Ferrier

von Helene Raff (1865–1942)

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Ein kleiner Badeort an einer französischen Küste. Alles, was man ansah, hatte einen gewissen Miniaturmaßstab: winzige bunte Häuschen am Strande und auf dem mäßig ansteigenden Geklipp – von zwergenhafter Zierlichkeit das Kasino, wo die Konzerte und Réunions stattfanden. Wie aus einem Baukasten herausgenommen wirkte auch die Kirche, die am Ende des Badedorfes lag, von einem kleinen sandigen Friedhof umschlossen. Gras und Pflanzenwuchs gedieh hier nur kümmerlich. Die Gräber, eng aneinandergerückt, gewährten einen unsäglich schlichten und kahlen Anblick. Ihren Hauptschmuck bildeten die Totenkränze aus verschiedenfarbigen Perlen, die kurze ergreifende Inschriften trugen: »A mon mari« – »A mon fils« – »Au revoir« – und Ähnliches.

Hier sah man bisweilen die dunkel gekleideten Fischerfrauen, deren Männern man unten am Strande begegnete: ein ernster, zurückhaltender Menschenschlag, luftgebräunt und kräftig, voll höflichen Misstrauens gegen die Fremden, die von ihnen als Einnahmequelle zugleich und als notwendiges Übel betrachtet wurden.

Das Badepublikum bestand zumeist aus Franzosen, Parisern wie auch Provinzlern. Wir Ausländer – ein paar Deutsche und Engländer – befanden uns in der verschwindenden Minderzahl.

Von 10 Uhr des Morgens an lagerte diese bunte Schar am Strande, lachte, plauderte, medisierte – die Damen in eleganter Frühtoilette, die Herren in weißen Anzügen und Mützen. Besonders lebhaft ging es bei den Badehütten zu: Fortwährend kamen abenteuerliche Gestalten im langen, bis auf die Füße reichenden Bademantel herausgeschlüpft, um sich angesichts von hundert Augen dem Meere zu überantworten. Am äußersten von der Flut gesicherten Kiesfleck wurden die Mäntel abgestreift, und dann hieß es: hinein in die wogende Unendlichkeit! Ein Unternehmen, wozu das zärtere Geschlecht kaum den Mut gehabt hätte ohne den Schutz des Baigneurs, der hergebrachtermaßen die Damen geleitete.

Dies hilfreiche Amt versah unter anderen ein stämmiger, blonder Seebär mit rötlicher Gesichtsfarbe und sehr hellen Augen. Wie eine sorgsame Bonne hielt er die feinen Zappelpüppchen, die sich in ihren luftigen Badeanzügen recht kläglich dem majestätischen Element gegenüber ausnahmen, an der Hand und stapfte mit ihnen den andringenden Wogen entgegen. Er warnte davor, dem Anprall das Rückgrat zu bieten, verhütete, dass man umgeworfen wurde – und wenn man »Ah!« schrie, weil einem eine Spritzwelle ins Gesicht geklatscht hatte, tröstete er im gutmütigsten, kaum hörbar mit Malice durchsetzten Ton: »Ça vous fera du bien, mademoiselle!«

Sonst konnte unser Ferrier – so hieß er – keineswegs für gewitzt oder durchtrieben gelten; in seinem Wesen war die unverkennbare Kindlichkeit, die starken Menschen so oft eigen ist, und die etwas Deutsches hat.

Dieses Urbild körperlicher und geistiger Unanfechtbarkeit, das halbe Tage lang ohne Schaden barbeinig im Wasser stehen konnte, unterlag nur einer einzigen Schwäche. Niemand würde geglaubt haben, dass Ferrier, der Nüchterne, Gesetzte, zeitweilig trank – hätte nicht seine Frau, die Feinwäscherin war, es ihren Kundinnen heimlich vertraut. Er trage ein gutes Teil seines Verdienstes dorthin – sie deutete nach der Richtung einer von den Strandleuten bevorzugten Kneipe. Man solle nur um Gotteswillen nichts darüber sagen: Wenn ihr Mann in Zorn gerate, sei er comme un furieux.

Die kleine Madame Ferrier verhehlte, wer ihn dazu trieb, wer ihn manchmal so rasend machte, dass er zum Alkohol seine Zuflucht nahm. Nämlich sie selber.

Das niedliche, hausbackene Geschöpf im tadellosen, weißen Häubchen war ihrerseits das Opfer einer unseligen Leidenschaft – der blindesten Eifersucht. Sie hasste die Baigneurtätigkeit ihres Mannes, hasste die eleganten fremden Damen, von denen er Tag für Tag umgeben war, deren verführerische Kostüme sie obenein waschen und plätten musste. Den ermüdet Heimkehrenden quälte sie mit argwöhnischen Stichelreden, sinnlosen Vorwürfen so lange, bis sein Grimm seine Gutmütigkeit überwand und er sie durch brutale Misshandlungen zum Schweigen brachte.

»Du machst mich toll – du bist noch einmal schuld, dass wirklich etwas geschieht!« – hatten ihn die Nachbarn bei solchem Anlass schreien hören. Hernach lief er davon, ins Wirtshaus, um seinen Verdruss niederzutrinken. War ihm dies gelungen, so schlich er nach Hause, wo die beiderseitige Reue eine zärtliche Versöhnung herbeiführte. Dann bezwang sich die Frau eine Zeitlang, gab sich den Anschein vertrauender Ruhe, und er, Ferrier, betrug sich im Dienste gemessener denn je.

Sein zurückhaltendes Wesen, doppelt auffällig bei dem Angehörigen eines für Galanterie berühmten Volkes gefiel, den meisten wohl, ärgerte nur ein paar sieggewohnte Einzelne.

So zum Beispiel die Argentinierin, deren rötlich braunes Haar und biegsame Gestalt großes Aufsehen unter der Herrenwelt erregten. Einige behaupteten allerdings, ihr schon anderswo begegnet zu sein; freilich sei sie damals blond und aus Südrussland gebürtig gewesen. Diese vielseitige Schönheit kannte, wie alle Welt, Ferriers häusliche Verhältnisse und meinte mit einem spöttischen leichten Lachen, das ihre Mausezähnchen blinken ließ: Ferrier sei ein Einfaltspinsel. Seiner dummen kleinen Frau geschähe es doch ganz recht, wenn er gelegentlich aus der Rolle fiele!

Etwas anders äußerte sie sich gegen die Frau, als sie ein Päckchen gereinigter Spitzen von ihr abholte. »Seien Sie nicht töricht, ma bonne! – Ihr Mann ist ja viel zu schlafmützig, um Ihnen jemals Grund zur Eifersucht zu geben. Er hat richtiges Fischblut – man nennt ihn auch nur l’invulnérable.« – Diesen Namen hatte sie selbst ihm aufgebracht.

Der kleinen Madame Ferrier gereichte dies Zeugnis, das ein so anerkannt gefährlicher Mund ihrem Mann ausstellte, zu wirklicher Beruhigung. Ob es nun aus einer abbittenden Regung geschah – oder aus einer erziehlichen Bosheit, um ihm beizubringen, wie uninteressant die feinen Damen ihn fänden, – genug: Sie verriet ihm, was jene gesagt.

Ferrier zuckte wegwerfend die Achseln. So eine von irgendwoher – was ging sie ihn an! Aber er war keineswegs vom Lobe seiner Tugend erbaut. Es wurmte ihn, für fischblütig zu gelten, einen Spitznamen zu tragen, von dem er zuvor nichts gewusst. Er verspürte den unbestimmten Wunsch, der Argentinierin zu beweisen, dass solch ein langweiliger Fisch auch schnappen kann.

Sein Verhalten ihr gegenüber hatte von da an etwas Herausforderndes, eine Beimischung beleidigter Würde, die zu Ferriers Persönlichkeit drollig stand. Seine Widersacherin behandelte ihn ihrerseits kühl und von oben herunter, bis sie unvermerkt ihre Taktik änderte. Sie befahl ihn zu allerhand kleinen Diensten, lehnte sich fester an ihn als notwendig, und eine Art hatte sie, ihn ihre Reize sehen zu lehren – eine Art –

Ja, er lernte sie sehen! Allmählich ging mit dem Hünen eine Wandlung vor. Ein unruhiger Trübsinn bemächtigte sich seiner – er überhörte, wenn man ihn ansprach; seine Antworten klangen rau, und sein Gesicht erschien manchmal so rot und gedunsen. – – –

Ein windiger Morgen! Der Himmel war bleigrau und wolkig, das Meer voll stahlfarbiger wimmelnder Wellchen, mit weißen Schaumkämmen darauf. Nur wenige Badende hatten sich hinausgewagt – am weitesten draußen befanden sich Ferrier und die Fremde mit dem leuchtenden Haar. Da – niemand begriff das Wie – riss Ferrier die, die sich auf ihn stützte, plötzlich an sich – warf beide Arme um ihren Körper, als wollte er sie verschlingen, zerdrücken. – Ein Augenblick nur – dann hatte sie ihn zurückgestoßen, sich so heftig losgerungen, dass sie unters Wasser geriet und eine Strecke weit fortgerissen wurde. Sie wäre wahrscheinlich ertrunken ohne den Mann, der ihr nachsprang und eigener Gefahr die laut Schreiende, krampfhaft sich Sträubende in Sicherheit brachte. –

Die Kunde eines aufregenden Geschehnisses verbreitete sich rasch. Alles drängte nach der Uferstelle, wo die Argentinierin nunmehr in Weinkrämpfen lag und Ferrier regungslos neben ihr stand, triefend von salzigem Nass. Mit einem leeren hilflosen Kinderblick schaute er um sich. Mittlerweile war ein Mitglied des Badekomitees erschienen, das die Neugierigen ebenso höflich als bestimmt zurückwies: »Bien, Messieurs, je vous assure! Il n’y a absolûment rien!«

Ärgernisse und Skandale im Keim zu ersticken, gehört eben zu den Obliegenheiten jeder zielbewussten Badekommission. Die Argentinierin wurde aufgehoben und fortgeführt. – Ferrier aber war noch selbigen Tages in aller Stille seiner Funktionen enthoben. Es nützte ihm nichts, dass die wenigen Zeugen des Vorgangs so sehr als möglich zu seinen Gunsten sprachen, seine bei der Rettung der Versucherin bewiesene Tapferkeit hervorhoben. Er hatte sich eine Minute lang unkorrekt benommen. Das ließ sich nicht leugnen – und diese eine unkorrekte Minute entschied des armen großen Kindes Schicksal.

Nachdem er seine Entlassung erhalten, war er nicht nach Hause gegangen. Wie man nachträglich erfuhr, hatte er in der Kneipe gehockt, viele Stunden lang, ohne ein Wort zu sprechen. Ganze Ströme starken Getränkes hatte er hinabgeschüttet, entweder, um seine Scham und Verstörung zu betäuben, oder um sich Mut zu machen für den Empfang daheim. Endlich, da man ihm nichts mehr geben wollte, hatte er mit einem Fluche sich aufgerappelt und war davongestolpert in die Nacht hinaus.

Am Morgen aber war seine Frau umhergelaufen im flatternden Häubchen, hatte ihn überall gesucht und nichts weiter erfahren können, als dass er fortgegangen sei. Bis ihn die Flut nach ein paar Tagen ans Ufer spülte, wächsern und kalt. – Ob er in der Trunkenheit zufällig den Weg verfehlt – oder ob ein jäher Lebensekel ihn überfallen hatte, blieb unaufgeklärt.

Jedermann war erschüttert und zugleich aus tiefster Seele wider die Urheberin des Unglücks empört. Man entsann sich zu wohl, wie es ihr Bestreben gewesen, Ferrier aufs Äußerste zu reizen, und war überzeugt, dass sie ihn nur zurückgestoßen hatte der Zuschauer wegen. Die Argentinierin, von allen Kurgästen gleich einer Pestkranken gemieden, ward gezwungen, ihr Heil in schleuniger Abreise zu suchen. Aber das machte Ferrier nicht wieder lebendig.

Seine Frau mit ihren zwei Kleinen blieb nicht eben im Elend zurück, da sie leidlich vermögender Leute Kind war. Eine mitleidige Dame besuchte seine Witwe und fand sie merkwürdig ergeben. Sie weinte wohl – sie sprach von ihrem Mann mütterlich liebevoll, wie von einem durch Unvorsichtigkeit verunglückten Kinde. Aber deutlich, so deutlich, dass es die teilnehmende Besucherin fast erschreckte, klang aus dem allen ein Unterton von Triumph, als habe sie recht behalten in ihrem langen Argwohn gegen den Mann. Zugleich ein Unterton von Erleichterung: »Nun ist er sicher vor euch, ihr mit den Spitzen und Bändern, sicher vor der Versuchung. Keiner mehr kann ihn mir nehmen: Er gehört mir endlich allein!« –

Sie soll Ferriers Grab auf dem kleinen, sandigen Friedhof sehr hübsch hergerichtet haben. Ein schwarz gestrichenes Kreuz hat sie ihm gesetzt, geschmückt mit einem Kranze aus blauen und weißen Perlen, der die Inschrift trägt: »Sainte Vierge, prieze pour lui!«


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1909, Heft 33, S. 772–774. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Lilla Cabot Perry, Klippen bei Etretat


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