Ein misslungener Abend

von Margit Kaffka (1880–1918)

Weich senkte er die Uhr in die Westentasche und roch an den reichen Blüten des weißen Flieders. Er fühlte die schwingende Leichtigkeit seiner Bewegungen, als sein Arm sich hinaufschwang in den knisternd neuen und feinen Überrock; unbewusst rhythmisch tanzend waren auch seine Schritte, deren Takt den jugendlich frischen Rausch der Freiheit, der Vermessenheit und des Spottes durch seine Nerven rieseln ließ. Er pfiff leise vor sich hin. Die Paläste des Platzes schimmerten marmorweiß im Frühlingsglanz der schönen, frischen Stadt, der weiche Duft der Rasenbänke hauchte ihm sanft entgegen, und von der Donau her schlängelte sich der leichtfüßige Wind launisch kränkelnd dahin. »Fünf Uhr vorüber!«, flüsterte der junge Mann in großer, tiefer Heiterkeit, und wie innig liebte er sich in diesem Augenblick! Er fühlte seine wohlgeformten Füße – umgeben von dem Kultus der teuren Schuhe und der mit Seidenpfeilen überstickten Strümpfe –, die duftende und knisternde Reinheit, die feine und geschmackvolle Art alles dessen, was er anhatte, von den festgenähten Manschetten bis zu der mattgetönten Weste, – er fühlte sein ganzes Sein aufgelöst in Harmonie, in der lässigleichten Überlegenheit des körperlichen Wohlbefindens und des sorglosen Behagens. Wie angenehm war es, so vor sich hinzugehen, leicht und lose daran denkend, dass man sich doch im Leben alles verschaffen könne, was überhaupt zu verschaffen sei, so schweiß- und mühelos, glatt und einfach – und dass er heute einem hübschen, kapriziösen und drolligen Abenteuer entgegengehe.

Das war ja auch die strahlende und selbstbewusste, überhebungsstolze Bravour seines Mannestums. Er erkannte sie an einem ungewohnten Orte wieder, wohin ihn manchmal die Laune kleiner Jagdabenteuer trieb, – überrascht erkannte er das Weib, welches er par renommée und dem Sehen nach schon kannte, in dem schmucken Samtfauteuil eines Kinematographen. Hinter den Reihen von Nähmädchen, kleinen Bonnen und Schulkindern blitzte ihm die üppige goldbronzene Haarkrone der teueren Kokotte in die Augen, und er setzte sich dreist neben sie. Er wusste wohl, dass nicht sein halbjähriger Gehalt samt den Abzügen ausreichen würde, bloß eine Nacht der großen Herren und der hohen Geistlichkeit zu bezahlen, aber er war vorsichtig genug, nicht übermäßig viel daran zu denken. Nur so, über die Achsel her, lieblich und mit einem Anflug von diskreter Tändelei näherte er sich ihr – jedoch mit sehr wenig Zeremonie. Er beugte sich näher, dudelte leise und angenehme Arien in ihr Ohr und begleitete die Vorstellung, nicht misszuverstehende Anspielungen murmelnd. Schon fühlte er, den Typus dieses Weibes zu treffen, bei dem man mit leichtfröhlicher Großtuerei die Oberhand gewinnen kann, den Typus dieser kaum gebildeten, aber urwüchsigen und gesunden Seele, die hergekommen ist, im Geheimen die Naivität des »Kino« zu genießen, wo sie doch eine Loge haben kann in den großen Theatern; sie, die mit ihrer grandiosen Lebensweise vielleicht einzig ist in dieser funkelnd armen Großstadt. Hat er ihr gefallen oder traf sich ihre momentane Laune mit der seinigen? In ihrem lautlosen Zwiegespräch pulsierte die flotte Frische des Spieles und die Rücksichtslosigkeit der unverfeinerten Neugierde, gemischt mit den leichthingeworfenen Brocken gewisser Salonformen und Redensarten. Jetzt musste er lachen, als er zurückdachte, wie ihnen die alte Begleiterin gefolgt war mit den scheelen, feindseligen Blicken eines hinterlistigen, kleinen Dachshundes, oh, dieses alte, kleine Gerippe in der schäbigen Perlenbluse, vollgespickt mit falschen Steinen, dem unordentlichen, graulichen Haar und den großen Platinazähnen. »Madame ist keine Freundin der Romantik!«, flüsterte er dem Mädchen französisch in das Ohr, die kitzelig auflachte. Der Schauplatz hatte sich zum letzten Mal verfinstert und Wälder sausten, Eisenbahnzüge brausten dahin, wilde Wasser rauschten funkensprühend, ineinander blitzend auf der Leinwand dahin; da zog der Junge geschickt eine Haarnadel aus dem rotbraunen, großen Turban, und eine Flechte fiel schwer herab auf die Stuhllehne. Er hob sie auf und wickelte sie langsam, lächelnd, mit fester Hand um sein Gelenk. »Aber nur, wenn ich es auch so will!«, zischelte sie im Dunkeln mit blitzenden Augen. Sie lachten einander an, verstehend und einfach; und vor dem Ausgang bekam er ihre pünktliche Adresse mit der heutigen Einladung. Ein leichtes und oberflächliches Abenteuer, ganz wie seine momentanen Ansprüche, Wert erhält es nur dadurch, dass er nicht mehr bezahlt dafür, als eine Nacht seiner Jugend und einen Haufen Blumen, für die er in seiner kavaliermäßigen Laune fast all sein Geld hingegeben hat. Wie schön – diese üppigreiche und dichte Masse der großen, weißen Ballen –, voll und reif erblüht, wie ein sich seiner selbst bewusstes Weib, das man ohne Gewissensbisse und ohne Verantwortlichkeit besitzen darf. Er ergötzte sich an ihnen und ließ die Aufregung des Weibbegehrens beinahe mit Gewalt hinüberfluten in sein, in diesem Moment so heiter lustbefriedigtes Wesen. Er schritt rascher vorwärts in der vornehm ruhigen Gasse, schaute tief atemholend die Nummer des kleinen Palastes an, eilte rasch hinauf und läutete im Stiegenhaus.

… Einige Minuten später stand er schon der alten Frau mit den Platinazähnen in der sich verdächtig rasch öffnenden Tür gegenüber.

– Sie wünschen?

Und ihre kleinen, antipathischen Augen komplimentierten ihn schroff der Schwelle zu, nicht erst wartend, bis er seinen Namen genannt hatte.

– Die Herrin empfängt heute nicht, antwortete sie kurz mit spöttischer Zufriedenheit, und schon war sie daran, die Tür vor ihm zuzuschlagen.

– So?, sagte der junge Mann plötzlich aufbrausend und erfasste die Klinke. Das möchte ich von ihr selbst hören!

Die letzten Worte klangen ein wenig gezwungen; er fühlte, dass er sogleich – sogleich lächerlich werden würde.

– Bedauere, plapperte das kleine Weibsbild ungeduldig, als ob es doch etwas befürchten würde, bedauere, sie hat Gesellschaft, vornehme große Gesellschaft.

Feindselig standen sie einander gegenüber, dann nahm der Jüngling in spöttischem Scherz den Hut tief herab, lachte auf und drehte sich auf den Fersen um. Was konnte er anderes tun? Aber unten auf der Gasse stieg ihm plötzlich gallige Wut in die Kehle. Er fluchte leise vor sich hin und biss sich in ohnmächtigem Zorn die Lippen wund. Er machte lange Schritte, hastete in nervöser Elastizität durch die summende, trunkenschwüle Abendluft, griff sich an die Stirn und fühlte die Spur einer perlenden Nässe.

– Ei, sieh doch mal!, brummte er ein wenig beschämt und schwang seine Arme im Weitergehen trotzig-lose in der Luft, indem von den herabhängenden Blüten eine duftende weiße Kugel, die an den Mantel strich, zu Boden fiel. Dort schimmerte sie unter dem fahlen Flor der Abenddämmerung.

– Soll ich das wegwerfen?, fragte sich der Jüngling stehenbleibend und den Fliederstrauß nochmals an das Gesicht drückend. Und war es das elastisch-leise Beben der Blüten oder vielleicht deren tief und kühl geheimnisvoller Duft, dass ihm eine Frau vom vorigen Jahr in den Sinn kam? Oder weil es so sein musste, dass ihm irgendeine einfalle in dieser gestörten halben Stunde? Jawohl, die Wohnung Marthens liegt nicht weit von hier; wenn er da herauskommt und dort einbiegt, dem Ring zu, wird er die Gasse schon kennen, wo sie atemlos und unter fröhlichem Gelächter sich fest umschlingend nach Hause liefen, an solchen ruhelosen Abenden – wie oft, wie viele wunderschöne Monate lange. Wirklich! Das waren liebe Stunden! Sie kamen, spielten sich ab und nahmen ein Ende: – Das ist das Schöne am Ganzen; man muss die Dinge beizeiten einstellen, solange sie noch nicht hässlich sind, dann bleiben sie uns so in der Erinnerung. Seine Nervosität ging langsam über in zärtliche Träumerei, als er an dies alles dachte … Ja, Martha, die leuchtendblonde, kaum zweiundzwanzigjährige kleine Witwe, die ihn da unten in ihrer Heimatstadt schon als Mädchen geliebt hatte; und als sie dann heraufkam, das vorige Jahr, wurde sie nach und nach die Seine, aber ganz naturgemäß und ohne zu feilschen, wie wenn jemand seine Bestimmung erfüllt; und sie ist schon während der Wartezeit im Reinen gewesen mit sich. Martha war jung, schön, frei und vermögend, es konnte nicht sein, dass es ihr an Männern mangelte, und ihr gesundes, passives Frauentum hatte das auch nicht notwendig in diesem Sinne; und ihn hat sie angenommen mit einer lieben und zarten Entschlossenheit, gerade ihn. Womit hat er ihre Liebe verdient? Oh! … Er wusste, dass sie seither »die Gardinen zugezogen« hatte, wie sie sich selbst ausdrückte, und ihr Leben geräuschlos und verschlossen dahingleite. Er zuckte die Achseln. Warum tut sie das? Kindisch genug, wenn es so ist! … Er wollte sich ärgern über sich, dass er einen Moment – wie die Dutzendmänner – sich fast gefreut hatte darüber, und dass er das ausschließliche und sich zufällig ihm zugewendete Gefühl eines Geschöpfes in Rechnung stellen, bewerten und aufspeichern konnte. Als ob das etwa Reichtum heißen, ihm zum Ruhm gereichen oder zum Wertmesser seines Selbst dienen könnte, dass es eine Frau gibt, die ihre Empfindungen und sich selbst nach Herzenslust vertändelt. Ja, auch Martha, dieses junge, frische Wesen voller Instinkte, auch sie hatte nachher affektiert; auf irgendeine Weise lernte sie es einmal; sie lernte sprechen, und ohne Erfahrung, blind hatte sie die gemeingültigen Worte, Fragen und Unterhandlungen eines Liebesverhältnisses gefunden. So sind sie alle! Die Minute brauchen sie nicht, sie verstehen deren Schönheit nicht, sie zerquälen sich, wühlen die Vergangenheit auf und den morgigen Tag, flechten Romane während der Umarmung. Und wie schön wären doch die Dinge so an sich! Hier kamen sie stets gemeinsam durch den Garten, mit törichtem Zagen und Zittern sich duckend, wenn im Halbdunkel eine herrenmäßige Gestalt sich näherte. »Ein Bekannter!« Da steht die Bank, wo sie sich manchmal gesetzt hatten wie zwei Vagabunden. In einem der Häuser dort vis-a-vis im dritten Stock wohnte ihre Mutter mit den jüngeren Schwestern; davor zitterte sie am meisten und wurde ein wenig traurig, wenn die beleuchteten Fenster auf sie herabblickten. Aber dann schloss sie die Augen, sie standen auf und liefen über den dunkeln Garten, ja, Flieder blühte hier damals, es war ein später Frühling; dieser Duft lag damals in der Luft, dieser tiefe, leichtzitternde, reif und voll durchdringende, und schnell eilten sie nach Hause damals …

Er schlug den alten Weg ein und unklar war er sich dessen schon bewusst, dass er zu ihr gehen werde, er ließ seine Schritte von irgendetwas tragen und ließ sich durch seine zaudernden Gedanken bloß ablenken, damit er sich dessen nicht allzu sehr bewusst werde und noch zurückkehrt. Warum auch, wenn es ihm jetzt, in diesem Augenblick so wohltut hinzugehen! Weshalb könnte denn das nicht sein, dass die, die sich einst gekannt hatten, sich aufsuchen könnten in der Stimmung einer einzigen Stunde und ihr Zusammentreffen deshalb doch zufällig und isoliert bliebe, nicht der Anfang oder die Fortsetzung von etwas; bloß ein Einfall, auf den sich nichts aufbauen darf. Aufs Neue anfangen? Nein, dazu hatte er keine Geduld mehr und dafür treiben sich auch viel zu viel Frauen in der Welt herum, mit denen er noch nichts zu tun gehabt – und die ihm noch winkten. Aber wenn diese eine vielleicht schon Intelligenz genug besäße, dass man mit ihr einen schönen Abend verbringen könne, ganz ohne weiteres? … Was ist es eigentlich, das die Frauen von derlei zurückhält? Offenbar die Angst vor der Gewöhnlichkeit der Männer oder der naive, konstruktive Sinn, mit welchem sie den Begriff »Liebe«, so großgeschrieben als ein absolutes und organisches Ding, als ein Ganzes empfinden, das entweder existiert oder nicht. Sie mit ihrem ewigen Entweder-Oder. Ob denn die Sache wirklich eine ganz andere ist, die sie unter demselben Namen verstehen, als die der Männer? Brauchen sie etwas anderes von dem Ganzen? Diese Frau ist ihm nicht eine Minute unbequem geworden nach der Trennung; ob sie wohl klug und originell genug sein kann, dass sie jetzt keine Fragen stellt? … Und sich selbst nicht mit Randbemerkungen versieht? …

Und wenn nicht? Wenn sie zu empfinden versucht oder hart wird, etwa beleidigt tut und unbehaglich spielt. Wenn sie, ihren vermeinten Triumph verbergend, mit vorsichtiger Berechnung und Zurückhaltung ein Haar breit nachgibt, um das Übrige aufzuheben für ein andermal, und mit kleiner, empörender Frauentaktik den Rückkehrenden nur Schritt für Schritt zu sich lässt? Oder wenn sie von ihren Tränen erzählt, die sie seither geweint, und ihn fühlen lässt, dass noch nichts vorüber, dass sie gewartet auf ihn; wenn sie mit den zäh dehnbaren Fäden ihrer Leiden eine Brücke geschlagen hatte zwischen Vergangenheit und dem heutigen Tag; wenn sie sich einbildet, ihm nicht einmal die Freiheit zurückgegeben zu haben, sondern ihn nur an loser Leine hielt und ihn jetzt, sieh’ da, einfach zurückzog, aufs Neue … Der Jüngling blieb stehen an der Ecke, lehnte den Rücken an einen Lampenpfosten und zauderte eine Zeitlang im Kampfe mit sich. Er wurde der vielen zynischen Grübeleien müde, – der entsetzlich jugendlichen Anstrengungen, vor sich selber nicht zu verlieren und den Stil seines Lebens ja nicht zu verderben. »Der Teufel auch!« – als wenn das große Wichtigkeit hätte! … Höchstens bleibt es ein Scherz, ein spöttischer Versuch, ein Misserfolg, der seine Voraussetzungen rechtfertigt; er lacht darüber; er kann ja zurückkehren auf halbem Weg, von wo immer, von wem immer … Mit einem kleinen, leichten, sich selbst betörenden Lächeln zupfte er die Flieder zurück und ging dem Tore zu.

Das bekannte, halbwüchsige Mädchen vom vorigen Jahr ließ ihn ein. Das war komisch. Sie sah ihm in das Gesicht und erkannte ihn sofort, aber sie war nicht atemlos erregt und kicherte nicht, wie vordem, sie lächelte nicht einmal, und man sah ihr die Überraschung doch an. Ein trauriger und ein wenig vorwurfsvoller Ernst lag in den Gesten der kleinen, dummen Magd, als sie einen Blick auf die Blumen warf und nickte, wie jemand, der jetzt schon alles versteht. Stumm ging sie ihm voran im schmalen Korridor und wollte im Speisezimmer die kleine elektrische Birne aufdrehen, ober dem braunen Divan.

– Nein! – protestierte der junge Mann und blieb stehen im Halbdunkel, um den alten, alten Duft der Wohnung mit geschlossenen Augen einzusaugen. Fast selbstvergessen trat er hinaus bei der offenen Erkertüre; man konnte die noch leichten, losen Schatten der üppig aufschießenden Sträucher des Platzes bis hierher sehen, beschienen von dem gelben Lampenlicht. Der Himmel draußen war trübe, und ein feiner, kleiner Regen rieselte, die ringsumher zitternden Düfte niederhaltend und ausscheidend.

– Ich werde fragen, ob man eintreten darf! – sagte ihm das Mädchen, nachdem sie eine Zeitlang gewartet hatte.

– Wieso?, fuhr er auf. Hat sich die Gnädige schon niedergelegt? Oder ist jemand hier?

Das Mädchen schaute ihn groß an.

– Ich frage, ist jemand zu Gast?

– Nein, bitte, niemand, sie sind schon alle fort. Die alte Gnädige kommt um 10 Uhr zurück zur Nacht. Denn, wissen Sie es denn nicht?, meine Gnädige, oh, ist heute operiert worden …

Der junge Mann trat zusammenfahrend in das Zimmer zurück.

– Fehlt was?

– Jetzt, Gott sei Dank, wird schon alles gut. ’S war ja auch nicht zum Sterben, die Krankheit, nur musste man etwas richten und ach drei Ärzte …

Aufgeregt wandte sich der Gast unwillkürlich dem Ausgange zu, aber das Mädchen stellte sich ihm mit hastigem Eifer entgegen. Fast flehte sie ihn an.

– Nein, bitte nur zu warten, ich bitt’ Sie, gleich werd’ ich melden. Sofort ist’s möglich!

Ein lebhaft gelber Lichtstreifen fiel hinter ihr her auf den dunklen Boden, als sie in der Tür des schwer mit Teppichen behängten Schlafzimmers verschwand. Der Jüngling blieb allein zurück; hastig und schnell besann er sich des Vorgefallenen.

– Wunderschöne Geschichte das!, zischte er und wischte sich über die Stirne.

Welch unglaubliche Dummheit, dass er heute hierherkommen musste. Durch diese Geschichte wird ja alles verändert und umwertet. Was für bedeutungsvolle, in Rührung getränkte Augenblicke werden gleich folgen! Eine Szene! Oh! – Seine jugendliche, ungeduldige Schamhaftigkeit der Seele kämpft hart an mit einem widerlichen Gegengefühl. Wunderbare Geschichte!

Jetzt, – ach, jetzt, sofort! Er wird hineingehen und sie sehen im Karbolgeruch, bleich im gelben Lampenlicht, – zwischen Spitzen und Bändern, die sie jetzt in der Eile auf sich werfen lässt, ihm zulieb. Mit ergriffener Miene wird er am Rand ihres Bettes stehenbleiben, leise zu ihr sprechen und Zärtlichkeiten murmeln. Und sie wird die Augen schließen in der Oberhoheit ihres Leidens, sich umstrahlt fühlen von einer zartschimmernden Gloriole: – Ermattet lässt sie ihre blassen Hände ihm entgegenfallen und ist zu schwach, um die Blumen emporzuheben. Er muss dann leise erzittern und sich stumm neben ihr Bett setzen, ihre Hände in den seinigen haltend, weich und zart. Schon sieht er die Kulissen, – Kulissen wachsen und sprießen rings um ihn her, in der Stille, und der hat keine Kraft sie aufzuhalten. Oh diese Szene! Tränen werden aufblitzen im Lampenlicht unter ihren schönen, schweren Wimpern, und er wird sich niederbeugen müssen und sie wegküssen. »Nicht wahr, du hast es gefühlt? Nicht wahr, dennoch? – Wie viel hab’ ich an dich gedacht!« … Schrecklich! Jetzt gleich wird er es hören.

Und in der missmutigen Verwirrung, die in seiner Seele hin- und herwogte, empfand er eine ehrliche, menschliche Scham. Des dummen Zufalls wegen, der ihn auf diese Weise gerade heute herbrachte zu ihr; wo doch dieses liederliche Geschöpf mit den roten Haaren, deren Blumen er hergebracht zu dieser, nicht einmal verdient, ihre Schuhe küssen zu dürfen. Dass das so ist, ist zum Aufschreien wahr – und doch; wie beschämend gleichgültig ihm das jetzt scheint. »Ich habe kein moralisches Gefühl, – es muss schon so sein, aber das ist so unwichtig, ich fühle es wenigstens nicht.« In der ganzen, aufblitzenden Gedankenreihe, während der kurzen Sekunden waren der einfache Zorn und die menschlich egoistische Empörung vorherrschend, dass er jetzt hineingeraten sei in etwas – gegen seinen Willen – infolge der bizarren Laune des Zufalls. Und dafür sollte er seine Freiheit einbüßen?

Nein! Erst recht nicht!

Er riss die Vorzimmertür auf und eilte rasch hindurch. Es schwante ihm, als ob er um Verzeihung gebeten, irgendwelche Entschuldigungen gestammelt hätte vor der ihm folgenden Magd. Dass ihm übel geworden … Nur schnell an die Luft, zurück!

Unten schlug ihm die Frische der feuchten, süßen Abendluft entgegen. Nun sah er, dass er die Blumen nicht mehr bei sich hatte. »Gut, dass ich wenigstens die bei ihr gelassen, der Armen!«, dachte er, aber er war nicht beruhigt und empfand eine nervöse Unbefriedigung. »Ein verdorbener Abend, das!«, brummte er missmutig, als er heimwärts ging.


Übersetzung
Aus dem Ungarischen (Übersetzer*in unbekannt)

Textnachweis
Aus: Pester Lloyd, 25. Dezember 1913, Morgenblatt, S. 7–8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Blumen, 1913

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