Herr und Dame

Ein Briefwechsel. Von Alice Berend (1875–1938)

Liebe gnädige Frau,

Sie bitten mich zu einem Abendvergnügen in Ihr Heim. Sie versprechen, mir jenen Fensterplatz zu zeigen, der aus warmer, verwöhnter, vielleicht luxuriös zu nennender Wohnlichkeit über den verschneiten Garten hinaus in die Endlosigkeit blicken lässt. Sie stellen mir als Nachbarn bei Tisch einen Dichter in Aussicht und einen Filmstar, einen weiblichen, und sich selbst als Gegenüber. Sogar Ihren Herrn Gemahl soll ich vorgeführt bekommen. Alles dies nicht etwa aus Belohnung, weil ich das lilagebundene Paketchen aufhob, das Ihnen unbemerkt entglitten war, im weihnachtlichen Kaufgedränge, sondern weil ich, ohne eigentlich Erlaubnis dazu erhalten zu haben, Ihnen vom Leipzigerplatz bis zum Spittelmarkt, zwischen Schneegewirbel, autostrotzenden Straßenübergängen und rücksichtslos drängenden Mitmenschen, achtlos von Dingen sprach, die nichts mit alledem zu tun hatten und, wie Sie sagen, sogar in Ausdrücken, die eigene Meinung so zu markieren verstanden, dass sie zumindest aus sehr gescheiter, keineswegs durchschnittlicher Lektüre angelesen sein konnten.

Seien Sie mir nicht böse, wenn ich trotzdem nicht komme. Obwohl ich kein Feind des Vergnügens bin. Dazu weiß ich zu viel vom Leben. Wäre das Leben nicht so ernst, brauchten die Menschen nicht so vergnügt zu sein. Lachen Sie nicht, bedenken Sie lieber, dass es eigentlich niemandem Spaß macht, vergnügt zu sein. Aber es muss sein. Bitte, versuchen Sie dies Muss nicht zu bestreiten. Jede Einwendung würde widerlegbar sein. Ich bürge dafür. Man braucht den Lärm der andern, um sich selbst nicht hören zu müssen.

Ich weiß, was Sie sagen wollen, gewiss, es gibt auch Stillvergnügte, die schweigendes Geplauder kennen, gegenüber einer Weinflasche, einem Buch, einer Blume, einem Fernblick, vielleicht auch mit einem vertrauten Menschen, am Ende sogar mit eigenen Gedanken. Aber dies ist keine Sache der vielen.

Ganz falsch, dass Sie schon das Wort Hochmut auf den Lippen haben. Meine Behauptung birgt keine Beleidigung der Allgemeinheit. Im Gegenteil. Zu diesem Verfahren des Alleinseins gehört reichliches Selbstgefühl, vielleicht sogar Selbstgefälligkeit.

Den meisten aber, bescheiden veranlagt oder von jeher zur Aufrichtigkeit erzogen, graut es vor sich selbst. (Auch ein aufrichtiger Menschenfreund wird dies in vielen Fällen begreiflich finden müssen!) Jeder Schritt, der außerhalb des aufgedrungenen, notwendigen Berufskreises unternommen wird, gilt der Flucht vor sich selbst. Alle die Sprünge in jede neue Mode der Kleidung, Frisur, der Kunst, des Tanzes sind nichts als Versuche, den eigenen Menschen möglichst unkenntlich zu machen. Das beliebte Erzählen von Anekdoten, das Bespötteln der anderen, abwesend oder nur mit dem Rücken uns zugewendet: alles nur Angstsymptome. Bemühungen irreführender Ablenkung von der eigenen Person. Unnötige Mühe. Sie wissen alle besser Bescheid um uns als wir selbst. Die wir unsere Bekanntschaft mit uns nur durch ein Spiegelbild machen können. Wir glauben im Grund einander so wenig wie uns selbst. Aber wir freuen uns doch, wenn schon in der Garderobe jeder, während er sich selbst im Spiegel betrachtet und noch etwas zurecht zu zupfen versucht, dem anderen versichert, dass er blühend und gesund aussähe. Hier liegt der Anfang des Vergnügens. Vielleicht auch schon sein Ende. Zumal für jemanden, dem das Spotten schwer zu fallen beginnt, seit er den fatalen Gedanken nicht mehr los wird, dass hinter allen Gesichtern, ob noch glatt oder schon mit Runen beschrieben, ein Schicksal lauert, das getragen werden will. Meist, ohne dass man den Zweck dieses unentrinnbaren Befehls weiß oder zu erraten vermag.

Sie werden mir nicht böse sein. Sie werden mir dies beweisen, indem Sie mir Ihre Abendgesellschaft beschreiben, so wie sie war, oder besser gesagt, wie sie Ihnen schien, denn nichts ist wirklich. Jeder Ihrer Gäste wird den Abend anders gesehen haben. Und dann: Mein Vergnügen ist Neugier oder, wenn Sie nachsichtig sein wollen, Wissbegier. Verraten Sie mir darum, was das lila Paketchen enthielt, das so unklug gewesen, Ihrer Nähe entfliehen zu wollen.

Der Ihre
………

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ich denke nicht daran, Ihnen zu antworten, noch gar den Gesellschaftsabend zu beschreiben, dem Sie leichtsinnigerweise fernzubleiben beliebten. Nicht weil ich Ihnen dieses Versäumnis übelgenommen. Bei fünfzehn Personen kommt es auf eine Absage nicht an, nur bei vierzehn könnte dies peinlich sein, da es noch immer Abergläubige gibt, denen es vor einer Tafelrunde zu dreizehn gruselt. Die Hauptsache des Abends von meinem Standpunkt aus: Ich selbst habe mich vorzüglich amüsiert. Ich habe den ganzen Abend getanzt. Mit dem Dichter. Er spricht durchaus nicht nur Verse. Meinem Mann schien sogar manches recht ungereimt vorzukommen, was der Poet mir zuflüsterte. Er nannte ihn sogar verkommen. Ich erwiderte: »Lieber verkommen als stramm.« Sie müssen wissen, mein Mann hat noch immer einen Hang für die Uniform; er stammt aus diesen Revieren. Daher waren unter unseren Gästen auch zwei Landesgerichtsräte mit zugehörigen Gattinnen. Der eine beklagte sich über Überbürdung in Ehescheidungen. Er brummte, was Gott zusammengefügt, soll der Mensch nicht trennen. Er sei prinzipiell gegen jede Scheidung. Ich fragte ihn, was er in diesem Fall unter Gott verstände. Er bekam einen Hustenanfall. Seine Gattin klopfte ihm den Rücken. »Nur tüchtig!«, munterte ich sie auf. Mein Mann beruhigte den Mächtigen, indem er versicherte, dass diese Scheidungsmanie genau so schnell abflauen werde wie die Blinddarmoperationen, die auch eine Zeit lang hypermodern gewesen.

Der Filmstar, dessen Kleid eigentlich nur aus einem nicht sehr breiten Gürtel bestand, beeilte sich, dem Landesgerichtsrat, kaum, dass er wieder zu Atem gekommen, zu erklären, dass er mit seiner Ansicht angenehmerweise zu den Ausnahmen gehöre. Beweis dafür, sie selber. Sie wäre schon dreimal aufs Schmerzloseste getrennt worden. Den Blick träumerisch den verhangenen Fenstern zugewandt, fragte sie, wie oft hintereinander der Mensch eigentlich geschieden werden könne …

Man kann heutzutage nicht mehr nur zusammenbitten, was zusammenpasst. Das Leben ist zu bunt geworden. Wir mussten auch den neuen Besitzer der Nachbarvilla einladen, aus mancherlei Gründen. Er ist nicht gerade erst seit gestern reich, aber auch nicht viel länger als seit vorgestern. Er leugnet dies nicht, es würde ihm auch schwerfallen, er berichtet sogar mit Vorliebe aus seinen »Werdejahren«. So erzählte er gestern sein Abenteuer, als er zum ersten Mal mit einer Ladung Vieh nach Berlin gekommen sei. Er hatte schon damals »saumäßig« verdient gehabt, war in einem der feinsten Hotels Unter den Linden abgestiegen. Zum Abendbrot wünschte er etwas Apartes zu essen. Er hatte sich darum italienischen Salat bestellt. Er hatte im Coupé gehört, er fuhr nur erster Klasse, die Italiener seien die Erfinder aller Konditorwaren. Er schwärmte für Süßigkeiten. Aber er hatte etwas schauderhaft Saures vorgesetzt bekommen, obendrein noch verziert mit schwarzen Fischeierchen. Er hatte den Dreck sofort wieder auf den Teller gespuckt.

Die alte Exzellenz, deren Haus der Erzähler nun besitzt und die darin nur noch ein Zimmer, auf Lebenszeit, bewohnen darf, musste das Taschentuch vor den Mund pressen, wie wenn sie sich an Bord eines Schiffes bei hohem Seegang befände. Man beeilte sich, ihr ein Gläschen Kognak einzuschenken.

Jemand machte die Bemerkung, dass alle Leute aus der guten, alten Vorkriegszeit nicht recht sattelfest mehr wären.

Es war dies unsere Gönnerin, die dies mit vollem Mund feststellte. Sie ist Privatiere. Dass sie mit Gemüse handelte und schon um fünf Uhr morgens in die Halle fuhr, liegt mindestens sechs Jahre zurück. Unsere Bekanntschaft jedoch rührt schon von damals her. Wir essen sehr gern Gemüse, ich empfahl sie allen Verwandten, Bekannten. Dafür hat sie uns nun eine Hypothek auf unser Haus gegeben. Sie fühlt ihre Übermacht. Sie sagte zu dem Filmstar mit dem Blick der Naturforscherin: »Sie werden sich erkälten, Kindchen, was zu viel ist, ist zu viel.« Der alten Exzellenz redete sie freundlich zum tüchtigen Zugreifen zu, so etwas bekäme er jetzt nicht mehr alle Tage. Nach Tisch, als wir tanzten, holte sie ihren Strickbeutel hervor und strickte Strümpfe für arme Kinder. Soll ich Ihnen beichten, dass mir diese Frau besser gefiel als wir alle? Dass ich mich beinah ein wenig schämte, wenn ich unter Dichtergeflüster nach jeder Tanzrunde feststellen konnte, dass auch das nützliche Wollgewebe um manche Runde gewachsen? Vielleicht ist es doch wichtiger, das Herz auf dem rechten Fleck zu haben, als genau zu wissen, welche Speisen nicht mit dem Messer gegessen werden dürfen? Oder halten Sie mich nun für krankhaft moralisch? Das wäre ein Irrtum. Beweis mag Ihnen dafür sein, dass ich Ihnen verraten will, dass das lila Paketchen, das Sie mir aufhoben im Straßengewühl, das Zigarettenetui enthielt, um das mein Brief hier gewickelt ist. Ich sah es bei einem Antiquitätenhändler liegen in seiner hilflosen Altmodischkeit der Biedermeierzeit. Die Perlenrosen, so liebevoll gestickt, vielleicht von einem Schatz für einen Schatz bestimmt und noch so neu erhalten, wie wenn sie morgen erst verschenkt werden sollten, ich musst es kaufen. Für irgendwen, vielleicht für niemand, vielleicht um es niemals auszupacken. Mögen Sie selbst urteilen, ob es des Aufhebens wert gewesen. Mag es Ihnen ein kleines Andenken sein an eine jemandin, die in wenigen Tagen in Rapallo Mimosen pflücken wird, während der Ehemann eine Geschäftsreise unternimmt ins Dollarland. Die Welt ist ja so wundervoll groß.

                   Haben Sie es gut.

                                                                  Ihre
………

Liebe, gnädige Frau,

was das Essen mit dem Messer und dem Herzen auf dem rechten Fleck betrifft, so ziehe ich die Fälle vor, wo beides vereint ist. Auch das soll noch vorkommen. Für das Zigarettenetui meinen Dank. Ich werde mir erlauben, Ihnen auf dem Uferweg, längs des ligurischen Meeres, zwischen Rapallo und Santa Margherita, eine Zigarette daraus anzubieten. Der einfachste Anstand erfordert dies.

                               Ganz der Ihre
………


Textnachweis
Aus: Neue Freie Presse, 6. Dezember 1925, S. 29. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Ljubow Sergejewna Popowa, Komposition (Schwarz-Rot-Gold), 1920

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