen, die ihr Tizianblond von einem Pariser Friseur bezogen, und die »Vons«, die in keinem Gothaer zu finden sind, eben all die Hazardtypen, deren Kugel doch einmal ins böse Feld läuft. Er hatte manche Tragödie und mehr Komödien und zumeist Tragikomödien erlebt, – nun wollte er ein Idyll. Er wusste gar nicht, wie er auf das Ostseenest verfallen war, aber als er das hübsche Mädchen in den Dünenblumen fand, freute es ihn. James Peters hatte viel Geld und herzlich wenig Gewissen. Es gibt ja Menschen, die nicht beides zum Glück brauchen, und James Peters, der eines reichen Vaters Erbe war, wollte auch gar kein Glück, zumal er an das Wort aus dem Dichterlexikon nicht glaubte. Er wollte sich amüsieren in einem Idyll, obwohl die beiden Worte nicht zueinander passen.

Grace Lukas wollte sich auch amüsieren. Aber – Grace Lukas hatte noch nichts genossen als die Tage verschämter Armut. Sie kannte das Wort auch eigentlich noch gar nicht, was ihr ein Wesen mit auf die Reise gegeben, das vielleicht die Sehnsucht nach einem glücklichen Moment in vielen fidelen Stunden niederzwang.

Amüsieren! Grace Lukas dachte aber noch an ein »Glücklich sein« dabei.

Sie war auch glücklich, wenn James mit ihr plaudernd den Strand entlang ging und rote Muscheln und auch weiße und sonst noch allerlei schimmerndes Strandgut für sie sammelte, und wenn er bei ihr saß, wenn sie Muschelkästchen und dergleichen klebte zum Mitbringen für die Mutter und die alten bissigen Untadeligen und die kleine viel getadelte Probiermamsell. Es sollte jeder etwas abbekommen von Grace Lukas’ Sommer.

James Peters hatte sie einmal angeredet, als ihre Seele, losgelöst von dem, was sie sonst zur Wunschlosigkeit zwang, nach einem Inhalt griff. James Peters sagte ihr auch so vieles, was einem Mädchen, das nur bei der Mutter gewesen, wohltun musste – viel liebe Schmeicheleien über sie und ihren hübschen Namen.

Alle Tage waren sie zusammen – es waren die langen Johannistage, wo die Kelche sich auftun. Und wenn die hellen Sommernächte auf weißen Wellenköpfen gesprungen kamen, drückte James Peters zwei heiße und unschuldige Hände und sagte: »Auf Wiedersehen, Grace.«

So ging es Tag für Tag und Abend für Abend. Die anderen, die in dem Fischerdorf einen billigen und amüsanten Sommer suchten, sahen ihnen mit immer längeren Hälsen nach. James Peters kam aus der Kosmopolis, die keine Neugier kennt, und Grace aus ihrer behüteten Girlishhood.

Es war ein Abend, an dem die Dünen in viel weißen und blauen und rosa Blüten standen, da fuhren James und Grace in einem kleinen Boot die Küste entlang. Sonst hatten sie sich von ihrem Leben erzählt, nun wussten sie nichts mehr von sich. Da sagte der Mann, der schon viel Frauen liebgehabt und die Unschuld suchte:

»Wirst du mich vergessen, Grace?« Und das Mädchen, das noch niemand außer seiner Mutter liebgehabt hatte, sagte: »Nie!«

Dann gab es eine Szene in dem kleinen Seelenverkäufer, und das Mädchen, das sich nach einem Freunde und einem Liebsten gesehnt hatte und zu wenig von dem traurigen Kaufpreis der ersten Liebe wusste, kam mit weit offenen seligen Augen heim in das Katenstübchen, unter dessen breitem Fenster ein Rosenstrauch zum ersten Male für das Jahr abgeblüht hatte.

Noch ein paarmal fuhren sie bis gegen Mitternacht auf der sommerstillen See und hatten sich lieb.

»Hast du mich lieb?« und »Wirst du mich vergessen?«, fragte James Peters Abend für Abend. Aber er sagte nie, dass er selbst nie das Mädchen vergessen würde, das seinen Sommer suchte.

Er brauchte es auch nicht zu sagen, weil sich Treue von selbst versteht für solche wie Grace Lukas.

Eines Morgens lag auf dem Fensterbrett von Grace Lukas’ kleiner Stube ein Rosenstrauß und ein Brief, und die bunten Mullgardinen von Frau Johannsen, die ihr bestes Zimmer an Sommerfrischler vermietete, zitterten drüber hin. Grace, die eine Nacht gehabt hatte wie nie zuvor, eine lange selige Nacht, die den Morgen fürchtet, fand die Blumen, über die schon der Mittag gegangen war, und den Brief.

»Wenn du aufwachst, bin ich fort, Grace. Wenn du älter bist und weltklug, wirst du wissen, warum ich mit dem heimlichen Abschied von dir ging. Habe tausendmal Dank für alles, was du mir gabst. Wenn ich ein Nocturno höre, werden die Nächte wieder zu mir kommen, in denen ein unberührtes Mädchen mir die Erstlinge ihrer Seele opferte. Lebe wohl, du liebe Kleine.«

Grace zog den großblumigen Vorhang wieder zu, nachdem sie gelesen hatte, dass ihre Liebe nur ein Nachtopfer gewesen, von dem der Morgen nichts wissen darf, und lag den langen, heißen Tag, an dem sich so viel Rosen auftaten, in schwülem Dämmern und sann darüber nach, ob das kleine Mädchen aus dem Modengeschäft auch so elend sei, wenn es einen Freund und Liebsten verliert. Aber die hielt sich schadlos an vielen Freunden, und Grace Lukas begriff nun, warum sie immer selig war bei trockenen Semmeln und auf schiefgetretenen Absätzen.

Als sie das interessante Album zuklappte, hatte die Elly gesagt: »Lumpensammlung das da! Lumpensammlung!« Meinte sie nun die hübschen Männerköpfe oder meinte sie, dass bei jedem ein lumpiges Fetzchen Liebe hängengeblieben war?

»Fräulein Grace, Sie sind zu anständig für das da, aber unserein – – – na – und Sie sind viel zu dumm und unschuldig und wissen von nichts.« Das hatte die Elly auch gesagt.

O ja, nun wusste sie allerlei, vor allen Dingen, wie weh es tut, wenn ein armes Mädchen etwas verschwendet. Sie wollte keine Lumpensammlung haben wie ein Ladenmädchen, und darum würde sie auch nie lustig wie die kleine auf das Straßenpflaster gefallene Schwalbe.

Nun hing das Leben wieder seine Bagnokugeln an das Mädchen, das keinen Freund und keine Lebenswonne mehr hatte. Die Mutter hatte ihr einen Sommer schenken wollen, und sie hatte hübsch ausgesehen in der mohnroten Foulardbluse und dem kleinen englischen Strohhut, den Fräulein Elly in einer »Gelegenheit« ausgesucht hatte. Die Mutter hatte ihr auch Lackschuhe mit dünnen Sohlen in den Koffer getan, und als Grace nach ein paar Tagen die leichten, ausgetretenen Dinger einpackte, dachte sie an ihr Herz, das auch Sommersohlen gehabt hatte und das sie auch niedergetreten wieder heimbrachte.

Ehe sie ging, taten ihr die Leute aus der Vorsaison noch allerlei Weh an mit den Wespenstichen der Schadenfrohen.

»Na, Fräulein Lukas, Mr. Peters fort? Sommerflirt, was? Fein amüsiert, was? Sahen übrigens schon wohler aus. Doch nicht tragisch – die Sache, was?«

Sommerflirt! Und das war der Sommer, um den die Mutter ihren Stolz an den Nagel gehängt hatte.

Als ihre Zeit um war, packte Grace ihre Siebensachen, denen Sonne und Seewasser zugesetzt hatten. Am letzten Abend brachte sie auch der See ihr Opfer, wie es Sitte ist. Sie nahm den trockenen Strauß und den Brief dazu, der sie hatte wissen lassen, was ihre Liebe nütze war; und dann schaute sie zu, wie die Wellen mit der leichten Ware umgingen.

Grace saß lange in den Immortellen und Glockenblumen und Pechnelken, die oben auf der Düne wucherten. Der Mond war schon weit empor gestiegen, als sie ins Dorf ging, und es war ihr traurigster Abend gewesen. Sie hatte viel an James Peters gedacht, der so lieb gewesen und der doch auch in eine Lumpensammlung gehörte.

*

Am anderen Abend ging sie an der Mutter Arm wieder durch staubige Straßen, durch die viele lustige Schwalben flirten, die aus ihrem stickigen Tageskäfig in das liebe Dunkel einer Biergartenlaube wollten.

Es streifte auch dieser und jener aus der jeunesse dorée das junge, stille Ding, das sein Reisegepäck selbst trug. Dann war für einen Augenblick ein Duft um Grace, wie er an James Peters gehangen hatte, und der selbst in die verschossene Seidenbluse gekrochen war, die ihr so hübsch gestanden hatte.

Die Bluse wanderte nun auch in den Lumpensack. Die Mutter sah ihr Kind von der Seite an und dachte: Sie wird müde sein, und der ungewöhnliche Lärm macht sie nervös. Nun hat sie doch auch einmal Sommer gemacht, und zu Hause – –

Aber oben im dritten Stock ihres Hauses war Grace erst recht still. Sie packte die kleinen Muschelmosaiks aus und wollte jedem sein Teil geben.

Die klugen Alten, welche die See nur aus ihren Geographiestunden kannten, sagten, dass die Erholung erst nachkäme, und dass die See zuerst zehre, und dass Grace doch ganz braun gebrannt wäre. Und sie empfahlen ihren Tee als Radikalkur wider unruhige Nerven.

Als Grace in die Kammer der lustigen Hirondelle kam, war’s wieder der Mutter Schlafkammer, und die Mutter sagte:

»Nein, Grace, wir konnten sie doch nicht behalten. Ich habe es auch nur für deine Reise getan. Die Leute im Hause sprachen schon darüber. Wenn du älter bist, wirst du das einsehen.«

Die Leute hatten auch über Grace gesprochen, und sie brauchte nicht erst älter zu werden, um die Leute und die Mutter und die Mädchen zu begreifen, die von einer Lumpensammlung erzählen. Grace Lukas hatte ihren Sommer gehabt, und schade, es war der billige, allererste Sommer, der doch duftreicher ist als die »hohe Saison«.


Textnachweis
Aus: Wiener Hausfrauen-Zeitung, XXXII. Jg., Nr. 31, 5. August 1906, S. 482–485. [Erstdruck in: Elisabeth Heydemann-Möhring, Krisen. Neue Novellen und Skizzen, Leipzig 1899.]. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Emilie Mundt, Küstenpartie bei Skagen, 1905

Sommer

von Anna Croissant-Rust (1860–1943)

Ohne Baum, ohne Strauch, nackt kriecht die gelbweiße Straße zwischen den Wiesen hin. Mit einem tiefen Seufzer haucht sie all die Hitze des Tages aus. Gebückt, nieder schleicht sie zwischen den Grasböschungen in die Berge. Kein Wind, keine Wolke, die Sonne im Sinken. Ein Gehöfte liegt tot in den Obstbäumen.

Ein Karren, mit Leinwand überspannt, hält vor dem Hause.

Kein Ton, keine Antwort, niemand, der öffnet.

Und der magere Klepper schleppt seine Last wieder weiter.

Langsam, müde, die staubige Straße entlang.

Drinnen im Wagen liegt ein krankes Weib. Die Haare hängen ihr wirr und schmutzig zu beiden Seiten des Gesichtes herab.

Sie glüht, fiebert, redet irre. Tappt mit zitternden Händen nach dem kleinen Kinde, fährt auf, lallt.

Das Kind spielt und lacht, versucht der Mutter das Brusttuch herunterzuzerren und ruft ihren Namen. Wenn der Wagen stößt, fällt die Kleine auf die Seite ins Stroh, auf den Leib der Mutter, auf ihre Füße. Dann jauchzt sie laut auf, zieht an den schwarzen Haaren der Kranken und reißt ihr mit dünnen, spitzen Fingerchen an den Augendeckeln, damit sie nicht immer schlafe.

Neben dem Karren trottet der Mann, bestaubt, mager, den Kopf gesenkt. Er und der Klepper, sie werden immer langsamer, immer müder, der Wagen scheint fast still zu stehen, kaum dass er Staub aufwirbelt.

Weit drüben auf der Wiese wenden Männer und Weiber Heu. Ein schwacher bittersüßer Geruch stiehlt sich bis zur Straße her.

Der Mann sieht auf, murmelt einen Fluch zwischen den Zähnen und schlägt auf den Klepper ein, dass er erschreckt dem Karren einen Ruck gibt.

Wie das Kind schreit vor Vergnügen! Auf Händen und Füßen kriecht es nach vorne und schaut mit lachenden schwarzen Augen nach dem Vater.

Die Mäher drüben stützen sich auf ihre Rechen. Mit aufgestemmtem Arme sehen die Weiber dem Gefährt nach, ihre weiß und roten Kopftücher leuchten über die grüne Wiese. Dann reichen sie sich den Krug und trinken. Gesundheit und Frische liegt in ihren Gesichtern, ihren Bewegungen, Behagen klingt aus ihrem Lachen.

»Packelwar’!«

Die humpeln weiter auf der weißen, öden, einsamen Straße, in den Abend, in die Berge hinein.


Textnachweis
Aus: Anna Croissant-Rust, Gedichte in Prosa, Berlin 1896, S. 73–74. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Heuwagen

Tanzlieder

von Margarete Beutler (1876–1949)

I.

Was frommt mir Mannesglut und Kuss!
Ich hab’ soviel getrunken,
Dass mir vielleicht ein Überdruss
Darob ins Blut gesunken.

Ich brenne so nach besserm Wein –
O brünstiges Verlangen:
Mich lüstet es, ein Wind zu sein
Und Erde zu umfangen.

Zu wehen über Moor und Moos
Zu dürstenden Geländen
Und aller Scham und Grenzen los,
Die Seele zu verschwenden! –

II.

Ich tanze durch den wilden Tann,
Durch den die Sterne bluten –
Zeitlos – – und mit mir tanzen dann
Die Jahre wie Minuten.

Ich tanze, und es quillt vom Hag
In grauenvoller Süße:
Ein Leben, fremd dem roten Tag
Winkt mir entzückte Grüße!

Viel Seelen – Seelen, längst enttan
Den irdischen Gelüsten
Kamen im stillen Nebelkahn
Von unerkannten Küsten – –

Und tanzen so wie ich durchs Land,
Der Ewigkeit den Reigen
Und sind mir lieb und stammverwandt,
Lächeln und schweigen! – –

Der Wald versinkt, der Mond rauscht auf,
Und alles steht im Glanze,
Dieweil ich Zorn und Groll zuhauf
Zertanze ………

III.

Mir ist, ich trage rote Schuh,
Muss tanzen, tanzen immerzu …

Es quillt das Laub, das Laub welkt hin,
Wer sagt mir, ob ich glücklich bin?

Ich weiß es nicht! – Mein Kind wird groß,
Die roten Schuh’ werd’ ich nicht los.

Sie tanzen Nacht und tanzen Leid
Und wildes Licht und Seligkeit – –

Bis mich der Mann, der meiner wert,
Herr Henker Tod, zum Weib begehrt,

Der, in die kleinen Schuh verliebt,
Sie lächelnd in die Tasche schiebt …


Textnachweis
Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler, Berlin 1908, S. 55–57. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 3 – Jugend, 1907

Das Nachttier

von Else Feldmann (1884–1942)

Am Ende der kleinen, engen, finsterkalten Sackgasse steht ein Mann. Seine Haare sind grau, lang, sich selbst überlassen. Das Regenwasser sickert durch sein Schuhwerk, der eisige Nord dringt durch seinen fliegenden Rock in die Poren seines Körpers.

Er steht still, wie festgenagelt, und spricht leise etwas: »Hier bleibe ich – – hier – ich rühre mich nicht vom Fleck …« Dann horcht er leise in sich, und seine Augen, die weit sind vor Furcht und wie blöd vor Erschöpfung, senden große, wilde Frageblicke umher, die vom grauen Pflaster und von der grauen Feuermauer aufgenommen werden.

Im Wirtshaus drüben, am andern Ende des Gässchens ist noch Licht; die Leute trinken und spielen und rauchen. Sooft die Tür aufgeht, trägt ein Windstoß Weindünste, Tabaksqualm und ein abgerissenes Lied im Basston ins Freie.

»Ich rühre mich nicht von der Stelle – nicht von der Stelle –«, sagt der Mann. Ein Rayonsposten klatscht und stampft an dem Gässchen vorbei. Sofort duckt sich der Mann, stellt sich an die Feuermauer, so dass es im Dunkel der Nacht aussieht, als wäre dort, wo der Mann steht, ein abgebröckelter Balken, ein zerklüfteter Teil der Mauer, ein Riss. Die Mauer und der Mann sind fast wie eins.

Wieder sagt er etwas, innerlichst in seine eigene Kehle hineingesprochen. »Ach, ich versteck’ mich, bis der da vorbei ist –«

Und er steht wie ein Pfosten, und ein tausendstel Teilchen jener kleinen Lust des Geborgenseins kommt über ihn. Wie der Polizist mit den festen Taktschritten langsam vorbeigeht, ist es ihm fast, als wäre er plötzlich glücklich geworden, oder als hätte ihn jemand gerettet vor etwas, das unbekannt hinter ihm lag wie ein Fluss hinter der Brücke.

Aber im nächsten Augenblick steigt ein sonderbarer Übermut in ihm auf. Der sagt zu ihm: justament. Und er spricht laut nach, was er hört: »Justament – er soll nur herschauen.«

Der Polizist fängt an, aufmerksam zu werden. Er geht denselben Weg noch einmal zurück und will es eben unternehmen, das Gässchen zu durchstreifen. Da kommt ihm der Mann auch schon ein paar Schritte entgegen. Er weiß, was er tut; er markiert den Betrunkenen, den total besoffenen lustigen Bruder. Er schreit dem Wachmann zu: »Lieber Freund, schau, ich bin’s!«, und dabei versteht er es brillant, seiner todmüden Kehle eine raue, starke Bierstimme zu erpressen.

Der Wachmann sieht ihn nicht sogleich; er geht so lange vorwärts, bis er eine Hemmung finden wird.

Der Mann denkt sich: Ich will mich lieber doch verstecken!, und im Augenblick steht er wieder auf seinem alten Platze – eins mit der Mauer.

Von dort aus beobachtet er den Polizisten: Hihihi – er sucht mich! Weil gerade auch der Schmerz aussetzt, der ihm bis jetzt in den Rippen gelegen hatte, und sein Herz infolgedessen beim Atmen nicht die Beschwerde fühlt, sagt er sich mit dem aufgeschürten Mut alter, vergangener Tage, der manchmal wiederkehrte und eigentlich der Mut zum Leben war: »Warum denn verstecken? Der könnt’ grad mein Freund sein!«

Der Wachmann bemerkt ihn noch nicht vollständig wegen eines kleinen Vorsprunges an der Wand. Den Mann lockt etwas, die Bekanntschaft des Polizisten zu machen, und er ruft wie ein Despot: »He, Polizist, hierher!« Und er winkt sogar, er winkt – – Eins, zwei ist der Wachmann an seiner Seite; er fasst den Mann am Arme und schleppt ihn hinüber ins Bereich der Laterne; er blickt ihn fest und zäh an, von oben bis herunter und dann nochmals rasch von unten bis hinauf. Er weiß alles: besoffener Vagabund.

Der Mann torkelt ein paar Schritte zurück, der Polizist bleibt allein unter der Laterne. Er ist ein junger, etwas genierter Wachmann, sein Gesicht trägt nicht die indifferente Amtsmiene, es leuchte noch von einer schönern Menschlichkeit. Das Wort: ›im Namen des Gesetzes‹ ist noch nicht heimisch in seinem Munde, viel näher liegt ihm ein anderes: ›armer Bruder‹; er ist erst seit kurzem im Dienst. Mit einem Ruck geht der Polizist auf den Mann zu, fasst ihn fest ins Auge und fragt:

»Was ist denn los? – Sie schauen gut aus! (Er meint damit hauptsächlich den zerknüllten Hut auf dem grauen, struppigen Kopfe.) Warum gehen Sie nicht nach Hause?«

»Es ist mir noch zu früh, nach Hause zu gehen, Herr Wachmann!«

Der Wachmann denkt sich: o du Armer!

Es nutzte nichts, dieser Wachmann hatte ein menschlich fühlendes Herz. Er sagte: »So haben’s gewiss eine böse Alte!« Damit will er sich entfernen.

Der Mann staunte darüber, dass ein Wachmann so – fast kollegial mit ihm sprach. Das war eigentlich lieb vom Wachmann und machte ihm noch mehr Mut. Er hatte jetzt beinah’ Lust, sich in ein kleines Plauscherl einzulassen; man könnte irgendeine Geschichte ausdenken – –

»Alte? Ja, ganz richtig! Sie sind ein Menschenkenner. Überhaupt ein gemütlicher Herr sind Sie, hahaha, so ein gemütlicher Herr!«

Die Vertraulichkeit des Besoffenen trieb dem jungen Wachmann das Blut ins Gesicht! »Also machen’s kein Lärm und gehen’s Ihrer Wege.«

»Aber Herr Wachmann, sind’s mir nicht neidig um das Stückl Platzl.«

»Gehen’s nur, gehen’s – na warten’s, ich hilf Ihnen, bis dass’ im Schwung sind. Natürlich hat er ein Rausch!«

Der Mann lässt sich einige Schritte fortbewegen, dann bleibt er stehen, sieht den Polizisten an mit den verzweifelten Augen und sagt, als ob er dieses Spiels überdrüssig geworden wäre: »Ich – und einen Rausch!«

Der Wachmann ist sehr im Zweifel: »Na, gehen’s!«, wiederholt er. Der andere steht unschlüssig; hier möchte er so gerne bleiben heute nachts. Dort ist gleich der Kehrichthaufen. Wenn man die paar Glasscherben und rostigen Reindeln wegschleudert, wird sich’s ganz gut ruhen lassen dort.

Die Stimme des Wachmanns reißt ihn jäh aus der Träumerei. »Hier können Sie nicht bleiben! Haben Sie’s weit nach Haus?«

»Weit? Ach woher! Lassen’s mich aus, ja? Bemühens’s sich nur nicht mit mir. Ich geh’ allein, nur ein bisserl Luft schnappen.«

»Das ist keine gute Luft; da schauen’s die Nässe, Sie haben nicht einmal einen Regenschirm. Da können’s sich einen ordentlichen Schnupfen holen.«

Der Wachmann ist noch ein bisschen ungeschickt, er ist erst kurze Zeit im Dienst, er hat noch nicht den richtigen Kontakt.

»Ach, mir tut die Luft sehr gut«, sagt der Mann. »Unsereins sitzt den ganzen Tag bei 8 Grad Kälte – –«

Dem Wachmann ist das Konfuse seines Erzählens noch kaum bewusst. Er fragt ihn: »Wo ist’s denn so kalt? Ja, wo? Sind Sie ein Kellerarbeiter?«

»Ja, ich arbeit’ in ein’ Keller, in ein’ Eiskeller, in einer Brauerei, Bierbrauerei. Mehr als 25 Jahr bin ich in dem Haus. Vorig’s Jahr hab’ ich mein Jubiläum gehabt, da hat mich unser Herr beschenkt, eine goldene Uhr, fein – mit Initialen drin.«

Der Polizist denkt sich: Aha, der Kerl da hat mich zum Besten. Doch weil er wirklich gutmütig war, fragte er: »Sind Sie noch in dem Haus?«

»Na, was denn? Wo sollt ich denn sein? War ja schon mein Vater und mein Großvater dort. Jedes Jahr am 1. Jänner hab’ ich mein Geburtstag, da sollen’s sehen, die herzlichen Gratulationen, die ich krieg. Ich bin überhaupt wie’s Kind im Haus. Bitt’ Sie, wenn man schon so lang wo ist!«

»Na, ja, ich glaub’s Ihnen schon!« Der Wachmann geht bis in die Mitte des Gässchens, sieht sich dann nach dem Manne um und kommt zurück. Auf dem kurzen Weg hat er sich eiserne Entschlossenheit geholt.

»Ja, Herr, da können Sie nicht bleiben, in den Straßen darf nachts niemand herumstehen.«

Der Mann denkt sich: Ich muss ihn bitten, recht sehr bitten. »Herr Wachmann, tun Sie sich doch meinetwegen nicht alterieren«, sagt er. Er klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Herr, anrühren dürfen Sie mich nicht!« Der junge Polizist ist atemlos vor Entrüstung.

Der Mann blickt ihn mit den verzweifelten Augen an; er weiß, noch mehr bitten muss er! »Seien Sie nicht beleidigt um Gotteswillen!« Eine unerhörte Kühnheit erfasst ihn; er ergreift den Wachmann an der Hand: »Ein junger, sauberer Mensch, der Sie sind – Sie können höchstens 26 Jahre alt sein! Was scheren Sie sich um mich alten Halunken? Für Sie passt ein hübsches, liebes Mäderl mit weichen Handerln, gehn’s da um die Ecke – da sind die schönsten Mädeln.«

Bei diesen Worten überläuft es den jungen Wachmann kalt und heiß. Gleich nimmt er sich aber zusammen.

»Kommen Sie mit!«

»Wohin denn?«

»Auf die Wachstube. Kommen Sie!«

Der Mann sinkt vor ihm herab auf die Knie – im Morast der Gasse liegt er nun. Diese Stellung tut ihm merkwürdig wohl; sie entlastet den untern Teil seiner Beine. Er denkt: Jetzt kniet ein Mensch vor einem andern. Blitzschnell erinnert er sich an ein lebendes Bild, das sie einmal in der Bude von Fratelli Bernuzzi gestellt haben, da kniete ein Gefangener vor einem Soldaten. Er glaubt, dass es einen türkisch-französischen Krieg gegeben habe, wobei dies geschah. Er will das sogleich dem Wachmann erzählen – aber er sieht doch ein, dass es zwecklos wäre. Viel besser ist es, das zu sagen, was das Nächste ist, und mit heiserm Geschrei, wie wenn eine Möwe auffliegt, stößt er hervor:

»Ich hab’ ja nix tan, lassen’s mich aus – –«

»Dann reden ’S nicht so was zusammen; ich bin im Dienst. Also vorwärts – wollen Sie jetzt den Platz verlassen und gehen?«

Der Mann zieht respektvoll den Hut und geht ruhig und gelassen seiner Wege. Der Polizist sieht ihm nach, so lange sein Auge ihn erreicht, dann macht er links kehrt, um seinen Rayongang fortzusetzen.

*   *   *

Das Wirtshaus drüben in der Ecke, im niedrigen, baufälligen Häuschen, an dem seit heute Früh mit dem Niederreißen begonnen wurde, entlässt die letzten Zecher. Der windschiefe Lampion, der es beleuchtet, wird abgesteckt, die Türen werden unter lautem Knarren verschlossen. Im weißen Leinenkittel kommt der Laternenanzünder und löscht jede zweite Laterne aus. Dann geht er sachte wieder fort: Zur Seite tanzt ihm lauernd sein Schatten, ein weißes Gespenst, das die Stange wie eine Sense hält.

Er hat die tiefste Stille in die Nacht getragen.

Da kehrt der Mann in das Gässchen zurück – der Kehrichthaufen lockt ihn mit offenen Armen an sich wie den frommen Pilger heiliges Land. Schlafsehnsucht steigt ihm schwer in die Glieder. Plötzlich erschallt, vom Nachtsturm mit roher Gewalt an sein Ohr getragen, der schreckliche Ruf: »Mayer!« – es ist sein Name, der Name, den er vor einigen Jahren abgelegt hatte, als er sich gelobte, für den Rest des Lebens ein anständiger Mensch zu bleiben. Der Name Mayer traf ihn wie mit einem Hammerschlag auf den Kopf – – Suran hieß er sich zuweilen oder Stefanides, auch Krasso oder Krassa. Er hatte schon früher bemerkt, wie einer, der als Allerletzter aus dem Wirtshaus kam, ihn angestarrt hatte. Er dachte aber, er würde gleich wieder von ihm lassen.

Nein, er ging hinter ihm und schrie ihm das verhasste, verfluchte ›Mayer‹ zu. Was wollte der von ihm?

Er zittert, er betet darum, dass der Fremde doch gehen möchte.

Allein er geht nicht, er bleibt hinter ihm ein paar Schritte, und wenn er es auch nicht hört, so denkt er fortwährend daran, dass der Fremde im nächsten Augenblick »Mayer« sagen wird. Warum ließ ihn der nicht allein? Was trieb ihn ihm in den Weg? Er wollte ja trotz größter Not ein anständiger Mensch bleiben für den Rest seines Lebens, und der war ein schwerer, feister Bürger mit einem weinfröhlichen Gesicht und hatte Ringe und eine goldene Kette, die hat er gesehen, als er auf die Uhr blickte, und Geld hatte er wahrscheinlich auch. Er selbst hatte nichts, gar nichts, nicht einmal ein ganzes Kleidungsstück gehörte ihm, und das Gässchen war doch finster und totenstill, wie leicht konnte da der Hass Akteur werden.

Der Mann zitterte an allen Gliedern vor Schrecken, vor entsetzlichem Schrecken; ihm fällt ein davonzulaufen –. Er läuft rings herum, er weiß kaum wie, aber er läuft – bis er wieder bei der Feuermauer ist. – Eigentlich hat er das Gässchen umkreist.

Der feiste Bürger ist noch immer da und ruft ihm: »Mayer!«

Der Mann drückt sich die Fingernägel in die hohle Hand und stößt hervor: »Sind Sie vielleicht ein Detektiv?«, und er läuft die Gasse hinunter bis an die andere Ecke, dort krümmt er sich auf dem Boden zusammen. Sein Hut ist ihm in die Pfütze gefallen.

Der Bürger kommt ihm nach und ruft ihm zu: »Mayer!« Er lacht aus vollem Halse und schlägt sich auf die Schenkel.

Da erhebt sich der Mann und steht auf einmal da wie ein Mensch aus Eisen: »Herr, sagen Sie mir, machen Sie sich einen Spaß oder sind Sie wirklich ein Detektiv?«

Der Bürger hält sich die Seiten vor Lachen. »Hahaha – hohoho – – der Mayer!« Der Mann reißt sich die Hemdbrust auf. Er packt den Bürger an der Schulter, schleppt ihn unter die Laterne, wie es der Polizist vorhin mit ihm gemacht hatte.

»Ja, ich bin der Mayer! Schauen’s mich an, schauen’s mich nur genau an! Habn’s mich schon genug angeschaut?«

»Ich kenne Sie!«

»Und jetzt sagen’s mir, woher Sie mich kennen, dass ich der Mayer bin?«

»Ich kenne Sie ujegerl schon lang!« Er dreht sich um und will gehen.

Der Mann, der plötzlich ein Mensch wie aus Eisen geworden war, sagt: »Dableiben!«

»Nein, ich dank Ihnen schön, ich hab’ ein’ Schlaf.«

»Ein’ Schlaf haben’s, ah – das könnt’ jeder sagen – einen erst verfolgen und dann sagen: Ich hab’ einen Schlaf, ich geh’! Sie haben mich verfolgt wie die Katz die Maus und jetzt sagen Sie, Sie wollen z’ Haus geh’n schlafen! Aha – das glaub’ ich Ihnen! Probieren’s und gehen’s z’Haus schlafen.«

Der Bürger machte ein paar Schritte.

»Aha, da gehen’s grad in die Feuermauer hinein! Und da steh’ wieder ich! ’s Wirtshaus ist zug’sperrt – also jetzt sagen’s mir, warum haben’s mich verfolgt?«

»Was reden’s denn für ein’ Unsinn?«

»Alsdann, woher wissen’s dann, dass ich der Mayer bin?«

»Weil ich Sie kenn’!«

»Woher kennen’s mich?«

»Vom Prater.«

»Das stimmt schon.«

»Sie waren einmal in einer Bude Ausrufer, wo die Dame ohne Unterleib war.«

»Das stimmt auch.«

»Da sind Sie immer so gestanden (er hält den Zeigefinger der einwärts gebogenen Hand ausgestreckt gegen seine Nasenspitze). Parris – Parris, wie es leibt, lebt und liebt – Parris bei Nacht! – –«

Der Mann kratzt sich den Hinterkopf und lallt: »Paris« – – – »Vor zwanzig Jahren, wie ich noch ein junger Bursch war, sind Sie mir einmal nachg’laufen bis am Praterstern.«

»Ah, das waren Sie? Warum bin ich Ihnen denn nachg’laufen?«

»Weil ich den Vorhang weggezogen hab’ von der Dame ohne Unterleib, wie sie grad hat raussteigen wollen aus ihrem Korb.«

»Das waren Sie?«

Dämmerdunkles Erinnern steigt in ihm auf, wächst, schwillt an und reckt sich an ihm empor als ein großes schwarzes Nachttier, das ihn aus Augen wie Feuerkugeln anblickt.

»Und die Leut’ haben g’schimpft und g’lacht und haben’s Eintrittsgeld zurückverlangt – das ist ja ein Schwindel!, haben’s g’schrien. Das Mistvieh ist ja gar keine Dame ohne Unterleib.«

Das Ungeheuer fletscht die Zähne, die Feuerkugeln blicken ihn an, lechzend an – –

»Also das waren Sie? – – – Ich erinnere mich schon, ich hab’ wegen dem Fall fortgehen müssen. Damals bin ich zum ersten Mal ein Dieb gewesen – meine erste Kerkerstraf’, 6 Monat schweren Kerker – –«

Dem Bürger ist das peinlich zu hören, darum unterbricht er ihn.

»Dann hab’ ich Sie wiedergesehen – Sie waren Billeteur bei der Rutschbahn – in ein Jahr drauf waren’s Zuckerlmann – hinter Kalafatti sind’s g’standen – ein bissl schmierige War’ haben’s immer g’habt – dann waren’s beim Künstler Absammler und Staberlwachter – so zwei Jahrln drauf sind’s wieder g’standen vor einer Buden mit wilde Menschen – wieder haben’s g’sagt – Pa–r–rris – Pa–rrris – Sie sollen staunen, dieses Großartige, dieses Neue, dieses Wunderbare – –«

Der Mann sieht jetzt schon mit den Augen des großen Nachttiers. »Weiter, weiter –«, sagt er.

Der Bürger schweigt – –

»No, weiter – –«

»Dann bin ich nicht mehr in den Prater gekommen – ja, einmal noch an ein’ Sonntag – ich bin damals schon mit meiner Braut hingekommen – vorm Eingang von Venedig haben Sie von ein’ Weibsbild eine Ohrfeig’n kriegt. –«

»Weiter – wo haben’s mich noch gesehen?«

»Richtig – vor fünf Jahren hab’ ich Sie in München g’sehn: Ich war mit meinen zwei ältesten Kindern auf der Vergnügungsreis’ beim Oktoberfest – da sind Sie vor einer Hütt’n g’standen mit ein großmächtigen Schuh und haben ausg’rufen: Der R–rriese Pisjak hier zu sehen – der gr–rrößte Mann der Welt.«

»Und dann – dann haben’s mich nimmer g’sehen –«

»Nein – bis auf den heutigen Tag, sind’s nimmer bei dem G’schäft?«

»O ja – aber ein anderes Fach –«

»So? Was denn?«

»Zauberei – –«

»Gehn’s zu!«

»No, es ist grad net Zauberei, es ist Taschenspielerei – da schau er’s amal her, ich zeig’ Ihnen ein Beispiel – hier in meiner Tasche habe ich ein Messer mit einer starken Klinge, ein bissel rostig ist’s ja – das macht nichts – vom Rege wohl. Nun jetzt passen’s auf, auf eins, zwei, – drei, wird das Messer verschwunden sein – –«

Der Bürger denkt ganz oberflächlich daran, wohin das Messer wohl verschwinden könne – aber – er weiß es nicht – er muss auch an seine zwei hübschen großen Buben daheim denken und an sein herziges blondes Mäderl, das Violinspielen lernt – – –

»Also«, zählt der Mann, »eins, zwei, drei – –«, und das Messer verschwindet bis an das Heft – in den Hals des Bürgers.

Er ist mit kleinem, kurzem Röcheln zusammengebrochen und war dann gleich tot.

Der Mann – nein, das Nachttier – kniete eben am Boden, um der Leiche alles wegzunehmen – als feste, langsame Taktschritte näher und näher kamen.

Es war der junge Polizist mit dem mitleidigen Herzen, der vom Dienstgang kam.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, 18. Juni 1911, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Sturmwind, um 1915

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