Drei Gedichte

von Sophie Albrecht (1756–1840)

Lied auf dem Kirchhofe

Sei leiser hier, du meines Kummers Klage,
Und seufze nur, was mich zu Gräbern beugt;
Verzeiht – verzeiht, ihr Toten, dass ich’s wage
Zu jammern, wo des Schmerzes Stimme schweigt.

Nichts kann der Gräber stolze Ruhe stören,
Der Friede wohnt im stillen Schattenreich;
Drum will ich heilig eure Täler ehren,
Ach! er, mein Herzensfreund, wohnt unter euch.

Mein Freund, der wieder all die süßen Bande,
Die längst die Welt von meinem Herzen riss,
Sanft knüpft’ und mir im finstern Wechsellande
Elysiums ewig daurend Glück verhieß.

Die heiße Stirn gelehnt am kalten Steine,
Der meiner Trauer stummen Hügel deckt;
Rinnt sanft, ihr Tränen! wie im Frühlingshaine
Des Morgens Tau, der junge Rosen weckt.

Sie fließen nicht, dich Freien zu beklagen,
Der nicht im Kerker der Verwesung wohnt;
Dir jauchz’ ich zu, dem nun nach schwülen Tagen
Das kühle Wehn der Dulderpalme lohnt.

Dort seh ich dich den großen Morgen feiern,
Der nur an jenem Purpurufer tagt;
Wohin keins von des Lebens Ungeheuern
Durch Gottes Wachen sich hinüberwagt.

Nur mir, nur mir Gesunknen rinnt die Zähre,
Nur mich Verlassne klagt dies Tränenlied;
Mir ist die Welt nur eine öde Leere,
Wo mir allein kein stiller Hügel blüht.

Er deckt mit dir auch alle bleiche Schrecken,
Die Gruft und Tod mir einstens schaudernd gab;
So muss die Nacht den jungen Morgen wecken,
Du starbst – und Heimat wird mir Tod und Grab.

Umschlungen unsrer schönsten Hoffnung Büste
Späh ich, ob bald der Kahn herüber schwimmt,
Der mich von der Verwesung schwarzen Küste
Zu dir – zu dir, mein Freund, hinüber nimmt.

Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe

Leise wie das Lispeln junger Bäume,
Wenn der erste West sie wiegt,
Sei der Inhalt aller eurer Träume,
Die ihr hier im kalten Staube liegt;
Leicht mög’ euch des Todes Dunkel decken,
Graus und Schrecken fliehe eure Gruft,
Bis Gott wird den schönen Tag erwecken,
Der einst Leben in die Gräber ruft.

Lied auf dem Kirchhof zu singen

Vergebens weht die Frühlingsluft
In diesen Todeshain,
Vergebens streut die Rose Duft
Ums modernde Gebein.

Ach! keine Liebesstimme ruft –
Und keine Träne weckt
Sie aus der öden dunkeln Gruft,
Wo lange Nacht sie deckt.

Wach auf! Wach auf! Posaunenton!
Komm, letztes Morgenrot!
Zerstöre der Verwesung Thron,
Und scheuch den starken Tod.

Weck auf, was in der Erde schlief,
Was längst vermodert lag,
Was keine Träne wiederrief,
Weck auf, du großer Tag!

Komm, lass uns ewig Frühling wehn
Und düften Rosenduft
Und unsre längst Getrennten sehn
In neugeborner Luft.


Textnachweis
Aus: Sophie Albrecht, Gedichte und Schauspiele, Dresden 1791, Teil 2, S. 65–66 (Lied auf dem Kirchhof zu singen), Teil 3, S. 32–35 (Lied auf dem Kirchhofe), S. 85 (Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe). (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Constance Marie Charpentier, Melancholie, 1801

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