Aus dem Dunkel

von Victoria Benedictsson (1850–1888)

Dämmerung herrschte im Zimmer. Aus den Hauptstraßen der Stadt schallte des Lebens Lärmen herauf und legte sich gleichsam wie ein Akkompagnement unter das todestiefe Schweigen da drinnen. Ein Kohlenfeuer leuchtete durch das Gitter des hohen eisernen Ofens hervor, ohne jedoch irgendwie Licht zu verbreiten. Es warf nur einen starken Schein über den unteren Teil eines blonden Männergesichtes, das nun im Vergleiche zur Dunkelheit ringsumher wie von innen heraus erleuchtet erschien, gerade als ob es aus glühendem, durchscheinendem Metall geformt wäre.

Der Mann saß nach vorne gebeugt, die Hände zwischen den Knien gefaltet, auf seinem Stuhl und starrte ins Feuer. Die Umrisslinien seiner Gestalt verschwanden fast im Dunkel.

In der von dichten Vorhängen geschützten Ecke an der Seite des Ofens war das Dunkel tiefer als anderswo: nichts schimmerte daraus hervor. Alles war in dem klaffenden Rachen des Schlagschattens verschwunden. Aber aus diesem tauchte etwas auf, das, als eine Spur von Licht darüber hinfiel, wie eine Chaiselongue aussah, und eines sehr sensitiven Menschen Nerven würden aus dem hohläugigen Dunkel über dem Kopfende einen scharfen Blick herausgefühlt haben und zugleich ein lauschendes, unnatürlich angestrengtes Hören.

»Es ist eine kranke Stelle in meinem Hirn«, sagte eine Stimme aus dem Dunkel, langsam, mit gramvoller Eintönigkeit und einem tiefen Altklang. »Sie bildete sich schon, als ich noch ein Kind war, und sie ist stetig gewachsen. Alles, was mich je bedrückte und quälte, hat seine Spitze gegen diese Stelle gerichtet; nun ist die Knochenhülle weich geworden und der Widerstand gebrochen.«

Der Mann rührte sich nicht, aber seine tiefliegenden klugen Augen blickten voll Mitleid ins Dunkel dahin, von wo die Stimme kam.

»Es ist, als ob ich hundert Jahre gelebt hätte«, fuhr diese fort, »und nun bin ich zur leeren Schale um das, was einst lebte, geworden; hohl wie ein alter Weidenbaum. Mir ist, als habe ich Generationen kommen und gehen sehen; Menschen wurden geboren und verschwanden wieder; ich bin mit Verhältnissen verknüpft gewesen, die voll Saft waren wie junge Frühlingstriebe, aber sie sind alle zusammengesunken wie erfrorene Blumenranken in einer Spätherbstnacht. Frühling und Winter folgten einander, und die Menschen sehen mich an und sagen, dass ich nicht so alt bin wie die Älteste. Aber ich weiß, dass ich hundert Jahre gelebt habe. Und dennoch wurde ich nie, was ich werden wollte!«

Wieder füllte das Schweigen das Zimmer wie eine tote Masse; vergebens brach sich des Lebens Lärmen dagegen; es sank zurück und wurde wie zuvor zu einem gedämpften Akkompagnement.

»Mein Vater hasste die Frauen nicht«, ertönte es wieder mit einförmiger klangloser Stimme, »doch war es viel schlimmer noch: Er verachtete sie. Meine Mutter war mit einem Tenor davongegangen; sie hatte sich im Ausland der Bühne gewidmet. Ich wuchs bei meinem Vater auf und war, kurz bevor wir beide allein blieben, erst von der Amme entwöhnt worden.

Solange ich klein war, hatte ich in seinen Augen keinerlei Geschlecht; ich war nicht größer als ein Hündchen, aber ich war Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blute, d. h. sein Eigentum, und er brauchte etwas Warmes und Weiches, das sich an ihn schmiegen konnte. Er bedurfte eines lebenden Wesens Gegenwart, um die Einsamkeit zu verjagen.

Er fürchtete die Einsamkeit – mein Vater – denn, wenn er einsam war, befielen ihn schwarze Grillen; er dachte an einen dicht am Mund angesetzten Flintenlauf oder an einen um den Hals gelegten Strick – schwarze Grillen waren es, die seltsam verlocken und uns doch Angstschweiß erpressen. Nichts aber wärmt so traut wie ein kleiner Kinderkörper, nichts beruhigt so wie runde Ärmchen und nichts verleiht so traumlosen Schlummer wie eines Kindes Atemzug. Deshalb wurde Nina ihres Vaters Gefährtin; deshalb schlief er, den Arm um ihre kleine Person geschlungen, deshalb nahm er seine Mahlzeiten mit ihr ein, während sie am Tische präsidierte wie eine ganz ernsthafte Frau; deshalb durchritt er sein Besitztum und sie durfte vor ihm auf dem Sattel sitzen. Und deshalb vergötterte Nina ihren Papa. Sie war damals gar klein in ihrem kurzen Kinderröckchen, weder Knabe noch Mädchen, bloß ein rundliches Junges.

Aber Nina wuchs und bekam einen schmächtigen Hals und lange Arme; sie bekam einen Mund mit Zahnlücken; sie bekam ein paar fragende, verwunderte Augen. Und ihr Vater bemerkte, dass sie ein Mädchen war.«

Die Stimme hielt inne, und der Mann beugte sich weiter vor, um die Kohlen zu schüren, so dass der Glutschein von Neuem aufleuchtete.

»Ach, ich war so klein noch, als mir offenbar wurde, was er gegen mich hatte; ich war so klein, dass ich nicht begreife, wie es mir möglich gewesen, das zu verstehen!

Ich hatte keine Spielkameraden; meine Wärterin war alt und mürrisch; alles, was ich an Hingebung besaß, häufte ich auf meinen Vater. Kinder besitzen einen Instinkt, der sie in den Seelen Erwachsener lesen lässt und der fast nie falsch liest. Und Kinderleid ist ebenso wirklich wie das Leid der Großen – tief genug, um ein Gepräge für das ganze Leben zu verleihen.

Ich war wie mein Vater: frisch und behände wie er; schwermütig und weichherzig wie er; leicht aufflackernd in überreizter Munterkeit, um rasch darauf wieder in mutlose Verzweiflung zu versinken. Kein Wunder, dass er damals viel auf mich hielt.

Von meinem sechsten oder achten Jahre ab jedoch begannen wir unsere Komödie zusammen zu spielen, eine Kinderkomödie; ich begann zu sein, was er sich wünschte: ein Knabe. Ich ritt nun mit ihm auf meinem eigenen kleinen Pferd; ich nahm Knabenmanieren an und lernte pfeifen; ich übte meine Körperkräfte und fluchte ein wenig, um ihm zu gefallen.«

Die Sprecherin brach ab und schien in ihrem Gedächtnis zu suchen.

»Ich weiß nicht mehr sicher, wann ich das erste Mal jenen verächtlichen Ausdruck von Gram vermischt mit Widerwillen bemerkte, den meines Vaters Antlitz und Stimme so oft annehmen konnten, aber ich glaube, es ist ein ganz bestimmtes Mal gewesen, dass sich meinem Gedächtnis besonders eingeprägt hat: Wir waren auf einer Reittour und in scharfem Trabe geritten. Mein Vater erschien eifrig und warm; seine Augen waren ganz schwarz und seine Nüstern weit geöffnet. Wenn er so aussah, wusste ich, dass er nichts schonte.

Wir gelangten an einen breiten Graben oder Kanal, und mein Vater sprengte darüber; dann wandte er sein Pferd, um zu beobachten, wie ich das Gleiche tat. Mein Pferd aber war klein, und ich weiß nicht, ob es seine Schuld war oder die meine, kurz, es machte den Sprung nicht. Es blieb plötzlich am Rande des Grabens stehen. Da riss mein Vater sein Pferd herum – ich kann die Schwenkung noch heute sehen – und mit einem einzigen Sprung flog das Tier über den Kanal zurück, einem Sprung so kräftig und sicher wie der eines Windhundes. Rot stieg es mir im Nacken bis unter die Haarwurzeln empor, als mich mein Vater beim Arm ergriff, mir hart in die Augen blickte und sagte: ›Du hast Angst!‹ Dann sprach er kein Wort mehr, sondern ließ meinen Arm los, als ob er sich schämte, dass er sich an mir vergriffen hatte. Sein Blick streifte sodann mich und das Pferd. Ich war wie ein Knabe gekleidet und ritt im Herrensattel, aber über dem Sattelbaum lag mein dunkelblaues Röckchen. Da erkannte ich in seinen Augen das, was mich niederschmetterte, und was mich seitdem immer zur Erde niedergedrückt hat; oder nein, es drückte mich nicht nieder; es ließ mich in mich selbst zusammenfallen, wie ein Fetzen in sich zusammensinkt, kraft seiner eigenen Nichtigkeit.

Ich erhielt kein einziges Wort der Erklärung und sagte auch kein einziges. Er versetzte seinem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitsche und trabte von dannen, während ich noch immer anhielt. Ich fühlte mit meinem geheimsten Instinkt, dass er mich nicht deshalb verachtete, weil ich ängstlich war, sondern weil ich ein Recht hatte, ängstlich zu sein. Ich konnte ja nie etwas anderes werden als – eine von denen, für die Feigheit als Tugend gilt.«

Die Stimme schwieg, weil sie vor Leidenschaft zu beben begann – ihr Beben hatte den tiefen Klang der Saiten eines Violoncello.

»Das war nicht das Einzige; es war nur der erste Stoß nach jener kranken Stelle, die nun bald bei jeder Berührung zu schmerzen begann. Im Hof war ein Hüterjunge, ein flinker, hübscher Bursche, ungefähr in meinem Alter. Es war seit meiner frühesten Kindheit meines Vaters Freude gewesen, mich meine Kräfte mit denen jenes Knaben messen zu sehen. Dann war es mir eine Lust, die eigenen Kräfte bis aufs Äußerste anzuspannen, und ich tat mir nicht wenig darauf zugute, dass ich fast immer Siegerin blieb. Aber eines Tages wurde mir etwas offenbar. Ich ließ den Arm sinken und das Blut stieg mir ins Gesicht, als ob man mich geschlagen hätte. Mit wilder Erbitterung sah ich auf ihn: Du lügst, denn du bist stärker als ich! Und ich ging, von dem demütigenden Bewusstsein überwältigt, dass ich mich so lange betrügen lassen konnte, dass ich diese leichterkauften Siege hingenommen hatte wie eine Gnadengabe, die mein Gegner mir gewährte, weil ich nicht einmal so stark war, dass er sich’s zur Ehre anrechnen konnte, mich zu überwinden.

Mit diesen beiden Ereignissen hast du den Schlüssel zu meinem Leben.

Die Reitausflüge hörten allmählich auf und so auch alles andere. Wir konnten nicht länger spielen, dass ich ein Junge sei. Ich wurde still und schweigsam, und die Menschen blickten erstaunt auf das sorgenvolle Kind, das nie lächeln konnte. Aber das Arbeitszimmer meines Vaters blieb nach wie vor mein Lieblingsaufenthalt. Dort hatte ich mir einen versteckten Platz auf einer alten Truhe zwischen einem Schrank und der Wand ausgesucht.

Noch befielen meinen Vater seine schwarzen Grillen, sobald er allein war. Dagegen bildete ich eine Art Schutzwehr und ich störte ihn nie.

Mein Vater war ein guter Gesellschafter, geistreich und ein wenig boshaft. Oft kamen Freunde zu ihm und sie plauderten beim Toddyglas. Man vergaß dann zumeist sicherlich, dass ich zugegen war, und ich vernahm bisweilen Dinge, die ich nicht gehört haben sollte. Mein Vater war, wie fast alle Melancholiker, so stark mit sich beschäftigt, dass er nicht an mich dachte, und er ließ bei solchen Gesprächen seiner Weiberverachtung freien Lauf. Ich, die nie eine Mutter gekannt hate, und die kein menschliches Wesen weiter zum Liebhaben besaß wie diesen Pessimisten, den ich vergötterte, ich lernte aus den sorglichen Gesprächen, was andere Frauen während eines ganzen Lebens nicht lernen: Ich lernte die Gedanken der Männer verstehen und jede Nuance von Mitleid und Nichtachtung herausfühlen, die hinter lobenden oder bewundernden Worten verborgen werden kann. Ein Gefühl von Solidarität, von Gemeinsamkeit mit meinem ganzen Geschlecht erwachte allmählich und jeder offen gehässige oder versteckte Angriff verursachte mir heimliches Leid, als ob er gegen mich selbst gerichtet worden wäre.

Als ich dreizehn Jahre alt war, bekam ich eine Stiefmutter. Sie war eine Schönheit; nicht eine von den Stattlichen, Königlichen, sondern von den Anmutigen, Unwiderstehlichen. Sie war weich wie ein Kaninchen, und sie hatte Hände, so klein, dass sie Kinderhandschuhe gebrauchen musste. Fast immer lachte sie, wenn sie nicht zufällig weinte, und dann hatte sie Grübchen in den Wangen und zeigte kleine, weiße, perlmuttergleiche Zähne. Sie war ganz Anmut und Verliebtheit und hatte nicht einen einzigen Gedanken im Kopfe. Mein Vater war eitel auf ihre Schönheit; auf Klugheit hatte er nie gerechnet. Er wählte ihre Kleider aus, da sie selbst gar keinen Geschmack besaß, und er fuhr mit ihr zu Bällen. Als sie ihm den ersten Sohn gebar, wurde vor Freude mit den alten Festungskanonen geschossen; der Wein floss in Strömen durch durstige Kehlen; das ganze Gut war auf den Beinen und nahm an der Freude teil. Es wurde nun fast jedes Jahr zusammengerufen: immer der gleiche Schmaus, die gleiche Feststimmung. Als dann alles vorbei war, übernahm eine andere Hand den Kleinen, und die Mutter fuhr wieder zu Bällen.

Sie war weder gut noch böse, meine neue Mama; sie war reizend. Sie sah aus wie ein Kind und wusste, dass sie wie ein Kind aussehen sollte – je einfältiger, desto besser. Das stand ihr! Gegen mich war sie nie unfreundlich, aber sie ging mir aus dem Wege, und es hatte den Anschein, als sei ich älter als sie, da ich nie heiter und gesprächig war. Im Übrigen setzte ich die anderen infolge meines linkischen Wesens und meiner Dummheit in Verlegenheit; man gab mir eine Gouvernante und ich wurde so viel als möglich ferngehalten. Ich war nun noch einsamer als vorher, aber dadurch schärfte sich mein Blick. Ich war nicht eifersüchtig auf meine Stiefmutter; dafür kannte ich meinen Vater viel zu gut. Ich konnte jede Miene seines Antlitzes, jeden Tonfall seiner Stimme deuten. Es entging mir nicht, welch unsagbare Verachtung all seinen Huldigungen zugrunde lag. Eine kleine Unredlichkeit seitens seiner Hausfrau grämte ihn weiter nicht, denn er hatte nie erwartet, dass sie so viel Verstand besitzen würde, um nicht unvernünftig zu sein. Er konnte ihren Launen mit einem Lächeln und einem Handkuss nachgeben; oder er tat mit demselben Lächeln und demselben Handkuss etwas ihren Wünschen ganz Entgegengesetztes. Seine Nachsicht machte sie schließlich eingebildet; sie begann große Worte zu reden und sich über Dinge zu verbreiten, die sie nicht verstand; dann schwatzte sie Dummheiten. Mein Vater lachte bloß ein wenig und hieß sie still sein; einer hübschen Frau gegenüber nimmt man’s nicht so genau.

Aber es war, als ob all das zusammen auf mich zurückfiele, alles, alles! Alles, was sie gar nicht einmal fühlte, bohrte sich ein in mein krankhaftes Empfinden. Ich hatte gelernt, mit meines Vaters Augen zu sehen; ich sah nun vom Mannesstandpunkt aus, was es heißen will, ein Weib zu sein – etwas Widerwärtiges – ein Unglück schon von der Stunde der Geburt an! Ich kam mir selbst wie ein räudiger Hund vor. Da entstand in mir jene Demut, die meines Charakters Brandmal, nein, sein unheilbares Gebrechen ist.

O, diese Stelle in meinem Gehirn! Wie empfindlich, wie weich sie blieb, so dass auch die kleinste Spitze hineindringen konnte! Welch ein Auffassungsvermögen war mir eigen, wenn es galt, nur das eine zu verstehen, was doch für meine Schwestern unbegreiflich war wie die Sprache der Vögel.

Ich bin nie jung gewesen; ich bin kaum ein Kind gewesen!«

Einen Augenblick lang blieb es still. Der Mann saß vornübergebeugt und starrte gedankenvoll in die Glut:

»Ich kann eine solche Intensität des Gefühles bei einem Kinde nicht fassen«, sagte er langsam. »Ich meine, dass du doch ein wenig übertreibst, jetzt, nach allem!«

»Ja, aber das kommt daher, dass sich alles verschworen hat, diese Stelle krank zu machen. Ich möchte, dass du es ganz verstehst. Wenn du ein andermal im Leben einer Frau begegnest, die auch an solcher Demut wie ich leidet, solcher Demut, die du immer verneinen wolltest und die du so schwer begreifen konntest, so begreife dann, dass sie der Scham darüber entsprang, ein Weib zu sein. Für dich bin ich ja weder Mann noch Weib, sondern ein lebendes Wesen, und deshalb konntest du mein Freund werden. Wäre ich in deinen Augen ein Weib gewesen, so würdest auch du mich verachtet haben!«

Er zog seinen Stuhl aus dem Lichtstreifen fort und näher zur Chaiselongue hin, und aus dem Dunkel holte er eine krankhaft abgezehrte Hand hervor, auf die er langsam und wortlos seine Lippen drückte. Sie verstand, was er meinte, und dankte ihm mit einem leisen Liebkosen seiner Hand. Alsdann fuhr sie wieder fort zu erzählen mit ihrer traurigen gebrochenen Stimme:

»Ich kam hinaus in die Welt und sah genauso auf die Frauen, wie mein Vater es mich gelehrt hatte. Mein Blick besaß eine unnatürlich gesteigerte Schärfe. Kein Fehler oder Gebrechen entging mir. Weder das Feige, das Falsche noch das Kleinsinnige … Alle kleinlichen Eigenschaften fand ich bei den Frauen in so viel höherem Grade als bei den Männern. Ich war keineswegs blind für die Fehler der Männer, aber in diesen Fehlern selbst lag doch noch etwas von Charakter; es war nicht jenes ausgewässerte, blutleere Nichts wie bei den Frauen. Bei den Männern galt Tauglichkeit, Arbeitsvermögen, Unternehmungslust, Wahrheitsliebe, Rechtschaffenheit; für die Frauen bedeutete all das nichts im Vergleich zu dem Einzigen: nie gegen die gute Sitte zu verstoßen. Erschien ein Mann weniger rechtschaffen, wenn er die eine oder andere kleine erotische Sünde auf dem Gewissen hatte? Nein! Für ein Weib jedoch war das alles.

Und die Schuld liegt nicht bei den Männern, wie man zu sagen pflegt, sondern bei den Frauen selbst, in ihrer Feigheit und ihrem Mangel an Charakter. Für die Frauen ist die äußere Ehrbarkeit, der Schein alles. Ihre Tugend sitzt nicht im Charakter; sie sitzt obendrauf, wie die Stempelmarke auf einem Haustier. Daher diese Solidarität des ganzen Geschlechtes, die die Verantwortung für das Tun eines Einzigen allen zur Last legt. Wie habe ich das nicht erfahren, ich, die es fühlte, als ob die Schuld der anderen auf mir ruhe, als ob meine Demut ein Sühneopfer für all der anderen beschränkte blinde Einbildung, Herrschsucht oder Selbstsucht sei. Mein Hirn hatte seine kranke Stelle, und alles, was das Leben mir als Nahrung gab, strömte nach diesem einzigen Punkt!

Mein Vater wollte nicht, dass ich eine alte Jungfer werde, und so verheiratete er mich. Ich wusste, dass das einzige Mittel für eine Frau, zu einem höheren Gesellschaftsrang zu gelangen, war, sich mit einem Manne zu verheiraten, der im Range stieg. Ich verheiratete mich und stieg – stieg, als ich einem Manne Liebe gab, der mir widerwärtiger war als eine am Boden kriechende Raupe. Ich war damals schön – es ist lange, lange her. Schön und jung zu sein, ist das Einzige, was keine Schande für ein Weib ist. Mein Mann war ehrgeizig und er wollte vorwärts. Um aber vorwärtszukommen, brauchte er andere; einen anderen zum mindesten, und dieser eine besuchte uns oft. Er war unser Freund – außer dem Hause wurde er in der Gesellschaft meines Mannes gesehen; daheim war er nur immer in meiner Gesellschaft. Ich hielt sehr viel von ihm, und mein Leben war nun Tag für eine Tag eine Maskerade, um nicht merken zu lassen, wie viel. Mein Mann freute sich sicherlich darüber, denn nach zwei Jahren kann man wohl schon eine Frau satt bekommen. Nun kam der andere eines Tages und wollte mir ein Geschenk machen – so kostbar, wie es ein Bräutigam kaum für seine Braut auswählt. Ich sagte ganz erschrocken nein, denn ich war außer mir – und ich beleidigte den Geber. Mein Mann bekam es auf Umwegen zu hören, und weißt du, was er tat? Er ergriff mich beim Arm und sagte: ›Du verletzest ihn mit einem Nein. Nimm es an; ich gebe dir das Recht zu sagen, dass es von mir kommt.‹ So ging es weiter, bis ich mir die Schande zuzog, eine geschiedene Frau zu sein. Ich konnte nicht dulden, als Handelsware betrachtet zu werden, nicht dulden, dass man mit mir schacherte wie mit abgetragener Kleidung. Dafür kam die Schande über mich, eine Frau ohne Mann zu sein!

Alles ist Schande für ein Weib, weil es nie etwas um seiner selbst willen ist; es ist nur ein Teil seines Geschlechtes! Ich arbeitete unter Männern und sie nannten mich geschlechtslos und verhöhnten mich wegen meiner Kühle. Ich glaubte fast selbst, dass ich ein Neutrum war, und selbst das war eine Schande. Ich fürchtete, es könne mir ein Bart am Kinn wachsen und die Männer würden mich darob verhöhnen. Aber eines Tages fühlte ich, dass ich ein Weib war, denn ich liebte.

Es war, als sein einer bisher sein ganzes Leben lang auf durchweichten, zertretenen Pfaden durch Dunkel und Wintereis gewandert, mit einem Gefühl, dass er niemals den Frühling erschaute und ihn niemals schauen werde – und als ob nun mit einem Male die Sonne hervorbräche und alles in dem feuchtwarmen Nebeldunst zu sprießen und zu wachsen begänne; als ob er nun fühlte, dass alles herrlich grünen werde und alle Blumen sich erschließen würden – in der Sonne, in der Sonne!

Ich hätte mein Leben darum gegeben, hätte ich sein Freund werden können, aber das konnte ich ja nicht werden – nur seine Freundin … Hörst du, welch hässlichen Klang das Wort hat: seine Freundin! Es klebt Schande und Argwohn daran.«

»Es quält dich zu sprechen«, sagte der Mann, und seine Stimme war durchzittert von Mitgefühl. Er nahm noch einmal ihre Hand und küsste sie leise, fast demütig, ohne ein Wort zu sagen.

»O, lass es mich einmal aussprechen!«, fuhr sie fort. »Ich habe geschwiegen Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Generation um Generation – so bedünkt es mich, und nun ist es mir, als sei ich das ganze Frauengeschlecht. Ich bin so alt wie Ahasverus und auf meinen Schultern lastet die Schuld des ganzen Geschlechtes. Ich fühle sie mit den Fibern eines Weibes und blicke auf sie mit des Mannes Augen.

Du weißt, was ich in seinen Händen war. Er legte mein Hirn bloß, um zu sehen, wie es arbeitete; er wühlte mit seinem Seziermesser in meinem Innern herum, um seine Menschenkenntnis zu bereichern, und er zerfleischte mein Herz – wie ein unartiges Kind – nur um zu sehen, wie es klopfte. Und als es nicht einen einzigen Schmerz mehr gab, den ich erdulden konnte, ohne zu sterben – warf er mich fort. Nicht etwa deshalb, weil ich schlecht, unwahrhaftig, halb oder feige gegen ihn war – ich war nichts von alledem. Sondern bloß darum, dass ich ein Weib war. Nicht ein Freund, nur eine Freundin!«

Sie schwieg, und es ging wie ein schmerzvolles Beben durch das dunkle Zimmer.

Und zuletzt kam es heraus mit derselben eintönigen, klanglosen Stimme, nur um eine einzige kleine Nuance tiefer.

»Weib sein, heißt ein Paria sein, der sich nie über seine Kaste erheben kann. Dass ich ein Weib war, ist meines Lebens Fluch gewesen!

Ich habe nie eine Mutter gehabt; mein Vater fehlte mir, solange er lebte, und ich habe keinen Sohn –«

Ihre Erzählung schloss mit einem tränenlosen Aufstöhnen. Es war dunkel. Des Mannes Antlitz leuchtete nicht mehr hervor – – und er hatte nichts zu erwidern – –


Übersetzung
Aus dem Schwedischen von Anna Brunnemann.

Kommentar
Victoria Benedictsson (1850–1888) gilt als eine der bedeutendsten Vertreter*innen der schwedischen Moderne, ist im deutschen Sprachraum aber kaum bekannt. Wie in den meisten ihrer Werke geht es in der Erzählung „Aus dem Dunkel“ um das Verhältnis der Geschlechter, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihre (auch sexuelle) Emanzipation. Der Text erschien im Original 1888 unter Benedictssons üblichem Pseudonym Ernst Ahlgren. Die 1911 veröffentlichte deutsche Übersetzung von Anna Brunnemann gab stattdessen aber den echten Namen der Autorin an, was an dieser Stelle beibehalten wurde.

Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, Jg. XXIII, April 1911, Nr. 4 , S. 104–110. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anna Ancher, Anna und Michael Ancher beim Betrachten ihres Werks, 1883

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: