Die drei Schwestern

von Božena Němcová (1820–1862)

In einer Stadt lebte ein Ehepaar und hatte drei Töchter. Die älteste hieß Baruška, die zweite Dorotka und die dritte Anuška. Die beiden älteren waren eitle Dirnen; den ganzen Tag putzten sie sich und tändelten, und Anuška musste für sie arbeiten. Sie hatte wohl nicht so weiße Wangen, so zarte Händchen wie ihre Schwestern, war aber dennoch viel schöner und angenehmer als sie. Die Mutter, anstatt die Anuška lieber zu haben, schmeichelte den älteren, und hätte nicht der Vater sich der armen Anuška angenommen, sie hätte mehr ausstehen müssen als ein Hund. Wo nur irgendeine neue Mode aufkam, da musste schon das ungerechte Mütterlein sie den beiden älteren Töchtern anschaffen, dass sie ja recht glänzen mögen; an Anuška aber dachte niemand, das Hausgesinde und einige alte Bettler ausgenommen, denen sie reichliches Almosen zu spenden pflegte. Einmal war in der nahen Hauptstadt Markt. Der Vater begab sich gleichfalls dahin. Vor seinem Abgang fragte er die Töchter, was er ihnen kaufen solle. Baruška und Dorotka schafften sich eine schreckliche Menge an; die eine ein Brokattuch, die zweite ein Friestuch, diese Bänder, jene Perlen.

»Und was soll ich dir bringen?«, fragte der Vater die Anuška, welche eben das Frühstück auftrug.

»Ich verlange nicht viel, Väterlein; was Euch am Wege den Hut anstreift, das bringet mir.«

»Das wird wohl nicht viel sein.“

»Sie braucht gar nichts zu haben, diese Schmutzfüßlerin«, ließen sich die Schwestern vernehmen, »für sie ist ein grober Kittel gut genug.«

»Sie ist ja ein Mädchen wie ihr und putzt sich so gern wie ihr«, antwortete der Vater mit einem tadelnden Blicke.

»Ei, wer schaut sie denn an«, sagte die Mutter und schob die Anuška zur Tür hinaus. Der Vater ging auf den lieben Markt, kaufte dort allerhand kostbare Sachen ein und kehrte nach Hause zurück. Als er an einem Wäldchen vorbeiging, streifte er mit dem Hute an einem Nussstrauch an; da erinnerte er sich der Anuška, pflückte drei Nüsse ab und verbarg sie in der Tasche. Als er nach Hause kam, gab er den Töchtern die kostbaren Sachen, dann nahm er die Nüsse und ging zur Anuška.

»Da hast, mein Kind, was du gewünscht, das brachte ich dir.«

Freudig dankte Anuška dem Vater für die kleine Gabe und verbarg sie am Busen. Als sie aber abends beim Brunnen Wasser im Eimer schöpfte, da beugte sie sich zu sehr, und die Nüsse fielen ins Wasser.

»Ach ich Unglückliche, was habe ich da getan; nun sind die schönen Nüsse dahin!«, so wehklagte die Anuška und beugte sich über das Brunnengeländer, bemüht, die Nüsse am Grunde wahrzunehmen. Aber der Brunnen war tief und die Nüsse waren weit. Da springt auf das Brunnengeländer ein grünes Fröschlein und fragt: »Was ist dir geschehen, Anuška, dass du weinst und wehklagst?«

»Wie soll ich nicht weinen und wehklagen, da mir die Nüsse, die ich heute vom Väterlein bekommen habe, in den Brunnen gefallen sind.«

»Höre auf zu weinen, ich bringe dir sie.« Und das Fröschlein sprang in den Brunnen, und augenblicklich war es wieder oben und legte an das Brunnengeländer die drei Nüsse.

»Hundertmal danke ich dir, gutes Fröschlein«, sagte Anuška und ergriff schnell die Nüsse.

»Weißt du aber, was in den Nüssen stecke?«, fragte das Fröschlein.

»Was anders sollte drin sein als ein Kern?«

»O keineswegs; in jeglicher befindet sich ein kostbares, dir genau passendes Kleid; wenn es dir belieben wird, brich eine davon auf und ziehe das Kleid an.« So sagte das Fröschlein und sprang herunter.

»Aber dies Fröschlein glaubt, ich sei so töricht, dies zu glauben. Wie hätte denn ein ganzes Kleid Platz in einer solchen Nuss? Ich werde sie mir aufbewahren und keine einzige aufknacken.« Sie verbarg die Nüsse wieder am Busen, nahm die Wassereimer und ging ihrer Arbeit nach. Ehe sie sich schlafen legte, wickelte sie die Nüsse in eine Leinwand und legte sie in die Truhe. Der Sonntag kam, die Schwestern zogen neue Kleider an und gingen in die Kirche wie zwei Pfauenweibchen. Mutter und Vater und das ganze Hausgesinde begaben sich ebenfalls zur Kirche, und nur Anuška musste daheimbleiben, um das Mittagmahl zu kochen und das Haus zu bewachen. Nachdem sie alles gesäubert und das Mittagsessen zum Feuer gestellt hatte, setzte sie sich auf die Truhe und weinte. »Ach Gott, könnte doch auch ich einmal in die liebe Kirche gehen, es ist ja dort wie im Himmel. Aber wenn ich auch dürfte, wie träte ich dort ein in diesen alten Kanafasröcken? Die Leute möchten mich ja auslachen. Wenn es wahr wäre, was das Fröschlein gesagt hatte? Nun, sei es so oder so, ich zerbreche wenigstens eine, zwei bleiben mir ja noch.« Zuerst wischte sie sich mit der groblinnenen Schürze die Tränen aus den Augen, dann holte sie aus der Truhe eine Nuss hervor, zog aus der Tasche ein Schnappmesserchen und spaltete die Nuss mitten entzwei.

»Himmlisches Väterlein! Vielleicht ist es doch wahr!«, so schrie sie auf, als sie die Nuss spaltete und etwas darin blitzte. Sie setzte sich auf die Truhe und breitete es behutsam aus. Zuerst zog sie ein rosenfarbenes, silbergesticktes Kleid hervor, dann einen Silbergürtel, einen weißen Schleier, zart wie ein Spinnengewebe, ein Perlendiadem und weiße silbergestickte Schuhe.

»Gott, lieber Gott! Das soll für mich sein? Wie werde ich es nur anziehen? Aber es wird irgendwie gehen; das Mittagsessen kocht, die Unsern kommen vor zwei Stunden nicht nach Hause, ich zieh’ mich also an und gehe in die Kirche.« Und sie ging schnell, wusch sich sauber ab und begann sich anzukleiden. Alles passte ihr wie angegossen. Zuletzt flocht sie sich in die Haare das Perlendiadem, zog den Schleier vor das Antlitz und rauschte fort. Bei der Haustür besprengte sie sich mit dem Weihwasser und sagte: »Nebel sei vor mir, Nebel sei hinter mir, der Herrgott selbst über mir! Engelchen mein, Schutzengelein, bewache indessen das Haus allein.«

In der Kirche traten die Leute auseinander und machten der Anuška im Vorgehen Platz, denn jedermann glaubte, es sei dies irgendeine erlauchte Fürstin. Sie setzte sich gerade den Schwestern gegenüber. Von ihrem Eintritte an dachten die Schwestern auf kein Vaterunser mehr, sondern blickten beständig nur auf die Perlen und das schöne Kleid dieser unbekannten Dame. Dass dies Anuška sei, hätten sie in ihrem Leben nicht gedacht. Aber in der Kirche befand sich noch jemand, dem Anuška in die Augen fiel. Der junge Beherrscher des Landes war auf seiner Durchreise durch die Stadt in die Kirche gegangen und erblickte dort die Anuška. Obzwar er des Schleiers wegen ihr Antlitz nicht genau wahrnehmen konnte, so schloss er doch aus ihrer ganzen Erscheinung, dass sie schön sei. Er fragte den, er fragte jenen, aber keiner konnte ihm Auskunft geben. Er wartete, bis sie aus der Kirche ginge; aber Anuška betete ein Vaterunser, warf einige Blicke über die ganze Kirche und eilte nach Hause. Ehe der Fürst sich durch die Menge hindurchwand, war sie nicht mehr zu sehen.

Daheim zog sie die Kleider rasch aus, legte sie behutsam in die Nuss, versperrte die Truhe und eilte in die Küche, in der Furcht, das Feuer ausgelöscht und die Töpfe leer zu finden. Aber die Flamme knisterte und das Mittagsessen kochte.

»Ei, bezahl’ es der Herrgott, dass es so gelungen ist.« Nun begann sie sich zu tummeln, und in einem Weilchen war alles fertig. Die Eltern und die Schwestern kamen nach Hause, und Anuška ging ihnen entgegen.

»Heute hättest du in der Kirche sein sollen, da war dort eine hübsche Frau«, sprachen die Schwestern, um nur die Schwester zu ärgern.

»Hm, ich habe sie auch gesehen.«

»Wo hast du sie gesehen?«

»Ich saß auf unserm Birnbaum, als sie vorbeiging.«

Augenblicklich befahlen die schlimmen Schwestern dem Knechte, er solle den Birnbaum umhauen. Die ganze Woche hindurch sprachen sie von nichts anderm als von der schönen Frau und von dem jungen Fürsten, wie er ihr nachgeeilt sei und sie überall gesucht habe.

Am zweiten Sonntag begab sich alles wieder in die Kirche. Da schickte sich auch Anuška alles zu, wusch sich sauber ab und ging sich anzukleiden. Sie öffnete die zweite Nuss und zog hervor ein Kleid von wolkenblauer Farbe, besetzt mit Perlen Diamanten, ein Diamantenstirnband, einen weißen Schleier und weiße Schuhe.

»Möchten mich die Schwestern in diesen Kleidern erkennen, sie würden mich kreuzigen. Aber ich muss mir diesen Fürsten auch anschauen, in meinem Leben habe ich noch keinen solchen Herrn gesehen.« Bei der Tür besprengte sie sich abermals mit dem Weihwasser, indem sie sagte: »Nebel sei vor mir, Nebel sei hinter mir, der Herrgott selbst über mir. Engelchen mein, Schutzengelein, bewache indessen das Haus allein!« Hernach eilte sie zur Kirche. Die Leute gaben schon eine Weile acht, ob sie wieder kommen werde, und kaum hatten sie sie wahrgenommen, da verneigte sich jedermann ehrfurchtsvoll und machte ihr Platz. Nachdem Anuška das Kreuz gemacht, warf sie das Äuglein nach rechts, wo der junge Fürst stand, aber errötend wandte sie sich schnell um, denn ihr Äuglein war seinem feurigen Blicke begegnet. Das Herz begann ihr zu klopfen und eine solche Befangenheit erfasste sie, dass sie sich lieber in der Küche gesehen hätte.

Nach der Wandlung erhob sie sich schnell, schlüpfte durch die Menge und eilte nach Hause. Der Fürst drang sich ihr auf der Ferse nach, erblickte sie jedoch nicht mehr.

»Nun, hast du heute auch die Fürstin gesehen?«, fragten die Schwestern, als sie aus der Kirche nach Hause kamen.

»Freilich habe ich sie gesehen, ich saß oben am Pförtchen«, entgegnete Anuška.

Sogleich ließen die Schwestern das Pförtchen niederreißen. Wieder ward die ganze Woche nur von dem Fürsten und der fremden Fürstin gesprochen. Anuška freute sich auf den Sonntag und gedachte zuweilen auch des schönen Fürsten. Zeitlicher als sonst begaben sich alle am dritten Sonntag in die Kirche. Kaum waren sie aus dem Tore getreten, eilte Anuška, um sich anzukleiden. In der dritten Nuss gab es Kleider von Perlenfarbe, reich mit Gold gestickt, einen goldgerändeten Schleier, ein Stirnband von Rubinen und goldgestickte Schuhe. Nachdem sie sich geschmückt und das Antlitz mit dem kostbaren Schleier verhüllt hatte, tauchte sie Finger in die Weihwasserschalee und sprach dabei: »Nebel sei vor mir, Nebel sei hinter mir, der Herrgott selbst über mir! Engelchen mein, Schutzengelein, bewache indessen das Haus allein!« Alsdann eilte sie wie ein Reh in den Tempel des Herrn.

Lange schon schaute der Fürst gegen die Tür, wann die Fürstin eintreten werde. »Diesmal entrinnt sie mir nicht; ich muss sie sehen, ich muss wissen, wer sie ist.« Er hatte es pfiffig angestiftet. Zwei mit Kieferstämmen beladene Wägen standen unweit der Kirche, und die Knechte hatten den Auftrag, sobald die Frau in die Kirche eingetreten sei, die Straße mit den Kieferstämmen zu versperren. Der Fürst dachte, sie einholen zu können, ehe sie die Kieferstämme überstiegen hätte.

Nachdem Anuška in die Kirche gekommen war, kniete sie nieder und begann andächtig zu beten. Sie betete für alle, den guten Vater, auch für die schlimme Mutter und für die schlimmen Schwestern, dann auch für den jungen Fürsten, der so sehnsüchtig sie anblickte. Nach dem Gebete machte sie das Kreuz, schaute noch mit einem Äuglein nach dem Fürsten und eilte nach Hause. Da sieht sie vor der Kirche eine solche Menge Kiefernholz. Aber was machte sich die Anuška daraus, war sie ja doch gewohnt, über Baumstämme zu springen. Sie schürzte das Perlenkleid auf und war wie eine Fliege schon auf der andern Seite. Aber ein Schuh blieb in dem Kiefernholze zurück.

Der Fürst kam aus der Kirche heraus, und als er den kleinen goldgestickten Schuh erblickte, hob er ihn traurig auf und steckte ihn zu sich.

Da schlich eine alte Bettlerin heran und flüsterte: »Gnädiger Fürst, jene Frau ist die Tochter aus jenem Hause, ich kenne sie.« Dabei wies sie mit dem Finger nach dem Hause von Anuškas Vater.

Ehe sich der Fürst umsah, war die Bettlerin fort. »Die Alte hält mich wohl für einen Narren? Aber es ist wohl immerhin möglich, dass sich jene Frau dahin versteckt habe und dass man sie dort kenne.« Nach diesen Worten ging er auf das Häuschen zu.

Mittlerweile legte Anuška das Kleid in die Nuss, und eine Träne nach der andern rann ihr über die Wangen. »Das Väterlein hat recht, wenn es sagt: Jeder kleide sich nach seinem Stande! O warum habe ich diese Nüsse aufgebrochen und mich von jenen Kostbarkeiten verleiten lassen: Was hab ich davon? Dass mich nichts mehr auf der Welt freuen wird. Das unglückselige Fröschlein, was hat es mir angeraten! Dazu habe ich noch einen Schuh verloren. Was wird wohl der schöne Herr damit anfangen? Ach Gott! Gott! Es ist töricht, an ihn zu denken!« Also seufzend und klagend entäußerte sich die arme Maid des kostbaren Schmuckes und ging in die Küche. Die Schwestern kamen nach Hause, aber sie stellte weder eine Frage, noch gab sie eine Antwort.

Eben schickte man sich zum Mittagsessen an, da fährt in den Hof ein schöner Wagen mit vier Pferden, und drin sitzt der Herr Fürst selber; der Vater läuft hinaus, aber da tritt schon der Fürst in die Stube.

»Ist es wahr, dass ihr eine Tochter habet?«, fragte er, nachdem er gegrüßt hatte.

»Ja, wir haben, gnädiger Fürst!«, antwortete die Frau und gab dem Manne einen Wink, dass er schweige.

»Als ich heute aus der Kirche ging, fand ich einen Schuh und beschloss bei mir, dass diejenige, welche imstande ist, diesen Schuh anzuziehen, meine Gattin sein solle. Wo ist euere Tochter?«

»Verzeiht, gnädiger Herr! Sie ist sehr schüchtern und würde kaum in Eurer Gegenwart den Schuh anziehen wollen; gebt mir ihn in die Hand, und ich gehe zu ihr ins Kämmerlein.«

Der Fürst reichte ihr ihn und glaubte schon gewonnen zu haben.

Die schlaue Mutter nahm den Schuh und ging in die Kammer, wo die Töchter schon neugierig warteten, bis sie sie rufen werde. »Mädchen«, sagte die Mutter, »nehmet eueren Verstand zusammen, eine von euch wird Fürstin sein.« Da erzählte sie ihnen alles und hielt den Schuh empor. Baruška ergriff ihn, um ihn die Erste anzuziehen; aber der Fuß war beinahe um die halbe Ferse größer.

»Keine Hilfe, wenn du Fürstin sein willst, lass dir ein Stück der Ferse abschneiden«, riet die Mutter.

»Das lass’ ich tun«, antwortete entschlossen Baruška, die Mutter schnitt ihr ein Stück der Ferse ab, und sie zog den Schuh an. Dann putzte sie sich heraus und ging zu dem Fürsten. Nachdem sich der Fürst überzeugt hatte, dass sie den Schuh angezogen habe, konnte er nichts sagen, wiewohl es ihm schien, dass sie ein wenig klein und nicht so schön sei, als er sich die fremde Frau vorgestellt hatte. Mit Freuden gaben ihr die Eltern ihren Segen, und der Fürst setzte sich mit der Braut und ihrer Mutter in den Wagen. Er hatte aber ein kleines Hündchen, das ihn überallhin begleitete. Nachdem sie ein Stück Weges gefahren waren, begann das Hündchen an zu bellen: »Haff, haff, haff, unser Herr führt eine fersenlose Frau!«

»Was sagst du da, Hündchen?«, fragte der Fürst und rief es zu sich.

»Haff, haff, haff, unser Herr führt eine fersenlose Frau!«, bellte das Hündchen zum zweiten Male.

Da wandte sich der Fürst zur Baruška und befahl ihr, den Schuh auszuziehen. Ganz blass tat die Braut nach des Fürsten Befehl und zeigte eine verbundene Ferse.

»Du Betrügerin, so wolltest du mich hintergehen? Augenblicklich gehe mir aus den Augen. Und du«, wandte er sich zu der Mutter, »sage, wo ist die Frau, der dieser Schuh gehört? Sie soll in deinem Hause verborgen sein?«

»Ach verzeiht, gnädiger Fürst! Ich kann nicht dafür, sie wollte nicht gehen und schickte die Schwester; wenn diese schüchtern ist, so ist jene noch schüchterner. Aber wenn Ihr befehlet, so muss sie Euch zu Willen stehen.«

Sie nahm den Schuh und ging zur Dorotka, in der Meinung, zum zweiten Male werde es ihr besser glücken. Dorotka konnte der Zehe wegen den Schuh nicht anziehen.

»Ei was liegt denn an einer Zehe, wir schneiden sie ab«, sagte die Mutter.

»Gern lasse ich mir dies machen, wenn ich nur Fürstin sein werde«, sprach Dorotka, ließ sich die Zehe abschneiden, und die Mutter führte sie zu dem Fürsten. Obzwar sie von gleicher Höhe mit der Unbekannten zu sein schien und schöner von Antlitz war als Baruška, gefiel sie doch nicht dem Fürsten, trotzdem nahm er sie mit sich.

Da beginnt wieder das unselige Hündchen: »Haff, haff, haff, unser Herr führt eine zehenlose Frau.«

»Was hat denn dies Hündchen wieder zu bellen?«, sagte der Herr und rief es zu sich.

»Haff, haff, haff, unser Herr führt eine zehenlose Frau.«

Da fuhr abermals der Fürst die Braut an, und der Schuh musste vom Fuße. Und er sah, dass ihr in der Tat die Zehe fehle.

»Ihr schändlichen Weiber, so betrügt ihr mich? Nun ist das Maß voll und ihr entgeht der Strafe nicht. Wen habet ihr da versteckt?«

»O gnädigster Fürst! Außer einigen dienenden Mägden ist niemand hier.«

»Und wo sind sie, führt sie her.«

Der Mann lief, am ganzen Leibe zitternd, um das Hausgesinde und hätte gern auch die Anuška vorgeführt, allein er fürchtete sich vor seinem Weibe.

Als der Fürst die bausbackigen, untersetzten Dienstmägde sah, schüttelte er den Kopf, dass keine die Rechte sei. »Und ein anderes Frauenzimmer habet ihr nicht im Hause?«, fragte der Fürst, ganz verdrießlich darüber, dass ihn die Bettlerin irregeführt habe.

»Wir haben noch eine Tochter, gnädiger Fürst!«, ließ der Vater mit furchtsamer Stimme vernehmen, »aber sie ist immer so schmutzig und so einfältig, dass sie gar nicht unter die Leute geht.“

»Wo ist sie, führt sie her zu mir.«

»Vielleicht hat sie sich irgendwo versteckt, ich werde sie holen.«

Die Schwestern wurden vor Zorn rot wie Pfingstrosen, und die Alte sagte mit heiserer Stimme: »Unser Alter hat nicht ein Stückchen Vernunft und macht uns nur Schande wie diese schmutzige Gans; ich will mich gar nicht zu ihr melden als Mutter.«

Anuška befand sich weder in der Küche noch im Hofe, sondern saß am Dachboden auf der Truhe und weinte, dass ihr das Herzlein schier brechen wollte. Warum, das wusste sie selber nicht. Da erschien das Väterlein. »Anuška, du sollst herunter gehen, der Fürst will auch dich sehen.«

»Der Fürst, sagt Ihr, will mich sehen? Ist er denn nicht mit der Baruška fortgefahren?«

»Freilich nicht; Gott weiß, wer ihn da angelogen hat, dass sich in unserem Hause die Frau aufhalte, die er in der Kirche gesehen. Die Mutter war so töricht und gab ein Mädel nach dem andern für sie aus, aber er kam dahinter; nun ist er böse und will alle Frauenzimmer sehen. Komm nur und schäme dich nicht.«

»Nun, so wartet unten, Väterlein, ich werde ein wenig meinen Anzug ordnen.«

Der Vater ging, und Anuška begann das goldgestickte Perlenkleid anzuziehen. Das Herz klopfte ihr heftig, Angst und Hoffnung spiegelte sich auf ihrem Engelsantlitz ab. »Was wird er mir sagen? Wird er mich bestrafen, dass ich arme Magd ein solches Kleid angezogen und ihn getäuscht habe?« Unter solchem Erwägen schritt sie herunter.

»Um aller Heiligen willen!«, sprach der Vater, als er sie erblickte; »woher hast du diese Kleider, Anuška?«

»Kommt nur, ich werde es Euch sagen!« Sie verhüllte das Antlitz mit dem Schleier und ging mit dem Vater in den Hof, wo der Fürst wie auf Dornen stand.

»Wie ist diese schöne Frau hergekommen?«, fragten die Schwestern, und verwundert sah eine die andere an. Aber der Fürst war mit einem Sprunge bei der Anuška.

»Weshalb verbirgst du, Jungfrau, dein anmutiges Antlitz und fliehst vor mir? Ich sehne mich ja nach deinem Anblick, wie sich der Pilger, der durch die Finsternis irrt, nach dem Sonnenglanze sehnt.«

»Ach, gnädiger Fürst, redet nicht also zu mir, Ihr irret Euch. Dies ist mein Vater, und ich bin nur ein armes Mädchen.« Dabei lüftete Anuška den Schleier, und in diesem unschuldigen lieblichen Antlitz erglänzte ein dunkelbraunes Auge, dessen Blitz wie ein Pfeil die Seele des Fürsten durchfuhr.

»Ich glaube nicht, was du sagst, ein armes Mädchen kann nicht ein so kostbares Gewand tragen.«

»Dass es unsere Tochter sei, das ist die göttliche Wahrheit«, sprang die Mutter dem Fürsten in die Rede, denn es kochte in ihr alles vor Zorn, dass die gehasste Tochter vielleicht Fürstin werden sollte; »aber woher sie diese Kleidung genommen, weiß ich nicht. Nun sprich, du ungeratenes Geschöpf, wer gab dir diese Kleidung?«

»Herr, mein Vater brachte mir vom Jahrmarkte drei Nüsse und darin waren die Kleider. Ich zog sie beim Kirchgange an, da ich glaubte, niemand würde mich erkennen. Dass daraus solch ein Ärgernis erwachsen werde, daran habe ich mir nicht gedacht.«

»Fürchte dich nicht, Teure, fürchte dich nicht, es wird dir nichts Arges widerfahren. Hier hast du meine Hand, und wenn ich dir gefalle, so komme mit mir.«

Anuška war bei diesen Worten wie mit Scharlach begossen, und Tränen benetzten ihr schweres Gewand; als ihr aber der Fürst die Hand reichte, legte sie gern die ihrige ein.

Als die Schwestern sahen, dass die missachtete Anuška Fürstin geworden, begannen sie zu weinen und fielen ihr um den Hals, als möchten sie diese Gott weiß wie ungern verlieren, indessen weinten sie vor lauter Wut. Nur der Vater gab ihr mit Freuden seinen Segen und wünschte ihr aus aufrichtigem Herzen Glück. Als Anuška in den Wagen stieg, kam das Hündchen herbei und begann zu schmeicheln und zu bellen: »Haff, haff, haff, unser Herr führt uns eine schöne Frau nach Hause!«

»Das Tier war klüger als ich«, sagte der Fürst und streichelte das gescheite Hündchen. Hierauf setzte er sich zu seiner schönen Anuška, der Kutscher peitschte die Pferde, und diese flogen dahin.

Als Anuška den Hausleuten aus den Augen geschwunden war, wandte sich der Groll der Schwestern und der Mutter gegen den armen Vater, und wie ein Gießbach strömten die Giftworte von ihren Lippen.

»Das ist schön«, brauste die Alte auf und stemmte die Hände in die Seiten, »mit mir hast du gezankt, dass ich die zwei da verhätschle, und hast du etwas Besseres getan? Solch einen kostbaren Anzug kauft er dieser plumpen Schmutzfüßlerin, die uns nur Schande gemacht hat, und vergisst auf die, zu denen jedermann aufschaut, von denen jedermann spricht? Du bist Vater?«

»Aber sei nur ruhig, du weißt ja nicht, wie das geschehen ist«, besänftigte sie der Mann. »Was wusste ich denn, dass sich in den Nüssen ein Putz befinden werde? Gott hat ihr das beschert für ihre Tugend und Güte. Ihr habt sie genug gequält, und sie hat alles geduldig ertragen. Nun ist sie glücklich!«

»O nimm dich ihrer nur an, du wirst es schon ohnehin bald genug erleben, dass der Fürst sie zurückbringt. Das wäre eine saubere Fürstin! Nun aber musst du der Baruška und der Dorotka einen ganz ähnlichen Anzug verschaffen, wenn du von dem Gesträuche weißt, wo so teure Nüsse wachsen.«

»Aber mein Gott, was verlangt ihr denn von mir? Ich habe euch gesagt, dass –«

»Keine Ausreden«, unterbrach die Alte seine Rede, »wir sind nicht so dumm, dass du uns Elstern auf dem Weidenbusche zeigen könntest. Wenn du uns die Anzüge nicht bringst, so ziehe zu deinem Liebling und bei uns lasse dich nimmermehr sehen.«

Um das Gebell nicht länger anhören zu müssen, ging der arme Vater lieber aus dem Hause und nahm sich vor, ihnen die Nüsse zu bringen, mögen sie wie immer beschaffen sein. Er begab sich also wieder zu jenem Gesträuche, an das er ehedem angestreift war, und pflückte drei Nüsse ab. Dabei aber fasste er gleich den Entschluss, zur Anuška zu wandern, sobald er den Töchtern die Nüsse übergeben haben würde. Als diese den Vater ankommen sahen, liefen sie ihm entgegen, denn sie dachten, dass er gewiss die Kleider bringe. Hastig rissen sie ihm die Nüsse aus der Hand, und jede machte eine auf. Aber siehe da! Aus jeder Nuss sprang eine drei Ellen lange Schlange heraus, wand sich einer jeden um den Hals und erwürgte sie. Ganz blau fielen sie zur Erde, diese öffnete sich, und nicht die geringste Spur blieb von ihnen zurück. Niemand vergoss eine Träne um sie!

Der Fürst liebte die Anuška mehr und mehr und bereute es zeitlebens nicht, sie zur Gemahlin erwählt zu haben.


Übersetzung
Aus dem Tschechischen von Alfred Waldau

Textnachweis
Aus: Böhmisches Märchenbuch, deutsch von Alfred Waldau, Prag 1860, S. 638–655. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne Stokes, Die Königin und der Page, 1896

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