Ich träume so leise von dir

von Else Lasker-Schüler (1869–1945)

Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,
Die sind wie deine Seele.

O, ich muss an dich denken
Und überall blühen so traurige Augen.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,
Ich weiß nicht, wo ich hin soll.

Und ich habe dir doch von großen Sternen erzählt,
Aber du hast zur Erde gesehn.

Ich träume so leise von dir,
Weiß hängt die Seide schon über meinen Augen.

Warum hast du nicht um mich
Die Erde gelassen – sage?


Textnachweis
Aus: Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste, Jg. 1910, Nr. 9, S. 69. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Zwei Gedichte

von Kory Towska (1868–1930)

Mädchenlied

Träume, die kein Magier deutet,
Huschen durch den wirren Sinn,
Glocken, die kein Meßner läutet,
Klingen ohne Ruhe drin,
Märchen, die ich nie vernommen,
Treiben ihren tollen Spuk.
Ach, wann wir der Zaubrer kommen,
Der da sagt: Genug!

Mutterlied

Ich trage still, ich trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht
Und doch von meinem Angesicht
In seligem Glanze wiederblüht.
Noch dunkel ist das Kämmerchen,
Nur heilige Frühe ohne Laut,
Nur manchmal tönt das Hämmerchen,
Das heimlich an dem Wunder baut.
Ich denk ein Maienblümelein
Und sinn ein altes, altes Lied
Und trage still und trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jg., November 1912, Nr. 11, S. 304 (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Frühlingsgedicht

von Grete Wolf (1882–1942)

Wir wollen hinausgehn, den Frühling zu grüßen!
Durch die seidenklare, schimmernde Luft
Trägt der Wind einen leisen, süßen,
Zögernden Atem von Veilchenduft.

Irgendwo muss es nun Gärten geben,
Wo sie erstehn aus dem bräunlichen Grün,
Auf dem in golden zitternden Stäben
Der Sonne flimmernde Netze glühn.

Irgendwo steht nun der Himmel offen
Und sonnbeschienen, auf leichtem Schuh,
Tanzt hell ein kleines, seliges Hoffen – –
Und der Frühlingswind bläst die Flöte dazu.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 11. April 1909, Osterbeilage, o. S. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Und nachts in tiefer Dunkelheit …

von Emmy Hennings (1885–1948)

Und nachts in tiefer Dunkelheit,
Da fallen Bilder von den Wänden,
Und jemand lacht so frech und breit,
Man greift nach mir mit langen Händen.
Und eine Frau mit grünem Haar,
Die sieht mich traurig an
Und sagt, dass sie einst Mutter war,
Ihr Leid nicht tragen kann.
(Ich presse Dornen in mein Herz
Und halte ruhig still,
Und leiden will ich jeden Schmerz,
Weil man es von mir will.)


Textnachweis
Aus: Emmy Hennings, Die letzte Freude, Leipzig 1913, S. 7. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Zwischen Ruinen

von Margarete Beutler (1876–1949)

Lass uns noch einmal den Augenblick greifen,
Lass uns noch einmal selig und still
Diese Gärten des Todes durchstreifen,
Ehe zum Wort die Gedanken reifen,
Und eine Sehnsucht sie pflücken will.

Über die rissigen Tempelwände
Geht des genossenen Tages Schein.
Traumhafter Blicke und Wonnen kein Ende,
Und in den Jubel verschlungener Hände
Rauschen die ewigen Wogen hinein.


Textnachweis
Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler, Berlin 1908, S. 8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

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