Dini

von Else Feldmann (1884–1942)

Dini wohnte zwei Stock tiefer als wir, unten im Erdgeschoß. Zwei große, kahle Stuben und eine Küche hatten sie. Die Wohnung war vollständig finster, und immer brannte ein Petroleumlämpchen mit angerußtem Glas. Dinis Eltern waren sehr alt; alle ihre Geschwister waren schon erwachsen und vom Hause fort. Ich glaube, sie hatte fünf, meist Brüder – zwei waren bei der Eisenbahn und trugen Uniform – ich konnte nicht glauben, dass diese bärtigen Männer wirklich Brüder Dinis waren.

Dinis Eltern waren Flickschneider – man brachte ihnen die alten Kleider. Dann saßen die beiden Alten, Grauhaarigen beim Lämpchen mit ihren großen Brillen bewaffnet und zupften Fäden, hantierten mit Nadel und Zwirn oder sie hatten gelegentlich wohl auch eine Schüssel mit Fleckwasser vor sich stehen, sie bügelten und bürsteten die alten Kleider wieder auf neu. Aber da es nicht genug trug, um davon leben zu können, vermieteten sie ein Zimmer an Schlafgänger. In diesem einen Zimmer gab es drei Stühle, sonst lauter Lagerstätten, einige Eisenbetten und Strohsäcke und Matratzen auf dem Boden, so viel man wollte.

Dini schlief in demselben Zimmer auf zwei zusammengerückten Koffern. Aber sie hatte Kissen und Decken, mehr als alle andern Schlafgänger, und Dini beklagte sich bei mir, dass man sie Nacht für Nacht, wenn sie schlafe, ihrer Decken beraube und sie dann frierend erwache.

Noch eine große Merkwürdigkeit hatte Dini; das war ihre Großmutter. Seltsame Dinge hatte sie mir von ihr erzählt. Aber einmal passierte das Wunderbarste; denn Dini sagte zu mir: »Komm du einmal mit zur Großmutter. Sie lebt im Gemeindearmenhaus; es ist dort sehr hübsch. Es wohnen dort nur fünf Alte in einem Zimmer, und eine von ihnen liegt im Bett und ist verrückt, und man muss viel lachen über sie; und die andre heißt Frau Treu und hat eine große blaue Blase an der Unterlippe und schaut jedes Mal, ob die blaue Blase noch nicht aufgesprungen und Tinte herausgeflossen ist.«

»Tinte?«

»Ja, es kann nicht anders sein, als dass Tinte darin ist. Und denke, Frau Treu hat Wasser in den Beinen und sie sagt, wenn das Wasser zum Herzen komme, ist es aus mit ihr; ich muss immer hinlaufen und schauen, und das ist auch so lustig.«

Wieder fragte sie: »Kommst du einmal mit?« »Ja«, sagte ich, »aber erst nach meinem dreizehnten Geburtstag, denn dann kann man mich nicht mehr schlagen, denn dann gelte ich schon für groß.« Aber es fehlten noch zwei Tage bis zu meinem Geburtstag, als ich beschloss mitzugehen.

»Ach«, meinte Dini, »ich werde noch heute geschlagen und bin schon vierzehn Jahre alt.«

»Nein«, sagte ich erschrocken, »wenn ich einmal dreizehn bin, darf mich niemand schlagen.«

Ein paar Tage später schlich ich mich fort und ging mit Dini in das Armenhaus. Es war so, wie Dini erzählt hatte. Lange, schrecklich unheimliche Gänge voll Gespenstern – denn nicht anders als Gespenster sahen die vielen alten Weiblein aus, die auf den Gängen herumstanden oder hockten.

Es war Kaffeezeit, und sie guckten aus den Türen und über die Treppen, ob der Wagen mit dem Kaffee schon angefahren käme.

Von den Fenstern hatte man den Ausblick auf den alten Friedhof mit seinen Bäumen, Hügeln und Grabsteinen.

»Oh, wie schauerlich«, sagte ich zu Dini, »dass die Alten da immer hinuntersehen müssen und denken: Jetzt liege ich oben, bald aber werde ich unten liegen.«

»Dummes Zeug«, belehrte mich Dini, »dies ist der alte Friedhof, dort wird nicht mehr begraben.«

»Und wenn auch nicht mehr begraben wird, ein Friedhof ist es, und sie müssen ihn vor Augen haben und sehen.«

Dini erzählte mir eine abergläubische Geschichte, als wir uns an ein Gangfenster lehnten und von dort aus hinunterblickten.

»Siehst du, da unten«, sagte Dini, »in der Mitte den Stein, diesen eigentümlichen Stein? Darunter liegt ein Fisch begraben.«

»Wieso denn ein Fisch?«

»Ja. Ein Fisch wurde aus dem Wasser gezogen und sollte geöffnet werden, da hörte man, wie der Fisch, der doch für gewöhnlich stumm ist, einen Wehlaut ausstieß; gerade als das Messer ansetzen wollte, hörte man ein deutliches menschliches Stöhnen aus dem Innern des Fisches kommen. Man ließ sogleich davon ab, ihn zu zerschneiden und zu kochen, und er wurde wie ein Mensch auf dem Menschenfriedhof begraben und er bekam einen Denkstein, und dieses ist der Platz.«

Ich fragte: »Und du glaubst, dass das wahr ist?«

»Ja, ja.«

»Ich nicht, das ist Aberglaube.«

»Und der Stein dort mit dem Fisch – von hier kannst du ihn gut sehen –, was wäre dann das?«

Ja, den Stein mit dem Fisch sah man; wir standen lange und sahen ihn an.

Dann gingen wir in das Zimmer der fünf Alten, wo Dinis Großmutter wohnte.

Es war genau so, wie Dini es geschildert hatte. Im Bett lag eine Alte und war verrückt, sie sprach fortwährend und lachte grausig. In einem Krankenlehnstuhl saß Frau Treu, und an ihrer hängenden Unterlippe war eine große, dunkelblaue Blase, die wie mit Tinte gefüllt aussah, und Frau Treu erzählte uns sofort, dass sie Wasser in den Beinen habe, und wenn es zum Herzen komme, sei es aus mit ihr.

Die verrückte Alte im Bett sagte etwas und Dini fing an laut zu lachen.

Mir war es nicht zum Lachen.

Dinis Großmutter saß am Fenster und strickte; sie war wirklich uralt mit einem Netz von Runzeln im Gesicht; ihre Augen und ihr Mund waren in all den vielen Furchen und Falten fast ganz verschwunden. Dini ging sofort zu den Schubladen, zog eine um die andre heraus, und ich hörte sie jede Sekunde rufen: »Großmutter, kann ich das haben? Kann ich das haben?«

Die Alte am Fenster nickte, sie sprach fast kein Wort. Sie musste zu viel husten, darum konnte sie nicht sprechen. Sie legte jedes Mal die Strickerei weg, wenn sie husten musste, und nahm sie dann wieder auf.

Dini räumte alle Laden aus und versteckte die Sachen, die sie fand, in ihrem Kleid. Dann flüsterte sie mir zu: »So, jetzt können wir wieder gehen.«

Ich stürzte hinter Dini die Treppen hinunter; ich fürchtete mich auf den langen Gängen und endlosen Treppen, und am meisten vor den Schatten, die unsere Gestalten auf den weißen Wänden warfen. Ich fürchtete mich auch ein wenig wegen der Fischgeschichte und wurde erst ruhiger, als wir wieder auf der Straße waren.

Aber jetzt erst fiel es mir ein, wie spät es geworden war, und wir hatten noch einen langen Weg.

»Von den Sachen kann ich dir nichts geben«, sagte Dini.

»Oh, ich brauche nichts«, erwiderte ich zornig. Was glaubte Dini von mir? War ich vielleicht acht oder neun Jahre alt? Mit dreizehn Jahren ist man nicht mehr so genäschig, dass man geraubte Sachen annahm. O ja, die Sachen waren so gut wie geraubt oder gestohlen; ich hatte aufgepasst und gemerkt, dass Dinis Großmutter beinahe taub war und nichts verstand, wenn sie gefragt wurde: »Darf ich das haben?«

»Weißt du«, flüsterte mir Dini zu, obwohl wir auf der Straße waren, wo niemand uns kannte, »ich habe von allem genommen, nur nicht von den Spitzwegerichzuckerln, sie sind grün, ich kann die grüne Farbe nicht leiden; auch schmecken sie nach Süßholz.« Zum Schluss sagte sie: »Die Sachen werde ich dann essen, wenn ich auf der Kellertreppe sitzen und ›Verlorene Liebe‹ lesen werde.«

Als ich von dem langen Weg nach Hause kam, war es vollkommen dunkel. Ich wurde ermahnt, die Wahrheit zu sagen, wohin ich heimlich ausgerissen und wo ich so lange geblieben sei.

»Im Armenhaus, bei Dinis Großmutter.« Ich wurde heftig gestraft, ich bekam sogar Schläge.

»Ich sehe schon, reden nützt bei dir nichts, und wer nicht hören will, muss fühlen …«

Ich weinte den ganzen Abend, und als ich im Bett lag, weinte ich noch immer.

Ja, wäre es noch vor acht Tagen gewesen, da war ich noch zwölf, jetzt aber, da ich schon dreizehn war, man zu mir in der Schule »Sie« sagte, und noch immer Schläge.

Ich war bekümmert; ja ich konnte es nicht unterlassen, Vergleiche anzustellen zwischen Dini und mir. Freilich hatte ich nicht in einer Anstalt Laden ausgeraubt, und noch dazu in einem Armenhaus. Aber war ich nicht mit Dini gegangen? Mit diesem schlimmen und diebischen Mädchen. »Willst du wissen, wer du bist?«, musste ich im Laufe des Abends einige Male hören.

Freilich war der Friedhof mit dem Denkstein und die Geschichte von dem Fisch sehr schön … ich würde sie mir lange merken und vielleicht auch anderen erzählen …

Ich schlief endlich ein mit geschwollenen Augen und Lippen vom Weinen. Und am Morgen beim Erwachen weinte ich aufs Neue, als ich mich erinnerte: Dreizehn Jahre und noch immer Schläge!


Kommentar
Else Feldmann (1884–1942) war eine jüdische Autorin aus Wien. Die überzeugte Sozialdemokratin behandelte in ihren Kurzgeschichten, Erzählungen und Romanen, aber auch in Feuilletons und Reportagen meist sozialkritische Themen. Ihr Hauptaugenmerk galt dabei dem Elend der Kinder und Jugendlichen in den ärmeren Vierteln der Stadt. Der größte Teil von Feldmanns Werk erschien in Zeitungen und Zeitschriften mit politisch linker Ausrichtung. Besonders eng war ihre Zusammenarbeit mit der Arbeiter-Zeitung, für die sie insgesamt weit über 100 Beiträge lieferte. Nach der Zerschlagung der Sozialdemokratie durch das Dollfuß-Regime 1934 hatte Feldmann kaum noch Publikationsmöglichkeiten, nach der Machtergreifung der Nazis 1938 gar keine mehr. 1942 wurde sie ins Vernichtungslager Sobibór deportiert und dort ermordet. – Erst in den letzten Jahren wurden einige von Feldmanns Texte neu herausgegeben: Bei der Wiener Edition Atelier erschien ein Band mit ausgewählten Erzählungen und ein Band mit Reportagen.

Wie viele von Feldmanns Texten erzählt auch Dini eine Episode aus dem Leben von Kindern, die nicht gerade aus betuchten Familien kommen. Der Text erschien erstmals am 9. Mai 1925 in der sozialdemokratischen Salzburger Wacht. Die hier wiedergegebene Fassung folgt jedoch dem leicht gekürzten Wiederabdruck in der Arbeiter-Zeitung vom 28. Juni desselben Jahres. Abgesehen von kleinen Details unterscheidet sich diese Fassung vom Erstdruck vor allem durch den Wegfall des Einleitungssatzes. In der Salzburger Wacht beginnt der Text nämlich mit einer rückblickenden Betrachtung, die ihm eine moralisierende Note verleiht: »Die Geschichte von Dini habe ich noch nicht erzählt, dieselbe Dini, die ich 16 Jahre später eines Abends im dunklen Hafengässchen Hamburgs spazieren gehen sah; die mich ansah, erkannte und doch nicht kennen wollte; o welch trauriger Putz sie umgab.« – Dass diese Einleitung in der Arbeiter-Zeitung weggestrichen wurde, basierte vermutlich einfach auf der Notwendigkeit, den Text noch als Ganzes auf der letzten Seite vor dem Anzeigenteil unterzubringen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die Kürzung eigenmächtig von der Redaktion durchgeführt wurde. Bedenkt man die langjährige Zusammenarbeit Feldmanns mit dieser Zeitung, scheint es aber doch naheliegend, dass die Änderungen in Absprache mit der Autorin erfolgten.

Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 28. Juni 1925, S. 18. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: María Blachard, Die Bretonin, 1928–1930

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