Von Himmelfahrt bis Pfingsten

Novellette von Carry Brachvogel (1864–1942)

»Herrlicher Pfingstaufenthalt. Historisch hochinteressantes Städtchen, von Wäldern umgeben, reine, ozonreiche Luft, prächtige Spaziergänge, Fernsicht auf die Gebirgskette, beste Verpflegung bei mäßigen Preisen. Für Pfingsten besonders günstige Zugsverbindung mit allen Knotenpunkten des Reiches. Erholungs- und Ruhebedürftigen besonders zu empfehlen.«

So konnte man kurz vor dem Himmelfahrtstage in vielen großstädtischen Blättern lesen, denn die Gemeindeverwaltung besagten »historisch-hochinteressanten Städtchens« hatte beschlossen, nicht länger hinter der Konkurrenz anderer »herrlicher Pfingstaufenthalte« zurückzustehen, und harrte nun der Gäste, die nach ihrer Ansicht doch in Scharen herbeiströmen mussten. Nur Peter Beringer, der Kirchenmaler, lächelte ironisch in sich hinein, wenn er diese gemeindlichen Pfingstträume vernahm. Er saß in seiner Werkstatt und legte sachverständig schönes, leuchtendes Kobaltblau auf den verblassten Mantel einer holzgeschnitzten Gottesmutter, die, also verschönt, am Pfingstsonntag wiederum in dem Dorfkirchlein prangen sollte, aus dem sie vor kurzem in dies Sanatorium für Heiligenbilder und -figuren, in die Werkstatt Peter Beringers, gekommen war.

Peter zuckte zwar stets ein wenig ärgerlich mit den Brauen, wenn sie im Städtchen sich durchaus nicht daran gewöhnen konnten, seinen Arbeitsraum »Atelier« zu nennen, wie er ihnen unermüdlich vorsagte, aber diese kleine Stadt war für Neuerungen nur schwer zugänglich und seit Jahrzehnten gewohnt, von der »Werkstatt« des Kirchenmalers zu sprechen. Für sie alle, deren Leben ruhig und immer im gleichen Gleis dahinfloss, war es schon Zumutung genug, dass sie sich daran gewöhnen mussten, in besagter Werkstatt nicht mehr den weißbärtigen alten Kirchenmaler zu sehen, der vor etlichen Jahren gestorben war, sondern seinen Nachfolger, den sie freilich auch schon gut kannten, denn Peter war jahrelang die rechte Hand des alten Herrn gewesen, ganz buchstäblich die rechte Hand, denn als der alte Kirchenmaler nicht mehr auf Gerüste steigen, sondern nur noch Heiligengestalten über Haustüren oder in der Werkstatt ausbessern konnte, da war Peter Beringer hilfreich an seine Stelle getreten. So war es ganz selbstverständlich, dass er nach dem Tod des alten Kirchenmalers das Geschäft übernahm, und nicht minder selbstverständlich schien es, dass er die Enkelin des Verstorbenen, die blonde Elsbeth, heiraten würde, die mit ihrer verwitweten Mutter in dem Hause wohnen geblieben war, in dem sich die Werkstatt befand.

Peter hatte grundsätzlich nichts gegen diese Heirat einzuwenden. Elsbeth war jung, tüchtig im Hauswesen und mit jener bescheidenen, aber fest umrissenen Bildung ausgestattet, die in ländlichen Klosterinternaten erworben wird. Sie war noch ein wenig Mädchen alten Stils: saß lieber über einer Handarbeit als auf dem Rodelschlitten, zog ein schönes Buch dem Kino vor, sann nicht über Probleme der Willensfreiheit oder indischer Magie, sondern nahm das Leben dankbar und fröhlich hin.

Peter aber nahm es nicht fröhlich hin, denn er hatte etliche Jahre die Kunstakademie besucht, hielt sich darum für ein großes Talent und haderte mit dem Schicksal, dass es ihm nicht gestattete, jahraus, jahrein unverkäufliche Bilder zu malen, sondern ihm als Kirchenmaler eine auskömmliche Existenz geschaffen hatte. Um seinem misshandelten Talent (oder was er dafür hielt!) wenigstens einigermaßen gerecht zu werden, hatte er sich neben der Werkstatt einen abgesonderten Raum als »Atelier« eingerichtet, in dem er, wenn die Brotarbeit ihm Zeit ließ, Kitschbilder malte, sich in den wonnigen Schmerz der verkannten Genies hineinwühlte und von der Welt, der großen Welt träumte, nach der seine ganze Sehnsucht ging. Hinaus wollte er, nicht nur höher, sondern überhaupt hinaus aus dieser kleinen Stadt, in der das Leben ruhig, klar und gleichmäßig dahinfloss wie der Bach, der ihre Mühlenräder drehte. Peter aber wollte kein Leben im Bachstil. Er wollte die Wogen des großen Lebens brausen hören, mitschwimmen in der Welle, die über kühne Schwimmer tausend Lichtfunken hinsprüht, dass sie trunken werden vor Licht und Glanz und seligem Kraftgefühl. »Die bunte Welle« – seit er diesen Film mit Iva Ivetti gesehen hatte, ließ ihn die Vorstellung solchen Lebens nicht mehr los. Im Gegensatz zur blonden Elsbeth war er ein eifriger Kinobesucher, und die »bunte Welle« hatte er mindestens fünf- oder sechsmal an sich vorübergleiten lassen. Vor Iva Ivettis pikantem Bubikopf verblich der Blondschopf Elsbeths wie der malerische Zauber der kleinen alten Stadt mit ihrem rosenverhängten Wall, ihren mittelalterlichen Türmen und Toren vor den Bildern großstädtischen Lebens verblichen, die auf der Leinwand an Peters begeisterten und gläubigen Augen vorbeizogen.

Und siehe da! Knapp vor Himmelfahrt kam die bunte Welle wirklich in das Städtchen gerauscht! Oder nein, nicht gerauscht, sondern verkündet durch die Hupe eines Autos, das vor der »Goldenen Krone« hielt und dem eine Dame entstieg, wie man in diesem Bezirk noch keine gesehen. Zunächst war sie freilich ganz in Leder eingemummt, als wäre sie nur ein eleganter Koffer; als sie aber die Autovermummung abgelegt hatte, stand eine Gestalt da, wie aus dem letzten Modejournal gestiegen. Ein lachendes Gesicht unter einer Bubifrisur. Ihr hochgetürmtes Gepäck war nicht minder elegant wie sie, und der Wirt zur »Goldenen Krone« kam sich zu gleicher Zeit wie ein Begnadeter und wie ein Schächer vor. Wie ein Begnadeter, weil so viel Holdseligkeit und Zahlungsfähigkeit bei ihm absteigen wollte, und wie ein Schächer, weil er den Ansprüchen der Dame nur unvollkommen genügen konnte, denn sie begehrte ein Appartement mit Bad und Salon. Als er verlegen und stammelnd erklärte, dass sein bescheidenes Haus solchen Luxus nicht besäße, wurde sie nicht ungnädig, sondern begnügte sich mit zwei Zimmern, von denen eines eilig und so gut wie möglich in einen Salon umgewandelt wurde. Jedermann in der »Goldenen Krone« war neugierig, wie sich die Fremde auf dem Meldezettel einschreiben würde, und als man ihren Namen las, wuchs das Staunen ins Ungemessene. Von der »Goldenen Krone« aus verbreitete es sich im Städtchen, und das flüsternde Raunen und Staunen drang auch durch Peters Tür, der eben seinen Lehrjungen ausschalt, weil er mit dem Goldstaub so leichtfertig umging, als könnte man ihn auf der Straße auflesen.

Peter vernahm die seltsame Mär, wollte ungläubig den Kopf schütteln, strich aber doch an diesem Tag eifrig um die »Goldene Krone« herum. Und wahrhaftig! Das Gerücht hatte nicht gelogen. Die Dame im Bubikopf war sie, die bunte Welle, Iva Ivetti!

Das Herz stand ihm beinahe still vor Schreck und Glück. Und Iva, die sah, welchen Eindruck sie machte, lächelte ihm zu und gab dem Lächeln einen Blick mit, dass Peter meinte, schon in der bunten Welle zu schwimmen. Selbstverständlich führte ihn sein Weg nun zwei- bis dreimal täglich an der »Goldenen Krone« vorüber, und weil ihm Iva jedes Mal gütiger zulächelte, fasste er sich eines Tages zu seinem eigenen Staunen ein Herz, trat mit Verbeugungen und hochrotem Gesicht auf sie zu und stammelte Unzusammenhängendes von Bewunderung und Verehrung.

Iva sah ihn nachdenklich an und sprach freundliche Worte. Da sie merkte, wie glücklich er dastand, lud sie ihn sogar in ihren improvisierten Salon, ließ Tee bringen, bot dem sich im Paradies Wähnenden Zigaretten an, rauchte selbst mit jener Grazie, die Peter schon in der »Bunten Welle« hingerissen hatte. Dazwischen plauderte sie von der großen Welt, die er immer nur von ferne brausen hörte, das heißt, sie sprach nur von sich und ihrem Leben. Von den Anstrengungen ihres Berufes, von den Reisen, die sie durch alle Weltteile führten, von den Triumphen, die sie überall feierte, von ihrem Palais in Berlin. Peter war berauscht. Kaum, dass er nachts ein Auge zutun konnte, so tanzten all die Bilder vor ihm, die Iva ihm entrollt hatte. Und – o Glück! Der Rausch erneuerte sich Tag für Tag, denn Iva schien großes Gefallen an Peter zu finden, lud ihn immer wieder in ihren Salon, erkundigte sich nun auch nach seinem Leben, besuchte seiner Werkstatt, war entzückt von seinen braven Bildern, sagte, dass er nicht am richtigen Platze stünde, und gewährte ihm schließlich, was er nie zu hoffen gewagt hätte: Sie saß ihm für ein Porträt. Eine einzige Bedingung knüpfte sie daran: »Es darf nicht ausgestellt werden! Ich will es ganz still für mich behalten.« Da er sie fragend ansah, sagte sie seufzend in düsterem Ton: »Fragen Sie nicht, Sie großes Kind! Es gibt im Leben Verhältnisse und Abgründe, von denen Sie nichts ahnen! Meine Sicherheit gebietet mir, für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zu verschwinden …, im Privatleben meine ich. Man ist ja umstellt von Neidern und Verbrechern. Darum habe ich mich hierher geflüchtet in die Stille, zu guten Menschen, die von den Intrigen der Großstadt und der Kollegen nichts wissen.«

Wie von Schmerz überschauert bedeckte sie die Augen mit der Hand. Peter war erschüttert. Am liebsten wäre er vor ihr niedergestürzt, hätte ihr die Hände geküsst und geschworen, dass er sie wie ein Ritter gegen jedermann verteidigen wolle. Aber es gebrach ihm dann doch an Mut zu solch heldischer Pose, und so machte er sich an das Porträt, dessen Umrisse sich bald auf der Leinwand zeigten.

In der Werkstatt ging indessen alles drunter und drüber, und der Lehrjunge hielt es für angezeigt und ungefährlich, einen alten Küchenschemel seiner Mutter mit Goldverzierungen zu versehen.

Peter plätscherte in Seligkeit über die bunte Welle. Iva Ivetti hatte ihm erklärt, dass sie es für ihre künstlerische Pflicht halte, ihn der Kleinstadt zu entreißen und ihn an den Platz zu führen, der einem jungen Meister (wahrhaftig, sie sagte »junger Meister«) gebühre. Sie würde ihn mitnehmen in die Hauptstadt – alles weitere sollten ihre vornehmen und einflussreichen Freunde besorgen.

Die Stadt sprach nur noch von Iva Ivetti und von dem ungeheuren Reichtum, der um sie her war. Jede Woche brachte der Briefträger ihr einen Wertbrief, und das Zimmermädchen der »Goldenen Krone« erzählte von Spitzen, Seidenwäsche und Essenzen, dass allen Damen ringsum die Haut schauderte vor Entzücken und Entrüstung. Peter aber ging einher, schon ganz »junger Meister«, ganz Günstling von Fürsten, Filmsternen und verwandten Gesellschaftsklassen. Und weil Iva Ivetti eben von der Großzügigkeit der Weltdame war, für die Geld keine Rolle spielt, fragte sie Peter bei einer der Sitzungen mit charmantem Lächeln, ob er ihr für ein oder zwei Tage mit etwa tausend Mark aushelfen wollte, ihr Wertbrief habe sich diese Woche verspätet, und – hier zögerte sie ein wenig.

»Und ich hatte mir’s so hübsch gedacht, wenn wir beide über Pfingsten von hier wegflögen, irgendwo hin, wo es still ist, stiller, als es hier zu Pfingsten sein wird. Ich bin überzeugt, dass das Inserat eine Menge anderer Leute anlocken wird, wie es auch mich angelockt hat! Besonders Kolleginnen und Kollegen von mir werden nicht widerstehen. Wir Geistesarbeiter sind ja am ruhe- und erholungsbedürftigsten! Und darum meinte ich, Sie und ich könnten dem Schwarm aus dem Weg gehen, das heißt, wenn Sie wollen! (Ein Blick traf ihn bei diesen Worten, ein Blick, der sich nicht schildern lässt.) Aber ohne Geld kann ich natürlich weder abreisen noch ausfliegen. (Ein Lächeln, so kindlich-vertrauend und auch so verheißend, dass es sich ebenfalls nicht schildern lässt.) Und darum, wenn Sie so freundlich sein wollten …«

Ob er wollte! Er war beglückt von ihrem Vertrauen und entzückt von der Unbefangenheit, mit der sie ihn bat! Wenn er dagegen an das kleinstädtische Getue dachte, das die Frauen rundum bei allen Geldangelegenheiten zutage förderten! Er hatte just vor kurzem eine kleine Erbschaft gemacht, beschämt, dass es nur neunhundertzwanzig Mark waren, händigte er sie Iva ein.

Sie hauchte: »Ich danke Ihnen, mein Freund, die Bitte ist mir doch schwerer geworden, als Sie denken! Aber nun wollen wir auch ein schönes, stilles Pfingstfest haben, ganz für uns! Sonnabend vor Pfingsten wollen wir abreisen! Denken Sie sich aus, wohin! Sie sind ja hier in der Gegend besser bekannt als ich!«

Er hatte gar nicht nötig, sich etwas in dieser Hinsicht auszudenken, denn dank der besonders günstigen Pfingstzugsverbindung langte an besagtem Sonnabend neben einem kleinen Häuflein Gäste auch die Polizei an, und nun kam sich der Wirt zur »Goldenen Krone« nicht nur wie ein Schächer, sondern auch wie ein bekanntes Grautier vor. Die Polizei verhaftete nämlich eine bei ihm wohnende Hochstaplerin, die unter Missbrauch des Namens Iva Ivetti schon zahlreiche Betrügereien verübt hatte. Ehedem Zofe bei der echten Filmdiva, hatte sie, während die Diva auf Reisen war, sich aus deren Garderobe reich ausgestattet und trat überall unter dem Namen der ehemaligen Herrin auf. Die große Sicherheit ihres Benehmens und eine oberflächliche Ähnlichkeit mit der Filmdiva kamen ihr bei den Betrügereien zustatten und die einlaufenden »Wertbriefe« erhöhten ihren Kredit. Man fand sie uneröffnet im Besitze der falschen Ivetti – sie enthielten nur zusammengefaltetes Zeitungspapier, das ihr eine Freundin nachgesandt hatte. Peter Beringer hatte seitdem keine Sehnsucht nach der bunten Welle, seine Vorliebe für das Kino und auch den Glauben an seine große Begabung eingebüßt. Über den Lehrjungen entlud sich ein gewaltiges Donnerwetter und anschließend daran kratzte Peter wütend ein angefangenes Frauenporträt von der Leinwand. Ging dann in die Werkstatt und schaffte wie nie zuvor.

Die blonde Elsbeth aber sitzt jetzt von früh bis spät an der Nähmaschine, denn in ein paar Monaten soll Hochzeit sein.


Textnachweis
Aus: Wiener Bilder, XXXVI. Jg., Nr. 21, 24. Mai 1931, S. 16–18. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Helene von Taussig, Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, um 1920/1930

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