Schattenleben

von Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)

Bist du dir schon einmal vorgekommen wie dein eigener Schatten? Ich mir wohl. Es ist ein seltsames, über allen Ausdruck friedliches Gefühl. Ich kann es in mir erwecken, wenn ich am Abend, besonders im Spätherbst, auf- und abgehe im geschlossenen Gang des ersten Stockwerks unseres Hauses. Er ist lang und ziemlich schmal und verbindet das hochgewölbte Treppenhaus mit einer Brücke, die in den Garten führt. An seinen Wänden hängen Teppiche und Bilder, die Fenster sehen auf eine vierfache Reihe uralter Linden. Einst bildeten sie eine undurchsichtige Wand, und ihre Wipfel überragten das Dach. Jetzt sind sie dürr und gestutzt, große Lücken haben sich im Laube gebildet, das morsche Geäst stöhnt im Winde, der Boden ist mit schwarzen, dürren Zweiglein bedeckt, Greisenkindern, die spät geboren, früh schon abfallen. Sie führen einen kleinen Totentanz mit welken, raschelnden Blättern im Sande auf. Manchmal auch nimmt der Wind einige von ihnen auf seine Flügel, trägt sie durch die Lüfte und wirft sie an die Scheiben, und das gibt einen leisen, dumpfen Ton, wie wenn Nachtfalter ans Fenster stoßen.

Sonst alles ruhig, das große Licht am Himmel untergegangen, die kleinen Lichter im Hause noch nicht angefacht. Die Leute gönnen sich eine kurze Rast vor der langen, die die Nacht bringen wird.

Ich bin allein mit den Geistern der Einsamkeit. Mein Gehen wird sehr bald ein Gleiten, ich brauche die Füße kaum mehr zu heben, ich bin federleicht, bewege mich vorwärts fast ohne mein Zutun. Allerlei Gestalten tauchen dicht vor mir auf, aus dem Boden, aus den Wänden, oder kommen mir entgegen von weit, weit her. Und wenn ich an einem Ende des Ganges bin, weichen sie aus, scheinen verschwunden – sind wieder da, schweben mir nach …

Da taucht eine Erinnerung aus der Kinderzeit auf – und ich sehe mich rasch um, instinktmäßig. Ja, das war einst, das war eigen. Ich weiß, dass ich jahrelang den Zweifel in mir trug, ob denn außer mir noch etwas wirklich sei, ob ich nicht allein lebe, fühle, atme, in einem ungeheuren Nichts. Wohin du nicht siehst, da ist nichts, dachte ich. Der Blick deines Auges zaubert die Welt, die du siehst, hervor. Ich war im Kampf mit diesem Nichts, das sich vor mir für Etwas ausgab; ich suchte es zu überlisten, es gleichsam auf der Tat zu ertappen. Ich rannte zuweilen im Garten vorwärts, so rasch ich konnte, und wendete mich dann plötzlich um und meinte: Einmal wirst du’s erwischen, das Weiße, das Leere. Aber ich erwischte es nie, es war immer schneller als ich; eh’ ich mich umsehen konnte, hatte die Dekoration sich wieder aufgestellt. Das fortwährende Misslingen dieser Versuche betrübte mich übrigens nicht sehr, wie mich denn auch merkwürdigerweise der Gedanke nicht traurig machte, dass alle Menschen, die ich liebte, an denen mein Herz hing, nichts anderes waren als Gebilde meiner Phantasie, die zerrannen, sobald ich sie nicht mehr ansah.

Und dass sich unter diesen Phantasiegebilden einige befanden, die mich mit großer Strenge behandelten, die ich fürchtete, denen ich gehorchen musste, auch das beirrte mich nicht im Glauben an ihre Wesenlosigkeit. Dummes Kind, das ich war, und immer fröhlich, ohne Grund zur Fröhlichkeit … Arme, mutterlose Kindheit!

Ist der reich, der nicht weiß, wie arm er ist, oder doppelt arm? Arm oder reich, geliebt oder ungeliebt – ich war. O Glück zu sein, unausrottbare Lust am Dasein! Jetzt noch, in einem schwachen Nachhall, in einem Schein des Lebens regst du dich. – Wie gut, zu sein, wie gut auch, zu vergehen. Ins Nichts? O nein. Das hab’ ich gelernt: Alles ist, nur nicht das Nichts. Kein banges Sterben, ein Scheiden in tiefster Seelenruh. Wie der Weg auch sei, Allweisheit hat ihn vorgezeichnet, Allwissenheit kennt sein Ziel. In seliger Zuversicht betret’ ich ihn, kein Bangen vor dir, Allwissenheit!

Da schwebt er vorbei, der Schatten der Kindertage, und welche lange Reihe von Schatten ihm nach. Viele sind dunkel, düster und kalt, manche sind hold und duftig, wie die Schatten rosiger Wolken, die hinfliegen über das Gefild. Mir bangt nicht vor den dunkeln, ich freue mich nicht der holden, ich weiß nichts von Angst und von Freude, mir tut nichts weh und nichts wohl.

Nun tauchen Bilder auf. Wollt ihr mich Lügen strafen? Weckt ihr noch Freud und Leid? Ihr seid Erinnerungen. Wer hat euch gerufen? Geht dahin, wo eure Heimat ist – ins große Reich des Vergessens. In Scharen ziehen sie. Was doch ein langes Leben bringt und – nimmt. Vorbei, vorbei – nicht alle. Da sind einige, die wurzeln fest. Sie dräuen, sie möchten noch im Tode verwunden. Nun denn, beharrt; tut so weh, wie man einem kühlen, dahingleitenden Schatten tun kann. Kindheit, Jugend, reifes Alter, alles vergangen, alles wie gehüllt in die Nebelschleier des Traums. Vergangene Freuden, überstandene Leiden sind wie geträumte Freuden und Leiden.

Nun wieder an der Glastür angelangt und einen Blick hinaus geworfen ins Dunkel; ein Wagen rollt. Die Hunde schlagen an. Jauchzendes Gebell. So begrüßen sie nur einen. Große, wuchtige Schritte kommen rasch über die Brücke. Ist er’s? Ja, das ist die geliebte Wirklichkeit. Eine hohe Gestalt tritt in die Tür:

»Aber Marie«, sagt der beste aller Brüder, »so spät noch auf dem Gange, du musst dich ja erkälten.«


Kommentar
Schattenleben ist einer der ungewöhnlichsten Texte Marie von Ebner-Eschenbachs. Er erschien 1896, als die Autorin 65 Jahre alt war, und ist eine ihrer ersten explizit autobiographischen Arbeiten. Im Gegensatz zu den meist umfangreichen, in sich geschlossenen Erzählungen, mit denen Ebner-Eschenbach bekannt wurde, handelt es sich um eine scheinbar flüchtig hingeworfene Prosaskizze, die ebenso unvermittelt abbricht, wie sie einsetzt. Beschrieben wird eine plötzlich auftauchende Kindheitserinnerung, die eindringlich die realitätsverändernde Kraft der Phantasie beschwört. In einen weiteren Kontext eingebettet, nahm Ebner-Eschenbach die in Schattenleben angerissene Episode zehn Jahre später in ihr Buch Meine Kinderjahre auf.

Textnachweis
Aus: Deutsche Rundschau, Bd. LXXXVI, Januar–März 1896, S. 463–464. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Im Atelier 3, 1897

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