Die Jula

von Dorothee Goebeler (1867–1945)

Es hatte niemals zu vermieten brauchen, das kleine, feine Fräulein Medenwald, so bescheiden die paar Zinsen auch waren, die ihm Vaters Ersparnisse zur Verfügung stellten; so sehr es sich damit einrichten hieß, das bescheidene Altjungfernheim hatten sie doch erhalten helfen. Aber nun – in diesen harten Zeiten! – Es blieb nichts anderes übrig, man musste sich einschränken. Das kleine Fräulein Medenwald seufzte und ließ den Kopf hängen. Es war ihr nicht um das Engerwerden, sie war auch mit einem Stübchen zufrieden, aber was für einen Menschen bekam man nun in das Haus? Es gab doch heute zu gräuliches Volk, und die Männer waren womöglich Hochstapler und lagen mit den Stiefeln auf dem Sofa oder bekamen – Besuch. Fräulein Medenwald errötete schon, als sie nur an den »Besuch« dachte – und die Damen stellten die Brennmaschine auf die Tischdecke und wollten Taschentücher in der Küche waschen, in ihrer blitzblanken, kleinen Puppenküche.

Fräulein Medenwald warf die fünfhundertsiebenundzwanzig Angebote, die auf ihr Inserat eingelaufen waren, zum zwanzigsten Mal durcheinander und entschloss sich doch, dem Herrn zu antworten, der ein Zimmer für eine junge Landsmännin suchte.

Er kam schon am Nachmittag und entsprach ganz dem Eindruck, den sein Brief gemacht. Ein sehr würdiger und offenbar vornehmer Herr. Er hatte einen Gehpelz und eine dicke, goldene Uhrkette, sein Haar war schon ein bisschen angegraut; er sprach sehr nett und vertrauenerweckend – und das Zimmer wollte er für die Jula.

»Wohl eine Nichte?«, fragte Fräulein Medenwald.

Er schien die Frage zu überhören oder war doch so in seine Erklärungen vertieft, dass er hastig weitersprach. »Ja, also die Jula!« Sie war eine Landsmännin und erst achtzehn Jahre und sollte etwas lernen in Berlin oder sich sonst eine Stellung suchen. Es wäre ihm gerade recht, wenn sie bei einer netten, alten Dame unterkäme – und hier sei die Miete, gleich auf zwei Monate voraus.

Es waren nicht nur die paar Tausendmarkscheine, die Fräulein Medenwald in die Augen stachen, es war das Ganze, das ihr gefiel. Ein junges Mädel sollte sie bekommen, so ein nettes, liebes Ding, das fremd war in der großen Stadt, das man ein bisschen huscheln und hätscheln und bemuttern konnte. Das war reizend; sie hatte ja niemals etwas zum Bemuttern gehabt. Oh, das Kind sollte es gut bei ihr haben, der »Herr Onkel« konnte ruhig sein – liebhaben würde sie das Kind. Ihre guten, alten Augen leuchteten.

Und also kam die Jula. – Fräulein Medenwald hatte geglaubt, »der Onkel« würde sie bringen; sie kam aber merkwürdigerweise allein. Fräulein Medenwald bekam unwillkürlich einen Schreck. Nein, wie ein Kind sah sie eigentlich gar nicht mehr aus. Sehr elegant war sie, mit dem dicken Opossumkragen, dem feinen Lederhut, dem schicken Kostüm und den Seidenstrümpfen, die dünn wie ein Hauch die schlanken Beinchen umspannten. Nett und freundlich war sie ja und hatte auch ein liebes Gesichtl und wunderhübsche Augen; aber diese Haare! Nein, gab es denn solch ein Weißblond überhaupt? Fräulein Medenwald war innerlich ganz aufgelöst. Mit Hätscheln und Bemuttern anzufangen, kam ihr gar nicht erst in den Sinn. Sie fragte nur, was Fräulein Jula denn nun zum Abend wünsche. Sie hatte schon von einem netten Plauderstündchen am Teetische geträumt und zum Empfange für »das Kind« sogar ein paar Plätzchen gebacken. Aber »das Kind« wünschte nichts, es wollte nur rasch ein bisschen Toilette machen und würde dann ausgehen. Es würde überhaupt abends immer ausgehen. »Abends – immer – ausgehen?« Fräulein Medenwald staunte. Sie war als Mädchen von achtzehn Jahren abends niemals ausgegangen, – aber die Jula wollte wohl zu Verwandten? Wohl zu dem Onkel?

»Zu welchem Onkel?«, fragte die Jula.

»Nun, zu dem, der das Zimmer für Sie gemietet hat!«

»Ach, zu dem!« Die Jula lächelte. »Ja, zu dem gehe ich natürlich auch!«

Fräulein Medenwald wollte wach bleiben, bis das Kind nach Hause kam. So ein junges Ding, die erste Nacht im fremden Haus, es würde sich doch freuen, wenn es noch ein freundliches Wort zur Guten Nacht bekam. Fräulein Medenwald wartete. Sie saß in der Sofaecke und zählte die Stunden – aber auf einmal waren die Stunden weg und Fräulein Medenwald auch, und als sie fröstelnd hochschreckte, weil draußen die Korridortür ging, da rief der Kuckuck in der Uhr gerade vier Mal. Fräulein Medenwald war ein bisschen entrüstet. Um vier Uhr nach Hause zu kommen, gehört sich das für solch ein Kind? Aber freilich, wenn die Verwandten und der Onkel dabei waren – –!

Sie schlief sehr lange – die Jula. Mittag war schon längst vorüber, als es sich in ihrem Zimmer rührte, und als Fräulein Medenwald anklopfte und fragte, ob sie denn noch Frühstück bringen sollte, lag das Kind noch im Bett. Es sah übrigens jetzt wirklich aus wie ein Kind. Mit dem aufgelösten Wuschelhaar, das lockig um das rotgeschlafene Gesichtchen hing, konnte man die Jula kaum für siebzehn halten. Fräulein Medenwalds mütterliches Herz wallte wieder über. Nun sollte das Kind aber auch die Plätzchen kosten, die sie gestern zu seinem Empfange gebacken.

Das Kind besah sich die Plätzchen, gähnte und sagte: »Sehr nett, aber lassen Sie man, ich hab mir was zum Frühstück mitgebracht«, und dann nahm es ein Paket vom Nachttisch und packte aus. Nein, was kam da heraus! Butter und Käse in Stanniol und feine Schlackwurst – Fräulein Medenwalds Augen wurden immer größer. Sie wusste schon seit Monaten nicht mehr, wie Wurst und Butter aussahen.

Die Jula aber verzog den Mund und sagte: »Och nee! Jetzt hat er mir schon wieder Schlackwurst einpacken lassen; ich wollte doch Leberpastete haben, – no, der kriegt’s ja! Da, essen Sie man – ich mag das Zeug nicht!« Sie schob Fräulein Medenwald die Wurst hin.

Es war mit einem Male eine Stimme in Fräulein Medenwald, die sagte sehr bestimmt: Hände weg! – Aber wenn man monatelang nichts anderes als Brot mit Margarine gegessen hat! – Und wenn es der Onkel dem Kinde mitgegeben hatte, denn von einem »Er« hatte es ja doch gesprochen. – Fräulein Medenwald ließ sich die Wurst schmecken.

Sie war eigentlich eine sehr bequeme Mieterin, die Jula. Zum Huscheln und Hätscheln kam man zwar wirklich nicht, aber sonst lebte es sich ganz angenehm mit ihr. Sie schlief bis Mittag, ging aus und kam erst spät in der Nacht oder früh am Morgen heim; immer brachte sie etwas zu knabbern mit, Schokolade und Pralines oder einmal einen Hühnerflügel, ein Büchschen Mayonnaise; sie war entschieden gutmütig. Sie sagte: »Essen Sie nur – ich habe es vom – Onkel.« Mit einem allerliebsten Kichern sagte sie das. Also, wie gesagt, Fräulein Medenwald konnte zufrieden sein.

Und dennoch!

Dennoch war da etwas, das rumorte in Fräulein Medenwald und rumorte jeden Tag lauter. Sie ging durch das Zimmer der Jula und schüttelte den Kopf. Nein, was hatte das Kind für Flaschen und Fläschchen und Döschen auf dem Toilettetische. Der ganze Raum roch nach allen möglichen Parfüms, und Cremes gab es und Salben und Puder – wahrhaftig, das Kind schminkte sich und hatte einen Stift zum Zeichnen der Augenbrauen. Fräulein Medenwald war entsetzt.

Fräulein Medenwald wurde noch entsetzter – sie fand auf Julas Nachttisch ein modernes Witzblatt. Nein, dieses Witzblatt! Fräulein Medenwald sank in einen Sessel und war sprachlos.

In Fräulein Medenwald erwachten mit einem Male Gewissensbisse. Sprach sie denn wohl auch die Wahrheit, wenn sie immer erzählte, sie sei mit den Verwandten zusammen bis spät in die Nacht? Wenn sie nun auf schlechte Wege geriet, die Jula? Schließlich war sie doch wirklich noch ein Kind, und der Onkel hatte sie ihr anvertraut, sie hatte ihm versprochen, über das Kind zu wachen. Ob man dem Onkel einmal vertraulich einen Brief schrieb? Er müsste es ja doch wohl hoch aufnehmen, wenn er sah, wie sie sich um das Kind ängstigte, selbst wenn die Angst unberechtigt war. Oder ob man selber zu ihm ging?

Fräulein Medenwald entschloss sich für das Letztere. Sie hatte zwar damals nur postlagernd mit ihm korrespondiert, aber er hatte ja seinen Namen genannt: Burkhard – und die Jula hatte es auch einmal verraten, dass er Direktor an einer großen Bank sei und eine Villa im Grunewald habe. Fräulein Medenwald suchte sich die Adresse, hängte ihr altes Seidenmäntelchen um, setzte das Kapotthütchen auf und fuhr hinaus.

»Der Herr Direktor ist nicht zu Hause«, sagte der vornehme Diener, der ihr aufgetan hatte; »aber wenn Sie die gnädige Frau sprechen wollen?«

Die Tante also – ach ja! Fräulein Medenwald atmete auf, das war ja noch besser, mit einer Frau konnte man so heikle Dinge ja noch viel eingehender besprechen.

Und nun saß sie in dem eleganten Salon einer sehr eleganten Dame gegenüber und brachte ihre Sache und ihre Sorgen um die Jula vor.

Die elegante Dame, deren Haar auch schon grau war, hörte sehr ruhig zu, nur ihre Finger zuckten etwas nervös hin und her, dann aber stand sie mit einem Male kerzengerade vor Fräulein Medenwald und sagte kühl und mit einer entlassenden Handbewegung: »Es ist sehr menschenfreundlich, liebes Fräulein, dass Sie sich dieses – Kindes annehmen wollen, aber es liegt hier ein Irrtum vor: Weder mein Mann noch ich haben eine Angehörige, die Jula heißt.«

Fräulein Medenwald war sprachlos. Sie sollte noch viel sprachloser werden. In dieser Nacht kam die Jula überhaupt nicht nach Hause. Fräulein Medenwald stand in dem leeren Zimmer vor dem leeren Bett. Ja, was war denn nun? War das Kind verunglückt? Was war dem Kind passiert? Da flog draußen die Korridortür mit einem Krach, dass das Haus bebte. Da ging die Stubentür auf, da stand vor ihr die Jula mit wutverzerrtem Gesicht und schrie: »Sie! Na, das is ja gut, dass ich Sie gleich treffe! Also so eine sind Sie! Da laufen Sie raus nach’m Grunewald und verklatschen meinen ollen Knopp und mich bei seiner eifersüchtigen Ollen? Retten wollen Sie mich? Sagen Sie mal, sind Sie nu jemein oder bloß dämlich? Na, jedenfalls sind wir fertig mit Ihnen und Ihrer Bude. Her mit meine Sachen und denn – raus!«

Sie war in der Tat sehr schnell hinaus, die Jula. Aber Fräulein Medenwald saß in ihrem Zimmerchen und schluchzte und weinte: »Erst – das Kind! Und nun so eine! – Und in meinem Haus – in –«

Und dann mit einem Male in Tönen höchster sittlicher Wut: »Und von dem – Onkel seiner Wurst – hab’ ich noch mitgegessen!«


Textnachweis
Aus: Arbeiterwille, 23. Nov. 1922, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Suzanne Valadon, Die verlassene Puppe, 1921

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