Die Kartenlegerin

Skizze von Else Krafft (1877–1947)

»Frau Meta Bümke« stand auf der weißen Karte vor der Korridortür. Weiter nichts. Aber man fand den Weg doch zu ihr und ihrer Weisheit. Wer kannte in Berlin Meta Bümke nicht? Seit 30 Jahren wohnte sie in derselben Straße, in demselben Haus und legte Karten.

In der Stube wohnte Fräulein Schwalbe. Sie zwitscherte auch so, wenn sie abends aus dem Geschäft kam. Und seit das Fräulein Schwalbe den neuen Kavalier hatte, zahlte sie auch besser und hatte sehr schätzenswerte gute Bissen für ihre Wirtin über.

Am heutigen Sonnabend war sie ganz besonders früh von der Arbeit heimgekehrt. Plauderte, lachte, putzte sich und kräuselte die Haare am offenen Herdfeuer in der Küche.

»Er muss mir neue Schuhe schenken …, Jymmis … und Seife und grüne Florstrümpfe zu meiner neuen Kluft … Ja … und wenn ich erst raus hab’, wo er wohnt und seine feine Stellung hat, dann … herrje … Sie könnten mir ja rasch mal Ihre geliebten Karten schlagen, Frau Sibylle, ob er mich liebt oder ob er gar ein Graf ist oder ein Minister … vor achte kann er nicht hier sein, … haben noch über ’ne Stunde Zeit zum Orakeln.«

Aber die Alte schüttelte den Kopf. Blickte mürrisch in das kecke, junge Gesicht und streichelte Putzepatze, der auf ihrer Schulter herumturnte.

»Nö … wo Sie allemal lachen, selbst bei Unglück übern Weg und die Sterbekarte …, nö, Fräulein, meine Karten sind für ernsthafte Leute …«

»Als wie mein Graf … was? Au ja … dem müssen Sie legen, der glaubt dran … sicher …«

Und lachend wirbelte sie aus der Küche, weil es an der Korridortür geklopft hatte und man noch halb angezogen war.

Frau Bümke schlurfte in den schmalen Gang, öffnete und ließ eine junge Frau mit einem Kinde an der Hand eintreten.

»Guten Abend«, sagte die sehr scheu, hastig und leise. »Ich möchte, wollte … Sie … Sie legen doch Karten … nicht?«

Der graue Kopf nickte, der Kater verschwand mit einem Sprung hinter dem Kohlenkasten und starrte von dort in das blasse, fröstelnde Kindergesicht.

»Nicht weinen … Trudchen … er tut dir nichts«, ermahnte die junge Frau, und doch war es beinahe so, als fürchtete sie sich selber …

Aber da lagen die Karten schon auf dem Tisch.

»Dreimal abheben … drüben sechs … hier fünfe … und nun rundum noch sieben«, gebot Frau Bümke, indem ihr tiefliegender Blick das verhärmte Gesicht unter dem Blondhaar streifte. Sie hob die ersten Karten um, wechselte sie aus und schüttelte den Kopf.

»Viel Tränen übern Weg, viel Steine auf der Straße und ein großer Schreck für den hellen Tag. Aber die Nacht, … aus der Nacht kommt ein Stern, eine junge Frau, kommt ein Glück.«

Sie stockte vor dem schluchzenden Laut über sich.

»Wenn das wäre … ach, wenn das noch einmal sein könnte, … mein Mann, sehen Sie, mein Mann war doch nie schlecht, nein … und … und er muss doch an die Kinder denken, nicht wahr, und ich hab’ noch nie, nein, noch nie mir aus den Karten legen lassen: Aber da doch morgen unser zehnter Hochzeitstag ist, hielt ich es nicht mehr aus vor Angst, und … und …«

Sie schwieg erschrocken und griff nach der Kinderhand neben sich … »aber was erzähle ich da … sagen Sie doch noch mehr aus den Karten … ob … ob er mir treu ist, … ob er wieder, … wieder anders wird … können Sie mir das nicht sagen?«

Die Alte nickte, schlug die Karten um und lächelte beruhigend.

»I gewiss doch … da liegt er ja, der Herzkönig, direktemang neben Ihnen … Die schwarze Dame hat keine Gefahr mehr, nö … den großen Schreck deckt die Glücksneune … sehn Se … und über die Tränen kommt das rote Ass, die brennende Liebe. Und nu noch mal mischen … viere links … dreie rüber und zweie über Kreuz …«

Aber die junge Frau war schon befriedigt. Ihre Finger zuckten beim Mischen, waren nervös, hart, zeigten tiefe Arbeitsrunen …

»Es … es genügt wohl schon … danke, ich habe … habe auch nicht so viel Geld, wenn Sie noch mehr sagen. Auch sind die beiden Großen noch im Dunkeln auf der Straße, man hat nie Zeit! Wäre zwanzig Mark nicht zu wenig … es ist nicht viel heute, ich weiß …«

Sie stotterte furchtbar, war rosenrot und hielt das vergriffene Geldtäschchen verlegen und offen in den Händen. Aus den wenigen Scheinen war ein Bild herausgeglitten, nach dem die Kartenlegerin behütend griff.

Beinahe wäre es wieder hingefallen, so ungeschickt war heute die alte Frau Meta Bümke.

Die junge Frau griff hastig zu.

»Mein Mann«, sagte sie erklärend, ein kleines schmerzhaftes Zucken in der Stimme.

Die braunen, gefurchten Hände der Kartenlegerin nahmen den Zwanzigmarkschein, knifften ihn ein paarmal unschlüssig zusammen und steckten ihn dann in die blaue Küchenschürze. Dann humpelte sie zum Spind, kramte ein Weilchen und brachte einen verschrumpften Apfel zum Vorschein, der aber noch rot und rund wie ein Ball war. Sie drückte ihn in das dürre Kinderhändchen, der Kater sprang auf ihre Schulter und buckelte, und die junge Frau sagte sehr eilig und aufgeregt »Guten Abend«, nachdem die Kleine ihr Dankknickslein gemacht.

Frau Meta Bümke aber ließ ihre Karten ausgebreitet auf dem Tisch liegen, setzte sich auf den Stuhl davor und drückte das Kinn in Putzepatzes Fell.

Da hielt der kleine Kamerad still. Denn nun dachte Frauchen nach, und das kam nicht oft vor. Nur bei ganz besonders wichtigen Angelegenheiten.

Eine Stunde später, als Fräulein Schwalbe mit ihrem Besuch schon sehr üppig zu Abend in der warmen Stube gegessen hatte, hob sich der graue Kopf von den Karten in der Küche. Denn man kam sehr lustig und verliebt hereingewirbelt und schob den ›Grafen‹ vor die Alte.

»Er glaubt … Frau Bümke … er glaubt alle …, also legen Sie mal los! Und morgen wollen wir nach Potsdam fahren, seh’n Sie mal zu, ob gut Wetter wird und wo’s den besten Hasenbraten gibt …«

Die Alte mischte ihre Karten und blickte dabei mit zusammengekniffenen Äuglein in das hübsche Männergesicht. Ihm schien es nicht recht behaglich zu sein, obwohl er lachte und die Karten nach Wunsch zusammenlegte.

»Mach … mach doch keinen Unsinn, Lotte, sei doch endlich mal ernst! … Vorm Kriege hab’ ich mir auch mal Karten legen lassen … da ist alles eingetroffen …«

Aber das Mädel lachte doch. Lachte so lange, bis dieses Lachen mitten durchbrach und der Kater furchtsam den Schwanz einzog. Denn so … nein, so hatte Frauchen lange nicht bei den sonst so harmlosen Karten gesessen. Ganz eingefallen war der Mund und flüsterte nur heiser und unheimlich.

… Eine junge Frau sei da auf dem Weg und drei blasse Kinder, die sich nicht satt essen durften. Blond wäre die Frau, und ihr zehnter Hochzeitstag jährte sich morgen. Und von Ausflug und Feiern stände nichts in den Karten, nur von Not ums Brot und Tränen über den dunklen Weg eines gewissen Mannes. Und das große Glück wäre weit auf diesem dunklen Wege, und die Schwalbe, die darüber fliegt, sei ein leichtsinniger Vogel, dessen Tralala wie Spreu verfliegt, gerade gut für Luftikusse und Windhunde …

Nein … das Mädel lachte nicht mehr. Und der Mann starrte … starrte auf die Karten, auf den zahnlosen Mund und den Herzkönig, dem das Glück so ferne lag, und fühlte die Röte der Scham auf Stirn und auf Wangen.

Die Alte aber sprach weiter, grausam lange und ausführlich, eine Karte nach der andern deckte sie auf, hart und unerbittlich … Eine Hexe war sie … und die Luft in der engen, fremden, heißen Küche war zum Ersticken. Das junge Gesicht aber, das einem noch vor kurzem so begehrlich schien, wurde jäh zur Fratze …

War wirklich morgen sein zehnter Hochzeitstag? Er musste erst nachdenken …

Ein blonder Kopf tauchte auf, Myrtengrün und Weiß … Blütenweiß …

Wie taumelnd schritt er vorwärts, es hielt ihn niemand zurück. Mantel und Hut lagen noch über dem Sessel neben dem Tisch, auf dem die halb geleerte Kognakflasche stand, die Überreste der Herrlichkeiten, die er selber eingekauft, während die Kinder zu Haus …

Er stürzte aus der Tür, die Treppe hinunter, und es war nur gut, dass gerade jemand von außen aufschloss, so dass er gleich auf die Straße konnte.

Die Karten … die Karten jagten hinter ihm her … heim, zurück zu Frau und Kindern, niemals mehr konnte er diesen Abend vergessen …

Frau Bümke aber legte ihr buntes Spiel befriedigt zusammen, schob die jammernde Schwalbe aus der Küche und streichelte zärtlich den schnurrenden Kater.

»Komm, Putzepatze, wir wollen schlafen gehn. Er hat zwar nichts bezahlt, aber … ich denke … wir sind doch dabei auf unsere Kosten gekommen …«

»Mi … au …«, nickte Putzepatze.


Textnachweis
Aus: Freie Stimmen, 11. November 1923, Sonntagsbeilage, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Rozanova, Vier Asse, 1915

Ich träume so leise von dir

von Else Lasker-Schüler (1869–1945)

Immer kommen am Morgen schmerzliche Farben,
Die sind wie deine Seele.

O, ich muss an dich denken
Und überall blühen so traurige Augen.

Nächte wachsen aus meinem Kopf,
Ich weiß nicht, wo ich hin soll.

Und ich habe dir doch von großen Sternen erzählt,
Aber du hast zur Erde gesehn.

Ich träume so leise von dir,
Weiß hängt die Seide schon über meinen Augen.

Warum hast du nicht um mich
Die Erde gelassen – sage?


Textnachweis
Aus: Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste, Jg. 1910, Nr. 9, S. 69. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Aus dem Dunkel

von Victoria Benedictsson (1850–1888)

Dämmerung herrschte im Zimmer. Aus den Hauptstraßen der Stadt schallte des Lebens Lärmen herauf und legte sich gleichsam wie ein Akkompagnement unter das todestiefe Schweigen da drinnen. Ein Kohlenfeuer leuchtete durch das Gitter des hohen eisernen Ofens hervor, ohne jedoch irgendwie Licht zu verbreiten. Es warf nur einen starken Schein über den unteren Teil eines blonden Männergesichtes, das nun im Vergleiche zur Dunkelheit ringsumher wie von innen heraus erleuchtet erschien, gerade als ob es aus glühendem, durchscheinendem Metall geformt wäre.

Der Mann saß nach vorne gebeugt, die Hände zwischen den Knien gefaltet, auf seinem Stuhl und starrte ins Feuer. Die Umrisslinien seiner Gestalt verschwanden fast im Dunkel.

In der von dichten Vorhängen geschützten Ecke an der Seite des Ofens war das Dunkel tiefer als anderswo: nichts schimmerte daraus hervor. Alles war in dem klaffenden Rachen des Schlagschattens verschwunden. Aber aus diesem tauchte etwas auf, das, als eine Spur von Licht darüber hinfiel, wie eine Chaiselongue aussah, und eines sehr sensitiven Menschen Nerven würden aus dem hohläugigen Dunkel über dem Kopfende einen scharfen Blick herausgefühlt haben und zugleich ein lauschendes, unnatürlich angestrengtes Hören.

»Es ist eine kranke Stelle in meinem Hirn«, sagte eine Stimme aus dem Dunkel, langsam, mit gramvoller Eintönigkeit und einem tiefen Altklang. »Sie bildete sich schon, als ich noch ein Kind war, und sie ist stetig gewachsen. Alles, was mich je bedrückte und quälte, hat seine Spitze gegen diese Stelle gerichtet; nun ist die Knochenhülle weich geworden und der Widerstand gebrochen.«

Der Mann rührte sich nicht, aber seine tiefliegenden klugen Augen blickten voll Mitleid ins Dunkel dahin, von wo die Stimme kam.

»Es ist, als ob ich hundert Jahre gelebt hätte«, fuhr diese fort, »und nun bin ich zur leeren Schale um das, was einst lebte, geworden; hohl wie ein alter Weidenbaum. Mir ist, als habe ich Generationen kommen und gehen sehen; Menschen wurden geboren und verschwanden wieder; ich bin mit Verhältnissen verknüpft gewesen, die voll Saft waren wie junge Frühlingstriebe, aber sie sind alle zusammengesunken wie erfrorene Blumenranken in einer Spätherbstnacht. Frühling und Winter folgten einander, und die Menschen sehen mich an und sagen, dass ich nicht so alt bin wie die Älteste. Aber ich weiß, dass ich hundert Jahre gelebt habe. Und dennoch wurde ich nie, was ich werden wollte!«

Wieder füllte das Schweigen das Zimmer wie eine tote Masse; vergebens brach sich des Lebens Lärmen dagegen; es sank zurück und wurde wie zuvor zu einem gedämpften Akkompagnement.

»Mein Vater hasste die Frauen nicht«, ertönte es wieder mit einförmiger klangloser Stimme, »doch war es viel schlimmer noch: Er verachtete sie. Meine Mutter war mit einem Tenor davongegangen; sie hatte sich im Ausland der Bühne gewidmet. Ich wuchs bei meinem Vater auf und war, kurz bevor wir beide allein blieben, erst von der Amme entwöhnt worden.

Solange ich klein war, hatte ich in seinen Augen keinerlei Geschlecht; ich war nicht größer als ein Hündchen, aber ich war Fleisch von seinem Fleische und Blut von seinem Blute, d. h. sein Eigentum, und er brauchte etwas Warmes und Weiches, das sich an ihn schmiegen konnte. Er bedurfte eines lebenden Wesens Gegenwart, um die Einsamkeit zu verjagen.

Er fürchtete die Einsamkeit – mein Vater – denn, wenn er einsam war, befielen ihn schwarze Grillen; er dachte an einen dicht am Mund angesetzten Flintenlauf oder an einen um den Hals gelegten Strick – schwarze Grillen waren es, die seltsam verlocken und uns doch Angstschweiß erpressen. Nichts aber wärmt so traut wie ein kleiner Kinderkörper, nichts beruhigt so wie runde Ärmchen und nichts verleiht so traumlosen Schlummer wie eines Kindes Atemzug. Deshalb wurde Nina ihres Vaters Gefährtin; deshalb schlief er, den Arm um ihre kleine Person geschlungen, deshalb nahm er seine Mahlzeiten mit ihr ein, während sie am Tische präsidierte wie eine ganz ernsthafte Frau; deshalb durchritt er sein Besitztum und sie durfte vor ihm auf dem Sattel sitzen. Und deshalb vergötterte Nina ihren Papa. Sie war damals gar klein in ihrem kurzen Kinderröckchen, weder Knabe noch Mädchen, bloß ein rundliches Junges.

Aber Nina wuchs und bekam einen schmächtigen Hals und lange Arme; sie bekam einen Mund mit Zahnlücken; sie bekam ein paar fragende, verwunderte Augen. Und ihr Vater bemerkte, dass sie ein Mädchen war.«

Die Stimme hielt inne, und der Mann beugte sich weiter vor, um die Kohlen zu schüren, so dass der Glutschein von Neuem aufleuchtete.

»Ach, ich war so klein noch, als mir offenbar wurde, was er gegen mich hatte; ich war so klein, dass ich nicht begreife, wie es mir möglich gewesen, das zu verstehen!

Ich hatte keine Spielkameraden; meine Wärterin war alt und mürrisch; alles, was ich an Hingebung besaß, häufte ich auf meinen Vater. Kinder besitzen einen Instinkt, der sie in den Seelen Erwachsener lesen lässt und der fast nie falsch liest. Und Kinderleid ist ebenso wirklich wie das Leid der Großen – tief genug, um ein Gepräge für das ganze Leben zu verleihen.

Ich war wie mein Vater: frisch und behände wie er; schwermütig und weichherzig wie er; leicht aufflackernd in überreizter Munterkeit, um rasch darauf wieder in mutlose Verzweiflung zu versinken. Kein Wunder, dass er damals viel auf mich hielt.

Von meinem sechsten oder achten Jahre ab jedoch begannen wir unsere Komödie zusammen zu spielen, eine Kinderkomödie; ich begann zu sein, was er sich wünschte: ein Knabe. Ich ritt nun mit ihm auf meinem eigenen kleinen Pferd; ich nahm Knabenmanieren an und lernte pfeifen; ich übte meine Körperkräfte und fluchte ein wenig, um ihm zu gefallen.«

Die Sprecherin brach ab und schien in ihrem Gedächtnis zu suchen.

»Ich weiß nicht mehr sicher, wann ich das erste Mal jenen verächtlichen Ausdruck von Gram vermischt mit Widerwillen bemerkte, den meines Vaters Antlitz und Stimme so oft annehmen konnten, aber ich glaube, es ist ein ganz bestimmtes Mal gewesen, dass sich meinem Gedächtnis besonders eingeprägt hat: Wir waren auf einer Reittour und in scharfem Trabe geritten. Mein Vater erschien eifrig und warm; seine Augen waren ganz schwarz und seine Nüstern weit geöffnet. Wenn er so aussah, wusste ich, dass er nichts schonte.

Wir gelangten an einen breiten Graben oder Kanal, und mein Vater sprengte darüber; dann wandte er sein Pferd, um zu beobachten, wie ich das Gleiche tat. Mein Pferd aber war klein, und ich weiß nicht, ob es seine Schuld war oder die meine, kurz, es machte den Sprung nicht. Es blieb plötzlich am Rande des Grabens stehen. Da riss mein Vater sein Pferd herum – ich kann die Schwenkung noch heute sehen – und mit einem einzigen Sprung flog das Tier über den Kanal zurück, einem Sprung so kräftig und sicher wie der eines Windhundes. Rot stieg es mir im Nacken bis unter die Haarwurzeln empor, als mich mein Vater beim Arm ergriff, mir hart in die Augen blickte und sagte: ›Du hast Angst!‹ Dann sprach er kein Wort mehr, sondern ließ meinen Arm los, als ob er sich schämte, dass er sich an mir vergriffen hatte. Sein Blick streifte sodann mich und das Pferd. Ich war wie ein Knabe gekleidet und ritt im Herrensattel, aber über dem Sattelbaum lag mein dunkelblaues Röckchen. Da erkannte ich in seinen Augen das, was mich niederschmetterte, und was mich seitdem immer zur Erde niedergedrückt hat; oder nein, es drückte mich nicht nieder; es ließ mich in mich selbst zusammenfallen, wie ein Fetzen in sich zusammensinkt, kraft seiner eigenen Nichtigkeit.

Ich erhielt kein einziges Wort der Erklärung und sagte auch kein einziges. Er versetzte seinem Pferde einen Schlag mit der Reitpeitsche und trabte von dannen, während ich noch immer anhielt. Ich fühlte mit meinem geheimsten Instinkt, dass er mich nicht deshalb verachtete, weil ich ängstlich war, sondern weil ich ein Recht hatte, ängstlich zu sein. Ich konnte ja nie etwas anderes werden als – eine von denen, für die Feigheit als Tugend gilt.«

Die Stimme schwieg, weil sie vor Leidenschaft zu beben begann – ihr Beben hatte den tiefen Klang der Saiten eines Violoncello.

»Das war nicht das Einzige; es war nur der erste Stoß nach jener kranken Stelle, die nun bald bei jeder Berührung zu schmerzen begann. Im Hof war ein Hüterjunge, ein flinker, hübscher Bursche, ungefähr in meinem Alter. Es war seit meiner frühesten Kindheit meines Vaters Freude gewesen, mich meine Kräfte mit denen jenes Knaben messen zu sehen. Dann war es mir eine Lust, die eigenen Kräfte bis aufs Äußerste anzuspannen, und ich tat mir nicht wenig darauf zugute, dass ich fast immer Siegerin blieb. Aber eines Tages wurde mir etwas offenbar. Ich ließ den Arm sinken und das Blut stieg mir ins Gesicht, als ob man mich geschlagen hätte. Mit wilder Erbitterung sah ich auf ihn: Du lügst, denn du bist stärker als ich! Und ich ging, von dem demütigenden Bewusstsein überwältigt, dass ich mich so lange betrügen lassen konnte, dass ich diese leichterkauften Siege hingenommen hatte wie eine Gnadengabe, die mein Gegner mir gewährte, weil ich nicht einmal so stark war, dass er sich’s zur Ehre anrechnen konnte, mich zu überwinden.

Mit diesen beiden Ereignissen hast du den Schlüssel zu meinem Leben.

Die Reitausflüge hörten allmählich auf und so auch alles andere. Wir konnten nicht länger spielen, dass ich ein Junge sei. Ich wurde still und schweigsam, und die Menschen blickten erstaunt auf das sorgenvolle Kind, das nie lächeln konnte. Aber das Arbeitszimmer meines Vaters blieb nach wie vor mein Lieblingsaufenthalt. Dort hatte ich mir einen versteckten Platz auf einer alten Truhe zwischen einem Schrank und der Wand ausgesucht.

Noch befielen meinen Vater seine schwarzen Grillen, sobald er allein war. Dagegen bildete ich eine Art Schutzwehr und ich störte ihn nie.

Mein Vater war ein guter Gesellschafter, geistreich und ein wenig boshaft. Oft kamen Freunde zu ihm und sie plauderten beim Toddyglas. Man vergaß dann zumeist sicherlich, dass ich zugegen war, und ich vernahm bisweilen Dinge, die ich nicht gehört haben sollte. Mein Vater war, wie fast alle Melancholiker, so stark mit sich beschäftigt, dass er nicht an mich dachte, und er ließ bei solchen Gesprächen seiner Weiberverachtung freien Lauf. Ich, die nie eine Mutter gekannt hate, und die kein menschliches Wesen weiter zum Liebhaben besaß wie diesen Pessimisten, den ich vergötterte, ich lernte aus den sorglichen Gesprächen, was andere Frauen während eines ganzen Lebens nicht lernen: Ich lernte die Gedanken der Männer verstehen und jede Nuance von Mitleid und Nichtachtung herausfühlen, die hinter lobenden oder bewundernden Worten verborgen werden kann. Ein Gefühl von Solidarität, von Gemeinsamkeit mit meinem ganzen Geschlecht erwachte allmählich und jeder offen gehässige oder versteckte Angriff verursachte mir heimliches Leid, als ob er gegen mich selbst gerichtet worden wäre.

Als ich dreizehn Jahre alt war, bekam ich eine Stiefmutter. Sie war eine Schönheit; nicht eine von den Stattlichen, Königlichen, sondern von den Anmutigen, Unwiderstehlichen. Sie war weich wie ein Kaninchen, und sie hatte Hände, so klein, dass sie Kinderhandschuhe gebrauchen musste. Fast immer lachte sie, wenn sie nicht zufällig weinte, und dann hatte sie Grübchen in den Wangen und zeigte kleine, weiße, perlmuttergleiche Zähne. Sie war ganz Anmut und Verliebtheit und hatte nicht einen einzigen Gedanken im Kopfe. Mein Vater war eitel auf ihre Schönheit; auf Klugheit hatte er nie gerechnet. Er wählte ihre Kleider aus, da sie selbst gar keinen Geschmack besaß, und er fuhr mit ihr zu Bällen. Als sie ihm den ersten Sohn gebar, wurde vor Freude mit den alten Festungskanonen geschossen; der Wein floss in Strömen durch durstige Kehlen; das ganze Gut war auf den Beinen und nahm an der Freude teil. Es wurde nun fast jedes Jahr zusammengerufen: immer der gleiche Schmaus, die gleiche Feststimmung. Als dann alles vorbei war, übernahm eine andere Hand den Kleinen, und die Mutter fuhr wieder zu Bällen.

Sie war weder gut noch böse, meine neue Mama; sie war reizend. Sie sah aus wie ein Kind und wusste, dass sie wie ein Kind aussehen sollte – je einfältiger, desto besser. Das stand ihr! Gegen mich war sie nie unfreundlich, aber sie ging mir aus dem Wege, und es hatte den Anschein, als sei ich älter als sie, da ich nie heiter und gesprächig war. Im Übrigen setzte ich die anderen infolge meines linkischen Wesens und meiner Dummheit in Verlegenheit; man gab mir eine Gouvernante und ich wurde so viel als möglich ferngehalten. Ich war nun noch einsamer als vorher, aber dadurch schärfte sich mein Blick. Ich war nicht eifersüchtig auf meine Stiefmutter; dafür kannte ich meinen Vater viel zu gut. Ich konnte jede Miene seines Antlitzes, jeden Tonfall seiner Stimme deuten. Es entging mir nicht, welch unsagbare Verachtung all seinen Huldigungen zugrunde lag. Eine kleine Unredlichkeit seitens seiner Hausfrau grämte ihn weiter nicht, denn er hatte nie erwartet, dass sie so viel Verstand besitzen würde, um nicht unvernünftig zu sein. Er konnte ihren Launen mit einem Lächeln und einem Handkuss nachgeben; oder er tat mit demselben Lächeln und demselben Handkuss etwas ihren Wünschen ganz Entgegengesetztes. Seine Nachsicht machte sie schließlich eingebildet; sie begann große Worte zu reden und sich über Dinge zu verbreiten, die sie nicht verstand; dann schwatzte sie Dummheiten. Mein Vater lachte bloß ein wenig und hieß sie still sein; einer hübschen Frau gegenüber nimmt man’s nicht so genau.

Aber es war, als ob all das zusammen auf mich zurückfiele, alles, alles! Alles, was sie gar nicht einmal fühlte, bohrte sich ein in mein krankhaftes Empfinden. Ich hatte gelernt, mit meines Vaters Augen zu sehen; ich sah nun vom Mannesstandpunkt aus, was es heißen will, ein Weib zu sein – etwas Widerwärtiges – ein Unglück schon von der Stunde der Geburt an! Ich kam mir selbst wie ein räudiger Hund vor. Da entstand in mir jene Demut, die meines Charakters Brandmal, nein, sein unheilbares Gebrechen ist.

O, diese Stelle in meinem Gehirn! Wie empfindlich, wie weich sie blieb, so dass auch die kleinste Spitze hineindringen konnte! Welch ein Auffassungsvermögen war mir eigen, wenn es galt, nur das eine zu verstehen, was doch für meine Schwestern unbegreiflich war wie die Sprache der Vögel.

Ich bin nie jung gewesen; ich bin kaum ein Kind gewesen!«

Einen Augenblick lang blieb es still. Der Mann saß vornübergebeugt und starrte gedankenvoll in die Glut:

»Ich kann eine solche Intensität des Gefühles bei einem Kinde nicht fassen«, sagte er langsam. »Ich meine, dass du doch ein wenig übertreibst, jetzt, nach allem!«

»Ja, aber das kommt daher, dass sich alles verschworen hat, diese Stelle krank zu machen. Ich möchte, dass du es ganz verstehst. Wenn du ein andermal im Leben einer Frau begegnest, die auch an solcher Demut wie ich leidet, solcher Demut, die du immer verneinen wolltest und die du so schwer begreifen konntest, so begreife dann, dass sie der Scham darüber entsprang, ein Weib zu sein. Für dich bin ich ja weder Mann noch Weib, sondern ein lebendes Wesen, und deshalb konntest du mein Freund werden. Wäre ich in deinen Augen ein Weib gewesen, so würdest auch du mich verachtet haben!«

Er zog seinen Stuhl aus dem Lichtstreifen fort und näher zur Chaiselongue hin, und aus dem Dunkel holte er eine krankhaft abgezehrte Hand hervor, auf die er langsam und wortlos seine Lippen drückte. Sie verstand, was er meinte, und dankte ihm mit einem leisen Liebkosen seiner Hand. Alsdann fuhr sie wieder fort zu erzählen mit ihrer traurigen gebrochenen Stimme:

»Ich kam hinaus in die Welt und sah genauso auf die Frauen, wie mein Vater es mich gelehrt hatte. Mein Blick besaß eine unnatürlich gesteigerte Schärfe. Kein Fehler oder Gebrechen entging mir. Weder das Feige, das Falsche noch das Kleinsinnige … Alle kleinlichen Eigenschaften fand ich bei den Frauen in so viel höherem Grade als bei den Männern. Ich war keineswegs blind für die Fehler der Männer, aber in diesen Fehlern selbst lag doch noch etwas von Charakter; es war nicht jenes ausgewässerte, blutleere Nichts wie bei den Frauen. Bei den Männern galt Tauglichkeit, Arbeitsvermögen, Unternehmungslust, Wahrheitsliebe, Rechtschaffenheit; für die Frauen bedeutete all das nichts im Vergleich zu dem Einzigen: nie gegen die gute Sitte zu verstoßen. Erschien ein Mann weniger rechtschaffen, wenn er die eine oder andere kleine erotische Sünde auf dem Gewissen hatte? Nein! Für ein Weib jedoch war das alles.

Und die Schuld liegt nicht bei den Männern, wie man zu sagen pflegt, sondern bei den Frauen selbst, in ihrer Feigheit und ihrem Mangel an Charakter. Für die Frauen ist die äußere Ehrbarkeit, der Schein alles. Ihre Tugend sitzt nicht im Charakter; sie sitzt obendrauf, wie die Stempelmarke auf einem Haustier. Daher diese Solidarität des ganzen Geschlechtes, die die Verantwortung für das Tun eines Einzigen allen zur Last legt. Wie habe ich das nicht erfahren, ich, die es fühlte, als ob die Schuld der anderen auf mir ruhe, als ob meine Demut ein Sühneopfer für all der anderen beschränkte blinde Einbildung, Herrschsucht oder Selbstsucht sei. Mein Hirn hatte seine kranke Stelle, und alles, was das Leben mir als Nahrung gab, strömte nach diesem einzigen Punkt!

Mein Vater wollte nicht, dass ich eine alte Jungfer werde, und so verheiratete er mich. Ich wusste, dass das einzige Mittel für eine Frau, zu einem höheren Gesellschaftsrang zu gelangen, war, sich mit einem Manne zu verheiraten, der im Range stieg. Ich verheiratete mich und stieg – stieg, als ich einem Manne Liebe gab, der mir widerwärtiger war als eine am Boden kriechende Raupe. Ich war damals schön – es ist lange, lange her. Schön und jung zu sein, ist das Einzige, was keine Schande für ein Weib ist. Mein Mann war ehrgeizig und er wollte vorwärts. Um aber vorwärtszukommen, brauchte er andere; einen anderen zum mindesten, und dieser eine besuchte uns oft. Er war unser Freund – außer dem Hause wurde er in der Gesellschaft meines Mannes gesehen; daheim war er nur immer in meiner Gesellschaft. Ich hielt sehr viel von ihm, und mein Leben war nun Tag für eine Tag eine Maskerade, um nicht merken zu lassen, wie viel. Mein Mann freute sich sicherlich darüber, denn nach zwei Jahren kann man wohl schon eine Frau satt bekommen. Nun kam der andere eines Tages und wollte mir ein Geschenk machen – so kostbar, wie es ein Bräutigam kaum für seine Braut auswählt. Ich sagte ganz erschrocken nein, denn ich war außer mir – und ich beleidigte den Geber. Mein Mann bekam es auf Umwegen zu hören, und weißt du, was er tat? Er ergriff mich beim Arm und sagte: ›Du verletzest ihn mit einem Nein. Nimm es an; ich gebe dir das Recht zu sagen, dass es von mir kommt.‹ So ging es weiter, bis ich mir die Schande zuzog, eine geschiedene Frau zu sein. Ich konnte nicht dulden, als Handelsware betrachtet zu werden, nicht dulden, dass man mit mir schacherte wie mit abgetragener Kleidung. Dafür kam die Schande über mich, eine Frau ohne Mann zu sein!

Alles ist Schande für ein Weib, weil es nie etwas um seiner selbst willen ist; es ist nur ein Teil seines Geschlechtes! Ich arbeitete unter Männern und sie nannten mich geschlechtslos und verhöhnten mich wegen meiner Kühle. Ich glaubte fast selbst, dass ich ein Neutrum war, und selbst das war eine Schande. Ich fürchtete, es könne mir ein Bart am Kinn wachsen und die Männer würden mich darob verhöhnen. Aber eines Tages fühlte ich, dass ich ein Weib war, denn ich liebte.

Es war, als sein einer bisher sein ganzes Leben lang auf durchweichten, zertretenen Pfaden durch Dunkel und Wintereis gewandert, mit einem Gefühl, dass er niemals den Frühling erschaute und ihn niemals schauen werde – und als ob nun mit einem Male die Sonne hervorbräche und alles in dem feuchtwarmen Nebeldunst zu sprießen und zu wachsen begänne; als ob er nun fühlte, dass alles herrlich grünen werde und alle Blumen sich erschließen würden – in der Sonne, in der Sonne!

Ich hätte mein Leben darum gegeben, hätte ich sein Freund werden können, aber das konnte ich ja nicht werden – nur seine Freundin … Hörst du, welch hässlichen Klang das Wort hat: seine Freundin! Es klebt Schande und Argwohn daran.«

»Es quält dich zu sprechen«, sagte der Mann, und seine Stimme war durchzittert von Mitgefühl. Er nahm noch einmal ihre Hand und küsste sie leise, fast demütig, ohne ein Wort zu sagen.

»O, lass es mich einmal aussprechen!«, fuhr sie fort. »Ich habe geschwiegen Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt, Generation um Generation – so bedünkt es mich, und nun ist es mir, als sei ich das ganze Frauengeschlecht. Ich bin so alt wie Ahasverus und auf meinen Schultern lastet die Schuld des ganzen Geschlechtes. Ich fühle sie mit den Fibern eines Weibes und blicke auf sie mit des Mannes Augen.

Du weißt, was ich in seinen Händen war. Er legte mein Hirn bloß, um zu sehen, wie es arbeitete; er wühlte mit seinem Seziermesser in meinem Innern herum, um seine Menschenkenntnis zu bereichern, und er zerfleischte mein Herz – wie ein unartiges Kind – nur um zu sehen, wie es klopfte. Und als es nicht einen einzigen Schmerz mehr gab, den ich erdulden konnte, ohne zu sterben – warf er mich fort. Nicht etwa deshalb, weil ich schlecht, unwahrhaftig, halb oder feige gegen ihn war – ich war nichts von alledem. Sondern bloß darum, dass ich ein Weib war. Nicht ein Freund, nur eine Freundin!«

Sie schwieg, und es ging wie ein schmerzvolles Beben durch das dunkle Zimmer.

Und zuletzt kam es heraus mit derselben eintönigen, klanglosen Stimme, nur um eine einzige kleine Nuance tiefer.

»Weib sein, heißt ein Paria sein, der sich nie über seine Kaste erheben kann. Dass ich ein Weib war, ist meines Lebens Fluch gewesen!

Ich habe nie eine Mutter gehabt; mein Vater fehlte mir, solange er lebte, und ich habe keinen Sohn –«

Ihre Erzählung schloss mit einem tränenlosen Aufstöhnen. Es war dunkel. Des Mannes Antlitz leuchtete nicht mehr hervor – – und er hatte nichts zu erwidern – –


Übersetzung
Aus dem Schwedischen von Anna Brunnemann.

Kommentar
Victoria Benedictsson (1850–1888) gilt als eine der bedeutendsten Vertreter*innen der schwedischen Moderne, ist im deutschen Sprachraum aber kaum bekannt. Wie in den meisten ihrer Werke geht es in der Erzählung „Aus dem Dunkel“ um das Verhältnis der Geschlechter, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und ihre (auch sexuelle) Emanzipation. Der Text erschien im Original 1888 unter Benedictssons üblichem Pseudonym Ernst Ahlgren. Die 1911 veröffentlichte deutsche Übersetzung von Anna Brunnemann gab stattdessen aber den echten Namen der Autorin an, was an dieser Stelle beibehalten wurde.

Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, Jg. XXIII, April 1911, Nr. 4 , S. 104–110. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anna Ancher, Anna und Michael Ancher beim Betrachten ihres Werks, 1883

Zwei Gedichte

von Kory Towska (1868–1930)

Mädchenlied

Träume, die kein Magier deutet,
Huschen durch den wirren Sinn,
Glocken, die kein Meßner läutet,
Klingen ohne Ruhe drin,
Märchen, die ich nie vernommen,
Treiben ihren tollen Spuk.
Ach, wann wir der Zaubrer kommen,
Der da sagt: Genug!

Mutterlied

Ich trage still, ich trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht
Und doch von meinem Angesicht
In seligem Glanze wiederblüht.
Noch dunkel ist das Kämmerchen,
Nur heilige Frühe ohne Laut,
Nur manchmal tönt das Hämmerchen,
Das heimlich an dem Wunder baut.
Ich denk ein Maienblümelein
Und sinn ein altes, altes Lied
Und trage still und trage fein
Ein Lichtlein, das noch nicht erglüht.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jg., November 1912, Nr. 11, S. 304 (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Frau Treue

von Elsa Asenijeff (1867–1941)

Hui! wie der Sturm saust! Wie der Wind heult! Wie er winselnd über die Dächer kriecht. Frau Treue ist im Bangen.

Tiktik tik, nur die Uhr geht wie sonst!

Geht sie? (Die junge Frau blickt auf das Zifferblatt.)

Ja, sie geht, aber anders als sonst.

Wenn er bei ihr ist, dann zeigt die Uhr jede Stunde in Sekundenschnelle, doch heute schiebt sich der träge Zeiger jede Ewigkeit nur eine Minute weiter.

Schicksalsuhr!

O der bangen Zeit! Es liegt ein böses Fieber in der Luft, das schlägt in ihre Knochen ein.

Wie es durch die Seele kriecht, das Dunkle, dieser Schatten –

Dummheit!

Jetzt wird sie nachdenken: Er kommt ja erst um acht Uhr. Zuerst muss er über den Berg, durch finstern Wald, über den brausenden Fluss und dann zu ihr, ins Nest.

Um acht Uhr ist er da – aber es ist zehn, zwölf, eins – sie blickt in die Nacht hinaus.

Was lesen ihre Augen im Dunkel?

Blitze zerreißen des Himmels Leib, so dass er zitternd dröhnt, Feuergarben stürzen vom Firmamente zur Erde, doch starr wie Stein steht Frau Treue an der Pforte in tiefer Nacht.

Wenn das All zusammenstürzte, so erzitterte sie nicht!

Aber dieses bebende Weh da drinnen in der Seele! Zuerst lief sie von der Uhr zur Tür, von der Pforte zur Uhr. Aber jetzt steht sie still wie die Gewissheit.

Und der Regen gießt kalte Ströme auf ihren angstdurchfluteten Leib. Ihre Seele starrt ins Dunkel.

»Ja dunkel ist fortan ihr Leben, ihr Licht ist ausgelöscht!«

Was sagt sie? Ist sie denn wahnsinnig? So Schauerliches hat ihr Herz nicht einmal gedacht, dennoch hat es ihre Seele ausgesprochen.

»Dennoch ist’s wahr!«

Was? Sie packt sich beim Kopfe. Ist sie denn heute von Sinnen? Wer spricht ihr ins Gemüt, was sie selber nicht denken will.

Wehe! Frau Treue! was wartest du noch in tiefer Nacht!

– Vom Walde hinab über den Wildbach ein schwanker Steg – ein Tritt – wie die Wellen rauschen – klang nicht ein banger Schrei? –

Wehe! Winselt Wehewind, grausam ist der einsame Tod.

Frau Treue, willst du warten bis zum jüngsten Tag?

Deine Seele schluchzt, warum hörst du sie nicht?

Sie drückt ihr Herz zusammen.

Bange denkt sie: Niemand hat es mir gesagt.

O Frau Treue, wartest du armes, trügendes Menschenwort? Du fühlst es doch – nimmer kehrt er wieder – –


Textnachweis
Aus: Elsa Asenijeff, Sehnsucht, Leipzig 1898, S. 3–5. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alice Pike Barney, Frau und Pfau, 1900

Frühlingsgedicht

von Grete Wolf (1882–1942)

Wir wollen hinausgehn, den Frühling zu grüßen!
Durch die seidenklare, schimmernde Luft
Trägt der Wind einen leisen, süßen,
Zögernden Atem von Veilchenduft.

Irgendwo muss es nun Gärten geben,
Wo sie erstehn aus dem bräunlichen Grün,
Auf dem in golden zitternden Stäben
Der Sonne flimmernde Netze glühn.

Irgendwo steht nun der Himmel offen
Und sonnbeschienen, auf leichtem Schuh,
Tanzt hell ein kleines, seliges Hoffen – –
Und der Frühlingswind bläst die Flöte dazu.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Allgemeine Zeitung, 11. April 1909, Osterbeilage, o. S. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Erben

von Charlotte Knoeckel (1879–1923)

Als Marie Rath aus dem Ermattungsschlummer, in welchen sie stets verfiel, nachdem sie aus dem Verbandzimmer in ihr Bett getragen worden war, erwachte, begegneten ihre sich öffnenden Augen dem ängstlich forschenden Blick ihrer Freundin Minna.

»Was ist?«, fragte sie und fasste die sich rasch zur Seite Wendende am Arm.

»Nichts«, sagte die ohne aufzuschauen. »Gar nichts. Ich wollte nur sehen, ob du noch schliefest.«

»Und als du mich so liegen sahst, da … da … dachtest du – – –«

»Nichts.«

»Nichts!«, wiederholte die Marie und schüttelte den Kopf. »Nichts!« Sie versuchte sich aufzurichten; aber ihre Kräfte waren so völlig aufgezehrt, dass sie sogleich wieder in die Kissen zurücksank.

Eine Sekunde schloss sie die Augen. Dann sagte sie: »Gib mir den Spiegel, Minna.«

»Ich weiß nicht, wo er ist!«

»In meiner Schublade, hier im Nachtschränkchen.«

Die Todkranke streckte die abgezehrte Hand aus, und Minna öffnete die Schublade.

Der Spiegel lag vorne an; aber Minna schob ihn mit der Hand zurück und zog ein hübsches Taschentüchlein hervor, das mit einem großen M. bestickt war.

»Ein Taschentuch«, sagte sie. »Ach, was für ein hübsches Taschentuch! Das hab’ ich ja noch nie gesehen! Und deine Uhr! Sie ist von echtem Silber, nicht? Und deine Brosche! Dein Nähschächtelchen!« Sie legte es der Kranken aufs Bett und schloss die Schublade.

»Der Spiegel«, sagte die Marie.

»Er ist nicht darin.«

»Er muss darin sein! Zieh die Schublade heraus, dass ich selber suchen kann.«

Minna zögerte. Sie wühlte noch einmal unter den Sachen. »Ja, da ist er«, sagte sie endlich. Es war ein kleiner, in Celluloid gefasster und mit einem Celluloidgriff versehener Handspiegel. Unwillkürlich sah Minna hinein. Ihr Gesicht war frisch und rund darin und sie lächelte. »Bald werde ich wohl fortgehen dürfen von hier«, sagte sie.

»Ach, so bald nicht«, sagt die Marie und streckte die Hand nach dem Spiegel aus.

Minna reichte ihn ihr, ohne sie anzuschauen.

Eine Sekunde lang sah Marie hinein, dann ließ sie ihn auf die Bettdecke fallen.

Die Minna hatte unterdessen das hübsche Taschentüchlein betrachtet, das noch immer oben auf den Sachen der Marie in der Schublade lag. »M.«, dachte sie. »Das könnte auch Minna heißen«, und sie befühlte es zärtlich. »Wie fein der Stoff ist und so hübsch gestickt!«

Hastig schloss sie die Schublade und wandte sich zur Marie. Es wollte ihr scheinen, als ob die noch blasser geworden sei, als sie zuvor gewesen war.

»Du hättest dich nicht im Spiegel beschauen sollen«, sagte sie. »Es ist ein schlechtes Omen.«

»Ich hab’ schon Leute gesund werden sehen, die anders ausgesehen haben«, sagte Marie.

»Gewiss, gewiss.«

»Und Leute, die ausgesehen haben wie du, sind gestorben!«

»Mag sein! Aber meine Wunde ist schon geheilt. Die Narbe muss nur noch fest werden, sagt der Herr Doktor.«

»Das kenn ich, was der Herr Doktor sagt!«

»Ich hab’ es auch gesehen

»Ich hab’ auch oft gesehen, wie meine Wunde geheilt war obenauf. Aber von innen heraus ist sie dann immer wieder aufgebrochen.«

»Deine vielleicht; aber meine …« Die Minna reckte sich auf und schämte sich plötzlich und verstummte.

Über das totenblasse Gesicht hatte sich eine dunkle Röte ergossen.

Die Minna sah es, und in ihrer Verlegenheit riss sie abermals die Schublade auf und betrachtete das Taschentüchlein. »Sie stirbt ja doch bald«, dachte sie, »da könnte sie es mir schenken.« Unwillkürlich griff sie darnach.

»Schenk es mir«, sagte sie, sich zur Marie zurückwendend. »Ich war doch immer gut zu dir. Und dann hab’ ich auch ein Andenken an dich, wenn ich fortgeh’ von hier.«

»Du gehst ja noch nicht fort.«

»Heute nicht. Aber bald! Und du kannst doch nichts damit machen, solange du hier bist.«

Das Lieschen und die Paula, die am Fenster, ganz in der Nähe von den beiden, miteinander plauderten, bemerkten plötzlich, dass vom Schenken die Rede war zwischen ihnen, und kamen schnell heran.

»Schenk uns auch was«, sagten sie. »Du hast ja so viel schöne Sachen, und wenn du stirbst, kannst du sie doch nicht mitnehmen.« Sie drängten sich an Minna vorbei zum unteren Gefach des Nachtschränkchens, und Lieschen zog den Kasten, der die größten Schätze der Marie enthielt, daraus hervor. Mit ihren dünnen, gelenkigen Fingern löste sie die Schnur, schob ein paar Bänder, die ihr zuerst in die Hände kamen, beiseite und griff nach der Korallenkette, welche ihr aus einem weißen Pappschächtelchen entgegenfiel. »Schau, wie mir die gut steht«, sagte sie, indem sie ihren mageren Hals entblößte und mit der Kette umschlang.

»Schau doch!« Und sie nahm den Spiegel und betrachtete sich. Sorgfältig zog sie sich dabei ein paar blonde Löckchen in die Stirne. Dann griff sie nach einem der Bänder, machte eine Schleife, die sie sich in die Haare steckte, und fasste im nächsten Augenblick nach dem größten Schatz der Marie, einem weißen Unterrock, der mit breiter Stickerei versehen war.

»Sieh doch nur, wie mir das alles stehen würde! Ah, und besonders der Unterrock! Ich würde mein Kleid ganz hoch heben, dass alle Leute auf die Stickerei sähen! Und du …« Sie verstummte plötzlich; denn sie sah die weit aufgerissenen, dunkeln Augen der Todkranken, und sie tastete mit den Händen um sich nach der Freundin. Aber die war entflohen. Und die Minna auch. Sie saß auf dem Stuhl an ihrem Bett, den Kopf in die Kissen vergraben, und schluchzte.

Maries Lippen waren so weiß wie ihr Gesicht, und sie zuckten so seltsam krampfhaft, dass Lieschen plötzlich auch davonlief. Sie lief an der Schwester, die eben den Saal betrat, vorbei, hinaus auf den Flur und den ganzen Flur entlang bis zum Fenster, das sie öffnete.

Die Schwester betrachtete kopfschüttelnd die Unordnung auf dem Bett der Sterbenden. »Was bedeutet denn das?«, fragte sie, indem sie alles wegräumte.

»Sie … wollten mich … beerben«, sagte die Marie und lächelte. »Und sie sollen auch alles haben. Das Lieschen die Kette und die Bänder und den Unterrock! Gleich sollen sie es haben! Packen Sie’s ja nicht mehr ein! Ich will es nicht mehr sehen! – Mir aber, gelt Schwester, mir tuen Sie einen Wandschirm um das Bett. Und keine soll mehr zu mir dahinter kommen. Auch die Minna nicht. Ich will’s nicht. Ich will nicht, dass sie zuschauen, wie … wie … Ich weiß ja alles so genau! Wenn man bald sechs Jahre im Krankenhaus war wie ich …«

»Sie haben den Wandschirm nicht nötig, Marie. Sie sind keine Sterbende.«

»Ich hab mich im Spiegel gesehen, Schwester.«

»Sie wissen doch, dass der Anblick oft täuscht.«

»Der meinige nicht.«

»Auch der Ihrige.«

Die Marie lächelte zu diesen Trostworten, die sie so genau kannte, aber sie drückte der Schwester die Hand.

»Sie sind barmherzig«, sagte sie.

Die Schwester aber ging, um ihr den Willen zu tun. Sie war tief im Herzen froh, dass die Kranke selbst den Wunsch geäußert hatte. Leise umstellte sie das Bett mit dem Wandschirm, der den anderen Kranken im Saal den Anblick der Sterbenden entzog.

»Wenn es nur nicht mehr lange dauert«, sagte sie am Abend zum Arzt und erbat eine größere Dosis Morphium.

Als sie am andern Morgen in den Saal trat und hinter den Wandschirm, war das Gesicht der Marie ganz still und starr und ihre Hände kühl geworden.


Kommentar
Charlotte Knoeckel wurde 1879 in Neustadt an der Weinstraße geboren. Obwohl sie einer wohlhabenden Unternehmerfamilie entstammte, arbeitete sie als junge Frau zunächst in einer Fabrik und später als Krankenschwester. Den Fabrikjob verlor sie wegen ihrer Sympathien für die Sozialdemokratie, die auch in ihren Romanen und Erzählungen deutlich zutage treten. Vom Naturalismus Émile Zolas geprägt, schildert sie darin meist das Leben von Frauen aus den unteren sozialen Schichten. Immer wieder greift sie auch auf ihre Erfahrungen als Krankenschwester zurück, etwa im Roman „Schwester Gertrud“ (1906), der das Thema Euthanasie behandelt, oder eben hier in der Kurzgeschichte „Erben.“ Knoeckel starb 1923 im Alter von nur 44 Jahren an Tuberkulose – einer Krankheit, die sie sich vermutlich während ihrer Arbeit in der Krankenpflege zugezogen hatte.

Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XVII. Jg. Heft 10, Okt. 1915, S. 238– 240. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Rozanova, Komposition mit Karten, 1915

Und nachts in tiefer Dunkelheit …

von Emmy Hennings (1885–1948)

Und nachts in tiefer Dunkelheit,
Da fallen Bilder von den Wänden,
Und jemand lacht so frech und breit,
Man greift nach mir mit langen Händen.
Und eine Frau mit grünem Haar,
Die sieht mich traurig an
Und sagt, dass sie einst Mutter war,
Ihr Leid nicht tragen kann.
(Ich presse Dornen in mein Herz
Und halte ruhig still,
Und leiden will ich jeden Schmerz,
Weil man es von mir will.)


Textnachweis
Aus: Emmy Hennings, Die letzte Freude, Leipzig 1913, S. 7. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Ein Frühlingstag

von Thekla Merwin (1887–1944)

Gegen Ende März erwachte der Adjunkt Peter Adolf Wagner dadurch, dass der Windstoß einen schlecht befestigten Fensterflügel mit voller Wucht aufstieß. Es war halb fünf Uhr morgens und helllichter Tag. Der Himmel zeigte eine sanfte Röte, die stellenweise in Lila übergegangen war. Aber fern am Horizont türmten sich dunkle Wolken auf und schlossen den hellen Teil wie mit einem schwarzen Vorhang ab. Die Bäume standen noch nackt, aber ihre Kontur im scharfen Lichte zeichnete sich klar und freundlich ab. Dem ersten Windstoß folgten bald andere, und eine Welle kalter Luft kam ins Zimmer, bis ans Bett, wo Peter Wagner wohlgeborgen lag. Er warf einen verdrießlichen Blick auf das Bett seiner Frau, das knapp neben seinem stand, aber da sich dort nichts rührte, erhob er sich seufzend, machte ein paar Sprünge zum Fenster, schloss den Flügel und legte sich dann fröstelnd zurück. Doch dann konnte er nicht wieder einschlafen. Eine eigentümlich helle Spannung hielt ihn wach. Einige Mal wälzte er sich vergeblich hin und her, dann gab er den Versuch zu schlafen endgültig auf und verfiel in Gedanken. Das war ein ungewohnter Zustand. Nachdem er alle in dieser Woche zur Erledigung gelangenden Fälle durchgedacht hatte, zeigte die auf dem Nachttisch stehende Uhr erst fünf. Das übliche Gedankenpensum war erschöpft, die Zeitung lag im Speisezimmer. Um nichts in der Welt wäre er jetzt wieder aufgestanden. Er lag warm da und langweilte sich. Endlich fiel sein Blick durch das Fenster. Ein Gewitter, jetzt im März? Dann erinnerte er sich eines Vorfrühlingsgewitters, das ihn als Studenten auf einer fröhlichen Wanderschaft mit mehreren Kollegen mitten auf der Landstraße überrascht hatte. Damit waren angenehme Erinnerungen verbunden, die er in sein Gedächtnis zurückzurufen sich bemühte. Sie waren damals gezwungen gewesen, auf einem großen Bauernhof Zuflucht zu suchen; und in seiner Erinnerung vermischten sich der Duft eines wunderbaren Selchschinkens mit der längst vergessenen Episode eines verliebten Abenteuers am Hofe. Ei, Jugend! Was für ein fescher Bursche er gewesen war!

Inzwischen rührte sich die Frau nebenan, wechselte schlaftrunken die Lage und glitt mit dem Kopfe bis an den Rand ihres Bettes. Er sah ihr Gesicht knapp vor sich. Infolge der unbequemen Lage schlief sie mit offenem Munde, schwer atmend. Das Haar war zerzaust, auf der linken Wange zeichnete sich lächerlicherweise das Häkelmuster des Kopfpolsters ab. Der Adjunkt betrachtete seine Frau mit großer Aufmerksamkeit, als sähe er sie zum ersten Mal. Es war das Gesicht einer zweiundvierzigjährigen Frau, deren Leben weder durch Überfluss noch durch Erlebnisse irgendwie verschönt worden war, die sich mit den täglichen, kleinlichen Sorgen des Haushaltes herumschlug, dazuschauen musste, wie sie mit vier Kindern fertig wurde, und die längst aufgehört hatte, jemand zu Gefallen zu leben. Von der Nasenwurzel bis in die Mundecken zogen sich zwei tiefe Falten, ein vorderer Zahn war stark schadhaft, daneben waren einige Plomben deutlich sichtbar. Die Stirn zeigte einfältige Runzeln, die von Sorgen, aber nicht vom Nachdenken stammten, die Haut am Halse bewegte sich schlaff bei jedem Atemzug. Lange betrachtete sie der Mann, dann fuhr es ihm durch den Kopf: Und ohne das habe ich mir einmal eingebildet, nicht leben zu können! Und mit einem plötzlichen Widerwillen wendete er sich ab. Diese Erkenntnis war mit irgendeinem wehmütigen Schmerz verbunden. Lange lag er ganz still und grübelte.

Er war sehr schlechter Laune, als er aufstand. Der Kaffee war zu kalt, der Anzug nicht gebürstet, die Zeitung wurde zu spät hereingebracht. Er war, wie die Kinder einmütig konstatierten, mit dem linken Fuß aufgestanden. Grollend verließ er das Haus, unausgeschlafen, als hätte er die Nacht getanzt. Die dunklen Wolken hatten sich inzwischen verzogen, ein klarer, blauer Himmel lachte, die Sonne schien warm und heiter. Er knöpfte sich den Überrock auf und rannte zur Station, denn er hatte sich wie gewöhnlich verspätet. Gerade fuhr der Stadtbahnzug in die Halle, und er sprang behände in den Waggon. Drinnen saßen die gewohnten Passagiere des Frühzuges, Arbeiter, Angestellte, ein paar Geschäftsleute. Der Zug sammelte an vielen Stationen die kleinen Bestandteile ein, die sich in das große, kreisende und kreischende Rad der Stadt alltäglich einfügten. Aber über allen verschlafenen Gesichtern lag heute der Abglanz der Frühlingssonne, wie eine ewig wiederkehrende, niemals ganz erlöschende Hoffnung. Gähnend nahm der Adjunkt Platz, gerade einem jungen Paar gegenüber. Und in diesen verkrampften Fingern, die sich pressten, lag etwas unangenehm Aufreizendes, so dass er missmutig den Blick abwendete. Gleichzeitig aber stieg in ihm die Vision eines Baches mit blühenden Ufern, eines kleinen, weißen Häuschens auf entlegener, sonnenbeschienener Halde empor. Eine Reihe lieblicher Bilder begleitete die dumpfe Melodie der rollenden Räder.

Im Büro überraschte ihn der Auftrag, in einer Enteignungssache mit tunlichster Beschleunigung nach B. zu fahren und auf dem Wirtschaftsbesitz des Lebrecht Waldhuber persönlich Erhebungen vorzunehmen. Das war wie in den seligen Gymnasialzeiten, wenn man die Schule schwänzen konnte. Ein Kollege übernahm die Mitteilung an Wagners Frau, dass dieser erst spät am Abend zurückkehren werde, und mit unerhörtem Diensteifer fuhr der Adjunkt, den Überzieher am Arm, in den sonnigen Tag hinaus. In B. angekommen, begann er nach dem Hofe des Waldhuber Erkundigungen einzuziehen. Oh, das war noch ein weites Stück ganz an der Reichsstraße.

Der Ochsenwirt, Fleischhauer und Hotelier in einer Person, erschien mit der blutbefleckten Schürze in der Haustür: Ob sich der Herr nicht noch früher stärken wolle? Ob der Herr nicht eintreten wolle?

Verflucht noch mal, das erste Viertel war gut. Beim zweiten Viertel kamen sie ins Gespräch. Der Wirt hatte seine Schürze abgelegt und präsentierte sich als ein wohlwollender Mann, der die Welt kannte. Der Waldhuber sei ein Schlaukopf, der alle hineinlege. Er solle vorsichtig sein, wenn es sich um ein Geschäft handle.

Der Adjunkt schwieg, rauchte, lächelte und fühlte sich wohl.

Eine halbe Stunde darauf war er auf dem Gehöft. Der Besitzer empfing ihn, die Mistgabel auf der Schulter, schimpfte auf die Regierung, ließ sich den Auftrag zeigen und erklärte, der erste Beamte, der zur Vermessung erscheine, werde von ihm eigenhändig mit dem Dreschflegel totgeschlagen. Der Herr Kommissär da sei ja kein zuwiderer Kerl, aber die Beamtenfratzen, die möge er nicht.

Zu einer andern Zeit hätte sich Wagner diesen Ton energisch verbeten. Aber der genossene Wein und der frohe Tag ließen Ärger überhaupt nicht aufkommen. Die Amtshandlung endete bei einem »Wachauer« und einem gediegenen Schweinernen in der guten Stube.

Die Sonne stand schon tief im Westen, als er wieder in den Zug stieg, wie in ein großes, breites flammendes Meer ergoss sie sich am Horizont. Rot, etwas gedunsen und etwas schwindlig »von der frischen Luft« lehnte der Adjunkt behaglich in einer Ecke. Nur zwei Personen waren außer ihm im ganzen Waggon anwesend, ein alter Mann, offenbar Arbeiter, der aus einer Pfeife qualmte, und in der Ecke gegenüber saß ein junges Mädchen, das einen Ullstein-Roman mit großer Aufmerksamkeit las. Übermut kitzelte den Adjunkten, der halb schlafend sich in seiner Ecke räkelte, so dass er schließlich die Frage wagte:

»Na, kriegen sie sich zum Schlusse?«

Das Mädchen ließ das Buch sinken, lächelte dann, als sie sein vergnügtes Gesicht sah, und antwortete, ohne zu zögern:

»Sie haben sich schon.«

»Gott sei Dank. Dann ist ja alles gut. Wohin fahren Sie, Fräulein?«

»Nach Wien. Ich bin Wienerin. Ich war nur bei einer Tante in B. zu Besuch.«

»So? Von da komm’ ich eben auch. Kennen Sie den Lebrecht Waldhuber?«

»Aber gewiss. Das ist ja mein ›Göd‹.«

»Ein fescher Karl. Der muss wohl nicht arm sein, was?«

»Na, arm ist er nicht, aber ein Geizkragen. Der könnte für einen Kreuzer einen erschlagen.«

So kam man ins Gespräch. Sie drückte sich möglichst gewählt aus. Sie hatte ein hübsches, rundes nichtssagendes Gesicht, schöne blaue Augen, ein kurzes, aber nicht übles Stumpfnäschen. Das Schönste waren ihre zwanzig Jahre, die machten auf Peter Wagner den größten Eindruck. Denn dass sie zwanzig Jahre alt war, das erfuhr er nach fünf Minuten. Sie war in Wien in guter »Kondition« und unterstützte sogar noch einen Bruder, der ein großer Haderlump war. Als der Zug im Südbahnhof einfuhr, überreichte ihr der Adjunkt den heruntergefallenen Roman, den sie beinahe vergessen hätte, so anregend war die Unterhaltung gewesen.

»Wenn ich nicht störe, begleite ich Sie ein Stück«, sagte der galante Adjunkt, dem sie immer besser gefiel, trotzdem er zuletzt die Angaben über ihr Alter für übertrieben bescheiden hielt.

»Ich gehe ganz gern, nach der dummen Fahrt tut einem Bewegung ganz gut.«

Hier wagte der Adjunkt bereits einen Witz, der trotz seiner Beschaffenheit mit einem Lächeln quittiert wurde.

Sie gingen in der Richtung zur Stadt. In einer winkligen Seitengasse, vor einer sogenannten Bar, schlug er, von Löwenmut besessen, plötzlich vor:

»Wollen wir da nicht eine Erfrischung nehmen, Fräulein?«

Sie war ohne weiteres einverstanden. Drinnen saßen in einem schlecht erleuchteten Raume, der auf Dämonie gestimmt war, in halbverhängten Logen kuschig-raffinierten Stils, unter möglichst geringem Verbrauch an Platz, eng aneinander, einige spitzbeschuhte Pärchen. Ein Tänzer mit Kokaingesicht bewegte sich vor einem zweifelhaft aussehenden Frauenzimmer zu dem Gebell eines Klaviers mit Bewegungen, die den mit den Errungenschaften der Neuzeit unvertrauten Adjunkten mit Staunen erfüllten. Sofort stand ein hoheitsvoller Gentleman im Frack vor ihrem Tische, der unbekannte Namen hervorzustoßen begann, vom Cocktail angefangen bis zur letzten Absinthmischung. Der arme Adjunkt, der sich die Verderbnis viel einfacher vorgestellt hatte, bekam ein leichtes Herzklopfen, aber seine Gefährtin, vertrauter mit dieser Welt, machte mit mondäner Sicherheit ihre Bestellung.

Gleich darauf erschien ein Imbiss auf dem Tische, eine wunderbare Konstruktion aus Fleisch, Gemüsen, Farben und Formen. Ein Weinpfropfen knallte dicht neben seinem Ohre. Wagner trat ein leichter Schweiß auf die Stirn. Er zeigte eine auffallende Appetitlosigkeit, währenddem die Kleine mit einer gewissen Gier aß und in immer bessere Laune geriet. Es war wie ein Nebel vor seinen Augen, das Lokal bekam etwas Schattenhaftes für ihn. Während er den Bewegungen des marionettenhaften Paares zusah, ging es ihm durch den Kopf: Adolf braucht einen neuen Anzug, die Gasrechnung ist zu bezahlen, dem Reumann schulde ich anderthalb Millionen und ich sitze hier. Zu Hause hielten sie dreimal wöchentlich fleischlose Tage.

Indessen war die Kleine immer fideler geworden, und zwischen Wagner und ihr hatte sich der Zwischenraum so verringert, dass ihm keine andre Wahl blieb, als den Arm um ihre Taille zu legen, wollte er nicht als ein Dämlack dasitzen. Aber er tat dies nur noch wie eine Pflicht. Der freudige Schwung, die Heiterkeit, die ganze wiederaufgelebte Abenteuerlust des Jünglings waren mit einem Schlage verschwunden, und es kam wie tiefe Trauer über ihn, dass die Lust der Jugend für immer dahin sein sollte. Lange wehrte er sich gegen diese Schatten, die ihm aus seinem Heime gefolgt zu sein schienen, versuchte durch ein paar Küsse und unternehmende Keckheiten ihrer zu spotten. Dann aber stand er plötzlich auf und rief mit fester Stimme: »Zahlen!«

Die Rechnung gab ihm den Rest. Die Trinkgelder fielen so schäbig aus, dass er sich den Rock allein anziehen musste.

Gott sei Dank, er war wieder auf der Straße. Lustig, an seinen Arm gehängt, schwatzte die Kleine:

»Das Schönste ist, dass ich gar nicht weiß, wie du … wie Sie eigentlich heißen. Ich heiße Mitzi.«

Das habe ich mir vorstellen können, dachte er ingrimmig. »Und ich heiße Theodor«, log er.

»G’rad so siehst du aus«, schrie Mitzi begeistert. Sie zog ihn am Arm hin und her und prustete vor Lachen. »Also wohin jetzt?«

Plötzlich empfand er Widerwillen und Beschämung. Und mit Bitternis beschloss er: Nein, nein, mag sie zum Teufel gehen, es lockt mich nichts mehr. Trotzdem zwang er sich, ein freundliches Gesicht zu machen, und sagte mit einer gewissen Höflichkeit:

»Es ist leider so spät geworden, jetzt muss ich nach Hause. Also, Fräulein Mitzi, vielen Dank für die Gesellschaft und kommen Sie gut nach Hause.«

Maßlos erstaunt reichte sie ihm die Hand.

»Alter Narr«, murmelte er im Weggehen durch die Zähne.

Zu Hause fand er die Seinen um den Tisch versammelt. Mit einem Freudengeschrei wurde er begrüßt. Niemand hatte ihn so früh zurückerwartet. Seine Frau war zum Ausgehen gekleidet, denn sie hatte noch einen Abendbesuch bei einer Bekannten vorgehabt. Dennoch freute sie sich aufrichtig; überhaupt sah es aus, als wäre er von einer weiten Reise in ein warmes Nest zurückgeflogen. Es gab seine Leibspeise, Eiernockerln, aber er rührte nichts an, saß tiefsinnig, in Gedanken versunken da, so dass die Frau ihn besorgt fragte:

»Bist du krank, Peter?«

Er schützte Müdigkeit vor. Sie zwang ihn, sich auf das Sofa zu legen. Ihre Fürsorge rührte ihn und beschämte ihn ein wenig. Die Kinder lachten und schwatzten, ihre hellen Stimmen erfüllten den Raum. Er lag wirklich müde da und dachte trübsinnig: Das alles hängt an dir, da kommst du nicht los. Das Licht der Lampe fiel auf das Gesicht seiner Frau. Und wieder sah er die tiefen Falten bei den Mundwinkeln, die schlechten Zähne, die welke Haut, aber diesmal mit einem andern Auge. Sie hat es nicht gut gehabt im Leben, dachte er, als er sich ihres frischen Gesichtes vor zwanzig Jahren erinnerte.

»Therese, komm«, sagte er, sich plötzlich erhebend. »Ich begleite dich zu Bittmanns. Ich bin schon ganz ausgeruht.«

Als sie die Stiege hinuntergingen, drückte sie seinen Arm an sich:

»Ich bin froh, dass ich noch ein wenig wegkomme. Nein, was für ein wunderbarer Abend. Es ist ja schon Frühling, Peter.«

Er warf einen hoffnungslosen Blick auf die Gestalt an seiner Seite, grunzte etwas Unverständliches und zündete sich eine Zigarre an.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 3. April 1925, S. 5–6. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Sophie Taeuber-Arp, Dada-Komposition, 1920

Zwischen Ruinen

von Margarete Beutler (1876–1949)

Lass uns noch einmal den Augenblick greifen,
Lass uns noch einmal selig und still
Diese Gärten des Todes durchstreifen,
Ehe zum Wort die Gedanken reifen,
Und eine Sehnsucht sie pflücken will.

Über die rissigen Tempelwände
Geht des genossenen Tages Schein.
Traumhafter Blicke und Wonnen kein Ende,
Und in den Jubel verschlungener Hände
Rauschen die ewigen Wogen hinein.


Textnachweis
Aus: Neue Gedichte von Margarete Beutler, Berlin 1908, S. 8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

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