Frau Asta

von Regine Mirsky-Tauber (1865–?)

Frau Asta war schön, jung und reich, somit eine der gefeiertesten Salonlöwinnen der Hauptstadt. Sie war lebenslustig, ja noch mehr: lebenshungrig. Und ihr Gatte, ein sehr wunderlicher alter Herr, konnte die Leere in ihrem Herzen nicht ausfüllen. Er bemühte sich auch gar nicht mehr darum; sein ganzes Interesse galt nur noch seiner reichen und wirklich sehenswerten Münzensammlung, in welcher es viele Seltenheiten, ja sogar Unika gab. Er hatte seine Frau recht lieb, hatte ihr aber trotzdem (oder vielleicht eben deshalb?) stillschweigend gestattet, sich ihr Leben ganz nach ihrem Belieben gestalten zu dürfen. – – – Und Frau Asta machte von dieser Erlaubnis ebenso ausgiebigen als – vorsichtigen Gebrauch. Denn die Welt durfte nichts erfahren. Frau Asta hatte unter den Söhnen der Großstadt Umschau gehalten und sich einen Herzensfreund erwählt, der ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Zehe war. Er war sehr, sehr diskret, und es fiel kein Makel auf das Haus des alten Edelmannes; die Dehors wurden peinlich gewahrt.

Jeden Donnerstag hatte die Dame des Hauses ihren Jour, da stellte sich die elegante Welt der Hauptstadt gern ein, um zu flirten und zu medisieren, um in den tonangebenden Salons des Hauses zu sehen und gesehen zu werden. Aber außerdem empfing sie noch ab und zu ihre Intimsten zu einem behaglichen Plauderstündchen. Ihr bevorzugter Haus- und Herzensfreund war Herr von Berger, ein schneidiger Offizier. Diese Verbindung hatte schon mehrere Jahre gedauert, und die Welt hatte nichts zu lästern gefunden, denn das Paar benahm sich sehr korrekt und – beweisen ließ sich nichts; da ging man denn stillschweigend über dieses Seelenbündnis hinweg. Doch nun war Herr von Berger von Wien versetzt worden, weit weg nach Bosnien. – – –

Und abermals war Frau Asta auf der Suche nach einem Herzensfreund. Diesmal sollte es aber kein Offizier sein, sondern ein Zivilist. Die sind verlässlicher, weil sesshafter.

Zu den Gästen des Hauses zählte auch der beliebte Frauenarzt Dr. Hart, ein gediegener, fester Charakter, dabei ein sehr hübscher und geistreicher Mann. Nur er schien ihr würdig, den verwaisten Platz in ihrem liebesdurstigen Herzen einzunehmen. – Er war auf einen Wink der Hausfrau zurückgeblieben, alle anderen Gäste hatten sich schon entfernt.

»Kommen Sie morgen um fünf Uhr auf eine Tasse Tee zu mir. Mein Gatte reist nach München zur großen Münzauktion bei Helbing; Sie wissen ja, die Sammlung des Grafen Sporck kommt unter den Hammer. Ohne meinen Gatten mag ich nicht in Gesellschaft gehen, und allein würde ich mich daheim entsetzlich langweilen. Sie kommen doch?«

Schweigend verneigte sich der junge Arzt. Ein vielsagender Blick der Dame streifte ihn und wurde von ihm erwidert. Er küsste ihr die schmalen, brillantengeschmückten Hände, dann entfernte er sich, die Brust von freudiger Erwartung geschwellt. –

Tags darauf. –

Sie hatten den Tee eingenommen und gerieten ins Plaudern. Sie waren ganz allein.

Und da kam es, wie es bei solchen Gelegenheiten zu kommen pflegt: Ein Blick hinüber, herüber und – schon hatten sie sich zu einem Kuss gefunden. – –

»Meine Süße, Geliebte, sei mein, ganz mein!«, jubelte er beglückt, indem er das schöne Weib fester an sich drückte.

Allein sie entwand sich ihm behänd und sagte:

»Nicht eher, als bis Sie mir den vollen Beweis Ihrer Liebe geben.«

»Welchen? Ich bin zu jedem Opfer bereit.«

»Wirklich?«, fragte sie lauernd, indem sie ihn mit ihren großen, stahlgrauen Augen durchbohrend ansah und seine Hände ergriff.

»Ich wünsche vorher zu wissen, ob Sie …«

»Sage mir du, mein Liebstes!«, und abermals zog er sie fester an sich.

»Du, du«, sagte sie lächelnd, indem sie sich an seine Schulter lehnte. »Sage mir also, hast du mit meiner Freundin Mimi ein Verhältnis gehabt? Ja oder nein?«

Betroffen und scheu trat er einen Schritt zurück.

»Nein, was fällt dir nur ein?«

Aber sie stampfte mit dem Füßchen.

»Ich will die Wahrheit wissen, die volle Wahrheit?«

Er war bleich geworden, und eine kleine Narbe auf der Stirn trat grellrot hervor. Er kämpfte einen schweren Kampf.

»Ich muss es wissen, das ist der Liebesbeweis, den ich von dir verlange! Geh, Schatz, sage mir doch die Wahrheit, ich bitte dich.«

Und abermals schmiegte sie sich weich an ihn, so dass er ihr reiches, goldblondes Gelock küssen konnte.

Er kämpfte noch immer mit sich.

Das schöne Weib, das im Begriffe war, sich ihm ganz zu geben, war auch zu verführerisch!

Sie musste sein werden um jeden Preis!

»Ja«, presste er heiser hervor, »sie war wirklich meine Geliebte.«

»Und der Beweis? Ich muss Beweise haben«, sagte sie hastig.

Da zog er aus einer gestickten Brieftasche, offenbar einem Geschenk von zarter Hand, ein Bild heraus, Mimis Bild …

Und am Rande des Bildes sah sie in Mimis charakteristischer Steilschrift die Worte stehen: »Mit tausend Küssen deine Mimi.«

Sie starrte schweigend auf das Bild. – – –

Ein kalter, abweisender Zug prägte sich auf ihrem Antlitze aus.

»Herr Doktor, Sie haben die Probe schlecht bestanden. Wenn ich mir je einen Herzensfreund erwählen sollte, dann müsste ich mich unbedingt auf seine Diskretion verlassen können!«

Dann schellte sie dem Stubenmädchen.

»Der Herr Doktor wünscht seine Oberkleider.«

Und mit einer förmlichen Verbeugung zog sich Frau Asta in das Nebenzimmer zurück …


Textnachweis
Aus: Die Muskete, Bd. II, Nr. 39, 28. Juni 1906, S. 307. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Porträt von Janiny Dygatówny, 1904

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