Ritter Aage und Jungfrau Else

von Luise von Plönnies (1803–1872)

Es war am Maientage, die Glocken hallten laut,
Da freite Ritter Aage schön’ Else, seine Braut.

Und als sie sich umschlungen, da blühten die Rosen all,
Da hat ihr Lied gesungen die holde Nachtigall.

Ein Monat ist verflossen, die Rosen fallen ab,
Das Glück ist all genossen, Herr Aage ruht im Grab.

Viel heiße Tränen rollen von Elsens Aug’ herab,
Wohl durch die braunen Schollen, hinunter in sein Grab.

Eine Träne ist gesunken ihm auf das tote Herz,
Als wie ein glüh’nder Funken – da wacht er auf voll Schmerz.

Die Lieb’ hat aus den Banden des Grabes ihn befreit,
Da ist er aufgestanden, zur mitternächt’gen Zeit.

Er hat den Sarg genommen wohl auf die Schulter fein
Und ist damit gekommen bis vor ihr Kämmerlein.

»Schließ auf die Tür, Geliebte, dein Liebster, der ist nah,
Schließ auf die Tür, Betrübte, der Bräutigam ist da!«

»Sprich aus des Heilands Namen, wie sonst lass ich dich ein.«
Herr Aage der sprach Amen und trat ins Kämmerlein.

Das waren sel’ge Wonnen, er lag an ihrer Brust,
Das Leid war all zerronnen, versunken in der Lust.

Sie strich auf seinem Haupte mit goldnem Kamm das Haar,
Für jedes, das sie raubte, fiel eine Träne klar.

»O du Herzliebster, sage, wie ruht sich’s in dem Grab?« –
»Wenn du lächelst«, spricht Herr Aage, »dann fallen Rosen hinab.«

»Doch wenn ich weine, sage, fühlst du’s in deinem Grab?« –
»Wenn du weinest«, spricht Herr Aage, »tropft es wie Blut herab.«

Sie schmiegt in Lust und Leide sich fester an ihn an.
»Horch, Zeit ist’s, dass ich scheide, es kräht der rote Hahn.

Jetzt müssen alle Toten zurück zum Erdenschoß.«
»Lass kräh’n den Hahn, den roten, ich lass dich nimmer los!« –

»Es kräht zum zweiten Male, das ist der schwarze Hahn,
Jetzt wird im Morgenstrahle der Himmel aufgetan.

Lass mich den Sarg erheben und folgen dem Gebot!«
»Ach Liebster, nimm mein Leben und gib mir deinen Tod!«

Mit seinem Sarge schreitet Herr Aage aus dem Haus,
Von seinem Lieb begleitet, in dunkle Nacht hinaus

Zum Kirchhof, durch den dunkeln und langen Tannenwald.
»Sieh, wie die Sterne funkeln, zur Stelle sind wir bald.«

Sie treten aus dem Walde, der Kirchhof ist erreicht;
»Herr Jesu, wie ist balde dein golden Haar gebleicht!«

Sie treten zur Kapelle im blassen Mondenstrahl;
»Herr Jesu, wie so schnelle wird deine Wange fahl!«

»Süß Lieb, du darfst nicht weinen, schlag auf dein Augenpaar,
Sieh wie dort oben scheinen die Sterne hell und klar.«

Sie lässt die Blicke fliegen empor in blaue Luft,
Indes ist er gestiegen hinab in seine Gruft.

Sie sah ihn nimmer wieder, ging heim in stillem Gram,
Bald legte man sie nieder zu ihrem Bräutigam.


Textnachweis
Aus: Ignaz Hub (Hg.), Deutschland’s Balladen- und Romanzen-Dichter. Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit, zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage, Karlsruhe 1849, Bd. 1, S. 672. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marguerite Godin, Griseldis, 1894

Was es kostet

von Selma Lagerlöf (1858–1940)

Gerade jetzt, während ich in die Arbeit vertieft dasitze, flammt im Nordwesten ein feuerroter Sonnenuntergang. Der Tag war regnerisch und grau gewesen, aber eben erst zeigte sich ein schmaler Streif klaren Himmels unten am Horizont. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, damit ich einen Schimmer des Sonnenballs erhaschen konnte, bevor er hinter den blauen Höhen hinabglitt. Jetzt benutzen ihn die Sonnenstrahlen, um zu den Wolkenrücken emporzugleiten und sie mit Blut und Purpur zu umrahmen. Das ganze Firmament nimmt sich wie eine ungeheure Seidenbahn aus, mit Rot gerändert. Zu unterst, vor allem in der Nähe der Stelle, wo die Sonne eben versank, ist das Rot vorherrschend, da laufen die roten Streifen so dicht zusammen, dass der graue Grundton verschwindet. Höher oben wir die Moirierung spärlicher, und im Zenit sieht man nur ein paar roter Spritzerchen. Der große Pinsel, der die ganze Himmelswölbung malen zu wollen schien, ist zu verschwenderisch gewesen. Die Farbenschale ist schon geleert. Für die östliche Himmelswölbung blieb nichts übrig.

Die Glut und der Strahlenglanz haben mich verlockt, die Feder hinzulegen und an das Fenster zu treten. Aber mit einem kleinen Seufzer kehre ich bald zum Schreibtisch zurück. Ich musste daran denken, dass es denen, die mit Feder und Tinte arbeiten, fast nie gelingt, eine solche Herrlichkeit zu beschreiben. Man mag sein Allerbestes tun, es kommt doch äußerst selten vor, dass man das Interesse des Lesers zu fesseln vermag. Denken Sie sich, dass Sie in einem Buch auf eine lange Beschreibung eines Sonnenuntergangs, einer Abendröte stoßen. Gestehen Sie ehrlich, dass Sie sie am liebsten überspringen. So mache ich es wenigstens.

Der Fehler muss jedoch irgendwie an dem liegen, der dies schildert. Etwas so Bezauberndes wie eine Abendröte muss sich so beschreiben lassen, dass sie dasselbe Entzücken wie beim Beschauen auslöst. Es lässt sich schon machen, aber es gilt die rechte Art zu finden.

Ich erinnere mich, dass zu der Zeit, als ich als Lehrerin in Landskrone lebte – also vor etwa fünfunddreißig Jahren – im »Südschwedischen Tagblatt« eine Folge von Naturschilderungen erschien, die die größte Bewunderung aller Leser erregten. Sie waren selten mehr als eine Spalte lang, überaus konzentriert und mit einer erstaunlichen Sicherheit und Eleganz geschrieben. Sie erschienen anonym, aber es war leicht zu sehen, dass der Verfasser wissenschaftliche Bildung besaß. Und doch schilderte er keine fremden Weltteile und Länder, er gab nur jede Woche eine Übersicht über die Witterung und die Vegetation eines Landstriches an der Öresundküste. Er verfolgte das Auftauchen der Wiesenblumen, er zählte sie auf, so wie sie sich im Frühling zeigten oder im Herbst verschwanden, er kündigte die Ankunft der Zugvögel an, er behielt Kriechtiere und Insekten der Erde im Auge sowie die Maneten, Seesterne und Krabben, die an den steinigen Strand gespült wurden. Vor allen Dingen aber beschäftigte sich der Anonymus mit der Himmelswölbung, den Wolken, den Regenbogen, den Gewittern und den Sonnenuntergängen.

Alles ließ darauf schließen, dass er sich in der Helsingborger Gegend aufhielt, also nur einige wenige Meilen nördlich von Landskrona. Man konnte sagen, dass derselbe Himmel sich über ihm wölbte wie über uns, dass dieselben Wolkenbildungen über seinem Kopfe dahinstrichen wie über unserem.

Aber dennoch griff man jedes Mal eifrig nach der Zeitung, wenn einer seiner Artikel darin stand, um von Regenschauern oder Federwölkchen oder von den Farbenschattierungen der Abendröte zu lesen. Wir hatten ja genau dasselbe gesehen, aber wir hatten nicht herausgefunden, wie merkwürdig, wie interessant alles war, ehe dieser Mann uns die Augen öffnete.

Haben Sie den Sonnenuntergang an diesem und diesem Abend beobachtet?, konnte er fragen, und darauf folgte ein ganzes Drama. Eine Wolke zog auf, wurde beschrieben, in Positur gestellt, dann kam eine zweite, eine dritte, eine vierte, bis der ganze Abendhimmel von einer drohenden Wolkenburg umgeben war. Wenn sie glücklich zur Stelle und geordnet waren, begann das Spiel der Strahlen, Farbe ging in Farbe über, sie kämpften und wurden besiegt. Das Wasser des Sunds und die schöne dänische Küste bekamen auch ihr Teil von den Schattierungen und Stimmungen ab, nicht eine Nuance des ganzen Schauspiels ging dem Leser verloren.

Man erkannte ja alles wieder, aber das Bild ward um so viel reicher und klarer, als unsere eigenen Sinne es zu erfassen vermocht hatten.

Man darf sich nicht denken, dass diese Schilderungen poetisch im hergebrachten Sinne waren, Der Anonymus bediente sich weder großartiger Bilder noch hoher, klingender Worte. Seine Zaubermacht bestand in etwas ganz anderen. Er zwang einen, das, wovon er sprach, zu erleben. Es nahm uns mit hinaus ins Freie. Man fühlte sich von der Abendbrise umfächelt. Man hatte die Regenschauer oder die Gewitter dicht über sich. Man schaute mit seinen eigenen Augen diesen violetten oder bronzegrünen oder zitronengelben oder goldnen Sonnenuntergang.

Aber dies, dass wir sozusagen an seinen Wanderungen teilnahmen, dass wir gleichsam an seiner Seite Muscheln und Pflanzen sammelten, machte es wohl, dass wir gern gewusst hätten, wer er war. Wir nahmen so eifrig an seinen kleinen Freuden teil, wir waren stolz auf seine Entdeckungen! Wer war er denn, dieser Mann der Wissenschaft mit der gewandten Feder, dieser Sonnenuntergangsanbeter, dieser Wortmaler?

Es konnte eigentlich nicht schwer sein, die Lösung des Rätsels zu finden. Nur auf ganz wenige Menschen konnte ja die Beschreibung passen: wissenschaftlich geschulter Beobachter, künstlerisch ausgebildeter Schriftsteller, auf dem Lande ansässig, in der Nähe von Helsingborg.

Aber wie wir auch nach ihm fahndeten, der Mann war nicht zu entdecken.

Da halfen wir uns selbst. Wir nahmen an, dass der Unbekannte jung war, er hatte sich noch keinen Namen machen können, deshalb konnte man ihn nicht aufspüren. Und wir dachten ihn uns als einen neuen Linné, fröhlich, schön, strahlend und genial. Wir waren überzeugt, dass wir bald von reden hören würden. Wenn er fertig war, wenn er in der ihm eigenen lebensvollen Art das Ergebnis seiner Forschungen darlegte, dann würde unser Land einen neuen großen Gelehrten haben, auf den es stolz sein könnte.

So hofften wir im Stillen, als auf einmal die Artikel ganz aufhörten. Einige Tage später erzählte das »Südschwedische Tagblatt«, dass der Anonymus, der die vielbeachteten Artikel auf der Helsingborger Gegend geschrieben hatte, gestorben war.

Die Zeitung brachte auch einige kurze biographische Notizen. Der Mann mit der wissenschaftlichen Schulung, der eleganten Darstellungsweise war ein alter ehemaliger Student. Der hieß Frederikson und hatte wohl nie daran gedacht, dass dieser Name irgendwelche Berühmtheit erlangen könnte. Eine Zeitlang hatte er in Lund studiert, aber die Hochschule verlassen, ohne Prüfungen abzulegen. In späteren Jahren war er, wie man so sagt, menschenscheu geworden; überaus arm, wie er war, und ungeneigt, jemandes Hilfe in Anspruch zu nehmen, hatte er in der letzten Zeit in einer verlassenen Hütte irgendwo am Sund gehaust. Es sah beinahe aus, als glaubte die Zeitung, dass er an Entbehrung, Hungers gestorben war.

Also der Meister der schönen Sonnenuntergänge war kein neuer Linné. Wir hatten ihn uns als einen ruppigen, alten, verbummelten Studenten zu denken, menschenscheu und herabgekommen.

Sein einziger Umgang war die große, freie Natur gewesen, seine einzige Freude hatte darin bestanden, dem Wechsel der Jahreszeiten zu folgen. Die einzige Herrlichkeit, die er vor Augen gehabt hatte, war die Abendröte gewesen. Ein schöner Sonnenuntergang hatte das große Ereignis in seinem armen Leben bedeutet.

Aber das ist es vielleicht, was nottut. Nur das, was höheren Wert für uns hat als irgendetwas sonst auf der Welt, kann man wohl in der richtigen Weise schildern.


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Journal, 6. Jan. 1926, S. 3–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Schwedischen von Marie Franzos (1870–1941).

Titelbild
Detail aus: Marie Luplau, Abendstimmung bei Fredensborg, 1898

Der Student und der Besenbinder

von Grazia Deledda (1871–1936)

Es war im Oktober.

Auf der roten Weinbergmauer hockte der Studiosus Lixia und blickte in die raue, melancholische Landschaft hinaus, die ihm, wenn er fern war, doch manchmal so ungestümes Heimweh erweckte. Die einförmige, mit Besenkraut bewachsene Hochebene erstreckte sich bis zum Horizont, nur unterbrochen von einer hellen, steilen Landstraße und roten, mit rostfarbenem Moos bedeckten Felsen. Über dem dunklen Grün der Heide erschien der Himmel graublau. Das Getriller einer Lerche war der einzige Ton in der schweigenden Öde.

Was für ein melancholisches, unglückliches Land ist doch Sardinien, dachte der Student. Während die ganze Welt sich bewegt und fortschreitet, ist diese Insel tot. Und was noch nicht gestorben ist, ist dem Tode nahe; wie dieser Weinberg meines Vaters, das einzige, was noch grün ist in dieser Öde, an der Phyllorera zugrunde geht. Im nächsten Jahr werden nur noch die Mauern vorhanden sein, und ich kann den Weinberg nicht erneuern, denn ich verstehe nichts davon. Aber wer kommt da? Ach! Zio Pascale. Nun ist das Bild vollständig, denn der Alte mit seinem melancholischen Gesicht sieht aus, als ob er aus verrostetem Eisen wäre. Wahrhaftig! Wenn ich ein symbolistischer Maler wäre, so würde ich diesen Alten zwischen zwei Besensträuchern malen, einen roten Felsen und den bleichsüchtigen Himmel, und darunterschreiben: Sardinien.

Der alte Besenbinder kam langsam näher, und der Student vernahm Stöhnen und unterdrücktes Husten. Vielleicht hatte Zio Pascale das Fieber und phantasierte, denn jetzt hörte Lixia, wie er leise, doch in vorwurfsvollem Tone vor sich hin sprach: »Maria Annicca, warum hast du das getan? Wusstest du nicht, dass er ein steinreicher Mann ist? Ach! Was wird jetzt aus mir, mein heiliger Francesco!«

»Zio Pascale!«, rief der Student.

Der Alte, der eben mit seiner kleinen Sichel einen Besenstrauch schnitt, fuhr in die Höhe, als ob er aus einem Traum erwache, und hielt die Hand über die eingesunkenen Augen.

»Bist du eine Seele aus dem Fegefeuer?«

»Seht Ihr mich denn nicht?«

»Ach! Du bist der Sohn Batore Lixias. Gott segne dich, mein Herz. Ja, ich sehe nicht mehr recht, du kamst mir vor wie eine Wolke.«

»Was macht Ihr, Zio Pascale?«

»Ich schneide Besen. Und du bist jetzt ein Doktor, nicht wahr?«

»Noch nicht. Und was tut Ihr mit den Besen?«

Der Alte stöhnte und hustete krampfhaft; dann sagte er demütig, fast furchtsam: »Die bringe ich nach Nuoro zum Verkauf.«

»Jeden Tag?«

»Ach nein! Ja, als ich noch die Kraft hatte, als ich zwanzig, dreißig Jahre alt war. Aber jetzt …«

»Wie alt seid Ihr jetzt, Zio Pascale?«

»Achtzig …, nein, neunundsechzig, warte, mehr …«

»Neunundsiebzig?«

»Ja, es fehlt noch eins an neunzig.«

»Also Ihr wollt sagen, dass Ihr näher an hundert seid als an zwanzig, nicht wahr? Seid Ihr immer Besenbinder gewesen?«

»Immer! Aber sage mir, bist du jetzt am Hof des Königs angestellt?«

»Noch nicht, Zio Pascale! Vielleicht mit der Zeit … Wen habt Ihr bei Euch? Ihr scheint mir doch krank zu sein?«

»Krank, krank, sehr krank, mein Herzenskind. Ach, der Husten! Es ist, als ob ich hier in der Brust und im Halse eine Säge hätte, die beständig arbeitet. Ich habe auch deinen Vatergekannt, weißt du? Er war ein guter Mann … ach! … dieser Husten …«

»Aber warum nehmt Ihr nicht etwas dagegen, Zio Pascale?«, fragte Lixia, von Mitleid erfüllt über den Zustand des Alten.

»Was sollte ich wohl nehmen? Ich habe es mit der Medaille von Santu Pascale versucht, mit gekochten Königskerzen, mit Pflastern … alles habe ich versucht … aber willst du wissen, was es ist? Es ist der Tod.«

»Wen habt Ihr denn bei Euch?«, wiederholte der Student und setzte sich auf der Mauer zurecht. Der alte Besenbinder fing an, ihn zu interessieren; er kam ihm vor wie der echte Vertreter einer ihm unbekannten Rasse. Und doch – wie oft hatte er, bevor er zur Universität ging und während der Ferien, den alten Mann gesehen und hundert andere Angehörige jener, der menschlichen Gesellschaft unbekannten Rasse, die selbst nichts davon weiß, dass auch sie dazu gehört?

»Seit wie vielen Jahren seid Ihr schon Besenbinder?«

»Seit vielen, vielen Jahren, habe ich dir gesagt«, erwiderte der Alte mit einer Bewegung, die eine unabsehbare Ferne bedeutete. »Ich war zehn Jahre alt, als ich zuerst nach Nuoro ging, Besen verkaufen; auch mein Vater war Besenbinder, und auch mein Sohn. Einmal, als er müde war, immer und immer zu Fuß zu gehen, warf er einem Pferde auf der Weide einen Strick um den Hals und setzte sich darauf. Und da kamen zwei Carabinieri, die einen Banditen suchten: Du hast das Pferd gestohlen, sagten sie. Er widersprach. Aber die zwei Carabinieri, die vielleicht Angst hatten, dem Banditen zu begegnen, fassten meinen Sohn, banden ihn und führten ihn ins Gefängnis.«

»Ihr seid doch schlau, Zio Pascale!«, bemerkte der Student; aber der Alte hustete, dass ihm die Augen aus dem Kopfe traten, und hörte die Bemerkung nicht. Als der Anfall vorüber war, sprach Zio Pascale weiter, und wie er so dastand, mit der Sichel in der Hand, erschien er wie das Abbild eines elenden Todes.

»Ach, San Francesco mio, was für ein entsetzlicher Husten! Ja, und mein Sohn starb im Gefängnis und hinterließ mir seine beiden Kinder.«

»War er denn verheiratet?«

»Er war Witwer. Ja, zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Der Junge ging mit einem umherziehenden Schlosser fort und ich sah ihn nie wieder. Das Mädchen, Maria Annicca, trat bei dem Bürgermeister in Dienst. Kennst du Marcu Virdis … he, kennst du ihn, den Geldsack?«

»Eh, er ist mein Onkel! Nun?«

»Nun, Geduld! Das Mädchen war das Licht meiner Augen. Aber sie war leichtsinnig. Sie bekam einen Sohn von ihrem Herrn. Hatte sie es denn nicht gewusst, dass Marcus Virdis ein steinreicher Mann war, der sie nie heiraten würde? Ach, San Francesco mio! Der Herr wird ihr verziehen haben, wie ich ihr verzieh.«

»Wo ist sie denn jetzt? Ach … mir scheint, ich habe schon davon gehört! Sie ist gestorben, nicht wahr?«

»Gestorben.«

»Und ihr Sohn?«

»Ist bei mir, aber er ist sehr böse, ein kleiner Teufel! Mag nicht arbeiten, mir nicht helfen, nichts. Was wird aus ihm werden, ohne Eltern, arm und ganz allein?«

»Zio Pascale«, sagte der Student begeistert, »darum macht Euch keine Sorgen! Die Welt geht vorwärts. Drüben über dem Meer, auf dem Festland wollen die Menschen alle gleich werden; in zwanzig, dreißig Jahren, vielleicht noch eher, wird es keine Armen und Reichen mehr geben; das heißt, alle werden arbeiten und alle werden bequem zu leben haben. Auch hier in Sardinien wird das kommen. Sorgt Euch also nicht um Euren Enkel; wenn er alt sein wird, wird er sich nicht so elend dahinschleppen durch die öde Heide, in Gefahr, einsam zu sterben.«

Der Alte hörte zu und schüttelte traurig den Kopf.

»Ach! Glaubt es nur«, fuhr der Student noch eifriger fort. »Die Zeiten ändern sich. In der ganzen Welt, und also auch hier in Sardinien, wird es keine Armen mehr geben, keine Übeltäter, keine Schufte wie mein Onkel Virdis und keine Carabinieri. Hier, wo jetzt nur Heide wächst, werden dann Weinberge und Obstgärten sein …«

»Ach!«, sagte der alte Besenbinder erschrocken, »die Weinberge und die Gärten gehören doch den Reichen, die Armen werden nie etwas haben, und dann also noch nicht einmal mehr Besensträucher … Ach, San Francesco mio!«

Der Student breitete die Arme aus und blickte verzweifelt gen Himmel. Sie können es nicht einmal verstehen, sie sind gar keine Menschen …

»Schenkst du mir etwas?«, fragte der Besenbinder endlich.

Doch seinen Grundsätzen getreu, weigerte der Student ihm ein Almosen.

»Der Bursche ist verrückt!«, dachte der Alte.


Textnachweis
Aus: Die Sonntags-Zeit. Belletristische Beilage zu No 288 der Wiener Tageszeitung ›Die Zeit‹, 19. Juli 1903, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Italienischen; Übersetzer*in unbekannt.

Titelbild
Detail aus: Tina Blau, Steine, Erde, Gras (Studie zum Gemälde An der Friedhofsmauer)

Frau Asta

von Regine Mirsky-Tauber (1865–?)

Frau Asta war schön, jung und reich, somit eine der gefeiertesten Salonlöwinnen der Hauptstadt. Sie war lebenslustig, ja noch mehr: lebenshungrig. Und ihr Gatte, ein sehr wunderlicher alter Herr, konnte die Leere in ihrem Herzen nicht ausfüllen. Er bemühte sich auch gar nicht mehr darum; sein ganzes Interesse galt nur noch seiner reichen und wirklich sehenswerten Münzensammlung, in welcher es viele Seltenheiten, ja sogar Unika gab. Er hatte seine Frau recht lieb, hatte ihr aber trotzdem (oder vielleicht eben deshalb?) stillschweigend gestattet, sich ihr Leben ganz nach ihrem Belieben gestalten zu dürfen. – – – Und Frau Asta machte von dieser Erlaubnis ebenso ausgiebigen als – vorsichtigen Gebrauch. Denn die Welt durfte nichts erfahren. Frau Asta hatte unter den Söhnen der Großstadt Umschau gehalten und sich einen Herzensfreund erwählt, der ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Zehe war. Er war sehr, sehr diskret, und es fiel kein Makel auf das Haus des alten Edelmannes; die Dehors wurden peinlich gewahrt.

Jeden Donnerstag hatte die Dame des Hauses ihren Jour, da stellte sich die elegante Welt der Hauptstadt gern ein, um zu flirten und zu medisieren, um in den tonangebenden Salons des Hauses zu sehen und gesehen zu werden. Aber außerdem empfing sie noch ab und zu ihre Intimsten zu einem behaglichen Plauderstündchen. Ihr bevorzugter Haus- und Herzensfreund war Herr von Berger, ein schneidiger Offizier. Diese Verbindung hatte schon mehrere Jahre gedauert, und die Welt hatte nichts zu lästern gefunden, denn das Paar benahm sich sehr korrekt und – beweisen ließ sich nichts; da ging man denn stillschweigend über dieses Seelenbündnis hinweg. Doch nun war Herr von Berger von Wien versetzt worden, weit weg nach Bosnien. – – –

Und abermals war Frau Asta auf der Suche nach einem Herzensfreund. Diesmal sollte es aber kein Offizier sein, sondern ein Zivilist. Die sind verlässlicher, weil sesshafter.

Zu den Gästen des Hauses zählte auch der beliebte Frauenarzt Dr. Hart, ein gediegener, fester Charakter, dabei ein sehr hübscher und geistreicher Mann. Nur er schien ihr würdig, den verwaisten Platz in ihrem liebesdurstigen Herzen einzunehmen. – Er war auf einen Wink der Hausfrau zurückgeblieben, alle anderen Gäste hatten sich schon entfernt.

»Kommen Sie morgen um fünf Uhr auf eine Tasse Tee zu mir. Mein Gatte reist nach München zur großen Münzauktion bei Helbing; Sie wissen ja, die Sammlung des Grafen Sporck kommt unter den Hammer. Ohne meinen Gatten mag ich nicht in Gesellschaft gehen, und allein würde ich mich daheim entsetzlich langweilen. Sie kommen doch?«

Schweigend verneigte sich der junge Arzt. Ein vielsagender Blick der Dame streifte ihn und wurde von ihm erwidert. Er küsste ihr die schmalen, brillantengeschmückten Hände, dann entfernte er sich, die Brust von freudiger Erwartung geschwellt. –

Tags darauf. –

Sie hatten den Tee eingenommen und gerieten ins Plaudern. Sie waren ganz allein.

Und da kam es, wie es bei solchen Gelegenheiten zu kommen pflegt: Ein Blick hinüber, herüber und – schon hatten sie sich zu einem Kuss gefunden. – –

»Meine Süße, Geliebte, sei mein, ganz mein!«, jubelte er beglückt, indem er das schöne Weib fester an sich drückte.

Allein sie entwand sich ihm behänd und sagte:

»Nicht eher, als bis Sie mir den vollen Beweis Ihrer Liebe geben.«

»Welchen? Ich bin zu jedem Opfer bereit.«

»Wirklich?«, fragte sie lauernd, indem sie ihn mit ihren großen, stahlgrauen Augen durchbohrend ansah und seine Hände ergriff.

»Ich wünsche vorher zu wissen, ob Sie …«

»Sage mir du, mein Liebstes!«, und abermals zog er sie fester an sich.

»Du, du«, sagte sie lächelnd, indem sie sich an seine Schulter lehnte. »Sage mir also, hast du mit meiner Freundin Mimi ein Verhältnis gehabt? Ja oder nein?«

Betroffen und scheu trat er einen Schritt zurück.

»Nein, was fällt dir nur ein?«

Aber sie stampfte mit dem Füßchen.

»Ich will die Wahrheit wissen, die volle Wahrheit?«

Er war bleich geworden, und eine kleine Narbe auf der Stirn trat grellrot hervor. Er kämpfte einen schweren Kampf.

»Ich muss es wissen, das ist der Liebesbeweis, den ich von dir verlange! Geh, Schatz, sage mir doch die Wahrheit, ich bitte dich.«

Und abermals schmiegte sie sich weich an ihn, so dass er ihr reiches, goldblondes Gelock küssen konnte.

Er kämpfte noch immer mit sich.

Das schöne Weib, das im Begriffe war, sich ihm ganz zu geben, war auch zu verführerisch!

Sie musste sein werden um jeden Preis!

»Ja«, presste er heiser hervor, »sie war wirklich meine Geliebte.«

»Und der Beweis? Ich muss Beweise haben«, sagte sie hastig.

Da zog er aus einer gestickten Brieftasche, offenbar einem Geschenk von zarter Hand, ein Bild heraus, Mimis Bild …

Und am Rande des Bildes sah sie in Mimis charakteristischer Steilschrift die Worte stehen: »Mit tausend Küssen deine Mimi.«

Sie starrte schweigend auf das Bild. – – –

Ein kalter, abweisender Zug prägte sich auf ihrem Antlitze aus.

»Herr Doktor, Sie haben die Probe schlecht bestanden. Wenn ich mir je einen Herzensfreund erwählen sollte, dann müsste ich mich unbedingt auf seine Diskretion verlassen können!«

Dann schellte sie dem Stubenmädchen.

»Der Herr Doktor wünscht seine Oberkleider.«

Und mit einer förmlichen Verbeugung zog sich Frau Asta in das Nebenzimmer zurück …


Textnachweis
Aus: Die Muskete, Bd. II, Nr. 39, 28. Juni 1906, S. 307. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Porträt von Janiny Dygatówny, 1904

Die Erbtochter von Bouzas

von Emilia Pardo Bazán (1851–1921)

Ich werde den Schauplatz der folgenden Ereignisse nicht mit peinlichster Sorgfalt und Genauigkeit bezeichnen. Wer sich für novellistische Topographie interessiert, dem genüge es, dass Bouzas ebenso gut in der pittoresken Gegend von Bercia liegen kann wie hinter den Schroffen und Klüften des Barco de Baldeorras zwischen der Sierra de la Eucina und der Sierra del Ege. Jedenfalls gehört Bouzas jenem ursprünglichen schönen Galizien an, das vor zwanzig Jahren noch nicht entdeckt war.

Wer hat dort nicht die Erbtochter gesehen? Wer kennt sie nicht noch als kleines Kind, wie sie an heißen Sommerabenden hoch oben auf dem Maiswagen mit fliegendem Haar in den väterlichen Gutshof einfuhr? Größer geworden, ließ sie sich oft auf einem ungesattelten Klepper sehen, ohne anderes Geschirr als eine Strickhalfter. Sie und ihr Reittier waren wie ein Stück. Um aufzusitzen, hielt sie sich an den Mähnen fest oder stützte die Hand auf den Rücken des Pferdes: ein Sprung, und sie war oben. Mit einem Hasel- oder Tamariskenzweige, den sie sich abgeschnitten hatte, fuchtelte sie dem Gaul um die unruhigen Ohren, und im Galopp ging’s dahin an den steilen Ufern des Sil.

Als die Erbtochter ein fertiges und vollkommenes Weib war, machte ihr Vater die Reise nach dem klassischen Markte von Monterroso, wo sich alle ländlichen Sportsmen versammeln. Da handelte er für sein Mädel eine hochbeinige, lebhafte Stute ein, einen andalusischen Mischling – einen Sprossen des Regierungsgestüts, und um das Geschenk zu vervollständigen, ein reiches Sattelkissen und ein silbernes Geschirr. Und die Erbtochter, die sich mit Kleinigkeiten nicht abgab, brauchte keinen englischen Sattel – von denen man überhaupt in Bouzas nichts weiß – und leitete ohne Stallmeister, der sie unterwiesen, ohne Reitknecht, der sie gestützt hätte, ihr Reittier mit der Geschicklichkeit und Kraft einer mythischen Zentaurin.

Ich fürchte sehr, wenn irgendein ehrenfester Bürger von Madrid unverhofft nach Bouzas gekommen wäre und das große Mädchen allein durch Wald und Feld hätte reiten sehen, er würde mit würdevollem Ernste gesagt haben, dass Don Remigio Padornin de las Bouzas seine einzige Tochter zu einem Mannweibe erziehe. Und ich möchte gern sehen, was für eine Miene eine sächsische Instituts-Vorsteherin zu den Inkonvenienzen der Erbtochter machen würde. Wenn sie Durst hatte, stieg sie ruhig vor einer Schänke an der Heerstraße ab und ließ sich ein Glas Wein reichen. Zu Zeiten machte es ihr Spaß, ihre Kräfte mit den Schäferbuschen und Ackerknechten zu messen, und gar manchem beugte sie das Handgelenk, manchen warf sie zu Boden. Nicht selten half sie den Heuwagen beladen oder sie pflügte mit dem besten Ochsenpaare des väterlichen Stalles. Auf dem dörflichen Tanzboden, bei Ernte- und anderen ländlichen Festen tanzte sie wie ein Kreisel mit ihren eigenen Taglöhnern und Pächtern, indem sie, wie Königinnen tun, den herbeirief, der ihr gefiel. Und es gefielen ihr die hübschesten und behändesten Burschen.

Gleichwohl würde man eher Flecken am Himmel erblickt haben als Schatten an der rauen Tugend der Erbtochter. Ihr galt kein anderer Moralkodex als der Katechismus, den sie in der Kindheit gelernt hatte; er genügte ihr aber, um den Gebrauch ihrer wilden Freiheit zu regeln. Streng katholisch, hörte sie täglich die Messe im Sommer wie im Winter, betete abends den Rosenkranz und gab Almosen, so viel sie konnte. Ihre demokratische Vertraulichkeit den Arbeitern und Knechten gegenüber wurzelte in jenem Instinkt des patriarchalischen Systems, der den Adeligen als Angehörigen einer höheren Rasse betrachtet, und gewiss gestattete es ihr bloß die Überzeugung, dass jene Leute nicht so seien wie sie, mit ihnen so frank und frei zu verkehren, so dass sie sich oft auch an ihren Tisch setzte und, gleichsam als Musterbild der Mäßigkeit, Fleischbrühe und Maisbrot mit ihnen aß.

Dem Vater konnte nichts erwünschter sein als die energische entschlossene Sinnesart dieser Tochter. Er war ein gutmütiger ruheliebender Mann, der das Fideikommiss von Bouzas durch den tragischen Tod seines älteren Bruders übernommen hatte. Dieser war während des ersten Bürgerkrieges das Haupt eines Häufleins Aufständischer gewesen, mit dem er unter dem nom de guerre eines Senorito de Padornin die Gegend durchstreifte, bis ihn eines Tages das Militär abfasst und in den Fluss stürzte, nachdem er drei Bajonettstiche in den Leib erhalten hatte. Don Remigio, der Zweitgeborne, machte es wie die Katze, die sich verbrannt hatte: Er sah kein Zeitungsblatt an, hatte über gar nichts eine Meinung und wollte nicht einmal mit den Wahlen zu tun haben. So verbrachte er ein Leben ohne Kummer und Sorgen und machte seine regelmäßige Kartenpartie mit dem Pfarrer und dem Dorfarzte.

Die Erbtochter mochte nahe an die Zweiundzwanzig sein, als ihr Vater die Wahrnehmung machte, dass sie schlechter aussehe, dunkle Ringe um die Augen habe, seltener auf ihrer Stute ausreite und ohne Ursache vor sich hinbrüte. – Das Mädel muss heiraten – entschied der Alte in seiner Weisheit. Und sich eines Edelmanns erinnernd, eines gewissen Balboa de Fonsagrada, der einstmals sein guter Freund gewesen und von der Vorsehung mit einer zahlreichen männlichen Nachkommenschaft beglückt worden war, setzte er sich hin und richtete an diesen ein Schreiben, in welchem er eine Familienverbindung vorschlug. Die Antwort lautete, der dritte Balboa, der eben Lizenziat der Rechte in Santiago geworden war, werde nicht zögern, sich auf Bouzas einzustellen; denn der erste dürfe das Haus nicht verlassen und der zweite sei schon vermählt. Und in der Tat, nach Ablauf von drei Wochen – welcher Zeitraum nötig war, um ihm sechs Hemden zum Wechseln machen und ein Dutzend Sacktücher märken zu lassen – traf Camilo Balboa ein, ein hübscher Junge, etwas verfeinert durch das Universitätsleben, aber ein wenig bleich infolge der Wirtshauskost und der studentischen Liederlichkeit. Zwei Stunden, nachdem der junge Herr von Balboa von seinem mageren Pferde abgestiegen war, war die Hochzeit beschlossene Sache.

Vom physischen Standpunkte bildeten die Brautleute einen außerordentlichen Gegensatz, gleich als ob die Natur bei ihrer Bildung die Eigenschaften der Geschlechter verwechselt hätte: die Erbtochter kräftig, breitbrüstig, hochgewachsen, mit Wangen wie ein Apfel um Johanni, mit einem dunklen Flaum auf der Oberlippe, gesunden Zähnen, harten Händen und mit ihren freien und energischen Bewegungen; Balboa zart, blass, blond, mit feinen Gesichtszügen, ein Freund des Plauderns und des Schmeichelns, etwas nervös und allem Anschein nach der Verhätschelung und Bevormundung bedürftig. War es diese Verschiedenheit, welche in dem Busen der Erbtochter eine so heftige Liebe entzündete, dass die Braut zuverlässig schwer erkrankt wäre, wenn sich die Trauung nur ein wenig verzögert hätte? Oder lag es einzig daran, dass die Frucht reif war, dass Camilo Balboa eben zur rechten Zeit kam? Tatsache ist es, dass man in Bouzas, seit die Welt steht, kein so hingebendes Weib gesehen hat.

Das eheliche Leben vermochte nicht, diese Zärtlichkeit abzukühlen; es verhüllte sie nur, indem es sie heiter und ruhig machte. Die Erbtochter hätte um alles in der Welt gern ein Püppchen gehabt, und da das Püppchen nicht kommen wollte, vereinigte sich der doppelte Strom der Liebe in dem Gatten, für ihn also alle Zärtlichkeit und Freundlichkeit, Leckerbissen und Lieblingsspeisen, gute Zigarren und starker Kaffee, die feinsten Liköre und die kostbarste Wäsche. Sie, die imstande war, von einem Teller voll Gemüse zu leben, erbat sich jetzt von den Nonnen Rezepte zu feinen Bäckereien; sie, die auch auf einem Steine geschlafen hätte, kaufte jetzt die zartesten Dunen zusammen und füllte damit die Kissen und Decken des Ehebettes. Und als sie sah, dass Camilo stärker und dicker wurde, dass ihm ein schöner kastanienbrauner Bart wuchs, da lächelte die Erbtochter und dachte bei sich: Zur Zeit der Weinlese, da haben wir unser Püppchen.

Doch die Zeit der Weinlese verstrich, und die Zeit der Aussaat und die Zeit, wo die Äpfel blühen: und das Püppchen stieg nicht zur Erde herab, um deren Unannehmlichkeiten mitzumachen. An seiner statt beschäftigte sich Don Remigio damit, es mit einem besseren Leben zu versuchen, und unterstützt von einer Gedärmverschlingung, welche auch eine Pille größten Kalibers nicht zu entwirren vermochte, ließ er dieses Jammertal und seine Tochter als Herrin von Bouzas hinter sich.

Für die Erbtochter war es keine Überraschung und keine Verlegenheit, sich an der Spitze der Gutsverwaltung und des Hauswesens zu sehen. Seit langer Zeit schon fiel alles ihr anheim; ihr Vater hatte sich um nichts gekümmert, ihr Mann, unpraktisch, wie er war, half ihr nicht viel; dafür besaß sie ein Faktotum, das ihr ergeben war wie ein Hund und pünktlich wie eine Maschine, in ihrem Milchbruder Amaro, der in Bouzas eines jener undefinierbaren Ämter versah, halb Majordomus, halb Aufseher. Obwohl von derselben Milch genährt, glichen sich Amaro und das Fräulein von Bouzas in keinem Punkte. Denn der Bauer war klein, mager und hässlich, und das wirre Haar, das ihm in Büscheln in die Stirne und an den Ohren herabhing, trug nicht dazu bei, sein Aussehen zu verschönern. Trotz der Vertraulichkeiten der Kindheit behandelte Amaro die Erbtochter mit dem tiefsten Respekt, er nannte sie nie anders als »meine gnädigste Herrin«.

Kurz nach Don Remigios Tode begann die revolutionäre Bewegung höhere Wellen zu schlagen, und ihre Wogen wälzten sich auch in das Tal von Bouzas, wo sie sich in eine carlistische Agitation umsetzen. Gleich als ob ihr das Gespenst des mit Bajonetten gespickten Oheims abends in den Dünsten des Sil racheheischend erschienen wäre, fühlte die Erbtochter ihr Parteigängerblut in den Adern rollen, und sie widmete sich mit ganz vendéeischem Eifer dem Verschwörergeschäfte. Wieder konnte man sie auf dem Rücken ihrer schnellen Stute durch Schluchten und Waldwege eilen sehen, auf dem Busen eine leuchtende Nadel, die auf einer Seite das Bildnis des Don Carlos, auf der anderen das Pius’ IX. zeigte. Da gab es Gürtel und Brotsäcke zu nähen, Patrontaschen zu füllen, aus farbigem Flanell Herzen als Abzeichen auszuschneiden, rostzerfressene Flinten zu reinigen, alte Pistolen beim Waffenschmied ausbessern zu lassen, aus der Umgebung Reitpferde zu requirieren, insgeheim eine Fahne zu sticken.

Camilo Balboa wollte sich anfänglich den Schleichwegen seiner Frau nicht anschließen. Er behandelte sie skeptisch, gleichgültig, als kluger Alphonsist und riet ihr eindringlich sich zurückzuziehen, oder er machte über die ganze Sache studentische Witze, wenn er beim schwarzen Kaffee saß, zwischen dem Domino und dem Gläschen Cognac. Über Nacht, ohne Übergang, kam der Enthusiasmus über ihn. Er begann mit der Erbtochter zu wetteifern, verlangte auch sein Teil an der Arbeit, indem er sich erbot, das Tal zu durchstreifen, während sie, von Amaro eskortiert, in den Bergen herumklettere. So geschah es auch, und Camilo nahm sich der übernommenen Aufgabe mit solchem Eifer an, dass er ganze Tage vom Hause wegblieb. Nur am Morgen kam er zu der Erbtochter und verlangte »Geld für Pulver … für einige Flinten, die er da und dort entdeckt habe«. Er kehrte mit leerer Börse zurück, versichernd, die Waffen seien wohlgeborgen, ganz bereit für die feierliche Stunde.

Eines Nachmittags, nach einem leckeren Mahle – so beschäftigt auch die Erbtochter sein mochte, nie vergaß sie deshalb den Magen ihres Gatten; das hätte noch gefehlt! – zog Camilo seinen Samtrock an, ließ sein Pferd satteln und empfahl sich mit den hingeworfenen Worten:

»Ich gehe zu den Resendes. … Wenn wir nicht fertig werden, bleibe ich vielleicht über Nacht dort. … Nur keine Angst, wenn ich nicht heimkehre. … Von hier zum Kastell von Resende ist’s auch ein gut Stück Weges.«

Das Kastell von Resende, ein adeliges Jagdschloss, war in eine Art von Arsenal oder Werkstätte verwandelt worden. Man fabrizierte Munition, richtete alte Feuerwaffen her und maskierte sogar Pferdedecken als Reitsättel. Die Erbtochter würdigte vollkommen die Wichtigkeit der Expedition; gleichwohl flog ein Schatten über ihre Augen; war es doch das erste Mal seit der Hochzeit, dass Camilo erst am anderen Tage zurückkehren sollte. Sie vergewisserte sich, dass ihr Mann gut geschützt fortgehe – er trug Pistolen im Sattel und einen Revolver im Gürtel »für alle Fälle« – und begleitete ihn bis zum Torwege. Dann rief sie Amaro und befahl ihm, die Pferde vorzuführen. Sie hatte noch mit dem Pfarrer von Buron zu sprechen, einem der Organisatoren des künftigen königlichen Heeres.

Ohne der Peitsche zu bedürfen, schlug die Stute der Erbtochter ihren lebhaften Trab ein, während Amaros Klepper in ungleichen, holprigen Sprüngen wütend nebenher galoppierte. Herrin und Diener schwiegen; er noch stiller und verschlossener, als es sonst schon seine Art war; sie, ein wenig melancholisch, an den abwesenden Gatten denkend. Sie ritten einen Pfad, der, anfangs steinig und stellenweise durch den angeschwollenen Sil überschwemmt, dann geradeaus auf das Pfarrhaus von Buron hinführt, als Amaros Gaul plötzlich die Ohren spitzte und einen Seitensprung machte, dass er samt seinem Reiter beinahe in den Fluss gestürzt wäre. Die Erbtochter sah über einer Weidengruppe die Dreispitze der Guardia Civil auftauchen.

Die Begegnung hatte durchaus nichts Beunruhigendes, denn alle Gardisten der Umgebung waren dem Hause Bouzas wohlgesinnt, wo stets für sie der Mostkrug bereitstand, im Notfalle ein reines Bett und allemal freundliche

Aufnahme und gute Behandlung. So kam es, dass der Sergeant, welcher die Abteilung befehligte, beim Anblicke der Erbtochter den Hut respektvoll lüftete und einen guten Abend bot. Sie aber, einer plötzlichen Eingebung folgend, führte ihn abseits zu einer Krümmung des Pfades und fragte ihn leise, doch in gebieterischem Tone:

»Wohin geht Ihr, Pineiro?«

»Verraten Sie mich nicht, Señorita, beim Heile Ihres Vaters, der im Himmel sein möge. … Nach Resende, Señorita, nach Resende. … Es heißt, dass dort eine Waffenfabrik ist, und Leute sind versteckt, und der Teufel und seine Großmutter. … Ja, ja, Señorita, manchmal muss der Mensch auch gegen seinen Willen. … Man muss leben, und wenn man kein anderes Mittel hat. … Die Jungfrau gebe, dass nichts daran ist …«

»Es wird nichts daran sein, Pineiro. … Nichts als Erfindung. … Geht jetzt, und Gott lohn’ es Euch…«

»Señorita, noch einmal, verra…«

»Keine Seele wird es erfahren. Adieu, grüßt mir Eure Frau!«

Man sah noch das Wachstuch der Mäntel durch die Weiden schimmern, als die Erbtochter Amaro anrief.

»Gnädigste Herrin?«

»Du reitest, so schnell du kannst … gib acht, dass dich die Gardisten nicht sehen … nach Resende und sagst dem jungen Herrn, dass die Garde hinkommt, um das Kastell zu durchsuchen. Sie sollen die Waffen vergraben, das Pulver und die Patronen verstecken. … Mein Mann soll den kürzeren Weg über Illosa einschlagen und gleich nach Hause kommen. … Nun, du stehst noch da?«

Unbeweglich, mit einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen, den Blick zur Erde gesenkt, stand Amaro da, als wäre er zu Stein geworden.

»Nun! … Sprich! Was ist dir über die Leber gelaufen? … Wird’s bald, oder soll ich selbst nach Resende gehen?«

Amaro hob die Augen nicht empor, sondern fuhr sich nur mit der Hand in sein wirres Haupthaar. Endlich öffnete er die Lippen zu einem tiefen Seufzer und brachte mit heiserer Stimme mühsam die Worte hervor:

»Wenn es ist, um die Herren von Resende zu benachrichtigen, denk’ ich, so will ich gleich gehen. … Wenn es wegen dem gnädigen Herrn ist, denk’ ich, es wäre umsonst. … Der junge Herr ist nicht in Resende.«

»Mein Mann ist nicht in Resende?«

»Nein, gnädigste Herrin, mit Ihrer Erlaubnis; in Resende nicht.«

»Wo denn sonst?«

»Wo er ist? … Er wird dort sein, wo er jeden lieben Tag hingeht.«

Die Erbtochter schwankte im Sattel und ließ die Zügel der Stute locker, so dass diese überrascht schnaubte und sich zum Laufen anschickte.

»Wohin geht er jeden Tag?«

»Alle Tage.«

»Aber wohin, wohin? … Heraus mit der Farbe, oder es geht dir schlecht!«

»Gnädigste Herrin!« – Amaro überstürzte sich im Sprechen, sprudelnd und glucksend wie das Wasser aus einer abwärts gekehrten Flasche. – »Gnädigste Herrin, der gnädige Herr … in Carballos … das heißt … da ist eine hübsche Näherin, welche im Resende-Kastell arbeitete … jetzt geht sie nicht mehr hin. – Der Herr gibt ihr Geld … sie leben zusammen, sie und ihre leibliche Tante … manchmal geht sie mit dem gnädigen Herrn auf die Berge … auf dem Jahrmarkt von Illosa hat ihr der gnädige Herr Ohrringe von Gold gekauft … sie ist eine kecke Person … sie nennen sie Wunderblume, denn heut’ ist sie zum Sterben, morgen ist sie frisch und gesund, singt und tanzt. … Sie ist verrückt, denk’ ich.«

Die Erbtochter hörte, ohne mit den Wimpern zu zucken. Die Blässe verlieh ihrer dunklen Haut die Färbung des Lehms. Maschinenmäßig nahm sie die Zügel auf und streichelte den Hals ihres Pferdes, während sie an der Unterlippe kaute. Nach einer kurzen Pause sagte sie mit dumpfer Stimme:

»Amaro, du lügst nicht?«

»Gnädigste Herrin, so wahr wir alle sterben müssen … Möge mich ein Blitzstrahl treffen, wenn ich nicht die Wahrheit sage.«

»Gut – jetzt schweige! Der Herr sagte, dass er diese Nacht in Resende schlafen werde. Er wird aber dort über Nacht bleiben bei – dieser?«

Amaro nickte, einen scheuen Seitenblick auf seine Herrin werfend. Diese dachte einige Augenblicke nach. Ihre entschlossene Natur kannte kein langes Schwanken.

»Hörst du, du gehst jetzt nach Resende, so schnell als möglich. Sie müssen Zeit haben, die Waffen zu verbergen. Vom Herrn erwähnst du nichts. Auf dem Rückwege triffst du mich eine Stunde vor Tagesanbruch in dem Wäldchen bei Corballos, bei der Raposo-Quelle. Jetzt geh.«

Amaro pfiff seinem Pferde, zog sein Messer, mit dem er sich Reitgerten abzuschneiden pflegte, aus der Tasche, und den Gaul sanft damit stachelnd, sauste er im Galopp davon. Lange vor den Gardisten traf er in Resende ein, und Sergeant Pineiro hatte das Vergnügen, in dem Kastell keine anderen Waffen zu finden als den Bratspieß in der Küche und die Jagdflinten der Herren in einem Saalwinkel. Noch hörte man in den Gebüschen kein Flüstern des Laubes, kein Piepsen der Vögel, wie es die Annäherung des Morgens ankündigt, als Amaro mit seiner Herrin zusammentraf. Sie verbargen sich hinter einer Gruppe von Eichen, an deren Stämmen sie ihre Pferde ankoppelten.

Schweigsam harrten sie das etwa anderthalb Stunden. Das bleiche Licht der Morgendämmerung breitete sich langsam über die Landschaft aus, schon begann die Sonne den Nebelschleier zu durchbrechen, der über dem Flusse lag, als zwei menschliche Gestalten in geringer Entfernung von dem Eichenwäldchen sichtbar wurden: ein zierlicher junger Mann und ein schlankes Mädchen, frisch und lächelnd, aber nicht ganz ausgeschlafen. Das Pärchen nahm zärtlichen Abschied. Der Mann bestieg das Pferd, welches er an der Rechten führte, und eilte in scharfem Trabe weg wie einer, der Eile hat. Das Mädchen folgte ihm eine Weile mit den Augen, dann dehnte und streckte es sich und band ein blaues Tuch um den Kopf, denn sie war barhaupt mit zwei langen, herabhängenden Zöpfen. Bei diesen Zöpfen packte sie Amaro, indem er ihr mit ihrem eigenen Tuche den Mund verstopfte und ihr mit drohender Stimme zurief:

»Wenn du muckest, bring ich dich um!«

Sie stiegen eine Weile bergauf, die Erbtochter voran, Amaro, der das Gekreisch der Dirne erstickte und ihr die Arme festband, hintendrein. In Wahrheit leistete die kleine Näherin zwar wütenden, doch nur schwachen Widerstand; ihr zartes Körperchen machte Amaro wenig zu schaffen. Er begnügte sich, ihr die Kinnladen zu pressen, damit sie nicht beiße, und die Hände, damit sie nicht kratze.

Sie mochten so etwas wie eine Viertelmeile gegangen sein und befanden sich auf einer öden Lichtung, begrenzt von schwarzen Felsen, zu deren Füßen der stumme Sil dahinrollte. Da hielt die Erbtochter an, wendete sich um und betrachtete einen Augenblick ihre Nebenbuhlerin. Die Näherin besaß eines jener zarten Gesichtchen, welche die Bauern Gnadenbilder nennen, die von Wachs geformt zu sein scheinen; im Augenblicke glich sie einem solchen noch mehr infolge ihrer tödlichen Blässe. Gleichwohl belebten sich, als der Blick der beleidigten Gattin auf sie fiel, ihre Züge, und ihre Pupillen entluden einen Strahl triumphierenden Hasses, als wollten sie sagen: Du kannst mich töten; aber vor einer halben Stunde ruhte dein Gatte in meinen Armen. – Mit diesem Aufleuchten traf ein Aufblitzen von Gold zusammen, ein Glanz, den die aufgehende Sonne von den kleinen Ohren her zurückwarf: Es waren die Ohrgehänge, das Geschenk Camilo Balboas. Die Erbtochter fragte mit rauer und dumpfer Stimme:

»War es mein Mann, der dir diese Ohrringe gegeben hat?«

»Ja«, antworteten die funkelnden Vipernaugen.

»Nun ich, ich schneide dir die Ohren ab«, entschied die Erbtochter, ihre Hand ausstreckend.

Und Amaro, der weder taub noch lahm war, zog sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den Zähnen und zückte es. … Ein Schrei des Entsetzens und der Todesangst … und noch einer …

»Soll ich sie in den Sil werfen?«, fragte der Milchbruder, das ohnmächtige, blutbedeckte Opfer hoch emporhebend.

»Nein, lass sie hier. … Eilen wir jetzt zu unseren Pferden.«

Und sie stiegen den Berg hinab, ohne den Blick zurückzuwenden.

– – – – – – – – – – – –

Von der hübschen Näherin weiß man, dass sie sich niemals öffentlich zeigte, ohne ein stark ins Gesicht gezogenes Kopftuch; von Camilo Balboa, dass er seiner Frau keine Streiche mehr spielte, oder wenn er es tat, sie geschickt zu verheimlichen wusste; und von jener Verschwörung, die in Resende geplant wurde, dass ihre Taten der Geschichte nicht überliefert worden sind.


Textnachweis
Aus: Die Presse, 3. Januar 1894, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Spanischen; Übersetzer*in unbekannt.

Titelbild
Detail aus: Rosa Bonheur, Weißes Pferd, 1866

Die Jula

von Dorothee Goebeler (1867–1945)

Es hatte niemals zu vermieten brauchen, das kleine, feine Fräulein Medenwald, so bescheiden die paar Zinsen auch waren, die ihm Vaters Ersparnisse zur Verfügung stellten; so sehr es sich damit einrichten hieß, das bescheidene Altjungfernheim hatten sie doch erhalten helfen. Aber nun – in diesen harten Zeiten! – Es blieb nichts anderes übrig, man musste sich einschränken. Das kleine Fräulein Medenwald seufzte und ließ den Kopf hängen. Es war ihr nicht um das Engerwerden, sie war auch mit einem Stübchen zufrieden, aber was für einen Menschen bekam man nun in das Haus? Es gab doch heute zu gräuliches Volk, und die Männer waren womöglich Hochstapler und lagen mit den Stiefeln auf dem Sofa oder bekamen – Besuch. Fräulein Medenwald errötete schon, als sie nur an den »Besuch« dachte – und die Damen stellten die Brennmaschine auf die Tischdecke und wollten Taschentücher in der Küche waschen, in ihrer blitzblanken, kleinen Puppenküche.

Fräulein Medenwald warf die fünfhundertsiebenundzwanzig Angebote, die auf ihr Inserat eingelaufen waren, zum zwanzigsten Mal durcheinander und entschloss sich doch, dem Herrn zu antworten, der ein Zimmer für eine junge Landsmännin suchte.

Er kam schon am Nachmittag und entsprach ganz dem Eindruck, den sein Brief gemacht. Ein sehr würdiger und offenbar vornehmer Herr. Er hatte einen Gehpelz und eine dicke, goldene Uhrkette, sein Haar war schon ein bisschen angegraut; er sprach sehr nett und vertrauenerweckend – und das Zimmer wollte er für die Jula.

»Wohl eine Nichte?«, fragte Fräulein Medenwald.

Er schien die Frage zu überhören oder war doch so in seine Erklärungen vertieft, dass er hastig weitersprach. »Ja, also die Jula!« Sie war eine Landsmännin und erst achtzehn Jahre und sollte etwas lernen in Berlin oder sich sonst eine Stellung suchen. Es wäre ihm gerade recht, wenn sie bei einer netten, alten Dame unterkäme – und hier sei die Miete, gleich auf zwei Monate voraus.

Es waren nicht nur die paar Tausendmarkscheine, die Fräulein Medenwald in die Augen stachen, es war das Ganze, das ihr gefiel. Ein junges Mädel sollte sie bekommen, so ein nettes, liebes Ding, das fremd war in der großen Stadt, das man ein bisschen huscheln und hätscheln und bemuttern konnte. Das war reizend; sie hatte ja niemals etwas zum Bemuttern gehabt. Oh, das Kind sollte es gut bei ihr haben, der »Herr Onkel« konnte ruhig sein – liebhaben würde sie das Kind. Ihre guten, alten Augen leuchteten.

Und also kam die Jula. – Fräulein Medenwald hatte geglaubt, »der Onkel« würde sie bringen; sie kam aber merkwürdigerweise allein. Fräulein Medenwald bekam unwillkürlich einen Schreck. Nein, wie ein Kind sah sie eigentlich gar nicht mehr aus. Sehr elegant war sie, mit dem dicken Opossumkragen, dem feinen Lederhut, dem schicken Kostüm und den Seidenstrümpfen, die dünn wie ein Hauch die schlanken Beinchen umspannten. Nett und freundlich war sie ja und hatte auch ein liebes Gesichtl und wunderhübsche Augen; aber diese Haare! Nein, gab es denn solch ein Weißblond überhaupt? Fräulein Medenwald war innerlich ganz aufgelöst. Mit Hätscheln und Bemuttern anzufangen, kam ihr gar nicht erst in den Sinn. Sie fragte nur, was Fräulein Jula denn nun zum Abend wünsche. Sie hatte schon von einem netten Plauderstündchen am Teetische geträumt und zum Empfange für »das Kind« sogar ein paar Plätzchen gebacken. Aber »das Kind« wünschte nichts, es wollte nur rasch ein bisschen Toilette machen und würde dann ausgehen. Es würde überhaupt abends immer ausgehen. »Abends – immer – ausgehen?« Fräulein Medenwald staunte. Sie war als Mädchen von achtzehn Jahren abends niemals ausgegangen, – aber die Jula wollte wohl zu Verwandten? Wohl zu dem Onkel?

»Zu welchem Onkel?«, fragte die Jula.

»Nun, zu dem, der das Zimmer für Sie gemietet hat!«

»Ach, zu dem!« Die Jula lächelte. »Ja, zu dem gehe ich natürlich auch!«

Fräulein Medenwald wollte wach bleiben, bis das Kind nach Hause kam. So ein junges Ding, die erste Nacht im fremden Haus, es würde sich doch freuen, wenn es noch ein freundliches Wort zur Guten Nacht bekam. Fräulein Medenwald wartete. Sie saß in der Sofaecke und zählte die Stunden – aber auf einmal waren die Stunden weg und Fräulein Medenwald auch, und als sie fröstelnd hochschreckte, weil draußen die Korridortür ging, da rief der Kuckuck in der Uhr gerade vier Mal. Fräulein Medenwald war ein bisschen entrüstet. Um vier Uhr nach Hause zu kommen, gehört sich das für solch ein Kind? Aber freilich, wenn die Verwandten und der Onkel dabei waren – –!

Sie schlief sehr lange – die Jula. Mittag war schon längst vorüber, als es sich in ihrem Zimmer rührte, und als Fräulein Medenwald anklopfte und fragte, ob sie denn noch Frühstück bringen sollte, lag das Kind noch im Bett. Es sah übrigens jetzt wirklich aus wie ein Kind. Mit dem aufgelösten Wuschelhaar, das lockig um das rotgeschlafene Gesichtchen hing, konnte man die Jula kaum für siebzehn halten. Fräulein Medenwalds mütterliches Herz wallte wieder über. Nun sollte das Kind aber auch die Plätzchen kosten, die sie gestern zu seinem Empfange gebacken.

Das Kind besah sich die Plätzchen, gähnte und sagte: »Sehr nett, aber lassen Sie man, ich hab mir was zum Frühstück mitgebracht«, und dann nahm es ein Paket vom Nachttisch und packte aus. Nein, was kam da heraus! Butter und Käse in Stanniol und feine Schlackwurst – Fräulein Medenwalds Augen wurden immer größer. Sie wusste schon seit Monaten nicht mehr, wie Wurst und Butter aussahen.

Die Jula aber verzog den Mund und sagte: »Och nee! Jetzt hat er mir schon wieder Schlackwurst einpacken lassen; ich wollte doch Leberpastete haben, – no, der kriegt’s ja! Da, essen Sie man – ich mag das Zeug nicht!« Sie schob Fräulein Medenwald die Wurst hin.

Es war mit einem Male eine Stimme in Fräulein Medenwald, die sagte sehr bestimmt: Hände weg! – Aber wenn man monatelang nichts anderes als Brot mit Margarine gegessen hat! – Und wenn es der Onkel dem Kinde mitgegeben hatte, denn von einem »Er« hatte es ja doch gesprochen. – Fräulein Medenwald ließ sich die Wurst schmecken.

Sie war eigentlich eine sehr bequeme Mieterin, die Jula. Zum Huscheln und Hätscheln kam man zwar wirklich nicht, aber sonst lebte es sich ganz angenehm mit ihr. Sie schlief bis Mittag, ging aus und kam erst spät in der Nacht oder früh am Morgen heim; immer brachte sie etwas zu knabbern mit, Schokolade und Pralines oder einmal einen Hühnerflügel, ein Büchschen Mayonnaise; sie war entschieden gutmütig. Sie sagte: »Essen Sie nur – ich habe es vom – Onkel.« Mit einem allerliebsten Kichern sagte sie das. Also, wie gesagt, Fräulein Medenwald konnte zufrieden sein.

Und dennoch!

Dennoch war da etwas, das rumorte in Fräulein Medenwald und rumorte jeden Tag lauter. Sie ging durch das Zimmer der Jula und schüttelte den Kopf. Nein, was hatte das Kind für Flaschen und Fläschchen und Döschen auf dem Toilettetische. Der ganze Raum roch nach allen möglichen Parfüms, und Cremes gab es und Salben und Puder – wahrhaftig, das Kind schminkte sich und hatte einen Stift zum Zeichnen der Augenbrauen. Fräulein Medenwald war entsetzt.

Fräulein Medenwald wurde noch entsetzter – sie fand auf Julas Nachttisch ein modernes Witzblatt. Nein, dieses Witzblatt! Fräulein Medenwald sank in einen Sessel und war sprachlos.

In Fräulein Medenwald erwachten mit einem Male Gewissensbisse. Sprach sie denn wohl auch die Wahrheit, wenn sie immer erzählte, sie sei mit den Verwandten zusammen bis spät in die Nacht? Wenn sie nun auf schlechte Wege geriet, die Jula? Schließlich war sie doch wirklich noch ein Kind, und der Onkel hatte sie ihr anvertraut, sie hatte ihm versprochen, über das Kind zu wachen. Ob man dem Onkel einmal vertraulich einen Brief schrieb? Er müsste es ja doch wohl hoch aufnehmen, wenn er sah, wie sie sich um das Kind ängstigte, selbst wenn die Angst unberechtigt war. Oder ob man selber zu ihm ging?

Fräulein Medenwald entschloss sich für das Letztere. Sie hatte zwar damals nur postlagernd mit ihm korrespondiert, aber er hatte ja seinen Namen genannt: Burkhard – und die Jula hatte es auch einmal verraten, dass er Direktor an einer großen Bank sei und eine Villa im Grunewald habe. Fräulein Medenwald suchte sich die Adresse, hängte ihr altes Seidenmäntelchen um, setzte das Kapotthütchen auf und fuhr hinaus.

»Der Herr Direktor ist nicht zu Hause«, sagte der vornehme Diener, der ihr aufgetan hatte; »aber wenn Sie die gnädige Frau sprechen wollen?«

Die Tante also – ach ja! Fräulein Medenwald atmete auf, das war ja noch besser, mit einer Frau konnte man so heikle Dinge ja noch viel eingehender besprechen.

Und nun saß sie in dem eleganten Salon einer sehr eleganten Dame gegenüber und brachte ihre Sache und ihre Sorgen um die Jula vor.

Die elegante Dame, deren Haar auch schon grau war, hörte sehr ruhig zu, nur ihre Finger zuckten etwas nervös hin und her, dann aber stand sie mit einem Male kerzengerade vor Fräulein Medenwald und sagte kühl und mit einer entlassenden Handbewegung: »Es ist sehr menschenfreundlich, liebes Fräulein, dass Sie sich dieses – Kindes annehmen wollen, aber es liegt hier ein Irrtum vor: Weder mein Mann noch ich haben eine Angehörige, die Jula heißt.«

Fräulein Medenwald war sprachlos. Sie sollte noch viel sprachloser werden. In dieser Nacht kam die Jula überhaupt nicht nach Hause. Fräulein Medenwald stand in dem leeren Zimmer vor dem leeren Bett. Ja, was war denn nun? War das Kind verunglückt? Was war dem Kind passiert? Da flog draußen die Korridortür mit einem Krach, dass das Haus bebte. Da ging die Stubentür auf, da stand vor ihr die Jula mit wutverzerrtem Gesicht und schrie: »Sie! Na, das is ja gut, dass ich Sie gleich treffe! Also so eine sind Sie! Da laufen Sie raus nach’m Grunewald und verklatschen meinen ollen Knopp und mich bei seiner eifersüchtigen Ollen? Retten wollen Sie mich? Sagen Sie mal, sind Sie nu jemein oder bloß dämlich? Na, jedenfalls sind wir fertig mit Ihnen und Ihrer Bude. Her mit meine Sachen und denn – raus!«

Sie war in der Tat sehr schnell hinaus, die Jula. Aber Fräulein Medenwald saß in ihrem Zimmerchen und schluchzte und weinte: »Erst – das Kind! Und nun so eine! – Und in meinem Haus – in –«

Und dann mit einem Male in Tönen höchster sittlicher Wut: »Und von dem – Onkel seiner Wurst – hab’ ich noch mitgegessen!«


Textnachweis
Aus: Arbeiterwille, 23. Nov. 1922, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Suzanne Valadon, Die verlassene Puppe, 1921

Reisegefährten

von L. Andro (1878–1934)

Gerade als Bertha ein kleines Halbcoupé zweiter Klasse durcheilen wollte, um in den überfüllten Waggons nach einem Platz zu suchen, setzte sich der Zug in Bewegung.

Unschlüssig blieb sie stehen. Sie wusste nicht, ob sie hier werde bleiben können, denn ihre Karte lautete auf dritte Klasse. Aber der Kondukteur, der eben den Kopf zum Fenster hereinsteckte, beruhigte sie, die dritte sei sowieso überfüllt, er werde sie verständigen, wenn drüben ein Platz frei werde. So legte sie ihre kleine, etwas schäbige Handtasche hinauf ins Netz, setzte sich an einen Fensterplatz – den anderen hatte schon ein Herr inne, der einzige Passagier im Coupé außer ihr – und ließ sich’s wohl sein.

Sie freute sich, dass sie auch einmal zweite Klasse fahren durfte. Das Leben hatte sie nicht verwöhnt. Waise eines Postkontrollors, Kleinkinderbonne – ein glänzendes Los war das nicht. Ihr Traum war’s, noch einmal das Lehrerinnenexamen zu machen – das würde ihr eine andere Stellung vor der Welt geben; denn sie war ehrgeizig und hielt etwas auf Bildung. Ihr winziges Köfferchen war schwer von den Klassikerausgaben, die sie immer mit sich führte.

Jetzt fuhr sie nach Prag, wo sie eine neue Stellung bei einem Advokaten antreten sollte – und wieder war ihr Kopf voll von Luftschlössern, Jane-Eyre-Träumen, wie jedes Mal, wenn sie in ein neues Haus eintrat. Erfüllt hatten sich ihre Wünsche nie, aber sie glaubte und hoffte weiter. Und doch hätte sie das Leben schon kennen dürfen. Mehr als eine gute Stelle hatte sie wegen allzu großer Liebenswürdigkeit irgendeines männlichen Familienmitgliedes verlassen müssen. Man hatte ihr oft die unzweideutigsten Anträge gemacht – aber heiraten hatte sie noch keiner wollen.

Manchmal war sie ihres Lebens herzlich müde und dachte: »Es muss ja kein Prinz sein und kein Lord und kein Pair von England – wirklich nicht! Wenn er mich nur liebhat und ein ordentlicher Mensch ist und mich erhalten kann.« – – Und sie malte sich ihr zukünftiges Leben mit einem solchen Manne aus, und ein Häuschen irgendwo im Grünen spielte eine große Rolle dabei, mit etwas Vieh und einer Milchwirtschaft – denn sie hatte die ungestüme Sehnsucht des Stadtkindes nach dem Lande. Aber das schien bisher fast ebenso unerreichbar für sie zu sein wie der Pair von England.

Sie fuhren über die weite, fruchtbare Ebene des Marchfeldes. Es war ein grauer Tag, auf vielen Feldern standen schon die Stoppeln. Bertha fröstelte. Sie fing an, sich zu langweilen, zu sehen gab es auch gar nichts. Ihr Blick fiel auf eine Zeitung, die der Herr vis-à-vis eben aus der Hand gelegt hatte. Dieser bemerkte ihren Blick und reichte ihr das Blatt höflich dar, worauf sie dankte. Dann begann sie zu lesen.

Nach Frauenart studierte sie zunächst die Überschriften der Absätze: Versetzung des Erzherzogs Hermann Eduard – Brand – Hinrichtung – die Wahlen – vom Wetter. Das interessierte sie nicht übermäßig. Sie begann ihr Gegenüber verstohlen hinter dem Blatte zu beobachten.

Es war ein mittelgroßer, sehr stämmiger Mann von etwa vierzig Jahren, dem man wohl riesige Körperkräfte zutrauen durfte, dessen rotes, dickes Gesicht aber einen eher gutmütigen Eindruck machte. Die kleinen schwarzen Augen blickten angespannt und fast sorgenvoll. Er war mit einer Sorgfalt gekleidet, die eigentlich zu seiner Erscheinung nicht passte, trug erlesene Wäsche und einen eleganten Salonrock, ein tadelloser Zylinder lag neben ihm. Er hatte ganz neue schwarze Handschuhe an, doch wurde Bertha die Empfindung nicht los, dass die Hände darunter rot, derb und fleischig sein müssten.

Zunächst blickte er unverwandt durch die Fensterscheiben, dann begann er seiner Nachbarin etwas Aufmerksamkeit zu schenken. Schließlich fing er eine Unterhaltung an.

»Wenn Fräulein vielleicht lieber eine illustrierte Zeitung lesen …« Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus der Brusttasche. Man merkte, er sprach wienerisch, wollte sich aber zu einem tadellosen Hochdeutsch zwingen.

»Nein, danke«, sagte Bertha rasch. »Ich sehe sowieso zum Fenster hinaus.«

»Die Gegend ist nicht interessant«, meinte er. »Und bis wir nach Prag kommen, ist es schon finster. Fräulein fahren auch nach Prag?«

Sie nickte.

»Schöne Stadt!«, sagte er. »Ich kenne sie mehr vom Hörensagen. Ich zwar schon zweimal dort gewesen, aber immer nur beruflich; da hat man nicht viel Zeit, sich etwas anzuschauen. Die jungen Damen, die zu ihrem Vergnügen reisen, haben’s da schon besser.«

»Ich bin nicht zu meinem Vergnügen dort«, sagte Bertha. »Ich gehe in Stellung.«

»O …!« Er war überrascht. »Und wenn ich fragen dürfte, in welcher Stellung sind Fräulein?«

»Erzieherin«, sagte Bertha etwas zögernd. Es war ja gelogen, weil sie doch nur Bonne war. Aber es klang so schön …

Das Wort verfehlte auch seine Wirkung auf ihn nicht. »Erzieherin!«, sagte er mit sichtlichem Respekt. »Das muss ein herrlicher Beruf sein!«

»Gewiss«, meinte Bertha mit Selbstbewusstsein. »Es gibt nichts Edleres, als die Jugend gedeihlichen Zielen zuzuführen.«

Er blickte sie bewundernd an. »Ha, so die Bildung, das ist freilich schön. Wer nur auch so zufrieden wäre! …«

»Sind Sie’s nicht?«

»Ja … wissen Sie … ich bin … ich bin bei Gericht … angestellt … das ist schon nicht so schön …«

»Es ist aber doch eine edle Aufgabe für die menschliche Gerechtigkeit einzustehen«, sagte sie und wunderte sich selbst, wie prächtig ihr die Worte von den Lippen flossen.

»Schon … schon …«, brummte er nachdenklich. Dann nach einer Weile: »Ich hab’ mir noch gar nicht erlaubt, mich Ihnen ergebenst vorzustellen.« Er stand auf und präsentierte eine riesige Visitenkarte: »Josef Rössel.«

»Bertha Rauscher«, sagte sie, der sein Name gar nichts sagte. »Ich habe zwar keine Visitkarte bei mir, aber Sie werden mir’s hoffentlich auch so glauben.«

»Und so ein junges Fräulein lässt man schon allein in die Welt hinaus!«, meinte er nachdenklich.

»Ja, was will ich machen? Die Eltern sind früh gestorben, da sind wir halt bei Verwandten herumgestoßen worden, bis wir uns allein haben erhalten können. Ich bin seit sechs Jahren – seit meinem sechzehnten Jahre – in Stellung.«

»Und sonst haben Sie gar niemanden?«

»Einen Bruder hab’ ich gehabt – ein Jahr älter als ich. Der ist vor drei Jahren gestorben – vom Gerüst gestürzt … Dekorationsmaler war er. Sie haben mich ins Spital geholt, wie das Unglück geschehen war – aber er hat mich nicht mehr erkannt. Nur seine Todeszuckungen hab’ ich noch gesehen, das war furchtbar … Waren Sie schon einmal dabei, wenn einer gestorben ist?« – Sie fuhr in der Erinnerung schaudern zusammen. Er schauderte mit. Dann stand er auf und schloss das Fenster. Wie ein Hauch des Todes hatte es sie beide getroffen.

Dann schwiegen sie. Es war ganz finster draußen, man konnte nichts mehr sehen als hie und da den Schein einer trüben Laterne, der draußen vorüberzuhuschen schien. Der Zug raste an kleinen, schlecht beleuchteten Stationshäusern vorbei, an denen das Weinlaub welk und fetzig herunterhing.

Nach einer Weile nahm er das Gespräch wieder auf: »Ich bin auch ganz allein.«

Sie nickte nur. Er fragte weiter: »Fräulein sind auch aus Wien?«

»Ja. Und Sie?«

»Auch. Das heißt, wohnen tu ich dort nicht. Ich hab’ ein kleines Haus in Mariendorf – an der Franz Josefs-Bahn. Sie werden gewiss schon dort gewesen sein. Ich hab’ natürlich Telefon in die Stadt. Aber für gewöhnlich wohn’ ich immer draußen. Ich mag die Stadt nicht.«

»Ich auch nicht«, sagte Bertha lebhaft. »Schön muss das sein, so am Land! Denken Sie, ich war noch nie so recht draußen, nur einmal einen Sommer mit einer Familie in Pörtschach und einmal in Ischl. Aber das Richtige ist das doch nicht. Das denke ich mir so herrlich, ein kleines Haus und einen Garten und Vieh …«

»Hab’ ich alles«, nickte er. »Eine Kuh und Geflügel und zwei Ziegen. Ich hab’ die Viecher gern. Lieber wie die Menschen.«

»… Sie haben’s gut«, sagte Bertha nach einer Weile.

»Auch nicht so gut, wie Sie meinen«, sagt er, und sein Gesicht nahm wieder den bekümmerten Ausdruck an, der ihr anfangs schon aufgefallen war. »Man ist doch sehr allein. So die Abende … das ist halt fad.«

»Gehen Sie nicht ins Wirtshaus?«

»Ja … das heißt … die Bauern haben doch eine gewisse Scheu vor einem … man ist doch anders …«

»Lesen Sie nicht?«

»Sie sind ein gebildetes Fräulein, Sie können sich nicht vorstellen, wie das ist, wenn man keine gute Erziehung bekommen hat. Ich hab’ als Fleischhacker angefangen. Aber ich beneide die gebildeten Leute … o, ich beneide sie sehr …«

»Ist auch nicht so viel zu beneiden …«

»Sie haben aber doch so einen schönen Beruf …«

»Auch nicht so schön, wie er ausschaut. Die Kinder, die nicht folgen … und die Frauen, die mit einem herumschreien … und die Männer, die …«, sie wollte sagen: »die einen sepieren und oft um sein bissel Brot bringen.« Sie schwieg aber doch lieber.

»Aber es ist doch ein geachteter Beruf«, sagte er. Sie lachte grell auf. »Geachtet! Ein Dienstbot’ ist man, nur schlechter gezahlt!« – Es schien ihr plötzlich ganz überflüssig, ihr Dasein als ein beneidenswertes hinzustellen.

Nach einer Weile sagte er:

»Sie sind noch so jung. Da kann das Glück schon noch kommen.«

»Was soll denn kommen? Aus einem Haus ins andere wird man gehetzt, bis man alt und krank ist und einen niemand mehr will.«

»Sie können doch zum Beispiel heiraten?«

»Ja, wer ein armes Mädel schon so nimmt!« Der Pair von England erschien ihr plötzlich als ein dummes Hirngespinst.

»Ich bin auch allein«, sagte er leise. »Verwandte hab’ ich keine mehr, und die anderen Menschen – die finden sich nicht mit mir zurecht, und ich mich nicht mit ihnen.«

Sie schwiegen beide. Der gleiche Gedanke, der sie vielleicht schon lange beherrscht hatte, kam ihnen plötzlich zum Bewusstsein. Sie dachte: Ein Lord ist er zwar nicht, wie ich mir’s vorgestellt habe – aber er schaut gutmütig aus und scheint in guten Verhältnissen – und ein Häusel am Land hat er auch. Und er dachte: Sie ist jung und hübsch und gesund und hat etwas gelernt, und aufs Geld seh’ ich ja nicht. Und beide sahen sich an und beide senkten die Augen.

»Fräulein Bertha«, sagte er endlich, »ich darf doch Bertha sagen … so ein lieber Name … Sie kennen mich nicht … ich weiß, es ist eine große …« Er suchte ein Wort und fand endlich ein schönes: »Kühnheit! … Aber Sie können sich nach mir erkundigen … in Mariendorf an der Franz Josefs-Bahn. Die Rössel sind schon seit meinem Großvater dort ansässig – auch in Wien wird man Ihnen die beste Auskunft geben – beim Landesgericht …«

»Sie können sich auch nach mir erkundigen«, sagte Bertha leise. »Der Oberlehrer Rauscher in der Webgasse ist mein Onkel – ich bin aus einem guten Hause«, fügte sie nicht ohne Stolz hinzu. »Mein Vater war Postkontrollor.«

»Ich weiß … ich hab’ mir immer eine feine Frau gewünscht … ich kann Sie auch erhalten, ich steh’ mich mit dem Häusel und alles in allem auf dreitausend Gulden jährlich … wenn es ein gutes Jahr ist, können es auch viertausend werden.«

Er streckte ihr die Hand hin. »Fräulein Bertha … wenn Sie Ja sagen möchten …«

»Das kann ich doch nicht«, sagte sie schämig. »Wo wir uns doch so wenig kennen …«

»Aber Sie geben mir Hoffnung für später?«, beharrte er dringend. Da legte sie ihre Hand in seine, die immer schwarz behandschuht war.

Und sie blieben eine Weile so Hand in Hand und schwiegen. Er dachte: »Keine Einsamkeit mehr!« – Und sie dachte: »Nicht mehr herumgestoßen von einem Haus ins andere!« – Und beiden war es, als sei plötzlich ein großes Glück gekommen.

Dann machten sie Zukunftspläne. »Einen Garten hab’ ich auch; da war aber bis jetzt nur Gemüse drin. Jetzt werd’ ich aber auch Rosen und Hollerstauden setzen lassen.«

»Und in die Stadt werden wir doch auch manchmal fahren, ins Theater«, bat sie.

»Alles«, sagte er zärtlich, »alles, was Sie wollen. Aber ich hätt’ noch eine große Bitte, Fräul’n Bertha.«

»Was denn?«

»Einen Kuss – wo wir doch so gut wie versprochen sind.«

Sie lächelte. Mancher hatte sie schon brutal an sich gerissen. Aber so schüchtern war sie noch nie gebeten worden. Sie hielt ihm die Lippen hin.

Er neigte sich mit einem heiligen Respekt darüber und berührte sie kaum. »So ein Glück«, flüsterte er. »Ein bissel Freude zu Hause … nach dem schrecklichen Beruf …«

»Warum schrecklichen Beruf?«, fragte sie. »Sie sind doch bei Gericht? Das ist doch nicht so schrecklich?«

»Schon … schon …«, sagte er trübe. »Schon schrecklich …«

»Was sind Sie denn?«, fragte sie. »Warum geben Sie mir keine Antwort? … Warum wollen Sie mir nicht sagen, was Sie sind?«, rief sie von plötzlicher Angst erfasst. »So reden Sie doch! Was sind Sie?«

Er wendete sich ab. »Scharfrichter«, sagte er leise.

Mit einem grellen Aufschrei machte sie sich los von ihm und stürzte auf den schmalen Korridor hinaus. Mit klopfendem Herzen und hochaufwogender Brust blieb sie stehen.

Das ganze Gespräch zog wieder an ihr vorüber. Und jetzt entsann sie sich auch, dass sie in der Zeitung von einer am nächsten Tage in Prag stattfindenden Hinrichtung gelesen hatte. Darum fuhr er hin. Und diese entsetzlichen Hände in den schwarzen Handschuhen, die sie berührt hatte!

Schon seit ihrer Kindheit hatte sie dieses furchtbare Grauen vor Hinrichtungen gehabt. Wenn sie in der Zeitung las, dass am nächsten Tage eine Exekution stattfinden sollte, konnte sie die ganze Nacht nicht schlafen. Und je näher die Stunde heranrückte, desto deutlicher sah sie das entsetzliche Bild vor sich; so genau sah sie es, so deutlich hörte sie das Läuten des Totenglöckleins, dass es ihr war, als hätte sie das alles in einem früheren Leben schon miterlebt. Alles sah sie vor sich, den düsteren Hof des Landesgerichtes, in dem sie doch nie gewesen war, das fahle, angstverzerrte Gesicht des Delinquenten, und wie das aufgestellte Militär den Todgeweihten grüßte. Und wie das Urteil verlesen wurde und die Henkersknechte ihn packten und zum Galgen schleppten. Und der Henker waltete seines Amtes, und sie hörte das Knacken des zerbrechenden Genicks …

Und immer wilder wurde ihr Entsetzen, als sei es der Tod selbst gewesen, der sie berührt hatte. Der Tod, der schwarze Handschuhe auf seinen verfluchten Händen trug und einen neuen Zylinder hatte. Der seinen Beruf nicht liebte, es in einem »guten« Jahr aber doch auf viertausend Gulden bringen konnte. Und das Grauen kroch an ihr hinauf und machte ihre Zähne klappern, und sie überlegte ernsthaft, ob sie sich wohl schwer verletzen würde, wenn sie aus dem fahrenden Zuge sprang …

Die Lokomotive pfiff, Lichter wurden sichtbar, die hunderttürmige Stadt tauchte auf. Langsam fuhr der Zug in die Bahnhofshalle. Der Reisegefährte saß drin im Coupé, still und traurig, und sprach kein Wort. Nur als Bertha mit abgewendetem Gesicht ihre Handtasche vom Netz nahm, wollte er ihr helfen; aber sie wich mit Entsetzen zurück. Ohne sich umzublicken, stieg sie aus.

Draußen wurde sie von einer kleinen mageren Dame angesprochen, die Berthas Erscheinung mit einer Photographie verglich, die sie in der Hand hielt: »So, Sie sind also Fräulein Rauscher! Nach dem Bilde hätte ich gedacht, dass Sie älter sind. Übrigens habe ich erwartet, dass Sie schon mit dem Frühzug kommen. Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass mir so etwas nicht wieder vorkommen darf. Unpünktlichkeit dulde ich in meinem Hause nicht …« Ihre scharfe Stimme verlor sich in der Menge.

Der Reisegefährte blickte den beiden Gestalten traurig nach, bis sie verschwunden waren. Dann ließ er sein Gepäck zu einem Wagen bringen und fuhr in das zweitbeste Hotel der Stadt.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung (Morgenblatt), 30. März 1905, S. 1–3 [Erstdruck, in: L. Andro, Die Augen des Hieronymus, Berlin 1905]. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Landschaft mit Viadukt, 1890

Vor dem Sturm

von Maryla Wolska (1873–1930)

Die Zeit ist so müde, die Winde wehklagen,
Es schreiten mit Sicheln die Schnitter einher;

Ich habe so manches, so viel dir zu sagen,
So vieles und alles, vielleicht auch noch mehr …

Es naht ein Gewitter, es blitzt in der Höhe!
Ein Sturm wird die Nacht nach den Gluten durchwehn;

Ich möcht in die Seele dir schaun aus der Nähe,
Doch trau ich mich kaum in dein Antlitz zu sehn …

Es fallen schon Tropfen! Und rings auf den Auen
Erbeben die Blumen und müd liegt das Feld.

Und in deinen Augen tief ist nun zu schauen
Der fernen Verheißungen göttliche Welt …


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Aus: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 25. Dez. 1908, Weihnachts-Beilage, o. S. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Kornfeld

Ferrier

von Helene Raff (1865–1942)

[Contentwarnung]

Ein kleiner Badeort an einer französischen Küste. Alles, was man ansah, hatte einen gewissen Miniaturmaßstab: winzige bunte Häuschen am Strande und auf dem mäßig ansteigenden Geklipp – von zwergenhafter Zierlichkeit das Kasino, wo die Konzerte und Réunions stattfanden. Wie aus einem Baukasten herausgenommen wirkte auch die Kirche, die am Ende des Badedorfes lag, von einem kleinen sandigen Friedhof umschlossen. Gras und Pflanzenwuchs gedieh hier nur kümmerlich. Die Gräber, eng aneinandergerückt, gewährten einen unsäglich schlichten und kahlen Anblick. Ihren Hauptschmuck bildeten die Totenkränze aus verschiedenfarbigen Perlen, die kurze ergreifende Inschriften trugen: »A mon mari« – »A mon fils« – »Au revoir« – und Ähnliches.

Hier sah man bisweilen die dunkel gekleideten Fischerfrauen, deren Männern man unten am Strande begegnete: ein ernster, zurückhaltender Menschenschlag, luftgebräunt und kräftig, voll höflichen Misstrauens gegen die Fremden, die von ihnen als Einnahmequelle zugleich und als notwendiges Übel betrachtet wurden.

Das Badepublikum bestand zumeist aus Franzosen, Parisern wie auch Provinzlern. Wir Ausländer – ein paar Deutsche und Engländer – befanden uns in der verschwindenden Minderzahl.

Von 10 Uhr des Morgens an lagerte diese bunte Schar am Strande, lachte, plauderte, medisierte – die Damen in eleganter Frühtoilette, die Herren in weißen Anzügen und Mützen. Besonders lebhaft ging es bei den Badehütten zu: Fortwährend kamen abenteuerliche Gestalten im langen, bis auf die Füße reichenden Bademantel herausgeschlüpft, um sich angesichts von hundert Augen dem Meere zu überantworten. Am äußersten von der Flut gesicherten Kiesfleck wurden die Mäntel abgestreift, und dann hieß es: hinein in die wogende Unendlichkeit! Ein Unternehmen, wozu das zärtere Geschlecht kaum den Mut gehabt hätte ohne den Schutz des Baigneurs, der hergebrachtermaßen die Damen geleitete.

Dies hilfreiche Amt versah unter anderen ein stämmiger, blonder Seebär mit rötlicher Gesichtsfarbe und sehr hellen Augen. Wie eine sorgsame Bonne hielt er die feinen Zappelpüppchen, die sich in ihren luftigen Badeanzügen recht kläglich dem majestätischen Element gegenüber ausnahmen, an der Hand und stapfte mit ihnen den andringenden Wogen entgegen. Er warnte davor, dem Anprall das Rückgrat zu bieten, verhütete, dass man umgeworfen wurde – und wenn man »Ah!« schrie, weil einem eine Spritzwelle ins Gesicht geklatscht hatte, tröstete er im gutmütigsten, kaum hörbar mit Malice durchsetzten Ton: »Ça vous fera du bien, mademoiselle!«

Sonst konnte unser Ferrier – so hieß er – keineswegs für gewitzt oder durchtrieben gelten; in seinem Wesen war die unverkennbare Kindlichkeit, die starken Menschen so oft eigen ist, und die etwas Deutsches hat.

Dieses Urbild körperlicher und geistiger Unanfechtbarkeit, das halbe Tage lang ohne Schaden barbeinig im Wasser stehen konnte, unterlag nur einer einzigen Schwäche. Niemand würde geglaubt haben, dass Ferrier, der Nüchterne, Gesetzte, zeitweilig trank – hätte nicht seine Frau, die Feinwäscherin war, es ihren Kundinnen heimlich vertraut. Er trage ein gutes Teil seines Verdienstes dorthin – sie deutete nach der Richtung einer von den Strandleuten bevorzugten Kneipe. Man solle nur um Gotteswillen nichts darüber sagen: Wenn ihr Mann in Zorn gerate, sei er comme un furieux.

Die kleine Madame Ferrier verhehlte, wer ihn dazu trieb, wer ihn manchmal so rasend machte, dass er zum Alkohol seine Zuflucht nahm. Nämlich sie selber.

Das niedliche, hausbackene Geschöpf im tadellosen, weißen Häubchen war ihrerseits das Opfer einer unseligen Leidenschaft – der blindesten Eifersucht. Sie hasste die Baigneurtätigkeit ihres Mannes, hasste die eleganten fremden Damen, von denen er Tag für Tag umgeben war, deren verführerische Kostüme sie obenein waschen und plätten musste. Den ermüdet Heimkehrenden quälte sie mit argwöhnischen Stichelreden, sinnlosen Vorwürfen so lange, bis sein Grimm seine Gutmütigkeit überwand und er sie durch brutale Misshandlungen zum Schweigen brachte.

»Du machst mich toll – du bist noch einmal schuld, dass wirklich etwas geschieht!« – hatten ihn die Nachbarn bei solchem Anlass schreien hören. Hernach lief er davon, ins Wirtshaus, um seinen Verdruss niederzutrinken. War ihm dies gelungen, so schlich er nach Hause, wo die beiderseitige Reue eine zärtliche Versöhnung herbeiführte. Dann bezwang sich die Frau eine Zeitlang, gab sich den Anschein vertrauender Ruhe, und er, Ferrier, betrug sich im Dienste gemessener denn je.

Sein zurückhaltendes Wesen, doppelt auffällig bei dem Angehörigen eines für Galanterie berühmten Volkes gefiel, den meisten wohl, ärgerte nur ein paar sieggewohnte Einzelne.

So zum Beispiel die Argentinierin, deren rötlich braunes Haar und biegsame Gestalt großes Aufsehen unter der Herrenwelt erregten. Einige behaupteten allerdings, ihr schon anderswo begegnet zu sein; freilich sei sie damals blond und aus Südrussland gebürtig gewesen. Diese vielseitige Schönheit kannte, wie alle Welt, Ferriers häusliche Verhältnisse und meinte mit einem spöttischen leichten Lachen, das ihre Mausezähnchen blinken ließ: Ferrier sei ein Einfaltspinsel. Seiner dummen kleinen Frau geschähe es doch ganz recht, wenn er gelegentlich aus der Rolle fiele!

Etwas anders äußerte sie sich gegen die Frau, als sie ein Päckchen gereinigter Spitzen von ihr abholte. »Seien Sie nicht töricht, ma bonne! – Ihr Mann ist ja viel zu schlafmützig, um Ihnen jemals Grund zur Eifersucht zu geben. Er hat richtiges Fischblut – man nennt ihn auch nur l’invulnérable.« – Diesen Namen hatte sie selbst ihm aufgebracht.

Der kleinen Madame Ferrier gereichte dies Zeugnis, das ein so anerkannt gefährlicher Mund ihrem Mann ausstellte, zu wirklicher Beruhigung. Ob es nun aus einer abbittenden Regung geschah – oder aus einer erziehlichen Bosheit, um ihm beizubringen, wie uninteressant die feinen Damen ihn fänden, – genug: Sie verriet ihm, was jene gesagt.

Ferrier zuckte wegwerfend die Achseln. So eine von irgendwoher – was ging sie ihn an! Aber er war keineswegs vom Lobe seiner Tugend erbaut. Es wurmte ihn, für fischblütig zu gelten, einen Spitznamen zu tragen, von dem er zuvor nichts gewusst. Er verspürte den unbestimmten Wunsch, der Argentinierin zu beweisen, dass solch ein langweiliger Fisch auch schnappen kann.

Sein Verhalten ihr gegenüber hatte von da an etwas Herausforderndes, eine Beimischung beleidigter Würde, die zu Ferriers Persönlichkeit drollig stand. Seine Widersacherin behandelte ihn ihrerseits kühl und von oben herunter, bis sie unvermerkt ihre Taktik änderte. Sie befahl ihn zu allerhand kleinen Diensten, lehnte sich fester an ihn als notwendig, und eine Art hatte sie, ihn ihre Reize sehen zu lehren – eine Art –

Ja, er lernte sie sehen! Allmählich ging mit dem Hünen eine Wandlung vor. Ein unruhiger Trübsinn bemächtigte sich seiner – er überhörte, wenn man ihn ansprach; seine Antworten klangen rau, und sein Gesicht erschien manchmal so rot und gedunsen. – – –

Ein windiger Morgen! Der Himmel war bleigrau und wolkig, das Meer voll stahlfarbiger wimmelnder Wellchen, mit weißen Schaumkämmen darauf. Nur wenige Badende hatten sich hinausgewagt – am weitesten draußen befanden sich Ferrier und die Fremde mit dem leuchtenden Haar. Da – niemand begriff das Wie – riss Ferrier die, die sich auf ihn stützte, plötzlich an sich – warf beide Arme um ihren Körper, als wollte er sie verschlingen, zerdrücken. – Ein Augenblick nur – dann hatte sie ihn zurückgestoßen, sich so heftig losgerungen, dass sie unters Wasser geriet und eine Strecke weit fortgerissen wurde. Sie wäre wahrscheinlich ertrunken ohne den Mann, der ihr nachsprang und eigener Gefahr die laut Schreiende, krampfhaft sich Sträubende in Sicherheit brachte. –

Die Kunde eines aufregenden Geschehnisses verbreitete sich rasch. Alles drängte nach der Uferstelle, wo die Argentinierin nunmehr in Weinkrämpfen lag und Ferrier regungslos neben ihr stand, triefend von salzigem Nass. Mit einem leeren hilflosen Kinderblick schaute er um sich. Mittlerweile war ein Mitglied des Badekomitees erschienen, das die Neugierigen ebenso höflich als bestimmt zurückwies: »Bien, Messieurs, je vous assure! Il n’y a absolûment rien!«

Ärgernisse und Skandale im Keim zu ersticken, gehört eben zu den Obliegenheiten jeder zielbewussten Badekommission. Die Argentinierin wurde aufgehoben und fortgeführt. – Ferrier aber war noch selbigen Tages in aller Stille seiner Funktionen enthoben. Es nützte ihm nichts, dass die wenigen Zeugen des Vorgangs so sehr als möglich zu seinen Gunsten sprachen, seine bei der Rettung der Versucherin bewiesene Tapferkeit hervorhoben. Er hatte sich eine Minute lang unkorrekt benommen. Das ließ sich nicht leugnen – und diese eine unkorrekte Minute entschied des armen großen Kindes Schicksal.

Nachdem er seine Entlassung erhalten, war er nicht nach Hause gegangen. Wie man nachträglich erfuhr, hatte er in der Kneipe gehockt, viele Stunden lang, ohne ein Wort zu sprechen. Ganze Ströme starken Getränkes hatte er hinabgeschüttet, entweder, um seine Scham und Verstörung zu betäuben, oder um sich Mut zu machen für den Empfang daheim. Endlich, da man ihm nichts mehr geben wollte, hatte er mit einem Fluche sich aufgerappelt und war davongestolpert in die Nacht hinaus.

Am Morgen aber war seine Frau umhergelaufen im flatternden Häubchen, hatte ihn überall gesucht und nichts weiter erfahren können, als dass er fortgegangen sei. Bis ihn die Flut nach ein paar Tagen ans Ufer spülte, wächsern und kalt. – Ob er in der Trunkenheit zufällig den Weg verfehlt – oder ob ein jäher Lebensekel ihn überfallen hatte, blieb unaufgeklärt.

Jedermann war erschüttert und zugleich aus tiefster Seele wider die Urheberin des Unglücks empört. Man entsann sich zu wohl, wie es ihr Bestreben gewesen, Ferrier aufs Äußerste zu reizen, und war überzeugt, dass sie ihn nur zurückgestoßen hatte der Zuschauer wegen. Die Argentinierin, von allen Kurgästen gleich einer Pestkranken gemieden, ward gezwungen, ihr Heil in schleuniger Abreise zu suchen. Aber das machte Ferrier nicht wieder lebendig.

Seine Frau mit ihren zwei Kleinen blieb nicht eben im Elend zurück, da sie leidlich vermögender Leute Kind war. Eine mitleidige Dame besuchte seine Witwe und fand sie merkwürdig ergeben. Sie weinte wohl – sie sprach von ihrem Mann mütterlich liebevoll, wie von einem durch Unvorsichtigkeit verunglückten Kinde. Aber deutlich, so deutlich, dass es die teilnehmende Besucherin fast erschreckte, klang aus dem allen ein Unterton von Triumph, als habe sie recht behalten in ihrem langen Argwohn gegen den Mann. Zugleich ein Unterton von Erleichterung: »Nun ist er sicher vor euch, ihr mit den Spitzen und Bändern, sicher vor der Versuchung. Keiner mehr kann ihn mir nehmen: Er gehört mir endlich allein!« –

Sie soll Ferriers Grab auf dem kleinen, sandigen Friedhof sehr hübsch hergerichtet haben. Ein schwarz gestrichenes Kreuz hat sie ihm gesetzt, geschmückt mit einem Kranze aus blauen und weißen Perlen, der die Inschrift trägt: »Sainte Vierge, prieze pour lui!«


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1909, Heft 33, S. 772–774. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Lilla Cabot Perry, Klippen bei Etretat


Contentwarnung: Alkoholismus, häusliche Gewalt, Suizid

Sommermittag

von Hilda Bergmann (1878–1947)

Die Erde liegt wie eine reife Frucht
In Glanz gebettet im Hochmittagsschweigen.
Die Grillen haben aufgehört zu geigen.
Allgegenwart des Lichts: Das Auge sucht
Vergeblich nach den Wolken in der Bläue,
Vergeblich nach dem Schatten in der Glut.
Jetzt musiziert das Grillenvolk aufs Neue,
Indes verborgne Lebenssäfte steigen
Und das Geschaffene in Sonne ruht.

O Meer von Leuchten! Wiegendes Getreide,
Kornblumenfarbe, flammendroter Mohn,
Lied ohne Ende sommerlicher Freude!
Von ferne her gewittert Glockenton,
Nein, Glocken singen anders, Weidenrohr
Von Hirtenmund geblasen, mag so klingen.
O Tor!
Pans Flötentöne schwellen an dein Ohr
Und schenken sich, umzirpt vom Grillenchor,
Geschwisterlich den daseinstrunknen Dingen.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1926, Heft 37, S. 730. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Maria Oakey Dewing, Mohnblumenbeet, 1909

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