Vor dem Sturm

von Maryla Wolska (1873–1930)

Die Zeit ist so müde, die Winde wehklagen,
Es schreiten mit Sicheln die Schnitter einher;

Ich habe so manches, so viel dir zu sagen,
So vieles und alles, vielleicht auch noch mehr …

Es naht ein Gewitter, es blitzt in der Höhe!
Ein Sturm wird die Nacht nach den Gluten durchwehn;

Ich möcht in die Seele dir schaun aus der Nähe,
Doch trau ich mich kaum in dein Antlitz zu sehn …

Es fallen schon Tropfen! Und rings auf den Auen
Erbeben die Blumen und müd liegt das Feld.

Und in deinen Augen tief ist nun zu schauen
Der fernen Verheißungen göttliche Welt …


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Aus: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 25. Dez. 1908, Weihnachts-Beilage, o. S. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Kornfeld

Ferrier

von Helene Raff (1865–1942)

[Contentwarnung]

Ein kleiner Badeort an einer französischen Küste. Alles, was man ansah, hatte einen gewissen Miniaturmaßstab: winzige bunte Häuschen am Strande und auf dem mäßig ansteigenden Geklipp – von zwergenhafter Zierlichkeit das Kasino, wo die Konzerte und Réunions stattfanden. Wie aus einem Baukasten herausgenommen wirkte auch die Kirche, die am Ende des Badedorfes lag, von einem kleinen sandigen Friedhof umschlossen. Gras und Pflanzenwuchs gedieh hier nur kümmerlich. Die Gräber, eng aneinandergerückt, gewährten einen unsäglich schlichten und kahlen Anblick. Ihren Hauptschmuck bildeten die Totenkränze aus verschiedenfarbigen Perlen, die kurze ergreifende Inschriften trugen: »A mon mari« – »A mon fils« – »Au revoir« – und Ähnliches.

Hier sah man bisweilen die dunkel gekleideten Fischerfrauen, deren Männern man unten am Strande begegnete: ein ernster, zurückhaltender Menschenschlag, luftgebräunt und kräftig, voll höflichen Misstrauens gegen die Fremden, die von ihnen als Einnahmequelle zugleich und als notwendiges Übel betrachtet wurden.

Das Badepublikum bestand zumeist aus Franzosen, Parisern wie auch Provinzlern. Wir Ausländer – ein paar Deutsche und Engländer – befanden uns in der verschwindenden Minderzahl.

Von 10 Uhr des Morgens an lagerte diese bunte Schar am Strande, lachte, plauderte, medisierte – die Damen in eleganter Frühtoilette, die Herren in weißen Anzügen und Mützen. Besonders lebhaft ging es bei den Badehütten zu: Fortwährend kamen abenteuerliche Gestalten im langen, bis auf die Füße reichenden Bademantel herausgeschlüpft, um sich angesichts von hundert Augen dem Meere zu überantworten. Am äußersten von der Flut gesicherten Kiesfleck wurden die Mäntel abgestreift, und dann hieß es: hinein in die wogende Unendlichkeit! Ein Unternehmen, wozu das zärtere Geschlecht kaum den Mut gehabt hätte ohne den Schutz des Baigneurs, der hergebrachtermaßen die Damen geleitete.

Dies hilfreiche Amt versah unter anderen ein stämmiger, blonder Seebär mit rötlicher Gesichtsfarbe und sehr hellen Augen. Wie eine sorgsame Bonne hielt er die feinen Zappelpüppchen, die sich in ihren luftigen Badeanzügen recht kläglich dem majestätischen Element gegenüber ausnahmen, an der Hand und stapfte mit ihnen den andringenden Wogen entgegen. Er warnte davor, dem Anprall das Rückgrat zu bieten, verhütete, dass man umgeworfen wurde – und wenn man »Ah!« schrie, weil einem eine Spritzwelle ins Gesicht geklatscht hatte, tröstete er im gutmütigsten, kaum hörbar mit Malice durchsetzten Ton: »Ça vous fera du bien, mademoiselle!«

Sonst konnte unser Ferrier – so hieß er – keineswegs für gewitzt oder durchtrieben gelten; in seinem Wesen war die unverkennbare Kindlichkeit, die starken Menschen so oft eigen ist, und die etwas Deutsches hat.

Dieses Urbild körperlicher und geistiger Unanfechtbarkeit, das halbe Tage lang ohne Schaden barbeinig im Wasser stehen konnte, unterlag nur einer einzigen Schwäche. Niemand würde geglaubt haben, dass Ferrier, der Nüchterne, Gesetzte, zeitweilig trank – hätte nicht seine Frau, die Feinwäscherin war, es ihren Kundinnen heimlich vertraut. Er trage ein gutes Teil seines Verdienstes dorthin – sie deutete nach der Richtung einer von den Strandleuten bevorzugten Kneipe. Man solle nur um Gotteswillen nichts darüber sagen: Wenn ihr Mann in Zorn gerate, sei er comme un furieux.

Die kleine Madame Ferrier verhehlte, wer ihn dazu trieb, wer ihn manchmal so rasend machte, dass er zum Alkohol seine Zuflucht nahm. Nämlich sie selber.

Das niedliche, hausbackene Geschöpf im tadellosen, weißen Häubchen war ihrerseits das Opfer einer unseligen Leidenschaft – der blindesten Eifersucht. Sie hasste die Baigneurtätigkeit ihres Mannes, hasste die eleganten fremden Damen, von denen er Tag für Tag umgeben war, deren verführerische Kostüme sie obenein waschen und plätten musste. Den ermüdet Heimkehrenden quälte sie mit argwöhnischen Stichelreden, sinnlosen Vorwürfen so lange, bis sein Grimm seine Gutmütigkeit überwand und er sie durch brutale Misshandlungen zum Schweigen brachte.

»Du machst mich toll – du bist noch einmal schuld, dass wirklich etwas geschieht!« – hatten ihn die Nachbarn bei solchem Anlass schreien hören. Hernach lief er davon, ins Wirtshaus, um seinen Verdruss niederzutrinken. War ihm dies gelungen, so schlich er nach Hause, wo die beiderseitige Reue eine zärtliche Versöhnung herbeiführte. Dann bezwang sich die Frau eine Zeitlang, gab sich den Anschein vertrauender Ruhe, und er, Ferrier, betrug sich im Dienste gemessener denn je.

Sein zurückhaltendes Wesen, doppelt auffällig bei dem Angehörigen eines für Galanterie berühmten Volkes gefiel, den meisten wohl, ärgerte nur ein paar sieggewohnte Einzelne.

So zum Beispiel die Argentinierin, deren rötlich braunes Haar und biegsame Gestalt großes Aufsehen unter der Herrenwelt erregten. Einige behaupteten allerdings, ihr schon anderswo begegnet zu sein; freilich sei sie damals blond und aus Südrussland gebürtig gewesen. Diese vielseitige Schönheit kannte, wie alle Welt, Ferriers häusliche Verhältnisse und meinte mit einem spöttischen leichten Lachen, das ihre Mausezähnchen blinken ließ: Ferrier sei ein Einfaltspinsel. Seiner dummen kleinen Frau geschähe es doch ganz recht, wenn er gelegentlich aus der Rolle fiele!

Etwas anders äußerte sie sich gegen die Frau, als sie ein Päckchen gereinigter Spitzen von ihr abholte. »Seien Sie nicht töricht, ma bonne! – Ihr Mann ist ja viel zu schlafmützig, um Ihnen jemals Grund zur Eifersucht zu geben. Er hat richtiges Fischblut – man nennt ihn auch nur l’invulnérable.« – Diesen Namen hatte sie selbst ihm aufgebracht.

Der kleinen Madame Ferrier gereichte dies Zeugnis, das ein so anerkannt gefährlicher Mund ihrem Mann ausstellte, zu wirklicher Beruhigung. Ob es nun aus einer abbittenden Regung geschah – oder aus einer erziehlichen Bosheit, um ihm beizubringen, wie uninteressant die feinen Damen ihn fänden, – genug: Sie verriet ihm, was jene gesagt.

Ferrier zuckte wegwerfend die Achseln. So eine von irgendwoher – was ging sie ihn an! Aber er war keineswegs vom Lobe seiner Tugend erbaut. Es wurmte ihn, für fischblütig zu gelten, einen Spitznamen zu tragen, von dem er zuvor nichts gewusst. Er verspürte den unbestimmten Wunsch, der Argentinierin zu beweisen, dass solch ein langweiliger Fisch auch schnappen kann.

Sein Verhalten ihr gegenüber hatte von da an etwas Herausforderndes, eine Beimischung beleidigter Würde, die zu Ferriers Persönlichkeit drollig stand. Seine Widersacherin behandelte ihn ihrerseits kühl und von oben herunter, bis sie unvermerkt ihre Taktik änderte. Sie befahl ihn zu allerhand kleinen Diensten, lehnte sich fester an ihn als notwendig, und eine Art hatte sie, ihn ihre Reize sehen zu lehren – eine Art –

Ja, er lernte sie sehen! Allmählich ging mit dem Hünen eine Wandlung vor. Ein unruhiger Trübsinn bemächtigte sich seiner – er überhörte, wenn man ihn ansprach; seine Antworten klangen rau, und sein Gesicht erschien manchmal so rot und gedunsen. – – –

Ein windiger Morgen! Der Himmel war bleigrau und wolkig, das Meer voll stahlfarbiger wimmelnder Wellchen, mit weißen Schaumkämmen darauf. Nur wenige Badende hatten sich hinausgewagt – am weitesten draußen befanden sich Ferrier und die Fremde mit dem leuchtenden Haar. Da – niemand begriff das Wie – riss Ferrier die, die sich auf ihn stützte, plötzlich an sich – warf beide Arme um ihren Körper, als wollte er sie verschlingen, zerdrücken. – Ein Augenblick nur – dann hatte sie ihn zurückgestoßen, sich so heftig losgerungen, dass sie unters Wasser geriet und eine Strecke weit fortgerissen wurde. Sie wäre wahrscheinlich ertrunken ohne den Mann, der ihr nachsprang und eigener Gefahr die laut Schreiende, krampfhaft sich Sträubende in Sicherheit brachte. –

Die Kunde eines aufregenden Geschehnisses verbreitete sich rasch. Alles drängte nach der Uferstelle, wo die Argentinierin nunmehr in Weinkrämpfen lag und Ferrier regungslos neben ihr stand, triefend von salzigem Nass. Mit einem leeren hilflosen Kinderblick schaute er um sich. Mittlerweile war ein Mitglied des Badekomitees erschienen, das die Neugierigen ebenso höflich als bestimmt zurückwies: »Bien, Messieurs, je vous assure! Il n’y a absolûment rien!«

Ärgernisse und Skandale im Keim zu ersticken, gehört eben zu den Obliegenheiten jeder zielbewussten Badekommission. Die Argentinierin wurde aufgehoben und fortgeführt. – Ferrier aber war noch selbigen Tages in aller Stille seiner Funktionen enthoben. Es nützte ihm nichts, dass die wenigen Zeugen des Vorgangs so sehr als möglich zu seinen Gunsten sprachen, seine bei der Rettung der Versucherin bewiesene Tapferkeit hervorhoben. Er hatte sich eine Minute lang unkorrekt benommen. Das ließ sich nicht leugnen – und diese eine unkorrekte Minute entschied des armen großen Kindes Schicksal.

Nachdem er seine Entlassung erhalten, war er nicht nach Hause gegangen. Wie man nachträglich erfuhr, hatte er in der Kneipe gehockt, viele Stunden lang, ohne ein Wort zu sprechen. Ganze Ströme starken Getränkes hatte er hinabgeschüttet, entweder, um seine Scham und Verstörung zu betäuben, oder um sich Mut zu machen für den Empfang daheim. Endlich, da man ihm nichts mehr geben wollte, hatte er mit einem Fluche sich aufgerappelt und war davongestolpert in die Nacht hinaus.

Am Morgen aber war seine Frau umhergelaufen im flatternden Häubchen, hatte ihn überall gesucht und nichts weiter erfahren können, als dass er fortgegangen sei. Bis ihn die Flut nach ein paar Tagen ans Ufer spülte, wächsern und kalt. – Ob er in der Trunkenheit zufällig den Weg verfehlt – oder ob ein jäher Lebensekel ihn überfallen hatte, blieb unaufgeklärt.

Jedermann war erschüttert und zugleich aus tiefster Seele wider die Urheberin des Unglücks empört. Man entsann sich zu wohl, wie es ihr Bestreben gewesen, Ferrier aufs Äußerste zu reizen, und war überzeugt, dass sie ihn nur zurückgestoßen hatte der Zuschauer wegen. Die Argentinierin, von allen Kurgästen gleich einer Pestkranken gemieden, ward gezwungen, ihr Heil in schleuniger Abreise zu suchen. Aber das machte Ferrier nicht wieder lebendig.

Seine Frau mit ihren zwei Kleinen blieb nicht eben im Elend zurück, da sie leidlich vermögender Leute Kind war. Eine mitleidige Dame besuchte seine Witwe und fand sie merkwürdig ergeben. Sie weinte wohl – sie sprach von ihrem Mann mütterlich liebevoll, wie von einem durch Unvorsichtigkeit verunglückten Kinde. Aber deutlich, so deutlich, dass es die teilnehmende Besucherin fast erschreckte, klang aus dem allen ein Unterton von Triumph, als habe sie recht behalten in ihrem langen Argwohn gegen den Mann. Zugleich ein Unterton von Erleichterung: »Nun ist er sicher vor euch, ihr mit den Spitzen und Bändern, sicher vor der Versuchung. Keiner mehr kann ihn mir nehmen: Er gehört mir endlich allein!« –

Sie soll Ferriers Grab auf dem kleinen, sandigen Friedhof sehr hübsch hergerichtet haben. Ein schwarz gestrichenes Kreuz hat sie ihm gesetzt, geschmückt mit einem Kranze aus blauen und weißen Perlen, der die Inschrift trägt: »Sainte Vierge, prieze pour lui!«


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1909, Heft 33, S. 772–774. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Lilla Cabot Perry, Klippen bei Etretat


Contentwarnung: Alkoholismus, häusliche Gewalt, Suizid

Sommermittag

von Hilda Bergmann (1878–1947)

Die Erde liegt wie eine reife Frucht
In Glanz gebettet im Hochmittagsschweigen.
Die Grillen haben aufgehört zu geigen.
Allgegenwart des Lichts: Das Auge sucht
Vergeblich nach den Wolken in der Bläue,
Vergeblich nach dem Schatten in der Glut.
Jetzt musiziert das Grillenvolk aufs Neue,
Indes verborgne Lebenssäfte steigen
Und das Geschaffene in Sonne ruht.

O Meer von Leuchten! Wiegendes Getreide,
Kornblumenfarbe, flammendroter Mohn,
Lied ohne Ende sommerlicher Freude!
Von ferne her gewittert Glockenton,
Nein, Glocken singen anders, Weidenrohr
Von Hirtenmund geblasen, mag so klingen.
O Tor!
Pans Flötentöne schwellen an dein Ohr
Und schenken sich, umzirpt vom Grillenchor,
Geschwisterlich den daseinstrunknen Dingen.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1926, Heft 37, S. 730. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Maria Oakey Dewing, Mohnblumenbeet, 1909

Grace Lukas’ Sommer

Skizze von Elisabeth Heydemann-Möhring (1869–1920)

Es waren noch nicht die Tage der hohen Preise, es waren noch die allerersten Rosen, da kam Grace Lukas auch einmal heraus aus ihrem Großstadtnorden, um einmal tief und gierig zu atmen und schimmernde Möwen zu sehen und im losen, warmen Strandsand sich zu dehnen.

»Das schickt sich nicht für uns« und »Das können wir nicht«, das waren sonst immer die Angeln gewesen, in denen die Resignation der hübschen Grace hing.

Sie hatte die viel zu gute Bildung des gebildeten Proletariats, denn sie hatte sie eigentlich nur, um für fünfundsiebzig Pfennige Klavier- und Sprachstunden zu geben und Nerven zu bekommen, die zu subtil waren für ihre Verhältnisse. Sie hatte einen entsetzlichen Winter gehabt und sich durch die nasskalte Zeit geschlichen wie einer, der ein Absterben fühlt und doch eigentlich nicht krank ist. Sie hatte wie immer ihre Stunden gegeben und ihrer Mutter geholfen, die ein paar alte nie zufriedene Damen in Pension hatte. Denen las sie die halben Nächte hindurch aus der Journalmappe vor und goss ihnen dann noch Baldriantee auf, obwohl ihr der Geruch Ekel verursachte. Die andere Nachthälfte hätte sie gern geschlafen, aber sie hörte immer die unmusikalischeste ihrer Schülerinnen zu »Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald« zählen oder deklinierte französische Substantive, bis der Wecker losschnarrte.

»Ihre Tochter muss einmal heraus aus dem Geplacke, ein paar Wochen mal an die See«, hatte der Arzt gesagt zu Frau Lukas, die das Umherschleichen nicht mehr mitansehen konnte.

»Heraus? Und an die See? Das können wir nicht«, wollte Frau Lukas sagen, aber sie dachte, dass sie vielleicht ihren Mann nicht in die Irrenanstalt hätte bringen müssen, wenn er einmal herausgekommen wäre.

Und sie vermietete auch noch die Kammer, in der sie sonst schlief, und ihre Mieterin war eine kleine lustige Confectioneuse und passte nicht in den etwas altjüngferlich gefärbten Haushalt von Frau Lukas. Die beiden alten verbrauchten Lehrerinnen rümpften auch die spitzen weißen Nasen und redeten bedrohlich. Aber sie waren zu alt und zu umständlich zum Ausziehen, und die vergnügte Hirondelle wurde in respektvoller Ferne gehalten.

Frau Lukas vermietete also an eine kleine Hirondelle, und weil die eine einzige kleine Schwalbe für Grace noch keinen Sommer bringen konnte, meldete sie sich auch bei einem Verein, der überarbeitete, bleichsüchtige Mädchen zu einer Sommerreise unterstützte. Dieses eine Mal strich sie ihr »Das können wir nicht« und »Das schickt sich nicht für uns.« Wenn Frau Lukas ihre Besorgungen machte, stand sie lange vor den Schaufenstern der Modegeschäfte und studierte Pariser Modelle. Grace sollte auch elegant aussehen, und nirgends sollte die verschämte Armut herausgucken. Grace sollte einen Sommer haben. Sie sollte nicht an jedem Groschen die zehn Pfennige zählen wie sonst, und Frau Lukas kam der Gedanke, dass Kupfergeld nur darum Grünspan ansetzt, weil am Heller viel mehr giftiges Sorgen klebt als am Gold. Grace sollte einen Sommer haben und helle duftige Blusen tragen. Die kleine Hirondelle war gutmütig und geschickt, und dafür durfte sie einen Sonntagnachmittag mit Frau Lukas und Grace im Wohnzimmer Kaffee trinken und ihre Possen reißen.

Grace hatte über das kleine Ding nachgedacht. Die war noch viel ärmer als sie und viel lustiger. Sie hätte so gern mit ihr gelacht, wenn die Mutter nicht mit ihrer eisigen Freundlichkeit zwischen ihnen gestanden hätte. »Der Umgang schickt sich nicht für uns«, hatte Grace schon bald nach ihrem ersten Schultag gehört, als sie eine Kleine mit nach oben gebracht hatte, die über ihre direktesten Ahnen im Zweifel war. Es hatte sich eigentlich nie ein Umgang für sie geschickt, und der sich für Grace geschickt hätte, suchte das einsame Ding nicht, das immer nur mit der Mama spazieren ging und ein altkluges Gesicht hatte. O ja – Grace Lukas war immer zu alt und zu klug gewesen, um einmal vom Herzen glücklich zu sein. Nur großstadtklug war sie nicht, und Frau Lukas hatte ihr nie erzählt, wie das Leben mit einem hübschen, armen Mädchen umspringt. Grace meinte, die Kleine von Firma H. u. Co. stand unter ihr, weil ihr Vater Dienstmann war und ihr eigener hätte Kanzleirat sein können, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Aber das lustige Geschöpf interessierte sie doch, und ganz heimlich lernte sie von ihr eine flotte Frisur und wie man Schleifen fesch bindet und dem Schleier die rechten Falten gibt.

Als Grace in dem kleinen Fischerwinkel war, von dem es noch weit ins Binnenland hinein nach Flundern und Teert riechen musste, dachte sie dankbar an die anmutige Kleine, denn die Leute guckten sie an, weil sie so niedlich aussah in den aparten Sommerfähnchen. Manchmal hatten die Alten, denen sie die rührendsten Stellen immer zweimal vorlesen musste, gesagt, dass sie niedlich genug sei, selbst etwas zu erleben. Fräulein Elly, die Kammermieterin, hatte ihr es auf ihre Art gesagt, wie die Männer sie angucken würden und wie die Frauen, und hatte dazu die männlichen und weiblichen Grimassen gemacht.

Und die Kleine hatte mal wieder recht. Grace hatte doch viel von ihr profitiert. Auch sonst noch allerlei im Bausch und Bogen, worin die kleinen vogelfreien Schwalben klüger sind als Stubenvögel. Eins gab es für das lustige Wesen gar nicht, nämlich, dass sich etwas für sie nicht schicke. Die Mutter hatte beim Abschied zu Grace gesagt: »Nun kommst du doch heraus und hast deinen Sommer, und ich kann dich ja allein fahren lassen, du tust ja nichts, was sich nicht für dich schickt.« Fräulein Elly, die Hirondelle, aber hatte gesagt: »Fräulein Grace, nun amüsieren Sie sich mal. Sie sehen wirklich süß aus.«

Amüsieren wollte sich Grace Lukas gar zu gern einmal. Sie hatte doch auch eine Großstadtseele, und wenn ihr Vater Dienstmann wäre, wäre sie auch wie Fräulein Elly in ein Geschäft gegangen und hätte ein Album gehabt mit den Bildern vieler, vieler Freunde. Oh! einen Freund – und einen Schatz! Denn bei Elly war Freund und Liebster dasselbe. Grace war achtzehn Jahre und noch nicht großstadtklug trotz ihrer heimlichen Freundschaft mit der kleinen Hirondelle.

Grace hatte ihren Sommer, und Grace fand ihren Freund. Es war noch nicht die »Saison«. – Es war die Vorsaison mit dem billigen Publikum, unter dem Grace Lukas auffallen konnte. Und Grace Lukas war einem aufgefallen, der übersatt war von der Kosmpolis des Lido und von Spaa.

James Peters suchte ein Idyll. Er hatte alles genossen, weil er reich und ohne Arbeit war – die Frauen, die ihr Tizianblond von einem Pariser Friseur bezogen, und die »Vons«, die in keinem Gothaer zu finden sind, eben all die Hazardtypen, deren Kugel doch einmal ins böse Feld läuft. Er hatte manche Tragödie und mehr Komödien und zumeist Tragikomödien erlebt, – nun wollte er ein Idyll. Er wusste gar nicht, wie er auf das Ostseenest verfallen war, aber als er das hübsche Mädchen in den Dünenblumen fand, freute es ihn. James Peters hatte viel Geld und herzlich wenig Gewissen. Es gibt ja Menschen, die nicht beides zum Glück brauchen, und James Peters, der eines reichen Vaters Erbe war, wollte auch gar kein Glück, zumal er an das Wort aus dem Dichterlexikon nicht glaubte. Er wollte sich amüsieren in einem Idyll, obwohl die beiden Worte nicht zueinander passen.

Grace Lukas wollte sich auch amüsieren. Aber – Grace Lukas hatte noch nichts genossen als die Tage verschämter Armut. Sie kannte das Wort auch eigentlich noch gar nicht, was ihr ein Wesen mit auf die Reise gegeben, das vielleicht die Sehnsucht nach einem glücklichen Moment in vielen fidelen Stunden niederzwang.

Amüsieren! Grace Lukas dachte aber noch an ein »Glücklich sein« dabei.

Sie war auch glücklich, wenn James mit ihr plaudernd den Strand entlang ging und rote Muscheln und auch weiße und sonst noch allerlei schimmerndes Strandgut für sie sammelte, und wenn er bei ihr saß, wenn sie Muschelkästchen und dergleichen klebte zum Mitbringen für die Mutter und die alten bissigen Untadeligen und die kleine viel getadelte Probiermamsell. Es sollte jeder etwas abbekommen von Grace Lukas’ Sommer.

James Peters hatte sie einmal angeredet, als ihre Seele, losgelöst von dem, was sie sonst zur Wunschlosigkeit zwang, nach einem Inhalt griff. James Peters sagte ihr auch so vieles, was einem Mädchen, das nur bei der Mutter gewesen, wohltun musste – viel liebe Schmeicheleien über sie und ihren hübschen Namen.

Alle Tage waren sie zusammen – es waren die langen Johannistage, wo die Kelche sich auftun. Und wenn die hellen Sommernächte auf weißen Wellenköpfen gesprungen kamen, drückte James Peters zwei heiße und unschuldige Hände und sagte: »Auf Wiedersehen, Grace.«

So ging es Tag für Tag und Abend für Abend. Die anderen, die in dem Fischerdorf einen billigen und amüsanten Sommer suchten, sahen ihnen mit immer längeren Hälsen nach. James Peters kam aus der Kosmopolis, die keine Neugier kennt, und Grace aus ihrer behüteten Girlishhood.

Es war ein Abend, an dem die Dünen in viel weißen und blauen und rosa Blüten standen, da fuhren James und Grace in einem kleinen Boot die Küste entlang. Sonst hatten sie sich von ihrem Leben erzählt, nun wussten sie nichts mehr von sich. Da sagte der Mann, der schon viel Frauen liebgehabt und die Unschuld suchte:

»Wirst du mich vergessen, Grace?« Und das Mädchen, das noch niemand außer seiner Mutter liebgehabt hatte, sagte: »Nie!«

Dann gab es eine Szene in dem kleinen Seelenverkäufer, und das Mädchen, das sich nach einem Freunde und einem Liebsten gesehnt hatte und zu wenig von dem traurigen Kaufpreis der ersten Liebe wusste, kam mit weit offenen seligen Augen heim in das Katenstübchen, unter dessen breitem Fenster ein Rosenstrauch zum ersten Male für das Jahr abgeblüht hatte.

Noch ein paarmal fuhren sie bis gegen Mitternacht auf der sommerstillen See und hatten sich lieb.

»Hast du mich lieb?« und »Wirst du mich vergessen?«, fragte James Peters Abend für Abend. Aber er sagte nie, dass er selbst nie das Mädchen vergessen würde, das seinen Sommer suchte.

Er brauchte es auch nicht zu sagen, weil sich Treue von selbst versteht für solche wie Grace Lukas.

Eines Morgens lag auf dem Fensterbrett von Grace Lukas’ kleiner Stube ein Rosenstrauß und ein Brief, und die bunten Mullgardinen von Frau Johannsen, die ihr bestes Zimmer an Sommerfrischler vermietete, zitterten drüber hin. Grace, die eine Nacht gehabt hatte wie nie zuvor, eine lange selige Nacht, die den Morgen fürchtet, fand die Blumen, über die schon der Mittag gegangen war, und den Brief.

»Wenn du aufwachst, bin ich fort, Grace. Wenn du älter bist und weltklug, wirst du wissen, warum ich mit dem heimlichen Abschied von dir ging. Habe tausendmal Dank für alles, was du mir gabst. Wenn ich ein Nocturno höre, werden die Nächte wieder zu mir kommen, in denen ein unberührtes Mädchen mir die Erstlinge ihrer Seele opferte. Lebe wohl, du liebe Kleine.«

Grace zog den großblumigen Vorhang wieder zu, nachdem sie gelesen hatte, dass ihre Liebe nur ein Nachtopfer gewesen, von dem der Morgen nichts wissen darf, und lag den langen, heißen Tag, an dem sich so viel Rosen auftaten, in schwülem Dämmern und sann darüber nach, ob das kleine Mädchen aus dem Modengeschäft auch so elend sei, wenn es einen Freund und Liebsten verliert. Aber die hielt sich schadlos an vielen Freunden, und Grace Lukas begriff nun, warum sie immer selig war bei trockenen Semmeln und auf schiefgetretenen Absätzen.

Als sie das interessante Album zuklappte, hatte die Elly gesagt: »Lumpensammlung das da! Lumpensammlung!« Meinte sie nun die hübschen Männerköpfe oder meinte sie, dass bei jedem ein lumpiges Fetzchen Liebe hängengeblieben war?

»Fräulein Grace, Sie sind zu anständig für das da, aber unserein – – – na – und Sie sind viel zu dumm und unschuldig und wissen von nichts.« Das hatte die Elly auch gesagt.

O ja, nun wusste sie allerlei, vor allen Dingen, wie weh es tut, wenn ein armes Mädchen etwas verschwendet. Sie wollte keine Lumpensammlung haben wie ein Ladenmädchen, und darum würde sie auch nie lustig wie die kleine auf das Straßenpflaster gefallene Schwalbe.

Nun hing das Leben wieder seine Bagnokugeln an das Mädchen, das keinen Freund und keine Lebenswonne mehr hatte. Die Mutter hatte ihr einen Sommer schenken wollen, und sie hatte hübsch ausgesehen in der mohnroten Foulardbluse und dem kleinen englischen Strohhut, den Fräulein Elly in einer »Gelegenheit« ausgesucht hatte. Die Mutter hatte ihr auch Lackschuhe mit dünnen Sohlen in den Koffer getan, und als Grace nach ein paar Tagen die leichten, ausgetretenen Dinger einpackte, dachte sie an ihr Herz, das auch Sommersohlen gehabt hatte und das sie auch niedergetreten wieder heimbrachte.

Ehe sie ging, taten ihr die Leute aus der Vorsaison noch allerlei Weh an mit den Wespenstichen der Schadenfrohen.

»Na, Fräulein Lukas, Mr. Peters fort? Sommerflirt, was? Fein amüsiert, was? Sahen übrigens schon wohler aus. Doch nicht tragisch – die Sache, was?«

Sommerflirt! Und das war der Sommer, um den die Mutter ihren Stolz an den Nagel gehängt hatte.

Als ihre Zeit um war, packte Grace ihre Siebensachen, denen Sonne und Seewasser zugesetzt hatten. Am letzten Abend brachte sie auch der See ihr Opfer, wie es Sitte ist. Sie nahm den trockenen Strauß und den Brief dazu, der sie hatte wissen lassen, was ihre Liebe nütze war; und dann schaute sie zu, wie die Wellen mit der leichten Ware umgingen.

Grace saß lange in den Immortellen und Glockenblumen und Pechnelken, die oben auf der Düne wucherten. Der Mond war schon weit empor gestiegen, als sie ins Dorf ging, und es war ihr traurigster Abend gewesen. Sie hatte viel an James Peters gedacht, der so lieb gewesen und der doch auch in eine Lumpensammlung gehörte.

*

Am anderen Abend ging sie an der Mutter Arm wieder durch staubige Straßen, durch die viele lustige Schwalben flirten, die aus ihrem stickigen Tageskäfig in das liebe Dunkel einer Biergartenlaube wollten.

Es streifte auch dieser und jener aus der jeunesse dorée das junge, stille Ding, das sein Reisegepäck selbst trug. Dann war für einen Augenblick ein Duft um Grace, wie er an James Peters gehangen hatte, und der selbst in die verschossene Seidenbluse gekrochen war, die ihr so hübsch gestanden hatte.

Die Bluse wanderte nun auch in den Lumpensack. Die Mutter sah ihr Kind von der Seite an und dachte: Sie wird müde sein, und der ungewöhnliche Lärm macht sie nervös. Nun hat sie doch auch einmal Sommer gemacht, und zu Hause – –

Aber oben im dritten Stock ihres Hauses war Grace erst recht still. Sie packte die kleinen Muschelmosaiks aus und wollte jedem sein Teil geben.

Die klugen Alten, welche die See nur aus ihren Geographiestunden kannten, sagten, dass die Erholung erst nachkäme, und dass die See zuerst zehre, und dass Grace doch ganz braun gebrannt wäre. Und sie empfahlen ihren Tee als Radikalkur wider unruhige Nerven.

Als Grace in die Kammer der lustigen Hirondelle kam, war’s wieder der Mutter Schlafkammer, und die Mutter sagte:

»Nein, Grace, wir konnten sie doch nicht behalten. Ich habe es auch nur für deine Reise getan. Die Leute im Hause sprachen schon darüber. Wenn du älter bist, wirst du das einsehen.«

Die Leute hatten auch über Grace gesprochen, und sie brauchte nicht erst älter zu werden, um die Leute und die Mutter und die Mädchen zu begreifen, die von einer Lumpensammlung erzählen. Grace Lukas hatte ihren Sommer gehabt, und schade, es war der billige, allererste Sommer, der doch duftreicher ist als die »hohe Saison«.


Textnachweis
Aus: Wiener Hausfrauen-Zeitung, XXXII. Jg., Nr. 31, 5. August 1906, S. 482–485. [Erstdruck in: Elisabeth Heydemann-Möhring, Krisen. Neue Novellen und Skizzen, Leipzig 1899.]. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Emilie Mundt, Küstenpartie bei Skagen, 1905

Sommer

von Anna Croissant-Rust (1860–1943)

Ohne Baum, ohne Strauch, nackt kriecht die gelbweiße Straße zwischen den Wiesen hin. Mit einem tiefen Seufzer haucht sie all die Hitze des Tages aus. Gebückt, nieder schleicht sie zwischen den Grasböschungen in die Berge. Kein Wind, keine Wolke, die Sonne im Sinken. Ein Gehöfte liegt tot in den Obstbäumen.

Ein Karren, mit Leinwand überspannt, hält vor dem Hause.

Kein Ton, keine Antwort, niemand, der öffnet.

Und der magere Klepper schleppt seine Last wieder weiter.

Langsam, müde, die staubige Straße entlang.

Drinnen im Wagen liegt ein krankes Weib. Die Haare hängen ihr wirr und schmutzig zu beiden Seiten des Gesichtes herab.

Sie glüht, fiebert, redet irre. Tappt mit zitternden Händen nach dem kleinen Kinde, fährt auf, lallt.

Das Kind spielt und lacht, versucht der Mutter das Brusttuch herunterzuzerren und ruft ihren Namen. Wenn der Wagen stößt, fällt die Kleine auf die Seite ins Stroh, auf den Leib der Mutter, auf ihre Füße. Dann jauchzt sie laut auf, zieht an den schwarzen Haaren der Kranken und reißt ihr mit dünnen, spitzen Fingerchen an den Augendeckeln, damit sie nicht immer schlafe.

Neben dem Karren trottet der Mann, bestaubt, mager, den Kopf gesenkt. Er und der Klepper, sie werden immer langsamer, immer müder, der Wagen scheint fast still zu stehen, kaum dass er Staub aufwirbelt.

Weit drüben auf der Wiese wenden Männer und Weiber Heu. Ein schwacher bittersüßer Geruch stiehlt sich bis zur Straße her.

Der Mann sieht auf, murmelt einen Fluch zwischen den Zähnen und schlägt auf den Klepper ein, dass er erschreckt dem Karren einen Ruck gibt.

Wie das Kind schreit vor Vergnügen! Auf Händen und Füßen kriecht es nach vorne und schaut mit lachenden schwarzen Augen nach dem Vater.

Die Mäher drüben stützen sich auf ihre Rechen. Mit aufgestemmtem Arme sehen die Weiber dem Gefährt nach, ihre weiß und roten Kopftücher leuchten über die grüne Wiese. Dann reichen sie sich den Krug und trinken. Gesundheit und Frische liegt in ihren Gesichtern, ihren Bewegungen, Behagen klingt aus ihrem Lachen.

»Packelwar’!«

Die humpeln weiter auf der weißen, öden, einsamen Straße, in den Abend, in die Berge hinein.


Textnachweis
Aus: Anna Croissant-Rust, Gedichte in Prosa, Berlin 1896, S. 73–74. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Heuwagen

Tanzlieder

von Margarete Beutler (1876–1949)

I.

Was frommt mir Mannesglut und Kuss!
Ich hab’ soviel getrunken,
Dass mir vielleicht ein Überdruss
Darob ins Blut gesunken.

Ich brenne so nach besserm Wein –
O brünstiges Verlangen:
Mich lüstet es, ein Wind zu sein
Und Erde zu umfangen.

Zu wehen über Moor und Moos
Zu dürstenden Geländen
Und aller Scham und Grenzen los,
Die Seele zu verschwenden! –

II.

Ich tanze durch den wilden Tann,
Durch den die Sterne bluten –
Zeitlos – – und mit mir tanzen dann
Die Jahre wie Minuten.

Ich tanze, und es quillt vom Hag
In grauenvoller Süße:
Ein Leben, fremd dem roten Tag
Winkt mir entzückte Grüße!

Viel Seelen – Seelen, längst enttan
Den irdischen Gelüsten
Kamen im stillen Nebelkahn
Von unerkannten Küsten – –

Und tanzen so wie ich durchs Land,
Der Ewigkeit den Reigen
Und sind mir lieb und stammverwandt,
Lächeln und schweigen! – –

Der Wald versinkt, der Mond rauscht auf,
Und alles steht im Glanze,
Dieweil ich Zorn und Groll zuhauf
Zertanze ………

III.

Mir ist, ich trage rote Schuh,
Muss tanzen, tanzen immerzu …

Es quillt das Laub, das Laub welkt hin,
Wer sagt mir, ob ich glücklich bin?

Ich weiß es nicht! – Mein Kind wird groß,
Die roten Schuh’ werd’ ich nicht los.

Sie tanzen Nacht und tanzen Leid
Und wildes Licht und Seligkeit – –

Bis mich der Mann, der meiner wert,
Herr Henker Tod, zum Weib begehrt,

Der, in die kleinen Schuh verliebt,
Sie lächelnd in die Tasche schiebt …


Textnachweis
Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler, Berlin 1908, S. 55–57. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 3 – Jugend, 1907

Das Nachttier

von Else Feldmann (1884–1942)

Am Ende der kleinen, engen, finsterkalten Sackgasse steht ein Mann. Seine Haare sind grau, lang, sich selbst überlassen. Das Regenwasser sickert durch sein Schuhwerk, der eisige Nord dringt durch seinen fliegenden Rock in die Poren seines Körpers.

Er steht still, wie festgenagelt, und spricht leise etwas: »Hier bleibe ich – – hier – ich rühre mich nicht vom Fleck …« Dann horcht er leise in sich, und seine Augen, die weit sind vor Furcht und wie blöd vor Erschöpfung, senden große, wilde Frageblicke umher, die vom grauen Pflaster und von der grauen Feuermauer aufgenommen werden.

Im Wirtshaus drüben, am andern Ende des Gässchens ist noch Licht; die Leute trinken und spielen und rauchen. Sooft die Tür aufgeht, trägt ein Windstoß Weindünste, Tabaksqualm und ein abgerissenes Lied im Basston ins Freie.

»Ich rühre mich nicht von der Stelle – nicht von der Stelle –«, sagt der Mann. Ein Rayonsposten klatscht und stampft an dem Gässchen vorbei. Sofort duckt sich der Mann, stellt sich an die Feuermauer, so dass es im Dunkel der Nacht aussieht, als wäre dort, wo der Mann steht, ein abgebröckelter Balken, ein zerklüfteter Teil der Mauer, ein Riss. Die Mauer und der Mann sind fast wie eins.

Wieder sagt er etwas, innerlichst in seine eigene Kehle hineingesprochen. »Ach, ich versteck’ mich, bis der da vorbei ist –«

Und er steht wie ein Pfosten, und ein tausendstel Teilchen jener kleinen Lust des Geborgenseins kommt über ihn. Wie der Polizist mit den festen Taktschritten langsam vorbeigeht, ist es ihm fast, als wäre er plötzlich glücklich geworden, oder als hätte ihn jemand gerettet vor etwas, das unbekannt hinter ihm lag wie ein Fluss hinter der Brücke.

Aber im nächsten Augenblick steigt ein sonderbarer Übermut in ihm auf. Der sagt zu ihm: justament. Und er spricht laut nach, was er hört: »Justament – er soll nur herschauen.«

Der Polizist fängt an, aufmerksam zu werden. Er geht denselben Weg noch einmal zurück und will es eben unternehmen, das Gässchen zu durchstreifen. Da kommt ihm der Mann auch schon ein paar Schritte entgegen. Er weiß, was er tut; er markiert den Betrunkenen, den total besoffenen lustigen Bruder. Er schreit dem Wachmann zu: »Lieber Freund, schau, ich bin’s!«, und dabei versteht er es brillant, seiner todmüden Kehle eine raue, starke Bierstimme zu erpressen.

Der Wachmann sieht ihn nicht sogleich; er geht so lange vorwärts, bis er eine Hemmung finden wird.

Der Mann denkt sich: Ich will mich lieber doch verstecken!, und im Augenblick steht er wieder auf seinem alten Platze – eins mit der Mauer.

Von dort aus beobachtet er den Polizisten: Hihihi – er sucht mich! Weil gerade auch der Schmerz aussetzt, der ihm bis jetzt in den Rippen gelegen hatte, und sein Herz infolgedessen beim Atmen nicht die Beschwerde fühlt, sagt er sich mit dem aufgeschürten Mut alter, vergangener Tage, der manchmal wiederkehrte und eigentlich der Mut zum Leben war: »Warum denn verstecken? Der könnt’ grad mein Freund sein!«

Der Wachmann bemerkt ihn noch nicht vollständig wegen eines kleinen Vorsprunges an der Wand. Den Mann lockt etwas, die Bekanntschaft des Polizisten zu machen, und er ruft wie ein Despot: »He, Polizist, hierher!« Und er winkt sogar, er winkt – – Eins, zwei ist der Wachmann an seiner Seite; er fasst den Mann am Arme und schleppt ihn hinüber ins Bereich der Laterne; er blickt ihn fest und zäh an, von oben bis herunter und dann nochmals rasch von unten bis hinauf. Er weiß alles: besoffener Vagabund.

Der Mann torkelt ein paar Schritte zurück, der Polizist bleibt allein unter der Laterne. Er ist ein junger, etwas genierter Wachmann, sein Gesicht trägt nicht die indifferente Amtsmiene, es leuchte noch von einer schönern Menschlichkeit. Das Wort: ›im Namen des Gesetzes‹ ist noch nicht heimisch in seinem Munde, viel näher liegt ihm ein anderes: ›armer Bruder‹; er ist erst seit kurzem im Dienst. Mit einem Ruck geht der Polizist auf den Mann zu, fasst ihn fest ins Auge und fragt:

»Was ist denn los? – Sie schauen gut aus! (Er meint damit hauptsächlich den zerknüllten Hut auf dem grauen, struppigen Kopfe.) Warum gehen Sie nicht nach Hause?«

»Es ist mir noch zu früh, nach Hause zu gehen, Herr Wachmann!«

Der Wachmann denkt sich: o du Armer!

Es nutzte nichts, dieser Wachmann hatte ein menschlich fühlendes Herz. Er sagte: »So haben’s gewiss eine böse Alte!« Damit will er sich entfernen.

Der Mann staunte darüber, dass ein Wachmann so – fast kollegial mit ihm sprach. Das war eigentlich lieb vom Wachmann und machte ihm noch mehr Mut. Er hatte jetzt beinah’ Lust, sich in ein kleines Plauscherl einzulassen; man könnte irgendeine Geschichte ausdenken – –

»Alte? Ja, ganz richtig! Sie sind ein Menschenkenner. Überhaupt ein gemütlicher Herr sind Sie, hahaha, so ein gemütlicher Herr!«

Die Vertraulichkeit des Besoffenen trieb dem jungen Wachmann das Blut ins Gesicht! »Also machen’s kein Lärm und gehen’s Ihrer Wege.«

»Aber Herr Wachmann, sind’s mir nicht neidig um das Stückl Platzl.«

»Gehen’s nur, gehen’s – na warten’s, ich hilf Ihnen, bis dass’ im Schwung sind. Natürlich hat er ein Rausch!«

Der Mann lässt sich einige Schritte fortbewegen, dann bleibt er stehen, sieht den Polizisten an mit den verzweifelten Augen und sagt, als ob er dieses Spiels überdrüssig geworden wäre: »Ich – und einen Rausch!«

Der Wachmann ist sehr im Zweifel: »Na, gehen’s!«, wiederholt er. Der andere steht unschlüssig; hier möchte er so gerne bleiben heute nachts. Dort ist gleich der Kehrichthaufen. Wenn man die paar Glasscherben und rostigen Reindeln wegschleudert, wird sich’s ganz gut ruhen lassen dort.

Die Stimme des Wachmanns reißt ihn jäh aus der Träumerei. »Hier können Sie nicht bleiben! Haben Sie’s weit nach Haus?«

»Weit? Ach woher! Lassen’s mich aus, ja? Bemühens’s sich nur nicht mit mir. Ich geh’ allein, nur ein bisserl Luft schnappen.«

»Das ist keine gute Luft; da schauen’s die Nässe, Sie haben nicht einmal einen Regenschirm. Da können’s sich einen ordentlichen Schnupfen holen.«

Der Wachmann ist noch ein bisschen ungeschickt, er ist erst kurze Zeit im Dienst, er hat noch nicht den richtigen Kontakt.

»Ach, mir tut die Luft sehr gut«, sagt der Mann. »Unsereins sitzt den ganzen Tag bei 8 Grad Kälte – –«

Dem Wachmann ist das Konfuse seines Erzählens noch kaum bewusst. Er fragt ihn: »Wo ist’s denn so kalt? Ja, wo? Sind Sie ein Kellerarbeiter?«

»Ja, ich arbeit’ in ein’ Keller, in ein’ Eiskeller, in einer Brauerei, Bierbrauerei. Mehr als 25 Jahr bin ich in dem Haus. Vorig’s Jahr hab’ ich mein Jubiläum gehabt, da hat mich unser Herr beschenkt, eine goldene Uhr, fein – mit Initialen drin.«

Der Polizist denkt sich: Aha, der Kerl da hat mich zum Besten. Doch weil er wirklich gutmütig war, fragte er: »Sind Sie noch in dem Haus?«

»Na, was denn? Wo sollt ich denn sein? War ja schon mein Vater und mein Großvater dort. Jedes Jahr am 1. Jänner hab’ ich mein Geburtstag, da sollen’s sehen, die herzlichen Gratulationen, die ich krieg. Ich bin überhaupt wie’s Kind im Haus. Bitt’ Sie, wenn man schon so lang wo ist!«

»Na, ja, ich glaub’s Ihnen schon!« Der Wachmann geht bis in die Mitte des Gässchens, sieht sich dann nach dem Manne um und kommt zurück. Auf dem kurzen Weg hat er sich eiserne Entschlossenheit geholt.

»Ja, Herr, da können Sie nicht bleiben, in den Straßen darf nachts niemand herumstehen.«

Der Mann denkt sich: Ich muss ihn bitten, recht sehr bitten. »Herr Wachmann, tun Sie sich doch meinetwegen nicht alterieren«, sagt er. Er klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter.

»Herr, anrühren dürfen Sie mich nicht!« Der junge Polizist ist atemlos vor Entrüstung.

Der Mann blickt ihn mit den verzweifelten Augen an; er weiß, noch mehr bitten muss er! »Seien Sie nicht beleidigt um Gotteswillen!« Eine unerhörte Kühnheit erfasst ihn; er ergreift den Wachmann an der Hand: »Ein junger, sauberer Mensch, der Sie sind – Sie können höchstens 26 Jahre alt sein! Was scheren Sie sich um mich alten Halunken? Für Sie passt ein hübsches, liebes Mäderl mit weichen Handerln, gehn’s da um die Ecke – da sind die schönsten Mädeln.«

Bei diesen Worten überläuft es den jungen Wachmann kalt und heiß. Gleich nimmt er sich aber zusammen.

»Kommen Sie mit!«

»Wohin denn?«

»Auf die Wachstube. Kommen Sie!«

Der Mann sinkt vor ihm herab auf die Knie – im Morast der Gasse liegt er nun. Diese Stellung tut ihm merkwürdig wohl; sie entlastet den untern Teil seiner Beine. Er denkt: Jetzt kniet ein Mensch vor einem andern. Blitzschnell erinnert er sich an ein lebendes Bild, das sie einmal in der Bude von Fratelli Bernuzzi gestellt haben, da kniete ein Gefangener vor einem Soldaten. Er glaubt, dass es einen türkisch-französischen Krieg gegeben habe, wobei dies geschah. Er will das sogleich dem Wachmann erzählen – aber er sieht doch ein, dass es zwecklos wäre. Viel besser ist es, das zu sagen, was das Nächste ist, und mit heiserm Geschrei, wie wenn eine Möwe auffliegt, stößt er hervor:

»Ich hab’ ja nix tan, lassen’s mich aus – –«

»Dann reden ’S nicht so was zusammen; ich bin im Dienst. Also vorwärts – wollen Sie jetzt den Platz verlassen und gehen?«

Der Mann zieht respektvoll den Hut und geht ruhig und gelassen seiner Wege. Der Polizist sieht ihm nach, so lange sein Auge ihn erreicht, dann macht er links kehrt, um seinen Rayongang fortzusetzen.

*   *   *

Das Wirtshaus drüben in der Ecke, im niedrigen, baufälligen Häuschen, an dem seit heute Früh mit dem Niederreißen begonnen wurde, entlässt die letzten Zecher. Der windschiefe Lampion, der es beleuchtet, wird abgesteckt, die Türen werden unter lautem Knarren verschlossen. Im weißen Leinenkittel kommt der Laternenanzünder und löscht jede zweite Laterne aus. Dann geht er sachte wieder fort: Zur Seite tanzt ihm lauernd sein Schatten, ein weißes Gespenst, das die Stange wie eine Sense hält.

Er hat die tiefste Stille in die Nacht getragen.

Da kehrt der Mann in das Gässchen zurück – der Kehrichthaufen lockt ihn mit offenen Armen an sich wie den frommen Pilger heiliges Land. Schlafsehnsucht steigt ihm schwer in die Glieder. Plötzlich erschallt, vom Nachtsturm mit roher Gewalt an sein Ohr getragen, der schreckliche Ruf: »Mayer!« – es ist sein Name, der Name, den er vor einigen Jahren abgelegt hatte, als er sich gelobte, für den Rest des Lebens ein anständiger Mensch zu bleiben. Der Name Mayer traf ihn wie mit einem Hammerschlag auf den Kopf – – Suran hieß er sich zuweilen oder Stefanides, auch Krasso oder Krassa. Er hatte schon früher bemerkt, wie einer, der als Allerletzter aus dem Wirtshaus kam, ihn angestarrt hatte. Er dachte aber, er würde gleich wieder von ihm lassen.

Nein, er ging hinter ihm und schrie ihm das verhasste, verfluchte ›Mayer‹ zu. Was wollte der von ihm?

Er zittert, er betet darum, dass der Fremde doch gehen möchte.

Allein er geht nicht, er bleibt hinter ihm ein paar Schritte, und wenn er es auch nicht hört, so denkt er fortwährend daran, dass der Fremde im nächsten Augenblick »Mayer« sagen wird. Warum ließ ihn der nicht allein? Was trieb ihn ihm in den Weg? Er wollte ja trotz größter Not ein anständiger Mensch bleiben für den Rest seines Lebens, und der war ein schwerer, feister Bürger mit einem weinfröhlichen Gesicht und hatte Ringe und eine goldene Kette, die hat er gesehen, als er auf die Uhr blickte, und Geld hatte er wahrscheinlich auch. Er selbst hatte nichts, gar nichts, nicht einmal ein ganzes Kleidungsstück gehörte ihm, und das Gässchen war doch finster und totenstill, wie leicht konnte da der Hass Akteur werden.

Der Mann zitterte an allen Gliedern vor Schrecken, vor entsetzlichem Schrecken; ihm fällt ein davonzulaufen –. Er läuft rings herum, er weiß kaum wie, aber er läuft – bis er wieder bei der Feuermauer ist. – Eigentlich hat er das Gässchen umkreist.

Der feiste Bürger ist noch immer da und ruft ihm: »Mayer!«

Der Mann drückt sich die Fingernägel in die hohle Hand und stößt hervor: »Sind Sie vielleicht ein Detektiv?«, und er läuft die Gasse hinunter bis an die andere Ecke, dort krümmt er sich auf dem Boden zusammen. Sein Hut ist ihm in die Pfütze gefallen.

Der Bürger kommt ihm nach und ruft ihm zu: »Mayer!« Er lacht aus vollem Halse und schlägt sich auf die Schenkel.

Da erhebt sich der Mann und steht auf einmal da wie ein Mensch aus Eisen: »Herr, sagen Sie mir, machen Sie sich einen Spaß oder sind Sie wirklich ein Detektiv?«

Der Bürger hält sich die Seiten vor Lachen. »Hahaha – hohoho – – der Mayer!« Der Mann reißt sich die Hemdbrust auf. Er packt den Bürger an der Schulter, schleppt ihn unter die Laterne, wie es der Polizist vorhin mit ihm gemacht hatte.

»Ja, ich bin der Mayer! Schauen’s mich an, schauen’s mich nur genau an! Habn’s mich schon genug angeschaut?«

»Ich kenne Sie!«

»Und jetzt sagen’s mir, woher Sie mich kennen, dass ich der Mayer bin?«

»Ich kenne Sie ujegerl schon lang!« Er dreht sich um und will gehen.

Der Mann, der plötzlich ein Mensch wie aus Eisen geworden war, sagt: »Dableiben!«

»Nein, ich dank Ihnen schön, ich hab’ ein’ Schlaf.«

»Ein’ Schlaf haben’s, ah – das könnt’ jeder sagen – einen erst verfolgen und dann sagen: Ich hab’ einen Schlaf, ich geh’! Sie haben mich verfolgt wie die Katz die Maus und jetzt sagen Sie, Sie wollen z’ Haus geh’n schlafen! Aha – das glaub’ ich Ihnen! Probieren’s und gehen’s z’Haus schlafen.«

Der Bürger machte ein paar Schritte.

»Aha, da gehen’s grad in die Feuermauer hinein! Und da steh’ wieder ich! ’s Wirtshaus ist zug’sperrt – also jetzt sagen’s mir, warum haben’s mich verfolgt?«

»Was reden’s denn für ein’ Unsinn?«

»Alsdann, woher wissen’s dann, dass ich der Mayer bin?«

»Weil ich Sie kenn’!«

»Woher kennen’s mich?«

»Vom Prater.«

»Das stimmt schon.«

»Sie waren einmal in einer Bude Ausrufer, wo die Dame ohne Unterleib war.«

»Das stimmt auch.«

»Da sind Sie immer so gestanden (er hält den Zeigefinger der einwärts gebogenen Hand ausgestreckt gegen seine Nasenspitze). Parris – Parris, wie es leibt, lebt und liebt – Parris bei Nacht! – –«

Der Mann kratzt sich den Hinterkopf und lallt: »Paris« – – – »Vor zwanzig Jahren, wie ich noch ein junger Bursch war, sind Sie mir einmal nachg’laufen bis am Praterstern.«

»Ah, das waren Sie? Warum bin ich Ihnen denn nachg’laufen?«

»Weil ich den Vorhang weggezogen hab’ von der Dame ohne Unterleib, wie sie grad hat raussteigen wollen aus ihrem Korb.«

»Das waren Sie?«

Dämmerdunkles Erinnern steigt in ihm auf, wächst, schwillt an und reckt sich an ihm empor als ein großes schwarzes Nachttier, das ihn aus Augen wie Feuerkugeln anblickt.

»Und die Leut’ haben g’schimpft und g’lacht und haben’s Eintrittsgeld zurückverlangt – das ist ja ein Schwindel!, haben’s g’schrien. Das Mistvieh ist ja gar keine Dame ohne Unterleib.«

Das Ungeheuer fletscht die Zähne, die Feuerkugeln blicken ihn an, lechzend an – –

»Also das waren Sie? – – – Ich erinnere mich schon, ich hab’ wegen dem Fall fortgehen müssen. Damals bin ich zum ersten Mal ein Dieb gewesen – meine erste Kerkerstraf’, 6 Monat schweren Kerker – –«

Dem Bürger ist das peinlich zu hören, darum unterbricht er ihn.

»Dann hab’ ich Sie wiedergesehen – Sie waren Billeteur bei der Rutschbahn – in ein Jahr drauf waren’s Zuckerlmann – hinter Kalafatti sind’s g’standen – ein bissl schmierige War’ haben’s immer g’habt – dann waren’s beim Künstler Absammler und Staberlwachter – so zwei Jahrln drauf sind’s wieder g’standen vor einer Buden mit wilde Menschen – wieder haben’s g’sagt – Pa–r–rris – Pa–rrris – Sie sollen staunen, dieses Großartige, dieses Neue, dieses Wunderbare – –«

Der Mann sieht jetzt schon mit den Augen des großen Nachttiers. »Weiter, weiter –«, sagt er.

Der Bürger schweigt – –

»No, weiter – –«

»Dann bin ich nicht mehr in den Prater gekommen – ja, einmal noch an ein’ Sonntag – ich bin damals schon mit meiner Braut hingekommen – vorm Eingang von Venedig haben Sie von ein’ Weibsbild eine Ohrfeig’n kriegt. –«

»Weiter – wo haben’s mich noch gesehen?«

»Richtig – vor fünf Jahren hab’ ich Sie in München g’sehn: Ich war mit meinen zwei ältesten Kindern auf der Vergnügungsreis’ beim Oktoberfest – da sind Sie vor einer Hütt’n g’standen mit ein großmächtigen Schuh und haben ausg’rufen: Der R–rriese Pisjak hier zu sehen – der gr–rrößte Mann der Welt.«

»Und dann – dann haben’s mich nimmer g’sehen –«

»Nein – bis auf den heutigen Tag, sind’s nimmer bei dem G’schäft?«

»O ja – aber ein anderes Fach –«

»So? Was denn?«

»Zauberei – –«

»Gehn’s zu!«

»No, es ist grad net Zauberei, es ist Taschenspielerei – da schau er’s amal her, ich zeig’ Ihnen ein Beispiel – hier in meiner Tasche habe ich ein Messer mit einer starken Klinge, ein bissel rostig ist’s ja – das macht nichts – vom Rege wohl. Nun jetzt passen’s auf, auf eins, zwei, – drei, wird das Messer verschwunden sein – –«

Der Bürger denkt ganz oberflächlich daran, wohin das Messer wohl verschwinden könne – aber – er weiß es nicht – er muss auch an seine zwei hübschen großen Buben daheim denken und an sein herziges blondes Mäderl, das Violinspielen lernt – – –

»Also«, zählt der Mann, »eins, zwei, drei – –«, und das Messer verschwindet bis an das Heft – in den Hals des Bürgers.

Er ist mit kleinem, kurzem Röcheln zusammengebrochen und war dann gleich tot.

Der Mann – nein, das Nachttier – kniete eben am Boden, um der Leiche alles wegzunehmen – als feste, langsame Taktschritte näher und näher kamen.

Es war der junge Polizist mit dem mitleidigen Herzen, der vom Dienstgang kam.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, 18. Juni 1911, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Sturmwind, um 1915

Ein misslungener Abend

von Margit Kaffka (1880–1918)

Weich senkte er die Uhr in die Westentasche und roch an den reichen Blüten des weißen Flieders. Er fühlte die schwingende Leichtigkeit seiner Bewegungen, als sein Arm sich hinaufschwang in den knisternd neuen und feinen Überrock; unbewusst rhythmisch tanzend waren auch seine Schritte, deren Takt den jugendlich frischen Rausch der Freiheit, der Vermessenheit und des Spottes durch seine Nerven rieseln ließ. Er pfiff leise vor sich hin. Die Paläste des Platzes schimmerten marmorweiß im Frühlingsglanz der schönen, frischen Stadt, der weiche Duft der Rasenbänke hauchte ihm sanft entgegen, und von der Donau her schlängelte sich der leichtfüßige Wind launisch kränkelnd dahin. »Fünf Uhr vorüber!«, flüsterte der junge Mann in großer, tiefer Heiterkeit, und wie innig liebte er sich in diesem Augenblick! Er fühlte seine wohlgeformten Füße – umgeben von dem Kultus der teuren Schuhe und der mit Seidenpfeilen überstickten Strümpfe –, die duftende und knisternde Reinheit, die feine und geschmackvolle Art alles dessen, was er anhatte, von den festgenähten Manschetten bis zu der mattgetönten Weste, – er fühlte sein ganzes Sein aufgelöst in Harmonie, in der lässigleichten Überlegenheit des körperlichen Wohlbefindens und des sorglosen Behagens. Wie angenehm war es, so vor sich hinzugehen, leicht und lose daran denkend, dass man sich doch im Leben alles verschaffen könne, was überhaupt zu verschaffen sei, so schweiß- und mühelos, glatt und einfach – und dass er heute einem hübschen, kapriziösen und drolligen Abenteuer entgegengehe.

Das war ja auch die strahlende und selbstbewusste, überhebungsstolze Bravour seines Mannestums. Er erkannte sie an einem ungewohnten Orte wieder, wohin ihn manchmal die Laune kleiner Jagdabenteuer trieb, – überrascht erkannte er das Weib, welches er par renommée und dem Sehen nach schon kannte, in dem schmucken Samtfauteuil eines Kinematographen. Hinter den Reihen von Nähmädchen, kleinen Bonnen und Schulkindern blitzte ihm die üppige goldbronzene Haarkrone der teueren Kokotte in die Augen, und er setzte sich dreist neben sie. Er wusste wohl, dass nicht sein halbjähriger Gehalt samt den Abzügen ausreichen würde, bloß eine Nacht der großen Herren und der hohen Geistlichkeit zu bezahlen, aber er war vorsichtig genug, nicht übermäßig viel daran zu denken. Nur so, über die Achsel her, lieblich und mit einem Anflug von diskreter Tändelei näherte er sich ihr – jedoch mit sehr wenig Zeremonie. Er beugte sich näher, dudelte leise und angenehme Arien in ihr Ohr und begleitete die Vorstellung, nicht misszuverstehende Anspielungen murmelnd. Schon fühlte er, den Typus dieses Weibes zu treffen, bei dem man mit leichtfröhlicher Großtuerei die Oberhand gewinnen kann, den Typus dieser kaum gebildeten, aber urwüchsigen und gesunden Seele, die hergekommen ist, im Geheimen die Naivität des »Kino« zu genießen, wo sie doch eine Loge haben kann in den großen Theatern; sie, die mit ihrer grandiosen Lebensweise vielleicht einzig ist in dieser funkelnd armen Großstadt. Hat er ihr gefallen oder traf sich ihre momentane Laune mit der seinigen? In ihrem lautlosen Zwiegespräch pulsierte die flotte Frische des Spieles und die Rücksichtslosigkeit der unverfeinerten Neugierde, gemischt mit den leichthingeworfenen Brocken gewisser Salonformen und Redensarten. Jetzt musste er lachen, als er zurückdachte, wie ihnen die alte Begleiterin gefolgt war mit den scheelen, feindseligen Blicken eines hinterlistigen, kleinen Dachshundes, oh, dieses alte, kleine Gerippe in der schäbigen Perlenbluse, vollgespickt mit falschen Steinen, dem unordentlichen, graulichen Haar und den großen Platinazähnen. »Madame ist keine Freundin der Romantik!«, flüsterte er dem Mädchen französisch in das Ohr, die kitzelig auflachte. Der Schauplatz hatte sich zum letzten Mal verfinstert und Wälder sausten, Eisenbahnzüge brausten dahin, wilde Wasser rauschten funkensprühend, ineinander blitzend auf der Leinwand dahin; da zog der Junge geschickt eine Haarnadel aus dem rotbraunen, großen Turban, und eine Flechte fiel schwer herab auf die Stuhllehne. Er hob sie auf und wickelte sie langsam, lächelnd, mit fester Hand um sein Gelenk. »Aber nur, wenn ich es auch so will!«, zischelte sie im Dunkeln mit blitzenden Augen. Sie lachten einander an, verstehend und einfach; und vor dem Ausgang bekam er ihre pünktliche Adresse mit der heutigen Einladung. Ein leichtes und oberflächliches Abenteuer, ganz wie seine momentanen Ansprüche, Wert erhält es nur dadurch, dass er nicht mehr bezahlt dafür, als eine Nacht seiner Jugend und einen Haufen Blumen, für die er in seiner kavaliermäßigen Laune fast all sein Geld hingegeben hat. Wie schön – diese üppigreiche und dichte Masse der großen, weißen Ballen –, voll und reif erblüht, wie ein sich seiner selbst bewusstes Weib, das man ohne Gewissensbisse und ohne Verantwortlichkeit besitzen darf. Er ergötzte sich an ihnen und ließ die Aufregung des Weibbegehrens beinahe mit Gewalt hinüberfluten in sein, in diesem Moment so heiter lustbefriedigtes Wesen. Er schritt rascher vorwärts in der vornehm ruhigen Gasse, schaute tief atemholend die Nummer des kleinen Palastes an, eilte rasch hinauf und läutete im Stiegenhaus.

… Einige Minuten später stand er schon der alten Frau mit den Platinazähnen in der sich verdächtig rasch öffnenden Tür gegenüber.

– Sie wünschen?

Und ihre kleinen, antipathischen Augen komplimentierten ihn schroff der Schwelle zu, nicht erst wartend, bis er seinen Namen genannt hatte.

– Die Herrin empfängt heute nicht, antwortete sie kurz mit spöttischer Zufriedenheit, und schon war sie daran, die Tür vor ihm zuzuschlagen.

– So?, sagte der junge Mann plötzlich aufbrausend und erfasste die Klinke. Das möchte ich von ihr selbst hören!

Die letzten Worte klangen ein wenig gezwungen; er fühlte, dass er sogleich – sogleich lächerlich werden würde.

– Bedauere, plapperte das kleine Weibsbild ungeduldig, als ob es doch etwas befürchten würde, bedauere, sie hat Gesellschaft, vornehme große Gesellschaft.

Feindselig standen sie einander gegenüber, dann nahm der Jüngling in spöttischem Scherz den Hut tief herab, lachte auf und drehte sich auf den Fersen um. Was konnte er anderes tun? Aber unten auf der Gasse stieg ihm plötzlich gallige Wut in die Kehle. Er fluchte leise vor sich hin und biss sich in ohnmächtigem Zorn die Lippen wund. Er machte lange Schritte, hastete in nervöser Elastizität durch die summende, trunkenschwüle Abendluft, griff sich an die Stirn und fühlte die Spur einer perlenden Nässe.

– Ei, sieh doch mal!, brummte er ein wenig beschämt und schwang seine Arme im Weitergehen trotzig-lose in der Luft, indem von den herabhängenden Blüten eine duftende weiße Kugel, die an den Mantel strich, zu Boden fiel. Dort schimmerte sie unter dem fahlen Flor der Abenddämmerung.

– Soll ich das wegwerfen?, fragte sich der Jüngling stehenbleibend und den Fliederstrauß nochmals an das Gesicht drückend. Und war es das elastisch-leise Beben der Blüten oder vielleicht deren tief und kühl geheimnisvoller Duft, dass ihm eine Frau vom vorigen Jahr in den Sinn kam? Oder weil es so sein musste, dass ihm irgendeine einfalle in dieser gestörten halben Stunde? Jawohl, die Wohnung Marthens liegt nicht weit von hier; wenn er da herauskommt und dort einbiegt, dem Ring zu, wird er die Gasse schon kennen, wo sie atemlos und unter fröhlichem Gelächter sich fest umschlingend nach Hause liefen, an solchen ruhelosen Abenden – wie oft, wie viele wunderschöne Monate lange. Wirklich! Das waren liebe Stunden! Sie kamen, spielten sich ab und nahmen ein Ende: – Das ist das Schöne am Ganzen; man muss die Dinge beizeiten einstellen, solange sie noch nicht hässlich sind, dann bleiben sie uns so in der Erinnerung. Seine Nervosität ging langsam über in zärtliche Träumerei, als er an dies alles dachte … Ja, Martha, die leuchtendblonde, kaum zweiundzwanzigjährige kleine Witwe, die ihn da unten in ihrer Heimatstadt schon als Mädchen geliebt hatte; und als sie dann heraufkam, das vorige Jahr, wurde sie nach und nach die Seine, aber ganz naturgemäß und ohne zu feilschen, wie wenn jemand seine Bestimmung erfüllt; und sie ist schon während der Wartezeit im Reinen gewesen mit sich. Martha war jung, schön, frei und vermögend, es konnte nicht sein, dass es ihr an Männern mangelte, und ihr gesundes, passives Frauentum hatte das auch nicht notwendig in diesem Sinne; und ihn hat sie angenommen mit einer lieben und zarten Entschlossenheit, gerade ihn. Womit hat er ihre Liebe verdient? Oh! … Er wusste, dass sie seither »die Gardinen zugezogen« hatte, wie sie sich selbst ausdrückte, und ihr Leben geräuschlos und verschlossen dahingleite. Er zuckte die Achseln. Warum tut sie das? Kindisch genug, wenn es so ist! … Er wollte sich ärgern über sich, dass er einen Moment – wie die Dutzendmänner – sich fast gefreut hatte darüber, und dass er das ausschließliche und sich zufällig ihm zugewendete Gefühl eines Geschöpfes in Rechnung stellen, bewerten und aufspeichern konnte. Als ob das etwa Reichtum heißen, ihm zum Ruhm gereichen oder zum Wertmesser seines Selbst dienen könnte, dass es eine Frau gibt, die ihre Empfindungen und sich selbst nach Herzenslust vertändelt. Ja, auch Martha, dieses junge, frische Wesen voller Instinkte, auch sie hatte nachher affektiert; auf irgendeine Weise lernte sie es einmal; sie lernte sprechen, und ohne Erfahrung, blind hatte sie die gemeingültigen Worte, Fragen und Unterhandlungen eines Liebesverhältnisses gefunden. So sind sie alle! Die Minute brauchen sie nicht, sie verstehen deren Schönheit nicht, sie zerquälen sich, wühlen die Vergangenheit auf und den morgigen Tag, flechten Romane während der Umarmung. Und wie schön wären doch die Dinge so an sich! Hier kamen sie stets gemeinsam durch den Garten, mit törichtem Zagen und Zittern sich duckend, wenn im Halbdunkel eine herrenmäßige Gestalt sich näherte. »Ein Bekannter!« Da steht die Bank, wo sie sich manchmal gesetzt hatten wie zwei Vagabunden. In einem der Häuser dort vis-a-vis im dritten Stock wohnte ihre Mutter mit den jüngeren Schwestern; davor zitterte sie am meisten und wurde ein wenig traurig, wenn die beleuchteten Fenster auf sie herabblickten. Aber dann schloss sie die Augen, sie standen auf und liefen über den dunkeln Garten, ja, Flieder blühte hier damals, es war ein später Frühling; dieser Duft lag damals in der Luft, dieser tiefe, leichtzitternde, reif und voll durchdringende, und schnell eilten sie nach Hause damals …

Er schlug den alten Weg ein und unklar war er sich dessen schon bewusst, dass er zu ihr gehen werde, er ließ seine Schritte von irgendetwas tragen und ließ sich durch seine zaudernden Gedanken bloß ablenken, damit er sich dessen nicht allzu sehr bewusst werde und noch zurückkehrt. Warum auch, wenn es ihm jetzt, in diesem Augenblick so wohltut hinzugehen! Weshalb könnte denn das nicht sein, dass die, die sich einst gekannt hatten, sich aufsuchen könnten in der Stimmung einer einzigen Stunde und ihr Zusammentreffen deshalb doch zufällig und isoliert bliebe, nicht der Anfang oder die Fortsetzung von etwas; bloß ein Einfall, auf den sich nichts aufbauen darf. Aufs Neue anfangen? Nein, dazu hatte er keine Geduld mehr und dafür treiben sich auch viel zu viel Frauen in der Welt herum, mit denen er noch nichts zu tun gehabt – und die ihm noch winkten. Aber wenn diese eine vielleicht schon Intelligenz genug besäße, dass man mit ihr einen schönen Abend verbringen könne, ganz ohne weiteres? … Was ist es eigentlich, das die Frauen von derlei zurückhält? Offenbar die Angst vor der Gewöhnlichkeit der Männer oder der naive, konstruktive Sinn, mit welchem sie den Begriff »Liebe«, so großgeschrieben als ein absolutes und organisches Ding, als ein Ganzes empfinden, das entweder existiert oder nicht. Sie mit ihrem ewigen Entweder-Oder. Ob denn die Sache wirklich eine ganz andere ist, die sie unter demselben Namen verstehen, als die der Männer? Brauchen sie etwas anderes von dem Ganzen? Diese Frau ist ihm nicht eine Minute unbequem geworden nach der Trennung; ob sie wohl klug und originell genug sein kann, dass sie jetzt keine Fragen stellt? … Und sich selbst nicht mit Randbemerkungen versieht? …

Und wenn nicht? Wenn sie zu empfinden versucht oder hart wird, etwa beleidigt tut und unbehaglich spielt. Wenn sie, ihren vermeinten Triumph verbergend, mit vorsichtiger Berechnung und Zurückhaltung ein Haar breit nachgibt, um das Übrige aufzuheben für ein andermal, und mit kleiner, empörender Frauentaktik den Rückkehrenden nur Schritt für Schritt zu sich lässt? Oder wenn sie von ihren Tränen erzählt, die sie seither geweint, und ihn fühlen lässt, dass noch nichts vorüber, dass sie gewartet auf ihn; wenn sie mit den zäh dehnbaren Fäden ihrer Leiden eine Brücke geschlagen hatte zwischen Vergangenheit und dem heutigen Tag; wenn sie sich einbildet, ihm nicht einmal die Freiheit zurückgegeben zu haben, sondern ihn nur an loser Leine hielt und ihn jetzt, sieh’ da, einfach zurückzog, aufs Neue … Der Jüngling blieb stehen an der Ecke, lehnte den Rücken an einen Lampenpfosten und zauderte eine Zeitlang im Kampfe mit sich. Er wurde der vielen zynischen Grübeleien müde, – der entsetzlich jugendlichen Anstrengungen, vor sich selber nicht zu verlieren und den Stil seines Lebens ja nicht zu verderben. »Der Teufel auch!« – als wenn das große Wichtigkeit hätte! … Höchstens bleibt es ein Scherz, ein spöttischer Versuch, ein Misserfolg, der seine Voraussetzungen rechtfertigt; er lacht darüber; er kann ja zurückkehren auf halbem Weg, von wo immer, von wem immer … Mit einem kleinen, leichten, sich selbst betörenden Lächeln zupfte er die Flieder zurück und ging dem Tore zu.

Das bekannte, halbwüchsige Mädchen vom vorigen Jahr ließ ihn ein. Das war komisch. Sie sah ihm in das Gesicht und erkannte ihn sofort, aber sie war nicht atemlos erregt und kicherte nicht, wie vordem, sie lächelte nicht einmal, und man sah ihr die Überraschung doch an. Ein trauriger und ein wenig vorwurfsvoller Ernst lag in den Gesten der kleinen, dummen Magd, als sie einen Blick auf die Blumen warf und nickte, wie jemand, der jetzt schon alles versteht. Stumm ging sie ihm voran im schmalen Korridor und wollte im Speisezimmer die kleine elektrische Birne aufdrehen, ober dem braunen Divan.

– Nein! – protestierte der junge Mann und blieb stehen im Halbdunkel, um den alten, alten Duft der Wohnung mit geschlossenen Augen einzusaugen. Fast selbstvergessen trat er hinaus bei der offenen Erkertüre; man konnte die noch leichten, losen Schatten der üppig aufschießenden Sträucher des Platzes bis hierher sehen, beschienen von dem gelben Lampenlicht. Der Himmel draußen war trübe, und ein feiner, kleiner Regen rieselte, die ringsumher zitternden Düfte niederhaltend und ausscheidend.

– Ich werde fragen, ob man eintreten darf! – sagte ihm das Mädchen, nachdem sie eine Zeitlang gewartet hatte.

– Wieso?, fuhr er auf. Hat sich die Gnädige schon niedergelegt? Oder ist jemand hier?

Das Mädchen schaute ihn groß an.

– Ich frage, ist jemand zu Gast?

– Nein, bitte, niemand, sie sind schon alle fort. Die alte Gnädige kommt um 10 Uhr zurück zur Nacht. Denn, wissen Sie es denn nicht?, meine Gnädige, oh, ist heute operiert worden …

Der junge Mann trat zusammenfahrend in das Zimmer zurück.

– Fehlt was?

– Jetzt, Gott sei Dank, wird schon alles gut. ’S war ja auch nicht zum Sterben, die Krankheit, nur musste man etwas richten und ach drei Ärzte …

Aufgeregt wandte sich der Gast unwillkürlich dem Ausgange zu, aber das Mädchen stellte sich ihm mit hastigem Eifer entgegen. Fast flehte sie ihn an.

– Nein, bitte nur zu warten, ich bitt’ Sie, gleich werd’ ich melden. Sofort ist’s möglich!

Ein lebhaft gelber Lichtstreifen fiel hinter ihr her auf den dunklen Boden, als sie in der Tür des schwer mit Teppichen behängten Schlafzimmers verschwand. Der Jüngling blieb allein zurück; hastig und schnell besann er sich des Vorgefallenen.

– Wunderschöne Geschichte das!, zischte er und wischte sich über die Stirne.

Welch unglaubliche Dummheit, dass er heute hierherkommen musste. Durch diese Geschichte wird ja alles verändert und umwertet. Was für bedeutungsvolle, in Rührung getränkte Augenblicke werden gleich folgen! Eine Szene! Oh! – Seine jugendliche, ungeduldige Schamhaftigkeit der Seele kämpft hart an mit einem widerlichen Gegengefühl. Wunderbare Geschichte!

Jetzt, – ach, jetzt, sofort! Er wird hineingehen und sie sehen im Karbolgeruch, bleich im gelben Lampenlicht, – zwischen Spitzen und Bändern, die sie jetzt in der Eile auf sich werfen lässt, ihm zulieb. Mit ergriffener Miene wird er am Rand ihres Bettes stehenbleiben, leise zu ihr sprechen und Zärtlichkeiten murmeln. Und sie wird die Augen schließen in der Oberhoheit ihres Leidens, sich umstrahlt fühlen von einer zartschimmernden Gloriole: – Ermattet lässt sie ihre blassen Hände ihm entgegenfallen und ist zu schwach, um die Blumen emporzuheben. Er muss dann leise erzittern und sich stumm neben ihr Bett setzen, ihre Hände in den seinigen haltend, weich und zart. Schon sieht er die Kulissen, – Kulissen wachsen und sprießen rings um ihn her, in der Stille, und der hat keine Kraft sie aufzuhalten. Oh diese Szene! Tränen werden aufblitzen im Lampenlicht unter ihren schönen, schweren Wimpern, und er wird sich niederbeugen müssen und sie wegküssen. »Nicht wahr, du hast es gefühlt? Nicht wahr, dennoch? – Wie viel hab’ ich an dich gedacht!« … Schrecklich! Jetzt gleich wird er es hören.

Und in der missmutigen Verwirrung, die in seiner Seele hin- und herwogte, empfand er eine ehrliche, menschliche Scham. Des dummen Zufalls wegen, der ihn auf diese Weise gerade heute herbrachte zu ihr; wo doch dieses liederliche Geschöpf mit den roten Haaren, deren Blumen er hergebracht zu dieser, nicht einmal verdient, ihre Schuhe küssen zu dürfen. Dass das so ist, ist zum Aufschreien wahr – und doch; wie beschämend gleichgültig ihm das jetzt scheint. »Ich habe kein moralisches Gefühl, – es muss schon so sein, aber das ist so unwichtig, ich fühle es wenigstens nicht.« In der ganzen, aufblitzenden Gedankenreihe, während der kurzen Sekunden waren der einfache Zorn und die menschlich egoistische Empörung vorherrschend, dass er jetzt hineingeraten sei in etwas – gegen seinen Willen – infolge der bizarren Laune des Zufalls. Und dafür sollte er seine Freiheit einbüßen?

Nein! Erst recht nicht!

Er riss die Vorzimmertür auf und eilte rasch hindurch. Es schwante ihm, als ob er um Verzeihung gebeten, irgendwelche Entschuldigungen gestammelt hätte vor der ihm folgenden Magd. Dass ihm übel geworden … Nur schnell an die Luft, zurück!

Unten schlug ihm die Frische der feuchten, süßen Abendluft entgegen. Nun sah er, dass er die Blumen nicht mehr bei sich hatte. »Gut, dass ich wenigstens die bei ihr gelassen, der Armen!«, dachte er, aber er war nicht beruhigt und empfand eine nervöse Unbefriedigung. »Ein verdorbener Abend, das!«, brummte er missmutig, als er heimwärts ging.


Übersetzung
Aus dem Ungarischen (Übersetzer*in unbekannt)

Textnachweis
Aus: Pester Lloyd, 25. Dezember 1913, Morgenblatt, S. 7–8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Blumen, 1913

Die rote Perücke

von Marie Holzer (1874–1924)

Sie schaut in das elegante, hellerleuchtete Glasfenster, hinter dem Frisuren stehen in allen Formen und Farben. Auf leuchtenden Wachsbüsten mit rotgeschminkten Wangen und tief umränderten blauen, seelenlosen Augen.

Die rote Perücke möcht’ ich haben! Plötzlich lebt der Wunsch auf in der kleinen Studentin, heiß und sengend, wie ein Schmerz, wie ein heilig Gebot. Die rote Perücke mit den tiefen, breiten Wellen, den kleinen, schmiegsamen Ringelchen um die Schläfe und der großen duftigen Locke, die sich wie nach einer zärtlichen Bewegung zufällig losgelöst und hinter dem Ohr in den Nacken fällt.

Was sind die blonden, schwarzen, braunen Haare nichtssagend im Gegensatz zu der roten Perücke, die wie Feuer glänzt. Hell ringeln sich die Löckchen zu züngelnden Flammen, dunkel glüht der Scheitel, Sonnen sprühen, Leidenschaft glänzt im Flimmergold jeden Haares.

Ach, wär’ die rote Perücke mein! Könnt ich sie einmal tragen eine Nacht hindurch. Auf einem glänzenden Ball. Lichtüberflutete Säle. Herren in Frack und Uniform, Orden auf der Brust, Sterne, Kreuze. Damen in glitzerndem Schmuck und eleganten Toiletten, und ich mitten drin mit dem roten Haar, das halbgelöst in den Nacken fällt, dessen kleine Löckchen sich um meine klopfend warmjunge Stirne schmiegen, das Ohr küssen, meine Wangen liebkosen, das Schwarz meiner Augenbrauen betonen, meine Blicke leuchtend vertiefen.

Aller Augen sehen auf mich, hüllen mich ein in Glut und Licht. Und ein ander Leben erwacht in meinem Blut, mein Denken, mein Fühlen wird heißer unter der Feuersbrunst der roten Haare, meine Augen leuchten anders, meine Blicke würden wärmer, meine Worte trunken von seltsamer Fremdheit.

Stolz wie eine Siegesfahne trüg ich die rote Perücke durch den Saal – durch das Leben dann, und es lacht und lockt, verspricht und schenkt, betört und beseligt … Nicht wie jetzt bei toten Büchern sitzen, bei Worten mit fremdem Klang, bei Längstgestorbenen, deren Atem verweht, deren Gedanken bloß ein seltsam Leben führen, das man erwecken kann oder daran vorübergehen, und ich will nicht mehr, ich will nicht mehr …

Die toten Haare hier auf der kalten Wachsbüste, die will ich zum Leben wecken, sie würden zu reden beginnen, wenn ich darunter lachte. Tausend Wünsche steigen empor und umarmen mich. Gedanken haken sich fest, die mich umgarnen. Rote Sehnsucht rinnt in meinen Adern, Verlangen klopft in den Gliedern und um mich her, eine mir fremde, kalte Grausamkeit lauert im Herzen, und die Seele horcht, die Seele wächst und wächst …

Gedanken einer Mänade steigen empor aus dem roten Haar, Wünsche einer Circe, das Erinnern an tausend Erlebnisse, das Locken einer bleichen Nixe mit dem grünschimmernden Wunderleib. Sirenenlachen. Glutvolle Leidenschaft. Die Sehnsucht, die Jahrtausende geklopft in Milliarden Frauenherzen, stünde auf. Lebendig. Riesengroß. Lachend. Märchenhaft tief.

Schön wär’ ich und begehrenswert. Eine Siegerin, die lächelnd über zertretene Herzen geht, über kniend betende Seelen.

Ja, sie allein hat mir gefehlt zur Entfaltung meines Selbst, das fühl’ ich, das weiß ich. Meines Herzens Lachen, meiner Sinne Flamme, meines Geistes Feuer, sie alle warteten auf die rote Perücke, mit dem Haar aus Feuergold, auf die Vision der roten Perücke.

»Mein Fräulein!«

Ein Herr steht neben ihr mit suchenden Augen und einem leis-verlegenen Lächeln.

»Mein Herr.« Sie lächelt, das erste Mal, dass sie sich nicht empört fortwendet, sondern lächelt, und sie fühlt die Kraft dieses Lächelns.

»Fräulein, was sind die leblosen Haare hier im Gegensatz zu Ihrer blonden Lieblichkeit.«

Sie sieht ihn an.

»Darf ich ein Stückchen mitgehen. Es ist ein so schöner Abend heute, voll dunkler Geheimnisse.«

Entschlossen richte sie sich auf. »Kaufen Sie mir die rote Perücke.«

»Vielleicht – später«, meint er ausweichend.

Sie lacht höhnisch. »Für mich gibt es nur einen Kaufpreis, und der muss gleich erlegt werden.«

Er wartet und rechnet. Dann sinkt er zusammen. Er hat nicht so viel und wird wohl niemals so viel beisammen haben. Aber er mag nicht fort. Die kaltfunkelnden Augen locken ihn, und er vertraut der Macht seiner jungen, bittend-demütigen Augen. Aber sie sieht über ihn hinweg, bis er fortschleicht.

Ihre Augen umwerben wieder die rote Perücke, und sie weiß, sie wird sie tragen.


Textnachweis
Aus: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst, Jg. 4, 1914, Sp. 41–44. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Helene Schjerfbeck, Mädchen mit blondem Haar, 1916

Die Stimme im Grammophon

Novelle von L. Andro (1878–1934)

Der Nervenarzt wollte eben in seine Privatwohnung hinübergehen, als ihm das Stubenmädchen meldete, im Wartezimmer sei noch eine Dame, die gebeten habe, zum Schlusse daranzukommen, da ihr Fall ein besonders komplizierter sei und viel Zeit erfordere.

Der Arzt zuckte ärgerlich die Schultern. Einmal, weil jeder Patient seinen Fall für besonders schwierig hielt, dann aber auch, weil er sich darauf gefreut hatte, den Tee mit seiner Frau und seinen vielbeschäftigten halberwachsenen Kindern zu nehmen. Es war die einzige Stunde des Tages, in der er sie sah und aus der er, schweigsam ihren Gesprächen lauschend, Kraft für vergangene und zukünftige Strapazen holte. Allein die Pflicht ging vor.

Die Frau, die eintrat, war jung, schlank und in Trauer gekleidet. Im Arm hielt sie, eng an sich gepresst, ein flaches, kreisrundes Päckchen. Auffallend an ihr waren die schöne falbe Mähne und die rötlichen, stark gezeichneten Brauen, die über der Nasenwurzel zusammenstießen. »Kriegswitwe, die sich in ihren Zustand nicht finden kann«, diagnostizierte der Arzt für sich, während er in der sachlich-väterlichen Art, die zu seinem Berufe gehörte, die ersten Fragen an sie stellte. Er hatte sich nicht getäuscht. Ihr Mann war im ersten Kriegsjahre gefallen. Mit Erleichterung merkte er, dass sie zu jenen gehörte, die, nachdem die ersten Hemmungen überwunden sind, reden wollen, reden müssen. Er sah verstohlen auf die Uhr. Mit dieser Art, die nicht erst auf langen Umwegen zum Abreagieren gebracht werden musste, wurde man rasch fertig.

Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet gewesen, als der Krieg ausbrach. »Wir hatten jahrelang aufeinander warten müssen, mein Mann und ich«, erzählte sie, »und waren viel getrennt gewesen. Dann ermöglichte eine Erbschaft uns die Heirat. Wir waren sehr glücklich – sehr.«

Der Arzt dachte bei sich, dass sie hübsch sein müsste, wenn sie besser aussähe als jetzt, wo die Backenknochen allzu sehr hervortraten.

»Mein Mann machte erst kurze Zeit Garnisonsdienst, und schon das war schlimm, weil wir stündlich vor der Trennung zittern mussten. Endlich musste auch er hinaus. Am Abend, bevor er fortging, brachte er mir etwas mit. ›Damit du doch etwas von mir hast, wenn ich fort bin‹, sagte er.« Sie öffnete das kreisrunde Paket, das sie bis dahin krampfhaft festgehalten hatte. Der Arzt sah mit Erstaunen eine Grammophonplatte darin liegen.

»Er war bei einer Grammophongesellschaft gewesen und hatte die Platte für mich besprochen«, fuhr die Frau fort. »Der Einfall erschien mir zuerst absurd. Das Grammophon war das vielbespöttelte Hochzeitsgeschenk einer Tante gewesen, wir mochten es nicht leiden und hatten es gleich auf den Boden geschafft. Aber als mein Mann fort war, holte ich es in mein Zimmer. Lange wagte ich es nicht, die Platte zum Sprechen zu bringen. Aber an dem Tage, an dem seine erste Feldpostkarte kam, als es Abend wurde und die Bangigkeit immer größer, tat ich es doch. Da hörte ich seine Stimme …«

Sie stockte. »Weiter«, sagte der Arzt.

»Diese Stimme sagte liebe, liebe Worte. Ich war unbeschreiblich glücklich und unbeschreiblich traurig. Ich getraute mich aber nicht, mir dieses schmerzhafte Glück oft zu gönnen. Bis eines Tages die Nachricht kam, dass er gefallen war …«

Die Stimme versagte ihr. Der Arzt nahm ihre zuckende Hand in die seine, redete freundlich einlullend und fragte schließlich: »Sie blieben in sorgenvollen Verhältnissen zurück?«

»Eigentlich nicht. Die Zinsen der kleinen Erbschaft konnten für meine bescheidenen Bedürfnisse gerade ausreichen. Das war vielleicht nicht einmal gut, denn nun hatte ich an nichts zu denken als an meinen Verlust. Ich stand ganz allein, an ihn hatte ich mich ganz und gar hingegeben. Da nahm ich meine Zuflucht zum Grammophon, erst zögernd, dann immer häufiger. Seine Stimme, die ich hören konnte, so oft ich wollte, täuschte mir seine Gegenwart vor, täuschte mir Liebesstunden vor. Sehr bald verspann ich mich ganz und gar hinein. Die paar Menschen, die ich kannte, fanden, ich sei sonderbar geworden. Ich konnte ihnen ja auch nicht erklären, was ich jeden Tag neu erlebte.

Das ging monatelang so fort«, fuhr die Frau fort, »jahrelang. Dann kam aber allmählich ein Unbehagen über mich, so etwas wie Überdruss.

Ich sehnte mich immer noch nach seiner Stimme, aber ich hätte gern andre Worte vernommen. Ich kannte jede Einzelheit des Klanges schon zu genau, wusste, wo er undeutlich wurde, wo die Maschine schnarrte. Aber immer und unabänderlich kam das Gleiche, und ein Gefühl der Abneigung wurde immer stärker in mir. Ich hätte ja nun bloß das Grammophon nicht mehr aufzuziehen gebraucht, nicht wahr? Aber es war wie ein fremder befehlshaberischer Wille über mir, es zu tun, auch wenn ich mir noch so fest vorgenommen hatte, es sein zu lassen. Ich wurde immer erbitterter gegen ihn, der ihn mir aufzwang. Verschiedenes Halbempfundene, längst Vergessene kam mir wieder zum Bewusstsein, zum Beispiel …«

»Zum Beispiel?«, fragte der Arzt.

»Es lässt sich schwer ausdrücken. Vieles, was ich früher auch schon gefühlt hatte, was aber wie unter einem Schleier gelegen war. Die Erinnerung an Gewohnheiten von ihm, die ich nicht sehr liebte, auch dass mein Mann viel älter war als ich und mir seine Zärtlichkeit oft ungestüm aufgedrängt hatte. Und dass ich einmal schon in unsrer Verlobungszeit ihm sein Wort hatte zurückgeben wollen, ich weiß selbst nicht recht, warum. Das Grammophon hatte einen großen, bläulich lackierten Trichter, und schließlich war mir’s, als sei ich einem Ungeheuer mit einem riesigen blauen Maul verfallen, als sperre es seinen Rachen nach mir auf und wolle mich verschlingen.«

»Idée fixe«, nickte der Arzt. »Nur weiter.«

»Einmal versuchte ich eine kleine Reise. Doch kaum war ich fort, so trieb es mich unwiderstehlich wieder heim. Auf der Rückfahrt im Coupé lernte ich einen jungen Mann kennen; er nahm sich meiner freundschaftlich an, wir sahen uns wieder. Es dauerte nicht lange, so konnte ich merken, dass er mich liebte, und auch ich fühlte Neigung für ihn. Nun wäre es wohl das Natürlichste gewesen, wenn ich mich von dem bösen Zauber des andern befreit hätte, allein ich vermochte es nicht. Sooft ich die Liebesworte des Lebenden gehört hatte, schlich ich ans Grammophon und lauschte denen des Toten – diesen entsetzlichen Worten, die erst der Maschine bedurften, die mich bis in meine Träume verfolgten. Die Heiratspläne meines Freundes wies ich von mir. Ich bildete mir ein, der erste müsse noch am Leben sein, irgendwo verschollen, und eines Tages wieder auftauchen – dergleichen kommt ja vor. Ich suchte seine Kameraden auf – sie hatten ihn mit einem Kopfschuss fallen gesehen, ordnungsgemäß identifiziert, in Russland irgendwo begraben. Ein Zweifel war gar nicht möglich, dennoch zweifelte ich – ich kann nur nicht recht sagen, woran, vielleicht nicht so sehr an seinem leiblichen Tode als an seinem andern. Ich habe es nicht gewagt, meinen Freund zu heiraten, aber ich habe mich nicht einmal getraut, ihm meine Liebe zu schenken – immer, wenn er mich in seine Arme nehmen wollte, hörte ich die Stimme des andern, nicht die wirkliche, sondern die furchtbare Grammophonstimme mit den ewig gleichen Worten, und es war mir, als ob man mir Nägel ins Gehirn triebe.«

»Wie kommt es«, fragte der Arzt, »dass Sie es nie versucht haben, sich der Grammophonplatte zu entledigen?«

»Ich habe es ja versucht! Ich habe sie vor mir selbst versteckt, sie in den Keller getragen und auf den Boden – immer wieder aber zwang mich etwas, sie in mein Schlafzimmer zu holen. Ich habe mit dem Hammer davor gestanden, bereit, sie zu zerschlagen – da war es mir, als ob er auf meines Mannes Kopf niederfallen würde, und ich konnte nicht zuschlagen.«

»Der Fall ist so einfach, meine liebe gnädige Frau«, sagte der Arzt und legte seine braune, schlanke Hand auf die Platte, »so unendlich einfach, dass ich mich wundere, wie Sie selbst nicht auf die Lösung verfallen. Das Ding bleibt hier bei mir, da ist es gut aufgehoben. Das, was Sie seine Zauberkraft nennen und was in Wirklichkeit nichts ist als die sinnlich entzündende Kraft einer Erinnerung, wird in dem Augenblick aufhören, in dem Sie seinem Einfluss entzogen sind. Wenn ich Ihnen aber etwas raten darf – Sie sprachen von einem Freund?«

Die Frau errötete. »Einem mindestens, dem an meiner Liebe liegt.«

»Wenn Sie auf mich hören wollen – schenken Sie ihm diese Liebe. Sie sind eine erotisch sehr lebhaft veranlagte Natur, das plötzliche Herausgerissenwerden aus junger Ehe, die lange Einsamkeit, der eingebildete Kontakt mit einem Toten haben Sie zermürbt. Sie werden jetzt so leben, wie ich’s Ihnen vorschreibe, und in ein paar Wochen wieder bei mir erscheinen. Ich werde dann hoffentlich nichts zu konstatieren haben, als dass sie eine gesunde und glückliche Frau geworden sind.«

Der Arzt verordnete ihr eine leichte Kaltwasserkur und Bewegung im Freien, mehr, damit sie das Gefühl hatte, nicht umsonst beim Arzt gewesen zu sein, als weil er es für nötig hielt. In Wirklichkeit, das wusste er, war sie schon gesund, weil sie von ihrem bösen Fetisch befreit worden war. Sie warf noch einen letzten furchtsamen Blick auf ihn, der still und harmlos im Panzer seiner geheimnisreichen Zeichen auf dem Schreibtisch lag und ihr nichts mehr anhaben konnte. Dann wandte sie sich zum Gehen, hoch aufgerichtet, befreit und jetzt mit einem kleinen spöttischen Lächeln für die kreisrunde Zauberscheibe, von der sie sich nun erlöst fühlte.

Der Arzt ging hinüber in sein Wohnzimmer. Die Teestunde war längst vorüber, die Kinder an ihre Aufgaben gegangen, aber am Tisch saß noch immer wartend die Frau des Arztes, die silberne Kanne vor sich, die mit einer grünseidenen Teepuppe bedeckt war. »Das hat heute lang gedauert«, sagte sie freundlich und goss ihm ein. »Du bist wohl recht müde?«

Der Arzt nickte schweigend und in Gedanken. Es gab ihr kein Wort für ihr Warten und dafür, dass sie ihn mit sanften Händen umsorgte, alles nach seinen Wünschen zurecht machend. Die Frau beugte sich auf ihre Arbeit herab und dachte: Niemals ein gutes Wort, nie einen freundlichen Blick. Er merkt die Mühe nicht, die ich aufwende, um Behagen rings um mich zu verbreiten, er sieht die Blume auf dem Tisch nicht, die so schön im Licht der Lampe glänzt, merkt nicht die neue Haartracht, die meine grauen Haare verbergen soll, und nicht, wie ich allein bin, wie die Jahre vergehen und ich mich nach einem kleinen lieben Wort sehne. Es braucht so wenig, ein bisschen Glück zu schenken! Es gibt Tage, an denen man es haben muss, weil sie sonst zu grau sind und mit den gewesenen und noch kommenden zu einem einzigen trüben Nebel verfließen. Das begreift er nicht. In der Seele seiner Patienten bemerkt er die feinste Einzelheit. Dass ich da neben ihm sitze und still verblühe, das sieht er nicht.

»Haben die Kinder nicht einmal ein Grammophon gehabt?«, fragte der Arzt aus seinen Gedanken heraus.

»Jawohl«, sagte sie erstaunt. »Aber sie mochten es so wenig leiden wie wir, da habe ich es in die Rumpelkammer getan.«

»Wenn du es heraussuchen lassen könntest«, bat der Arzt. »Ich möchte ein Experiment damit machen.«

Die Frau gab dem Mädchen den Auftrag. Der Arzt trank seinen Tee zu Ende und überlegte, dass er noch ein paar Minuten Zeit hatte, ehe er zu einem Konsilium musste. Er nickte seiner Frau zu und verließ schweigend das Zimmer.

Drüben bei ihm stand schon das Grammophon, etwas verstaubt, aber intakt. Es hatte gleichfalls einen blaulackierten Trichter, darüber musste er lächeln. Er schraubte die Platte ein, die auf seinem Schreibtisch lag. Die Befürchtung, dass sie von einer andern Marke sein und nicht funktionieren würde, hielt nicht stand, denn alsbald ertönte das charakteristische Schnarren und dann sagte eine Männerstimme leise aber deutlich: »Mein Liebling, mein Einziges, ich will, dass du immer an mich denkst, du sollst nicht traurig sein, ich bleibe immer um dich.« Die Stimme sprach weiter, zögernd zuerst, befangen, allmählich aber sich immer mehr erwärmend. Sie sprach Liebesworte, immer heißere, und geriet schließlich ganz in Wünsche, Erinnerungen, Kosenamen, die aus gemeinsamem Erleben geschöpft sein mussten. »Unglaublich!«, dachte der Arzt. »Da hat der Mann gestanden und solche Sachen zu seiner Frau gesagt, die gar nicht dabei war, während zwei Kerle vor ihm herumkurbelten!« Er unterbrauch die Vorführung und schaltete die Platte aus. Der Fall war für ihn abgeschlossen. Wenn alle so rasch zu kurieren wären!, dachte der Arzt, nahm Hut und Rock und beschäftigte sich im Gehen mit dem viel komplizierteren Fall des maniakalischen Rumänen, der Hilfe von ihm erhoffte.

Es war schon Abend, und man konnte nicht viel mehr sehen, aber am Fenster stand doch die Frau des Arztes und sah der dunkeln Gestalt ihres Gatten nach. Wie immer ging sie hinüber in sein Ordinationszimmer, nachzusehen, ob Ordnung zu schaffen wäre, und wohl auch, um noch ein wenig von seiner Atmosphäre einzuatmen. Das Grammophon war noch da, und die Platte lag daneben. Mechanisch schaltete die Frau sie ein. Das Schnarren begann, und eine Männerstimme fing zu sprechen an. Die Frau lauschte. Sie hörte Liebesworte, nach denen sie sich immer gesehnt hatte. Worte eines Menschen, der besaß, der aber seines Besitzes nicht müde geworden war, sondern in zitternder Angst danach strebte, sich ihn zu erhalten. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ob nicht ein Schauspieler hier etwas aus einer Rolle spräche, aber diese Stimme war nicht kunstvoll geschult, sie sprach einen leisen, nicht eben schönen Dialekt, sie stockte oft und suchte nach Worten, die beinahe einfältig klangen. Dies, das fühlte sie, war Wirklichkeit. Sie zerbrach sich den Kopf nicht darüber, wie die Platte hiehergekommen sein mochte; wichtig war nur, dass sie hörte, was sie selber brauchte. Sie lauschte mit heißen Wangen, und als alles zu Ende war, schaltete sie die Platte noch einmal ein.

Sie versuchte sich vorzustellen, dass ihr Mann diese Worte zu ihr sprach, aber diese Illusion wollte sich nicht zusammenballen lassen, sie zerstob sofort. Dennoch fühlte die Frau mit einer heißen Leidenschaftlichkeit, die sie bis dahin nicht gekannt hatte, dass sie noch einmal Wahrheit werden müssten, ehe das unerbittliche Alter kam. Sie dachte an einen Mann – und zum ersten Mal in seiner Abwesenheit dachte sie bewusst an ihn, der ihr in Gesellschaft zuweilen begegnete und dessen Blicken anzumerken war, dass er um ihre Einsamkeit wusste. »Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen«, baten Wort und Blick. Er hatte ihr nichts gegolten bis jetzt. Aber nun kam es ihr in den Sinn, dass er sie liebte, dass er ihr vielleicht so heiß aufreizende Worte sagen könnte wie die Stimme im Grammophon. Etwas war in ihr geweckt, etwas Wildes, Verzweifeltes, als stünde sie vor einem Abschied und müsse noch ein letztes Glück genießen. Einen Augenblick zögerte sie noch. Der leichte Duft von Seife, Desinfektionsmitteln und Zigarettenrauch, den ihr Mann ausstrahlte, war noch im Zimmer. Dann sah sie seinen grenzenlos gleichgültigen Blick über sich hinweggleiten, sah den blauen Trichter des Grammophons, in dem zum dritten Mal die Worte in einem leisen Schnarren verklangen. Sie sah den andern vor sich, den sie rufen durfte, wenn sein Augenblick gekommen war.

Die Frau des Arztes ging ans Telefon.


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Tagblatt, 15. Mai 1921, S. 19–21. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anita Rée, Bildnis Dr. Malte Wagner, 1920

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