Grace Lukas’ Sommer

Skizze von Elisabeth Heydemann-Möhring (1869–1920)

Es waren noch nicht die Tage der hohen Preise, es waren noch die allerersten Rosen, da kam Grace Lukas auch einmal heraus aus ihrem Großstadtnorden, um einmal tief und gierig zu atmen und schimmernde Möwen zu sehen und im losen, warmen Strandsand sich zu dehnen.

»Das schickt sich nicht für uns« und »Das können wir nicht«, das waren sonst immer die Angeln gewesen, in denen die Resignation der hübschen Grace hing.

Sie hatte die viel zu gute Bildung des gebildeten Proletariats, denn sie hatte sie eigentlich nur, um für fünfundsiebzig Pfennige Klavier- und Sprachstunden zu geben und Nerven zu bekommen, die zu subtil waren für ihre Verhältnisse. Sie hatte einen entsetzlichen Winter gehabt und sich durch die nasskalte Zeit geschlichen wie einer, der ein Absterben fühlt und doch eigentlich nicht krank ist. Sie hatte wie immer ihre Stunden gegeben und ihrer Mutter geholfen, die ein paar alte nie zufriedene Damen in Pension hatte. Denen las sie die halben Nächte hindurch aus der Journalmappe vor und goss ihnen dann noch Baldriantee auf, obwohl ihr der Geruch Ekel verursachte. Die andere Nachthälfte hätte sie gern geschlafen, aber sie hörte immer die unmusikalischeste ihrer Schülerinnen zu »Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald« zählen oder deklinierte französische Substantive, bis der Wecker losschnarrte.

»Ihre Tochter muss einmal heraus aus dem Geplacke, ein paar Wochen mal an die See«, hatte der Arzt gesagt zu Frau Lukas, die das Umherschleichen nicht mehr mitansehen konnte.

»Heraus? Und an die See? Das können wir nicht«, wollte Frau Lukas sagen, aber sie dachte, dass sie vielleicht ihren Mann nicht in die Irrenanstalt hätte bringen müssen, wenn er einmal herausgekommen wäre.

Und sie vermietete auch noch die Kammer, in der sie sonst schlief, und ihre Mieterin war eine kleine lustige Confectioneuse und passte nicht in den etwas altjüngferlich gefärbten Haushalt von Frau Lukas. Die beiden alten verbrauchten Lehrerinnen rümpften auch die spitzen weißen Nasen und redeten bedrohlich. Aber sie waren zu alt und zu umständlich zum Ausziehen, und die vergnügte Hirondelle wurde in respektvoller Ferne gehalten.

Frau Lukas vermietete also an eine kleine Hirondelle, und weil die eine einzige kleine Schwalbe für Grace noch keinen Sommer bringen konnte, meldete sie sich auch bei einem Verein, der überarbeitete, bleichsüchtige Mädchen zu einer Sommerreise unterstützte. Dieses eine Mal strich sie ihr »Das können wir nicht« und »Das schickt sich nicht für uns.« Wenn Frau Lukas ihre Besorgungen machte, stand sie lange vor den Schaufenstern der Modegeschäfte und studierte Pariser Modelle. Grace sollte auch elegant aussehen, und nirgends sollte die verschämte Armut herausgucken. Grace sollte einen Sommer haben. Sie sollte nicht an jedem Groschen die zehn Pfennige zählen wie sonst, und Frau Lukas kam der Gedanke, dass Kupfergeld nur darum Grünspan ansetzt, weil am Heller viel mehr giftiges Sorgen klebt als am Gold. Grace sollte einen Sommer haben und helle duftige Blusen tragen. Die kleine Hirondelle war gutmütig und geschickt, und dafür durfte sie einen Sonntagnachmittag mit Frau Lukas und Grace im Wohnzimmer Kaffee trinken und ihre Possen reißen.

Grace hatte über das kleine Ding nachgedacht. Die war noch viel ärmer als sie und viel lustiger. Sie hätte so gern mit ihr gelacht, wenn die Mutter nicht mit ihrer eisigen Freundlichkeit zwischen ihnen gestanden hätte. »Der Umgang schickt sich nicht für uns«, hatte Grace schon bald nach ihrem ersten Schultag gehört, als sie eine Kleine mit nach oben gebracht hatte, die über ihre direktesten Ahnen im Zweifel war. Es hatte sich eigentlich nie ein Umgang für sie geschickt, und der sich für Grace geschickt hätte, suchte das einsame Ding nicht, das immer nur mit der Mama spazieren ging und ein altkluges Gesicht hatte. O ja – Grace Lukas war immer zu alt und zu klug gewesen, um einmal vom Herzen glücklich zu sein. Nur großstadtklug war sie nicht, und Frau Lukas hatte ihr nie erzählt, wie das Leben mit einem hübschen, armen Mädchen umspringt. Grace meinte, die Kleine von Firma H. u. Co. stand unter ihr, weil ihr Vater Dienstmann war und ihr eigener hätte Kanzleirat sein können, wenn er nicht so früh gestorben wäre. Aber das lustige Geschöpf interessierte sie doch, und ganz heimlich lernte sie von ihr eine flotte Frisur und wie man Schleifen fesch bindet und dem Schleier die rechten Falten gibt.

Als Grace in dem kleinen Fischerwinkel war, von dem es noch weit ins Binnenland hinein nach Flundern und Teert riechen musste, dachte sie dankbar an die anmutige Kleine, denn die Leute guckten sie an, weil sie so niedlich aussah in den aparten Sommerfähnchen. Manchmal hatten die Alten, denen sie die rührendsten Stellen immer zweimal vorlesen musste, gesagt, dass sie niedlich genug sei, selbst etwas zu erleben. Fräulein Elly, die Kammermieterin, hatte ihr es auf ihre Art gesagt, wie die Männer sie angucken würden und wie die Frauen, und hatte dazu die männlichen und weiblichen Grimassen gemacht.

Und die Kleine hatte mal wieder recht. Grace hatte doch viel von ihr profitiert. Auch sonst noch allerlei im Bausch und Bogen, worin die kleinen vogelfreien Schwalben klüger sind als Stubenvögel. Eins gab es für das lustige Wesen gar nicht, nämlich, dass sich etwas für sie nicht schicke. Die Mutter hatte beim Abschied zu Grace gesagt: »Nun kommst du doch heraus und hast deinen Sommer, und ich kann dich ja allein fahren lassen, du tust ja nichts, was sich nicht für dich schickt.« Fräulein Elly, die Hirondelle, aber hatte gesagt: »Fräulein Grace, nun amüsieren Sie sich mal. Sie sehen wirklich süß aus.«

Amüsieren wollte sich Grace Lukas gar zu gern einmal. Sie hatte doch auch eine Großstadtseele, und wenn ihr Vater Dienstmann wäre, wäre sie auch wie Fräulein Elly in ein Geschäft gegangen und hätte ein Album gehabt mit den Bildern vieler, vieler Freunde. Oh! einen Freund – und einen Schatz! Denn bei Elly war Freund und Liebster dasselbe. Grace war achtzehn Jahre und noch nicht großstadtklug trotz ihrer heimlichen Freundschaft mit der kleinen Hirondelle.

Grace hatte ihren Sommer, und Grace fand ihren Freund. Es war noch nicht die »Saison«. – Es war die Vorsaison mit dem billigen Publikum, unter dem Grace Lukas auffallen konnte. Und Grace Lukas war einem aufgefallen, der übersatt war von der Kosmpolis des Lido und von Spaa.

James Peters suchte ein Idyll. Er hatte alles genossen, weil er reich und ohne Arbeit war – die Frauen, die ihr Tizianblond von einem Pariser Friseur bezogen, und die »Vons«, die in keinem Gothaer zu finden sind, eben all die Hazardtypen, deren Kugel doch einmal ins böse Feld läuft. Er hatte manche Tragödie und mehr Komödien und zumeist Tragikomödien erlebt, – nun wollte er ein Idyll. Er wusste gar nicht, wie er auf das Ostseenest verfallen war, aber als er das hübsche Mädchen in den Dünenblumen fand, freute es ihn. James Peters hatte viel Geld und herzlich wenig Gewissen. Es gibt ja Menschen, die nicht beides zum Glück brauchen, und James Peters, der eines reichen Vaters Erbe war, wollte auch gar kein Glück, zumal er an das Wort aus dem Dichterlexikon nicht glaubte. Er wollte sich amüsieren in einem Idyll, obwohl die beiden Worte nicht zueinander passen.

Grace Lukas wollte sich auch amüsieren. Aber – Grace Lukas hatte noch nichts genossen als die Tage verschämter Armut. Sie kannte das Wort auch eigentlich noch gar nicht, was ihr ein Wesen mit auf die Reise gegeben, das vielleicht die Sehnsucht nach einem glücklichen Moment in vielen fidelen Stunden niederzwang.

Amüsieren! Grace Lukas dachte aber noch an ein »Glücklich sein« dabei.

Sie war auch glücklich, wenn James mit ihr plaudernd den Strand entlang ging und rote Muscheln und auch weiße und sonst noch allerlei schimmerndes Strandgut für sie sammelte, und wenn er bei ihr saß, wenn sie Muschelkästchen und dergleichen klebte zum Mitbringen für die Mutter und die alten bissigen Untadeligen und die kleine viel getadelte Probiermamsell. Es sollte jeder etwas abbekommen von Grace Lukas’ Sommer.

James Peters hatte sie einmal angeredet, als ihre Seele, losgelöst von dem, was sie sonst zur Wunschlosigkeit zwang, nach einem Inhalt griff. James Peters sagte ihr auch so vieles, was einem Mädchen, das nur bei der Mutter gewesen, wohltun musste – viel liebe Schmeicheleien über sie und ihren hübschen Namen.

Alle Tage waren sie zusammen – es waren die langen Johannistage, wo die Kelche sich auftun. Und wenn die hellen Sommernächte auf weißen Wellenköpfen gesprungen kamen, drückte James Peters zwei heiße und unschuldige Hände und sagte: »Auf Wiedersehen, Grace.«

So ging es Tag für Tag und Abend für Abend. Die anderen, die in dem Fischerdorf einen billigen und amüsanten Sommer suchten, sahen ihnen mit immer längeren Hälsen nach. James Peters kam aus der Kosmopolis, die keine Neugier kennt, und Grace aus ihrer behüteten Girlishhood.

Es war ein Abend, an dem die Dünen in viel weißen und blauen und rosa Blüten standen, da fuhren James und Grace in einem kleinen Boot die Küste entlang. Sonst hatten sie sich von ihrem Leben erzählt, nun wussten sie nichts mehr von sich. Da sagte der Mann, der schon viel Frauen liebgehabt und die Unschuld suchte:

»Wirst du mich vergessen, Grace?« Und das Mädchen, das noch niemand außer seiner Mutter liebgehabt hatte, sagte: »Nie!«

Dann gab es eine Szene in dem kleinen Seelenverkäufer, und das Mädchen, das sich nach einem Freunde und einem Liebsten gesehnt hatte und zu wenig von dem traurigen Kaufpreis der ersten Liebe wusste, kam mit weit offenen seligen Augen heim in das Katenstübchen, unter dessen breitem Fenster ein Rosenstrauch zum ersten Male für das Jahr abgeblüht hatte.

Noch ein paarmal fuhren sie bis gegen Mitternacht auf der sommerstillen See und hatten sich lieb.

»Hast du mich lieb?« und »Wirst du mich vergessen?«, fragte James Peters Abend für Abend. Aber er sagte nie, dass er selbst nie das Mädchen vergessen würde, das seinen Sommer suchte.

Er brauchte es auch nicht zu sagen, weil sich Treue von selbst versteht für solche wie Grace Lukas.

Eines Morgens lag auf dem Fensterbrett von Grace Lukas’ kleiner Stube ein Rosenstrauß und ein Brief, und die bunten Mullgardinen von Frau Johannsen, die ihr bestes Zimmer an Sommerfrischler vermietete, zitterten drüber hin. Grace, die eine Nacht gehabt hatte wie nie zuvor, eine lange selige Nacht, die den Morgen fürchtet, fand die Blumen, über die schon der Mittag gegangen war, und den Brief.

»Wenn du aufwachst, bin ich fort, Grace. Wenn du älter bist und weltklug, wirst du wissen, warum ich mit dem heimlichen Abschied von dir ging. Habe tausendmal Dank für alles, was du mir gabst. Wenn ich ein Nocturno höre, werden die Nächte wieder zu mir kommen, in denen ein unberührtes Mädchen mir die Erstlinge ihrer Seele opferte. Lebe wohl, du liebe Kleine.«

Grace zog den großblumigen Vorhang wieder zu, nachdem sie gelesen hatte, dass ihre Liebe nur ein Nachtopfer gewesen, von dem der Morgen nichts wissen darf, und lag den langen, heißen Tag, an dem sich so viel Rosen auftaten, in schwülem Dämmern und sann darüber nach, ob das kleine Mädchen aus dem Modengeschäft auch so elend sei, wenn es einen Freund und Liebsten verliert. Aber die hielt sich schadlos an vielen Freunden, und Grace Lukas begriff nun, warum sie immer selig war bei trockenen Semmeln und auf schiefgetretenen Absätzen.

Als sie das interessante Album zuklappte, hatte die Elly gesagt: »Lumpensammlung das da! Lumpensammlung!« Meinte sie nun die hübschen Männerköpfe oder meinte sie, dass bei jedem ein lumpiges Fetzchen Liebe hängengeblieben war?

»Fräulein Grace, Sie sind zu anständig für das da, aber unserein – – – na – und Sie sind viel zu dumm und unschuldig und wissen von nichts.« Das hatte die Elly auch gesagt.

O ja, nun wusste sie allerlei, vor allen Dingen, wie weh es tut, wenn ein armes Mädchen etwas verschwendet. Sie wollte keine Lumpensammlung haben wie ein Ladenmädchen, und darum würde sie auch nie lustig wie die kleine auf das Straßenpflaster gefallene Schwalbe.

Nun hing das Leben wieder seine Bagnokugeln an das Mädchen, das keinen Freund und keine Lebenswonne mehr hatte. Die Mutter hatte ihr einen Sommer schenken wollen, und sie hatte hübsch ausgesehen in der mohnroten Foulardbluse und dem kleinen englischen Strohhut, den Fräulein Elly in einer »Gelegenheit« ausgesucht hatte. Die Mutter hatte ihr auch Lackschuhe mit dünnen Sohlen in den Koffer getan, und als Grace nach ein paar Tagen die leichten, ausgetretenen Dinger einpackte, dachte sie an ihr Herz, das auch Sommersohlen gehabt hatte und das sie auch niedergetreten wieder heimbrachte.

Ehe sie ging, taten ihr die Leute aus der Vorsaison noch allerlei Weh an mit den Wespenstichen der Schadenfrohen.

»Na, Fräulein Lukas, Mr. Peters fort? Sommerflirt, was? Fein amüsiert, was? Sahen übrigens schon wohler aus. Doch nicht tragisch – die Sache, was?«

Sommerflirt! Und das war der Sommer, um den die Mutter ihren Stolz an den Nagel gehängt hatte.

Als ihre Zeit um war, packte Grace ihre Siebensachen, denen Sonne und Seewasser zugesetzt hatten. Am letzten Abend brachte sie auch der See ihr Opfer, wie es Sitte ist. Sie nahm den trockenen Strauß und den Brief dazu, der sie hatte wissen lassen, was ihre Liebe nütze war; und dann schaute sie zu, wie die Wellen mit der leichten Ware umgingen.

Grace saß lange in den Immortellen und Glockenblumen und Pechnelken, die oben auf der Düne wucherten. Der Mond war schon weit empor gestiegen, als sie ins Dorf ging, und es war ihr traurigster Abend gewesen. Sie hatte viel an James Peters gedacht, der so lieb gewesen und der doch auch in eine Lumpensammlung gehörte.

*

Am anderen Abend ging sie an der Mutter Arm wieder durch staubige Straßen, durch die viele lustige Schwalben flirten, die aus ihrem stickigen Tageskäfig in das liebe Dunkel einer Biergartenlaube wollten.

Es streifte auch dieser und jener aus der jeunesse dorée das junge, stille Ding, das sein Reisegepäck selbst trug. Dann war für einen Augenblick ein Duft um Grace, wie er an James Peters gehangen hatte, und der selbst in die verschossene Seidenbluse gekrochen war, die ihr so hübsch gestanden hatte.

Die Bluse wanderte nun auch in den Lumpensack. Die Mutter sah ihr Kind von der Seite an und dachte: Sie wird müde sein, und der ungewöhnliche Lärm macht sie nervös. Nun hat sie doch auch einmal Sommer gemacht, und zu Hause – –

Aber oben im dritten Stock ihres Hauses war Grace erst recht still. Sie packte die kleinen Muschelmosaiks aus und wollte jedem sein Teil geben.

Die klugen Alten, welche die See nur aus ihren Geographiestunden kannten, sagten, dass die Erholung erst nachkäme, und dass die See zuerst zehre, und dass Grace doch ganz braun gebrannt wäre. Und sie empfahlen ihren Tee als Radikalkur wider unruhige Nerven.

Als Grace in die Kammer der lustigen Hirondelle kam, war’s wieder der Mutter Schlafkammer, und die Mutter sagte:

»Nein, Grace, wir konnten sie doch nicht behalten. Ich habe es auch nur für deine Reise getan. Die Leute im Hause sprachen schon darüber. Wenn du älter bist, wirst du das einsehen.«

Die Leute hatten auch über Grace gesprochen, und sie brauchte nicht erst älter zu werden, um die Leute und die Mutter und die Mädchen zu begreifen, die von einer Lumpensammlung erzählen. Grace Lukas hatte ihren Sommer gehabt, und schade, es war der billige, allererste Sommer, der doch duftreicher ist als die »hohe Saison«.


Textnachweis
Aus: Wiener Hausfrauen-Zeitung, XXXII. Jg., Nr. 31, 5. August 1906, S. 482–485. [Erstdruck in: Elisabeth Heydemann-Möhring, Krisen. Neue Novellen und Skizzen, Leipzig 1899.]. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Emilie Mundt, Küstenpartie bei Skagen, 1905

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