Zwei Sonette

von Kazimiera Zawistowska (1870–1902)

Ich liebe dich

Ich liebe dich, weil du mir wiedergibst die schönen
Lenztage meiner Jugend – jene goldnen Stunden.
Dein Schatten folgt mir immerfort – mir treu verbunden,
Und meine Seele ruft nach ihm mit bangem Sehnen.

Dass deine Arme mich nur eng und fest umschließen –
Verhüll die Augen mir, will nicht die Zukunft sehen,
Vergessen will ich alles, was mir je geschehen
Und selig liebe Zärtlichkeiten nur genießen.

Es ist heut kalt und dunkel … Gib mir deine Augen!
Sie sollen tiefer Träume Gärten mir erhellen,
Drin süße Klänge sind und Gold und Purpurwellen

Und – farbenreich umstrahlt – ein froher Hochzeitsreigen.
Es ist heut kalt und dunkel … Über mir entsteigen
Der bösen Ahnung Träume … Gib mir deine Augen! …

Gib deine Träume mir …

Gib deine Träume mir, die für mich glühten –
Dass ich erblick in ihrem Spiegelbilde
Die eigne Seele mein so still und milde,
Gleichwie des Silberreifes zarte Blüten.

Führ wieder mich in die kristallnen Weiten,
Dass dort, erweckt von deinen lieben Händen,
Sich all die zarten Töne wieder fänden –
Zu jenem Liede, das uns starb vor Zeiten …

Du wirst mich wieder so wie einstens sehen:
Und meiner Seele tote Perlen leben
Dann auf und werden leuchtend neu erstehen.

Die schönste Weile will ich deinem Leben
Dann geben – um ins Dunkel fortzugehen,
Dass wir uns niemals … niemals wiedersehen.


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Ich liebe dich, aus: Czernowitzer Tagblatt, 30. Mai 1909, S. 17.
Gib deine Träume mir …, aus: Czernowitzer Tagblatt, 16. April 1911, S.15.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, In Gedanken

Ein Augenblick

von Maryla Wolska (1873–1930)

Ein Duften rings … Es schweigt der Grillen Chor,
          Es welkt das Heu.
Und linde Winde quellen frisch hervor
          Und strömen herbei.

Ein stiller Geist, in Schweigen tief gehüllt,
          Blickt um sich stumm.
Das Glück irrt wie ein flüchtig Wunderbild
          Im Felde herum.

In unseren Herzen, heimlich still entfacht,
          Ein Wunder loht.
Und über uns stirbt der Tag so sacht
          Den glücklichen Tod.


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, 15. Mai 1910, S. 12. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anna Gardell-Ericson, Sonnenaufgang über einer Landschaft mit Wasser

Die Nacht in der Mühle

von Louise Brachmann (1777–1822)

Wohl auf, wohl ab, durch Berg und Tal
Zog Ritter Willibald
Im Morgenrot, im Abendstrahl
Durch Busch und Flur und Wald.

Das Auge trüb, das Herz in Glut
Zog ihn die Liebe fort;
Er suchte sein verlornes Gut
Er fand’s an keinem Ort.

Verschwunden die Geliebte war,
Wohin? er nicht vernahm,
Als er zurück, nach Tag und Jahr,
Vom Krieg aus Welschland kam.

Nichts blieb ihm übrig als ihr Bild,
Das trug er auf der Brust,
Das strahlt ihm aus dem Auge mild
Noch einzig Trost und Lust.

So irrt’ er sonder Ruh noch Rast,
Die Seele bang und schwer;
So irrt’ er dreißig Monden fast
Nach ihr durch Land und Meer.

Und eines Abends, als er lang
Im Wald geritten war,
Da rauscht es ihm wie Wellenklang
Zum Ohr so wunderbar.

Er kam heraus, und glänzend wand
Ein Strom am Fels sich hin,
Und eine Mühle lag am Strand
Gar still im dunkeln Grün.

Fünf braune Tannen rauschten hoch
Am Felsen um ihr Dach;
An ihren Wänden scheidend noch
Der Abendstrahl sich brach.

Der Ritter hielt; gefesselt war
Sein überraschter Blick;
Ihm war, als hielte unsichtbar
Ein Geist ihn hier zurück.

Die Mühle lag so friedlich da
Und lud zur Herberg ein,
Sein Ross war matt, die Nacht war nah
Und rings nur Fels und Stein.

Zwar brauste dumpf der Strom und schwoll
Doch setzt’ er durch mit Mut,
Und kam zur Mühle jenseits wohl
Durchs Schaumgetös’ der Flut.

Er traf hier gute Herberg an;
Ein Stall ward für das Ross,
Für ihn ein Stübchen aufgetan
Im obersten Geschoss.

Indes begrüßten schon das Tal
Die Sterne nach und nach;
Und freundlich fiel der Mondenstrahl
In Willibalds Gemach.

Er trat ans Fenster hin; die Nacht
War schimmervoll und mild;
Am Berge stand in stiller Pracht
Des Mondes lichter Schild.

Und unten, dicht am Fenster schlang
Der Strom sich durch das Tal;
Dem Ritter ward es wohl und bang
Beim dumpfen Flutenschall.

Er zog ihr holdes Bild hervor
Und küsst’ es tausendmal,
Hing’s hoch dann an der Wand empor
Im bleichen Mondenstrahl.

Drauf warf er müd aufs Lager sich,
Doch ruhlos wacht’ er lang;
Und außen, horch! so schauerlich
Kam’s her wie Geistergang.

Und eine dämmernde Gestalt
Trat leis’ zur Tür herein;
Dem Ritter lief es heiß und kalt
Durch Adern und Gebein.

Es schlug sein Herz, sein Odem stand,
Ein Schauer weht’ihn an,
Als jetzt das Bildnis an der Wand
Mit leisem Laut begann:

»Gott grüß dich, schönes junges Blut!
Wie? find’ ich so dich hier?
Ich komme aus der tiefen Flut
Vom Stromgebraus’ zu dir!

Vergönnt ward mir noch diese Nacht
Einmal heraufzugehn.
Dann scheid’ ich, wenn der Hahn erwacht,
Zum Nimmerwiedersehn!«

»Aus tiefer Flut? vom Stromgebraus?
O sag Geliebte mein!
Wie, ruhst du dort im feuchten Haus?
Wie kamst du da hinein?«

»Ach lang schon ist’s, manch Jahr verschwand,
Da reiste wohl mit mir
Mein Vater hier durch dieses Land,
Wir hielten Mittag hier.

Es ruhten alle, Mann und Ross,
Nur ich mit stillem Sinn
Ging dort im Tale sorgenlos
Am Ufer her und hin.

Und sieh! da hob vom Stromgeroll
Die Nixe sich empor,
Ihr Lied so süß und sehnsuchtsvoll
Drang lockend mir ins Ohr.

Mir ward so wohl und ach so weh,
So wunderbar zu Sinn;
Da reichte sie mir weiß wie Schnee
Drei helle Lilien hin.

Und Rosen, rot wie Abendglut:
Ich Arme griff danach,
Und plötzlich, ach! in tiefer Flut
In ihrem Arm ich lag!

Sie trug hierher durchs Wasser mich
In ihrer Schwestern Saal;
Tief unterm Strome wölbt’ er sich
Mit Wänden von Kristall.

Du bist nun unser, hub sie an,
Mein Zauber schließt dich ein!
Nur von dem starken Bande kann
Die Liebe dich befrei’n.

Bewähret noch im sechsten Jahr
Sich deines Liebsten Treu,
So rein und heilig, als sie war:
Dann geh, dann bist du frei!

So sprach sie, und in Tränen schwer
Floss nun mein Leben hin.
Ich sahe nie den Himmel mehr
Und nie des Waldes Grün.

Mein Kummer zehrte still mich auf,
Und fast das Herz mir brach,
Ich seufzte nach der Zeit Verlauf,
Von der ihr Zauber sprach.

Nun ist die Zeit, nun wär’ ich frei
Von ihres Banns Gewalt.
Ach liebte mich so heiß und treu
Noch jetzt mein Willibald!«

»Ich liebe dich! ich fasse dich!«,
Fiel jetzt der Ritter ein,
»Dein Zauber ist gelöst durch mich,
Du bist auf ewig mein


Textnachweis
Aus: Auserlesene Dichtungen von Louise Brachmann, hg. v. Professor Schütz, Bd. 2, Leipzig 1824, S. 124–129. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Elizabeth Siddal, Dame, ein Fähnlein an der Lanze eines Ritters befestigend, um 1856

Drei Gedichte

von Ricarda Huch (1864–1947)

Einsamkeit

Du neigtest, Herz, dich gern, wie sich die Birke neigt,
Dem Nachbarstamme zu.
Steh aufrecht, wie die Tanne trotzig steigt:
Allein bist du.

Wohl strömt ein jedes Ding des eignen Wesens Hauch
Den andern Dingen ein;
Doch will ihr Sehnen überfließen auch,
Sie sind allein.

Schlaft ihr umarmt auf einem Kissen, ihr erwacht
Wie Sonnen fern im Raum;
Nur dass ihr einmal träumt vielleicht bei Nacht
Den gleichen Traum.

Sei deine Welt, dein Stern; beglückt, wenn deine Glut
Am goldnen Leben schafft,
und ford’re nichts. Dir wird kein andres Gut
Als deine Kraft.

Herbst

Die gelben Blätter, wandernd in den Flüssen,
Des Glückes Überfluss, das ich besessen,
Die Küsse, die nun andre Lippen küssen –
Es ist nichts als Erinnern und Vergessen.
Wär’ wieder mein, was mir so lieb gewesen,
Grünte der Wald noch, den der Herbst geräumt,
Bald wär auch das vorbei und kaum geträumt.
O Herz, rings braust das ew’ge Licht Genesen!

Der Augenblick

Du schwebst, o schöner Augenblicke
Melodischer, geschürzter Tanz,
Um meine Rast, und die Geschicke
Drangvollen Lebens weichen ganz.

Ihr löst mich von der heil’gen Kette
Vergangner Tat und künft’ger Frucht,
In flammumstürmter Zufluchtstätte
Versinkt des Sklaven sel’ge Flucht.

Vertauscht die Jahre, mischt die Räume,
Betaut mich mit Vergessenheit!
Schwingt eure schlangenschnellen Säume:
Der Ring wird weit und weltenweit;

Traum wird Gestalt und nah wird ferne
In Zauberkreisen trunknen Lichts –
So blitzt die Ewigkeit der Sterne
Spurlos erlöschend durch das Nichts.


Textnachweis
Einsamkeit, aus: Neues Frauenleben, XXIII. Jahrg., Jänner 1911, Nummer 1, S. 26.
Herbst, aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jahrg., Februar 1912, Nummer 2, S. 54.
Der Augenblick, aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jahrg., September 1912, Nummer 9, S. 245.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga_Boznańska, Landschaftsmotiv, um 1890

Fünf Lieder

von Helmina von Chézy (1783–1856)

Dort, wo sanfter wehn die Lüfte,
Wo der goldnen Primel Düfte
Wehen unter leichtem Schnee;
Wo durch kühne Felsenbogen
Mächtiger die Fluten wogen,
Möcht’ ich bergen all mein Weh!

Könnt’ ich je mit dir die Auen,
Die so wonnig blühen, schauen,
Wo der Frühling immer blüht;
Wo der Nachtigallen Klagen
Alle Sehnsuchtwonnen sagen,
Die mein trunknes Herz durchglüht!

Eitler Wünsche bunt Gewimmel!
Ist denn Erde mehr als Himmel,
Der in deinem Auge thront?
Stille, süße Blicke sagen
Mehr als Nachtigallenklagen;
Eden blüht, wo Liebe wohnt!

Lasst mich einsam lauschen,
    Wie mein Herz es will;
Wo die Bächlein rauschen,
    Wird die Seele still.

Lasst mich einsam träumen,
    Mild ist Waldesnacht,
Wo in grünen Räumen
    Träumend Sehnen wacht.

Lasst mich einsam weinen,
    Wo im goldnen Strahl
Tauesperlen scheinen,
    Süßer glänzt das Tal.

Lasst mich einsam singen,
    Weil mein Herz so schwer,
Auch die Blumen bringen
    Herz in Düften her.

Lauschen, klagen, träumen
    Wollen einsamlich
Hier in grünen Räumen
    Nachtigall und ich.

O Leben, das kein Leben ist,
Wo du nicht in der Nähe bist!

Es brennt dein Blick mir in der Brust,
Dort schafft er ewig Schmerz und Lust.

Manch liebend Herz ersehnt den Mai,
Ich wünschte, dass er ferne sei.

Manch Herz wünscht, dass die Rose glüht,
Mein Lenz nur blüht, wenn nichts mehr blüht.

Der Lenz, der Tal und Höhen schmückt,
Hat Herzens-Flur mir leer gepflückt.

Die Lerche, die den Frühling bringt,
Mit meinem Frühling fern sich schwingt.

Die Nachtigall, die Rosen liebt,
Für Rosen mir nur Dornen gibt.

Wenn alles duftet, glänzt und lacht
Erstarrt mein Herz in öder Nacht.

Man ratet, was mein Lied wohl meint?
Ach, Treue nur, die einsam weint.

Kannst du wieder leiden, lieben,
    Herz, das dumpfe Ruh’ umfing,
Ist die Kraft dir treu geblieben,
    Die im Sturm nicht unterging?

Ja, die Welt ist nicht mehr öde,
    Und das Leben nicht erstarrt,
Und das Herz sieht nicht mehr blöde,
    Teilnahmlos die Gegenwart.

Alles blüht und glüht im Innern,
    Reiches Leben quillt empor,
Selig Ahnen, süß Erinnern,
    Leuchtet durch der Wolken Flor.

Lieb’ und Hoffnung, milde Sterne,
    Strahlet auf die Wogen hin!
Ob der Irrfahrt Ziel noch ferne,
    Zeigt es hell dem gläub’gen Sinn.

Unter Wonnen, unter Schmerzen,
    Blühet mir ein Sehnen nur;
Sanfter Tod an treuem Herzen
    Und ein Grab auf stiller Flur.

Gib mir Nachtigallen-Klagen,
    Banges Lieben, süßes Leid,
Klagen wie in Frühlingtagen
    Sanft umwölkter Jugendzeit.

Hebt euch stürmend, Lebenswogen
    Besser Sturm als tote Ruh,
Düstre Wolken, kommt gezogen,
    Milder Strahl, erschein auch du.

Auf dem dunkeln Hintergrunde
    Blüht der Iris milde Pracht,
Und der goldnen Träume Kunde
    Leuchtet durch die Schmerzennacht.


Textnachweis
Dort, wo sanfter wehn die Lüfte, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1824, X. Jahrgang, Wien [1823], S. 77–78.
Lasst mich einsam lauschen, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1825, XI. Jahrgang, Wien [1824], S. 122–123.
O Leben, das kein Leben ist, – Kannst du wieder leiden, lieben, – Gib mir Nachtigallen-Klagen, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1826, XII. Jahrgang, Wien [1825], S. 147–149.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Louise-Adéone Drölling, Interieur mit einer jungen Frau, die eine Blume abpaust, um 1820

Zwei Gedichte

von Grete Wolf (1882–1942)

Ein jedes Morgen …

Ein jedes Morgen hat nun feste Wände,
ist wie ein gut verschlossenes und enges Haus.
Es geh’n nicht mehr der Sehnsucht helle Brände
auf jedem Weg wie Fackeln mir voraus.

Wollt ich’s nicht so: dass ich die Stätte fände,
wo selbst der Schaffende sein Wirken misst;
durch Arbeit, Liebe und Besitztum bände,
was schweifend frei und ewig heimlos ist?

Oh schnell und gierig können Wünsche bauen!
Schon mauert um mein Herz sich satte Ruh.
Nur manchmal fühl’ ich: meine Augen schauen
fremd, wie im Spiegel. Fragen fremd: wozu?

Frauenschicksal

Du bist der Fremde und du bist der Feind.
Du brichst in meinen Frieden ein und raffst
All das für dich, was in mir lacht und weint – –
Ich weiß nur dies, dass du mir Sehnsucht schaffst.

Noch gestern warst du nicht. Ich ging allein.
Und war in mich geschlossen und war gut.
Nun muss ich nach mir selbst voll Sehnsucht sein,
Weil, was ich bin, in deinen Wünschen ruht.

Drum wird mir vieles Böse von dir kommen:
Du wirst nicht hüten, was du jetzt erflehst.
Ganz einsam bin ich morgen, wenn du gehst,
Und arm an allem, was du mir genommen.

Ich will mich bang und glühend an dich pressen,
Küss mir die Augen, Liebster, mach sie blind!
Und gib den Mund – dein Mund ist voll Vergessen – –
Dass wir nicht wissen, wann der Tag beginnt.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XVI. Jahrgang., Nr. 6, Juni 1914, S. 185. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 3 – Jugend, 1907

Blauer Falter

von Marie Eugenie delle Grazie (1864–1931)

Ein blauer Falter gaukelt
Um einen Lindenbaum –
Der wiegt sich leis’ und schaukelt
Die Zweige wie im Traum,
Die blüh’nden Zweige.

Sie schwanken hin und wider
Vor einem Kämmerlein,
Drin liegt in weißem Flieder
Ein totes Kind … allein
In weißem Flieder.

Er fiel aus kleinen Händen
Herab wohl auf die Leich’ –
Die Sonn’ geht an den Wänden
So lautlos und so weich –
Der Tag rückt weiter.

Und mitten in dem Kreise,
Dem mag’schen Zauberring
Von Licht und Tod tanzt leise
Der blaue Schmetterling –
Im Kreis’ … im Kreise …


Textnachweis
Aus: Wiener Rundschau, Bd. 1, 1897, S. 290. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Mary Cassatt, Flieder in einem Fenster, um 1880

Vorfrühling

von Hedwig Lachmann (1865–1918)

Märzstaub fliegt auf. Es fröstelt leicht.
Der Tag in langer Dämmrung bleicht.

Vom Wind das Pflaster blank gefegt.
Es klingt verloren, was sich regt.

Der Kinder Spiel ist eben aus.
Die Mütter winken sie ins Haus.

Es schreit in mir: Verratnes Herz!
Doch geh ich schweigend frühlingwärts.


Textnachweis
Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte, Potsdam 1919, S. 38. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

An eine Rose

von Marianne von K**

Wohl bist du mir ein holdes Bild der Jugend
Wie Morgenrot, von zartem Duft verklärt;
Wohl uns, wenn unser Herz, wenn uns’re Tugend,
Wie dich ein schützend scharfer Dorn bewehrt!

Denn nur als Knospe spornst du das Verlangen,
Bist du erblüht, so wechselt schnell dein Los –
Der Fluch »Vergänglichkeit« hält dich umfangen,
Und welkend sinkst du bald in ihren Schoß.

D’rum, Frau’n, bewahrt die zarte inn’re Blüte,
Die Hülle treffe nur des Schicksals Macht!
Denn was wir schützend bergen im Gemüte,
Nur dies allein versinket nicht in Nacht.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., No. 116, 27. Sept. 1837, S. 479. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Gedichte und Lieder

von Charlotte Löw

Verlorne Mühe

Jüngst sah er im Auge ihr glänzen
Die Träne, perlenhell;
Der Wehmut schien sie entsprungen –
Ein bittersüßer Quell.

Viel Fischlein drinnen baden
Auf seinem so düstern Grund:
Die Fischlein sind die Gedanken,
Gefleckt, wie Forellen, so bunt.

Schnell ward er lüstern, zu fischen
In diesem Gedanken-Meer.
Auswarf er das Netz und die Angel;
Er zog sie heraus – doch leer!

Und wieder glänzte im Auge
Die Trän’ ihr, perlenhell;
Doch lachend spitzt sich ihr Mündchen –
Geschwätzig spricht es und schnell:

»Gedanken wirst nimmer du raten,
Kündet sie dir nicht der Mund.
Im Trüben wirst du stets fischen,
Gibt der Gedanke im Wort sich nicht kund!«

Lieder

I.

Wenn ich auf meinem Lager,
Von Schatten eingehüllt,
Dann drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

Vom Bild, das sonst mit klarem Blick
Mich freundlich angeschaut,
Bis jede Wolke wich zurück,
Die meine Stirn umtaut’!

Von Worten, die beredt und mild
Durchdrangen Seel’ und Herz;
Und oft die Tränen mir gestillt,
Beschwichtigt oft mein Herz.

Wohl blicket klar noch jetzt das Bild,
Das Wort entströmt dem Mund;
Doch dass die Ferne sie umhüllt,
Das drückt das Herz mir wund.

Drum wenn ich auf dem Lager ruh’,
In Schatten tief verhüllt,
So drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

II.

Könnt’ ich das Herz heraus mir heben
Aus meiner grabesstillen Brust:
Wie wollt’ ich gute Wort’ ihm geben,
Bis es erwacht zu neuer Lust!

Wie wollte ich es eifrig pflegen,
Ihm Lieb’ einhauchen, glutenheiß,
Bis es in lebenswarmen Schlägen
Sich regte aus dem starren Eis!

Doch eingesargt im kalten Schreine,
Der Totenwürmer sich’rer Raub,
Verschlossen jedem Hoffnungsscheine,
Zerfällt es bald in leichten Staub.

In Staub, aus dem nicht Halm noch Blüte
Mit frischem Dufte je entquillt;
Die Brust, die einst vulkanisch sprühte,
Hat tote Lava jetzt gefüllt.

Kein Frühling

Wie es schwillt aus jeder Knospe,
Aus den Keimen steigt’s empor;
Wie es zwitschert in den Zweigen,
Freudig grüßt es Aug’ und Ohr.

Auch die Schwalben kommen wieder,
Und der Storch baut hoch sein Nest;
Und die bunten Schmetterlinge
Schwärmen froh nach Ost und West.

Blüte dränget sich an Blüte,
Zweig um Zweig die Arme schlingt;
Liebesfreuden, Lebensfreuden
Junger Frühling mit sich bringt.

Nur ein Veilchen tief im Busche
Steht vereinzelt da und sinnt,
Matten Blicks, gesenkten Hauptes,
Perlentau es leis’ durchrinnt.

Perlen, sagt man, deuten Tränen,
Tränenperlen künden Schmerz;
Armes Veilchen! ach ich ahne,
Was so früh zerknickt dein Herz.

Ungestillter Sehnsucht Schauer,
Rieselt kalt im Busen dir,
Und nach Sonne und nach Wärme
Lechzest du vergebens hier.

Sehnsucht schleicht gesenkten Hauptes
Mit dem tränumflorten Blick;
Schmerz weiß nichts von Lenzesjubel,
Sehnsucht nichts von Maienglück.


Textnachweis
Verlorne Mühe, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 8, 17. Januar 1838, S. 31.
Lieder, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 76, 25. Juni 1838, S. 309.
Kein Frühling, aus: Camellien. Almanach für 1840, Prag und Berlin [1839], S. 363–364.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑