Ibsens Köchin

von Carry Brachvogel (1864–1942)

Schon muss ich fürchten, allzu lange über sie geschwiegen zu haben, denn ein sichtbarer Platz gebührt ihr in einer Zeit, da verschämte wie unverschämte Indiskretionen über große Männer an der Tagesordnung sind. Seit erst gar über Ibsens Grab sich eine ebenso interessante wie feinsinnige Debatte erhob, ob Henrik bei Paul Heyse gute oder schlechte Trinkgelder gezahlt habe, seitdem habe ich die Empfindung, dass ich eine Defraudation an der Unsterblichkeit begehe, wenn ich sie noch länger verleugnete. Sie, die wohl mehr als andere Frauen berechtigt wäre, einen Band zu veröffentlichen »Meine Beziehungen zu Ibsen«.

Staunender Leser und neugierige Leserin, es ist kein Märchen, das ich euch erzählen will. Keine Gestalt der Phantasie oder auch nur Aufschneiderei soll vor euch hintreten, sondern die strenge Frau, die sieben Jahre lang in Ibsens Küche herrschte. Sieben Jahre lang – genau so lang wie der Erzvater um Rahel diente – hat sie für ihn gesotten, gebraten, gedämpft, geröstet, aus schwimmendem Schmalz und auf der Pfanne gebacken, hat die Früchte des Feldes und die Tiere des Waldes zu seinem Opfer bereitet, dass sie ihm wohlschmeckten und ihm nimmer ein miserables Mittagessen die Laune verdarb. O ihr Dichter der alten und insbesondere der neuen Zeit! Wer von euch darf sich rühmen, sieben Jahre lang eine so übermenschliche Weibesliebe empfangen zu haben?

In München war es, wo Mina zuerst dem Dichter nahe trat und jene bedeutungsvollen Beziehungen anknüpfte, die sie sieben Jahre lang mit ihm und seinem Hause verbinden sollten. Als ich sie kennenlernte, waren jene Beziehungen bereits gelöst, und es wäre mir nun ein Leichtes zu renommieren, dass ich Mina direkt aus Ibsens Händen empfing. Da aber meine Aufzeichnungen über sie dem strengsten Wahrheitsgebot entsprechen sollen, muss ich gleich hier feststellen, dass eine engere Verbindung, eine gemeinsame Häuslichkeit zwischen Mina und mir niemals zustande kam oder auch nur projektiert war. Immerhin aber lernte ich sie genügend kennen, um jenen Teil ihres dramatischen Schicksals darzulegen, der am deutlichsten Ibsensche Einflüsse verrät, der am zwingendsten erweist, wie diesem schlichten Mädchen aus dem Volke des Dichters Gebote und Träume in Fleisch und Blut übergegangen waren.

Als ich Mina kennenlernte, hatte sie bereits das Ideal aller Dienstmädchen erreicht: Sie war Haushälterin bei einem einzelnen Herrn, bei einem jungen Arzt, mit der harmlosen Spezialität der Ohren-, Nasen- und Rachenkrankheiten. Er verkehrte seit Jahren in meinem Hause, und ich wusste daher, dass er dazu prädestiniert schien, von einer Frau, das heißt seiner Frau, gehätschelt, bemuttert und auch ein wenig pantoffelt zu werden. Erstaunlich war, wie schnell Mina in die Psychologie ihres Dienstherrn und Gebieters eindrang; ich bin überzeugt, dass die Lektüre von »Nora« ihr dabei wesentliche Dienste geleistet hat. Der Doktor war für sie bald »das Eichkätzchen«, das immer munter, liebenswürdig und arglos zu sein hatte, indes Mina mit eiserner Rute das Haus, das heißt die Parterrewohnung regierte. Hausmeister, Wäscherin und die Dienstboten sämtlicher Nebenparteien zitterten vor ihr, und wahrscheinlich tat es auch das Doktor-Eichkätzchen, das übrigens in seiner Jugend eine Entschuldigung für seine furchtsame Hingebung fand: Er war nämlich um mindestens zehn Jahre jünger als Mina, die konsequent, wie es in ihrem Charakter lag, an der Schwelle der Vierzig stehenblieb. Wenn ihre eine Hand aber auch gelegentlich mit Skorpionen züchtigte, so kochte dafür die andere tadellos; insbesondere in ihren Rahmstanitzeln hob sie sich weit über den Durchschnitt berufsmäßig oder dilettantisch kochender Münchnerinnen hinaus. Sie sorgte aber nicht nur für das leibliche, sondern auch für das geistige Wohl ihres Eichkätzchens und erzählte ihm zeitweise Küchenintimitäten aus dem Hause Ibsen. Die eine ist mir besonders im Gedächtnisse geblieben, nämlich: Der Dichter liebte es, das Rindfleisch mit englischem Senfpulver dick zu bestreuen, nicht etwa mit angerührtem Senf, sondern mit dem trockenen Pulver … Es wäre mir natürlich eine Kleinigkeit, noch mehr nordische Küchenallotria zu berichten, aber ich möchte erst die Stöße von Entgegnungen, Kommentaren und Berichtigungen abwarten, die der Senfenthüllung folgen werden … An dem geistigen Schaffen des Dichters scheint sie dagegen weniger Anteil genommen zu haben; so sehr ich mich auch besinne, wüsste ich nichts von Mitarbeiterschaft oder Inspiration zu sagen …

Es widerstrebt mir im Allgemeinen, bedeutende Frauen auf ihr Äußeres hin zu kontrollieren, dennoch möchte ich Minas Seelenhülle mit ein paar flüchtigen Worten gedenken. Sie war eine kleine Blondine, deren energisch vorspringender Mund rhetorische Eigenschaften verriet, und die früher, noch zu Ibsens Zeit, Plattfüße gehabt hatte. Ein chirurgischer Kollege und Freund Eichkätzchens befreite sie aber von diesem ästhetischen Übel, so dass auf des jungen Doktors Nacken wenigstens ein normal geformter Frauenfuß stand. Zu Anfang unserer Bekanntschaft war mein Verhältnis zu Mina ein freundschaftliches und ungetrübtes: Wir achteten einander und tauschten Kochrezepte. Später schlich sich leider ein Misston in die Harmonie unserer Seelen und Kasserollen, und Mina warf Hass auf mich. Ein Vanillekipfel, ein einziges kleines Vanillekipfel (Rezept »Vanillekipfel ohne Ei«) war zwischen sie und mich getreten! Mir gelang es nämlich, diese Kipfel, wenn auch nicht besser, so doch schöner herzustellen als Mina, in einem verblüffenden Miniaturformat, während die großzügige Natur der Ibsen-Köchin ausführliche Kipfel, auf denen sogar Weltanschauungen Platz gehabt hätten, bevorzugte. Das medizinische Eichkätzchen, das, gleich vielen Junggesellen, den Ehrgeiz der »besten Küche« hatte, nahm einmal, da alles Zureden zu »Klein-Kipfel« nichts half, eines meiner Liliputkunstwerke als Muster mit und meinte in seiner Manneseinfalt, dass Mina nun künftighin ihre Kipfel »in Schönheit« backen sollte. Selbstverständlich ging es gerade umgekehrt. Mina erklärte mit wahrem Trollenlächeln, dass die Figur der Kipfel mit dem jeweiligen Herd in Zusammenhang stünde, und Eichkätzchen schwieg resigniert, weil es doch nicht Lust hatte, zu »Vanillekipfel ohne Ei« einen neuen Herd setzen zu lassen. Zwischen ihr und mir aber stand Hass seit jenem Tage, und ich glaube, auch Eichkätzchen büßte um des Kipfels willen an Liebe und Achtung ein.

An der »sittlichen Forderung« im buchstäblichen Sinne des Wortes sollte dann das Puppenheim zugrunde gehen, in dem Mina sich so lange an dem Singvögelchen-Doktor erfreut hatte. Für ängstliche Gemüter füge ich gleich bei, dass nichts, absolut nichts passierte, was Minas oder Eichkätzchens Ruf nur im Leisesten hätte trüben können. Das Verhängnis lag einzig und allein in Minas Phantasie, die entschieden bei dem großen Skandinavier in die Schule gegangen war und von ihm gelernt hatte, aus dem Alltag die tiefen und grausigen Lebensprobleme herauszuholen. Wie in einem richtigen Ibsen-Drama fing die Sache mit scheinbarer Harmonie an.

Da war unter unseren Bekannten eine hübsche, mollige, lustige, geistig nicht übermäßig ausstaffierte Witwe, mit der Eichkätzchen und ich eines Tages eine Landpartie machten. Als wir abends müde, aber immer noch in sehr fideler Stimmung heimkamen, lud Eichkätzchen uns ein, à la fortune du pot bei ihm zu nachtmahlen. Ich bestaunte im Innern seinen Mut, denn jede Hausfrau weiß, dass auf die fortune du pot fast allemal le malheur du lendemain folgt, weil Dienstboten einen unüberwindlichen Horror gegen Improvisationen haben. Was aber mit und durch Mina geschah, grenzte ans »Wunderbare«.

Zunächst täuschte sie uns alle freilich durch ein gütiges Lächeln und kulinarische Impromptus, die entschieden Beachtung verdienten. Auch als sich dem vergnügt speisenden Kleeblatt noch ein junger Maler angesellte, deutete nichts auf die drohende Katastrophe hin. Nach dem Essen setzte sich der Maler ans Klavier und spielte Strauß-Walzer. »Die lustige Witwe«, die der Ausflug sehr müde gemacht hatte, legte sich auf die Ottomane und ließ sich vom Doktor eine Reisedecke über die Füße breiten, eine Handlung, die sie schon aus Klugheit hätte vermeiden sollen, denn sie trug kalblederne Tourenstiefel Nr. 43. Lange vor Mitternacht verabschiedeten wir uns vom Doktor, der uns höchsteigenhändig hinausleuchtete, denn Mina durfte stets unmittelbar nach dem Abendessen zu Bette gehen. Vergnügt lachend schritten wir ins Dunkel und ahnten nichts von den noch viel dunkleren Mächten, denen wir den Doktor überlassen hatten.

Was zwischen Eichkätzchen und Mina in jener Nacht sich zutrug, haben wir nie genau erfahren. Doch am anderen Morgen kam der Doktor bleich und erschüttert zu mir.

»Mina hat gekündigt! Sie kann nicht länger ›in so einem Haus‹ bleiben!«

Eine kluge Hausfrau fragt ja nie, was das Dienstmädchen mit »so einem Haus« sagen will. Eichkätzchen aber mit der zweifachen Begier, des Mannes und des Naturwissenschaftlers, hatte törichterweise gefragt. Was Mina da alles vorbracht, ließ sich nur mit den Worten kommentieren: »O welch ein edler Geist ist hier zerstört …« Die Ausschweifungen ihrer Phantasie waren unbeschreiblich und gipfelten schließlich in der wildromantischen Behauptung, dass »die lustige Witwe« gegen Morgen aus dem Fenster in den Vorgarten gesprungen sei … Vergebens versuchte man, ihr klar zu machen, dass selbst unter den pikantesten Voraussetzungen normale Großstadtmenschen sich vorteilhafter durch die Haustür als durch einen Salto mortale entfernen. Es half nichts. Die springende Witwe blieb der springende Punkt ihrer Anklage und Kündigung. Der Doktor entsprach nicht mehr dem »frohen Adelsmenschen«, für den ihn Rebekka-Mina gehalten hatte. Ganz ähnlich wie »Brand« scheint sie in jener rätselvollen Nacht mit der Forderung »alles oder nichts« vor ihn getreten zu sein, und da der Unselige, der eben eine Reisedecke über Kalbslederstiefel Nr. 43 gebreitet hatte, die Reinheit nicht gewähren konnte, die sie forderte, so ging sie, »weil sie jahrelang mit einem fremden Manne unter einem Dache zusammengelebt hatte«. Das heißt, ganz so friedlich und würdig ging sie nicht, sondern sie schimpfte noch zuerst tüchtig bajuwarisch, woraus zu ersehen war, dass der skandinavische Einschlag das Bodenständige in ihr nicht hatte vernichten können.

Das ist die Geschichte von Ibsens Köchin. Allen Biographen, Kommentatoren etc. stelle ich mit Vergnügen weitere Auskünfte zur Verfügung. Auch Minas Adresse kann bei mir erfragt werden sowie die Eichkätzchens, das immer noch jung, unbeweibt und pantoffelbedürftig ist, eine große Praxis besitzt und nun mit einer gänzlich unliterarischen Haushälterin wirtschaftet …


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Tagblatt, 7. April 1907, S. 2–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Mädchen mit Gemüsekorb im Garten, 1891

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