Die Nacht in der Mühle

von Louise Brachmann (1777–1822)

Wohl auf, wohl ab, durch Berg und Tal
Zog Ritter Willibald
Im Morgenrot, im Abendstrahl
Durch Busch und Flur und Wald.

Das Auge trüb, das Herz in Glut
Zog ihn die Liebe fort;
Er suchte sein verlornes Gut
Er fand’s an keinem Ort.

Verschwunden die Geliebte war,
Wohin? er nicht vernahm,
Als er zurück, nach Tag und Jahr,
Vom Krieg aus Welschland kam.

Nichts blieb ihm übrig als ihr Bild,
Das trug er auf der Brust,
Das strahlt ihm aus dem Auge mild
Noch einzig Trost und Lust.

So irrt’ er sonder Ruh noch Rast,
Die Seele bang und schwer;
So irrt’ er dreißig Monden fast
Nach ihr durch Land und Meer.

Und eines Abends, als er lang
Im Wald geritten war,
Da rauscht es ihm wie Wellenklang
Zum Ohr so wunderbar.

Er kam heraus, und glänzend wand
Ein Strom am Fels sich hin,
Und eine Mühle lag am Strand
Gar still im dunkeln Grün.

Fünf braune Tannen rauschten hoch
Am Felsen um ihr Dach;
An ihren Wänden scheidend noch
Der Abendstrahl sich brach.

Der Ritter hielt; gefesselt war
Sein überraschter Blick;
Ihm war, als hielte unsichtbar
Ein Geist ihn hier zurück.

Die Mühle lag so friedlich da
Und lud zur Herberg ein,
Sein Ross war matt, die Nacht war nah
Und rings nur Fels und Stein.

Zwar brauste dumpf der Strom und schwoll
Doch setzt’ er durch mit Mut,
Und kam zur Mühle jenseits wohl
Durchs Schaumgetös’ der Flut.

Er traf hier gute Herberg an;
Ein Stall ward für das Ross,
Für ihn ein Stübchen aufgetan
Im obersten Geschoss.

Indes begrüßten schon das Tal
Die Sterne nach und nach;
Und freundlich fiel der Mondenstrahl
In Willibalds Gemach.

Er trat ans Fenster hin; die Nacht
War schimmervoll und mild;
Am Berge stand in stiller Pracht
Des Mondes lichter Schild.

Und unten, dicht am Fenster schlang
Der Strom sich durch das Tal;
Dem Ritter ward es wohl und bang
Beim dumpfen Flutenschall.

Er zog ihr holdes Bild hervor
Und küsst’ es tausendmal,
Hing’s hoch dann an der Wand empor
Im bleichen Mondenstrahl.

Drauf warf er müd aufs Lager sich,
Doch ruhlos wacht’ er lang;
Und außen, horch! so schauerlich
Kam’s her wie Geistergang.

Und eine dämmernde Gestalt
Trat leis’ zur Tür herein;
Dem Ritter lief es heiß und kalt
Durch Adern und Gebein.

Es schlug sein Herz, sein Odem stand,
Ein Schauer weht’ihn an,
Als jetzt das Bildnis an der Wand
Mit leisem Laut begann:

»Gott grüß dich, schönes junges Blut!
Wie? find’ ich so dich hier?
Ich komme aus der tiefen Flut
Vom Stromgebraus’ zu dir!

Vergönnt ward mir noch diese Nacht
Einmal heraufzugehn.
Dann scheid’ ich, wenn der Hahn erwacht,
Zum Nimmerwiedersehn!«

»Aus tiefer Flut? vom Stromgebraus?
O sag Geliebte mein!
Wie, ruhst du dort im feuchten Haus?
Wie kamst du da hinein?«

»Ach lang schon ist’s, manch Jahr verschwand,
Da reiste wohl mit mir
Mein Vater hier durch dieses Land,
Wir hielten Mittag hier.

Es ruhten alle, Mann und Ross,
Nur ich mit stillem Sinn
Ging dort im Tale sorgenlos
Am Ufer her und hin.

Und sieh! da hob vom Stromgeroll
Die Nixe sich empor,
Ihr Lied so süß und sehnsuchtsvoll
Drang lockend mir ins Ohr.

Mir ward so wohl und ach so weh,
So wunderbar zu Sinn;
Da reichte sie mir weiß wie Schnee
Drei helle Lilien hin.

Und Rosen, rot wie Abendglut:
Ich Arme griff danach,
Und plötzlich, ach! in tiefer Flut
In ihrem Arm ich lag!

Sie trug hierher durchs Wasser mich
In ihrer Schwestern Saal;
Tief unterm Strome wölbt’ er sich
Mit Wänden von Kristall.

Du bist nun unser, hub sie an,
Mein Zauber schließt dich ein!
Nur von dem starken Bande kann
Die Liebe dich befrei’n.

Bewähret noch im sechsten Jahr
Sich deines Liebsten Treu,
So rein und heilig, als sie war:
Dann geh, dann bist du frei!

So sprach sie, und in Tränen schwer
Floss nun mein Leben hin.
Ich sahe nie den Himmel mehr
Und nie des Waldes Grün.

Mein Kummer zehrte still mich auf,
Und fast das Herz mir brach,
Ich seufzte nach der Zeit Verlauf,
Von der ihr Zauber sprach.

Nun ist die Zeit, nun wär’ ich frei
Von ihres Banns Gewalt.
Ach liebte mich so heiß und treu
Noch jetzt mein Willibald!«

»Ich liebe dich! ich fasse dich!«,
Fiel jetzt der Ritter ein,
»Dein Zauber ist gelöst durch mich,
Du bist auf ewig mein


Textnachweis
Aus: Auserlesene Dichtungen von Louise Brachmann, hg. v. Professor Schütz, Bd. 2, Leipzig 1824, S. 124–129. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Elizabeth Siddal, Dame, ein Fähnlein an der Lanze eines Ritters befestigend, um 1856

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