November im Englischen Garten

von Josefa Metz (1871–1943)

Greisenhaft stehen die Baumgruppen auf dem Teppich ihrer welken Jugend, der sich rostrot vom hellen Grün der Rasenflächen hebt. Diesem Grün, dem der Reif, der es in der Frühe übersilbert, noch nichts von seiner Leuchtkraft nehmen kann.

Zwischen gelb-braunen Laubrüschen und farblosen Astgerippen liegt grau, mit weißlichen und violetten Lichtern, der Kleinhesseloher See. Die Schwäne, die flimmernde Kielfurchen durch seinen fahlen Spiegel ziehen, sehen aus, als seien sie soeben aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur gekommen: weiß und neu und künstlerisch. Sie machen Frage- und Ausrufungszeichen mit ihren langen Hälsen, und die stumme Bitte des goldenen Schnabels, den sie mit königlicher Gebärde vorstrecken, bedeutet ein bescheidenes: »Nichts zu essen?« – Die Enten sind weniger königlich und weniger bescheiden. Sie verlassen ihr feuchtes Logis und watscheln dem Spaziergänger entgegen. »Was heißt denn das?!«, schnattern sie ihn an, »denkst du, weil’s jetzt kalt wird, hätten wir keinen Hunger mehr, Bazi, elendiger?!« Also heraus mit dem Brot aus der Paletottasche! – – Ein kleines Mädel mit einem Korb am Arm sagt: »Bitt schön, i hab’s vergessen. Da herin sind Eier, die könnt’s ihr nit fressen, die tut ihr ja selber legen.« – »Faule Ausreden!«, schnattern die Enten, aber das kann das kleine Mädchen nicht verstehen.

Eine blasse Sonne schiebt das Gewölk beiseite. Schräg über den See fällt ein bleicher, metallischer Schein. Die Trauerweiden stehen wie gekämmte Struwelpeter, viele ihrer gelben Haare mussten sie schon lassen. – Auf den schwarzen Reitwegen dumpfes Aufschlagen, helles Vorüberblitzen. Rhythmische Geräusche, die langsam verstummen. Der chinesische Turm gleicht einem vergessenen Sommerhut: verbraucht, verbogen, fortgeworfen.

Über das tote Kinderkarussell könnte man Tränen vergießen. Vornehm blickt der Monopteros auf Garten und Stadt. Er wird das Geheimnis der vielen Stelldicheins, die er überdacht, gut bewahren, ebenso wie die Sprüche und Namen, die seine Säulen wenig schmücken. Ein bunter Papierfetzen liegt auf seiner untersten Stufe. Vielleicht der Überrest eines gewiss einst stolzen und schönen Drachens, dem der Flug nach den Höhen schlecht bekommen ist. Die Kinderbänke stehen vereinsamt, nur ein paar hungrige Spatzen unternehmen dort Forschungsreisen nach unsichtbaren Zielen.

Das fröhliche Jankerl, die sportliche Joppe wurden verdrängt von ängstlich geschlossenem Überzieher, selbstbewusst flatterndem Havelock, schwer hängendem Kapuzenmantel. Die Lust des Sommers ist erschlagen, die Fröhlichkeit des Winters noch nicht erwacht. Ein Dämmerzustand herrscht im Garten, den erst der kommende Schnee siegreich brechen wird. Doch auch in diesem fahlen Traumzustand ist der liebe Garten schön und reizvoll. Blicke gibt’s da über rote Büsche, auf schlanke, weiße Türme, auf die Isar, die ihr lichtes Grün durch den sterbenden Wald trägt, festlich und unbekümmert. Ein früher Mond taucht seine Sichel in das ernste Dunkelbraun einer Buche, die einsam steht. Die entkleideten Sträuche tragen zwischen spärlichen Blättern schwarze Beeren mit bläulichem Schmelz, wie köstliche Perlen.

Auf glitschigen Wegen, über denen es schon dunkelt, geht einsam ein Student. Ein unbekanntes Heimweh beschleicht ihn, eine uneingestandene Sehnsucht. Er prunkt mit einem leichten Sommerpaletot, aber die blauroten Hände verraten ihn. Frierend taucht er sie tief in die Taschen. Die Stadt ist ihm kein verschlossenes Buch mehr, er hat sie rasch durchblättert, hat viele, noch nicht weit zurückliegende Gymnasiastenträume verwirklicht. Aber nun kommt so eine tote Stunde, die erste im ersten Semester …

Da schreitet es leicht federnd daher: braune Stiefelspitzen, das sanfte Dunkelblau eines fußfreien Rockes … die reizende Erfüllung eines unbewussten Wunsches. – Ein strammes Zusammennehmen, ein kurzes Rücken des Hutes: »Darf ich vielleicht … gnädiges Fräulein sind so allein … vielleicht begleiten …? schon etwas dunkel …« Ein halbes Nicken. Dann in gemeinsamem Schweigen geht es dahin. Das Laub raschelt, die Enten quarren.

»Es fängt schon an, kühl zu werden?«

»Ja.«

»Nun ist der Winter bald da.«

»Ja.«

Pause.

»Man kann sich einen Schnupfen holen.«

»Ja.«

Pause.

»Haben … gnädiges Fräulein vielleicht … schon einen … Schnupfen?«

»Nein, danke.«

Pause.

»Man muss sich sehr in acht nehmen, hier in München.«

»O ja.«

Pause.

»Gnädiges Fräulein sind auch nicht von hier?«

»Nein.«

»Wie gefällt es gnädigem Fräulein denn hier … in München?«

»O, es macht sich.«

»Gnädiges Fräulein sind auch … Norddeutsche?«

»Ja.«

»Ah, das ist aber ein glückliches Zusammentreffen.«

Pause.

»Haben gnädiges Fräulein schon viel gesehen?«

»Es geht.«

»Theater?«

»Nur im Deutschen.«

»So, so.«

Pause.

»Sind gnädiges Fräulein vielleicht Studentin?«

»O nein!«

»Aber bei der Kunst?«

»Auch nicht mal.«

»Hm.«

»Nun, es ist ja nicht … unumgänglich notwendig … etwas … zu sein … ich meine …«

Tiefe Pause.

»Frieren gnädiges Fräulein auch so?«

»Nein, danke, mir ist warm.«

»So? Ach.«

»Gott sei Dank, da ist er! Ich hatt’ ja so ’ne Angst in dem ekligen dunklen Garten!«

Braune Haken, ein fußfreier Rock von sanftem Dunkelblau …

Unerträglich, wie die Enten so schnattern! Und das faule Laub riecht abscheulich. Und dann diese Kälte! Und eigentlich war sie ein ganz stupides Subjekt. Nächstens wird man die Sache anders anfangen.

Was soll man nur essen heute Abend? Wurst von zuhause und zwei Rollmöpse? Oder schlemmen gehn? Kalbshaxen mit Kraut. Geschwollene Wollwürste? … Vornehm sieht der Monopteros herab auf den dunkelnden Garten, die Stadt, in der die Lichter sich entzünden. Der Novemberwind bläst auf den bunten Papierfetzen auf der untersten Stufe, und der, in dem Wahn, er sei noch der einstige stolze Drache, bläht sich und hebt sich, dreht sich um sich selbst, ohne doch die Höhe zu erreichen, und taumelt zwischen die frierenden Reiser eines nackten Strauchs.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1909, Heft 49, S. 1175–1176. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Elisabeth von Eicken, Herbstlandschaft

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