Die bleiche Nachbarin

von Carola Bruch-Sinn (1853–1911)

Sie wohnte Tür an Tür mit mir schon seit vierzehn Tagen, und nie noch hatte ich ihre Stimme gehört. Auch aus ihrer Wohnung drang nie ein Geräusch. Wenn sie mir zuweilen am Gange begegnete, hörte ich nie ihre Tritte; sie schien über den Fliesen zu schweben und hatte auch einen seltsamen Gang, der wie ein niederes Fliegen aussah. Sie neigte sich, stumm grüßend, vor mir und glitt vorüber wie eine segelnde Schwalbe. Sie war noch jung und hübsch, zart gebaut wie eine Sylphe, aber von einer erschreckenden Blässe des Gesichtes. Sie huschte mitunter über den Gang zur Wasserleitung, aber nur, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, ängstlich um sich spähend, ob niemand sie bemerke.

Als sie mir zum ersten Male begegnete, wandte sie rasch ihr Gesicht zur Seite, aber ich hatte dessen geisterhafte Blässe, die in ein fahles, totenähnliches Grau überging, trotz dieses Manövers bemerkt. Später versuchte sie es nicht mehr.

Sie lebte völlig allein und abgeschieden und empfing keine Besuche in ihrer bescheidenen Wohnung, die aus Zimmer, Kabinette und Küche bestand. Die Hausbesorgerin, die sie bediente und ihr das Essen aus dem Gasthause holte, war die einzige Person, die ihre Schwelle überschritt.

Dieses junge Wesen, das allem Anschein nach ganz verlassen und freudlos in der Welt dastand und, nach ihrer Blässe zu schließen, auch leidend zu sein schien, begann mir die regste Teilnahme einzuflößen. Ich befragte die Hausbesorgerin über sie.

»Krank?«, meinte diese erstaunt. »Das glaub’ ich nicht. Blass hab’ ich sie nie gesehen.«

Über weitere Fragen erfuhr ich, dass das junge Wesen sich unter dem Namen Serena Neri, Private, in den Meldzettel eingetragen habe, zweiundzwanzig Jahre alt, katholisch und ledig sei.

Allein meine Sympathie für das einsame junge Geschöpf mit dem süßen, todbleichen Gesichtchen, dem Elfenkörper und den schwarzen Rabenflechten, die ich einmal gelöst über ihren Nacken fluten gesehen wie einen dunklen Strom – sollte plötzlich einen argen Stoß erleiden. Ein Vorkommnis, bizarrer, als es sich die kühnste Phantasie träumen lassen konnte, verwandelte meine Gefühle für die interessante Straniera in Grauen, ja Entsetzen. Ich war eines Abends gegen meine Gewohnheit spät – gegen Mitternacht – aus einer Gesellschaft nach Hause gekommen. Vorsichtig über den schon dunklen Gang nach meiner Wohnung schreitend, musste ich an dem Fenster vorbei, das zu der Küche meiner interessanten Nachbarin gehörte. Zu meinem Erstaunen schimmerte mir durch die dünnen Vorhänge Licht entgegen.

»Sie ist noch wach! Vielleicht ist sie leidend, hilfsbedürftig!« Viel Teilnahme, gemischt mit ein wenig Neugierde, veranlassten mich zu der Indiskretion, durch das Fenster zu blicken. Was ich sah, machte mein Blut erstarren und trieb mir die Haare zu Berge.

Das schwache Licht drang aus dem Zimmer, dessen nach der Küche führende Tür geöffnet war, so dass der volle Einblick in das Gemach ermöglicht wurde. Dieses Zimmer – ich fuhr mit der Hand über die Augen – ich musste träumen oder eine gruselige Halluzination hielt mich in ihrem Banne! Dieses Zimmer glich einer Gruft. Die Wände ringsum schwarz verhängt und auf diesem dunklen Grunde grinsende Riesen-Totenschädel, auf kolossalen, gekreuzten Knochen gelagert.

Inmitten des Raumes aber stand ein offener Sarg, dessen nebenan liegender Deckel ein weißes Kreuz zeigte. Immer wieder fuhr ich mir über die Augen – es musste doch all das nur ein phantastisch toller Traum sein!

Jetzt begann es sich in dem unheimlichen Raum geheimnisvoll zu regen; weiße Schleier flatterten, es bewegte sich wie die Fittiche eines Riesenvogels in phantastischen Windungen um den Sarg herum. Es war eine formlose Gestalt, die eine Art Reigen tanzte in dem spukhaften Raum, und es war mir, als hätte sie ein unsichtbares Vis-à-vis. Denn augenscheinlich galten diese Bewegungen, die mich an das Flattern des »luftigen Gesindels« um den Rabenstein gemahnten, einer zweiten Gestalt, als wären sie die Antwort auf deren Gebärden, der stumme Verkehr mit ihr.

Jetzt wandte die Gestalt sich langsam nach der offenen Tür, schwebte in die Küche und kam auf das Fenster zu, hinter dem ich zitternd, zähneklappernd stand. Ich erkannte sie jetzt. Im langen, schleppenden Leichentuche, mit dem schwebenden Gang, das Antlitz fahler denn je – die Augen wie heiße Kohlen darin glühend – so kam sie mir nahe.

Ich taumelte vom Fenster zurück, tiefer ins Dunkel des Ganges hinein, aber mein Blick blieb gebannt, ich musste wider Willen durch das Glas starren.

Jetzt wandte sich die grässliche Erscheinung wieder nach dem Zimmer zurück. Sie warf jetzt mit einer wilden Bewegung die Arme empor, dass das Totenhemd wie im Winde flatterte; dann stürzte sie sich in den Sarg, dessen Deckel sich über ihr schloss. Gleichzeitig erlosch das bläuliche Licht und tiefes Dunkel umhüllte die grässliche Szene …

Ich wankte nach meiner Wohnung. Wie ich diese Nacht geruht, das frage mich niemand …

Ich beschloss, dem unheimlichen Treiben neben mir auf den Grund zu kommen oder – auszuziehen. Früher aber wollte ich neuerdings die Hausbesorgerin interpellieren und sie durch geschicktes Ausfragen zu einem Bekenntnis über das eigentliche Wesen meiner bleichen Nachbarin veranlassen.

»Ich glaube, das Fräulein neben mir war heute Nacht leidend; ich hörte sie im Zimmer umhergehen, und als ich nach Hause kam, sah ich noch Licht in ihrer Wohnung.«

»Ach nein, sie wird gelesen haben. Sie liest immer in den Romanbücheln, die ich ihr aus der Buchhandlung hol’.«

»So, so. Und sie arbeitet nichts, beschäftigt sich mit nichts?«

»Die hat’s nicht nötig.«

»Beneidenswert! Sie wird gewiss schön eingerichtet sein?«

»Nicht besonders. Sie hat ihr gutes Bett und ein paar Kästen, einen Waschtisch – was man halt so braucht.«

»Und im Kabinett?«

»Da hat sie nichts als ein paar große Koffer. Was drinnen ist, weiß ich nicht.«

»Mir ist, als hätte ich dunkle Vorhänge gesehen an den Fenstern!«

»Hat sie nicht. Nur die weißen Fahnerln vor dem Küchenfenster.«

»Und an den Wänden hat sie wohl schöne Bilder?«

»Sehr wenige. Eine heilige Maria und ein paar Photographien.«

»Sie sieht immer so schlecht aus – als wenn sie hungerte. Isst sie denn mit Appetit?«

»O ja, danke, sehr passabel. Ich bring’ ihr jeden Mittag zwei Speisen und abends Bier, und es schmeckt ihr alles ausgezeichnet. Es ist eine sehr liebe Fräul’n.«

»Aber warum sie nur so elend aussieht, wenn es ihr so gut geht?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Vielleicht war sie halt unwohl. Ich hab’ sie immer ganz frisch gesehen.«

Merkwürdig! Ich musste unwillkürlich an die südslawische Sage vom Vampir denken, der auch verschiedene Gestalten anzunehmen pflegt, um seine Opfer und die Umgebung zu täuschen. Und die interessante Signora Neri war wohl ein solches Doppelwesen?

Am selben Abend hörte ich plötzlich die schwermütigen Töne eines Harmoniums aus der Wohnung der bleichen Nachbarin dringen. Hatte die Hausbesorgerin dieses Instrument bei der Aufzählung des Inventars vergessen?

Signora Neri (oder eines ihrer Gespenster) spielte gedämpft einen Totenmarsch. Wahrlich, die geeignetste Musik zu ihren anmutigen, munteren Tänzen.

Mir ward es nachgerade unerträglich in der Wohnung; trotzdem es schon spät war, kleidete ich mich an um auszugehen. Als ich aus der Tür trat, öffnete sich die meiner Nachbarin, und ein eleganter Herr schritt heraus. Eine hohe Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, dunkles Haar, bleiches Gesicht und ein Paar glühende Augen. Er machte mir eine feierliche Reverenz.

»Vampir Nr. 2!«, sagte ich mir. »Auch dieses Inventarstück scheint die biedere Hüterin des Hauses und seiner Geheimnisse übersehen zu haben, so wie das Harmonium, den Sarg und die Totenschädel. Sehr interessant, aber ich ziehe, wie in der Kunst, den Realismus bei weitem dem Mystizismus vor – auch bei der Nachbarschaft. Morgen werde ich die Wohnung kündigen.

*  *  *

Der Morgen kam und mit ihm die Hausbesorgerin, die mir ein zusammengefaltetes Papier brachte, »mit einer schönen Empfehlung von dem Fräulein nebenan und Herrn Bruder, der gestern angekommen.«

Ich schlug das Blatt auseinander und las:

»Zaubertheater der Geschwister Neri im Blumensaal. Heute den 26. März erste Vorstellung. Geistererscheinungen à la Kratky-Baschik von Professor der Magie Luigi Neri und Serena Neri

I. Abteilung: Die Schöne und der Tod. – Das Leben im Sarge. – Der Kampf mit den Skeletten. – Der Tanz der Gerippe.

Apparate nach den neuesten Erfindungen auf dem Gebiete der Zaubertechnik.

II. Abteilung: Der entlarvte Spiritismus. – Das wunderbare Medium. – Die Hellseherin. – Erscheinungen im Dunkelzimmer.

Alles auf natürlichem Wege erklärt.

Um den werten Besuch bitten ergebenst

            Geschwister Neri.«


Textnachweis
Aus: Österreichische Illustrierte Zeitung, 28. Mai 1899, S. 2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, In einem weißen Kleid, 1890

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