Der Unersetzliche

von Carry Brachvogel (1864–1942)

Der jähe Tod des berühmten Professors versetzte die kleine Universitätsstadt, an deren Hochschule er jahrzehntelang gelehrt hatte, in die größte Aufregung. Seine Beerdigung gestaltete sich zu einer imponierenden Kundgebung, wie sie das dankbare Vaterland nur seinen großen Söhnen bereitet. Der König hatte die sonst nur bei Fürstenbegräbnissen übliche Trauerhoheit entsendet, jede europäische Universität eine besondere Deputation. Alle Fachkollegen, die ihn beneidet und gehasst hatten, umstanden schmerzerfüllt seine Gruft und freuten sich, dass sie nicht drin lagen. Die Chargierten der Korps, Burschenschaften und freien Verbindungen legten prächtige Kränze an seinem Sarge nieder und versprachen dem Verstorbenen feierlich alles, was Chargierte nur versprechen können, wenn sie in Wichs sind und »im Namen« reden. Die Berichterstatter großer Zeitungen notierten und erfanden rührende und charakteristische Züge des Toten, in denen fast immer von seiner Hässlichkeit, seiner Barschheit, seiner Weltunerfahrenheit und seinem innigen Familienleben die Rede war, denn das Publikum hat’s gern, wenn ein großer Gelehrter hässlich, grob, weltfremd ist und ein Familiensimpel obendrein. Der Verstorbene hätte auch in der Tat weder mit dem Apoll von Belvedere noch mit dem höflichen Herrn v. Knigge konkurrieren können, hatte es auch nicht unter seiner Würde gefunden, ungefähr ein Halbdutzend Kinder zu zeugen – selbstverständlich alle legitim. Nur so ganz weltunerfahren schien er nicht gewesen zu sein, denn er hinterließ ein beträchtliches Vermögen. Davon aber brauchte schließlich das Publikum nichts zu erfahren …

Nach der Beerdigung gingen die Fremden tieferschüttert in ihr Hotel und die Einheimischen, nicht minder tieferschüttert, in die Kneipe. Etliche, die nicht einmal der Alkohol zu trösten vermochte über den Verlust, den die Alma Mater erlitten, begaben sich noch bei anbrechender Nacht hinaus vor die Stadt, nach einem bescheidenen kleinen Haus, das mit seinen herabgelassenen Fensterläden, hinter denen rosiges Licht schimmerte, äußerst sittsam und gemütlich aussah. Es war auch sittsam und gemütlich, denn es wurde ausschließlich von Damen bewohnt und ausschließlich von Herren besucht …

Am nächsten Morgen stand der Erstchargierte des Korps »Tantania« vor dem Mathematiker der Universität. Der Erstchargierte – Fritz v. Kumpfmüller – war der Sohn eines Oberstaatsanwaltes, Neffe eines Konsistorialrates und zweier Kirchenräte und berechtigte also selbstverständlich zu den schönsten Hoffnungen; trotzdem war er sonst ein normaler Mensch. Er sah etwas übernächtig aus – wahrscheinlich hatte er sich über den unersetzlichen Verlust der Alma Mater mit zu starken Mitteln trösten wollen. Auch dass er in seiner Angelegenheit gerade zum Mathematiker kam, ließ auf sanfte Verblödung schließen.

Der Mathematiker berechnete eben die schönsten Logarithmen und ließ sich zunächst durch den Eintritt des Herrn v. Kumpfmüller nicht im Geringsten stören. Erst als der Studiosus über seine einleitenden Worte hinaus dem Kernpunkt der seltsamen Angelegenheit näher kam, fuhr der Professor auf seinem Sitz herum.

»Herr Studiosus, das ist unmöglich! Sie … Sie müssen sich täuschen! Wie, dieser edle, unersetzliche Tote, auf dessen herrliches Familienleben wir alle mit Bewunderung blickten … er sollte … O, undenkbar!«

»Herr Professor, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen!«

»Wo, wenn ich fragen darf?«

Der Studiosus zögerte eine Sekunde lang, dann sagte er mit edlem Anstand und einer schweifenden Handbewegung:

»Bei der Mina selbst … gestern Abend …«

Da war der Mathematiker überwunden und erklärte sich für inkompetent. Selbstverständlich aber wollte er den ungeheuerlichen Fall unverzüglich dem Senat vortragen, so erforderte es das Ansehen der Alma Mater. Er tat etwas Niedagewesenes – er schob seine Logarithmen beiseite, begab sich unverzüglich und in großer Bestürzung zu seinen Freunden, dem Juristen und dem Historiker.

Der Historiker schrieb gerade an einem Buch: »Die Ethik der Assyrer im Jahre 961 v. Chr. in ihren Wechselbeziehungen zum Moralbegriff der Babylonier.« Es ist also begreiflich, dass er im ersten Augenblick nicht recht verstand, um was es sich handelte, dann aber bestürzt rief: »Wie?! Eine Hetära sagen Sie … (er betonte das »a« am Schluss, denn er hielt es für sehr ungebildet, wenn ein Mensch »Hetäre« sagte). Eine Hetära und dieser große, unersetzliche Tote …«

Der Jurist fragte, ob Defloration vorläge oder Folgen des außerehelichen Beischlafes vorhanden wären. Da jedoch weder die Logarithmen noch die Ethik der Assyrer darüber Aufschluss gaben, konnte ihm keine Antwort werden …

Am nächsten Tage schon trat der Senat zu einer Sitzung zusammen, in der die peinliche Angelegenheit besprochen und schleunigst erledigt werden sollte. Schleunigst. Sonst sahen am Ende noch andere, was der Studiosus v. Kumpfmüller gesehen hatte, und der Tote war noch im Grabe geschändet, die Alma Mater lächerlich gemacht, vernichtet …

Der Dekan der philosophischen Fakultät hatte das Referat übernommen. Er beherrschte sein Thema tadellos, denn er hatte sich genau informiert, so weit das, ohne Aufsehen zu erregen, möglich gewesen war. Aus Respekt vor der Würde des Senats berichtete er alle peinlichen Details nur im Flüsterton. Trotz der gedämpften Stimme lag die Sache aber doch bald klar am Tage: Der hochverehrte, unersetzliche Tote, der weltfremde Mann mit dem herrlichen Familienleben war ein regelmäßiger Gast jenes sittsam-behaglichen Hauses gewesen, hinter dessen geschlossenen Fensterläden abends rosiges Licht schimmerte … Und einer der Damen – Mina – hatte er kaum acht Tage vor seinem Tode seine Photographie mit einer launigen Unterschrift geschenkt. Er war nämlich, wie alle wussten, ein leidenschaftlicher Amateurphotograph gewesen …

Obschon des Dekans Flüstern fast erstarb, als er an das Bild kam, bemächtigte sich des ganzen Senats dennoch eine tiefe Entrüstung.

»Ein Hurenknecht also!«, sprach der Magnifikus. In diesem Jahr war gerade die theologische Fakultät an der Reihe und die biblische Stärke des Ausdruckes erschien daher begreiflich. Alle waren niedergeschmettert. Nicht einmal der Literarhistoriker wagte die Sache mit dem Bild zu verteidigen, obwohl er in den Kreisen der Alma Mater als Repräsentant einer schönen, gesunden Sinnlichkeit galt. Er las nämlich seit zwanzig Semester ein Goethe-Kolleg mit besonders schonender Behandlung der Vulpius und war außerdem Junggeselle.

Sein Halsknorpel, der neugierig über den umgelegten Hemdkragen hinaussah, hüpfte zwar etliche Male auf und ab, als wolle der Mann mit der schönen, gesunden Sinnlichkeit etwas sagen, aber ein Blick auf den biblischen Magnifikus und auf den ehrfürchtigen Flüsterdekan band dem Goethe-Professor alsbald wieder die Zunge.

Entrüstung allein war aber nicht der Zweck dieser Senatssitzung. Vielmehr war man zusammengetreten, um über das Bild zu beraten und über die Stellung, welche man zu ihm einnehmen sollte.

»Wir müssen das Bild erwerben«, sagte Magnifikus. »Es darf nicht in einem Freudenhause von Hand zu Hand gehen.«

»Und zwar muss es gleich erworben werden«, fügte der Jurist bei, »denn es ist anzunehmen, dass gerade jetzt, da das Interesse an dem Erblasser noch sehr rege ist, das Bild in eigennütziger, wenngleich nicht straffälliger, aber darum doch verwerflicher Absicht gezeigt werden könnte.«

Nach kurzer Beratung wurde beschlossen, einen unlimitierten Betrag für den Ankauf des Bildes auszuwerfen.

»Wer von den Herren übernimmt nun die traurige Mission, sich mit jener … jener« … »Hetära«, sagte der Historiker entschlossen. »Nun also, sich mit jener Hetära wegen des Bildes in Verbindung zu setzen?«

Der Magnifikus hatte gefragt. Alle blieben stumm. Nur der Dekan wagte schließlich zu fragen, und zwar ganz laut:

»Sollte man nicht vielleicht den Herrn Studiosus v. Kumpfmüller …?«

Magnifikus lehnte mit einer hoheitsvollen Geste ab.

»Die Würde der Alma Mater gebietet, dass die traurige Angelegenheit auf den engsten Kreis beschränkt bleibe.«

Nach etlichem Hin und Her wurde einstimmig der Literarhistoriker als die geeignete Persönlichkeit bezeichnet. Er las ja, wie gesagt, seit zwanzig Semestern ein Goethe-Kolleg mit besonders schonender Behandlung der Vulpius – also konnte ihm nichts Menschliches fremd sein. Er weigerte sich zwar ein wenig und sein Halsknorpel hüpfte aufgeregt auf und ab, aber schließlich nahm er die Sendung an. Mit den Dankesworten des Senats und seinem unlimitierten Betrag machte er sich auf den Weg …

Magnifikus erwartete ihn am nächsten Morgen – vergebens. Und am nächsten und am übernächsten, aber er wartete umsonst. Er konnte sich dies Zögern nicht recht erklären, aber da er Theologe war, wartete er mit Gottvertrauen. Am vierten Morgen endlich trat der Entsendete ein. Er war etwas blass, aber er hatte die würdige Haltung eines Mannes, der seiner Pflicht genügt hat. Sein Halsknorpel jedoch duckte sich hinter dem Hemdkragen, als schämte er sich dessen, was jetzt kommen musste …

Schweigend legte der Literarhistoriker ein sorgfältig versiegeltes Päckchen vor Magnifikus nieder. Der staunte im Stillen, dass eine einzige Photographie so dick sein könne, riss das Päckchen auf … sah … staunte noch mehr … begriff und war so empört, dass ihm nicht einmal das kleinste Bibelwort einfiel.

Das Päckchen enthielt nicht nur eine, sondern mindestens ein Dutzend Photographien, fast alle nach Dilettantenart geknipst, denn der berühmte Mann war ja ein leidenschaftlicher Amateurphotograph gewesen. Nur ein einziges Bild, das obenauf lag, war aus dem ersten Atelier der Stadt. Hässlich, struppig, wie er im Leben gewesen, zeigte es ihn. Unten stand von seiner Hand: »Der fidelen Mina in treuer Anhänglichkeit ihr alter Professor.« Die anderen Aufnahmen hatte er selbst geknipst. In anmutigen Gruppenbildern zeigten sie ihn und Mina, zuweilen auch noch in Gesellschaft der einen oder anderen Dame. Diese Bilder hätten sich nicht gerade für ein Jungmädchenzimmer geeignet, aber sie waren allesamt sehr flott und lustig und bewiesen, dass der unersetzliche Tote auch außerhalb seines Faches ein Mann von Begabung gewesen war …

In der nächsten Senatssitzung wurden die Bilder feierlich verbrannt; Magnifikus schob sie eigenhändig in den Ofen. Als die ersten Rauchwölkchen aufstiegen, schlug er heimlich das Kreuz; der Halsknorpel des Literarhistorikers schaute in träumender Erinnerung auf all die Reize, die zur höheren Ehre der Alma Mater verkohlten …

Als das Autodafé beendet war, öffnete Magnifikus die Fenster, um den abscheulichen Brandqualm hinauszulassen. Alle atmeten nun leicht und froh. Ihre Stimmung verschlechterte sich erst wieder, als der Literarhistoriker seine Abrechnung »für Bilder und Nebenspesen« vorlegte. Sie betrug nämlich an dreihundert Mark.

Zur Strafe dafür fiel der Urheber der ganzen Sache – Studiosus v. Kumpfmüller – beim Examen glänzend durch, nachdem er vorher zu den schönsten Hoffnungen berechtigt hatte.


Textnachweis
Aus: Die Muskete. Humoristische Wochenschrift, Bd. V, Nr. 114, 5. Dez. 1907, S. 74–75. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alice Pike Barney, In Pose, um 1900

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