Die Totengräberin

von Johanna Wolff (1858–1943)

Dorothea Zinn fasste einen großen Entschluss.

Sie stand zeitig auf, besorgte das Bärbchen, stellte für die Buben einen Topf mit Essen zurecht und legte ihr gutes Sonntagszeug an. Dann nahm sie ihren Spaten unter den Arm und ging zur Stadt, geradewegs auf das Rathaus zu.

Dore fasste ihren Spaten fester und machte ihrem Herzen Luft in einem Laut, so grimmig, als käme er aus einer Manneskehle hervor.

Und wollte sie jetzt nicht ein Mann sein? Sie begehrte eines Mannes Amt und ging hin, darum zu bitten.

So trat sie in die Amtsstube des Bürgermeisters.

Sie durfte ihr Anliegen vorbringen und bat schlecht und recht um Absetzung des Totengräbers Ede Norkus, der ihr Schwiegersohn war.

Sie erzählte, wie sie den Mann betrunken aufgefunden, dazu die Enkel, die gutgearteten Zwillinge.

»Herr«, sagte sie, »er darf fortan kein Geld in die Hände kriegen. Das Geld muss ich verdienen, und ich muss es auch ausgeben.« Und Grabe-Dore stützte sich auf ihren Spaten, damit der Bürgermeister sehe, dass es ein zuverlässiger Spaten sei.

Die Kinder müssten versorgt werden! Sechse seien es! Im Armenhaus würde es der Stadt auch nicht billiger kommen.

Dagegen ließ sich nichts einwenden.

Ob sie denn für solchen Posten stark genug sei? Der Blick des Bürgermeisters flog prüfend über sie hin. Da stellte Grabe-Dore ihren Spaten hin, trat vor und legte ihre beiden großen Hände auf den Tisch. »Seht diese Hände an, Herr! Wo wäre ich geblieben, hätte ich nicht diese Hände gehabt! Gegraben vom Morgen bis zum Abend, Herr. Jeden Tag das gleiche Stück. Ich hab’s gekonnt, und die Leute waren zufrieden. Auch die Toten werden zufrieden sein. Ich will’s gut machen, ich will’s mit Liebe machen. Die Lebendigen habe ich mit Liebe nicht verwöhnt, die kriegen das manchmal in die verkehrte Kehle. Aber die Toten! Recht schön glatt nach innen und keinen Zoll zu wenig in die Tiefe. Das gibt’s nicht bei der Grabe-Dore …« Und ihre zwei großen Hände lagen auf dem Tische wie zwei schwere Steine, die schon viele Risse und Schründe bekommen.

Der Bürgermeister schaute sie sonderbar an: In der Tat, das waren Ausnahmshände! Das war eine Ausnahmsfrau! Und das Ganze war ein Ausnahmsfall! Dem musste ausnahmsweise entsprochen werden.

Dore dankte und nahm ihren Spaten wieder unter den Arm.

Ob sich das mit dem Zurückhalten des Geldes auch machen würde bei dem Ede, fragte er.

Der Zug um Dores Mund härtete sich; dafür komme sie sicher auf. Sie ging. Und kam dafür auf.

Aber der Mensch, der Ede, der kam dabei herunter, ganz auf den Hund kam er dabei. Dass er nicht mehr graben durfte, war ihm recht, doch immer fand er eine Gelegenheit, von Vorübergehenden zu borgen – er stahl sogar – seinen Kindern aus den Sparbüchsen nämlich.

Früh am Morgen wollte sich der Missetäter, scheu, wie die Dore jetzt oft gesehen, davondrücken, den gewohnten Weg hinunter.

Da stieg in Grabe-Dore eine Wut auf, eine heiße, gallenbittere Wut. Sie lief gegen ihn an wie eine Kuh, die stoßen will, und gab ihm einen Schubs. »Fahr hin, in Gottes Namen, du! Und brich dir das Genick dabei, das Genick!« Mit diesem Morgensegen rannte sie ins Haus, und er hinkte von dannen.

Keine zwei Stunden währte es, da brachten sie ihn getragen auf einer Tragbahre; totenblass lag der Ede da, bewegungslos, aber mit weit offenen Augen.

Eine Kellerstiege war er hinuntergestürzt und hatte sich das Rückgrat verletzt. Der Arzt, der ihn bereits angesehen, hatte die Achseln gezuckt: Man solle ihn nur nach Hause bringen, er werde bald nachschauen.

Nun lag der Norkus da und drehte den Kopf nach einer und dann nach der anderen Seite; das war das einzige, was er konnte.

Seine Jacke, in der unversehrt die gefüllte Schnapsflasche stak, lag ihm quer über der Brust – so nahe, und doch vermochte er nicht zuzulangen. Arme und Beine waren vom Sturz gelähmt, aber das Herz klopfte weiter.

Grabe-Dore tat stumm im Zimmer herum und sah ihn nicht an.

Seine Augen gingen ihr nach: »Ist es dir recht, dass es mich getroffen hat?«

»Ist mir recht.«

»Freust dich wohl gar?«

»Wohl … weil es genützt hat.«

»Hm. Du hast mir das nicht verziehen, das mit der Sparbüchse?«

»Nein, ich denke fortwährend daran … deinem eigenen Kinde … so etwas … Ludriges …«

Sie wendete ihm ihr Gesicht zu. Waren das noch seine Augen? Eingesunken, wie aus kleinen Gräbern sahen sie zu ihr herauf, und es standen Dinge darin, Dinge, die ihr niemals nahegetreten.

Was musste der in sich beherbergt haben! Sie trat näher zu ihm.

»Ich dachte, du mochtest selbst nicht mehr leben.«

»Könntest recht gedacht haben.«

»Und du warst schädlich, Ede. Die Kinder, sie würden schlecht werden.«

»Ich sehe das ein, Mutter.«

»Bisschen spät, Ede.«

»Ich konnt’ nicht früher.«

»Das sagt jeder. Ich kann, will keiner sagen. Auf das Starke kommt’s an, Ede.«

»Der Durst, Mutter, der verdammte Durst! Wenn man trinkt, brennt’s, und wenn man nicht trinkt, brennt’s erst recht … Denkst du wirklich, dass … dass ich hin bin, Mutter?«

»Freilich denke ich das … und ich segne dich, Ede. Als du leben und saufen wolltest, habe ich dir geflucht; nun du sterben willst, segne ich dich. Mög’ es dir recht schön werden.«

»Gib mir einen Schluck aus der Flasche … die steckt in meinem Rock.« Er machte eine mühsame Bewegung mit dem Kinn.

»Mensch, das tu ich nicht! Das tu ich bei Gott nicht.«

»Tu’s, Mutter«, bettelte er kindlich. »Anna hätt’s auch getan, die hätte mich nicht durstig abfahren lassen.«

Der helle Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Er wendete gequält den Kopf.

»Dürsten sitzt im Körper, nicht in der Seele«, tönte Grabe-Dores Stimme auf. »Der Körper fällt ab und das Dürsten fällt ab. Im Grunde magst du gar nicht saufen … auf das ›Mögen‹ kommt’s an.«

»Das ist ein Trost, Mutter. Aber dann ist’s ja auch einerlei, ob ich noch mal aus der Flasche trinke oder nicht.« Wie ein Zittern lief’s durch ihn hin.

»Fürchtest du dich vor dem Tod, Ede?«

»Bewahre! Singen will ich, Mutter.«

»Das Singen wird dir wohl vergehen.« Sie wischte ihm den Schweiß ab.

Ein Todeszittern flog durch die langgestreckte Gestalt, und die Augen glänzten noch immer nach der Flasche …

Über Grabe-Dore kam ein großes Erbarmen. Sie griff zu, hob ihm den Kopf und ließ ihn trinken, sachte, sachte, damit er noch schlucken könne. Den »höllischen Brand« schien er nicht mehr zu spüren, er war schon über erdliche Grenzen hinaus mit seinem Schmerzgefühl; aber noch sog er, leise, ruckweise, wie ein Kind an der Mutterbrust.

Sie begrub ihren Schwiegersohn. Sie war nicht mehr »die Grabe-Dore«, sondern »die Totengräberin«.

Nun hatte sie all die Toten zu betreuen, und sie tat es mit Wucht und Schwere.

Ja, mit Schwere drückte sie den Spaten in das Erdreich, schwer stand der Fuß auf dem Blatt. Aber schwer war auch das Schicksal, das zu ihr gehörte. Auch die Zwillinge wurden zum Friedhof gebracht; ein großes Sterben in der Gegend raffte die Kleinen dahin, eine Seuche, die von irgendwoher kam und irgendwohin ging.

Als die Dore den sauber abgestrichenen Grabhügel mit ihrem Spaten glattklopfte, stand schweigend der Bürgermeister am Gitter. Sonderbar war sein Blick.

»Ich bin die Totengräberin, Herr«, sagte sie einfach und sah verlegen auf ihren Spaten. »Der hält nicht durch mit mir, schon zu sehr abgeschliffen, und ich muss schon vorsichtig mit ihm umgehen.« Dann wendete sie das Gesicht ab, klopfte weiter, liebevoll, nur ein wenig leiser noch als vorher.

Bekannte und Unbekannte begrub die Totengräberin ohne Furcht und Ermüden. Und wenn ihre großen Hände auch manchmal zitterten und der Rücken nur mühselig grad aufzubringen war – sie grub und begrub, wo andere versagten.

Eine tiefe, stille Zufriedenheit kam über sie. Sie verwuchs ganz mit dem Friedhof: so wie die Bäume und die Kreuze, so war auch sie ein Teil des schweigsamen Gartens.

Wie sie gelebt, so starb sie hin – mitten in ihrem Tageswerk. Umgesunken an ihrem Spaten fand man sie.

Wenige Tage vorher hatte sie ihr eigenes Grab gegraben: Sie hatte gutes Maß genommen, zwei ihrer großen Schritte in die Länge. Denn sie war ein stattlicher Mensch.

Ihren Spaten bekam sie mit in den Sarg.

Die Grabe-Dore, die Totengräberin.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 3. November 1921, S. 6–7. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Käthe Kollwitz, Arbeiterfrau im Profil nach links, 1903

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