Vorfrühling

von Hedwig Lachmann (1865–1918)

Märzstaub fliegt auf. Es fröstelt leicht.
Der Tag in langer Dämmrung bleicht.

Vom Wind das Pflaster blank gefegt.
Es klingt verloren, was sich regt.

Der Kinder Spiel ist eben aus.
Die Mütter winken sie ins Haus.

Es schreit in mir: Verratnes Herz!
Doch geh ich schweigend frühlingwärts.


Textnachweis
Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte, Potsdam 1919, S. 38. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

An eine Rose

von Marianne von K**

Wohl bist du mir ein holdes Bild der Jugend
Wie Morgenrot, von zartem Duft verklärt;
Wohl uns, wenn unser Herz, wenn uns’re Tugend,
Wie dich ein schützend scharfer Dorn bewehrt!

Denn nur als Knospe spornst du das Verlangen,
Bist du erblüht, so wechselt schnell dein Los –
Der Fluch »Vergänglichkeit« hält dich umfangen,
Und welkend sinkst du bald in ihren Schoß.

D’rum, Frau’n, bewahrt die zarte inn’re Blüte,
Die Hülle treffe nur des Schicksals Macht!
Denn was wir schützend bergen im Gemüte,
Nur dies allein versinket nicht in Nacht.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., No. 116, 27. Sept. 1837, S. 479. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Gedichte und Lieder

von Charlotte Löw

Verlorne Mühe

Jüngst sah er im Auge ihr glänzen
Die Träne, perlenhell;
Der Wehmut schien sie entsprungen –
Ein bittersüßer Quell.

Viel Fischlein drinnen baden
Auf seinem so düstern Grund:
Die Fischlein sind die Gedanken,
Gefleckt, wie Forellen, so bunt.

Schnell ward er lüstern, zu fischen
In diesem Gedanken-Meer.
Auswarf er das Netz und die Angel;
Er zog sie heraus – doch leer!

Und wieder glänzte im Auge
Die Trän’ ihr, perlenhell;
Doch lachend spitzt sich ihr Mündchen –
Geschwätzig spricht es und schnell:

»Gedanken wirst nimmer du raten,
Kündet sie dir nicht der Mund.
Im Trüben wirst du stets fischen,
Gibt der Gedanke im Wort sich nicht kund!«

Lieder

I.

Wenn ich auf meinem Lager,
Von Schatten eingehüllt,
Dann drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

Vom Bild, das sonst mit klarem Blick
Mich freundlich angeschaut,
Bis jede Wolke wich zurück,
Die meine Stirn umtaut’!

Von Worten, die beredt und mild
Durchdrangen Seel’ und Herz;
Und oft die Tränen mir gestillt,
Beschwichtigt oft mein Herz.

Wohl blicket klar noch jetzt das Bild,
Das Wort entströmt dem Mund;
Doch dass die Ferne sie umhüllt,
Das drückt das Herz mir wund.

Drum wenn ich auf dem Lager ruh’,
In Schatten tief verhüllt,
So drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

II.

Könnt’ ich das Herz heraus mir heben
Aus meiner grabesstillen Brust:
Wie wollt’ ich gute Wort’ ihm geben,
Bis es erwacht zu neuer Lust!

Wie wollte ich es eifrig pflegen,
Ihm Lieb’ einhauchen, glutenheiß,
Bis es in lebenswarmen Schlägen
Sich regte aus dem starren Eis!

Doch eingesargt im kalten Schreine,
Der Totenwürmer sich’rer Raub,
Verschlossen jedem Hoffnungsscheine,
Zerfällt es bald in leichten Staub.

In Staub, aus dem nicht Halm noch Blüte
Mit frischem Dufte je entquillt;
Die Brust, die einst vulkanisch sprühte,
Hat tote Lava jetzt gefüllt.

Kein Frühling

Wie es schwillt aus jeder Knospe,
Aus den Keimen steigt’s empor;
Wie es zwitschert in den Zweigen,
Freudig grüßt es Aug’ und Ohr.

Auch die Schwalben kommen wieder,
Und der Storch baut hoch sein Nest;
Und die bunten Schmetterlinge
Schwärmen froh nach Ost und West.

Blüte dränget sich an Blüte,
Zweig um Zweig die Arme schlingt;
Liebesfreuden, Lebensfreuden
Junger Frühling mit sich bringt.

Nur ein Veilchen tief im Busche
Steht vereinzelt da und sinnt,
Matten Blicks, gesenkten Hauptes,
Perlentau es leis’ durchrinnt.

Perlen, sagt man, deuten Tränen,
Tränenperlen künden Schmerz;
Armes Veilchen! ach ich ahne,
Was so früh zerknickt dein Herz.

Ungestillter Sehnsucht Schauer,
Rieselt kalt im Busen dir,
Und nach Sonne und nach Wärme
Lechzest du vergebens hier.

Sehnsucht schleicht gesenkten Hauptes
Mit dem tränumflorten Blick;
Schmerz weiß nichts von Lenzesjubel,
Sehnsucht nichts von Maienglück.


Textnachweis
Verlorne Mühe, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 8, 17. Januar 1838, S. 31.
Lieder, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 76, 25. Juni 1838, S. 309.
Kein Frühling, aus: Camellien. Almanach für 1840, Prag und Berlin [1839], S. 363–364.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Drei Gedichte

von Else Lasker-Schüler (1869–1945)

Morituri

Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben –
Seitdem sind meine Lippen kalt und blass.
Du hast mich aus dem Rosenparadies vertrieben!
Ich musst’ sie lassen, alle die mich lieben.
Gleich einem Vagabund zieh’ ich fürbass.

Und in den Nächten wenn die Rosen singen –
Dann brütet still der Tod – ich weiß nicht, was …
Ich möchte dir mein krankes Herze bringen,
Den gift’gen Odem und mein mühsam Ringen,
Mein Weh und alles Kranke und den Hass.

Sehnsucht

Mein Liebster, bleibe bei mir die Nacht
Ich fürchte mich vor den dunklen Lüften.
Ich hab’ so viel Schmerzliches durchgemacht
Und Erinnerung steigt aus den Totengrüften.
Ich fürchte mich vor dem Heulen der Stürme
Und dem Glockengeläute der Kirchentürme
Vor all den Tränen, die heimlich fließen
Und sich über meine Sehnsucht ergießen.

Leg deinen Arm um meinen Leib,
Du musst ihn wie dein Kind umfassen –
Ich seh’ im Geiste ein junges Weib –
Das Weib bin ich – von Gott verlassen …
Mein Liebster, erzähle von heiteren Dingen!
Und ein Lied von Maienlust musst du singen!
Und herzige Worte und schmeichelnde sagen …
Damit sie die Raben des Schicksals verjagen.

Mein Liebster, siehst du die bleichen Gespenster?
Von mitternächtlichen Wolken getragen …
Sie klopfen deutlich ans Erkerfenster.
Ein Sterbender will »Lebewohl« mir sagen.
Ich möchte ihm Blüten vom Lebensbaum pflücken …
Und die Schlingen zerreißen, die mich erdrücken!
Mein Liebster, küsse, – küss’ mich in Gluten
Und lass deinen Jubelquell über mich fluten!

Phantasie

Ich schlummerte an einem Zauberbronnen
Die Nacht – und träumte einen stillen Traum –
Von Sternenglanz und Mondenblässe
Und silberhellem Wellenschaum.
Von dunkler Schönheit der Zypresse
Und von dem Glühen deiner Augensonnen.

Der Neumond kann sich nicht vom Morgen trennen –
Ich hör’ ihn mit den jungen Frauen scherzen. –
Im Tale blühen heiße Purpurrosen
Und Lilien, andachtsvoll wie heil’ge Kerzen
Und sonnenfarbig, goldene Mimosen
Und Blüten, die wie meine Lippen brennen …


Textnachweis
Aus: Das Magazin für Litteratur [sic], 69. Jg., Nr. 38, 1900, Sp. 666–667. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Juana Romani, Eine dunkelhaarige Schönheit, 1898

Drei Gedichte

von Sophie Albrecht (1756–1840)

Lied auf dem Kirchhofe

Sei leiser hier, du meines Kummers Klage,
Und seufze nur, was mich zu Gräbern beugt;
Verzeiht – verzeiht, ihr Toten, dass ich’s wage
Zu jammern, wo des Schmerzes Stimme schweigt.

Nichts kann der Gräber stolze Ruhe stören,
Der Friede wohnt im stillen Schattenreich;
Drum will ich heilig eure Täler ehren,
Ach! er, mein Herzensfreund, wohnt unter euch.

Mein Freund, der wieder all die süßen Bande,
Die längst die Welt von meinem Herzen riss,
Sanft knüpft’ und mir im finstern Wechsellande
Elysiums ewig daurend Glück verhieß.

Die heiße Stirn gelehnt am kalten Steine,
Der meiner Trauer stummen Hügel deckt;
Rinnt sanft, ihr Tränen! wie im Frühlingshaine
Des Morgens Tau, der junge Rosen weckt.

Sie fließen nicht, dich Freien zu beklagen,
Der nicht im Kerker der Verwesung wohnt;
Dir jauchz’ ich zu, dem nun nach schwülen Tagen
Das kühle Wehn der Dulderpalme lohnt.

Dort seh ich dich den großen Morgen feiern,
Der nur an jenem Purpurufer tagt;
Wohin keins von des Lebens Ungeheuern
Durch Gottes Wachen sich hinüberwagt.

Nur mir, nur mir Gesunknen rinnt die Zähre,
Nur mich Verlassne klagt dies Tränenlied;
Mir ist die Welt nur eine öde Leere,
Wo mir allein kein stiller Hügel blüht.

Er deckt mit dir auch alle bleiche Schrecken,
Die Gruft und Tod mir einstens schaudernd gab;
So muss die Nacht den jungen Morgen wecken,
Du starbst – und Heimat wird mir Tod und Grab.

Umschlungen unsrer schönsten Hoffnung Büste
Späh ich, ob bald der Kahn herüber schwimmt,
Der mich von der Verwesung schwarzen Küste
Zu dir – zu dir, mein Freund, hinüber nimmt.

Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe

Leise wie das Lispeln junger Bäume,
Wenn der erste West sie wiegt,
Sei der Inhalt aller eurer Träume,
Die ihr hier im kalten Staube liegt;
Leicht mög’ euch des Todes Dunkel decken,
Graus und Schrecken fliehe eure Gruft,
Bis Gott wird den schönen Tag erwecken,
Der einst Leben in die Gräber ruft.

Lied auf dem Kirchhof zu singen

Vergebens weht die Frühlingsluft
In diesen Todeshain,
Vergebens streut die Rose Duft
Ums modernde Gebein.

Ach! keine Liebesstimme ruft –
Und keine Träne weckt
Sie aus der öden dunkeln Gruft,
Wo lange Nacht sie deckt.

Wach auf! Wach auf! Posaunenton!
Komm, letztes Morgenrot!
Zerstöre der Verwesung Thron,
Und scheuch den starken Tod.

Weck auf, was in der Erde schlief,
Was längst vermodert lag,
Was keine Träne wiederrief,
Weck auf, du großer Tag!

Komm, lass uns ewig Frühling wehn
Und düften Rosenduft
Und unsre längst Getrennten sehn
In neugeborner Luft.


Textnachweis
Aus: Sophie Albrecht, Gedichte und Schauspiele, Dresden 1791, Teil 2, S. 65–66 (Lied auf dem Kirchhof zu singen), Teil 3, S. 32–35 (Lied auf dem Kirchhofe), S. 85 (Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe). (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Constance Marie Charpentier, Melancholie, 1801

Ritter Aage und Jungfrau Else

von Luise von Plönnies (1803–1872)

Es war am Maientage, die Glocken hallten laut,
Da freite Ritter Aage schön’ Else, seine Braut.

Und als sie sich umschlungen, da blühten die Rosen all,
Da hat ihr Lied gesungen die holde Nachtigall.

Ein Monat ist verflossen, die Rosen fallen ab,
Das Glück ist all genossen, Herr Aage ruht im Grab.

Viel heiße Tränen rollen von Elsens Aug’ herab,
Wohl durch die braunen Schollen, hinunter in sein Grab.

Eine Träne ist gesunken ihm auf das tote Herz,
Als wie ein glüh’nder Funken – da wacht er auf voll Schmerz.

Die Lieb’ hat aus den Banden des Grabes ihn befreit,
Da ist er aufgestanden, zur mitternächt’gen Zeit.

Er hat den Sarg genommen wohl auf die Schulter fein
Und ist damit gekommen bis vor ihr Kämmerlein.

»Schließ auf die Tür, Geliebte, dein Liebster, der ist nah,
Schließ auf die Tür, Betrübte, der Bräutigam ist da!«

»Sprich aus des Heilands Namen, wie sonst lass ich dich ein.«
Herr Aage der sprach Amen und trat ins Kämmerlein.

Das waren sel’ge Wonnen, er lag an ihrer Brust,
Das Leid war all zerronnen, versunken in der Lust.

Sie strich auf seinem Haupte mit goldnem Kamm das Haar,
Für jedes, das sie raubte, fiel eine Träne klar.

»O du Herzliebster, sage, wie ruht sich’s in dem Grab?« –
»Wenn du lächelst«, spricht Herr Aage, »dann fallen Rosen hinab.«

»Doch wenn ich weine, sage, fühlst du’s in deinem Grab?« –
»Wenn du weinest«, spricht Herr Aage, »tropft es wie Blut herab.«

Sie schmiegt in Lust und Leide sich fester an ihn an.
»Horch, Zeit ist’s, dass ich scheide, es kräht der rote Hahn.

Jetzt müssen alle Toten zurück zum Erdenschoß.«
»Lass kräh’n den Hahn, den roten, ich lass dich nimmer los!« –

»Es kräht zum zweiten Male, das ist der schwarze Hahn,
Jetzt wird im Morgenstrahle der Himmel aufgetan.

Lass mich den Sarg erheben und folgen dem Gebot!«
»Ach Liebster, nimm mein Leben und gib mir deinen Tod!«

Mit seinem Sarge schreitet Herr Aage aus dem Haus,
Von seinem Lieb begleitet, in dunkle Nacht hinaus

Zum Kirchhof, durch den dunkeln und langen Tannenwald.
»Sieh, wie die Sterne funkeln, zur Stelle sind wir bald.«

Sie treten aus dem Walde, der Kirchhof ist erreicht;
»Herr Jesu, wie ist balde dein golden Haar gebleicht!«

Sie treten zur Kapelle im blassen Mondenstrahl;
»Herr Jesu, wie so schnelle wird deine Wange fahl!«

»Süß Lieb, du darfst nicht weinen, schlag auf dein Augenpaar,
Sieh wie dort oben scheinen die Sterne hell und klar.«

Sie lässt die Blicke fliegen empor in blaue Luft,
Indes ist er gestiegen hinab in seine Gruft.

Sie sah ihn nimmer wieder, ging heim in stillem Gram,
Bald legte man sie nieder zu ihrem Bräutigam.


Textnachweis
Aus: Ignaz Hub (Hg.), Deutschland’s Balladen- und Romanzen-Dichter. Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit, zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage, Karlsruhe 1849, Bd. 1, S. 672. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marguerite Godin, Griseldis, 1894

Vor dem Sturm

von Maryla Wolska (1873–1930)

Die Zeit ist so müde, die Winde wehklagen,
Es schreiten mit Sicheln die Schnitter einher;

Ich habe so manches, so viel dir zu sagen,
So vieles und alles, vielleicht auch noch mehr …

Es naht ein Gewitter, es blitzt in der Höhe!
Ein Sturm wird die Nacht nach den Gluten durchwehn;

Ich möcht in die Seele dir schaun aus der Nähe,
Doch trau ich mich kaum in dein Antlitz zu sehn …

Es fallen schon Tropfen! Und rings auf den Auen
Erbeben die Blumen und müd liegt das Feld.

Und in deinen Augen tief ist nun zu schauen
Der fernen Verheißungen göttliche Welt …


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Aus: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 25. Dez. 1908, Weihnachts-Beilage, o. S. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Kornfeld

Sommermittag

von Hilda Bergmann (1878–1947)

Die Erde liegt wie eine reife Frucht
In Glanz gebettet im Hochmittagsschweigen.
Die Grillen haben aufgehört zu geigen.
Allgegenwart des Lichts: Das Auge sucht
Vergeblich nach den Wolken in der Bläue,
Vergeblich nach dem Schatten in der Glut.
Jetzt musiziert das Grillenvolk aufs Neue,
Indes verborgne Lebenssäfte steigen
Und das Geschaffene in Sonne ruht.

O Meer von Leuchten! Wiegendes Getreide,
Kornblumenfarbe, flammendroter Mohn,
Lied ohne Ende sommerlicher Freude!
Von ferne her gewittert Glockenton,
Nein, Glocken singen anders, Weidenrohr
Von Hirtenmund geblasen, mag so klingen.
O Tor!
Pans Flötentöne schwellen an dein Ohr
Und schenken sich, umzirpt vom Grillenchor,
Geschwisterlich den daseinstrunknen Dingen.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1926, Heft 37, S. 730. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Maria Oakey Dewing, Mohnblumenbeet, 1909

Tanzlieder

von Margarete Beutler (1876–1949)

I.

Was frommt mir Mannesglut und Kuss!
Ich hab’ soviel getrunken,
Dass mir vielleicht ein Überdruss
Darob ins Blut gesunken.

Ich brenne so nach besserm Wein –
O brünstiges Verlangen:
Mich lüstet es, ein Wind zu sein
Und Erde zu umfangen.

Zu wehen über Moor und Moos
Zu dürstenden Geländen
Und aller Scham und Grenzen los,
Die Seele zu verschwenden! –

II.

Ich tanze durch den wilden Tann,
Durch den die Sterne bluten –
Zeitlos – – und mit mir tanzen dann
Die Jahre wie Minuten.

Ich tanze, und es quillt vom Hag
In grauenvoller Süße:
Ein Leben, fremd dem roten Tag
Winkt mir entzückte Grüße!

Viel Seelen – Seelen, längst enttan
Den irdischen Gelüsten
Kamen im stillen Nebelkahn
Von unerkannten Küsten – –

Und tanzen so wie ich durchs Land,
Der Ewigkeit den Reigen
Und sind mir lieb und stammverwandt,
Lächeln und schweigen! – –

Der Wald versinkt, der Mond rauscht auf,
Und alles steht im Glanze,
Dieweil ich Zorn und Groll zuhauf
Zertanze ………

III.

Mir ist, ich trage rote Schuh,
Muss tanzen, tanzen immerzu …

Es quillt das Laub, das Laub welkt hin,
Wer sagt mir, ob ich glücklich bin?

Ich weiß es nicht! – Mein Kind wird groß,
Die roten Schuh’ werd’ ich nicht los.

Sie tanzen Nacht und tanzen Leid
Und wildes Licht und Seligkeit – –

Bis mich der Mann, der meiner wert,
Herr Henker Tod, zum Weib begehrt,

Der, in die kleinen Schuh verliebt,
Sie lächelnd in die Tasche schiebt …


Textnachweis
Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler, Berlin 1908, S. 55–57. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 3 – Jugend, 1907

Mainacht

von Thekla Merwin (1887–1944)

Es rauscht der Mai in meinem Traum,
Ein Vogel singt in hellen Nächten,
Voll Blüten steht der alte Baum,
Es rauscht der Mai in meinem Traum,
Der Mond hängt in der Weide Flechten.

Uralter Erde ewiges Spiel,
Du bleibst die Junge, doch wir altern.
O sing dein Lied, so stark und schwül,
Uns Menschen gabst du kurzes Ziel,
Das Los von Mücken und von Faltern.

Wie süß und mild die Blumennacht!
Gewaltige Sehnsucht, längst versunken,
Steigt heiß empor mit neuer Macht.
Ich atme tief, mein Herzschlag wacht,
… Die junge Frühlingsnacht ist trunken!

Und was ich atme – roter Wein!
So rauscht wie eine wundervolle
Musik der Mai durch Sinn und Sein.
… O Menschen, lasst uns Brüder sein,
Bevor uns deckt die dunkle Scholle!


Textnachweis
Aus: Arbeiter Zeitung, 16. Mai 1926, S. 17. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑