Schwester Benvenuta und das Christkind

Eine Klostergeschichte aus dem 18. Jahrhundert
von Vernon Lee (1856–1935)

Vor etwa sechzig Jahren und kurz vor seinem gänzlichen Aussterben tat das berühmte venezianische Haus der Loredan Schritte, um die Seligsprechung eines seiner Mitglieder, einer im Jahre 1740 zu Cividale verstorbenen Nonne, durchzusetzen.

Die Einwohner von Cividale hatten freilich die offizielle Bestätigung von Schwester Benvenuta Loredans Heiligkeit nicht abgewartet. Es bestand schon damals, wie allgemein bekannt, ein regelrechter Kultus und eine entsprechende Legende ihr zu Ehren. Ja, es scheint, als ob die Seligsprechung dieser jungen Edeldame (die in ihrem Weltleben die dritte Tochter Almoròs IV. Loredan, Grafen von Teolo und Soave und seiner Gemahlin Fiordispina Badoer gewesen) nicht nur aus Gründen der Erkenntlichkeit für ihre Frömmigkeit und Wundertaten ratsam geworden sei, sondern auch um die Andacht des Volkes in berechtigte Wege zu leiten und sie von allerhand phantastischen Gebräuchen und Aberglauben zu reinigen, die sich unbemerkt eingeschlichen hatten.

Denn die umsichtig ausgeführten kirchlichen Nachforschungen hatten festgestellt, dass die selige Benvenuta, wie sie vorzeitig benannt wurde, ein Hauptgegenstand der Andacht junger Kinder und ihrer zärtlichen Mütter in Cividale geworden war. In dieser Eigenschaft hatte sie sich das Ansehen und zum Teile die Legenden andrer, älterer und bestempfohlener Heiligen des Kalenders angeeignet. So war es Tatsache, dass die Kinder von Cividale nicht mehr die Heiligen Drei Könige für die Wohltäter ansahen, die ihnen ihre Neujahrsgaben brachten, sondern dass sie ihre Strümpfe und Schühchen herrichteten, damit die Beata Benvenuta sie füllen möge. Noch bedenklicher aber war es, dass ihr einige jener ehrwürdigen Vertraulichkeiten mit dem Christkind zugeschrieben wurden, die mit Gewissheit nur der heiligen Katharina, dem heiligen Antonius von Padua und – gewissen frommen Chronisten gemäß – dem seraphischen Franziskus selber nachgesagt werden können, während man ihr anderseits persönliche Begegnungen mit dem großen Feinde der Menschheit beimaß, wie sie nur von den Heiligen Antonius, Nikolaus von Bari, Dunstan, Anaximander, Vitus und Rodwald und der heiligen Theodora, sowie von einer geringen Anzahl wohlbekannter himmlischer Streiter, die in älteren Perioden der Geschichte lebten, festgestellt und beglaubigt sind.

Zu dieser offenbaren Regellosigkeit kam hinzu, dass eine jährliche Prozession zu Ehren der sogenannten Beata Benvenuta stattfand, die, von Kindern, hauptsächlich kleinen Mädchen, ohne jegliche Anleitung seitens der Geistlichkeit ausgeführt, lediglich darin bestand, dass die Kinder in Kränzen und phantastischen Gewändern aus Flittergold und allerhand bunten Flicken unter dem Absingen kindischer Verschen die Stadt durchzogen und sogar, wird erzählt, mit verschlungenen Händen tanzten sowie gewisse, kleine Pfeffernüsse aßen, die eigens für diese Gelegenheit angefertigt wurden. Eine ähnliche Art harten Backwerks, das mit gerösteten Mandeln gleichsam gespickt war, wurde am 15. Mai, dem Geburtstag der sogenannten Beata Benvenuta, in den Straßen von Cividale feilgeboten, welches Backwerk die Gestalt des kleinen Heilands in den Armen der genannten Nonne darstellen sollte. Auch wurde dieser Tag durch eine ungewöhnliche Schaustellung von Puppenspielen gefeiert, deren Besitzer auf die selige Benvenuta als auf ihre Schutzpatronin Anspruch erhoben, eine Behauptung, die mit größter Vorsicht aufgenommen zu werden verdient.

Aber der eigentümlichste Umstand in der ganzen fragwürdigen Angelegenheit, wohlgeeignet, die Einmischung der höchsten geistlichen Behörde zu rechtfertigen, war derjenige (und es gab in Cividale niemanden, der es in Abrede stellte), dass die Kinder beim Abzählen in ihren Spielen ein Verschen gebrauchten, dessen erste Zeile den Namen der seligen Benvenuta, dessen letzte aber den Teufel erwähnte.

Dies waren einige der Gründe, die, von der unbestrittenen Heiligkeit ihres Lebenswandels und einer ansehnlichen Reihe wohlbeglaubigter, wunderbarer Heilungen und Errettungen abgesehen, die Seligsprechung der Schwester Benvenuta Loredan von Cividale wünschenswert erscheinen ließen.

Seine Heiligkeit Papst Gregor XVI. lieh sowohl diesen Gründen als auch den lobenswerten Wünschen des edlen Hauses Loredan (welches alle Kosten zu tragen gewillt war) und denen der wenigen überlebenden Nonnen aus dem Kloster der heiligen Muttergottes vom Rosenbusch ein gnädiges Ohr; denn es herrschte auf beiden Seiten wohlberechtigter Stolz, ein so berühmtes Mitglied in ihrer weltlichen oder geistlichen Familie besessen zu haben.

Aber nach einigen Jahren eifriger Nachforschung in öffentlichen und privaten Archiven wurde die Frage der Seligsprechung Schwester Benvenuta Loredans fallengelassen.

Ihr Tagebuch, das sich unter den Akten des fraglichen Falles befindet, wird vielleicht sowohl auf ihren Anspruch auf Seligsprechung als auch auf den Grund, warum dieser Anspruch von der obersten Behörde nicht anerkannt wurde, Licht werfen.


Kloster der Hl. Muttergottes zum Rosenbusch zu Cividale in Friaul, Januar 1740.
Am Tage des Hl. Namens Jesu.

Ich muss immerfort daran denken, wie unserm lieben Christkindchen die Zeit so lang werden mag, ewig in dem Schrank in der Sakristei eingeschlossen, wo es so nach altem Holz und kaltem Weihrauch riecht, wenn man aufmacht.

Außer von der Christnacht bis zu Epiphanias, wenn es in der Krippe unter dem Hochaltar, zwischen Ochs und Eslein liegt, und an ein paar großen Festen, wenn es in der Prozession getragen wird, bleibt es immer in dem gleichen Gefach, zusammen mit den heiligen Knochensplittern, die in Baumwolle gewickelt sind, den überzähligen Messgewändern und den Wachslichtern, und die Schwester Messnerin ist immer so genau mit dem Zuschließen. Einmal, bald nach dem letzten Fronleichnamsfest, hatte sie vergessen, den Schrank zu verschließen, und da hab ich denn rasch einen großen Rosenstrauß hineingesteckt für den lieben Bambino. Ich sah, wie sie den Strauß ein paar Wochen später herausnahm, ihn auf Armlänge von sich hielt, die Nase rümpfte und ihn dann in den Ascheneimer warf. Da war ich froh, dass ich nicht auch einen der kleinen runden Kuchen – aus feinstem Mehl und Vino Santo – hineingelegt hatte, welche Schwester Rosalba – die so stolz auf ihren Onkel, den Dogen – nach einem Rezept aus Seiner Herrlichkeit Küche für das Fest zubereitet.

Wenn ich doch nur Messnerin werden könnte! Aber dafür bin ich zu jung, dazu auch lahm und kann nicht gut auf die Treppenleiter steigen. Aus all diesen Gründen habe ich mir vorgenommen, dass ich, weil ich nun doch niemals frei mit dem lieben, großmächtigen Kindlein reden darf, all die Dinge niederschreiben will, die es vielleicht belustigen möchten, und die Blätter in den großen, hohlen Silberarm verstecken werde, in dem ein Fingerknochen des heiligen Pantalio, Bischofs von Baalbeck, aufbewahrt wird, sobald ich Gelegenheit habe, mir an dem Schranke zu schaffen zu machen.

St. Agnes. Januar.

Liebes Christkindchen, ich habe sehr ernsthaft mein Herz erforscht, ob es auch nicht sündlicher Hochmut sei, mir einzubilden, dass ich dich unterhalten könne, und ob es nicht besser wäre, ich beichtete es. Aber unser Beichtiger ist ein gelehrter Mann; er hat eine Abhandlung über die Sprache geschrieben, die vor Adams Sündenfall im Paradiese gesprochen wurde (es soll ein türkischer Dialekt gewesen sein), auch schreibt er jedes Mal, wenn eine Nonne eingekleidet wird, höchst kunstvolle Sonette, die werden auf gelbe Seide gedruckt und mit dem Gefrornen herumpräsentiert. Unser Beichtiger meint, ich sei sehr einfältig; er würde wohl nur ungeduldig seine Prise nehmen und sagen: »Geschwätz! Betet um ein wenig Verstand, Schwester Benvenuta!« – Und es ist ja auch nicht Ruhmredigkeit, mithin keine Sünde, denn ich bilde mir nicht ein, dass ich diese Dinge auf kurzweilige Art erzählen werde oder mich mit Erhabenheit auszudrücken weiß, wie es die ehrwürdige Mutter tut, oder auf witzige Art wie die alte Schwester Grimana Erno, die mich immer zum Erröten bringt. Es ist lediglich, dass, wie einfältig ich auch immer bin (und ich war zeitlebens ein unwissendes Ding), es doch auf solche Weise ein bisschen kurzweiliger für unser liebes, großmächtiges Herrlein sein wird, dort in dem Wandschrank, ganz allein mit dem Holzwurm und den heiligen eingewickelten Knochensplittern unter gläsernen Glocken.

Vierter Sonntag nach Epiphanias.

Nein, es kann gewiss keine sündhafte Ruhmredigkeit sein; denn der Himmel würde mir nicht so bald etwas ganz wunderbar Merkwürdiges gesandt haben, meinem lieben, hochheiligen Herrlein zu berichten.

Ach, es ist so furchtbar aufregend! Es soll ein großes Fest am Fastnachtdienstag sein; all die Edelleute der Stadt sind geladen, und im Sprechzimmer wird ein Puppentheater spielen. Wir müssen so tun, als wüssten wir von nichts, bis es uns die ehrwürdige Mutter im Kapitel mitteilt; aber unter uns sprechen wir von nichts andrem, und so musste ich es gleich meinem lieben, gebenedeiten Herrlein erzählen.

St. Dorothea. Februar.

Der Puppenmann hat vorgestern eine lange Audienz bei der ehrwürdigen Mutter gehabt. Er soll einen schrecklich hohen Preis verlangt haben, weil das Kloster so vornehm sei und jede Schwester ihre sechzehn Ahnen haben und zum Mindesten tausend Dukaten an Mitgift einbringen muss. Aber die Ehrwürdige, welche eine Witwe aus dem Hause Morosini ist, hat ihm mit großer Würde ein gut Teil abgehandelt. Ich habe den Puppenmann einen Augenblick gesehen. Er ist ein ungestaltes Geschöpf, hat eine Bologneser Aussprache und schielt auf dem einen Auge; auch trägt er eine rote Perücke, und seine Strümpfe schlagen ihm Falten um die Beine. Schwester Rosalba, die viel Weltklugheit besitzt, meint, er sei nicht unter dem Kirchenbann, wenn er auch aussieht, als ob er’s wäre. Wir haben lang darüber geredet, ob das Puppenspiel eines Exkommunizierten auch ein exkommuniziertes Puppenspiel sein müsste, und ob es daher ins Kloster gebracht werden dürfe oder nicht. Schwester Rosalba meint, ein so vornehmes Kloster habe Vorrechte. Die Schwester Messnerin sagte, jedenfalls sei die ehrwürdige Mutter dem Menschen mit vollendeter Hoheit begegnet und habe ihn gewarnt, keinerlei Possen zu treiben.

St. Scholastica. Februar.

Oh, du wunderliebes Kindlein, wenn ich dir doch die Puppen zeigen könnte! Der Mann hat sie gebracht – zum Voraus – damit Zeit sei, Änderungen vorzunehmen, im Fall die Ehrwürdige oder aber unser Beichtiger etwas entdeckten, was ihnen sündlich vorkäme.

Die ehrwürdige Mutter hat sie alle in ihrem persönlichen Gemach mit dem Vergrößerungsglase untersucht. Schwester Grimana sagt, unser Beichtvater sei unwillig gewesen, weil einige der Puppendamen zu viel von ihren Hälsen zeigten. Aber unsre Äbtissin, die in der Welt gelebt hat, habe geantwortet, sie müsse staunen, dass der hochwürdige Herr nicht zu wissen scheine, dass eine venezianische Edeldame kraft des Gesetzes einer allerdurchlauchtigsten Republik ermächtigt sei, genau die Hälfte ihres Busens, und nicht mehr, zu entblößen, und dass hierin nichts zu finden sei, was die Schamhaftigkeit verletzen könnte. Ich verstehe nichts von solcherlei Dingen, aber es heißt, dass die Ehrwürdige fürder bemerkte, es würde ein ungerechtfertigter Tadel für die eingeladenen Damen darin liegen, wenn die Puppen, welche die Rollen der Königinnen, Fürstinnen und Heldinnen innehaben, ihre Schultern mit Seidenpapier umwickelt hätten, wie es der hochwürdige Herr in Vorschlag gebracht. Ich kann über die Mieder der Puppendamen nichts sagen; ich weiß nur, wie wunderniedlich die Puppen sind, und wie gern ich sie meinem allerheiligsten Herrlein zeigen möchte.

Denn, nachdem die Untersuchung im Zimmer der Frau Äbtissin vorüber war, wurden sie alle herausgebracht und auf hölzernen Gestellen – gleich Kleiderböcken – im Gang von Sankt Magdalenen aufgehängt, und dort durften wir Schwestern sie nach Herzenslust betrachten.

O liebstes Christkindchen, wenn ich dir doch die eine oder andre bringen dürfte! Sie haben Drähte durch den Kopf gezogen und Fäden an Händen und Füßen, die in einer dicken Holzspule endigen, an der sie aufgehängt werden; und wenn man an den Fäden zieht, bewegen sich ihre kleinen Holzhände wie Gabeln, das Kinn geht herunter, und der Mund öffnet sich, und ihre Arme und Beine strecken sich aus und klappern. Das ist freilich nicht die rechte Art, sie in Bewegung zu setzen, aber ich verstehe es nicht besser. Schwester Rosalba und Schwester Grimana halten sie in der richtigen Weise, dass ihre Füßchen (einige haben die niedlichsten Schühchen mit Rosetten, andre wieder gestickte Pantoffeln wie die Türken) fest auf dem Boden stehen, so dass sie sich grade halten und vorwärtsschreiten, wobei sie sonderbare Armbewegungen machen, sogar quer über den Rücken, was vielleicht doch nicht ganz in der Ordnung ist, aber ich weiß es nicht bestimmt.

Bei einigen von ihnen, besonders bei einem gräulichen Sklavonier, mit einem Leibgurt voller Messerklingen und großem Rosshaarbart, und bei einer Kammerzofe, da hatten sich die Bindfäden verwirrt, und sie drehten und drehten sich, aber immer mit dem Rücken gegeneinander.

Doch eine kleine Schäferin war da und ein Kriegsheld in blonder Perücke und römischem Rock, die waren gar leicht zu handhaben, und die beiden Schwestern ließen sie eine Menuett tanzen, wozu Schwester Grimana mit zittriger Stimme sang, bis dann meine Base, Atalanta Badoer, die noch Novize ist, eine Laute herbeiholte, welche von der Messe mit Musik am letzten Sonntag hiergeblieben war, und darauf eine Furlana spielte – o, so lieblich kam’s mir vor! … Kann mein liebes Herrlein die Musik in seinem Schranke wohl hören? … Aber einige der älteren Schwestern haben gescholten und nahmen die Laute weg. Wie gern wollte ich meinem lieben, gebenedeiten Kindlein die niedliche Schäferin zeigen! Die andern Puppen habe ich nicht so lieb; es sind wohl feine Edeldamen darunter, mit prächtigen Kleidern aus geblümtem Silberstoff, und Andriennen, dass ihre Hüften abstehen; die Schnebbenleibchen sind mit winzigen Perlen bestickt, und sie haben Schönheitspflästerchen und rote Schminke auf den Wangen, grad wie die leibhaftigen Damen, die bei meiner Mutter und meinen Tanten die Schokolade tranken. Einige haben auch leichte Mäntel an und Hüte, die mit schwarzen Tüchlein festgebunden sind, dazu weiße Masken wie Rüssel, genau so wie die Damen, die ich zur Faschingszeit die große Freitreppe in Venedig heraufkommen sah, von ihren Kavalieren gefolgt. O, diese weißen Rüssel und schwarzen Tücher und ihre großen Reifröcke, die unter den Dominos hin- und herschwankten, wie schrecklich war das doch, ich habe oft vor Angst geweint …

Nein, solche Puppen möchte ich dir nicht zeigen, mein allerliebstes Kindlein, auch die schlimmen Sklavonier und Türken nicht oder den Menschenfresser und den ekligen alten Doktor mit langer, roter Nase, oder den Harlekin, der ganz gestreift ist wie eine böse Schlange – auch nicht den Spanier Don Matamoros im schwarzen, geschlitzten Rock und Stiefeln, mit stacheligem Schnauzbart und einem Mund, der dich verschlingen könnte. Aber den sanften, gütigen Maurenkönig würde ich dir zeigen, und den schönen Helden in römischem Rock und blonder Perücke, der aussieht, als ob er eben sänge »Mio Ben« und »Amor Mio« wie der berühmte Sopransänger damals in der Oper – ich wurde hingetragen, ihn zu hören, kurz eh’ ich den Schleier nahm.

Aber vor allen andern würde ich meinem herzlieben Christkindlein die feine kleine Schäferin zeigen und sie an meiner Hand tanzen lassen. Oh, ich werde doch noch eine Sünde begehen, den Schrankschlüssel stehlen und mich herschleichen, um meinem lieben Herrlein die kleine Schäferin zu bringen.

St. Juliana.

Ich bin dumm und unvernünftig gewesen. Als wir heute wieder die Puppen besahen (denn wir bringen es alle Tage fertig – wenigstens einige von uns – sie auf ihren Gestellen anzuschauen), war da eine, wie ich die ansah, musste ich laut lachen; ja, ich lachte bis zu Tränen, und das war sehr dumm und sehr schlecht von mir, wie Schwester Grimana auch sagte, denn ich wusste die ganze Zeit gar wohl, dass die Puppe niemanden anders vorstellte als den Teufel.

Ich bin nie vor dem Teufel bang gewesen, ich, die ich mich vor so vielem fürchte – wie vor den Leuten in schwarzen Kapuzen und weißen Rüsselmasken, die in meines Vaters Hause Karten spielten und Samoswein tranken. Ich weiß, dass es unrecht ist, und oft habe ich recht gebetet, dass ich’s doch lernen möchte, mich vor dem Bösen zu fürchten; aber ich hab es niemals vermocht, und all die Bilder von ihm, und die Sachen, die wir über ihn im spicilegium sanctorum zu lesen bekommen, haben mich immer nur zum Lachen gereizt. So bin ich denn aus Unvernunft, und weil mein Herz verstockt ist, über diese Teufelspuppe in Lachen ausgebrochen, und das war sehr unrecht von mir; aber, o du herzliebes Kindlein, du würdest auch gelacht haben!

Die ehrwürdige Mutter hat gesagt, es sei an der Zeit, dass dies kindische Getändel mit den Puppen im Kloster zum Rosenbusch nun endlich aufhöre; so sind wir nunmehr alle sehr geschäftig, und ich habe kaum Zeit, meinem viellieben Kindlein zu schreiben. Unser Kloster ist sehr vornehm, nur Patrizier der allerdurchlauchtigsten Republik und Grafen vom Heiligen Römischen Reich dürfen ihre Töchter anmelden; so werden wir denn zu keinerlei Hausarbeit zugelassen, denn dafür sind die Laienschwestern da. Mich will es oft betrüben, dass dem so sei, denn ich habe keinen hohen Sinn, wie es meinem Stande zukäme – darüber haben schon meine Wärterinnen geklagt. Wie gern würde ich in der Küche Erbsen aushülsen und Reis waschen oder Paradiesäpfel in Scheiben schneiden! Wie oft beneide ich die Laienschwestern, wenn sie die wohlriechende Gartenerde umgraben oder wenn sie pflanzen und pfropfen, während wir in den Kreuzgängen auf- und niedergehen. Ich weiß es, meine unbeholfenen Finger würden sich wohler fühlen, wenn sie den armen Kindern und alten Weiblein wollne Hemden zum Winter nähen dürften statt all der Stickereien, die mich so sauer ankommen. Aber ich fürchte, das ist wohl nur der böse Geist des Aufruhrs und der Unzufriedenheit (die Sünde Accidia, von der unser Beichtiger spricht), und ich will recht inniglich beten, dass mir ein dankbares und demütiges Herz werde.

Ja, wie dem nun sei, wir Schwestern sind alle sehr eifrig geworden. Einige haben Pomeranzen verzuckert und in den silbernen Kochtiegeln der ehrwürdigen Mutter Rosolio bereitet, andre haben Altardecken genäht, gestickt und Spitzen gemacht oder allerhand sinnreichen und andächtigen Zierat aus geflochtnem Stroh, aus goldnen und farbigen Papierstreifen und bunten Perlen hergestellt. Ich war unter denen, so die Ehre hatten, gefälteltes, gekräuseltes und getolltes Linnen für Seiner Eminenz des Patriarchen Chorröcke anzufertigen. Und dabei habe ich wieder eine Sünde der Anmaßung begangen, indem ich dachte, Seine Eminenz habe an Chorröcken mehr denn genug, und heimlich wünschte, von all diesem gekräuselten Linnen, das so zart ist wie Seeschaum oder wie Blüten unsrer Mandelbäume, meinem lieben hochheiligen Herrlein etwas abgeben zu dürfen, welches es so kalt hat in dem Schrank in der Sakristei, und hat doch nur eine harte Schärpe aus Purpur und Gold um seinen armen, kleinen Leib.

St. Kunigunda.

Ich muss dir nun wirklich von dem Puppenteufel erzählen, du mein vielliebes Christkindlein; denn wenn ich dich zum Lächeln bringe, so werd ich fühlen, dass es nicht bloßer Leichtsinn ist, der mich immer zum Lachen verleitet, wenn ich ihn ansehe oder auch nur an ihn denke.

Auf seinem Zettel steht »Beelzebub Satanasso, Fürst über alle Teufel«, und er ist an der Spule über seinem Kopf auf dem Kleiderstock im Klostergang von Sankt Eusebius aufgehängt, grad unter dem Bilde von Sebastiano Ricci, das den martervollen Tod der Heiligen Agathe darstellt. Die Puppen ihm zur Seite haben auch Zettel, die eine heißt »Pulcinella«, die andre »Sophonisbe«. Aber dicht neben ihm, so dass man beinahe meinen möchte, sie seien aus einem Stück, ist ein fürchterliches Ungeheuer, das heißt »Basilisk«.

Der Teufel trägt einen schwarzen Schlafrock mit einer hellblauen Schärpe; er hat einen Stab aus Ebenholz in der einen Hand, und auch seine Beine, da, wo der Rock aufhört, sind aus Ebenholz, grad wie die eines Pferdes, mit fein geschnitzten, schwarzen Hufen. Auch hat er lange Ohren und kleine feuerrote Hörner. Er scheint die eine Hand auf den Basilisken zu stützen, und er soll wohl eigentlich recht furchtbar sein. Oder eher, ich sollte mich wohl recht vor ihm fürchten. Denn es ist ja sehr schrecklich, Hörner und Pferdehufe zu haben, und einen Drachen neben sich und »Beelzebub Satanasso, Fürst über alle Teufel« zu heißen. Aber das macht mich nur lachen, du mein vielliebes Kindlein, lachen und immer wieder lachen; und ich weiß es gewiss, du würdest auch lachen, ob du auch das fleischgewordene Wort bist, und all die großen Dinge, die wir in der Christenlehre lernten. Ach, ich wünschte mir, du könntest ihn sehen oder ich könnte ihn dir beschreiben!

Er hat ein breites Gesicht, mit einem Barte wie ein Kapuziner, und schwarze, glotzende Augen, und diese Augen scheinen aus dem Kopf herauszustehen, als ob sie etwas begreifen möchten und doch nicht könnten; und der Mund mit dem Bart ringsum steht auch offen, als ob er etwas nicht recht verstehen könnte, und das ganze Gesicht ist krausgezogen, um ausfindig zu machen, was eigentlich von ihm verlangt wird.

Sooft ich ihn ansehe, muss ich an den Präzeptor meiner Brüder – er war Oratorianer – denken, wenn ihm die schlimmen Buben Igel ins Bett gelegt hatten, dass er sich stach und anhub, auf Lateinisch zu wehklagen. Aber um den Präzeptor tat mir’s immer leid, und mit dem Teufel hab ich kein Krümchen Mitleid, nur lachen muss ich, wie er so steif ist und glotzt und den Mund aufreißt vor lauter Verantwortlichkeit, der Teufel zu sein. O, du mein liebes, heiliges Kindlein, wie lustig wär’s, wenn du und ich ihm einen rechten Schabernack spielen könnten! Es wär ja nicht so arg, wie Igel in das Bett eines Hochwürdigen Herrn zu tun, denn er hat doch Hörner und Hufen, und er ist der Teufel.

Wenn ich nicht so dumm im Kopf wäre und ein bessres Gedächtnis hätte, so könnte ich mich auf die Possen besinnen, die ihm die frommen Väter in der Wüste und all die andern Verklärten aus dem goldnen Legendenbuch gespielt – nicht der Puppe, mein ich, sondern dem Teufel.

Aschermittwoch, 1740.

Die Aufführung ist vorüber. Es war die Geschichte von Judith, wie sie den Holofernes umbringt und ihr Volk befreit, alles von unserm Hochwürdigen Beichtvater in Alexandrinerverse gebracht, denn er führt ja unter den arkadischen Hirten den Namen »Corydon Melpomenias«. Der Kopf des Holofernes fiel wirklich herunter, und eine Menge roter Wolle kam heraus, es sah ganz natürlich und schauderhaft aus. Dann war noch der Triumph der Judith, welche angeputzt war wie die Pariser Modepuppe bei der großen Uhr in Venedig, auf einem goldnen Wagen mit Transparent, und die Zeit erschien mit ihrer Sense, und die Religion kam aus den Wolken herab, um unsrer ehrwürdigen Mutter und der ganzen edlen Familie Morosini (Morosini Peloponnesiacus mit einbegriffen) ein Loblied zu singen.

Hierauf gab es noch einen Tanz von lauter Türken, sehr zierlich, und eine unterhaltende Szene, nachdem Holofernes schon tot war, zwischen dem Kammermensch der Judith und Harlekin, des Holofernes Diener. Die Puppen waren wie lebendig, sie schlugen mit ihren Füßchen auf dem Boden auf, und wenn sie Reverenzen machten, klappten sie in der Mitte zusammen, streckten die Arme aus und ließen den Unterkiefer mit einem kleinen Knacks herunter, genau als seien es kleine Menschlein; ihre Stimmen waren höchst wunderbar, wie Dudelsack oder Mundharmonika.

Es war eine unzählbare Gesellschaft von Edeldamen und Kavalieren, Prälaten und Mönchen und Offizieren; auch Seine Exzellenz der Herr Provveditor der Republik und der oberste Spion waren zugegen, und es wurde Gefrornes, Schokolade und allerlei Sorbetti gereicht, und Tische waren aufgestellt zum Kartenspielen für die hohen Herrschaften. Und tausend Wachskerzen zum mindesten brannten in den Glaskronen aus Murano, die sonst nur am grünen Donnerstag, zur Ausstellung des heiligen Grabes, angezündet werden.

Als dann alles vorüber war, gab es noch ein Handgemenge zwischen den Sänftenträgern des Patriarchen und den Bravos Seiner Exzellenz des Grafen von Gradisca; ein Mann blieb für tot liegen, und am nächsten Tag wurde ein Flickschuster von der Polizei auf die Folter gespannt, damit man der Sache auf den Grund komme und Recht walten möge.

Wir Schwestern saßen alle hinter einem vergoldeten Gitter, aber als die Jüngste saß ich bei den Novizen, und war mir nicht möglich, sie zu einem geistlichen Betragen zu zwingen oder sie zu verhindern, mit Makronen nach ihren Brüdern und Vettern zu werfen. Ich hätte mich wohl recht verlustieren sollen, aber stattdessen tat ich die ganze Zeit weiter nichts, als mir bittre Vorwürfe über meine Undankbarkeit gegen die Vorsehung und gegen unsre ehrwürdige Mutter zu machen, welche mir gestattet, einer so feinsinnigen und ausgezeichneten Unterhaltung beizuwohnen, wogegen ich nur mit Bitterkeit und dem einzigen Wunsch erfüllt war, einen vollen Wasserkrug über die Tür der Schwester Messnerin zu stellen, auf dass sie unbarmherzig begossen und erschreckt werde und ein lächerliches Geschrei ausstoßen möge, wenn sie in ihre Zelle zurückkehrt. Denn ich hatte einen Anschlag gemacht, der ganz gewisslich keine Sünde war (auch werd ich ihn nie und nimmer beichten), um den Schlüssel zum Wandschrank zu stehlen, mein liebes Christkindchen herauszunehmen und grad gegenüber dem Theater, in der großen Vase aus Pappe, die mit künstlichen Rosen gefüllt ist, zu verbergen, wo es die ganze Aufführung mitangesehen hätte. Aber die Schwester Messnerin schloss die Schranktür doppelt und dreifach zu, gleich nach der Frühmette, zählte die Schlüssel und steckte das ganze Bund mit einem herausfordernden Blick an ihrem Gürtel fest. Oh, wie ich sie hasse! Und sie kommt auch ganz gewiss nicht in den Himmel wegen ihrer Anmaßung und Lieblosigkeit gegen mein liebes, hochheiliges Kindlein.

Im Juli. Am Tage St. Praxedis.

Ich fürchte, dass ich mich zu der Todsünde Hass und Hartherzigkeit habe hinreißen lassen; doch wie wäre es möglich, die Schwester Messnerin nicht zu hassen und nicht zu denken, dass sie ein Gesicht macht wie ein Hahn, wenn sie bei jeder Gelegenheit so lieblos gegen mein geliebtes Christkindchen ist, das doch gewisslich der König des Himmels ist und Achtung erheischt, und sei’s auch von einer venezianischen Edeldame? Aber wie sich alles zutrug, will ich nunmehr berichten:

Unsre ehrwürdige Mutter, die wohl bange war, das Puppenspiel sowie der Anblick all der feinen Damen und Herren möchte den Novizen und jüngeren Schwestern weltlichen Unfug in den Sinn gebracht haben, hat anbefohlen, dass sich das ganze Kloster täglich vier Stunden lang – zwischen Frühmette und Abendsegen – frommer Arbeit widmen solle, dazu angetan, geistliche Betrachtungen und bußfertige Gespräche zu fördern.

Alle Reliquienschreine sollen mit Silberkreide geputzt und die Baumwolle und Bändchen der heiligen Reliquien sämtlich erneuert werden. Es ist das eine mühsame Arbeit, denn die kleinen Knochensplitter sind mürbe, und viele davon so winzig, dass sie manchesmal zwischen all der Watte und den Bandröllchen auf dem Arbeitstische verloren gehen.

Auch sollen die Schwestern, so mit der Nadel behänd sind, die Kleider der vielen heiligen Bildwerke auffrischen und diejenigen Teile ihrer Spitzen und Verbrämungen, wo es nottut, zu sorgsamer Ausbesserung beiseitelegen. All die verschiedenen Gottesmütter sind heruntergenommen worden, und ihre Kleider wurden genau untersucht. Die ehrwürdige Mutter war sehr aufgebracht über den argen Mottenschaden gleicherweise, dass die Schuhe und Strümpfe und spitzenbesetzten Rastüchlein keineswegs vollzählig sind; einige der Männer, die im Garten arbeiten, sind darum ernstlich verdächtig und wurden dem Heiligen Officium zum Verhör ausgeliefert. Meine Base Badoer, die ausgelassenste der Novizen, sagt, es sei die Fortsetzung des Puppenspiels im Kopf unserer ehrwürdigen Frau Äbtissin, worauf ich sie zu demütigeren Gedanken ermahnt habe, aber doch, in meiner Unweisheit, das Lachen nicht verbeißen konnte.

Wie von selber gingen meine Gedanken zu allererst zu meinem lieben, hochheiligen Herrlein in seinem feuchten, dumpfigen Schrank, ohne das geringste Gewändlein, nur mit der harten Schärpe aus Scharlach und Gold um die Mitte.

Da ich nun weiß, dass die ehrwürdige Mutter mir wohlgesinnt ist (teils um meines Gebrechens, teils auch meiner Familie willen, die bis zu den ersten Zeiten der durchlauchtigsten Republik zurückreicht und ursprünglich von Lars Porsenna, König von Rom, abstammt), so wagte ich, ihr anheimzustellen, dass es wohl ziemlich sein dürfte, dem Allerheiligsten Kleinen ein Röcklein von weicher Seide über einem linnenen Untergewändlein anzufertigen, auf dass es warm liege, wenn es zur kalten Weihnachtszeit in der kahlen Krippe ausgestellt wird.

Die ehrwürdige Mutter sah mich lange an, lächelte und kniff mich sogar in die Wangen, indem sie sprach: »Wahrlich, unsre Schwester Benvenuta Loredan ward erschaffen, um im Himmel das Kindermühmchen zu sein.« Aber in diesem Augenblick, just als sie mir die Erlaubnis erteilen wollte, wer trat herein, – ach, es ist sündlich zu hassen, aber ich hasse sie doch – die Schwester Messnerin, die sofort kaltes Wasser über meinen Vorschlag goss, indem sie auseinanderzusetzen begann, dass Zeit und Geld draufgehen würden, die besser angebracht seien, um das Skelett des Heiligen Prodoscimus neu einzukleiden, einer höchst verdienstvollen Reliquie von achtbarstem Ruf, mit Schleifchen aus echtem Demant in den Augenhöhlen, und die es wohl wert sei, für die Andacht der Gläubigen ausgestellt zu werden. Das Jesuskind, fügte sie hinzu, sei nie bekleidet gewesen und die Schärpe selbst nur ein Zugeständnis an die Schamhaftigkeit; aber niemand habe je davon gehört, dass ihm ein ganzes Gewändlein vonnöten, der Vorschlag sei nichts andres denn Neuerungssucht und, käme er nicht von einer Schwester, für deren offenkundigen Schwachsinn bereits Fürbitten getan würden, beinahe derart, dass der Verdacht der Häresie naheliege.

Da wandte sich die Frau Äbtissin zu mir, und, indem sie ihren beringten Finger warnend hin und her bewegte, sprach sie: »Pfui, pfui, Schwester Benvenuta, das gebenedeite Kindlein ist nicht Euer Cavalier servente, dass Ihr es mit Sammet und goldenen Flittern ausstaffieren möget.« Und dann drehte sie sich um und verlangte zu wissen, wie viel fette Karpfen abgeliefert seien für das Mahl, welches vom Kloster zu Ehren des Monsignor Almosenier von Sankt Patrick hergerichtet wird.

5. August. Mariä-Schnee.

Aber mein vielliebes Christkindlein soll sein Kleidchen haben, und ein weicheres, wärmeres und stattlicheres, als es die Schwester Messnerin dem heiligen Prodoscimus mit den Demantaugen herrichten wird.

St. Ursula und eilftausend Jungfrauen.

Ich bin in diesen letzten Wochen schwer heimgesucht worden durch Bitterkeit und Verzweiflung. Ich hatte eine Laienschwester bestochen, mir Seide und Goldfaden und feinstes Linnen zu kaufen; und jede Nacht habe ich in meiner weißen Zelle auf dem Bett gesessen und mir solche Mühe gegeben, meinem lieben, allerheiligsten Kleinen sein Gewändlein zu machen. Aber immer, wenn ich eben anfangen will, seh ich die bösen Augen der Schwester Messnerin, die mich anblickt wie ein alter Hahn. Dann zittert die Schere in meiner Hand, ich schneide und schnipple aufs Ungewisse in den Stoff hinein, die Vorderteile und der Rücken passen nie zusammen, ach und nun gar die Ärmelchen! … Ich habe auch schon ein Hemdchen von einem Gärtnerkind entlehnt und habe den Schnitt danach gemacht, wenn er auch gar plump ist. Mein liebes Kleines wird mir’s verzeihen, wenn das Gewändlein auch besser einem jungen Bären anstehen mag als meinem heiligen Herrlein. Doch es soll bedeckt werden mit Arabesken und Sinnsprüchen, wie die Gewänder der Heiligen auf den goldgrundigen Bildern in unsrer Kapelle, die alle die Herrlichkeit des allmächtigen Kleinen in Versen und Symbolen erzählen werden: Fische und Sonnen und Monde, kleine Sternblumen und springende Seidenhäschen und pickende Vöglein! Und jedes Fältchen wird mit einem kleinen, liebenden Herzschlag durchstochen sein!

21. Sonntag nach Pfingsten.

O du törichtes und ruhmrediges Schwesterlein Benvenuta! Wie ist deine Hoffart gesunken! Meine Finger sind klamm in den eisigen Nächten; die Nadel fährt schief in den Stoff und kommt heraus, wo sie nicht soll; die Stiche sind oft so grob wie Binsengeflecht, und bisweilen purzeln sie übereinander; dann verknotet sich der Faden, oder die Nadel fädelt sich aus, und ich richte mich auf bei meiner Kerze und führe den gewachsten Faden gegen das Nadelöhr, und nun ist er gewisslich drin, und ich gebe einen kleinen Schubs – und siehe da, er geht daneben und will durchaus nichts mit dem Nadelöhr zu schaffen haben. Ach – und wer hat wohl die Fingerhüte erfunden, und warum?

O heilige Martha, Schutzpatronin aller emsigen Hausfrauen, warum ward ich gelehrt, Menuett zu tanzen und mich zu verbeugen und zum Spinett zu singen und zu sagen »Oui, monsieur – votre Servante, Madame« – aber warum lernt ich niemals, niemals säuberlich nähen?

St. Kreszenz.

Ich werde diese Blätter nicht in den silbernen Arm im Wandschrank tun. Mein heiliges Herrlein soll sie wohl lesen, aber erst später, wenn es sein Röcklein hat, damit es sich daran erfreuen möge … und auch am Preis, den es gekostet. Ja, du geliebtes Kindlein, ein Preis, viel höher als alle Silbergulden und Golddukaten, alle Zechinen und Dublonen, die für Seide und Atlasgewand, für Spitzenwerk und Verbrämung irgendeiner Madonna oder Heiligen in allen Christenländern je gegeben wurden … der einzige Preis, der wert ist, gezahlt zu werden, um dich zu freuen: der Preis einer Seele, die gewisslich recht einfältig und töricht ist, aber so ganz erfüllt von unvermischter Liebe und Andacht, wie eine Weintraube von Süßigkeit, wie eine Rose von Wohlgeruch.

Erster Sonntag im Advent.

Sie müssen wohl ihn gerade verloren oder verlegt haben, als das Puppenspiel zu Ende war, und er ist zurückgeblieben, vergessen, in einem Winkel. Oder aber … ich muss vergessen haben, dass es Worte gibt, die immer gehört werden, und wär’s in noch so großer Ferne, und die der Böse beantwortet, beinahe ehe sie gesprochen.

Wie dem auch sei, ich fühlte einen plötzlichen Lufthauch, und dann war ein seltsames kleines Geräusch auf den Fliesen meiner Zelle, ein Geklapper und eine Reihe kurzer, harter Stöße, wie wenn die Ehrwürdige, auf ihr Malaccarohr gestützt, durch die Kreuzgänge geht; es war etwas, dass mein Herz auffuhr und stille stand und meine Stirn feuchtkalt wurde. Und als ich mich auf meinem Betschemel umwandte, da stand er da, in dem vermischten Lichte – hell und doch so blass – meiner Kerze und des runden Monds. Er kam mir eigentlich größer vor, so groß wie ich selbst; aber sonst war er ganz der nämliche. Derselbe schwarze Schlafrock, von einer blassblauen Schärpe umwunden, und, wo er endigte, die feinen graden Pferdebeine mit glatten Ebenholzhufen. Derselbe Kapuzinerbart, die langen Ohren und kleinen, roten Hörner; und ganz der gleiche Ausdruck, starr und glotzend und gaffend, und so besorgt, ob er auch verstehen würde, wovon die Rede sei und was alles von ihm verlangt werde.

Er klappte seinen Körper beinah entzwei, als er sich verbeugte und mit der einen Hand – wie eine Gabel war sie – den Fußboden berührte; die andre hielt er auf der Brust; dann ließ er seinen beweglichen Unterkiefer mit einem unbestimmten Ruck herunterhängen, so dass ein großer, runder Mund sichtbar wurde, und eine Zunge darin, die anhub zu sprechen. Ich kann mich besinnen, dass ich auf die Zeit achtgab, die zwischen dem Herabsinken seines Unterkiefers und seinen ersten Worten verging; auch dass ich zu mir selbst sagte: »ich würde seine Augen so eingerichtet haben, dass er sie rollen könnte« – aber ich kann nicht sagen, hatte er Drähte und Fäden am Leib oder nicht.

Ich lachte; aber, wie ich es tat, war mir, als sei mein Atem eiskalt geworden und mein abgeschnittenes Haar stünde zu Berge unter meiner Haube.

Es schien mir eine Ewigkeit, ehe er begann, und als er es dann tat, mit quäkender Stimme, wie die Masken reden, und mich plötzlich beim Namen nannte, da war ich auf einmal wie erlöst, mein Herz befreit und ganz ruhig. Er fragte mich, ob ich wisse, wer er sei, und deutete auf den Zettel, der an seiner Schulter hing, wo zu lesen war: »Beelzebub Satanasso, Fürst über alle Teufel.« Er schien mir etwas schwer von Verstand zu sein, und als liebte er eine Menge unnötiger Erklärungen und Klauseln, aber ungemein höflich in seinen Reden, und bediente sich vieler, langsilbiger Worte, deren Sinn er zwischendurch erklärte.

Er wünschte die genauen Maße zu wissen, entsprechend den neuesten Vorschriften über das Zuschneiden von Kleidern, wie sie in dem Handbuch nützlichen Wissens für junge, adlige Frauenzimmer zu finden sind. Auch war es ihm sehr drum zu tun, ob der Heilige, der das Muster trägt, der zweite oder dritte zur rechten Hand sei, wenn von der Mitte aus gezählt, wiewohl ich ihm aufs Genaueste beschrieben hatte, dass es der mit den roten Haaren und grünen Stiefeln sei (worauf er aber nicht sonderlich acht zu geben schien), und dann auch, ob das Bild links vom Altare hinge, trotzdem ich ihm wiederholentlich bedeutet hatte, dass es die Weisen aus dem Morgenland darstellt. Dann tastete er erst lange herum, bis er die Stelle im Pergament gefunden hatte, wohin ich meinen Namen setzen sollte, und quälte sich damit, ob ich auch nicht zu groß beginnen und dann kein Platz sein möchte, zu Ende zu schreiben; er bat mich um Entschuldigung, dass es nötig sei, mich in den Finger zu stechen (als ob man sich niemals vorher in den Finger gestochen hätte), und als es geschehen war, sagte er »mein vielliebes junges Fräulein« und vergaß, was er sonst noch hatte sagen wollen. Dann gab er seinem Unterkiefer einen Ruck, dass er zuschnappte wie ein Schloss, bog wieder seinen Leib in zwei Teile, klappte mit den Armen, und als er, wieder mit einer Reihe kleiner Klopftöne, verschwand, fuhr abermals der kalte Lufthauch durch meine Zelle. Heute Morgen fragte mich Schwester Rosalba, als sie in meine Zelle trat, ob ich in mein Kohlenbecken Schwefelfaden habe fallen lassen.

Ich schlug kein Kreuz, ich sprach keine Formel zur Austreibung, denn, du weißt es ja, ich hatte ihn gebeten zu kommen, und es war eben ein Handel.

Christabend.

Ich habe zum ersten Male, so lang ich zurückdenken kann, über mein eignes Leben nachgesonnen und Teile davon wieder durchlebt, aber alles auf einmal, wie es der alten Laienschwester erging, als sie in den Fluss Natisone fiel und zu ertrinken meinte.

Und weil ich nun so lange Zeit – weiß nicht warum – nicht mehr an mein liebes, allerheiligstes Kleines geschrieben, so will ich ihm heut erzählen, welcher Art ich kleines Ding war, und wie ich dazu kam, es so innig, so über alles andre zu lieben.

Es war natürlich von Anfang an bestimmt, dass ich Nonne würde; denn unser Haus hat eine Freistelle in diesem vornehmen Kloster, und von uns drei Schwestern war ich die jüngste und etwas lahm. Unsre Eltern waren äußerst weise und tugendhaft und bestimmten über uns, wie sie auch bestimmt hatten, dass unser einer Bruder heiraten und unser berühmtes Geschlecht fortsetzen, der zweite aber ein Monsignore und der dritte ein Ritter von Malta werden sollte.

Wenn wir nach der großen Villa an der Brenta gebracht wurden, erhielt ich ein großes Schlafzimmer für mich allein, dessen Wände ganz behangen waren mit farbigen Stichen, welche Ordensfrauen in allerhand geistlicher Tracht darstellten; es war ein Alkoven in dem Zimmer, der wie die Grotte eines heiligen Einsiedlers hergerichtet war, voller Eulen und Totenschädel und allegorischen Figuren, die alle aufs Kunstreichste aus Pappe verfertigt waren und die Felsen aus Gips. Als ich noch klein war, entsetzte ich mich bisweilen, wenn ich im Dämmerlicht all der Dinge gewahr wurde; und dann auch zu wissen, dass hinter meinem Bett ein Guckfenster mit kleinem Vorhang war, zog man den zurück, so blickte man hinunter in die Kapelle, wo so viele meiner Ahnen bestattet sind. Ich habe manches Mal vor großer Angst geweint und geschluchzt; aber dann sagten mir die Kammerzofen, das alles würde mir die rechte Berufung geben. Und gewiss hatten sie recht, denn bis dahin war ich ein weltlich gesonnenes Kind, sehr geneigt, in den Gärten zu wandern und im Gras zu liegen und an allen Blumen zu riechen; auch liebte ich’s, den Flößen zuzuschauen, die vor der Terrasse vorbeizogen, wo die Pfauen einherstolzierten und die Täubchen girrten. Und gern besah ich mir meiner Mutter schöne Kleider und die Schminke und Schönheitspflästerchen auf ihrem Angesicht, wenn ihre Zofe uns zu zweit oder dritt am Vormittage zu ihr einließ, während ihr Haar gekräuselt und gepudert wurde, und ein kleiner Mohrenpage ihr die Schokolade brachte und ihr Cavalier servente neben ihrem Spiegel stand und aus seiner Dose Tabak schnupfte; dann kamen die Händler und Juden mit allerhand gestickten Geweben und Goldschmiedwaren, unter denen sie auswählte; aber auf ihrer Schulter saß ein kleiner Affe, vor dem hatte ich ein Grauen, denn er kreischte und bleckte die Zähne nach mir.

Als ich dann drei oder vier Jahre alt war, ward ich der Mutter Gottes geweiht; da bekam ich ein Habitchen gleich einer Nonne, schwarz und weiß, mit Haube und Rosenkranz, alles zu meiner Größe passend, und hatte eins für Alltag und eins für die Feste; aber zu Himmelfahrt und an Weihnacht erhielt ich je ein neues, um meinem vornehmen Haus Ehre anzutun.

Aber meine Schwestern mussten Kittel tragen aus alten Nachtgewändern, mit zerschlissenen Spitzen gefertigt, so früher unsrer Mutter angehört; doch wenn Besuch kam und sie hereingeführt wurden, so kleidete man sie in prächtig gestickte Schnürbrüste und Reifröcke, und hatten Perlen und kunstvolle Blumen zum Schmuck. Meinen Vater sah ich wohl einmal jede Woche und war sehr bange vor ihm, denn er war so edel und gerecht. Wenn ich zu ihm eingelassen wurde, hatte er ein Taschentuch wie einen Turban um die Stirn gewunden und eine große Hornbrille auf der Nase, und sein Kinn war schwarz. Er machte immerzu Gold mit einem Astrologen und schloss Teufel in Flaschen ein, doch daran glaube ich nicht mehr so fest. Dann, wenn er in seiner Gondel ausfuhr, hatte er einen schwarzen Domino an und eine weiße Maske vor dem Gesicht, wie jeder andere Mensch auch; und wenn Gala war in unserm Palaste zu Venedig, stand er oben an der Treppe in einem seidenen Gewand gleich einer Klatschrose und hatte eine weiße Perücke auf, und dann lächelte er.

Ich nahm mit meinen Schwestern Tanzstunde und lernte ein wenig auf dem Spinett spielen und Französisch parlieren; aber das Lesen brachte ich mir alleine bei, nicht bloßes Buchstabieren wie die andern, sondern mich trieb das Verlangen, die wunderschönen Legenden und Gebete zu verstehen, die auf der Rückseite all der Heiligenbilder standen, welche die Wandermönche und der Priester, der in unsrer Kapelle die Messe las, uns Kindern schenkten.

So blaue Hügel lagen dort, weit weg, über den Baumgipfeln bei der Brenta; aber einen Streifen vom Meer, mit gelben Segeln, die zwischen Türmen und Kuppeln hinglitten, den sah man vom Trockenplatz aus, auf unserm Dache in Venedig, wo das Leinen aufgehängt wird. Und ich war wohl ein sehr glückliches, kleines Mädchen und dankte der Vorsehung für meine weisen und trefflichen Eltern.

Aber was mich am glücklichsten machte, war das Bild über dem Hochaltar in unsrer Kapelle; und jedes Mal, wenn mein Kammermensch mit den Gondolieren schwatzen wollte – was ihr von der Beschließerin verboten war – brachte sie mich erst in die Kapelle und half mir auf den Altar klettern, wo sie mich stundenlang alleine ließ, wohl wissend, dass ich ganz stille sein und nicht nach meinem Mittagessen verlangen würde.

Das Bild war das schönste Bild auf Erden. Es war durch Säulen, die von Fruchtkränzen umwunden waren, abgeteilt; und in der Mitte, auf einem Goldgrund, der sich in Strahlen teilte, die in Rost- und Orangefarbe schillerten, stand der Thron Unserer Lieben Frau, und Sie selber saß darauf, eine wunderschöne Dame, ob auch nicht so schön gekleidet wie meine Mutter und ungeschminkt; auch zeigte sie beim Lächeln ihre Zähne nicht. Auf den Stufen ihres Throns waren kleine Engelkinder, mit Blumen gekrönt; einige spielten auf Lauten und Flöten, andre brachten Früchte und Blumen herbei und sogar einen kleinen Blutfink mit rotem Federbrüstchen, grad wie die, welche meine Brüder immer auf Leimruten fingen.

Aber auf den Knien der Allerheiligsten Jungfrau, was lag da? – schlafend – o so fest eingeschlafen … du, du, mein herzliebstes, allerherrlichstes Kindlein, ganz klein und nackt, mit runden Gliederchen und einem roten Mündchen, das ganz müde war vom Saugen. Die Jungfrau neigte sich betend über dich, die Engelchen all, sie brachten Äpfel und sangen dir Wiegenlieder, ja gar das Vögelchen hielt eine Beere im Schnäblein, bereit, sie dir zu bringen, wenn du die Augen aufschlügst. All das ganze, große Paradies wartete, dass du erwachen solltest und lächeln; und ich kauerte da und wartete auch, dort oben auf dem Altar, bis es zu dunkel wurde und ich nichts mehr sehen konnte als das schimmernde Gold.

Ich wusste ja nicht, worauf ich wartete, und auch später im Kloster, als Novize, wusst ich’s nicht; nein, auch dann wohl nicht, als ich den Schleier genommen. Ich wusste nicht, worauf ich wartete, viele, viele Jahre nicht; aber das Warten machte mich ebenso froh wie die Engel und das kleine Vögelchen. Ich wusste nicht, was es war, das ich erwartete, bis zu dieser letzten, furchtbaren Woche. Aber nun weiß ich es, und nun bin ich ja wieder so glücklich zu warten. Ich warte darauf, dass du aufwachen wirst, mein liebes, heiliges Kleines, dass du deine Arme ausstrecken mögest und auf meinen Knien stehen und deinen kleinen Mund an meine Wange legen und meine arme Seele erfüllen mit unsäglicher Herrlichkeit.


Nachschrift von Schwester Atalanta Badoer, vom Kloster der hl. Muttergottes vom Rosenbusch zu Cividale in Friaul:

15. Mai, 1785.

Das Tagebuch meiner Base und geliebten Schwester in Christo Jesu, Schwester Benvenuta Loredan, wurde durch mich vor der Zerstörung bewahrt. Ich hatte bemerkt, wie sie beschriebene Blätter in einem silbernen Reliquienbehälter – in Form eines hohlen Armes – verbarg, und hatte sie daraus entfernt und in meiner Zelle verwahrt, auf dass sie nicht in die Hände der Schwester Messnerin fielen. Meinem Gelübde des Gehorsams nachkommend, zeigte ich jedoch einige dieser Blätter unsrer ehrwürdigen Frau Äbtissin, welche sie mir, nach flüchtiger Durchsicht, zurückgab, mit dem Befehl, sie zu zerstören, da sie nur bewiesen – was sie freilich längst geahnt – dass Schwester Benvenuta von schwachem Verstande gewesen und weder unserm vornehmen Kloster noch dem edeln Hause der Loredan zum Ruhme gereiche, ob auch nicht zu leugnen wäre, dass dieselbe im Geruch der Heiligkeit verstorben sei.

Aber da es mir nicht möglich war, die Ansicht unsrer ehrwürdigen Mutter zu teilen, ob ich auch bloß Novize war und erst in meinem fünfzehnten Jahre stand, so entschloss ich mich, besagte Blätter treulich zu verwahren, durch die Zuversicht gestärkt, dass solche eines Tages zum Ruhme Gottes und jener Gebenedeiten, meiner Base, gereichen würden.

Und da diese Zuversicht nunmehr Gewissheit worden und die Heiligkeit und Wundertaten der Schwester Benvenuta mit Andacht und Staunen erfüllen, sogar in diesem, unserm gottlosen Zeitalter, so habe ich die Blätter, so sie beschrieben, sorgsam zusammengelegt und möchte, ehe denn ich ihr auf schönere Fluren nachfolge, ein paar Worte über die Geschehnisse hinzusetzen, deren ich vor nun fünfundvierzig Jahren, am Todestag der Schwester Benvenuta, als am Christabend des Jahres unsres Herrn Siebenzehnhundert und vierzig, Zeugin gewesen, zur Zeit, da die edle Giustina Morosini Valmarana Äbtissin unsres Konventes war.

Zu jener Zeit war ich fünfzehn Jahre alt und stand im ersten Jahre meines Noviziats. Meine Base war um fünf Jahre älter und hatte vor vier Jahren den Schleier genommen. Trotz ihrer vornehmen Abkunft und mannigfachen Tugenden wurde sie im Kloster nur gering geachtet und für eine einfältige und kindische Person angesehen. Aber unter den Novizen herrschte eine andre Ansicht, was der großen und liebreichen Sanftmut zuzuschreiben war, die sie uns erwies, wenn uns Heimweh oder jugendliche Wehmut überkam, wohl auch ihren wechselreichen, launigen Einfällen, in denen sie freilich oft etwas Kindliches hatte. Sie liebte die Musik und wusste viel Geschichten zu erzählen, wie sie von Ammen und Wartefrauen den Kindern erzählt werden, auch war sie den Blumen und allerhand kleinem Getier sehr zugetan, so dass sie sogar Mäuse und Eidechsen zähmte. Aber besonders gut waren wir ihr für die große Ehrfurcht, die sie dem heiligen Christkind erwies, ob sie auch wenig davon sprach, da sie selbst überzeugt war, ein sehr einfältiges Menschenkind zu sein und keine Ahnung ihrer eignen Gnade und Heiligkeit hatte. Es begab sich aber, dass meine geistliche Berufung sich nur langsam erwies, und damals, in meinem fünfzehnten Lebensjahre, war ich oft verzagt bei dem Gedanken, die Welt zu verlassen, und fühlte mich abgeschieden in meinem aufrührerischen und unerweckten Sinne. Zu solcher Zeit war es dann, dass meine Base, die selige Benvenuta, mich mit größter Liebe anzusprechen und zu trösten pflegte, und ihre Trostworte waren auch die einzigen, die mein verstocktes Herz ertragen konnte. Und eine Vertraulichkeit entstand zwischen uns, wenigstens von meiner Seite; denn meine Base redete nie über sich selbst und gehörte wohl zu denen, die mehr Liebe geben als nehmen.

So stand es um uns; da begab es sich, dass am Christabend des Jahres unsres Herrn 1740, als wir alle im Kapitelsaal versammelt waren, um zur Mitternachtsmette zu gehen, die ehrwürdige Mutter gewahr wurde, dass Schwester Benvenuta Loredan fehlte, und mich, als deren Base und jüngste der Novizen, nach ihrer Zelle absandte, im Fall eine plötzliche Schwäche sie angewandelt hätte. Denn es war schon ein Gespräch darüber gewesen, dass die Schwester während der letzten Wochen schmal und blass geworden, und dass ihre Augen einen seltsamen Ausdruck angenommen hatten, was den Glauben erwecken konnte, dass sie sich irgendeiner besonderen Kasteiung unterworfen habe, welches sie aber, auf Befragen der ehrwürdigen Mutter, stets geleugnet.

Während also unser ganzer Konvent unter Anführung der Äbtissin in Pontificalibus (denn sie genoss bischöfliche Ehren und war eine Fürstin vom römischen Reich) in feierlicher Prozession zur erleuchteten Kapelle aufbrach, lief ich hinauf nach der Zelle meiner Schwester Benvenuta Loredan.

Die Zelle lag am Ende eines langen Ganges, und als ich näherkam, bemerkte ich ein sehr glänzendes Licht, das unter der Türfuge hervorströmte. Gleichzeitig dünkte es mich, als ob ich Stimmen und Töne hörte, welche mich mit Bewunderung erfüllten. Ich hielt inne und klopfte an, Schwester Benvenuta bei Namen rufend, doch erhielt ich keine Antwort.

Inzwischen waren die Töne ganz klar und unverkennbar geworden, und wahrlich, es waren solche Laute, wie sie Mütter oder Wärterinnen von sich geben, wenn sie kleine Kinder wiegen und herzen, von liebreichen Ausrufen und Liebkosungen unterbrochen. Ich musste daran denken, dass die Ehrwürdige oft gesagt, Schwester Benvenuta sei unweise und nicht recht bei Verstande; aber eigentlich erregten die Töne weder meine Lachlust noch meinen Ärger, erfüllten mich vielmehr mit inniger Ehrfurcht, so wie ich sie nie bevor empfunden hatte und wie ich sie nicht beschreiben kann; aber ich widerstand nur schwer der Regung, vor der Tür, die aus allen Fugen und Ritzen Licht ausströmte, als vor einem heiligen Mysterium niederzuknien. Dann, meiner Pflicht eingedenk, klopfte ich noch einmal, drückte leise auf die Klinke und öffnete. Aber im selben Augenblick sank ich auf die Knie, dort auf der Schwelle, unfähig mich zu rühren oder einen Laut hervorzubringen, in der wunderbaren Herrlichkeit, die sich meinen armen irdischen Augen geoffenbart.

Die Zelle flutete von Licht wie von vielen hundert Kerzen, und in der Mitte, im Quell des Strahlenglanzes, saß Schwester Benvenuta, und auf ihren Knien, grad aufgerichtet, stand niemand anders als das heilige Christkind, ein nacktes Füßchen auf jedes ihrer Knie gestellt und das ganze, nackte Körperchen emporgereckt, um ihr Antlitz zu erreichen und seine Ärmchen um ihren Hals zu schlingen, und sein Mündchen zu ihrem Munde erhoben. Und die selige Benvenuta hielt ihn sehr behutsam umfangen, als fürchte sie seine Gliederchen zu drücken, und dann küssten sie sich und brachten Laute hervor, die waren nicht wie Menschenlaute, sondern wie von Tauben und voll himmlischer Bedeutung.

Aber als ich dieses Anblicks gewahr wurde und diese Laute hörte, lösten sich meine Knie; ich sank wortlos auf die Erde nieder, meine Augen waren von Herrlichkeit geblendet, und meine Lippen stammelten vergebens ein Gebet. Und die Zeit schien stille zu stehen.

Dann plötzlich fühlte ich, dass ich berührt wurde, und begriff, dass die Äbtissin noch eine andre Schwester abgesandt hatte, um sich nach Schwester Benvenuta und auch nach mir umzutun.

Das strahlende Licht war verblasst, und die Zelle wurde nur durch eine einzige Kerze auf dem Betschemel erleuchtet; aber mir kam es vor (und auch der andern Schwester, als ich sie befragte), als ob noch ein zarter Schimmer in der Luft zurückgeblieben sei, wie auch seltsame Töne, wie von fernen Lauten und viol d’amour und ein wunderbarer Duft, als von Damaskusrosen und weißen Lilien, wenn die Sonne darauf scheint.

Schwester Benvenuta saß noch, wo ich sie gesehen hatte, und in ihren Armen hielt sie das wächserne Bildnis des kleinen Heilands aus unsrer Sakristei; und ein wunderschönes Kleidchen, aus Gold und Silberfäden gewoben, war ihr zu Füßen geglitten und lag da. Aber Schwester Benvenutas Augen und Lippen standen offen, wie in Entzückung; und sie war tot und schon kalt.

Was aber niemand erklären konnte, war, dass dicht beim Fenster ihrer Zelle, auf der Erde, eine Puppe gefunden wurde, die zu einem Marionettentheater gehörte, das wenige Monate vorher in unserm Kloster eine Aufführung gegeben hatte; eine bärtige und gehörnte Figur mit Pferdefüßen, die einen Zettel umhatte, auf dem der Name stand: »Beelzebub Satanasso«. Seine Drähte waren herausgezerrt und verwirrt, sein beweglicher Unterkiefer zertrümmert und seine Kleider ringsum angesengt.

Hier endigt die Nachschrift von Schwester Atalanta Badoer, zu jener Zeit Novize im Kloster der Heiligen Muttergottes vom Rosenbusch und Base der seligen Benvenuta Loredan.


Übersetzung
Aus dem Englischen von Irene Forbes-Mosse.

Textnachweis
Aus: Deutsche Rundschau, Bd. CXXV, Oktober – November – Dezember 1905 , S. 448–466. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marie Ellenrieder, Maria mit Kind und muszierenden Engeln, vor 1864.

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