Ein misslungener Abend

von Margit Kaffka (1880–1918)

Weich senkte er die Uhr in die Westentasche und roch an den reichen Blüten des weißen Flieders. Er fühlte die schwingende Leichtigkeit seiner Bewegungen, als sein Arm sich hinaufschwang in den knisternd neuen und feinen Überrock; unbewusst rhythmisch tanzend waren auch seine Schritte, deren Takt den jugendlich frischen Rausch der Freiheit, der Vermessenheit und des Spottes durch seine Nerven rieseln ließ. Er pfiff leise vor sich hin. Die Paläste des Platzes schimmerten marmorweiß im Frühlingsglanz der schönen, frischen Stadt, der weiche Duft der Rasenbänke hauchte ihm sanft entgegen, und von der Donau her schlängelte sich der leichtfüßige Wind launisch kränkelnd dahin. »Fünf Uhr vorüber!«, flüsterte der junge Mann in großer, tiefer Heiterkeit, und wie innig liebte er sich in diesem Augenblick! Er fühlte seine wohlgeformten Füße – umgeben von dem Kultus der teuren Schuhe und der mit Seidenpfeilen überstickten Strümpfe –, die duftende und knisternde Reinheit, die feine und geschmackvolle Art alles dessen, was er anhatte, von den festgenähten Manschetten bis zu der mattgetönten Weste, – er fühlte sein ganzes Sein aufgelöst in Harmonie, in der lässigleichten Überlegenheit des körperlichen Wohlbefindens und des sorglosen Behagens. Wie angenehm war es, so vor sich hinzugehen, leicht und lose daran denkend, dass man sich doch im Leben alles verschaffen könne, was überhaupt zu verschaffen sei, so schweiß- und mühelos, glatt und einfach – und dass er heute einem hübschen, kapriziösen und drolligen Abenteuer entgegengehe.

Das war ja auch die strahlende und selbstbewusste, überhebungsstolze Bravour seines Mannestums. Er erkannte sie an einem ungewohnten Orte wieder, wohin ihn manchmal die Laune kleiner Jagdabenteuer trieb, – überrascht erkannte er das Weib, welches er par renommée und dem Sehen nach schon kannte, in dem schmucken Samtfauteuil eines Kinematographen. Hinter den Reihen von Nähmädchen, kleinen Bonnen und Schulkindern blitzte ihm die üppige goldbronzene Haarkrone der teueren Kokotte in die Augen, und er setzte sich dreist neben sie. Er wusste wohl, dass nicht sein halbjähriger Gehalt samt den Abzügen ausreichen würde, bloß eine Nacht der großen Herren und der hohen Geistlichkeit zu bezahlen, aber er war vorsichtig genug, nicht übermäßig viel daran zu denken. Nur so, über die Achsel her, lieblich und mit einem Anflug von diskreter Tändelei näherte er sich ihr – jedoch mit sehr wenig Zeremonie. Er beugte sich näher, dudelte leise und angenehme Arien in ihr Ohr und begleitete die Vorstellung, nicht misszuverstehende Anspielungen murmelnd. Schon fühlte er, den Typus dieses Weibes zu treffen, bei dem man mit leichtfröhlicher Großtuerei die Oberhand gewinnen kann, den Typus dieser kaum gebildeten, aber urwüchsigen und gesunden Seele, die hergekommen ist, im Geheimen die Naivität des »Kino« zu genießen, wo sie doch eine Loge haben kann in den großen Theatern; sie, die mit ihrer grandiosen Lebensweise vielleicht einzig ist in dieser funkelnd armen Großstadt. Hat er ihr gefallen oder traf sich ihre momentane Laune mit der seinigen? In ihrem lautlosen Zwiegespräch pulsierte die flotte Frische des Spieles und die Rücksichtslosigkeit der unverfeinerten Neugierde, gemischt mit den leichthingeworfenen Brocken gewisser Salonformen und Redensarten. Jetzt musste er lachen, als er zurückachte, wie ihnen die alte Begleiterin gefolgt war mit den scheelen, feindseligen Blicken eines hinterlistigen, kleinen Dachshundes, oh, dieses alte, kleine Gerippe in der schäbigen Perlenbluse, vollgespickt mit falschen Steinen, dem unordentlichen, graulichen Haar und den großen Platinazähnen. »Madame ist keine Freundin der Romantik!«, flüsterte er dem Mädchen französisch in das Ohr, die kitzelig auflachte. Der Schauplatz hatte sich zum letzten Mal verfinstert und Wälder sausten, Eisenbahnzüge brausten dahin, wilde Wasser rauschten funkensprühend, ineinander blitzend auf der Leinwand dahin; da zog der Junge geschickt eine Haarnadel aus dem rotbraunen, großen Turban, und eine Flechte fiel schwer herab auf die Stuhllehne. Er hob sie auf und wickelte sie langsam, lächelnd, mit fester Hand um sein Gelenk. »Aber nur, wenn ich es auch so will!«, zischelte sie im Dunkeln mit blitzenden Augen. Sie lachten einander an, verstehend und einfach; und vor dem Ausgang bekam er ihre pünktliche Adresse mit der heutigen Einladung. Ein leichtes und oberflächliches Abenteuer, ganz wie seine momentanen Ansprüche, Wert erhält es nur dadurch, dass er nicht mehr bezahlt dafür, als eine Nacht seiner Jugend und einen Haufen Blumen, für die er in seiner kavaliermäßigen Laune fast all sein Geld hingegeben hat. Wie schön – diese üppigreiche und dichte Masse der großen, weißen Ballen –, voll und reif erblüht, wie ein sich seiner selbst bewusstes Weib, das man ohne Gewissensbisse und ohne Verantwortlichkeit besitzen darf. Er ergötzte sich an ihnen und ließ die Aufregung des Weibbegehrens beinahe mit Gewalt hinüberfluten in sein, in diesem Moment so heiter lustbefriedigtes Wesen. Er schritt rascher vorwärts in der vornehm ruhigen Gasse, schaute tief atemholend die Nummer des kleinen Palastes an, eilte rasch hinauf und läutete im Stiegenhaus.

… Einige Minuten später stand er schon der alten Frau mit den Platinazähnen in der sich verdächtig rasch öffnenden Tür gegenüber.

– Sie wünschen?

Und ihre kleinen, antipathischen Augen komplimentierten ihn schroff der Schwelle zu, nicht erst wartend, bis er seinen Namen genannt hatte.

– Die Herrin empfängt heute nicht, antwortete sie kurz mit spöttischer Zufriedenheit, und schon war sie daran, die Tür vor ihm zuzuschlagen.

– So?, sagte der junge Mann plötzlich aufbrausend und erfasste die Klinke. Das möchte ich von ihr selbst hören!

Die letzten Worte klangen ein wenig gezwungen; er fühlte, dass er sogleich – sogleich lächerlich werden würde.

– Bedauere, plapperte das kleine Weibsbild ungeduldig, als ob es doch etwas befürchten würde, bedauere, sie hat Gesellschaft, vornehme große Gesellschaft.

Feindselig standen sie einander gegenüber, dann nahm der Jüngling in spöttischem Scherz den Hut tief herab, lachte auf und drehte sich auf den Fersen um. Was konnte er anderes tun? Aber unten auf der Gasse stieg ihm plötzlich gallige Wut in die Kehle. Er fluchte leise vor sich hin und biss sich in ohnmächtigem Zorn die Lippen wund. Er machte lange Schritte, hastete in nervöser Elastizität durch die summende, trunkenschwüle Abendluft, griff sich an die Stirn und fühlte die Spur einer perlenden Nässe.

– Ei, sieh doch mal!, brummte er ein wenig beschämt und schwang seine Arme im Weitergehen trotzig-lose in der Luft, indem von den herabhängenden Blüten eine duftende weiße Kugel, die an den Mantel strich, zu Boden fiel. Dort schimmerte sie unter dem fahlen Flor der Abenddämmerung.

– Soll ich das wegwerfen?, fragte sich der Jüngling stehenbleibend und den Fliederstrauß nochmals an das Gesicht drückend. Und war es das elastisch-leise Beben der Blüten oder vielleicht deren tief und kühl geheimnisvoller Duft, dass ihm eine Frau vom vorigen Jahr in den Sinn kam? Oder weil es so sein musste, dass ihm irgendeine einfalle in dieser gestörten halben Stunde? Jawohl, die Wohnung Marthens liegt nicht weit von hier; wenn er da herauskommt und dort einbiegt, dem Ring zu, wird er die Gasse schon kennen, wo sie atemlos und unter fröhlichem Gelächter sich fest umschlingend nach Hause liefen, an solchen ruhelosen Abenden – wie oft, wie viele wunderschöne Monate lange. Wirklich! Das waren liebe Stunden! Sie kamen, spielten sich ab und nahmen ein Ende: – Das ist das Schöne am Ganzen; man muss die Dinge beizeiten einstellen, solange sie noch nicht hässlich sind, dann bleiben sie uns so in der Erinnerung. Seine Nervosität ging langsam über in zärtliche Träumerei, als er an dies alles dachte … Ja, Martha, die leuchtendblonde, kaum zweiundzwanzigjährige kleine Witwe, die ihn da unten in ihrer Heimatstadt schon als Mädchen geliebt hatte; und als sie dann heraufkam, das vorige Jahr, wurde sie nach und nach die Seine, aber ganz naturgemäß und ohne zu feilschen, wie wenn jemand seine Bestimmung erfüllt; und sie ist schon während der Wartezeit im Reinen gewesen mit sich. Martha war jung, schön, frei und vermögend, es konnte nicht sein, dass es ihr an Männern mangelte, und ihr gesundes, passives Frauentum hatte das auch nicht notwendig in diesem Sinne; und ihn hat sie angenommen mit einer lieben und zarten Entschlossenheit, gerade ihn. Womit hat er ihre Liebe verdient? Oh! … Er wusste, dass sie seither »die Gardinen zugezogen« hatte, wie sie sich selbst ausdrückte, und ihr Leben geräuschlos und verschlossen dahingleite. Er zuckte die Achseln. Warum tut sie das? Kindisch genug, wenn es so ist! … Er wollte sich ärgern über sich, dass er einen Moment – wie die Dutzendmänner – sich fast gefreut hatte darüber, und dass er das ausschließliche und sich zufällig ihm zugewendete Gefühl eines Geschöpfes in Rechnung stellen, bewerten und aufspeichern konnte. Als ob das etwa Reichtum heißen, ihm zum Ruhm gereichen oder zum Wertmesser seines Selbst dienen könnte, dass es eine Frau gibt, die ihre Empfindungen und sich selbst nach Herzenslust vertändelt. Ja, auch Martha, dieses junge, frische Wesen voller Instinkte, auch sie hatte nachher affektiert; auf irgendeine Weise lernte sie es einmal; sie lernte sprechen, und ohne Erfahrung, blind hatte sie die gemeingültigen Worte, Fragen und Unterhandlungen eines Liebesverhältnisses gefunden. So sind sie alle! Die Minute brauchen sie nicht, sie verstehen deren Schönheit nicht, sie zerquälen sich, wühlen die Vergangenheit auf und den morgigen Tag, flechten Romane während der Umarmung. Und wie schön wären doch die Dinge so an sich! Hier kamen sie stets gemeinsam durch den Garten, mit törichtem Zagen und Zittern sich duckend, wenn im Halbdunkel eine herrenmäßige Gestalt sich näherte. »Ein Bekannter!« Da steht die Bank, wo sie sich manchmal gesetzt hatten wie zwei Vagabunden. In einem der Häuser dort vis-a-vis im dritten Stock wohnte ihre Mutter mit den jüngeren Schwestern; davor zitterte sie am meisten und wurde ein wenig traurig, wenn die beleuchteten Fenster auf sie herabblickten. Aber dann schloss sie die Augen, sie standen auf und liefen über den dunkeln Garten, ja, Flieder blühte hier damals, es war ein später Frühling; dieser Duft lag damals in der Luft, dieser tiefe, leichtzitternde, reif und voll durchdringende, und schnell eilten sie nach Hause damals …

Er schlug den alten Weg ein und unklar war er sich dessen schon bewusst, dass er zu ihr gehen werde, er ließ seine Schritte von irgendetwas tragen und ließ sich durch seine zaudernden Gedanken bloß ablenken, damit er sich dessen nicht allzu sehr bewusst werde und noch zurückkehrt. Warum auch, wenn es ihm jetzt, in diesem Augenblick so wohltut hinzugehen! Weshalb könnte denn das nicht sein, dass die, die sich einst gekannt hatten, sich aufsuchen könnten in der Stimmung einer einzigen Stunde und ihr Zusammentreffen deshalb doch zufällig und isoliert bliebe, nicht der Anfang oder die Fortsetzung von etwas; bloß ein Einfall, auf den sich nichts aufbauen darf. Aufs Neue anfangen? Nein, dazu hatte er keine Geduld mehr und dafür treiben sich auch viel zu viel Frauen in der Welt herum, mit denen er noch nichts zu tun gehabt – und die ihm noch winkten. Aber wenn diese eine vielleicht schon Intelligenz genug besäße, dass man mit ihr einen schönen Abend verbringen könne, ganz ohne weiteres? … Was ist es eigentlich, das die Frauen von derlei zurückhält? Offenbar die Angst vor der Gewöhnlichkeit der Männer oder der naive, konstruktive Sinn, mit welchem sie den Begriff »Liebe«, so großgeschrieben als ein absolutes und organisches Ding, als ein Ganzes empfinden, das entweder existiert oder nicht. Sie mit ihrem ewigen Entweder-Oder. Ob denn die Sache wirklich eine ganz andere ist, die sie unter demselben Namen verstehen, als die der Männer? Brauchen sie etwas anderes von dem Ganzen? Diese Frau ist ihm nicht eine Minute unbequem geworden nach der Trennung; ob sie wohl klug und originell genug sein kann, dass sie jetzt keine Fragen stellt? … Und sich selbst nicht mit Randbemerkungen versieht? …

Und wenn nicht? Wenn sie zu empfinden versucht oder hart wird, etwa beleidigt tut und unbehaglich spielt. Wenn sie, ihren vermeinten Triumph verbergend, mit vorsichtiger Berechnung und Zurückhaltung ein Haar breit nachgibt, um das Übrige aufzuheben für ein andermal, und mit kleiner, empörender Frauentaktik den Rückkehrenden nur Schritt für Schritt zu sich lässt? Oder wenn sie von ihren Tränen erzählt, die sie seither geweint, und ihn fühlen lässt, dass noch nichts vorüber, dass sie gewartet auf ihn; wenn sie mit den zäh dehnbaren Fäden ihrer Leiden eine Brücke geschlagen hatte zwischen Vergangenheit und dem heutigen Tag; wenn sie sich einbildet, ihm nicht einmal die Freiheit zurückgegeben zu haben, sondern ihn nur an loser Leine hielt und ihn jetzt, sieh’ da, einfach zurückzog, aufs Neue … Der Jüngling blieb stehen an der Ecke, lehnte den Rücken an einen Lampenpfosten und zauderte eine Zeitlang im Kampfe mit sich. Er wurde der vielen zynischen Grübeleien müde, – der entsetzlich jugendlichen Anstrengungen, vor sich selber nicht zu verlieren und den Stil seines Lebens ja nicht zu verderben. »Der Teufel auch!« – als wenn das große Wichtigkeit hätte! … Höchstens bleibt es ein Scherz, ein spöttischer Versuch, ein Misserfolg, der seine Voraussetzungen rechtfertigt; er lacht darüber; er kann ja zurückkehren auf halbem Weg, von wo immer, von wem immer … Mit einem kleinen, leichten, sich selbst betörenden Lächeln zupfte er die Flieder zurück und ging dem Tore zu.

Das bekannte, halbwüchsige Mädchen vom vorigen Jahr ließ ihn ein. Das war komisch. Sie sah ihm in das Gesicht und erkannte ihn sofort, aber sie war nicht atemlos erregt und kicherte nicht, wie vordem, sie lächelte nicht einmal, und man sah ihr die Überraschung doch an. Ein trauriger und ein wenig vorwurfsvoller Ernst lag in den Gesten der kleinen, dummen Magd, als sie einen Blick auf die Blumen warf und nickte, wie jemand, der jetzt schon alles versteht. Stumm ging sie ihm voran im schmalen Korridor und wollte im Speisezimmer die kleine elektrische Birne aufdrehen, ober dem braunen Divan.

– Nein! – protestierte der junge Mann und blieb stehen im Halbdunkel, um den alten, alten Duft der Wohnung mit geschlossenen Augen einzusaugen. Fast selbstvergessen trat er hinaus bei der offenen Erkertüre; man konnte die noch leichten, losen Schatten der üppig aufschießenden Sträucher des Platzes bis hierher sehen, beschienen von dem gelben Lampenlicht. Der Himmel draußen war trübe, und ein feiner, kleiner Regen rieselte, die ringsumher zitternden Düfte niederhaltend und ausscheidend.

– Ich werde fragen, ob man eintreten darf! – sagte ihm das Mädchen, nachdem sie eine Zeitlang gewartet hatte.

– Wieso?, fuhr er auf. Hat sich die Gnädige schon niedergelegt? Oder ist jemand hier?

Das Mädchen schaute ihn groß an.

– Ich frage, ist jemand zu Gast?

– Nein, bitte, niemand, sie sind schon alle fort. Die alte Gnädige kommt um 10 Uhr zurück zur Nacht. Denn, wissen Sie es denn nicht?, meine Gnädige, oh, ist heute operiert worden …

Der junge Mann trat zusammenfahrend in das Zimmer zurück.

– Fehlt was?

– Jetzt, Gott sei Dank, wird schon alles gut. ’S war ja auch nicht zum Sterben, die Krankheit, nur musste man etwas richten und ach drei Ärzte …

Aufgeregt wandte sich der Gast unwillkürlich dem Ausgange zu, aber das Mädchen stellte sich ihm mit hastigem Eifer entgegen. Fast flehte sie ihn an.

– Nein, bitte nur zu warten, ich bitt’ Sie, gleich werd’ ich melden. Sofort ist’s möglich!

Ein lebhaft gelber Lichtstreifen fiel hinter ihr her auf den dunklen Boden, als sie in der Tür des schwer mit Teppichen behängten Schlafzimmers verschwand. Der Jüngling blieb allein zurück; hastig und schnell besann er sich des Vorgefallenen.

– Wunderschöne Geschichte das!, zischte er und wischte sich über die Stirne.

Welch unglaubliche Dummheit, dass er heute hierherkommen musste. Durch diese Geschichte wird ja alles verändert und umwertet. Was für bedeutungsvolle, in Rührung getränkte Augenblicke werden gleich folgen! Eine Szene! Oh! – Seine jugendliche, ungeduldige Schamhaftigkeit der Seele kämpft hart an mit einem widerlichen Gegengefühl. Wunderbare Geschichte!

Jetzt, – ach, jetzt, sofort! Er wird hineingehen und sie sehen im Karbolgeruch, bleich im gelben Lampenlicht, – zwischen Spitzen und Bändern, die sie jetzt in der Eile auf sich werfen lässt, ihm zulieb. Mit ergriffener Miene wird er am Rand ihres Bettes stehenbleiben, leise zu ihr sprechen und Zärtlichkeiten murmeln. Und sie wird die Augen schließen in der Oberhoheit ihres Leidens, sich umstrahlt fühlen von einer zartschimmernden Gloriole: – Ermattet lässt sie ihre blassen Hände ihm entgegenfallen und ist zu schwach, um die Blumen emporzuheben. Er muss dann leise erzittern und sich stumm neben ihr Bett setzen, ihre Hände in den seinigen haltend, weich und zart. Schon sieht er die Kulissen, – Kulissen wachsen und sprießen rings um ihn her, in der Stille, und der hat keine Kraft sie aufzuhalten. Oh diese Szene! Tränen werden aufblitzen im Lampenlicht unter ihren schönen, schweren Wimpern, und er wird sich niederbeugen müssen und sie wegküssen. »Nicht wahr, du hast es gefühlt? Nicht wahr, dennoch? – Wie viel hab’ ich an dich gedacht!« … Schrecklich! Jetzt gleich wird er es hören.

Und in der missmutigen Verwirrung, die in seiner Seele hin- und herwogte, empfand er eine ehrliche, menschliche Scham. Des dummen Zufalls wegen, der ihn auf diese Weise gerade heute herbrachte zu ihr; wo doch dieses liederliche Geschöpf mit den roten Haaren, deren Blumen er hergebracht zu dieser, nicht einmal verdient, ihre Schuhe küssen zu dürfen. Dass das so ist, ist zum Aufschreien wahr – und doch; wie beschämend gleichgültig ihm das jetzt scheint. »Ich habe kein moralisches Gefühl, – es muss schon so sein, aber das ist so unwichtig, ich fühle es wenigstens nicht.« In der ganzen, aufblitzenden Gedankenreihe, während der kurzen Sekunden waren der einfache Zorn und die menschlich egoistische Empörung vorherrschend, dass er jetzt hineingeraten sei in etwas – gegen seinen Willen – infolge der bizarren Laune des Zufalls. Und dafür sollte er seine Freiheit einbüßen?

Nein! Erst recht nicht!

Er riss die Vorzimmertür auf und eilte rasch hindurch. Es schwante ihm, als ob er um Verzeihung gebeten, irgendwelche Entschuldigungen gestammelt hätte vor der ihm folgenden Magd. Dass ihm übel geworden … Nur schnell an die Luft, zurück!

Unten schlug ihm die Frische der feuchten, süßen Abendluft entgegen. Nun sah er, dass er die Blumen nicht mehr bei sich hatte. »Gut, dass ich wenigstens die bei ihr gelassen, der Armen!«, dachte er, aber er war nicht beruhigt und empfand eine nervöse Unbefriedigung. »Ein verdorbener Abend, das!«, brummte er missmutig, als er heimwärts ging.


Übersetzung
Aus dem Ungarischen (Übersetzer*in unbekannt)

Textnachweis
Aus: Pester Lloyd, 25. Dezember 1913, Morgenblatt, S. 7–8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Blumen, 1913

Die rote Perücke

von Marie Holzer (1874–1924)

Sie schaut in das elegante, hellerleuchtete Glasfenster, hinter dem Frisuren stehen in allen Formen und Farben. Auf leuchtenden Wachsbüsten mit rotgeschminkten Wangen und tief umränderten blauen, seelenlosen Augen.

Die rote Perücke möcht’ ich haben! Plötzlich lebt der Wunsch auf in der kleinen Studentin, heiß und sengend, wie ein Schmerz, wie ein heilig Gebot. Die rote Perücke mit den tiefen, breiten Wellen, den kleinen, schmiegsamen Ringelchen um die Schläfe und der großen duftigen Locke, die sich wie nach einer zärtlichen Bewegung zufällig losgelöst und hinter dem Ohr in den Nacken fällt.

Was sind die blonden, schwarzen, braunen Haare nichtssagend im Gegensatz zu der roten Perücke, die wie Feuer glänzt. Hell ringeln sich die Löckchen zu züngelnden Flammen, dunkel glüht der Scheitel, Sonnen sprühen, Leidenschaft glänzt im Flimmergold jeden Haares.

Ach, wär’ die rote Perücke mein! Könnt ich sie einmal tragen eine Nacht hindurch. Auf einem glänzenden Ball. Lichtüberflutete Säle. Herren in Frack und Uniform, Orden auf der Brust, Sterne, Kreuze. Damen in glitzerndem Schmuck und eleganten Toiletten, und ich mitten drin mit dem roten Haar, das halbgelöst in den Nacken fällt, dessen kleine Löckchen sich um meine klopfend warmjunge Stirne schmiegen, das Ohr küssen, meine Wangen liebkosen, das Schwarz meiner Augenbrauen betonen, meine Blicke leuchtend vertiefen.

Aller Augen sehen auf mich, hüllen mich ein in Glut und Licht. Und ein ander Leben erwacht in meinem Blut, mein Denken, mein Fühlen wird heißer unter der Feuersbrunst der roten Haare, meine Augen leuchten anders, meine Blicke würden wärmer, meine Worte trunken von seltsamer Fremdheit.

Stolz wie eine Siegesfahne trüg ich die rote Perücke durch den Saal – durch das Leben dann, und es lacht und lockt, verspricht und schenkt, betört und beseligt … Nicht wie jetzt bei toten Büchern sitzen, bei Worten mit fremdem Klang, bei Längstgestorbenen, deren Atem verweht, deren Gedanken bloß ein seltsam Leben führen, das man erwecken kann oder daran vorübergehen, und ich will nicht mehr, ich will nicht mehr …

Die toten Haare hier auf der kalten Wachsbüste, die will ich zum Leben wecken, sie würden zu reden beginnen, wenn ich darunter lachte. Tausend Wünsche steigen empor und umarmen mich. Gedanken haken sich fest, die mich umgarnen. Rote Sehnsucht rinnt in meinen Adern, Verlangen klopft in den Gliedern und um mich her, eine mir fremde, kalte Grausamkeit lauert im Herzen, und die Seele horcht, die Seele wächst und wächst …

Gedanken einer Mänade steigen empor aus dem roten Haar, Wünsche einer Circe, das Erinnern an tausend Erlebnisse, das Locken einer bleichen Nixe mit dem grünschimmernden Wunderleib. Sirenenlachen. Glutvolle Leidenschaft. Die Sehnsucht, die Jahrtausende geklopft in Milliarden Frauenherzen, stünde auf. Lebendig. Riesengroß. Lachend. Märchenhaft tief.

Schön wär’ ich und begehrenswert. Eine Siegerin, die lächelnd über zertretene Herzen geht, über kniend betende Seelen.

Ja, sie allein hat mir gefehlt zur Entfaltung meines Selbst, das fühl’ ich, das weiß ich. Meines Herzens Lachen, meiner Sinne Flamme, meines Geistes Feuer, sie alle warteten auf die rote Perücke, mit dem Haar aus Feuergold, auf die Vision der roten Perücke.

»Mein Fräulein!«

Ein Herr steht neben ihr mit suchenden Augen und einem leis-verlegenen Lächeln.

»Mein Herr.« Sie lächelt, das erste Mal, dass sie sich nicht empört fortwendet, sondern lächelt, und sie fühlt die Kraft dieses Lächelns.

»Fräulein, was sind die leblosen Haare hier im Gegensatz zu Ihrer blonden Lieblichkeit.«

Sie sieht ihn an.

»Darf ich ein Stückchen mitgehen. Es ist ein so schöner Abend heute, voll dunkler Geheimnisse.«

Entschlossen richte sie sich auf. »Kaufen Sie mir die rote Perücke.«

»Vielleicht – später«, meint er ausweichend.

Sie lacht höhnisch. »Für mich gibt es nur einen Kaufpreis, und der muss gleich erlegt werden.«

Er wartet und rechnet. Dann sinkt er zusammen. Er hat nicht so viel und wird wohl niemals so viel beisammen haben. Aber er mag nicht fort. Die kaltfunkelnden Augen locken ihn, und er vertraut der Macht seiner jungen, bittend-demütigen Augen. Aber sie sieht über ihn hinweg, bis er fortschleicht.

Ihre Augen umwerben wieder die rote Perücke, und sie weiß, sie wird sie tragen.


Textnachweis
Aus: Die Aktion. Wochenschrift für Politik, Literatur, Kunst, Jg. 4, 1914, Sp. 41–44. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Helene Schjerfbeck, Mädchen mit blondem Haar, 1916

Die Stimme im Grammophon

Novelle von L. Andro (1878–1934)

Der Nervenarzt wollte eben in seine Privatwohnung hinübergehen, als ihm das Stubenmädchen meldete, im Wartezimmer sei noch eine Dame, die gebeten habe, zum Schlusse daranzukommen, da ihr Fall ein besonders komplizierter sei und viel Zeit erfordere.

Der Arzt zuckte ärgerlich die Schultern. Einmal, weil jeder Patient seinen Fall für besonders schwierig hielt, dann aber auch, weil er sich darauf gefreut hatte, den Tee mit seiner Frau und seinen vielbeschäftigten halberwachsenen Kindern zu nehmen. Es war die einzige Stunde des Tages, in der er sie sah und aus der er, schweigsam ihren Gesprächen lauschend, Kraft für vergangene und zukünftige Strapazen holte. Allein die Pflicht ging vor.

Die Frau, die eintrat, war jung, schlank und in Trauer gekleidet. Im Arm hielt sie, eng an sich gepresst, ein flaches, kreisrundes Päckchen. Auffallend an ihr waren die schöne falbe Mähne und die rötlichen, stark gezeichneten Brauen, die über der Nasenwurzel zusammenstießen. »Kriegswitwe, die sich in ihren Zustand nicht finden kann«, diagnostizierte der Arzt für sich, während er in der sachlich-väterlichen Art, die zu seinem Berufe gehörte, die ersten Fragen an sie stellte. Er hatte sich nicht getäuscht. Ihr Mann war im ersten Kriegsjahre gefallen. Mit Erleichterung merkte er, dass sie zu jenen gehörte, die, nachdem die ersten Hemmungen überwunden sind, reden wollen, reden müssen. Er sah verstohlen auf die Uhr. Mit dieser Art, die nicht erst auf langen Umwegen zum Abreagieren gebracht werden musste, wurde man rasch fertig.

Sie war nur ein halbes Jahr verheiratet gewesen, als der Krieg ausbrach. »Wir hatten jahrelang aufeinander warten müssen, mein Mann und ich«, erzählte sie, »und waren viel getrennt gewesen. Dann ermöglichte eine Erbschaft uns die Heirat. Wir waren sehr glücklich – sehr.«

Der Arzt dachte bei sich, dass sie hübsch sein müsste, wenn sie besser aussähe als jetzt, wo die Backenknochen allzu sehr hervortraten.

»Mein Mann machte erst kurze Zeit Garnisonsdienst, und schon das war schlimm, weil wir stündlich vor der Trennung zittern mussten. Endlich musste auch er hinaus. Am Abend, bevor er fortging, brachte er mir etwas mit. ›Damit du doch etwas von mir hast, wenn ich fort bin‹, sagte er.« Sie öffnete das kreisrunde Paket, das sie bis dahin krampfhaft festgehalten hatte. Der Arzt sah mit Erstaunen eine Grammophonplatte darin liegen.

»Er war bei einer Grammophongesellschaft gewesen und hatte die Platte für mich besprochen«, fuhr die Frau fort. »Der Einfall erschien mir zuerst absurd. Das Grammophon war das vielbespöttelte Hochzeitsgeschenk einer Tante gewesen, wir mochten es nicht leiden und hatten es gleich auf den Boden geschafft. Aber als mein Mann fort war, holte ich es in mein Zimmer. Lange wagte ich es nicht, die Platte zum Sprechen zu bringen. Aber an dem Tage, an dem seine erste Feldpostkarte kam, als es Abend wurde und die Bangigkeit immer größer, tat ich es doch. Da hörte ich seine Stimme …«

Sie stockte. »Weiter«, sagte der Arzt.

»Diese Stimme sagte liebe, liebe Worte. Ich war unbeschreiblich glücklich und unbeschreiblich traurig. Ich getraute mich aber nicht, mir dieses schmerzhafte Glück oft zu gönnen. Bis eines Tages die Nachricht kam, dass er gefallen war …«

Die Stimme versagte ihr. Der Arzt nahm ihre zuckende Hand in die seine, redete freundlich einlullend und fragte schließlich: »Sie blieben in sorgenvollen Verhältnissen zurück?«

»Eigentlich nicht. Die Zinsen der kleinen Erbschaft konnten für meine bescheidenen Bedürfnisse gerade ausreichen. Das war vielleicht nicht einmal gut, denn nun hatte ich an nichts zu denken als an meinen Verlust. Ich stand ganz allein, an ihn hatte ich mich ganz und gar hingegeben. Da nahm ich meine Zuflucht zum Grammophon, erst zögernd, dann immer häufiger. Seine Stimme, die ich hören konnte, so oft ich wollte, täuschte mir seine Gegenwart vor, täuschte mir Liebesstunden vor. Sehr bald verspann ich mich ganz und gar hinein. Die paar Menschen, die ich kannte, fanden, ich sei sonderbar geworden. Ich konnte ihnen ja auch nicht erklären, was ich jeden Tag neu erlebte.

Das ging monatelang so fort«, fuhr die Frau fort, »jahrelang. Dann kam aber allmählich ein Unbehagen über mich, so etwas wie Überdruss.

Ich sehnte mich immer noch nach seiner Stimme, aber ich hätte gern andre Worte vernommen. Ich kannte jede Einzelheit des Klanges schon zu genau, wusste, wo er undeutlich wurde, wo die Maschine schnarrte. Aber immer und unabänderlich kam das Gleiche, und ein Gefühl der Abneigung wurde immer stärker in mir. Ich hätte ja nun bloß das Grammophon nicht mehr aufzuziehen gebraucht, nicht wahr? Aber es war wie ein fremder befehlshaberischer Wille über mir, es zu tun, auch wenn ich mir noch so fest vorgenommen hatte, es sein zu lassen. Ich wurde immer erbitterter gegen ihn, der ihn mir aufzwang. Verschiedenes Halbempfundene, längst Vergessene kam mir wieder zum Bewusstsein, zum Beispiel …«

»Zum Beispiel?«, fragte der Arzt.

»Es lässt sich schwer ausdrücken. Vieles, was ich früher auch schon gefühlt hatte, was aber wie unter einem Schleier gelegen war. Die Erinnerung an Gewohnheiten von ihm, die ich nicht sehr liebte, auch dass mein Mann viel älter war als ich und mir seine Zärtlichkeit oft ungestüm aufgedrängt hatte. Und dass ich einmal schon in unsrer Verlobungszeit ihm sein Wort hatte zurückgeben wollen, ich weiß selbst nicht recht, warum. Das Grammophon hatte einen großen, bläulich lackierten Trichter, und schließlich war mir’s, als sei ich einem Ungeheuer mit einem riesigen blauen Maul verfallen, als sperre es seinen Rachen nach mir auf und wolle mich verschlingen.«

»Idée fixe«, nickte der Arzt. »Nur weiter.«

»Einmal versuchte ich eine kleine Reise. Doch kaum war ich fort, so trieb es mich unwiderstehlich wieder heim. Auf der Rückfahrt im Coupé lernte ich einen jungen Mann kennen; er nahm sich meiner freundschaftlich an, wir sahen uns wieder. Es dauerte nicht lange, so konnte ich merken, dass er mich liebte, und auch ich fühlte Neigung für ihn. Nun wäre es wohl das Natürlichste gewesen, wenn ich mich von dem bösen Zauber des andern befreit hätte, allein ich vermochte es nicht. Sooft ich die Liebesworte des Lebenden gehört hatte, schlich ich ans Grammophon und lauschte denen des Toten – diesen entsetzlichen Worten, die erst der Maschine bedurften, die mich bis in meine Träume verfolgten. Die Heiratspläne meines Freundes wies ich von mir. Ich bildete mir ein, der erste müsse noch am Leben sein, irgendwo verschollen, und eines Tages wieder auftauchen – dergleichen kommt ja vor. Ich suchte seine Kameraden auf – sie hatten ihn mit einem Kopfschuss fallen gesehen, ordnungsgemäß identifiziert, in Russland irgendwo begraben. Ein Zweifel war gar nicht möglich, dennoch zweifelte ich – ich kann nur nicht recht sagen, woran, vielleicht nicht so sehr an seinem leiblichen Tode als an seinem andern. Ich habe es nicht gewagt, meinen Freund zu heiraten, aber ich habe mich nicht einmal getraut, ihm meine Liebe zu schenken – immer, wenn er mich in seine Arme nehmen wollte, hörte ich die Stimme des andern, nicht die wirkliche, sondern die furchtbare Grammophonstimme mit den ewig gleichen Worten, und es war mir, als ob man mir Nägel ins Gehirn triebe.«

»Wie kommt es«, fragte der Arzt, »dass Sie es nie versucht haben, sich der Grammophonplatte zu entledigen?«

»Ich habe es ja versucht! Ich habe sie vor mir selbst versteckt, sie in den Keller getragen und auf den Boden – immer wieder aber zwang mich etwas, sie in mein Schlafzimmer zu holen. Ich habe mit dem Hammer davor gestanden, bereit, sie zu zerschlagen – da war es mir, als ob er auf meines Mannes Kopf niederfallen würde, und ich konnte nicht zuschlagen.«

»Der Fall ist so einfach, meine liebe gnädige Frau«, sagte der Arzt und legte seine braune, schlanke Hand auf die Platte, »so unendlich einfach, dass ich mich wundere, wie Sie selbst nicht auf die Lösung verfallen. Das Ding bleibt hier bei mir, da ist es gut aufgehoben. Das, was Sie seine Zauberkraft nennen und was in Wirklichkeit nichts ist als die sinnlich entzündende Kraft einer Erinnerung, wird in dem Augenblick aufhören, in dem Sie seinem Einfluss entzogen sind. Wenn ich Ihnen aber etwas raten darf – Sie sprachen von einem Freund?«

Die Frau errötete. »Einem mindestens, dem an meiner Liebe liegt.«

»Wenn Sie auf mich hören wollen – schenken Sie ihm diese Liebe. Sie sind eine erotisch sehr lebhaft veranlagte Natur, das plötzliche Herausgerissenwerden aus junger Ehe, die lange Einsamkeit, der eingebildete Kontakt mit einem Toten haben Sie zermürbt. Sie werden jetzt so leben, wie ich’s Ihnen vorschreibe, und in ein paar Wochen wieder bei mir erscheinen. Ich werde dann hoffentlich nichts zu konstatieren haben, als dass sie eine gesunde und glückliche Frau geworden sind.«

Der Arzt verordnete ihr eine leichte Kaltwasserkur und Bewegung im Freien, mehr, damit sie das Gefühl hatte, nicht umsonst beim Arzt gewesen zu sein, als weil er es für nötig hielt. In Wirklichkeit, das wusste er, war sie schon gesund, weil sie von ihrem bösen Fetisch befreit worden war. Sie warf noch einen letzten furchtsamen Blick auf ihn, der still und harmlos im Panzer seiner geheimnisreichen Zeichen auf dem Schreibtisch lag und ihr nichts mehr anhaben konnte. Dann wandte sie sich zum Gehen, hoch aufgerichtet, befreit und jetzt mit einem kleinen spöttischen Lächeln für die kreisrunde Zauberscheibe, von der sie sich nun erlöst fühlte.

Der Arzt ging hinüber in sein Wohnzimmer. Die Teestunde war längst vorüber, die Kinder an ihre Aufgaben gegangen, aber am Tisch saß noch immer wartend die Frau des Arztes, die silberne Kanne vor sich, die mit einer grünseidenen Teepuppe bedeckt war. »Das hat heute lang gedauert«, sagte sie freundlich und goss ihm ein. »Du bist wohl recht müde?«

Der Arzt nickte schweigend und in Gedanken. Es gab ihr kein Wort für ihr Warten und dafür, dass sie ihn mit sanften Händen umsorgte, alles nach seinen Wünschen zurecht machend. Die Frau beugte sich auf ihre Arbeit herab und dachte: Niemals ein gutes Wort, nie einen freundlichen Blick. Er merkt die Mühe nicht, die ich aufwende, um Behagen rings um mich zu verbreiten, er sieht die Blume auf dem Tisch nicht, die so schön im Licht der Lampe glänzt, merkt nicht die neue Haartracht, die meine grauen Haare verbergen soll, und nicht, wie ich allein bin, wie die Jahre vergehen und ich mich nach einem kleinen lieben Wort sehne. Es braucht so wenig, ein bisschen Glück zu schenken! Es gibt Tage, an denen man es haben muss, weil sie sonst zu grau sind und mit den gewesenen und noch kommenden zu einem einzigen trüben Nebel verfließen. Das begreift er nicht. In der Seele seiner Patienten bemerkt er die feinste Einzelheit. Dass ich da neben ihm sitze und still verblühe, das sieht er nicht.

»Haben die Kinder nicht einmal ein Grammophon gehabt?«, fragte der Arzt aus seinen Gedanken heraus.

»Jawohl«, sagte sie erstaunt. »Aber sie mochten es so wenig leiden wie wir, da habe ich es in die Rumpelkammer getan.«

»Wenn du es heraussuchen lassen könntest«, bat der Arzt. »Ich möchte ein Experiment damit machen.«

Die Frau gab dem Mädchen den Auftrag. Der Arzt trank seinen Tee zu Ende und überlegte, dass er noch ein paar Minuten Zeit hatte, ehe er zu einem Konsilium musste. Er nickte seiner Frau zu und verließ schweigend das Zimmer.

Drüben bei ihm stand schon das Grammophon, etwas verstaubt, aber intakt. Es hatte gleichfalls einen blaulackierten Trichter, darüber musste er lächeln. Er schraubte die Platte ein, die auf seinem Schreibtisch lag. Die Befürchtung, dass sie von einer andern Marke sein und nicht funktionieren würde, hielt nicht stand, denn alsbald ertönte das charakteristische Schnarren und dann sagte eine Männerstimme leise aber deutlich: »Mein Liebling, mein Einziges, ich will, dass du immer an mich denkst, du sollst nicht traurig sein, ich bleibe immer um dich.« Die Stimme sprach weiter, zögernd zuerst, befangen, allmählich aber sich immer mehr erwärmend. Sie sprach Liebesworte, immer heißere, und geriet schließlich ganz in Wünsche, Erinnerungen, Kosenamen, die aus gemeinsamem Erleben geschöpft sein mussten. »Unglaublich!«, dachte der Arzt. »Da hat der Mann gestanden und solche Sachen zu seiner Frau gesagt, die gar nicht dabei war, während zwei Kerle vor ihm herumkurbelten!« Er unterbrauch die Vorführung und schaltete die Platte aus. Der Fall war für ihn abgeschlossen. Wenn alle so rasch zu kurieren wären!, dachte der Arzt, nahm Hut und Rock und beschäftigte sich im Gehen mit dem viel komplizierteren Fall des maniakalischen Rumänen, der Hilfe von ihm erhoffte.

Es war schon Abend, und man konnte nicht viel mehr sehen, aber am Fenster stand doch die Frau des Arztes und sah der dunkeln Gestalt ihres Gatten nach. Wie immer ging sie hinüber in sein Ordinationszimmer, nachzusehen, ob Ordnung zu schaffen wäre, und wohl auch, um noch ein wenig von seiner Atmosphäre einzuatmen. Das Grammophon war noch da, und die Platte lag daneben. Mechanisch schaltete die Frau sie ein. Das Schnarren begann, und eine Männerstimme fing zu sprechen an. Die Frau lauschte. Sie hörte Liebesworte, nach denen sie sich immer gesehnt hatte. Worte eines Menschen, der besaß, der aber seines Besitzes nicht müde geworden war, sondern in zitternder Angst danach strebte, sich ihn zu erhalten. Einen Augenblick kam ihr der Gedanke, ob nicht ein Schauspieler hier etwas aus einer Rolle spräche, aber diese Stimme war nicht kunstvoll geschult, sie sprach einen leisen, nicht eben schönen Dialekt, sie stockte oft und suchte nach Worten, die beinahe einfältig klangen. Dies, das fühlte sie, war Wirklichkeit. Sie zerbrach sich den Kopf nicht darüber, wie die Platte hiehergekommen sein mochte; wichtig war nur, dass sie hörte, was sie selber brauchte. Sie lauschte mit heißen Wangen, und als alles zu Ende war, schaltete sie die Platte noch einmal ein.

Sie versuchte sich vorzustellen, dass ihr Mann diese Worte zu ihr sprach, aber diese Illusion wollte sich nicht zusammenballen lassen, sie zerstob sofort. Dennoch fühlte die Frau mit einer heißen Leidenschaftlichkeit, die sie bis dahin nicht gekannt hatte, dass sie noch einmal Wahrheit werden müssten, ehe das unerbittliche Alter kam. Sie dachte an einen Mann – und zum ersten Mal in seiner Abwesenheit dachte sie bewusst an ihn, der ihr in Gesellschaft zuweilen begegnete und dessen Blicken anzumerken war, dass er um ihre Einsamkeit wusste. »Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen«, baten Wort und Blick. Er hatte ihr nichts gegolten bis jetzt. Aber nun kam es ihr in den Sinn, dass er sie liebte, dass er ihr vielleicht so heiß aufreizende Worte sagen könnte wie die Stimme im Grammophon. Etwas war in ihr geweckt, etwas Wildes, Verzweifeltes, als stünde sie vor einem Abschied und müsse noch ein letztes Glück genießen. Einen Augenblick zögerte sie noch. Der leichte Duft von Seife, Desinfektionsmitteln und Zigarettenrauch, den ihr Mann ausstrahlte, war noch im Zimmer. Dann sah sie seinen grenzenlos gleichgültigen Blick über sich hinweggleiten, sah den blauen Trichter des Grammophons, in dem zum dritten Mal die Worte in einem leisen Schnarren verklangen. Sie sah den andern vor sich, den sie rufen durfte, wenn sein Augenblick gekommen war.

Die Frau des Arztes ging ans Telefon.


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Tagblatt, 15. Mai 1921, S. 19–21. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anita Rée, Bildnis Dr. Malte Wagner, 1920

Von Himmelfahrt bis Pfingsten

Novellette von Carry Brachvogel (1864–1942)

»Herrlicher Pfingstaufenthalt. Historisch hochinteressantes Städtchen, von Wäldern umgeben, reine, ozonreiche Luft, prächtige Spaziergänge, Fernsicht auf die Gebirgskette, beste Verpflegung bei mäßigen Preisen. Für Pfingsten besonders günstige Zugsverbindung mit allen Knotenpunkten des Reiches. Erholungs- und Ruhebedürftigen besonders zu empfehlen.«

So konnte man kurz vor dem Himmelfahrtstage in vielen großstädtischen Blättern lesen, denn die Gemeindeverwaltung besagten »historisch-hochinteressanten Städtchens« hatte beschlossen, nicht länger hinter der Konkurrenz anderer »herrlicher Pfingstaufenthalte« zurückzustehen, und harrte nun der Gäste, die nach ihrer Ansicht doch in Scharen herbeiströmen mussten. Nur Peter Beringer, der Kirchenmaler, lächelte ironisch in sich hinein, wenn er diese gemeindlichen Pfingstträume vernahm. Er saß in seiner Werkstatt und legte sachverständig schönes, leuchtendes Kobaltblau auf den verblassten Mantel einer holzgeschnitzten Gottesmutter, die, also verschönt, am Pfingstsonntag wiederum in dem Dorfkirchlein prangen sollte, aus dem sie vor kurzem in dies Sanatorium für Heiligenbilder und -figuren, in die Werkstatt Peter Beringers, gekommen war.

Peter zuckte zwar stets ein wenig ärgerlich mit den Brauen, wenn sie im Städtchen sich durchaus nicht daran gewöhnen konnten, seinen Arbeitsraum »Atelier« zu nennen, wie er ihnen unermüdlich vorsagte, aber diese kleine Stadt war für Neuerungen nur schwer zugänglich und seit Jahrzehnten gewohnt, von der »Werkstatt« des Kirchenmalers zu sprechen. Für sie alle, deren Leben ruhig und immer im gleichen Gleis dahinfloss, war es schon Zumutung genug, dass sie sich daran gewöhnen mussten, in besagter Werkstatt nicht mehr den weißbärtigen alten Kirchenmaler zu sehen, der vor etlichen Jahren gestorben war, sondern seinen Nachfolger, den sie freilich auch schon gut kannten, denn Peter war jahrelang die rechte Hand des alten Herrn gewesen, ganz buchstäblich die rechte Hand, denn als der alte Kirchenmaler nicht mehr auf Gerüste steigen, sondern nur noch Heiligengestalten über Haustüren oder in der Werkstatt ausbessern konnte, da war Peter Beringer hilfreich an seine Stelle getreten. So war es ganz selbstverständlich, dass er nach dem Tod des alten Kirchenmalers das Geschäft übernahm, und nicht minder selbstverständlich schien es, dass er die Enkelin des Verstorbenen, die blonde Elsbeth, heiraten würde, die mit ihrer verwitweten Mutter in dem Hause wohnen geblieben war, in dem sich die Werkstatt befand.

Peter hatte grundsätzlich nichts gegen diese Heirat einzuwenden. Elsbeth war jung, tüchtig im Hauswesen und mit jener bescheidenen, aber fest umrissenen Bildung ausgestattet, die in ländlichen Klosterinternaten erworben wird. Sie war noch ein wenig Mädchen alten Stils: saß lieber über einer Handarbeit als auf dem Rodelschlitten, zog ein schönes Buch dem Kino vor, sann nicht über Probleme der Willensfreiheit oder indischer Magie, sondern nahm das Leben dankbar und fröhlich hin.

Peter aber nahm es nicht fröhlich hin, denn er hatte etliche Jahre die Kunstakademie besucht, hielt sich darum für ein großes Talent und haderte mit dem Schicksal, dass es ihm nicht gestattete, jahraus, jahrein unverkäufliche Bilder zu malen, sondern ihm als Kirchenmaler eine auskömmliche Existenz geschaffen hatte. Um seinem misshandelten Talent (oder was er dafür hielt!) wenigstens einigermaßen gerecht zu werden, hatte er sich neben der Werkstatt einen abgesonderten Raum als »Atelier« eingerichtet, in dem er, wenn die Brotarbeit ihm Zeit ließ, Kitschbilder malte, sich in den wonnigen Schmerz der verkannten Genies hineinwühlte und von der Welt, der großen Welt träumte, nach der seine ganze Sehnsucht ging. Hinaus wollte er, nicht nur höher, sondern überhaupt hinaus aus dieser kleinen Stadt, in der das Leben ruhig, klar und gleichmäßig dahinfloss wie der Bach, der ihre Mühlenräder drehte. Peter aber wollte kein Leben im Bachstil. Er wollte die Wogen des großen Lebens brausen hören, mitschwimmen in der Welle, die über kühne Schwimmer tausend Lichtfunken hinsprüht, dass sie trunken werden vor Licht und Glanz und seligem Kraftgefühl. »Die bunte Welle« – seit er diesen Film mit Iva Ivetti gesehen hatte, ließ ihn die Vorstellung solchen Lebens nicht mehr los. Im Gegensatz zur blonden Elsbeth war er ein eifriger Kinobesucher, und die »bunte Welle« hatte er mindestens fünf- oder sechsmal an sich vorübergleiten lassen. Vor Iva Ivettis pikantem Bubikopf verblich der Blondschopf Elsbeths wie der malerische Zauber der kleinen alten Stadt mit ihrem rosenverhängten Wall, ihren mittelalterlichen Türmen und Toren vor den Bildern großstädtischen Lebens verblichen, die auf der Leinwand an Peters begeisterten und gläubigen Augen vorbeizogen.

Und siehe da! Knapp vor Himmelfahrt kam die bunte Welle wirklich in das Städtchen gerauscht! Oder nein, nicht gerauscht, sondern verkündet durch die Hupe eines Autos, das vor der »Goldenen Krone« hielt und dem eine Dame entstieg, wie man in diesem Bezirk noch keine gesehen. Zunächst war sie freilich ganz in Leder eingemummt, als wäre sie nur ein eleganter Koffer; als sie aber die Autovermummung abgelegt hatte, stand eine Gestalt da, wie aus dem letzten Modejournal gestiegen. Ein lachendes Gesicht unter einer Bubifrisur. Ihr hochgetürmtes Gepäck war nicht minder elegant wie sie, und der Wirt zur »Goldenen Krone« kam sich zu gleicher Zeit wie ein Begnadeter und wie ein Schächer vor. Wie ein Begnadeter, weil so viel Holdseligkeit und Zahlungsfähigkeit bei ihm absteigen wollte, und wie ein Schächer, weil er den Ansprüchen der Dame nur unvollkommen genügen konnte, denn sie begehrte ein Appartement mit Bad und Salon. Als er verlegen und stammelnd erklärte, dass sein bescheidenes Haus solchen Luxus nicht besäße, wurde sie nicht ungnädig, sondern begnügte sich mit zwei Zimmern, von denen eines eilig und so gut wie möglich in einen Salon umgewandelt wurde. Jedermann in der »Goldenen Krone« war neugierig, wie sich die Fremde auf dem Meldezettel einschreiben würde, und als man ihren Namen las, wuchs das Staunen ins Ungemessene. Von der »Goldenen Krone« aus verbreitete es sich im Städtchen, und das flüsternde Raunen und Staunen drang auch durch Peters Tür, der eben seinen Lehrjungen ausschalt, weil er mit dem Goldstaub so leichtfertig umging, als könnte man ihn auf der Straße auflesen.

Peter vernahm die seltsame Mär, wollte ungläubig den Kopf schütteln, strich aber doch an diesem Tag eifrig um die »Goldene Krone« herum. Und wahrhaftig! Das Gerücht hatte nicht gelogen. Die Dame im Bubikopf war sie, die bunte Welle, Iva Ivetti!

Das Herz stand ihm beinahe still vor Schreck und Glück. Und Iva, die sah, welchen Eindruck sie machte, lächelte ihm zu und gab dem Lächeln einen Blick mit, dass Peter meinte, schon in der bunten Welle zu schwimmen. Selbstverständlich führte ihn sein Weg nun zwei- bis dreimal täglich an der »Goldenen Krone« vorüber, und weil ihm Iva jedes Mal gütiger zulächelte, fasste er sich eines Tages zu seinem eigenen Staunen ein Herz, trat mit Verbeugungen und hochrotem Gesicht auf sie zu und stammelte Unzusammenhängendes von Bewunderung und Verehrung.

Iva sah ihn nachdenklich an und sprach freundliche Worte. Da sie merkte, wie glücklich er dastand, lud sie ihn sogar in ihren improvisierten Salon, ließ Tee bringen, bot dem sich im Paradies Wähnenden Zigaretten an, rauchte selbst mit jener Grazie, die Peter schon in der »Bunten Welle« hingerissen hatte. Dazwischen plauderte sie von der großen Welt, die er immer nur von ferne brausen hörte, das heißt, sie sprach nur von sich und ihrem Leben. Von den Anstrengungen ihres Berufes, von den Reisen, die sie durch alle Weltteile führten, von den Triumphen, die sie überall feierte, von ihrem Palais in Berlin. Peter war berauscht. Kaum, dass er nachts ein Auge zutun konnte, so tanzten all die Bilder vor ihm, die Iva ihm entrollt hatte. Und – o Glück! Der Rausch erneuerte sich Tag für Tag, denn Iva schien großes Gefallen an Peter zu finden, lud ihn immer wieder in ihren Salon, erkundigte sich nun auch nach seinem Leben, besuchte seiner Werkstatt, war entzückt von seinen braven Bildern, sagte, dass er nicht am richtigen Platze stünde, und gewährte ihm schließlich, was er nie zu hoffen gewagt hätte: Sie saß ihm für ein Porträt. Eine einzige Bedingung knüpfte sie daran: »Es darf nicht ausgestellt werden! Ich will es ganz still für mich behalten.« Da er sie fragend ansah, sagte sie seufzend in düsterem Ton: »Fragen Sie nicht, Sie großes Kind! Es gibt im Leben Verhältnisse und Abgründe, von denen Sie nichts ahnen! Meine Sicherheit gebietet mir, für einige Zeit aus der Öffentlichkeit zu verschwinden …, im Privatleben meine ich. Man ist ja umstellt von Neidern und Verbrechern. Darum habe ich mich hierher geflüchtet in die Stille, zu guten Menschen, die von den Intrigen der Großstadt und der Kollegen nichts wissen.«

Wie von Schmerz überschauert bedeckte sie die Augen mit der Hand. Peter war erschüttert. Am liebsten wäre er vor ihr niedergestürzt, hätte ihr die Hände geküsst und geschworen, dass er sie wie ein Ritter gegen jedermann verteidigen wolle. Aber es gebrach ihm dann doch an Mut zu solch heldischer Pose, und so machte er sich an das Porträt, dessen Umrisse sich bald auf der Leinwand zeigten.

In der Werkstatt ging indessen alles drunter und drüber, und der Lehrjunge hielt es für angezeigt und ungefährlich, einen alten Küchenschemel seiner Mutter mit Goldverzierungen zu versehen.

Peter plätscherte in Seligkeit über die bunte Welle. Iva Ivetti hatte ihm erklärt, dass sie es für ihre künstlerische Pflicht halte, ihn der Kleinstadt zu entreißen und ihn an den Platz zu führen, der einem jungen Meister (wahrhaftig, sie sagte »junger Meister«) gebühre. Sie würde ihn mitnehmen in die Hauptstadt – alles weitere sollten ihre vornehmen und einflussreichen Freunde besorgen.

Die Stadt sprach nur noch von Iva Ivetti und von dem ungeheuren Reichtum, der um sie her war. Jede Woche brachte der Briefträger ihr einen Wertbrief, und das Zimmermädchen der »Goldenen Krone« erzählte von Spitzen, Seidenwäsche und Essenzen, dass allen Damen ringsum die Haut schauderte vor Entzücken und Entrüstung. Peter aber ging einher, schon ganz »junger Meister«, ganz Günstling von Fürsten, Filmsternen und verwandten Gesellschaftsklassen. Und weil Iva Ivetti eben von der Großzügigkeit der Weltdame war, für die Geld keine Rolle spielt, fragte sie Peter bei einer der Sitzungen mit charmantem Lächeln, ob er ihr für ein oder zwei Tage mit etwa tausend Mark aushelfen wollte, ihr Wertbrief habe sich diese Woche verspätet, und – hier zögerte sie ein wenig.

»Und ich hatte mir’s so hübsch gedacht, wenn wir beide über Pfingsten von hier wegflögen, irgendwo hin, wo es still ist, stiller, als es hier zu Pfingsten sein wird. Ich bin überzeugt, dass das Inserat eine Menge anderer Leute anlocken wird, wie es auch mich angelockt hat! Besonders Kolleginnen und Kollegen von mir werden nicht widerstehen. Wir Geistesarbeiter sind ja am ruhe- und erholungsbedürftigsten! Und darum meinte ich, Sie und ich könnten dem Schwarm aus dem Weg gehen, das heißt, wenn Sie wollen! (Ein Blick traf ihn bei diesen Worten, ein Blick, der sich nicht schildern lässt.) Aber ohne Geld kann ich natürlich weder abreisen noch ausfliegen. (Ein Lächeln, so kindlich-vertrauend und auch so verheißend, dass es sich ebenfalls nicht schildern lässt.) Und darum, wenn Sie so freundlich sein wollten …«

Ob er wollte! Er war beglückt von ihrem Vertrauen und entzückt von der Unbefangenheit, mit der sie ihn bat! Wenn er dagegen an das kleinstädtische Getue dachte, das die Frauen rundum bei allen Geldangelegenheiten zutage förderten! Er hatte just vor kurzem eine kleine Erbschaft gemacht, beschämt, dass es nur neunhundertzwanzig Mark waren, händigte er sie Iva ein.

Sie hauchte: »Ich danke Ihnen, mein Freund, die Bitte ist mir doch schwerer geworden, als Sie denken! Aber nun wollen wir auch ein schönes, stilles Pfingstfest haben, ganz für uns! Sonnabend vor Pfingsten wollen wir abreisen! Denken Sie sich aus, wohin! Sie sind ja hier in der Gegend besser bekannt als ich!«

Er hatte gar nicht nötig, sich etwas in dieser Hinsicht auszudenken, denn dank der besonders günstigen Pfingstzugsverbindung langte an besagtem Sonnabend neben einem kleinen Häuflein Gäste auch die Polizei an, und nun kam sich der Wirt zur »Goldenen Krone« nicht nur wie ein Schächer, sondern auch wie ein bekanntes Grautier vor. Die Polizei verhaftete nämlich eine bei ihm wohnende Hochstaplerin, die unter Missbrauch des Namens Iva Ivetti schon zahlreiche Betrügereien verübt hatte. Ehedem Zofe bei der echten Filmdiva, hatte sie, während die Diva auf Reisen war, sich aus deren Garderobe reich ausgestattet und trat überall unter dem Namen der ehemaligen Herrin auf. Die große Sicherheit ihres Benehmens und eine oberflächliche Ähnlichkeit mit der Filmdiva kamen ihr bei den Betrügereien zustatten und die einlaufenden »Wertbriefe« erhöhten ihren Kredit. Man fand sie uneröffnet im Besitze der falschen Ivetti – sie enthielten nur zusammengefaltetes Zeitungspapier, das ihr eine Freundin nachgesandt hatte. Peter Beringer hatte seitdem keine Sehnsucht nach der bunten Welle, seine Vorliebe für das Kino und auch den Glauben an seine große Begabung eingebüßt. Über den Lehrjungen entlud sich ein gewaltiges Donnerwetter und anschließend daran kratzte Peter wütend ein angefangenes Frauenporträt von der Leinwand. Ging dann in die Werkstatt und schaffte wie nie zuvor.

Die blonde Elsbeth aber sitzt jetzt von früh bis spät an der Nähmaschine, denn in ein paar Monaten soll Hochzeit sein.


Textnachweis
Aus: Wiener Bilder, XXXVI. Jg., Nr. 21, 24. Mai 1931, S. 16–18. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Helene von Taussig, Weiblicher Akt auf blauem Stuhl, um 1920/1930

Mainacht

von Thekla Merwin (1887–1944)

Es rauscht der Mai in meinem Traum,
Ein Vogel singt in hellen Nächten,
Voll Blüten steht der alte Baum,
Es rauscht der Mai in meinem Traum,
Der Mond hängt in der Weide Flechten.

Uralter Erde ewiges Spiel,
Du bleibst die Junge, doch wir altern.
O sing dein Lied, so stark und schwül,
Uns Menschen gabst du kurzes Ziel,
Das Los von Mücken und von Faltern.

Wie süß und mild die Blumennacht!
Gewaltige Sehnsucht, längst versunken,
Steigt heiß empor mit neuer Macht.
Ich atme tief, mein Herzschlag wacht,
… Die junge Frühlingsnacht ist trunken!

Und was ich atme – roter Wein!
So rauscht wie eine wundervolle
Musik der Mai durch Sinn und Sein.
… O Menschen, lasst uns Brüder sein,
Bevor uns deckt die dunkle Scholle!


Textnachweis
Aus: Arbeiter Zeitung, 16. Mai 1926, S. 17. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Wir Spione

von Fanny zu Reventlow (1871–1918)

Wir verlebten das erste Kriegsjahr in einem neutralen Kurort, wo sich alle möglichen Nationalitäten zusammenfanden. In unserem näheren Bekanntenkreis war die Zusammenstellung die folgende: drei Deutsche, zwei Wienerinnen, ein amerikanisches Ehepaar namens Strong und ein Italiener, welcher Ravelli hieß, ferner ein Pole und ein Herr, den man kurzerhand den ‚Balkan‘ nannte; denn er stammte sicher irgendwo von der Drina her, sprach sich aber nicht näher darüber aus.

Da wir alle fern der Heimat waren, taten wir das Einzige, was man in dieser Zeit im Ausland tun kann, wir verschlangen die Zeitungen und warteten auf Briefe. Dabei gaben wir uns alle Mühe, möglichst wenig über die Weltereignisse zu sprechen – das war so ausgemacht worden, weil wir bis zum Ausbruch des Krieges sozusagen befreundet waren. Es war gewissermaßen unser Ehrgeiz, zu beweisen, dass man unter gebildeten Menschen sich selbst in solchen Zeiten auf eine internationale Basis stellen könne.

Natürlich war es nicht immer so einfach; z. B. fiel der Unterseebootkrieg Mr. Strong des Öfteren auf die Nerven; seine Frau verhielt sich mehr passiv und zog es vor, mit dem Polen zu kokettieren. Der Pole war Revolutionär und schwur bei jeder Gelegenheit, er würde noch auf einer Kanone in Warschau einreiten; selbstverständlich hieß er Stanislaus. Wenn er sich in dieser Weise äußerte, pflegte der Balkan leise zu knurren und sah ihn scheel von der Seite an. Im Übrigen schien sein politisches Interesse nicht besonders rege, dagegen war er leidenschaftlicher Spieler, sprach gerne von Ostende und Monte Carlo, und die Zukunft dieser beiden Ort erfüllte ihn mit großer Besorgnis. – Zwischen den Wienerinnen und Signor Ravelli spannen sich ebenfalls zarte Fäden; sie konnten stundenlang über der Karte von Südtirol sitzen und versuchten dann, sich freundschaftlich über die Berechtigung der Irredenta zu einigen. Wir Deutschen ärgerten uns manchmal, wenn die Damen bei diesen Verhandlungen zu entgegenkommend waren.

Bis zum Frühjahr hatten wir so in gutem Einvernehmen gelebt. Die Bevölkerung des kleinen Kurorts sowie die anderen Fremden schienen sich darüber zu verwundern; denn wo wir uns nur sehen ließen, in Restaurants, Cafés oder bei geselligen Veranstaltungen, wurden wir mit größtem Interesse angestarrt und beobachtet; sogar auf der Straße bemerkten wir, dass die Vorübergehenden sich gegenseitig auf uns aufmerksam machten.

Allmählich aber geriet die internationale Basis ins Schwanken; vor allem begann man, sich gegenseitig zu misstrauen. Das Ehepaar Strong interessierte sich nach unserem Gefühl in übertriebener Weise für die Feldpostkarten, die wir von Bekannten oder Angehörigen erhielten; und uns stieg manchmal der Verdacht auf, sie möchten am Ende gar nicht von drüben, sondern verkappte Engländer sein; denn wenn wir irgendwelche ganz harmlose Fragen über englische Bräuche taten, konnte Strong manchmal in geradezu verletzender Weise antworten:

»Uarum wollen Sie das uissen?«

Außerdem schickte er rätselhaft viele Telegramme ab. Signor Ravelli war überhaupt ungemein neugierig, und wir warnten seine Freundinnen wiederholt, ihm nicht so viel von ihren Alpenwanderungen zu erzählen. Was schließlich den Balkan betraf, so traute ihm in politischer Hinsicht wohl niemand über den Weg, weder wir noch die anderen. Aber entweder merkte er es nicht, oder es focht ihn nicht an. Er blieb immer derselbe, präokkupiert, aber heiter und liebenswürdig. Und wie es denn so kommt – unsere Wege trennten sich unter Misstrauen und Übelwollen, und die Strongs zogen erbittert in eine entfernt gelegene Pension.

Bald darauf brach der italienische Krieg aus; unser Freund Ravelli rückte zwar nicht ein (ob das Vaterland oder er selbst darauf verzichtete, haben wir nicht erfahren), war aber fortan sehr verstimmt, konnte sich nicht mehr mit seinen schönen Gegnerinnen über die Grenzfragen einigen und verschwand grollend aus unserem Gesichtskreis. Der Balkan war der Einzige, der uns treu blieb; denn Stanislaus war schon vorher unter mysteriösen Andeutungen abgereist – wir erhielten späterhin eine Postkarte von ihm aus Warschau, aus der jedoch nicht hervorging, ob er wirklich auf einer Kanone oder auf normalerem Wege dahingekommen war.

Neue Bekanntschaften ergaben sich nicht, und das Dasein war recht eintönig geworden, man musste sich Mühe geben, die Zeit nur einigermaßen totzuschlagen. So kam uns eines Tages aus reiner Langweile die Idee, unseren Balkon mit einem Zeltdach zu versehen, weil die sich immer gleichbleibende Neugier der Bevölkerung uns auf die Länge lästigfiel. Es wurde also Stoff gekauft, beratschlagt, konstruiert, und als alles so gut wie fertig war, meinte der Balkan, der plötzlich ungewohnte technische Fähigkeiten entwickelte, man solle doch innerhalb des Zeltes eine elektrische Lampe anbringen, um abends in aller Gemütlichkeit Meine Tante, Deine Tante spielen zu können. Gesagt, getan – bald war alles fertig; wir hofften nun, die Früchte unserer Arbeit ungestört zu genießen und vor allem von der Neugier der Passanten befreit zu sein. Aber als wir zum ersten Mal unter unserem Zeltdach saßen und unter Anleitung des Balkans Meine Tante, Deine Tante spielten, gab es geradezu einen Volksauflauf. Der Balkan wurde nervös und trat an die Balustrade, um das Volk zu beruhigen. In diesem Moment jedoch teilte sich die Menge, um zwei Polizisten durchzulassen, welche uns für verhaftet erklärten. Was wir getan hatten, war uns völlig unklar, aber wir folgten ihnen ohne Weiteres, nur der Balkan verfärbte sich. Am nächsten Morgen wurden wir dem Kommissär vorgeführt, und unsere Verwunderung stieg, als gleich darauf auch unsere alten Freunde Strong und Ravelli in das Büro traten. Ein Gerichtsdiener begleitete sie und rief dem Kommissär zu: »Spionage – Register 6.«

»Also doch«, sagte die eine Wienerin halblaut, aber Mr. Strong hatte es gehört und fuhr wie ein Berserker auf sie los:

»Und Sie, uir haben Sie immer für Spion gehalten mit Ihre deutsche Freunde und das Balkan – –«

»Balkan«, brüllte der Balkan, »was soll das heißen?« Dies war die erste politische Äußerung, die wir von ihm hörten, aber niemand antwortete. Der Kommissär rief zur Ordnung, aber die allgemeine Aufregung war nicht mehr zu beschwichtigen. Ravelli wandte sich wild an den Beamten und erklärte, die Damen hätten tatsächlich eine merkwürdige Kenntnis der Tiroler Grenzen und die Herrschaften aus Deutschland – – – und nun wallte auch in uns das Misstrauen wieder auf – das Interesse für Feldpostkarten – die Telegramme – kurz und gut, es entbrannte ein Kreuzfeuer von gegenseitigen Beschuldigungen. Der Kommissär wartete geduldig, bis etwas Stille eingetreten war, nahm dann die Personalien auf und eröffnete uns milde, dass wir samt und sonders unter Spionageverdacht ständen. Wir Deutsche und Österreicher waren Register 5. – Der Balkan wurde gesondert behandelt. Man nahm einen Fingerabdruck von ihm, wir haten diese Prozedur noch nie gesehen und verfolgten sie neugierig; er aber benahm sich wie bei allen technischen Dingen sehr sachverständig. Dann begann das Verhör. Register 6 wurde zuerst vorgerufen – sie hätten Bomben fabriziert und besäßen zusammenlegbare Flugzeuge, wir dagegen wurden beschuldigt, Lichtsignale gegeben zu haben – – Lichtsignale – – wir hatten doch seit drei Wochen keinen Abend zu Hause verbracht, ausgenommen den gestrigen, der so unliebsam unterbrochen wurde; aber hier musterte der Kommissär uns der Reihe nach mit einem durchbohrenden Blick und erklärte, für Spione habe man uns von Anfang an gehalten, uns dauernd beobachtet und nur auf Beweismaterial gewartet.

»Und das Beweismaterial«, fragten wir – Nun eben die Lampe – – wir erfuhren erst jetzt, dass Lichtsignale zu spionistischen Zwecken verwandt werden können. Und unser Erstaunen war so aufrichtig, dass er sich endlich überzeugen ließ, die Lampe sei tatsächlich nur zu Beleuchtungszwecken angebracht worden. Sodann kam wieder Register 6 an die Reihe. Mr. Strong antwortete auf die Fragen des Kommissärs einigermaßen erbittert:

»Yes, Herr Kommissär, uir haben nicht nur Bomben und zusammenlegbare Aeroplane, sondern auch eine Flotte in unserer Pension.«

Der Kommissär wurde nun ernstlich nervös und sagte, gleich würde die Gerichtskommission da sein, welche inzwischen die Haussuchung vornehme.

Man wartete, und nach einer guten Weile erschien die Kommission und brachte drei Fußbälle von verschiedener Größe und einen vielfach zusammengeklappten Gegenstand. – – Mr. Strong klappte ihn mit größter Seelenruhe auseinander, und er erwies sich als ein amerikanischer Liegestuhl mit Lesepult und unendlichen Finessen; dann bemerkte er, der Kommissär möge doch mit diesem Flugzeug eine Probefahrt machen. Es selbst würde inzwischen versuchen, mit seinen Bomben die Polizei in die Luft zu sprengen.

Der Kommissär war so enttäuscht, dass wir wirklich Mitgefühl hatten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als beide Register zu entlassen und sich obendrein noch zu entschuldigen. Nur der Balkan wurde zurückbehalten; er hatte sich zwar nie politisch betätigt, sondern war einfach ein vielgesuchter internationaler Hoteldieb.

Wir anderen verließen gemeinsam das Gerichtsgebäude und versöhnten uns unterwegs, fortan war alles gegenseitige Misstrauen geschwunden.

Noch manchen Abend saßen wir auf dem Balkon und spielten Karten. Wir glaubten uns rehabilitiert und wurden auch nicht wieder verhaftet, aber die Vorübergehenden blieben immer noch stehen und hielten uns nach wie vor für Spione.


Textnachweis
Aus: Simplicissimus, Jg. 20, 1915, Nr. 32, S. 374–375. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Sonntagnachmittag, 1908

Still kehr ich heim …

von Ite Liebenthal (1886–1941)

Still kehr ich heim von langen Wanderfahrten.
Noch decken Nebel meine liebe Küste,
als ob ein Freund mir langsam erst mit zarten
Trosthänden diese Welt enthüllen müsste.

Nimm fort das Tuch! Ich weiß: in weiter Fläche
dehnt sich das Land zur Ferne. Seine Wunder
sind dunkle Wälder, stille, breite Bäche
und Gärten unter Birken und Holunder.


Textnachweis
Aus: Ite Liebenthal, Gedichte, Jena 1921, S. 40. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Die Totengräberin

von Johanna Wolff (1858–1943)

Dorothea Zinn fasste einen großen Entschluss.

Sie stand zeitig auf, besorgte das Bärbchen, stellte für die Buben einen Topf mit Essen zurecht und legte ihr gutes Sonntagszeug an. Dann nahm sie ihren Spaten unter den Arm und ging zur Stadt, geradewegs auf das Rathaus zu.

Dore fasste ihren Spaten fester und machte ihrem Herzen Luft in einem Laut, so grimmig, als käme er aus einer Manneskehle hervor.

Und wollte sie jetzt nicht ein Mann sein? Sie begehrte eines Mannes Amt und ging hin, darum zu bitten.

So trat sie in die Amtsstube des Bürgermeisters.

Sie durfte ihr Anliegen vorbringen und bat schlecht und recht um Absetzung des Totengräbers Ede Norkus, der ihr Schwiegersohn war.

Sie erzählte, wie sie den Mann betrunken aufgefunden, dazu die Enkel, die gutgearteten Zwillinge.

»Herr«, sagte sie, »er darf fortan kein Geld in die Hände kriegen. Das Geld muss ich verdienen, und ich muss es auch ausgeben.« Und Grabe-Dore stützte sich auf ihren Spaten, damit der Bürgermeister sehe, dass es ein zuverlässiger Spaten sei.

Die Kinder müssten versorgt werden! Sechse seien es! Im Armenhaus würde es der Stadt auch nicht billiger kommen.

Dagegen ließ sich nichts einwenden.

Ob sie denn für solchen Posten stark genug sei? Der Blick des Bürgermeisters flog prüfend über sie hin. Da stellte Grabe-Dore ihren Spaten hin, trat vor und legte ihre beiden großen Hände auf den Tisch. »Seht diese Hände an, Herr! Wo wäre ich geblieben, hätte ich nicht diese Hände gehabt! Gegraben vom Morgen bis zum Abend, Herr. Jeden Tag das gleiche Stück. Ich hab’s gekonnt, und die Leute waren zufrieden. Auch die Toten werden zufrieden sein. Ich will’s gut machen, ich will’s mit Liebe machen. Die Lebendigen habe ich mit Liebe nicht verwöhnt, die kriegen das manchmal in die verkehrte Kehle. Aber die Toten! Recht schön glatt nach innen und keinen Zoll zu wenig in die Tiefe. Das gibt’s nicht bei der Grabe-Dore …« Und ihre zwei großen Hände lagen auf dem Tische wie zwei schwere Steine, die schon viele Risse und Schründe bekommen.

Der Bürgermeister schaute sie sonderbar an: In der Tat, das waren Ausnahmshände! Das war eine Ausnahmsfrau! Und das Ganze war ein Ausnahmsfall! Dem musste ausnahmsweise entsprochen werden.

Dore dankte und nahm ihren Spaten wieder unter den Arm.

Ob sich das mit dem Zurückhalten des Geldes auch machen würde bei dem Ede, fragte er.

Der Zug um Dores Mund härtete sich; dafür komme sie sicher auf. Sie ging. Und kam dafür auf.

Aber der Mensch, der Ede, der kam dabei herunter, ganz auf den Hund kam er dabei. Dass er nicht mehr graben durfte, war ihm recht, doch immer fand er eine Gelegenheit, von Vorübergehenden zu borgen – er stahl sogar – seinen Kindern aus den Sparbüchsen nämlich.

Früh am Morgen wollte sich der Missetäter, scheu, wie die Dore jetzt oft gesehen, davondrücken, den gewohnten Weg hinunter.

Da stieg in Grabe-Dore eine Wut auf, eine heiße, gallenbittere Wut. Sie lief gegen ihn an wie eine Kuh, die stoßen will, und gab ihm einen Schubs. »Fahr hin, in Gottes Namen, du! Und brich dir das Genick dabei, das Genick!« Mit diesem Morgensegen rannte sie ins Haus, und er hinkte von dannen.

Keine zwei Stunden währte es, da brachten sie ihn getragen auf einer Tragbahre; totenblass lag der Ede da, bewegungslos, aber mit weit offenen Augen.

Eine Kellerstiege war er hinuntergestürzt und hatte sich das Rückgrat verletzt. Der Arzt, der ihn bereits angesehen, hatte die Achseln gezuckt: Man solle ihn nur nach Hause bringen, er werde bald nachschauen.

Nun lag der Norkus da und drehte den Kopf nach einer und dann nach der anderen Seite; das war das einzige, was er konnte.

Seine Jacke, in der unversehrt die gefüllte Schnapsflasche stak, lag ihm quer über der Brust – so nahe, und doch vermochte er nicht zuzulangen. Arme und Beine waren vom Sturz gelähmt, aber das Herz klopfte weiter.

Grabe-Dore tat stumm im Zimmer herum und sah ihn nicht an.

Seine Augen gingen ihr nach: »Ist es dir recht, dass es mich getroffen hat?«

»Ist mir recht.«

»Freust dich wohl gar?«

»Wohl … weil es genützt hat.«

»Hm. Du hast mir das nicht verziehen, das mit der Sparbüchse?«

»Nein, ich denke fortwährend daran … deinem eigenen Kinde … so etwas … Ludriges …«

Sie wendete ihm ihr Gesicht zu. Waren das noch seine Augen? Eingesunken, wie aus kleinen Gräbern sahen sie zu ihr herauf, und es standen Dinge darin, Dinge, die ihr niemals nahegetreten.

Was musste der in sich beherbergt haben! Sie trat näher zu ihm.

»Ich dachte, du mochtest selbst nicht mehr leben.«

»Könntest recht gedacht haben.«

»Und du warst schädlich, Ede. Die Kinder, sie würden schlecht werden.«

»Ich sehe das ein, Mutter.«

»Bisschen spät, Ede.«

»Ich konnt’ nicht früher.«

»Das sagt jeder. Ich kann, will keiner sagen. Auf das Starke kommt’s an, Ede.«

»Der Durst, Mutter, der verdammte Durst! Wenn man trinkt, brennt’s, und wenn man nicht trinkt, brennt’s erst recht … Denkst du wirklich, dass … dass ich hin bin, Mutter?«

»Freilich denke ich das … und ich segne dich, Ede. Als du leben und saufen wolltest, habe ich dir geflucht; nun du sterben willst, segne ich dich. Mög’ es dir recht schön werden.«

»Gib mir einen Schluck aus der Flasche … die steckt in meinem Rock.« Er machte eine mühsame Bewegung mit dem Kinn.

»Mensch, das tu ich nicht! Das tu ich bei Gott nicht.«

»Tu’s, Mutter«, bettelte er kindlich. »Anna hätt’s auch getan, die hätte mich nicht durstig abfahren lassen.«

Der helle Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Er wendete gequält den Kopf.

»Dürsten sitzt im Körper, nicht in der Seele«, tönte Grabe-Dores Stimme auf. »Der Körper fällt ab und das Dürsten fällt ab. Im Grunde magst du gar nicht saufen … auf das ›Mögen‹ kommt’s an.«

»Das ist ein Trost, Mutter. Aber dann ist’s ja auch einerlei, ob ich noch mal aus der Flasche trinke oder nicht.« Wie ein Zittern lief’s durch ihn hin.

»Fürchtest du dich vor dem Tod, Ede?«

»Bewahre! Singen will ich, Mutter.«

»Das Singen wird dir wohl vergehen.« Sie wischte ihm den Schweiß ab.

Ein Todeszittern flog durch die langgestreckte Gestalt, und die Augen glänzten noch immer nach der Flasche …

Über Grabe-Dore kam ein großes Erbarmen. Sie griff zu, hob ihm den Kopf und ließ ihn trinken, sachte, sachte, damit er noch schlucken könne. Den »höllischen Brand« schien er nicht mehr zu spüren, er war schon über erdliche Grenzen hinaus mit seinem Schmerzgefühl; aber noch sog er, leise, ruckweise, wie ein Kind an der Mutterbrust.

Sie begrub ihren Schwiegersohn. Sie war nicht mehr »die Grabe-Dore«, sondern »die Totengräberin«.

Nun hatte sie all die Toten zu betreuen, und sie tat es mit Wucht und Schwere.

Ja, mit Schwere drückte sie den Spaten in das Erdreich, schwer stand der Fuß auf dem Blatt. Aber schwer war auch das Schicksal, das zu ihr gehörte. Auch die Zwillinge wurden zum Friedhof gebracht; ein großes Sterben in der Gegend raffte die Kleinen dahin, eine Seuche, die von irgendwoher kam und irgendwohin ging.

Als die Dore den sauber abgestrichenen Grabhügel mit ihrem Spaten glattklopfte, stand schweigend der Bürgermeister am Gitter. Sonderbar war sein Blick.

»Ich bin die Totengräberin, Herr«, sagte sie einfach und sah verlegen auf ihren Spaten. »Der hält nicht durch mit mir, schon zu sehr abgeschliffen, und ich muss schon vorsichtig mit ihm umgehen.« Dann wendete sie das Gesicht ab, klopfte weiter, liebevoll, nur ein wenig leiser noch als vorher.

Bekannte und Unbekannte begrub die Totengräberin ohne Furcht und Ermüden. Und wenn ihre großen Hände auch manchmal zitterten und der Rücken nur mühselig grad aufzubringen war – sie grub und begrub, wo andere versagten.

Eine tiefe, stille Zufriedenheit kam über sie. Sie verwuchs ganz mit dem Friedhof: so wie die Bäume und die Kreuze, so war auch sie ein Teil des schweigsamen Gartens.

Wie sie gelebt, so starb sie hin – mitten in ihrem Tageswerk. Umgesunken an ihrem Spaten fand man sie.

Wenige Tage vorher hatte sie ihr eigenes Grab gegraben: Sie hatte gutes Maß genommen, zwei ihrer großen Schritte in die Länge. Denn sie war ein stattlicher Mensch.

Ihren Spaten bekam sie mit in den Sarg.

Die Grabe-Dore, die Totengräberin.


Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 3. November 1921, S. 6–7. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Käthe Kollwitz, Arbeiterfrau im Profil nach links, 1903

Die Toteninsel

von Alice von Gaudy (1863–1929)

(Zu dem Gemälde Arnold Böcklins)

Ein Eiland steigt aus dunklem Ozean.
Unheimlich finstere Zypressen ragen,
Und nackte Felsen starren himmelan,
Und Wetterwolken wälzen sich heran.
Von wildem Sturmesfittig fortgetragen.

Da nahet einsam auf der Flut ein Boot:
Kein Ruderschlag, kein Segel lässt es gleiten.
Der Kiel gehorcht des Lenkers Machtgebot,
Sein roter Mantel wallt, sein Auge loht,
Er hebt die Arme, weit sie auszubreiten.

Das ist sein Gruß dem stillen Inselland:
Kein Wort entringt sich seinem strengen Munde.
Den Totenschrein auf seines Bootes Rand
Geleitet er zum unbewohnten Strand,
Und senkt zur Gruft ihn, tief im Felsengrunde.

Dort mag der Freund, der nun ein fühllos Nichts,
Zu unentweihtem Sphärenstaub verwehen,
Um einst, am großen Tag des Weltgerichts,
Von stiller Toteninsel zu des Lichts
Erträumtem Paradiese einzugehen ……

Dumpf braus das Meer und bricht sich am Gestein,
Es beugt der Sturm die düsteren Zypressen:
Um Felsengräber flammt des Blitzes Schein,
Er leuchtet – wie ein kurzes Menschensein –
Und stirbt dann hin in ewiges Vergessen.


Textnachweis
Aus: Alice Freiin von Gaudy, Mein Sonnenschein. Dichtungen, Stuttgart 1888, S. 15. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Mein Ritter

Eine Allerheiligenerinnerung von Adelheid Popp (1869–1939)

Der Schmelzer Friedhof, auf dem einst der Obelisk der Märzgefallenen stand, wird in einen Park umgewandelt. Der idyllische Totenhain aus den Tagen Alt-Wiens verschwindet, an den Stellen, wo die Gräber und Grüfte im grünen Schmucke prangten, werden Kinder ihre Reifen treiben, ihre Bälle springen lassen – wenn der Parkwächter es erlauben wird. Vor meinen Augen tauchen Bilder aus längstvergangenen Tagen auf. Der Schmelzer Friedhof nahm in meiner Jugend eine besondere Stelle ein. Er war der Vertraute und Freund aller meiner Erlebnisse. Von meinem Schmerz und meinem Glück, von meinen Freuden und Qualen, wie sie jedem, auch dem bescheidensten Leben beschieden sind, war der Friedhof am Rande der Schmelz Zeuge. Wenn der Frühling kam, begann ich alle meine freien Sonntage dort zuzubringen. Ganz oben, wo die Mauer den Friedhof vom Exerzierfeld trennt, stand neben verlassenen Gräbern, die von niemandem mehr besucht wurden, eine Trauerweide. Unter ihrem Schutz eine primitive, gerade für eine Person bestimmte Holzbank. Dort las ich meine Dichter: Lenau, Chamisso, Schiller, dann alle die Romane, die mir in die Hände kamen. Wenn der Flieder blühte, dann war der ganze Friedhof von seinen Düften erfüllt, denn zahllose Fliedersträuche befanden sich dort. Manchen Zweig nahm ich mit nach Hause, obwohl es im Volksmund heißt, man dürfe vom Friedhof keine Blume nach Hause tragen, sie bringe den Tod. Nur der Wächter durfte nichts von dem Raube sehen. Da versteckte ich denn die Zweige in meinem Sonnenschirm, nur um in unser Stübchen etwas von dem herrlichen Dufte mitnehmen zu können. Wenn ich arbeitslos war, selbst im Winter, wenn Schnee die Gräber deckte, ging ich oft in den Friedhof und hielt dort meinen Mittagstisch. Auf irgendeinem verschneiten Grabhügel sitzend, aß ich das mitgebrachte Brot.

Aber nicht davon wollte ich erzählen; nein, ich wollte nur zeigen, wie viele Fäden mich mit dem Orte verknüpfen, der bestimmt ist, den Kindern der künftigen Stadt auf der Schmelz Erholung zu bieten. Von meiner Liebe, die ich auf dem Schmelzer Friedhof hatte, will ich ja erzählen. Denn ich hatte dort eine »Liebe«.

Nie unterließ ich es, das geliebte Grab zu besuchen, und an den Tagen, an welchen die gläubige Christenheit Lichter brennt für die armen Seelen im Fegefeuer, ging auch ich zu »meinem Grab« und brannte meine Wachskerzchen. Wie andere ging ich zuerst zu dem im Mittelpunkt des Friedhofes hochaufgerichteten Heiland am Kreuze. Mit anderen betete ich dort, am Betschemel kniend, und blickte voll tiefen heiligen Mitleids auf die von Nägeln durchbohrten Hände und Füße des gekreuzigten Jesus. Wenn ich mit meiner Andacht fertig war, besuchte ich, so wie andere auch, die berühmten Gräber und Grüfte, den Blumen- und Laternenschmuck bewundernd. Dann aber schlug ich meine eigenen Wege ein. Auf der rechten Seite des Schmelzer Friedhofes befand sich das Grab, das meine Liebe barg. Kein Name war dort zu lesen, ich wusste nicht, wer unter diesem Hügel ruhte. Aber eine Gestalt befand sich dort, eine Gestalt aus leblosem Stein, die mich immer wieder anzog. Ein Jüngling in der Rüstung eines Ritters. Das Visier war geöffnet und ließ ein schönes, liebliches Antlitz sehen. Auf dem zu seinen Füßen lehnenden Schild waren nur Geburts- und Sterbejahr zu lesen. Vierundzwanzig Jahre alt war der gewesen, dessen Leib hier begraben war. Meine Phantasie wob Märchen um die anziehende Jünglingsgestalt in mittelalterlicher Rüstung. Ich konnte ihn mir lebend vorstellen und schmückte ihn mit den herrlichsten Eigenschaften. Am Allerheiligentag kaufte ich mir Wachskerzchen, die ich an seinem Grabe anzündete. Es war ein verlassenes Grab. Nie habe ich jemanden dort gesehen, der ein Recht darauf gehabt hätte. Nur Neugierige blieben stehen und sahen die Statue an. Kein Baum, kein Blumenschmuck zierte je diese mich so fesselnde Ruhestätte. Ich betete für seine »arme Seele« und brannte Kerzen für einen, dessen Namen ich nicht wusste, den ich lebend nicht gekannt und der wohl einer ganz anderen Welt angehört hatte, als die war, in der ich lebte. Mädchenphantasien! Ich schämte mich ihrer nicht. Waren doch diese phantastischen Mädchenträume das einzig Schöne meiner Jugend. Schließlich habe ich ja den Weg in die Wirklichkeit nicht verloren. Vom Beten für die im Fegefeuer Schmachtenden habe ich gelernt, mit vielen Tausenden anderen für die Erweckung der Lebenden zu kämpfen. Würden doch alle, die am Allerheiligen- und Allerseelentag noch Erlösungskerzen brennen, bald selbst erleuchtet werden, um zu lernen, für ihre eigene Erlösung zu kämpfen!

Mein Ritter vom Schmelzer Friedhof war seit vielen Jahren aus meiner Erinnerung ausgelöscht. Die Umwandlung des Friedhofs, an die in letzter Zeit erinnert wurde, hat mir auch seine Gestalt wieder lebendig gemacht. Statt Wachskerzen weihe ich ihm heute dieses Erinnerungsblatt.


Kommentar
Die österreichische Frauenrechtlerin und Sozialdemokratin Adelheid Popp (1869–1939) wurde 1919 als eine der ersten sieben weiblichen Abgeordneten in den österreichischen Nationalrat gewählt. Neben ihrer politischen Tätigkeit trat Popp immer wieder als Autorin hervor. Neben zahlreichen im engeren Sinn politischen Schriften verfasste sie mehrere autobiographische Texte, von denen Die Jugendgeschichte einer Arbeiterin, von ihr selbst erzählt (München 1909) der bekannteste ist. (Unter dem leicht vereinfachten Titel „Jugend einer Arbeiterin“ ist das Buch auch in einer aktuellen Neuausgabe erhältlich.)
Auch in Mein Ritter schildert Popp eine Erinnerung aus ihrer Jugend. Ort der Handlung ist der ehemalige Schmelzer Friedhof im Westen Wiens, der 1874 aufgelassen und schließlich nach dem Ersten Weltkrieg in einen Park umgewandelt wurde. Mein Ritter erschien zwar ursprünglich an einem 1. November und verweist im Untertitel auf Allerheiligen, passt aber auch zum 1. Mai. Zum einen, weil er prominent die Fliederblüte erwähnt, für die die alten Wiener Friedhöfe damals bekannt waren, zum anderen, weil Popp natürlich auch hier den Kampf für die Rechte der Arbeiter*innen als Rahmen um die eigentliche Erzählung legt. Explizit am Ende, implizit aber auch schon am Anfang des Textes: Das gleich im ersten Satz erwähnte Denkmal der Märzgefallenen, das an die Opfer der Revolution von 1848 erinnerte, war ein wichtiger Gedenkort der Wiener Arbeiter*innenschaft. 1888 wurde es auf den Wiener Zentralfriedhof übertragen, wo es sich als eines der letzten Überbleibsel des Schmelzer Friedhofs bis heute befindet.

Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 1. November 1912, S. 8. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Mary Cassatt, Flieder in einem Fenster, um 1880

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