Die Totengräberin

von Johanna Wolff (1858–1943)

Dorothea Zinn fasste einen großen Entschluss.

Sie stand zeitig auf, besorgte das Bärbchen, stellte für die Buben einen Topf mit Essen zurecht und legte ihr gutes Sonntagszeug an. Dann nahm sie ihren Spaten unter den Arm und ging zur Stadt, geradewegs auf das Rathaus zu.

Dore fasste ihren Spaten fester und machte ihrem Herzen Luft in einem Laut, so grimmig, als käme er aus einer Manneskehle hervor.

Und wollte sie jetzt nicht ein Mann sein? Sie begehrte eines Mannes Amt und ging hin, darum zu bitten.

So trat sie in die Amtsstube des Bürgermeisters.

Sie durfte ihr Anliegen vorbringen und bat schlecht und recht um Absetzung des Totengräbers Ede Norkus, der ihr Schwiegersohn war.

Sie erzählte, wie sie den Mann betrunken aufgefunden, dazu die Enkel, die gutgearteten Zwillinge.

»Herr«, sagte sie, »er darf fortan kein Geld in die Hände kriegen. Das Geld muss ich verdienen, und ich muss es auch ausgeben.« Und Grabe-Dore stützte sich auf ihren Spaten, damit der Bürgermeister sehe, dass es ein zuverlässiger Spaten sei.

Die Kinder müssten versorgt werden! Sechse seien es! Im Armenhaus würde es der Stadt auch nicht billiger kommen.

Dagegen ließ sich nichts einwenden.

Ob sie denn für solchen Posten stark genug sei? Der Blick des Bürgermeisters flog prüfend über sie hin. Da stellte Grabe-Dore ihren Spaten hin, trat vor und legte ihre beiden großen Hände auf den Tisch. »Seht diese Hände an, Herr! Wo wäre ich geblieben, hätte ich nicht diese Hände gehabt! Gegraben vom Morgen bis zum Abend, Herr. Jeden Tag das gleiche Stück. Ich hab’s gekonnt, und die Leute waren zufrieden. Auch die Toten werden zufrieden sein. Ich will’s gut machen, ich will’s mit Liebe machen. Die Lebendigen habe ich mit Liebe nicht verwöhnt, die kriegen das manchmal in die verkehrte Kehle. Aber die Toten! Recht schön glatt nach innen und keinen Zoll zu wenig in die Tiefe. Das gibt’s nicht bei der Grabe-Dore …« Und ihre zwei großen Hände lagen auf dem Tische wie zwei schwere Steine, die schon viele Risse und Schründe bekommen.

Der Bürgermeister schaute sie sonderbar an: In der Tat, das waren Ausnahmshände! Das war eine Ausnahmsfrau! Und das Ganze war ein Ausnahmsfall! Dem musste ausnahmsweise entsprochen werden.

Dore dankte und nahm ihren Spaten wieder unter den Arm.

Ob sich das mit dem Zurückhalten des Geldes auch machen würde bei dem Ede, fragte er.

Der Zug um Dores Mund härtete sich; dafür komme sie sicher auf. Sie ging. Und kam dafür auf.

Aber der Mensch, der Ede, der kam dabei herunter, ganz auf den Hund kam er dabei. Dass er nicht mehr graben durfte, war ihm recht, doch immer fand er eine Gelegenheit, von Vorübergehenden zu borgen – er stahl sogar – seinen Kindern aus den Sparbüchsen nämlich.

Früh am Morgen wollte sich der Missetäter, scheu, wie die Dore jetzt oft gesehen, davondrücken, den gewohnten Weg hinunter.

Da stieg in Grabe-Dore eine Wut auf, eine heiße, gallenbittere Wut. Sie lief gegen ihn an wie eine Kuh, die stoßen will, und gab ihm einen Schubs. »Fahr hin, in Gottes Namen, du! Und brich dir das Genick dabei, das Genick!« Mit diesem Morgensegen rannte sie ins Haus, und er hinkte von dannen.

Keine zwei Stunden währte es, da brachten sie ihn getragen auf einer Tragbahre; totenblass lag der Ede da, bewegungslos, aber mit weit offenen Augen.

Eine Kellerstiege war er hinuntergestürzt und hatte sich das Rückgrat verletzt. Der Arzt, der ihn bereits angesehen, hatte die Achseln gezuckt: Man solle ihn nur nach Hause bringen, er werde bald nachschauen.

Nun lag der Norkus da und drehte den Kopf nach einer und dann nach der anderen Seite; das war das einzige, was er konnte.

Seine Jacke, in der unversehrt die gefüllte Schnapsflasche stak, lag ihm quer über der Brust – so nahe, und doch vermochte er nicht zuzulangen. Arme und Beine waren vom Sturz gelähmt, aber das Herz klopfte weiter.

Grabe-Dore tat stumm im Zimmer herum und sah ihn nicht an.

Seine Augen gingen ihr nach: »Ist es dir recht, dass es mich getroffen hat?«

»Ist mir recht.«

»Freust dich wohl gar?«

»Wohl … weil es genützt hat.«

»Hm. Du hast mir das nicht verziehen, das mit der Sparbüchse?«

»Nein, ich denke fortwährend daran … deinem eigenen Kinde … so etwas … Ludriges …«

Sie wendete ihm ihr Gesicht zu. Waren das noch seine Augen? Eingesunken, wie aus kleinen Gräbern sahen sie zu ihr herauf, und es standen Dinge darin, Dinge, die ihr niemals nahegetreten.

Was musste der in sich beherbergt haben! Sie trat näher zu ihm.

»Ich dachte, du mochtest selbst nicht mehr leben.«

»Könntest recht gedacht haben.«

»Und du warst schädlich, Ede. Die Kinder, sie würden schlecht werden.«

»Ich sehe das ein, Mutter.«

»Bisschen spät, Ede.«

»Ich konnt’ nicht früher.«

»Das sagt jeder. Ich kann, will keiner sagen. Auf das Starke kommt’s an, Ede.«

»Der Durst, Mutter, der verdammte Durst! Wenn man trinkt, brennt’s, und wenn man nicht trinkt, brennt’s erst recht … Denkst du wirklich, dass … dass ich hin bin, Mutter?«

»Freilich denke ich das … und ich segne dich, Ede. Als du leben und saufen wolltest, habe ich dir geflucht; nun du sterben willst, segne ich dich. Mög’ es dir recht schön werden.«

»Gib mir einen Schluck aus der Flasche … die steckt in meinem Rock.« Er machte eine mühsame Bewegung mit dem Kinn.

»Mensch, das tu ich nicht! Das tu ich bei Gott nicht.«

»Tu’s, Mutter«, bettelte er kindlich. »Anna hätt’s auch getan, die hätte mich nicht durstig abfahren lassen.«

Der helle Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Er wendete gequält den Kopf.

»Dürsten sitzt im Körper, nicht in der Seele«, tönte Grabe-Dores Stimme auf. »Der Körper fällt ab und das Dürsten fällt ab. Im Grunde magst du gar nicht saufen … auf das ›Mögen‹ kommt’s an.«

»Das ist ein Trost, Mutter. Aber dann ist’s ja auch einerlei, ob ich noch mal aus der Flasche trinke oder nicht.« Wie ein Zittern lief’s durch ihn hin.

»Fürchtest du dich vor dem Tod, Ede?«

»Bewahre! Singen will ich, Mutter.«

»Das Singen wird dir wohl vergehen.« Sie wischte ihm den Schweiß ab.

Ein Todeszittern flog durch die langgestreckte Gestalt, und die Augen glänzten noch immer nach der Flasche …

Über Grabe-Dore kam ein großes Erbarmen. Sie griff zu, hob ihm den Kopf und ließ ihn trinken, sachte, sachte, damit er noch schlucken könne. Den »höllischen Brand« schien er nicht mehr zu spüren, er war schon über erdliche Grenzen hinaus mit seinem Schmerzgefühl; aber noch sog er, leise, ruckweise, wie ein Kind an der Mutterbrust.

Sie begrub ihren Schwiegersohn. Sie war nicht mehr »die Grabe-Dore«, sondern »die Totengräberin«.

Nun hatte sie all die Toten zu betreuen, und sie tat es mit Wucht und Schwere.

Ja, mit Schwere drückte sie den Spaten in das Erdreich, schwer stand der Fuß auf dem Blatt. Aber schwer war auch das Schicksal, das zu ihr gehörte. Auch die Zwillinge wurden zum Friedhof gebracht; ein großes Sterben in der Gegend raffte die Kleinen dahin, eine Seuche, die von irgendwoher kam und irgendwohin ging.

Als die Dore den sauber abgestrichenen Grabhügel mit ihrem Spaten glattklopfte, stand schweigend der Bürgermeister am Gitter. Sonderbar war sein Blick.

»Ich bin die Totengräberin, Herr«, sagte sie einfach und sah verlegen auf ihren Spaten. »Der hält nicht durch mit mir, schon zu sehr abgeschliffen, und ich muss schon vorsichtig mit ihm umgehen.« Dann wendete sie das Gesicht ab, klopfte weiter, liebevoll, nur ein wenig leiser noch als vorher.

Bekannte und Unbekannte begrub die Totengräberin ohne Furcht und Ermüden. Und wenn ihre großen Hände auch manchmal zitterten und der Rücken nur mühselig grad aufzubringen war – sie grub und begrub, wo andere versagten.

Eine tiefe, stille Zufriedenheit kam über sie. Sie verwuchs ganz mit dem Friedhof: so wie die Bäume und die Kreuze, so war auch sie ein Teil des schweigsamen Gartens.

Wie sie gelebt, so starb sie hin – mitten in ihrem Tageswerk. Umgesunken an ihrem Spaten fand man sie.

Wenige Tage vorher hatte sie ihr eigenes Grab gegraben: Sie hatte gutes Maß genommen, zwei ihrer großen Schritte in die Länge. Denn sie war ein stattlicher Mensch.

Ihren Spaten bekam sie mit in den Sarg.

Die Grabe-Dore, die Totengräberin.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 3. November 1921, S. 6–7. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Käthe Kollwitz, Arbeiterfrau im Profil nach links, 1903

Die Toteninsel

von Alice von Gaudy (1863–1929)

(Zu dem Gemälde Arnold Böcklins)

Ein Eiland steigt aus dunklem Ozean.
Unheimlich finstere Zypressen ragen,
Und nackte Felsen starren himmelan,
Und Wetterwolken wälzen sich heran.
Von wildem Sturmesfittig fortgetragen.

Da nahet einsam auf der Flut ein Boot:
Kein Ruderschlag, kein Segel lässt es gleiten.
Der Kiel gehorcht des Lenkers Machtgebot,
Sein roter Mantel wallt, sein Auge loht,
Er hebt die Arme, weit sie auszubreiten.

Das ist sein Gruß dem stillen Inselland:
Kein Wort entringt sich seinem strengen Munde.
Den Totenschrein auf seines Bootes Rand
Geleitet er zum unbewohnten Strand,
Und senkt zur Gruft ihn, tief im Felsengrunde.

Dort mag der Freund, der nun ein fühllos Nichts,
Zu unentweihtem Sphärenstaub verwehen,
Um einst, am großen Tag des Weltgerichts,
Von stiller Toteninsel zu des Lichts
Erträumtem Paradiese einzugehen ……

Dumpf braus das Meer und bricht sich am Gestein,
Es beugt der Sturm die düsteren Zypressen:
Um Felsengräber flammt des Blitzes Schein,
Er leuchtet – wie ein kurzes Menschensein –
Und stirbt dann hin in ewiges Vergessen.


Textnachweis
Aus: Alice Freiin von Gaudy, Mein Sonnenschein. Dichtungen, Stuttgart 1888, S. 15. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Mein Ritter

Eine Allerheiligenerinnerung von Adelheid Popp (1869–1939)

Der Schmelzer Friedhof, auf dem einst der Obelisk der Märzgefallenen stand, wird in einen Park umgewandelt. Der idyllische Totenhain aus den Tagen Alt-Wiens verschwindet, an den Stellen, wo die Gräber und Grüfte im grünen Schmucke prangten, werden Kinder ihre Reifen treiben, ihre Bälle springen lassen – wenn der Parkwächter es erlauben wird. Vor meinen Augen tauchen Bilder aus längstvergangenen Tagen auf. Der Schmelzer Friedhof nahm in meiner Jugend eine besondere Stelle ein. Er war der Vertraute und Freund aller meiner Erlebnisse. Von meinem Schmerz und meinem Glück, von meinen Freuden und Qualen, wie sie jedem, auch dem bescheidensten Leben beschieden sind, war der Friedhof am Rande der Schmelz Zeuge. Wenn der Frühling kam, begann ich alle meine freien Sonntage dort zuzubringen. Ganz oben, wo die Mauer den Friedhof vom Exerzierfeld trennt, stand neben verlassenen Gräbern, die von niemandem mehr besucht wurden, eine Trauerweide. Unter ihrem Schutz eine primitive, gerade für eine Person bestimmte Holzbank. Dort las ich meine Dichter: Lenau, Chamisso, Schiller, dann alle die Romane, die mir in die Hände kamen. Wenn der Flieder blühte, dann war der ganze Friedhof von seinen Düften erfüllt, denn zahllose Fliedersträuche befanden sich dort. Manchen Zweig nahm ich mit nach Hause, obwohl es im Volksmund heißt, man dürfe vom Friedhof keine Blume nach Hause tragen, sie bringe den Tod. Nur der Wächter durfte nichts von dem Raube sehen. Da versteckte ich denn die Zweige in meinem Sonnenschirm, nur um in unser Stübchen etwas von dem herrlichen Dufte mitnehmen zu können. Wenn ich arbeitslos war, selbst im Winter, wenn Schnee die Gräber deckte, ging ich oft in den Friedhof und hielt dort meinen Mittagstisch. Auf irgendeinem verschneiten Grabhügel sitzend, aß ich das mitgebrachte Brot.

Aber nicht davon wollte ich erzählen; nein, ich wollte nur zeigen, wie viele Fäden mich mit dem Orte verknüpfen, der bestimmt ist, den Kindern der künftigen Stadt auf der Schmelz Erholung zu bieten. Von meiner Liebe, die ich auf dem Schmelzer Friedhof hatte, will ich ja erzählen. Denn ich hatte dort eine »Liebe«.

Nie unterließ ich es, das geliebte Grab zu besuchen, und an den Tagen, an welchen die gläubige Christenheit Lichter brennt für die armen Seelen im Fegefeuer, ging auch ich zu »meinem Grab« und brannte meine Wachskerzchen. Wie andere ging ich zuerst zu dem im Mittelpunkt des Friedhofes hochaufgerichteten Heiland am Kreuze. Mit anderen betete ich dort, am Betschemel kniend, und blickte voll tiefen heiligen Mitleids auf die von Nägeln durchbohrten Hände und Füße des gekreuzigten Jesus. Wenn ich mit meiner Andacht fertig war, besuchte ich, so wie andere auch, die berühmten Gräber und Grüfte, den Blumen- und Laternenschmuck bewundernd. Dann aber schlug ich meine eigenen Wege ein. Auf der rechten Seite des Schmelzer Friedhofes befand sich das Grab, das meine Liebe barg. Kein Name war dort zu lesen, ich wusste nicht, wer unter diesem Hügel ruhte. Aber eine Gestalt befand sich dort, eine Gestalt aus leblosem Stein, die mich immer wieder anzog. Ein Jüngling in der Rüstung eines Ritters. Das Visier war geöffnet und ließ ein schönes, liebliches Antlitz sehen. Auf dem zu seinen Füßen lehnenden Schild waren nur Geburts- und Sterbejahr zu lesen. Vierundzwanzig Jahre alt war der gewesen, dessen Leib hier begraben war. Meine Phantasie wob Märchen um die anziehende Jünglingsgestalt in mittelalterlicher Rüstung. Ich konnte ihn mir lebend vorstellen und schmückte ihn mit den herrlichsten Eigenschaften. Am Allerheiligentag kaufte ich mir Wachskerzchen, die ich an seinem Grabe anzündete. Es war ein verlassenes Grab. Nie habe ich jemanden dort gesehen, der ein Recht darauf gehabt hätte. Nur Neugierige blieben stehen und sahen die Statue an. Kein Baum, kein Blumenschmuck zierte je diese mich so fesselnde Ruhestätte. Ich betete für seine »arme Seele« und brannte Kerzen für einen, dessen Namen ich nicht wusste, den ich lebend nicht gekannt und der wohl einer ganz anderen Welt angehört hatte, als die war, in der ich lebte. Mädchenphantasien! Ich schämte mich ihrer nicht. Waren doch diese phantastischen Mädchenträume das einzig Schöne meiner Jugend. Schließlich habe ich ja den Weg in die Wirklichkeit nicht verloren. Vom Beten für die im Fegefeuer Schmachtenden habe ich gelernt, mit vielen Tausenden anderen für die Erweckung der Lebenden zu kämpfen. Würden doch alle, die am Allerheiligen- und Allerseelentag noch Erlösungskerzen brennen, bald selbst erleuchtet werden, um zu lernen, für ihre eigene Erlösung zu kämpfen!

Mein Ritter vom Schmelzer Friedhof war seit vielen Jahren aus meiner Erinnerung ausgelöscht. Die Umwandlung des Friedhofs, an die in letzter Zeit erinnert wurde, hat mir auch seine Gestalt wieder lebendig gemacht. Statt Wachskerzen weihe ich ihm heute dieses Erinnerungsblatt.


Kommentar
Die österreichische Frauenrechtlerin und Sozialdemokratin Adelheid Popp (1869–1939) wurde 1919 als eine der ersten sieben weiblichen Abgeordneten in den österreichischen Nationalrat gewählt. Neben ihrer politischen Tätigkeit trat Popp immer wieder als Autorin hervor. Neben zahlreichen im engeren Sinn politischen Schriften verfasste sie mehrere autobiographische Texte, von denen Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, von ihr selbst erzählt (München 1909) der bekannteste ist. (Unter dem leicht vereinfachten Titel „Jugend einer Arbeiterin“ ist das Buch auch in einer aktuellen Neuausgabe erhältlich.)
Auch in Mein Ritter schildert Popp eine Erinnerung aus ihrer Jugend. Ort der Handlung ist der ehemalige Schmelzer Friedhof im Westen Wiens, der 1874 aufgelassen und schließlich nach dem Ersten Weltkrieg in einen Park umgewandelt wurde. Mein Ritter erschien zwar ursprünglich an einem 1. November und verweist im Untertitel auf Allerheiligen, passt aber auch zum 1. Mai. Zum einen, weil er prominent die Fliederblüte erwähnt, für die die alten Wiener Friedhöfe damals bekannt waren, zum anderen, weil Popp natürlich auch hier den Kampf für die Rechte der Arbeiter*innen als Rahmen um die eigentliche Erzählung legt. Explizit am Ende, implizit aber auch schon am Anfang des Textes: Das gleich im ersten Satz erwähnte Denkmal der Märzgefallenen, das an die Opfer der Revolution von 1848 erinnerte, war ein wichtiger Gedenkort der Wiener Arbeiter*innenschaft. 1888 wurde es auf den Wiener Zentralfriedhof übertragen, wo es sich als eines der letzten Überbleibsel des Schmelzer Friedhofs bis heute befindet.

Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 1. November 1912, S. 8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Mary Cassatt, Flieder in einem Fenster, um 1880

Friedhof

von Marie Eugenie delle Grazie (1864–1931)

Im Friedhof schimmert der Flieder
Und kosige Maienluft
Trägt bis zu mir herüber
Den schwül betäubenden Duft;

Er legt sich um meine Sinne
So schwer wie ein Zauberbann,
Es ist, als hätten die Toten
Ein Leides mir angetan –

Die Toten, die ohne Liebe
Gestiegen in ihre Gruft –
Und deren Sehnsucht nun einsam
Verblutet im Fliederduft …


Textnachweis
Aus: Österreichische Kunst-Chronik, Bd. XV, Nr. 10, 1. Mai 1891, S. 289. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Zwei Gläser

von Marie Eugenie delle Grazie (1864–1931)

Ein wolkenverhangener Sonntag ……

Müd und versonnen komm’ ich von einem Friedhof heim – greife, müd und versonnen, eines der hochstängeligen Gläser aus dem Spind, die Blumen darin zu kühlen, die ich mir von dort draußen heimgebracht. Greife hinein und – fühle plötzlich meine Hand herabsinken: von einem Schauer durchfröstelt, der zum ersten Male mehr ist als ein flüchtiges Erinnern, mehr als die gleichgültige Gelassenheit, mit der ich bis heute immer eines dieser beiden Gläser herausgeholt, darin die Blumen eines Grabes zu kühlen. So unsagbar mehr, dass dieses Glas mit meiner Hand zu beben beginnt und leis’ an das andere schlagend, einen Klang voll unirdischer Zartheit weckt. Der Klang aber das Besinnen auf Stunden und Tage, deren wirklicher Inhalt mir erst heute aufleuchtet, wie damals der goldperlende Asti in diesen Gläsern. Nach vierzig Jahren erst heute! So undankbar kann die Jugend sein. Nun aber –

Und wie schwindelnd greif’ ich um mich. Muss das Glas niederstellen und mich selbst setzen, dem Flug der Bilder standzuhalten, die wie aus tiefstem Dämmer plötzlich an mir vorübergleiten …… Der unsagbaren Erschütterung, die wie ein Sturm über mich hingeht. Diesem späten Ergreifen alles dessen, was mir mit einem Male die Seele zu füllen beginnt, bis an des Glases Rand.

Und dann ist es wie in einem Traum:

Ein hohes, helles Zimmer gegen Osten. Tritt man ans Fenster, blaut die Donau herein und über die Bogen einer Brücke winkt das Grün des Praters herüber. Oder der Schnee liegt zwischen den starren Gipfeln und dann hat die stille Stube noch einen Reiz mehr, bleiben Blick und Aufmerksamkeit nur ganz ihr zugewandt, so schmucklos sie auch ist.

Aber der Harzer Roller am Fenster scheint dann noch heller zu singen. Die unzähligen Bücher an den Wänden verleiten zu einem neugierigen Griff … Das alte Spinett in der Ecke scheint einen wunderlichen Klang von sich zu geben. Als säße die Einsamkeit selbst dort und griffe von Zeit zu Zeit einen verträumten Akkord. Tritt man aber näher, ist es die »Mondscheinsonate«, die dort aufgeschlagen liegt. Und dann ist es immer dasselbe nachsichtig spöttelnde Lächeln, das zwei junge Mädchenlippen umspielt. Derselbe wie verschämt sich verhüllende Blick in zwei sonst so klare Greisenaugen:

»Wenn ich – wenn ich Zeit habe, spiel’ ich noch zuweilen.«

Und dann tritt die alte Pauline ein und macht ihren Gebieter ganz verstummen. Denn er ist »wie Simson in ihre Gewalt gekommen«, wie er oft humorvoll sagt, wenn er auch nicht weiß, »wie« und »warum«. Oder vielleicht eben bloß deshalb, weil er noch immer einen solch keuschen Respekt hat vor allem Weiblichen. Ob es nun eine Madonnenstirn hat oder nicht. Gerade nur so viel Mut ist ihm geblieben, uns selbst die beiden hochstengeligen Gläser vorzusetzen und dazu die kleinen Biskotten, die eine verdächtige Ähnlichkeit mit jenen haben, die der Krämer unten, auf Papier geklebt, feilhält. Was der alte Herr ganz gewiss so wenig weiß wie manches andere, was seine Pauline tut oder – nicht tut. Trotz seiner Befehle.

Nun aber ist sie wieder draußen und mit leicht bebender Hand – einer fast frauenhaft zarten Hand – hebt der greise Gelehrte die Flasche, den perlenden Asti in die Gläser seiner Freunde gleiten zu lassen. Dabei immer dieselben rührenden Worte:

»Es ist kein Champagner – nur Schaumwein. Und auch er ein Geschenk. Aber ich wollte ihn nur mit Ihnen trinken. So hab’ ich ihn – hab’ ich ihn aufgespart.«

Wie seltsam, dass ich erst heute das leise Vibrieren der Stimme höre, die diese Worte sprach. Das traumhaft-sehnsüchtige Aufleuchten der schönen Greisenaugen bemerke … die leis’ zuckende Wehmut um die Lippen, die mich, während unsere Gläser zu dritt aneinanderklingen, in der Sprache eines verschämten Troubadours feiern. Ja, wie seltsam, dass ich das alles nicht verstand, mehr als einmal belächelt, es so selbstverständlich hingenommen als – vergessen habe – damals.

Er aber:

Unsere Kämpfe, unsere Pläne, unsere Zukunft machte er zu der seinen. Sie waren die letzte Arbeit seines Lebens. Und schieden wir – wie zart nahm er meine Hand; mit welcher Andacht hielt er sie in der seinen!

»Werden Sie auch wiederkommen. Man wird so leicht vergessen, wenn man alt ist.«

Alt, o – wie ich das verstand, in dieser Stube! Nichts anderes aus seinen Worten hörte wie nur dieses – »alt«. Und, kaum vor der Türe, mich immer mit demselben Aufatmen der eigenen Jugend besann. So sehr ich dem alten Mann auch sonst zugetan war. Als wäre etwas von dem spinnwehgrauen Zauber der Einsamkeit da drinnen an mir hängen geblieben und bekäme heimlich Gewalt über mich. O, fort, nur fort … Er aber – –

Noch hatte unser Fuß nicht die letzte Treppe berührt, und schon geisterten uns die Töne seines Spinetts nach. Die – »Mondscheinsonate«. Bis zu uns hinunterwebend. Diese gleichsam alles in dieselbe einspinnenden Triolen. Als strecke sich eine unsichtbare Hand nach uns, etwas festzuhalten an uns oder in uns. Und dann lief ich fast zu dem alten Tor hinaus:

»Licht, Luft, Jugend!«

»Er ist ja ein ganz außerordentlicher Mensch«, pflegte ich dann wohl zu sagen. »Aber zwischen ihm und mir liegt es wie ein ganzes Jahrhundert.«

Meist schwieg mein Freund. Ihm ging wohl etwas näher an dem alten Mann. Viel näher, als er damals sagen wollte und konnte, wie ich auch erst mit einem Mal begreife und in einem fast visionären Schauen. Als wir aber eines Tages wieder einmal um die Ecke des Hauses waren, meinte er halb nachdenklich, halb humorvoll:

»Nur eines möchte ich wissen: ob der alte Herr schon immer diese Gläser gehabt hat oder –«

Das Geklingel der Pferdebahn, die gleich um die Ecke hielt und die wir besteigen mussten, ließ mir diese Worte verhallen. Aber ich glaube, dass ich sie auch sonst nicht weiter beachtet hätte. Und dann – wer Wein anbot, musste wohl auch die nötigen Gläser dazu stellen. Was war dabei? So wenig gab meiner Jugend zu denken, was einem alten Herzen hinter ihr ein schmerzhaftes Erleben war.

Oft aber kam er auch zu uns, und es war seltsam, welche Tage er sich meist wählte oder besser gesagt, welches Wetter. Einen Schneesturm oder ein Gewitter, triefende Nebel oder brütende Sommerhitze. Vorsicht und Überlegung scheinen diesen Besuchen nie vorangegangen zu sein. Saß er aber dann zwischen uns, taten sich die großen Blauaugen immer mit einem Blick auf, als öffneten sich plötzlich zwei wunderbare Blumen, die weiß Gott in welchem Wald bisher Zeit und Leben verträumt. Und mit diesem Blick sah er mich an – keuschester Innigkeit voll, zärtlicher Sorge beflissen. Ich aber … Ach, man kann ein Dichter sein, und doch an dem Tiefsten und Rührendsten vorübergehen, das einem das Leben in den Weg stellt, ohne es auch nur zu bemerken. Solange man überreich ist durch die Jugend. Befremdet hat mich dieser Blick mehr als einmal – das weiß ich noch heute. Wenn ich auch heute erst weiß, woher ihm dieser unirdische Glanz kam: aus einem Herzen, das ganz mein eigen war, ob ich es auch so wenig wusste als – er selbst. – Dann schied mich eine lange Reise von ihm und dann –

Ein Büschelchen süß duftender Veilchen sandte er mir durch unseren gemeinsamen Freund, als ich wieder daheim war. Als Zeichen seines Gedenkens. Aber diese Veilchen hatten schon an seinem – Krankenlager geblüht und mit ihrer Sendung verband er die Bitte, ihn »nicht zu besuchen, um ihn in einem besseren Andenken zu haben«, wenn er sterben müsse. Wenige Tage später war er tot.

Ich weiß nicht mehr, was mich hinderte, zu seiner Leiche zu gehen. Und so weiß ich noch heute nicht, wo ich sein Grab zu suchen hätte, auf dem trostlos weiten Leichenfelde dieser Stadt.

Wieder einige Tage später aber kam die alte Pauline und stellte plötzlich die beiden Champagnerkelche auf unseren Tisch.

»Ich musst’ es dem Herrn versprechen, ihnen die selbst zu bringen. Zur – zur Erinnerung.« Und dann, unter einem Strom von Tränen:

»Am Abend vor seinem Tod hat er mir das aufgetragen.«

Geweint habe ich auch damals, herzlich und doch besonnen, wie man um einen lieben alten Freund eben weint, dessen Ende an sich durchaus nichts Überraschendes ist. Und dann hab’ ich die beiden hochstängeligen Gläser in den Schrank gestellt und sie dort vergessen, bis –

Ein wolkenverhangener Sonntag war es und ich kam von einem Friedhof heim. Von einem Grabe, darauf die ersten Blumen blühten. Damals hob ich eines der Gläser zum ersten Male wieder aus dem Spind, die tiefdunklen Violen darin zu kühlen, die ich von einem Grabe heimgetragen. Dem Grabe dessen, der aus einem dieser Kelche getrunken – damals, als wir beide noch jung waren.

Aber ich dachte nichts dabei. Bis heute. Nichts. Bis dieser jähe Schauer mir plötzlich die Hand herabgleiten ließ, die wieder nach jenem Glase griff, die Blumen eines Grabes darin zu kühlen. Und mein Gedenken von diesem Grab plötzlich nach einem irrte, das ich nie gesehen, um gleich jäh zu erkennen, woran ich vierzig Jahre lang nicht gedacht, was mir erst heute ganz rührende Gewissheit wurde; über die Nachdenksamkeit der eigenen Jahre hinweg und dieses Glas, das eine bebende Hand einst mit goldperlendem Asti bis an den Rand gefüllt für einen, der auch nicht mehr ist –

Wann kommt es an das zweite Glas? Das Glas, aus dem ich getrunken? Und welches wird sein Schicksal sein? Die Blumen meines Grabes zu kühlen oder wieder mit perlendem Asti gefüllt zu werden, bis an den Rand? Und für – wen?

Mög’ es eine Hand sein, so keusch und entsagungsvoller Güte reich wie jene, die zuerst diese Gläser gefüllt.


Textnachweis
Aus: Reichspost, 13. August 1924, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Stilleben mit Wecker, um 1912

Die Mutter

Von Eleonore Kalkowska (1883–1937)

Eine schweigt, seitdem sie die Nachricht empfing …
Zeit und Raum konnt’ die Stunde nicht halten,
Irgendwo, wie ein Blitz, im Leeren sie hing
Und hat der Tage bleiernen Ring
Gespalten;
Zerstört von den Flammen,
Kommt gestern und morgen nimmer zusammen.

Und sie schweigt. Denn sie kann von den Dingen nicht reden,
Wie früher. Und zeitlos die Zeit verrinnt.
Das Gestern ist ein Haus mit geschlossenen Läden,
Das Morgen – die Leere. Und doch, leise, spinnt
Sie das Graugarn des Grams. Und es sind neue Fäden
Zu ihrem Kind.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XVIII. Jg., Juli 1916, Nr. 7, S. 168 (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Die Kartenlegerin

Skizze von Else Krafft (1877–1947)

»Frau Meta Bümke« stand auf der weißen Karte vor der Korridortür. Weiter nichts. Aber man fand den Weg doch zu ihr und ihrer Weisheit. Wer kannte in Berlin Meta Bümke nicht? Seit 30 Jahren wohnte sie in derselben Straße, in demselben Haus und legte Karten.

In der Stube wohnte Fräulein Schwalbe. Sie zwitscherte auch so, wenn sie abends aus dem Geschäft kam. Und seit das Fräulein Schwalbe den neuen Kavalier hatte, zahlte sie auch besser und hatte sehr schätzenswerte gute Bissen für ihre Wirtin über.

Am heutigen Sonnabend war sie ganz besonders früh von der Arbeit heimgekehrt. Plauderte, lachte, putzte sich und kräuselte die Haare am offenen Herdfeuer in der Küche.

»Er muss mir neue Schuhe schenken …, Jymmis … und Seife und grüne Florstrümpfe zu meiner neuen Kluft … Ja … und wenn ich erst raus hab’, wo er wohnt und seine feine Stellung hat, dann … herrje … Sie könnten mir ja rasch mal Ihre geliebten Karten schlagen, Frau Sibylle, ob er mich liebt oder ob er gar ein Graf ist oder ein Minister … vor achte kann er nicht hier sein, … haben noch über ’ne Stunde Zeit zum Orakeln.«

Aber die Alte schüttelte den Kopf. Blickte mürrisch in das kecke, junge Gesicht und streichelte Putzepatze, der auf ihrer Schulter herumturnte.

»Nö … wo Sie allemal lachen, selbst bei Unglück übern Weg und die Sterbekarte …, nö, Fräulein, meine Karten sind für ernsthafte Leute …«

»Als wie mein Graf … was? Au ja … dem müssen Sie legen, der glaubt dran … sicher …«

Und lachend wirbelte sie aus der Küche, weil es an der Korridortür geklopft hatte und man noch halb angezogen war.

Frau Bümke schlurfte in den schmalen Gang, öffnete und ließ eine junge Frau mit einem Kinde an der Hand eintreten.

»Guten Abend«, sagte die sehr scheu, hastig und leise. »Ich möchte, wollte … Sie … Sie legen doch Karten … nicht?«

Der graue Kopf nickte, der Kater verschwand mit einem Sprung hinter dem Kohlenkasten und starrte von dort in das blasse, fröstelnde Kindergesicht.

»Nicht weinen … Trudchen … er tut dir nichts«, ermahnte die junge Frau, und doch war es beinahe so, als fürchtete sie sich selber …

Aber da lagen die Karten schon auf dem Tisch.

»Dreimal abheben … drüben sechs … hier fünfe … und nun rundum noch sieben«, gebot Frau Bümke, indem ihr tiefliegender Blick das verhärmte Gesicht unter dem Blondhaar streifte. Sie hob die ersten Karten um, wechselte sie aus und schüttelte den Kopf.

»Viel Tränen übern Weg, viel Steine auf der Straße und ein großer Schreck für den hellen Tag. Aber die Nacht, … aus der Nacht kommt ein Stern, eine junge Frau, kommt ein Glück.«

Sie stockte vor dem schluchzenden Laut über sich.

»Wenn das wäre … ach, wenn das noch einmal sein könnte, … mein Mann, sehen Sie, mein Mann war doch nie schlecht, nein … und … und er muss doch an die Kinder denken, nicht wahr, und ich hab’ noch nie, nein, noch nie mir aus den Karten legen lassen: Aber da doch morgen unser zehnter Hochzeitstag ist, hielt ich es nicht mehr aus vor Angst, und … und …«

Sie schwieg erschrocken und griff nach der Kinderhand neben sich … »aber was erzähle ich da … sagen Sie doch noch mehr aus den Karten … ob … ob er mir treu ist, … ob er wieder, … wieder anders wird … können Sie mir das nicht sagen?«

Die Alte nickte, schlug die Karten um und lächelte beruhigend.

»I gewiss doch … da liegt er ja, der Herzkönig, direktemang neben Ihnen … Die schwarze Dame hat keine Gefahr mehr, nö … den großen Schreck deckt die Glücksneune … sehn Se … und über die Tränen kommt das rote Ass, die brennende Liebe. Und nu noch mal mischen … viere links … dreie rüber und zweie über Kreuz …«

Aber die junge Frau war schon befriedigt. Ihre Finger zuckten beim Mischen, waren nervös, hart, zeigten tiefe Arbeitsrunen …

»Es … es genügt wohl schon … danke, ich habe … habe auch nicht so viel Geld, wenn Sie noch mehr sagen. Auch sind die beiden Großen noch im Dunkeln auf der Straße, man hat nie Zeit! Wäre zwanzig Mark nicht zu wenig … es ist nicht viel heute, ich weiß …«

Sie stotterte furchtbar, war rosenrot und hielt das vergriffene Geldtäschchen verlegen und offen in den Händen. Aus den wenigen Scheinen war ein Bild herausgeglitten, nach dem die Kartenlegerin behütend griff.

Beinahe wäre es wieder hingefallen, so ungeschickt war heute die alte Frau Meta Bümke.

Die junge Frau griff hastig zu.

»Mein Mann«, sagte sie erklärend, ein kleines schmerzhaftes Zucken in der Stimme.

Die braunen, gefurchten Hände der Kartenlegerin nahmen den Zwanzigmarkschein, knifften ihn ein paarmal unschlüssig zusammen und steckten ihn dann in die blaue Küchenschürze. Dann humpelte sie zum Spind, kramte ein Weilchen und brachte einen verschrumpften Apfel zum Vorschein, der aber noch rot und rund wie ein Ball war. Sie drückte ihn in das dürre Kinderhändchen, der Kater sprang auf ihre Schulter und buckelte, und die junge Frau sagte sehr eilig und aufgeregt »Guten Abend«, nachdem die Kleine ihr Dankknickslein gemacht.

Frau Meta Bümke aber ließ ihre Karten ausgebreitet auf dem Tisch liegen, setzte sich auf den Stuhl davor und drückte das Kinn in Putzepatzes Fell.

Da hielt der kleine Kamerad still. Denn nun dachte Frauchen nach, und das kam nicht oft vor. Nur bei ganz besonders wichtigen Angelegenheiten.

Eine Stunde später, als Fräulein Schwalbe mit ihrem Besuch schon sehr üppig zu Abend in der warmen Stube gegessen hatte, hob sich der graue Kopf von den Karten in der Küche. Denn man kam sehr lustig und verliebt hereingewirbelt und schob den ›Grafen‹ vor die Alte.

»Er glaubt … Frau Bümke … er glaubt alle …, also legen Sie mal los! Und morgen wollen wir nach Potsdam fahren, seh’n Sie mal zu, ob gut Wetter wird und wo’s den besten Hasenbraten gibt …«

Die Alte mischte ihre Karten und blickte dabei mit zusammengekniffenen Äuglein in das hübsche Männergesicht. Ihm schien es nicht recht behaglich zu sein, obwohl er lachte und die Karten nach Wunsch zusammenlegte.

»Mach … mach doch keinen Unsinn, Lotte, sei doch endlich mal ernst! … Vorm Kriege hab’ ich mir auch mal Karten legen lassen … da ist alles eingetroffen …«

Aber das Mädel lachte doch. Lachte so lange, bis dieses Lachen mitten durchbrach und der Kater furchtsam den Schwanz einzog. Denn so … nein, so hatte Frauchen lange nicht bei den sonst so harmlosen Karten gesessen. Ganz eingefallen war der Mund und flüsterte nur heiser und unheimlich.

… Eine junge Frau sei da auf dem Weg und drei blasse Kinder, die sich nicht satt essen durften. Blond wäre die Frau, und ihr zehnter Hochzeitstag jährte sich morgen. Und von Ausflug und Feiern stände nichts in den Karten, nur von Not ums Brot und Tränen über den dunklen Weg eines gewissen Mannes. Und das große Glück wäre weit auf diesem dunklen Wege, und die Schwalbe, die darüber fliegt, sei ein leichtsinniger Vogel, dessen Tralala wie Spreu verfliegt, gerade gut für Luftikusse und Windhunde …

Nein … das Mädel lachte nicht mehr. Und der Mann starrte … starrte auf die Karten, auf den zahnlosen Mund und den Herzkönig, dem das Glück so ferne lag, und fühlte die Röte der Scham auf Stirn und auf Wangen.

Die Alte aber sprach weiter, grausam lange und ausführlich, eine Karte nach der andern deckte sie auf, hart und unerbittlich … Eine Hexe war sie … und die Luft in der engen, fremden, heißen Küche war zum Ersticken. Das junge Gesicht aber, das einem noch vor kurzem so begehrlich schien, wurde jäh zur Fratze …

War wirklich morgen sein zehnter Hochzeitstag? Er musste erst nachdenken …

Ein blonder Kopf tauchte auf, Myrtengrün und Weiß … Blütenweiß …

Wie taumelnd schritt er vorwärts, es hielt ihn niemand zurück. Mantel und Hut lagen noch über dem Sessel neben dem Tisch, auf dem die halb geleerte Kognakflasche stand, die Überreste der Herrlichkeiten, die er selber eingekauft, während die Kinder zu Haus …

Er stürzte aus der Tür, die Treppe hinunter, und es war nur gut, dass gerade jemand von außen aufschloss, so dass er gleich auf die Straße konnte.

Die Karten … die Karten jagten hinter ihm her … heim, zurück zu Frau und Kindern, niemals mehr konnte er diesen Abend vergessen …

Frau Bümke aber legte ihr buntes Spiel befriedigt zusammen, schob die jammernde Schwalbe aus der Küche und streichelte zärtlich den schnurrenden Kater.

»Komm, Putzepatze, wir wollen schlafen gehn. Er hat zwar nichts bezahlt, aber … ich denke … wir sind doch dabei auf unsere Kosten gekommen …«

»Mi … au …«, nickte Putzepatze.


Textnachweis
Aus: Freie Stimmen, 11. November 1923, Sonntagsbeilage, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Rozanova, Vier Asse, 1915

Ich träume so leise von dir

von Else Lasker-Schüler (1869–1945)

Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,
Die sind wie deine Seele.

O, ich muss an dich denken
Und überall blühen so traurige Augen.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,
Ich weiß nicht, wo ich hin soll.

Und ich habe dir doch von großen Sternen erzählt,
Aber du hast zur Erde gesehn.

Ich träume so leise von dir,
Weiß hängt die Seide schon über meinen Augen.

Warum hast du nicht um mich
Die Erde gelassen – sage?


Textnachweis
Aus: Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste, Jg. 1910, Nr. 9, S. 69. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Aus dem Dunkel

von Victoria Benedictsson (1850–1888)

Dämmerung herrschte im Zimmer. Aus den Hauptstraßen der Stadt schallte des Lebens Lärmen herauf und legte sich gleichsam wie ein Akkompagnement unter das todestiefe Schweigen da drinnen. Ein Kohlenfeuer leuchtete durch das Gitter des hohen eisernen Ofens hervor, ohne jedoch irgendwie Licht zu verbreiten. Es warf nur einen starken Schein über den unteren Teil eines blonden Männergesichtes, das nun im Vergleiche zur Dunkelheit ringsumher wie von innen heraus erleuchtet erschien, gerade als ob es aus glühendem, durchscheinendem Metall geformt wäre.

Der Mann saß nach vorne gebeugt, die Hände zwischen den Knien gefaltet, auf seinem Stuhl und starrte ins Feuer. Die Umrisslinien seiner Gestalt verschwanden fast im Dunkel.

In der von dichten Vorhängen geschützten Ecke an der Seite des Ofens war das Dunkel tiefer als anderswo: nichts schimmerte daraus hervor. Alles war in dem klaffenden Rachen des Schlagschattens verschwunden. Aber aus diesem tauchte etwas auf, das, als eine Spur von Licht darüber hinfiel, wie eine Chaiselongue aussah, und eines sehr sensitiven Menschen Nerven würden aus dem hohläugigen Dunkel über dem Kopfende einen scharfen Blick herausgefühlt haben und zugleich ein lauschendes, unnatürlich angestrengtes Hören.

»Es ist eine kranke Stelle in meinem Hirn«, sagte eine Stimme aus dem Dunkel, langsam, mit gramvoller Eintönigkeit und einem tiefen Altklang. »Sie bildete sich schon, als ich noch ein Kind war, und sie ist stetig gewachsen. Alles, was mich je bedrückte und quälte, hat seine Spitze gegen diese Stelle gerichtet; nun ist die Knochenhülle weich geworden und der Widerstand gebrochen.«

Der Mann rührte sich nicht, aber seine tiefliegenden klugen Augen blickten voll Mitleid ins Dunkel dahin, von wo die Stimme kam.

»Es ist, als ob ich hundert Jahre gelebt hätte«, fuhr diese fort, »und nun bin ich zur leeren Schale um das, was einst lebte, geworden; hohl wie ein alter Weidenbaum. Mir ist, als habe ich Generationen kommen und gehen sehen; Menschen wurden geboren und verschwanden wieder; ich bin mit Verhältnissen verknüpft gewesen, die voll Saft waren wie junge Frühlingstriebe, aber sie sind alle zusammengesunken wie erfrorene Blumenranken in einer Spätherbstnacht. Frühling und Winter folgten einander, und die Menschen sehen mich an und sagen, dass ich nicht so alt bin wie die Älteste. Aber ich weiß, dass ich hundert Jahre gelebt habe. Und dennoch wurde ich nie, was ich werden wollte!«

Wieder füllte das Schweigen das Zimmer wie eine tote Masse; vergebens brach sich des Lebens Lärmen dagegen; es sank zurück und wurde wie zuvor zu einem gedämpften Akkompagnement.

»Mein Vater hasste die Frauen nicht«, ertönte es wieder mit einförmiger klangloser Stimme, »doch war es viel schlimmer noch: Er verachtete sie. Meine Mutter war mit einem Tenor davongegangen; sie hatte sich im Ausland der Bühne gewidmet. Ich wuchs bei meinem Vater auf und war, kurz bevor wir beide allein blieben, erst von der Amme entwöhnt worden.

Solange ich klein war, hatte ich in seinen Augen keinerlei Geschlecht; ich war nicht größer als ein Hündchen, aber ich war Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blute, d. h. sein Eigentum, und er brauchte etwas Warmes und Weiches, das sich an ihn schmiegen konnte. Er bedurfte eines lebenden Wesens Gegenwart, um die Einsamkeit zu verjagen.

Er fürchtete die Einsamkeit – mein Vater – denn, wenn er einsam war, befielen ihn schwarze Grillen; er dachte an einen dicht am Mund angesetzten Flintenlauf oder an einen um den Hals gelegten Strick – schwarze Grillen waren es, die seltsam verlocken und uns doch Angstschweiß erpressen. Nichts aber wärmt so traut wie ein kleiner Kinderkörper, nichts beruhigt so wie runde Ärmchen und nichts verleiht so traumlosen Schlummer wie eines Kindes Atemzug. Deshalb wurde Nina ihres Vaters Gefährtin; deshalb schlief er, den Arm um ihre kleine Person geschlungen, deshalb nahm er seine Mahlzeiten mit ihr ein, während sie am Tische präsidierte wie eine ganz ernsthafte Frau; deshalb durchritt er sein Besitztum und sie durfte vor ihm auf dem Sattel sitzen. Und deshalb vergötterte Nina ihren Papa. Sie war damals gar klein in ihrem kurzen Kinderröckchen, weder Knabe noch Mädchen, bloß ein rundliches Junges.

Aber Nina wuchs und bekam einen schmächtigen Hals und lange Arme; sie bekam einen Mund mit Zahnlücken; sie bekam ein paar fragende, verwunderte Augen. Und ihr Vater bemerkte, dass sie ein Mädchen war.«

Die Stimme hielt inne, und der Mann beugte sich weiter vor, um die Kohlen zu schüren, so dass der Glutschein von Neuem aufleuchtete.

»Ach, ich war so klein noch, als mir offenbar wurde, was er gegen mich hatte; ich war so klein, dass ich nicht begreife, wie es mir möglich gewesen, das zu verstehen!

Ich hatte keine Spielkameraden; meine Wärterin war alt und mürrisch; alles, was ich an Hingebung besaß, häufte ich auf meinen Vater. Kinder besitzen einen Instinkt, der sie in den Seelen Erwachsener lesen lässt und der fast nie falsch liest. Und Kinderleid ist ebenso wirklich wie das Leid der Großen – tief genug, um ein Gepräge für das ganze Leben zu verleihen.

Ich war wie mein Vater: frisch und behände wie er; schwermütig und weichherzig wie er; leicht aufflackernd in überreizter Munterkeit, um rasch darauf wieder in mutlose Verzweiflung zu versinken. Kein Wunder, dass er damals viel auf mich hielt.

Von meinem sechsten oder achten Jahre ab jedoch begannen wir unsere Komödie zusammen zu spielen, eine Kinderkomödie; ich begann zu sein, was er sich wünschte: ein Knabe. Ich ritt nun mit ihm auf meinem eigenen kleinen Pferd; ich nahm Knabenmanieren an und lernte pfeifen; ich übte meine Körperkräfte und fluchte ein wenig, um ihm zu gefallen.«

Die Sprecherin brach ab und schien in ihrem Gedächtnis zu suchen.

»Ich weiß nicht mehr sicher, wann ich das erste Mal jenen verächtlichen Ausdruck von Gram vermischt mit Widerwillen bemerkte, den meines Vaters Antlitz und Stimme so oft annehmen konnten, aber ich glaube, es ist ein ganz bestimmtes Mal gewesen, dass sich meinem Gedächtnis besonders eingeprägt hat: Wir waren auf einer Reittour und in scharfem Trabe geritten. Mein Vater erschien eifrig und warm; seine Augen waren ganz schwarz und seine Nüstern weit geöffnet. Wenn er so aussah, wusste ich, dass er nichts schonte.

Wir gelangten an einen breiten Graben oder Kanal, und mein Vater sprengte darüber; dann wandte er sein Pferd, um zu beobachten, wie ich das Gleiche tat. Mein Pferd aber war klein, und ich weiß nicht, ob es seine Schuld war oder die meine, kurz, es machte den Sprung nicht. Es blieb plötzlich am Rande des Grabens stehen. Da riss mein Vater sein Pferd herum – ich kann die Schwenkung noch heute sehen – und mit einem einzigen Sprung flog das Tier über den Kanal zurück, einem Sprung so kräftig und sicher wie der eines Windhundes. Rot stieg es mir im Nacken bis unter die Haarwurzeln empor, als mich mein Vater beim Arm ergriff, mir hart in die Augen blickte und sagte: ›Du hast Angst!‹ Dann sprach er kein Wort mehr, sondern ließ meinen Arm los, als ob er sich schämte, dass er sich an mir vergriffen hatte. Sein Blick streifte sodann mich und das Pferd. Ich war wie ein Knabe gekleidet und ritt im Herrensattel, aber über dem Sattelbaum lag mein dunkelblaues Röckchen. Da erkannte ich in seinen Augen das, was mich niederschmetterte, und was mich seitdem immer zur Erde niedergedrückt hat; oder nein, es drückte mich nicht nieder; es ließ mich in mich selbst zusammenfallen, wie ein Fetzen in sich zusammensinkt, kraft seiner eigenen Nichtigkeit.

Ich erhielt kein einziges Wort der Erklärung und sagte auch kein einziges. Er versetzte seinem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitsche und trabte von dannen, während ich noch immer anhielt. Ich fühlte mit meinem geheimsten Instinkt, dass er mich nicht deshalb verachtete, weil ich ängstlich war, sondern weil ich ein Recht hatte, ängstlich zu sein. Ich konnte ja nie etwas anderes werden als – eine von denen, für die Feigheit als Tugend gilt.«

Die Stimme schwieg, weil sie vor Leidenschaft zu beben begann – ihr Beben hatte den tiefen Klang der Saiten eines Violoncello.

»Das war nicht das Einzige; es war nur der erste Stoß nach jener kranken Stelle, die nun bald bei jeder Berührung zu schmerzen begann. Im Hof war ein Hüterjunge, ein flinker, hübscher Bursche, ungefähr in meinem Alter. Es war seit meiner frühesten Kindheit meines Vaters Freude gewesen, mich meine Kräfte mit denen jenes Knaben messen zu sehen. Dann war es mir eine Lust, die eigenen Kräfte bis aufs Äußerste anzuspannen, und ich tat mir nicht wenig darauf zugute, dass ich fast immer Siegerin blieb. Aber eines Tages wurde mir etwas offenbar. Ich ließ den Arm sinken und das Blut stieg mir ins Gesicht, als ob man mich geschlagen hätte. Mit wilder Erbitterung sah ich auf ihn: Du lügst, denn du bist stärker als ich! Und ich ging, von dem demütigenden Bewusstsein überwältigt, dass ich mich so lange betrügen lassen konnte, dass ich diese leichterkauften Siege hingenommen hatte wie eine Gnadengabe, die mein Gegner mir gewährte, weil ich nicht einmal so stark war, dass er sich’s zur Ehre anrechnen konnte, mich zu überwinden.

Mit diesen beiden Ereignissen hast du den Schlüssel zu meinem Leben.

Die Reitausflüge hörten allmählich auf und so auch alles andere. Wir konnten nicht länger spielen, dass ich ein Junge sei. Ich wurde still und schweigsam, und die Menschen blickten erstaunt auf das sorgenvolle Kind, das nie lächeln konnte. Aber das Arbeitszimmer meines Vaters blieb nach wie vor mein Lieblingsaufenthalt. Dort hatte ich mir einen versteckten Platz auf einer alten Truhe zwischen einem Schrank und der Wand ausgesucht.

Noch befielen meinen Vater seine schwarzen Grillen, sobald er allein war. Dagegen bildete ich eine Art Schutzwehr und ich störte ihn nie.

Mein Vater war ein guter Gesellschafter, geistreich und ein wenig boshaft. Oft kamen Freunde zu ihm und sie plauderten beim Toddyglas. Man vergaß dann zumeist sicherlich, dass ich zugegen war, und ich vernahm bisweilen Dinge, die ich nicht gehört haben sollte. Mein Vater war, wie fast alle Melancholiker, so stark mit sich beschäftigt, dass er nicht an mich dachte, und er ließ bei solchen Gesprächen seiner Weiberverachtung freien Lauf. Ich, die nie eine Mutter gekannt hate, und die kein menschliches Wesen weiter zum Liebhaben besaß wie diesen Pessimisten, den ich vergötterte, ich lernte aus den sorglichen Gesprächen, was andere Frauen während eines ganzen Lebens nicht lernen: Ich lernte die Gedanken der Männer verstehen und jede Nuance von Mitleid und Nichtachtung herausfühlen, die hinter lobenden oder bewundernden Worten verborgen werden kann. Ein Gefühl von Solidarität, von Gemeinsamkeit mit meinem ganzen Geschlecht erwachte allmählich und jeder offen gehässige oder versteckte Angriff verursachte mir heimliches Leid, als ob er gegen mich selbst gerichtet worden wäre.

Als ich dreizehn Jahre alt war, bekam ich eine Stiefmutter. Sie war eine Schönheit; nicht eine von den Stattlichen, Königlichen, sondern von den Anmutigen, Unwiderstehlichen. Sie war weich wie ein Kaninchen, und sie hatte Hände, so klein, dass sie Kinderhandschuhe gebrauchen musste. Fast immer lachte sie, wenn sie nicht zufällig weinte, und dann hatte sie Grübchen in den Wangen und zeigte kleine, weiße, perlmuttergleiche Zähne. Sie war ganz Anmut und Verliebtheit und hatte nicht einen einzigen Gedanken im Kopfe. Mein Vater war eitel auf ihre Schönheit; auf Klugheit hatte er nie gerechnet. Er wählte ihre Kleider aus, da sie selbst gar keinen Geschmack besaß, und er fuhr mit ihr zu Bällen. Als sie ihm den ersten Sohn gebar, wurde vor Freude mit den alten Festungskanonen geschossen; der Wein floss in Strömen durch durstige Kehlen; das ganze Gut war auf den Beinen und nahm an der Freude teil. Es wurde nun fast jedes Jahr zusammengerufen: immer der gleiche Schmaus, die gleiche Feststimmung. Als dann alles vorbei war, übernahm eine andere Hand den Kleinen, und die Mutter fuhr wieder zu Bällen.

Sie war weder gut noch böse, meine neue Mama; sie war reizend. Sie sah aus wie ein Kind und wusste, dass sie wie ein Kind aussehen sollte – je einfältiger, desto besser. Das stand ihr! Gegen mich war sie nie unfreundlich, aber sie ging mir aus dem Wege, und es hatte den Anschein, als sei ich älter als sie, da ich nie heiter und gesprächig war. Im Übrigen setzte ich die anderen infolge meines linkischen Wesens und meiner Dummheit in Verlegenheit; man gab mir eine Gouvernante und ich wurde so viel als möglich ferngehalten. Ich war nun noch einsamer als vorher, aber dadurch schärfte sich mein Blick. Ich war nicht eifersüchtig auf meine Stiefmutter; dafür kannte ich meinen Vater viel zu gut. Ich konnte jede Miene seines Antlitzes, jeden Tonfall seiner Stimme deuten. Es entging mir nicht, welch unsagbare Verachtung all seinen Huldigungen zugrunde lag. Eine kleine Unredlichkeit seitens seiner Hausfrau grämte ihn weiter nicht, denn er hatte nie erwartet, dass sie so viel Verstand besitzen würde, um nicht unvernünftig zu sein. Er konnte ihren Launen mit einem Lächeln und einem Handkuss nachgeben; oder er tat mit demselben Lächeln und demselben Handkuss etwas ihren Wünschen ganz Entgegengesetztes. Seine Nachsicht machte sie schließlich eingebildet; sie begann große Worte zu reden und sich über Dinge zu verbreiten, die sie nicht verstand; dann schwatzte sie Dummheiten. Mein Vater lachte bloß ein wenig und hieß sie still sein; einer hübschen Frau gegenüber nimmt man’s nicht so genau.

Aber es war, als ob all das zusammen auf mich zurückfiele, alles, alles! Alles, was sie gar nicht einmal fühlte, bohrte sich ein in mein krankhaftes Empfinden. Ich hatte gelernt, mit meines Vaters Augen zu sehen; ich sah nun vom Mannesstandpunkt aus, was es heißen will, ein Weib zu sein – etwas Widerwärtiges – ein Unglück schon von der Stunde der Geburt an! Ich kam mir selbst wie ein räudiger Hund vor. Da entstand in mir jene Demut, die meines Charakters Brandmal, nein, sein unheilbares Gebrechen ist.

O, diese Stelle in meinem Gehirn! Wie empfindlich, wie weich sie blieb, so dass auch die kleinste Spitze hineindringen konnte! Welch ein Auffassungsvermögen war mir eigen, wenn es galt, nur das eine zu verstehen, was doch für meine Schwestern unbegreiflich war wie die Sprache der Vögel.

Ich bin nie jung gewesen; ich bin kaum ein Kind gewesen!«

Einen Augenblick lang blieb es still. Der Mann saß vornübergebeugt und starrte gedankenvoll in die Glut:

»Ich kann eine solche Intensität des Gefühles bei einem Kinde nicht fassen«, sagte er langsam. »Ich meine, dass du doch ein wenig übertreibst, jetzt, nach allem!«

»Ja, aber das kommt daher, dass sich alles verschworen hat, diese Stelle krank zu machen. Ich möchte, dass du es ganz verstehst. Wenn du ein andermal im Leben einer Frau begegnest, die auch an solcher Demut wie ich leidet, solcher Demut, die du immer verneinen wolltest und die du so schwer begreifen konntest, so begreife dann, dass sie der Scham darüber entsprang, ein Weib zu sein. Für dich bin ich ja weder Mann noch Weib, sondern ein lebendes Wesen, und deshalb konntest du mein Freund werden. Wäre ich in deinen Augen ein Weib gewesen, so würdest auch du mich verachtet haben!«

Er zog seinen Stuhl aus dem Lichtstreifen fort und näher zur Chaiselongue hin, und aus dem Dunkel holte er eine krankhaft abgezehrte Hand hervor, auf die er langsam und wortlos seine Lippen drückte. Sie verstand, was er meinte, und dankte ihm mit einem leisen Liebkosen seiner Hand. Alsdann fuhr sie wieder fort zu erzählen mit ihrer traurigen gebrochenen Stimme:

»Ich kam hinaus in die Welt und sah genauso auf die Frauen, wie mein Vater es mich gelehrt hatte. Mein Blick besaß eine unnatürlich gesteigerte Schärfe. Kein Fehler oder Gebrechen entging mir. Weder das Feige, das Falsche noch das Kleinsinnige … Alle kleinlichen Eigenschaften fand ich bei den Frauen in so viel höherem Grade als bei den Männern. Ich war keineswegs blind für die Fehler der Männer, aber in diesen Fehlern selbst lag doch noch etwas von Charakter; es war nicht jenes ausgewässerte, blutleere Nichts wie bei den Frauen. Bei den Männern galt Tauglichkeit, Arbeitsvermögen, Unternehmungslust, Wahrheitsliebe, Rechtschaffenheit; für die Frauen bedeutete all das nichts im Vergleich zu dem Einzigen: nie gegen die gute Sitte zu verstoßen. Erschien ein Mann weniger rechtschaffen, wenn er die eine oder andere kleine erotische Sünde auf dem Gewissen hatte? Nein! Für ein Weib jedoch war das alles.

Und die Schuld liegt nicht bei den Männern, wie man zu sagen pflegt, sondern bei den Frauen selbst, in ihrer Feigheit und ihrem Mangel an Charakter. Für die Frauen ist die äußere Ehrbarkeit, der Schein alles. Ihre Tugend sitzt nicht im Charakter; sie sitzt obendrauf, wie die Stempelmarke auf einem Haustier. Daher diese Solidarität des ganzen Geschlechtes, die die Verantwortung für das Tun eines Einzigen allen zur Last legt. Wie habe ich das nicht erfahren, ich, die es fühlte, als ob die Schuld der anderen auf mir ruhe, als ob meine Demut ein Sühneopfer für all der anderen beschränkte blinde Einbildung, Herrschsucht oder Selbstsucht sei. Mein Hirn hatte seine kranke Stelle, und alles, was das Leben mir als Nahrung gab, strömte nach diesem einzigen Punkt!

Mein Vater wollte nicht, dass ich eine alte Jungfer werde, und so verheiratete er mich. Ich wusste, dass das einzige Mittel für eine Frau, zu einem höheren Gesellschaftsrang zu gelangen, war, sich mit einem Manne zu verheiraten, der im Range stieg. Ich verheiratete mich und stieg – stieg, als ich einem Manne Liebe gab, der mir widerwärtiger war als eine am Boden kriechende Raupe. Ich war damals schön – es ist lange, lange her. Schön und jung zu sein, ist das Einzige, was keine Schande für ein Weib ist. Mein Mann war ehrgeizig und er wollte vorwärts. Um aber vorwärtszukommen, brauchte er andere; einen anderen zum mindesten, und dieser eine besuchte uns oft. Er war unser Freund – außer dem Hause wurde er in der Gesellschaft meines Mannes gesehen; daheim war er nur immer in meiner Gesellschaft. Ich hielt sehr viel von ihm, und mein Leben war nun Tag für eine Tag eine Maskerade, um nicht merken zu lassen, wie viel. Mein Mann freute sich sicherlich darüber, denn nach zwei Jahren kann man wohl schon eine Frau satt bekommen. Nun kam der andere eines Tages und wollte mir ein Geschenk machen – so kostbar, wie es ein Bräutigam kaum für seine Braut auswählt. Ich sagte ganz erschrocken nein, denn ich war außer mir – und ich beleidigte den Geber. Mein Mann bekam es auf Umwegen zu hören, und weißt du, was er tat? Er ergriff mich beim Arm und sagte: ›Du verletzest ihn mit einem Nein. Nimm es an; ich gebe dir das Recht zu sagen, dass es von mir kommt.‹ So ging es weiter, bis ich mir die Schande zuzog, eine geschiedene Frau zu sein. Ich konnte nicht dulden, als Handelsware betrachtet zu werden, nicht dulden, dass man mit mir schacherte wie mit abgetragener Kleidung. Dafür kam die Schande über mich, eine Frau ohne Mann zu sein!

Alles ist Schande für ein Weib, weil es nie etwas um seiner selbst willen ist; es ist nur ein Teil seines Geschlechtes! Ich arbeitete unter Männern und sie nannten mich geschlechtslos und verhöhnten mich wegen meiner Kühle. Ich glaubte fast selbst, dass ich ein Neutrum war, und selbst das war eine Schande. Ich fürchtete, es könne mir ein Bart am Kinn wachsen und die Männer würden mich darob verhöhnen. Aber eines Tages fühlte ich, dass ich ein Weib war, denn ich liebte.

Es war, als sein einer bisher sein ganzes Leben lang auf durchweichten, zertretenen Pfaden durch Dunkel und Wintereis gewandert, mit einem Gefühl, dass er niemals den Frühling erschaute und ihn niemals schauen werde – und als ob nun mit einem Male die Sonne hervorbräche und alles in dem feuchtwarmen Nebeldunst zu sprießen und zu wachsen begänne; als ob er nun fühlte, dass alles herrlich grünen werde und alle Blumen sich erschließen würden – in der Sonne, in der Sonne!

Ich hätte mein Leben darum gegeben, hätte ich sein Freund werden können, aber das konnte ich ja nicht werden – nur seine Freundin … Hörst du, welch hässlichen Klang das Wort hat: seine Freundin! Es klebt Schande und Argwohn daran.«

»Es quält dich zu sprechen«, sagte der Mann, und seine Stimme war durchzittert von Mitgefühl. Er nahm noch einmal ihre Hand und küsste sie leise, fast demütig, ohne ein Wort zu sagen.

»O, lass es mich einmal aussprechen!«, fuhr sie fort. »Ich habe geschwiegen Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Generation um Generation – so bedünkt es mich, und nun ist es mir, als sei ich das ganze Frauengeschlecht. Ich bin so alt wie Ahasverus und auf meinen Schultern lastet die Schuld des ganzen Geschlechtes. Ich fühle sie mit den Fibern eines Weibes und blicke auf sie mit des Mannes Augen.

Du weißt, was ich in seinen Händen war. Er legte mein Hirn bloß, um zu sehen, wie es arbeitete; er wühlte mit seinem Seziermesser in meinem Innern herum, um seine Menschenkenntnis zu bereichern, und er zerfleischte mein Herz – wie ein unartiges Kind – nur um zu sehen, wie es klopfte. Und als es nicht einen einzigen Schmerz mehr gab, den ich erdulden konnte, ohne zu sterben – warf er mich fort. Nicht etwa deshalb, weil ich schlecht, unwahrhaftig, halb oder feige gegen ihn war – ich war nichts von alledem. Sondern bloß darum, dass ich ein Weib war. Nicht ein Freund, nur eine Freundin!«

Sie schwieg, und es ging wie ein schmerzvolles Beben durch das dunkle Zimmer.

Und zuletzt kam es heraus mit derselben eintönigen, klanglosen Stimme, nur um eine einzige kleine Nuance tiefer.

»Weib sein, heißt ein Paria sein, der sich nie über seine Kaste erheben kann. Dass ich ein Weib war, ist meines Lebens Fluch gewesen!

Ich habe nie eine Mutter gehabt; mein Vater fehlte mir, solange er lebte, und ich habe keinen Sohn –«

Ihre Erzählung schloss mit einem tränenlosen Aufstöhnen. Es war dunkel. Des Mannes Antlitz leuchtete nicht mehr hervor – – und er hatte nichts zu erwidern – –


Übersetzung
Aus dem Schwedischen von Anna Brunnemann.

Kommentar
Victoria Benedictsson (1850–1888) gilt als eine der bedeutendsten Vertreter*innen der schwedischen Moderne, ist im deutschen Sprachraum aber kaum bekannt. Wie in den meisten ihrer Werke geht es in der Erzählung „Aus dem Dunkel“ um das Verhältnis der Geschlechter, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihre (auch sexuelle) Emanzipation. Der Text erschien im Original 1888 unter Benedictssons üblichem Pseudonym Ernst Ahlgren. Die 1911 veröffentlichte deutsche Übersetzung von Anna Brunnemann gab stattdessen aber den echten Namen der Autorin an, was an dieser Stelle beibehalten wurde.

Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, Jg. XXIII, April 1911, Nr. 4 , S. 104–110. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anna Ancher, Anna und Michael Ancher beim Betrachten ihres Werks, 1883

Zwei Gedichte

von Kory Towska (1868–1930)

Mädchenlied

Träume, die kein Magier deutet,
Huschen durch den wirren Sinn,
Glocken, die kein Meßner läutet,
Klingen ohne Ruhe drin,
Märchen, die ich nie vernommen,
Treiben ihren tollen Spuk.
Ach, wann wir der Zaubrer kommen,
Der da sagt: Genug!

Mutterlied

Ich trage still, ich trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht
Und doch von meinem Angesicht
In seligem Glanze wiederblüht.
Noch dunkel ist das Kämmerchen,
Nur heilige Frühe ohne Laut,
Nur manchmal tönt das Hämmerchen,
Das heimlich an dem Wunder baut.
Ich denk ein Maienblümelein
Und sinn ein altes, altes Lied
Und trage still und trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jg., November 1912, Nr. 11, S. 304 (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

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