Ibsens Köchin

von Carry Brachvogel (1864–1942)

Schon muss ich fürchten, allzu lange über sie geschwiegen zu haben, denn ein sichtbarer Platz gebührt ihr in einer Zeit, da verschämte wie unverschämte Indiskretionen über große Männer an der Tagesordnung sind. Seit erst gar über Ibsens Grab sich eine ebenso interessante wie feinsinnige Debatte erhob, ob Henrik bei Paul Heyse gute oder schlechte Trinkgelder gezahlt habe, seitdem habe ich die Empfindung, dass ich eine Defraudation an der Unsterblichkeit begehe, wenn ich sie noch länger verleugnete. Sie, die wohl mehr als andere Frauen berechtigt wäre, einen Band zu veröffentlichen »Meine Beziehungen zu Ibsen«.

Staunender Leser und neugierige Leserin, es ist kein Märchen, das ich euch erzählen will. Keine Gestalt der Phantasie oder auch nur Aufschneiderei soll vor euch hintreten, sondern die strenge Frau, die sieben Jahre lang in Ibsens Küche herrschte. Sieben Jahre lang – genau so lang wie der Erzvater um Rahel diente – hat sie für ihn gesotten, gebraten, gedämpft, geröstet, aus schwimmendem Schmalz und auf der Pfanne gebacken, hat die Früchte des Feldes und die Tiere des Waldes zu seinem Opfer bereitet, dass sie ihm wohlschmeckten und ihm nimmer ein miserables Mittagessen die Laune verdarb. O ihr Dichter der alten und insbesondere der neuen Zeit! Wer von euch darf sich rühmen, sieben Jahre lang eine so übermenschliche Weibesliebe empfangen zu haben?

In München war es, wo Mina zuerst dem Dichter nahe trat und jene bedeutungsvollen Beziehungen anknüpfte, die sie sieben Jahre lang mit ihm und seinem Hause verbinden sollten. Als ich sie kennenlernte, waren jene Beziehungen bereits gelöst, und es wäre mir nun ein Leichtes zu renommieren, dass ich Mina direkt aus Ibsens Händen empfing. Da aber meine Aufzeichnungen über sie dem strengsten Wahrheitsgebot entsprechen sollen, muss ich gleich hier feststellen, dass eine engere Verbindung, eine gemeinsame Häuslichkeit zwischen Mina und mir niemals zustande kam oder auch nur projektiert war. Immerhin aber lernte ich sie genügend kennen, um jenen Teil ihres dramatischen Schicksals darzulegen, der am deutlichsten Ibsensche Einflüsse verrät, der am zwingendsten erweist, wie diesem schlichten Mädchen aus dem Volke des Dichters Gebote und Träume in Fleisch und Blut übergegangen waren.

Als ich Mina kennenlernte, hatte sie bereits das Ideal aller Dienstmädchen erreicht: Sie war Haushälterin bei einem einzelnen Herrn, bei einem jungen Arzt, mit der harmlosen Spezialität der Ohren-, Nasen- und Rachenkrankheiten. Er verkehrte seit Jahren in meinem Hause, und ich wusste daher, dass er dazu prädestiniert schien, von einer Frau, das heißt seiner Frau, gehätschelt, bemuttert und auch ein wenig pantoffelt zu werden. Erstaunlich war, wie schnell Mina in die Psychologie ihres Dienstherrn und Gebieters eindrang; ich bin überzeugt, dass die Lektüre von »Nora« ihr dabei wesentliche Dienste geleistet hat. Der Doktor war für sie bald »das Eichkätzchen«, das immer munter, liebenswürdig und arglos zu sein hatte, indes Mina mit eiserner Rute das Haus, das heißt die Parterrewohnung regierte. Hausmeister, Wäscherin und die Dienstboten sämtlicher Nebenparteien zitterten vor ihr, und wahrscheinlich tat es auch das Doktor-Eichkätzchen, das übrigens in seiner Jugend eine Entschuldigung für seine furchtsame Hingebung fand: Er war nämlich um mindestens zehn Jahre jünger als Mina, die konsequent, wie es in ihrem Charakter lag, an der Schwelle der Vierzig stehenblieb. Wenn ihre eine Hand aber auch gelegentlich mit Skorpionen züchtigte, so kochte dafür die andere tadellos; insbesondere in ihren Rahmstanitzeln hob sie sich weit über den Durchschnitt berufsmäßig oder dilettantisch kochender Münchnerinnen hinaus. Sie sorgte aber nicht nur für das leibliche, sondern auch für das geistige Wohl ihres Eichkätzchens und erzählte ihm zeitweise Küchenintimitäten aus dem Hause Ibsen. Die eine ist mir besonders im Gedächtnisse geblieben, nämlich: Der Dichter liebte es, das Rindfleisch mit englischem Senfpulver dick zu bestreuen, nicht etwa mit angerührtem Senf, sondern mit dem trockenen Pulver … Es wäre mir natürlich eine Kleinigkeit, noch mehr nordische Küchenallotria zu berichten, aber ich möchte erst die Stöße von Entgegnungen, Kommentaren und Berichtigungen abwarten, die der Senfenthüllung folgen werden … An dem geistigen Schaffen des Dichters scheint sie dagegen weniger Anteil genommen zu haben; so sehr ich mich auch besinne, wüsste ich nichts von Mitarbeiterschaft oder Inspiration zu sagen …

Es widerstrebt mir im Allgemeinen, bedeutende Frauen auf ihr Äußeres hin zu kontrollieren, dennoch möchte ich Minas Seelenhülle mit ein paar flüchtigen Worten gedenken. Sie war eine kleine Blondine, deren energisch vorspringender Mund rhetorische Eigenschaften verriet, und die früher, noch zu Ibsens Zeit, Plattfüße gehabt hatte. Ein chirurgischer Kollege und Freund Eichkätzchens befreite sie aber von diesem ästhetischen Übel, so dass auf des jungen Doktors Nacken wenigstens ein normal geformter Frauenfuß stand. Zu Anfang unserer Bekanntschaft war mein Verhältnis zu Mina ein freundschaftliches und ungetrübtes: Wir achteten einander und tauschten Kochrezepte. Später schlich sich leider ein Misston in die Harmonie unserer Seelen und Kasserollen, und Mina warf Hass auf mich. Ein Vanillekipfel, ein einziges kleines Vanillekipfel (Rezept »Vanillekipfel ohne Ei«) war zwischen sie und mich getreten! Mir gelang es nämlich, diese Kipfel, wenn auch nicht besser, so doch schöner herzustellen als Mina, in einem verblüffenden Miniaturformat, während die großzügige Natur der Ibsen-Köchin ausführliche Kipfel, auf denen sogar Weltanschauungen Platz gehabt hätten, bevorzugte. Das medizinische Eichkätzchen, das, gleich vielen Junggesellen, den Ehrgeiz der »besten Küche« hatte, nahm einmal, da alles Zureden zu »Klein-Kipfel« nichts half, eines meiner Liliputkunstwerke als Muster mit und meinte in seiner Manneseinfalt, dass Mina nun künftighin ihre Kipfel »in Schönheit« backen sollte. Selbstverständlich ging es gerade umgekehrt. Mina erklärte mit wahrem Trollenlächeln, dass die Figur der Kipfel mit dem jeweiligen Herd in Zusammenhang stünde, und Eichkätzchen schwieg resigniert, weil es doch nicht Lust hatte, zu »Vanillekipfel ohne Ei« einen neuen Herd setzen zu lassen. Zwischen ihr und mir aber stand Hass seit jenem Tage, und ich glaube, auch Eichkätzchen büßte um des Kipfels willen an Liebe und Achtung ein.

An der »sittlichen Forderung« im buchstäblichen Sinne des Wortes sollte dann das Puppenheim zugrunde gehen, in dem Mina sich so lange an dem Singvögelchen-Doktor erfreut hatte. Für ängstliche Gemüter füge ich gleich bei, dass nichts, absolut nichts passierte, was Minas oder Eichkätzchens Ruf nur im Leisesten hätte trüben können. Das Verhängnis lag einzig und allein in Minas Phantasie, die entschieden bei dem großen Skandinavier in die Schule gegangen war und von ihm gelernt hatte, aus dem Alltag die tiefen und grausigen Lebensprobleme herauszuholen. Wie in einem richtigen Ibsen-Drama fing die Sache mit scheinbarer Harmonie an.

Da war unter unseren Bekannten eine hübsche, mollige, lustige, geistig nicht übermäßig ausstaffierte Witwe, mit der Eichkätzchen und ich eines Tages eine Landpartie machten. Als wir abends müde, aber immer noch in sehr fideler Stimmung heimkamen, lud Eichkätzchen uns ein, à la fortune du pot bei ihm zu nachtmahlen. Ich bestaunte im Innern seinen Mut, denn jede Hausfrau weiß, dass auf die fortune du pot fast allemal le malheur du lendemain folgt, weil Dienstboten einen unüberwindlichen Horror gegen Improvisationen haben. Was aber mit und durch Mina geschah, grenzte ans »Wunderbare«.

Zunächst täuschte sie uns alle freilich durch ein gütiges Lächeln und kulinarische Impromptus, die entschieden Beachtung verdienten. Auch als sich dem vergnügt speisenden Kleeblatt noch ein junger Maler angesellte, deutete nichts auf die drohende Katastrophe hin. Nach dem Essen setzte sich der Maler ans Klavier und spielte Strauß-Walzer. »Die lustige Witwe«, die der Ausflug sehr müde gemacht hatte, legte sich auf die Ottomane und ließ sich vom Doktor eine Reisedecke über die Füße breiten, eine Handlung, die sie schon aus Klugheit hätte vermeiden sollen, denn sie trug kalblederne Tourenstiefel Nr. 43. Lange vor Mitternacht verabschiedeten wir uns vom Doktor, der uns höchsteigenhändig hinausleuchtete, denn Mina durfte stets unmittelbar nach dem Abendessen zu Bette gehen. Vergnügt lachend schritten wir ins Dunkel und ahnten nichts von den noch viel dunkleren Mächten, denen wir den Doktor überlassen hatten.

Was zwischen Eichkätzchen und Mina in jener Nacht sich zutrug, haben wir nie genau erfahren. Doch am anderen Morgen kam der Doktor bleich und erschüttert zu mir.

»Mina hat gekündigt! Sie kann nicht länger ›in so einem Haus‹ bleiben!«

Eine kluge Hausfrau fragt ja nie, was das Dienstmädchen mit »so einem Haus« sagen will. Eichkätzchen aber mit der zweifachen Begier, des Mannes und des Naturwissenschaftlers, hatte törichterweise gefragt. Was Mina da alles vorbracht, ließ sich nur mit den Worten kommentieren: »O welch ein edler Geist ist hier zerstört …« Die Ausschweifungen ihrer Phantasie waren unbeschreiblich und gipfelten schließlich in der wildromantischen Behauptung, dass »die lustige Witwe« gegen Morgen aus dem Fenster in den Vorgarten gesprungen sei … Vergebens versuchte man, ihr klar zu machen, dass selbst unter den pikantesten Voraussetzungen normale Großstadtmenschen sich vorteilhafter durch die Haustür als durch einen Salto mortale entfernen. Es half nichts. Die springende Witwe blieb der springende Punkt ihrer Anklage und Kündigung. Der Doktor entsprach nicht mehr dem »frohen Adelsmenschen«, für den ihn Rebekka-Mina gehalten hatte. Ganz ähnlich wie »Brand« scheint sie in jener rätselvollen Nacht mit der Forderung »alles oder nichts« vor ihn getreten zu sein, und da der Unselige, der eben eine Reisedecke über Kalbslederstiefel Nr. 43 gebreitet hatte, die Reinheit nicht gewähren konnte, die sie forderte, so ging sie, »weil sie jahrelang mit einem fremden Manne unter einem Dache zusammengelebt hatte«. Das heißt, ganz so friedlich und würdig ging sie nicht, sondern sie schimpfte noch zuerst tüchtig bajuwarisch, woraus zu ersehen war, dass der skandinavische Einschlag das Bodenständige in ihr nicht hatte vernichten können.

Das ist die Geschichte von Ibsens Köchin. Allen Biographen, Kommentatoren etc. stelle ich mit Vergnügen weitere Auskünfte zur Verfügung. Auch Minas Adresse kann bei mir erfragt werden sowie die Eichkätzchens, das immer noch jung, unbeweibt und pantoffelbedürftig ist, eine große Praxis besitzt und nun mit einer gänzlich unliterarischen Haushälterin wirtschaftet …


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Tagblatt, 7. April 1907, S. 2–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Mädchen mit Gemüsekorb im Garten, 1891

Der lästige Ausländer

Eine aktuelle Legende von Hermynia Zur Mühlen (1883–1951)

Er war des Himmels überdrüssig geworden, das Gedudel der Engel, die ewig heitere Ruhe der Seligen ging ihm auf die Nerven. So beschloss er denn, zur Erde niederzusteigen, und langte eines Tages an einem kleinen deutschen Ort an.

Dem Rate des heiligen Paulus folgend, hatte er genügend Geld mitgenommen, doch kehrte er nicht in dem erstklassigen Hotel ein, weil ihm die Schieber und die Offiziere in Zivil allzu widerlich waren, sondern begnügte sich mit einem kleinen Gasthof.

Den nächsten Tag hielt ihn ein Polizist auf der Straße an und verlangte seine Papiere zu sehen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich habe keine!«

»Woher kommen Sie?«

»Aus dem Himmel!«

Der Polizist starrte den schwarzbärtigen, blassen Mann verblüfft an. War der Mann etwa aus dem Irrenhaus entsprungen? Doch war der Polizist ein Mensch – freilich nur im Geheimen – und seine spöttische Überzeugung half ihm das Rätsel lösen. Sicherlich ist der Fremde aus Russland gekommen, wollte dies nur nicht aussprechen und umschrieb daher den Sowjetstaat mit der Bezeichnung Himmel.

»Sie müssen versuchen, sich eine Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen«, meinte er gutmütig, und der Fremde nickte zerstreut.

Eine Woche lebte der Fremde still und unbehelligt in dem kleinen Ort, dann kam er unglücklicherweise an der gemeinsamen Mittagstafel mit einem Alldeutschen ins Gespräch, das bald, trotz der Milde des Fremden, in einen heftigen Streit ausartete.

»Wie erfrechen Sie sich, mir derartiges zu sagen«, brüllte der Alldeutsche. »Was wissen Sie vom reinen Germanentum? Was sind Sie denn eigentlich? Woher kommen Sie?«

»Ich bin Jude«, sagte der Fremde sanft, »stamme aus Palästina.«

»Natürlich!« Des Alldeutschen feistes Gesicht rötete sich vor Zorn. »Ostjuden, lästige Ausländer!«

Der Fremde blickte ihn verständnislos an.

Zwei Tage später erschien ein anderer Polizist bei dem Fremden und verlangte dessen Papiere. Da der Fremde bekennen musste, dass er keine besitze, wurde ihm mitgeteilt, er habe binnen vierundzwanzig Stunden Deutschland zu verlassen.

Der Alldeutsche lachte höhnisch, als er des Polizisten klobige Gestalt die Treppe hinabsteigen sah.

Der Fremde wusste nicht ein noch aus. Wohin sollte er, der keine Papiere besaß, in vierundzwanzig Stunden reisen? Ein wohlwollender Gast des Hotels zog ihn beiseite und riet ihm zu versuchen, über die Schweizer Grenze zu gelangen. Wenn die Leute dort sehen, dass er viel Geld besitzt, werden sie ihm keine Schwierigkeiten machen, auch solle er sich einen aristokratischen Namen zulegen, dann halten ihn die Schweizer Behörden vielleicht für einen Konterrevolutionär aus Deutschland oder Österreicher oder für einen Anhänger Horthys und werden ihn mit offenen Armen aufnehmen.

Der kluge Ratgeber hatte rechtgehabt, ungehindert überschritt der Fremde die Schweizer Grenze. Nun aber beging er einen argen Fehler. Anstatt in einem der vornehmen Hotels zu wohnen, begab er sich auch hier in ein schäbiges kleines Gasthaus, außerdem besuchte er bisweilen eine sozialdemokratische Versammlung, und so entstand das Gerücht, er sei ein »Bolschewik«, der die Schweiz samt ihrer Verfassung, ihren Hotels und ihren vielen konterrevolutionären Gästen an Russland verraten wolle.

Er wurde abermals ausgewiesen, doch weigerte er sich ebenso sanft wie hartnäckig, das Land zu verlassen, sagend, er habe auf Erden kein Vaterland und sei nirgendhin zuständig.

Ein Schweizer Flieger erbarmte sich seiner. »Gebt mir den Mann mit, ich werde ihn über die österreichische Grenze bringen«, sagte er, und die Schweizer Behörden nahmen seinen Vorschlag an.

Doch geschah es, dass am Flugzeug irgendetwas brach und der Wind es weitertrieb über die Donau. In Budapest musste der Flieger eine Notlandung vornehmen. Er setzte den Fremden auf der Straße ab und begab sich in ein elegantes Hotel.

Verloren und verwirrt schlenderte der Fremde dahin. Eine Offizierspatrouille kam ihm entgegen.

»Wieder so ein Saujüd!«, brüllte der Anführer.

»Nachschau’n!«, gebot ein zweiter.

Auf offener Straße rissen sie dem Fremden die Kleider herunter. Dann trieben sie ihn unter Schlägen vor sich her. An einer Kirchentür brach der Fremde zusammen.

Die Tür stand offen, frommer Orgelton drang aus der Kirche. Über dem Hauptaltar hing ein großes Kruzifix. Viele Männer und Frauen knieten betend davor. Die Offiziere schlugen ein Kreuz.

Der Fremde blickte sie verwundert an.

»Wie kommt es«, fragte er, »dass ihr mich dort drinnen anbetet und hier draußen erschlägt?«

Mit wildem Gebrüll stürzten sich die Offiziere auf ihn. »Gotteslästerer!« »Grindiger Jud’!« »Schlagt ihn tot!«

Sie rissen ihn weiter. Bei einem Baum machten sie Halt. Einer brachte einen Strick.

»Bet’ zu deinem Götzen, Saujud, deine letzte Stunde ist gekommen!«

Da hob der Fremde die Augen, und vor dem Licht, das aus ihnen strahlte, erschraken die Mörder. Sein Blick umfasste die ganze Stadt, und in ihm lag die Ahnung des letzten Gerichts. Da ihm einer den Strick um den Hals warf, betete er laut mit erhobenen Händen:

»Vater, vergib ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun!«


Textnachweis
Aus: Burgenländische Freiheit, 14. April 1922, S. 5. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne Werefkin, Klostergarten, um 1926

In der Konditorei

Skizze von Else Krafft (1877–1947)

Gleich am Eingang, hinter den breiten, blitzenden Glasscheiben, zwei grienende Studenten. Sie musterten die Vorübergehenden der belebten Straße und machten ihre Glossen darüber. Die halbgeleerten Kaffeetassen dampften nicht mehr, und die sechs Stück Zucker lagen unberührt auf dem Metallschälchen.

»Blödsinniges Weib«, meinte der eine, indem er der schon etwas reifen Dame zusieht, die hinter dem Glase gravitätisch wie ein Pfau in ihrem überputzten Seidenkleide vorüberrauscht. Als sie die jungen, lachenden Gesichter sieht, stockt einen Augenblick ihr Fuß.

»Um Gottes willen, Mensch, die kommt noch rein, wenn du solche Zicken machst«, warnt der ältere den jüngeren Studiengenossen. »Wir wollen doch hier keine Antiquitätenhandlung anlegen.«

Und sein Blick streift herausfordernd das Nebentischchen, an dem ein bejahrtes Fräulein ihre Schokolade löffelt.

Sie achtet gar nicht auf die kecke Jugend. Sie sieht alle Minuten auf die große Uhr über dem Küchenbüfett und denkt nur eins: »Wirst du die Stellung bekommen oder nicht?«

Sie ist vorhin zu früh gekommen, als sie sich in dem großen Bureau der Friedrichstadt gemeldet hat. Der Chef empfing noch nicht. »Um sechs wiederkommen«, hieß es. Bis dahin war es noch eine gute Stunde. Zuerst hatte sie vor der Haustür unten auf und ab gehen wollen die ganze Zeit. Dann, als der kalte Wind ihr wieder und wieder das Haar zausend auseinanderriss, ihr das Kleid emporblähte, dass die vorübergehenden Herren nach ihren Füßen sahen und sie ansprachen, flüchtete sie in die Konditorei. Das Geld für die Tasse Schokolade freilich tat ihr leid, es war entschieden ein Leichtsinn für eine stellenlose Buchhalterin, drei von den teuren Spargroschen so hinauszuwerfen. Aber hier zitterte sie doch wenigstens nicht mehr so in Angst und Erwartung, in Sturm und Herbstnebel, hier unter den geschliffenen Spiegeln, den roten Samtstühlen und der goldenen Pracht an der Wand lag es wie ein einziges zuversichtliches Hoffen in der Luft.

Der alte Herr über seiner Zeitung, der ganz in der Nähe des einsamen Mädchens saß, hatte den Wandel in dem müden Frauengesicht beobachtet.

»Was doch so eine Tasse Schokolade ausmacht«, dachte er. »Sieht distinguiert aus in dem schwarzen Kleid. Gewiss eine Offizierstochter, die das Heiraten aufgegeben hat und ihr Taschengeld vom gestrengen Papa für süße Erinnerungsstündchen in der Konditorei anlegt.«

Und er vertiefte sich von Neuem in die Börsenberichte, mit Wonne einen Aufschwung seiner Aktien feststellend.

In einer Nische saß eine junge Frau mit ihrem kleinen, vielleicht dreijährigen Mädchen, das sich den Kuchen selber aussuchen durfte.

»Aba mit Schlacksahne«, befahl das kleine Fräulein, »ein ganz großes Stück, … Schukelade auch, und denn noch viel Tortens!«

Mama nickte und zupfte an der rosenroten Bandschleife der lebendigen Puppe. Heute kriegte Mausi alles. Heute kam Papa zurück. Acht Wochen war er auf einer Geschäftsreise fortgewesen, acht lange, einsame Wochen. Heute mit dem Siebenuhr-Zug kehrte er heim. Sie hatte es aber schon am Nachmittage nicht mehr ausgehalten in der stillen Wohnung. »Bahnhof Friedrichstraße« hatte auf der Depesche gestanden. Die beiden Worte waren wie ein Strom von Glut und Glück über die junge Frau hergefallen. Sie hörte nicht den Herbststurm draußen, sah nicht den Nebel, der nass und schwer über Berlin lag. Ihr bestes Kleid hatte sie angezogen, hellgrau, mit rosa Seide garniert, und Mausi hatte sogar das weiße Spitzenkleidchen unter dem blauen Mäntelchen an, an dem die Schärpenenden wie Freudenflaggen bis zu den runden Beinchen herniederhingen.

»Papa kommt«, weiter wussten Mutter und Kind nichts. Und nun saßen sie beide wartend nahe dem Bahnhof Friedrichsstraße in der Konditorei, und Mausi aß Mamas unberührte Kuchenportion auch noch mit auf. Ein kleiner Winkel voll großen Glücks!

An einem Tische zankten sich zwei, ein Herr und eine Dame, flüsternd zwar nur, aber sie zankten sich doch. Sie würgte mit emporquellenden Tränen ihr Sahnenbaiser herunter, und er qualmte wie ein Schornstein.

»Das geht dich gar nichts an!«

»Doch! … Ich verbitte mir überhaupt diesen Ton!«

»Du hast dir gar nichts zu verbitten!«

Er fuhr hoch.

»Denkste, ich weiß das nicht ganz genau, dass du den Herrn da drüben kennst? Würde er sonst so frech rüberblicken?«

Sie lachte krampfhaft.

»Einbildung!«

»Du kommst jetzt mit … Kellner zahlen!«

»Fällt mir nicht ein … ich bleibe.«

»Das werden wir ja sehn!«

»Sprich doch nicht so laut!« Sie schluchzte jetzt wirklich. »L…i…eber geh’ – ich schon – mit.«

Als das elegante Paar über den roten Teppichboden dem Ausgang zuschritt, stieß eine junge Frau ihren Mann an.

»Du … sieh mal, Schatz, solch Kleid … das mit den Kimonoärmeln … mein’ ich.«

Er sah.

»Unsinn … so was kannst du gar nicht tragen.«

»Warum nicht?«

»Na, Suse!«

Er lachte zärtlich.

»Meine lüttche Frau und solch Kleid! Nee … da sprächen dich ja die Herren auf der Straße an.«

Sie wurde trotzig.

»Lass sie doch! Ein Zeichen, dass man hübsch aussieht!«

Er trank erschrocken sein Glas Echtes aus.

»Komm, Kind. Der Luxus hier verdirbt dich. Wir gehen nie wieder in ’ne Konditorei!«

Darauf sagte sie nichts. Aber nach einem ganzen Weilchen – der Apfelkuchen war auch mit den letzten Krümeln vertilgt – griff die kleine Frauenhand schmeichelnd unter dem Tisch nach der großen des Mannes.

»Noch ’n Stück … ja, Schatz? Dafür will ich auch kein Kleid … alter Brummbär!«

Der Händedruck wurde stürmisch zurückgegeben.

Zwei, die sich heute zum ersten Male heimlich getroffen hatten, saßen auf einem der Tischchen.

»Sie« ganz in die Ecke gedrückt, hinter einem Kleiderständer.

Er war weniger schüchtern.

»Was befehlen Gnädigste?«

»Eisschokolade«, lispelte sie.

»Ist Ihnen so heiß, gnädiges Fräulein?«

Dunkles Erglühen, hastiges Nicken.

»Wie Ihnen mal wieder die Bluse entzückend steht, Fräulein Elisabeth!«

»Finden Sie?«

Verschämtes Lächeln.

»Natürlich, … kleine, süße Liese …«

»Die ist glücklich«, dachte ein schlankes, braunäugiges Mädel, die neben der Mutter saß und das Paar beobachtete. »Die hat Mut! Sich treffen mit dem Liebsten, heimlich, plaudern mit ihm können, Stuhl an Stuhl, Kopf an Kopf, jung, selig sein, ohne Gedanken an Gegenwart und Zukunft … ach, wer das doch auch könnte! Nicht immer nur mit Mama durch Berlin ziehn, durch die Warenhäuser, durch die Ausverkäufe, und dann zur Belohnung ein Stück Kuchen für 15 Pfennig in der Konditorei essen. Torte mit Sahne war der Mutter zu teuer oder gar Eisschokolade …«

»Sitz grade, Erna! Sieh doch nicht so auffallend an den Tisch da drüben, Gott, Mädel … wann endlich lernst du mal Manieren! Was hast du denn … was machst du denn für ein Gesicht? Ist das der Dank für den teuren Kleiderstoff, den ich dir heute gekauft habe? Drei Mark das Meter … Vater darf das gar nicht wissen. Wie ich so alt war wie du, habe ich überhaupt noch kein Tuchkleid bekommen. Halbwolle … allenfalls einen praktischen Cheviot für sonntags. Aber heutzutage … ich sage ja … wer hat’s denn so gut wie du?«

Dazwischen kauderwelschten ein paar Russen bei ihrem Glas Tee, die gleich neben Mutter und Tochter saßen. Sie hatten Bücher vor sich auf dem Tisch liegen und gestikulierten so lebhaft mit den Händen, dass die Löffel klirrten.

Und drüben, ganz weit vom Eingang entfernt, im äußersten Winkel des Raumes saß ein altes Ehepaar, das sich gegenseitig anlachte.

Er hatte zuerst allein seinen Kaffee in der Ecke getrunken. Dann war seine Frau gekommen, die Besorgungen gemacht hatte.

Er hielt die Taschenuhr in der Hand.

»Zum ersten Male unpünktlich … Alte!«

Sie war ganz heiß und rot.

»Ach Gott … es gab so viel zu besorgen, Alterchen.«

»Was denn?«, fragte er.

Da lächelte sie.

»Donnerwetter«, dachte der Grauhaarige, »dein Weib wird wieder jung. Guckt einen an wie ’ne Siebzehnjährige!«

Sie suchte unter ihren Paketen und schob ihm das kleinste direkt vor seine Kaffeetasse.

»Wohl wieder ’n neuer Schlips für deinen eitlen Mann?«

Umständlich wickelte er es aus. Mittendrin stockten seine Finger. Ein feines Klingen, wie von winzigen Glöcklein, kam aus dem Papier.

»Da…as … da soll doch … Du hast wohl ’ne Höllenmaschine drin?«

Sie schüttelte den Kopf. Unter dem weißen Scheitel lachten die Augen wie Sonne im Schnee.

»Wickle man weiter … Großpapa!«

»Großpapa«, hatte sie gesagt. Er war förmlich erschrocken vor diesem neuen Wort. Er wickelte, und da lag’s vor ihm, blinkend, mit Elfenbeingriff und funkelnagelneu: eine Babyklapper.

»Will ich der Lotte schicken, sie … sie hat mir heut geschrieben, dass im Frühling« … Die alte Frau stockte.

Er half ihr schon.

»Dass sie so’n Dings braucht?«

Sie nickte.

»Kling…lingelinge…ling« … Es war das reine Freudenkonzert, was da für einen Augenblick unter den Fingern des alten Herrn begann.

Alle blickten auf, und keiner wusste, wo’s herkam. Aber alle lächelten.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, Nr. 1497, 16. Januar 1908, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Verlassen, 1907

Im Wartezimmer

von Marie Holzer (1874–1924)

Er stand im weiten eleganten Wartezimmer des Arztes. Als Letzter war er eingetreten. Die meisten Fauteuils waren besetzt. Er grüßte stumm und blieb vor einem tiefhängenden Schlachtenbilde stehen, das dicht bei der Türe hing. Er sah darauf – gespannt, lauernd, als wollte er ergründen, was hinter der Stirn jener Männer geschrieben stand. Seine Gedanken gingen dieselben Wege wie die der Krieger dort, einen Weg wohl, doch ohne jenen Beigeschmack, doch ohne jenes Lustgefühl, das wohl das Herz so manches dieser Leute schlagen lässt.

Die Augen des Offiziers dort glänzten wie im Fieber, und aus dem Blick jenes Soldaten leuchtete ein Rachegefühl, aus den kraftvollen Bewegungen eines anderen sprach verwegener Mut. Doch dieser hier, der Letzte fast, ja, in seiner ganzen Haltung, in seinem Gesichtsausdruck, da lag deutlich völlige mutlose Resignation – nein, nicht Resignation – Furcht – ja, ja, Furcht, und doch musste er mit – in den Tod.

Sterben! Das ist das Ende jeden Weges, jeder Gasse. Alle Wege führen ins dunkle Reich – alle. Doch es gibt Umwege – weite – lange – beschwerliche – immer gleich weit – gleich – lang – öd – staubig – endlos, dass man sich endlich gerne hinlegt und ausruht …

Doch gibt es auch andere, die durch Gärten führen; mit knospenden Sträuchern, mit blühenden Blumen, mit weiten Rosenflächen, mit verschlungenen Pfaden und Rosen am Wegesrand, die weit, weit von der Ausgangspforte liegen, die einen immer wieder in den Bann des Lebens ziehn, mit ihren Zaubermärchen, mit ihrem Liebesgeflüster, mit ihren Blumenketten.

Aber steile Wege gibt es auch, knapp und eng, über Geröll und Steinfelder, aber die führen in die Höhe, alles hinter sich lassend in der Tiefe. Die ziehn uns mit tausend Armen hinauf in die frische, freie Luft, wo man aufatmen kann, tief und frei, und allein ist.

Allein? Allein ist man auch in der Tiefe, in der Erde, und vor dem Alleinsein graut ihm.

Ein Zittern überfällt ihn, ein krampfartiger Husten.

Die Diele knarrte. Ein ungeduldiger Patient hatte sich erhoben, oder war ein neuer eingetreten. Dann wieder ein Räuspern. Es sah nicht auf. Dann huschte jemand vorüber. Ein entlassener Patient wohl. Die Portière, die vor der Türe hing, wurde einen Augenblick beiseitegeschoben und ließ einen Lichtschein hereinfallen – dann glitt sie wieder langsam zur Erde. Er rührte sich nicht. Er kam noch nicht dran. Noch eine kurze Galgenfrist lag zwischen jetzt und später? Jetzt gab es noch ein Später – bald nur noch ein Jetzt und dann – dann nichts mehr – dann Ruhe – Stille – kein Bewusstsein – kein Erwachen – kein Schmerz – keine Angst – nichts – nichts – alles ringsum tot – schwarz. Das Ticken der Uhr verstummt – das Bild vor ihm versunken – der Lichtschein, der durch die Tür ins Zimmer fiel – weg alles weg – – – – – Nein, nein, alles bleibt, die Uhr tickt weiter – der Lichtschein fällt durch die Türe herein, des Morgens, des Abends, so oft ein Patient geht und kommt, das Bild an der Wand bleibt hängen – nur er – er ist nicht da – alles andere bleibt.

Sterben muss er. Jetzt beim Erwachen des Frühlings, beim leuchtend blauen Himmel, beim ersten Sprießen junger Knospen, beim Blütenduft, der wundersam die Luft durchzieht. Sterben – sterben!

Warum nicht im Herbst, wo alles zur Ruhe geht? Wenn der Himmel dicht verschleiert ist, wenn kalte Winde über die staubige Straße fegen und die Blättchen von den Bäumen rütteln – nicht jetzt – Gott, nicht jetzt – wo alles zu neuem, jungem, kräftigem Leben ersteht – nicht jetzt. Und doch, er fühlt ja deutlich, wie die Kräfte schwinden, täglich, stündlich – dass das Frühjahr mit der schönen, würzigen Luft ihm den Tod bringen wird. –

Frische Blüten erstehen, und die dürren Blätter müssen fallen! Die Natur geht schmerzlos schlafen – denn sie erwacht wieder. Schlafen und Erwachen, wie schön! Aber schlafen – immer schlafen – ohne Ende – morgen – übermorgen – immer. Immer? Was heißt das, immer? Was war immer – und was wird immer sein, sind die Blättchen dieselben und war er immer derselbe oder hatte er hundertfache Gestalt? Zuerst ein Wickelkind, in dem die Gefühle leise dämmern, dann ein kleiner, zärtlicher Junge, dann ein munterer, ausgelassener Schulbub, ein wilder Knabe, dann ein Hochschüler mit tausend Träumen und Wünschen, voll Kampfeslust und Jugendkraft und Begeisterung – dann ein Mann, ernst und strebsam – und endlich ein Bürokrat, pflichttreu und bitter – weil die Welt so eng wurde – und so anders. Nichts ist ihm geblieben als der Name, und auch der hatte so verschiedenen Klang.

Alles hat sich geändert, alles. Die Gedanken – die Gefühle. Ja Gedanken – Gefühle – Wünsche – hatten so verschiedene Färbung – zuerst rot – hell – leuchtend – dann matter werdend – immer matter. Die Hoffnungen sind andere geworden – alles ist anders geworden – alles –

Aber die Gedanken, die Gefühle, die Wünsche, die gehen nicht zugrunde, auch wenn er fort muss. Die Gedanken waren nicht sein, auch wenn er sie gedacht. Sie liegen in der Luft wie die todbringenden Keime. Ein Windhauch bringt sie uns zu. Wir atmen sie ein mit dem Blütenduft im Morgentau, und in dem eine setzen sie sich fest und leben fort, entwickeln sich, und der andere bleibt unberührt davon – von den Keimen – von den Gedanken.

Und was er erlitten, was er gehofft, gefühlt, geträumt, leiden, träumen, hoffen und fühlen andere – andere, die nach ihm kommen und denselben Weg gehen – denselben Weg abwärts in die Tiefe.

– – – – – – – – – –

Er steht und denkt und hört nicht das Kommen und Gehen der Leute – hört nicht ihre Worte – hört nicht ihren Gruß. Er starrt auf das Bild der Krieger, die ihm voran in den Tod reiten und denen er folgen muss – willenlos.

Die Sonne ist untergegangen mit einem letzten warmen, roten Aufleuchten, und das Zimmer liegt im grauen Dämmerschein. Da öffnet sich die Türe und ein Diener tritt ein.

»Verzeihen, mein Herr. Die Sprechstunde ist vorüber. Der Herr Professor ist fort, soll ich Sie vielleicht für morgen aufschreiben?«

Er sieht den Diener an – ungläubig – verständnislos, und dann stürzt er auf die Gasse …


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, Nr. 1556, 16. April 1908, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Skizze für ein männliches Porträt, um 1900

Vorfrühling

von Hedwig Lachmann (1865–1918)

Märzstaub fliegt auf. Es fröstelt leicht.
Der Tag in langer Dämmrung bleicht.

Vom Wind das Pflaster blank gefegt.
Es klingt verloren, was sich regt.

Der Kinder Spiel ist eben aus.
Die Mütter winken sie ins Haus.

Es schreit in mir: Verratnes Herz!
Doch geh ich schweigend frühlingwärts.


Textnachweis
Aus: Hedwig Lachmann, Gesammelte Gedichte, Potsdam 1919, S. 38. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Nadelstiche

von Marianne von K**

9. Oktober 1837

Man will den Frauen die Feder streitig machen, und doch verstehen sie oft besser zu schreiben als die geistreichsten Männer; ja, es gibt ein Fach, wo ihr Schriftstellertalent noch von keinem Manne erreicht wurde – ich meine, im Briefschreiben. Ich will nicht von den Schriftstellerinnen par métier sprechen, obgleich die Männerliteratur nur wenige epistolarische Muster aufzuweisen hat, welche den Lettres de Madame Sévigne und den Briefen von Rahel [Varnhagen] gleichzustellen sind; sondern ich meine hier jene weiblichen Schriftstellerinnen, die, wenn sie die Feder auf das Papier setzen, keinen Gedanken an die Öffentlichkeit haben, die sogar verzweifeln würden, wenn die Briefe, die sie schrieben, von einer anderen Person noch gelesen würden als von der, an welche sie solche richten. Ich meine die Briefe, die das liebende Mädchen an den Mann ihrer Wahl, die einsame Gattin an den fernen Gatten, die Tochter an die Eltern, die Mutter an ihre Kinder schreibt; kurz, alle jene Briefe, wo das Gemüt die Feder führt. Hier kann der Mann dem Weibe nie gleichkommen! Das einfachste Mädchen weiß da eher Gefühl und Ausdruck zu verschmelzen als der gebildetste, gelehrteste Mann. Der Brief ist das Eigentum des Weibes; in der Konversation gebietet ihr Würde und Klugheit, ihre Gefühle zu verschweigen, im Briefe darf sie selbe aussprechen. Der liebende Mann taucht seine Feder in Flammen, die Frau taucht sie in ihr Herzblut. Der Brief des Mannes trägt die Farbe seines Geistes, der Brief der Frau trägt die Farbe ihres Gemütes. Mögen sie uns immer vorwerfen, dass wir die Rechtschreibung vernachlässigen; das Rechte zu schreiben, verstehen wir besser als sie.

11. Oktober 1837

Langweilige Visiten haben für Frauen einen großen Vorteil; sie üben ihre Geduld. Das Lustspiel: »Die bezähmte Widerspenstige« enthält eine etwas sonderbare und abenteuerliche Kur, wodurch ein junger Offizier seine wilde und ungeduldige Frau zur Sanftmut und Schmiegsamkeit bringt. Ich weiß eine weit leichtere, natürlichere und erfolgsicherere. Es ist kein Geheimnis, und die ganze Heilmethode ist sehr gut auszuführen. Jeder junge Ehemann darf nur in den ersten Wochen nach seiner Vermählung alle alten und verlegenen Basen, Muhmen, Tante und Schwägerinnen heimlich einladen und ihnen zureden, seine liebe Frau fleißig mit ihrem Besuche zu beehren; das ist eine Kur, gegen welche Gräfenberg, Ischl und die »bezähmte Widerspenstige« in nichts zerfallen. Eine junge Frau, die vier, fünf Wochen lang von solchen Visiten bearbeitet wird, und wäre sie vor der Hochzeit so wild wie ein Falke gewesen, ist in kurzer Zeit milder und geduldiger als eine Taube.

Mit Recht ist die Weltgeschichte weiblichen Geschlechtes; ist sie doch die größte Plauderin, die es auf Erden gibt! Kein Geheimnis, und beträfe es Fürsten und Kronen, ist vor ihrer Zunge sicher – sie plaudert alles aus. Nur in einem Punkte macht sie eine Ausnahme: Sie schont ihre eigenen Kinder nicht, und ihr böser Leumund wendet sich auch gegen ihre größten Söhne. Darum hätte man die Geschichte immer männlichen Geschlechtes sein lassen können, denn nur der Mann ist fähig, sein Kind dem Recht zu opfern. Das weibliche Geschlecht hat keine Brutustat aufzuweisen, und das ist ein größerer Ruhm, als wenn sie solche hätte.

10. November 1837

Unterläge der biegsame Stoff in uns Frauen nur immer einer bildenden Meisterhand, so würden Formen daraus hervorgehen, die alle Bereiche des Guten, Schönen und Sittlichen in sich fassten. Das Weib wird meistens durch zufällige Umgebung innerlich geschaffen; der Mann aber, der echte, schafft sich selbst seine Umgebung, er passt sie seinen Vorzügen und seinen Fehlern an. Darum klage der Mann nie die Gebrechen und die Missverhältnisse eines weiblichen Charakters an, denn die Klage fällt auf sein eigenes Haupt zurück; der weibliche Charakter ist nur ein Spiegelbild, die Gestalt, die es zeigt, ist ein Abbild jener, die sich vor dem Spiegel seiner Seele stellte. Der Geist des Weibes und ihre Phantasie gleichen jener Quelle, aus welcher der Erzvater Jakob seine Herden tränkte. Sind es fleckige Schafe, die jene Quelle umstehen, so spiegelt sie auch ein fleckiges Bild zurück; doch lasset nur weiße Lämmer sie umgeben, da wird auch die Gestalt in der Quelle weiß und rein sich euren Blicken zeigen! Darum soll der Mann nie seine Frau anklagen; ihre Fehler sind nur der Widerstrahl der seinigen. Würde er mit kräftiger Hand in den weichen Ton bildend greifen, und würde diese Hand eine reine, unbefleckte sein: er würde, jenem Künstler gleich, vor dem Gebilde, das er selbst geschaffen, niederknien – und es anbeten.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph
II. Jg., No. 121, 9. Oktober 1837, S. 500.
II. Jg., No. 122, 11. Oktober, S. 504–505.
II. Jg., No. 135, 10. November, S. 558–559.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

An eine Rose

von Marianne von K**

Wohl bist du mir ein holdes Bild der Jugend
Wie Morgenrot, von zartem Duft verklärt;
Wohl uns, wenn unser Herz, wenn uns’re Tugend,
Wie dich ein schützend scharfer Dorn bewehrt!

Denn nur als Knospe spornst du das Verlangen,
Bist du erblüht, so wechselt schnell dein Los –
Der Fluch »Vergänglichkeit« hält dich umfangen,
Und welkend sinkst du bald in ihren Schoß.

D’rum, Frau’n, bewahrt die zarte inn’re Blüte,
Die Hülle treffe nur des Schicksals Macht!
Denn was wir schützend bergen im Gemüte,
Nur dies allein versinket nicht in Nacht.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., No. 116, 27. Sept. 1837, S. 479. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Briefe aus Teplitz

von Marianne von K**

I.

Erklärt mir, Graf Oerindur, warum wir Frauen nicht ebenso gut schriftstellern sollen als wie Ihr gottlosen Männer? Glaubt Ihr, weil uns das Schwert zu gewichtig sei, dass auch die Feder Schwielen in unsere Hand drücken könnte? Glaubt Ihr, weil wir nicht die Kraft haben, zu zerstören, fehle uns auch die Kraft zum Schaffen? Und warum liegt Ihr denn zu unseren Füßen und fleht um unsere Gunst, warum krümmt Ihr Euch, um unsere Huld zu erlangen? Ist das keine Schöpfung, wenn wir Euch aus Eurem Nichts in den Himmel unserer Liebe erheben? O, Ihr wisst zu gut, welch ein Paradies in unserer Hand liegt, darum buhlt Ihr auch stets darum und seid glücklich, wenn wir sie Euch reichen; aber schreiben sollen wir nicht davon, und warum? – weil Ihr unsere geistige Übermacht fürchtet! Die Suppe könnte verbrennen und das Essen versalzen werden, wenn wir zu lange am Schreibtische sitzen, sagt Ihr mit erzwungenem Lachen. Als ob wir nicht nach Tische schreiben könnten! Aber ich weiß, Ihr meint eine ganz andere Suppe, die wir Euch verderben könnten. Nun, über mich soll keiner klagen, und wenn ich diese Zeilen schreibe, so geschieht es mit hoher und gnädiger Erlaubnis meines Herrn Gemahls, dem der Kellner die heiligsten Versicherungen gegeben hat, dass die Suppe mit ihrem ganzen Gefolge sich bei ihrer Darstellung unsere Huld und Zufriedenheit erwerben werde. Wir wohnen im Hotel de Londres, und ich will es diesem Engländer glauben, dass die Bill, die er im Oberhause – auf unserem Zimmer – entworfen, im Unterhause – d. h. im Speisesalon – mit Beifall angenommen wird. Ruhig und sorglos will ich mich daher dem Vergnügen, Ihnen Mitteilungen zu machen, überlassen.

Ich fühle mich so leicht, so heiter, der Himmel hat die dunklen Vorhängen, hinter welchem er die Sonne so lange versteckt hielt, heute endlich auseinander geschlagen und uns das glänzende Antlitz jener großen Königin sehen lassen. Wenn die goldenen Strahlen derselben Teplitz bedachten, dann sucht die Gegend ihresgleichen. Man weist Karlsbad den ersten und Teplitz den zweiten Rang unter den böhmischen Kurorten an; aber diese Rangordnung ist hier ebenso schlecht angewendet, als wenn man sagt: Goethe ist der erste und Schiller der zweite deutsche Dichter. Es gibt Menschen, die zwei Größen nicht nebeneinander sehen können, ohne an Sonne und Mond zu denken. Vorzüglich die Männer sind es, die immer eines dem andern untergeordnet sehen wollen. Der Ausspruch: »Und er soll dein Herr sein« hat manchen Ehemann unter den Pantoffel gebracht; denn der Mann muss beherrscht sein, wenn er nicht herrschen soll. Gleiche Rechte leuchten ihm schwer ein. Teplitz und Karlsbad können recht gut nebeneinander bestehen, jedes hat seine eigenen Schönheiten. Karlsbad trägt den Typus der Romantik, Teplitz hat mehr klassisches Element. Wie ein schwärmerisches Jüngling liegt das Karlsbader Tal unter dunklen Felsen im Waldesschatten, die schlanke Sylphide des kleinen Flusses hat ihren Arm um seinen Nacken geschlungen, und Tränen dringen aus ihren Augen, die sie an dem Busen des Geliebten verbirgt. In seinem Innern aber kämpfen widerstrebende Gefühle: Sehnsucht nach den blauen Höhen, Liebe zu der teuren Jugendgefährtin durchströmen mit siedenden Quellen seine Brust. Mit der einen Hand umschlingt er feurig die Geliebte, die andere streckt er schwärmerisch zu den Spitzen jener Berge, deren tausendjährige Eichen ihre Wipfel zum Himmel erheben und das Geflüster der Wolken hören und die Geheimnisse der Gottheit einander zulispeln. Da erhebt der Dreikreuzelsberg sein ehrwürdiges Haupt und zeigt dem Jünglinge jenes heilige Symbol, welches die Liebe mit dem Glauben in sich vereint, und wie es der Jüngling erblickt, sinkt er betend auf seine Knie, und der aufgehende Mond wirft sein weißes Licht auf sein zuckendes Angesicht. Ein ganz anderes Bild gewährt Teplitz. Die Natur ist hier plastischer, ihre schönen, wohlgeformten Glieder sind nicht unruhig bewegt, überall ist heiterer Himmel und griechische Klarheit; auf dem Schlossberge aber steht Helios und schaut mit glänzenden Augen hinein in die Badehäuser, wo mehr als eine Venus aus den Wellen steigt und liebliche Najaden in den Gewässern plätschern.

Aber Sonnenschein muss Teplitz haben, wenn es seinen schönen Charakter nicht verlieren soll; sobald es regnerisch wird, ist sein ganzer Reiz dahin. Wir sind bereits acht Tage hier und leben wie in einem Dorfe. Denn das Theater, welches abends die einzige Unterhaltung bieten soll, erinnert eben nicht an das klassische Altertum, obgleich der Direktor Römer heißt. Noch ist hier übrigens das eigentliche Kurleben nicht angebrochen; denn da Teplitz von vielen als Nachkur des Karlsbades gebraucht wird, so füllt es sich erst in der Mitte des künftigen Monats; bis heute enthält die Badeliste 600 Personen, wovon aber viele wieder abgereist sind. – Wir wollen heute nach der Schlackenburg fahren, beten Sie für mich, dass der Himmel uns gewogen bleibe.

II.

Noch aus einem Grunde kann man Teplitz klassisch und Karlsbad romantisch nennen: In Teplitz wird gebadet nach der schönen Sitte der Griechen und Römer, in Karlsbad aber wird getrunken, ein wahres Zeichen des romantischen Rittertums. Ach, es muss eine poetische Zeit gewesen sein, als wir Frauen nur demjenigen unsere Gunst schenkten, der die meisten Schädel gespalten hatte und zur Ehre und zum Preise unserer Schönheit aus ungeheuren Humpen sich täglich voll soff! Ritterliche Galanterie – man kann Krämpfe bekommen, wenn man daran denkt. Bei den Griechen hörte man in ihren entartetsten Zeiten nie von solchem Skandal. Bei den Spartanern war Trunkenheit ein Verbrechen; in Athen durfte kein Sklave in der Schenke trinken. Das Baden war ihre höchste Leidenschaft. Dagegen finden wir in allen Ritterbüchern, vom Nibelungenlied bis auf die Heldentaten des Ritters Don Quixote herab, keine Spur, dass sich einer jener tapferen Kämpen je gebadet oder auch nur abgewaschen hätte. Es mögen saubere Menschen gewesen sein. Für meinen Geschmack nehme ich nicht ein ganzes Fass voll romantischer Poesie für ein Kästchen Griechentum. Mein Herr Gemahl kann sich beim Schicksal bedanken, dass wir nicht in Wien wohnen; so ein schöner Grieche könnte ihm leicht gefährlich bei mir werden. Übrigens haben wir auch in Teplitz eine Trinkanstalt; selbe befindet sich – wohlgemerkt – hinter dem Herrenhause. Doch ist diese Trinkanstalt auch von Frauen stark besucht, und die Teplitzer schmeicheln sich mit der Hoffnung, dass noch mehre derlei Quellen in der Nähe sich befinden. Wenn diese Hoffnung zu Wasser wird, dann ist den Teplitzern geholfen, und es dürfte dem Karlsbade ein gefährlicher Rival entstehen. Dagegen erhält Teplitz selbst wieder einen Nebenbuhler an dem angrenzende Dorfe Schönau, wo sich das Schlangen- und Steinbad befindet; denn indem man hier das nahe Stadtleben mit einem idealisch-ländlichen Aufenthalte verbinden kann, wird es für jeden Badegast ein wünschenswertes Asyl, und so mancher Fremdling, der in den hiesigen Quellen sich Heil gesucht, hat, von der Lieblichkeit dieses idyllischen Aufenthaltes ergriffen, die Worte wiederholt: »Hier ist’s gut sein, hier lasst uns Hütten bauen!« Nach den pekuniären Verhältnissen dieser Naturfreunde haben sich dann die Hütten in schöne Wohnhäuser verwandelt, so dass das Dörfchen mit der Stadt in die Schranken treten darf. Indessen macht diese immer mehr und mehr Fortschritte, neue Häuser fliegen auf, und auch das Herrenhaus, welches das alljährliche Logis des Königs von Preußen ist, wurde heuer durch den Anbau eines neuen Flügels vergrößert. Nach dem neuen Schlossberge ist eine gebaute Chaussee errichtet worden, wodurch nunmehr der Besuch auf jener herrlichen Höhe erleichtert wurde. Allmählig wird es lebendiger hier. Am 29. Juni kam der Fürst Radziwill mit seiner Gemahlin hier an; Letztere ist eine Tochter der Fürstin Clary. Vorgestern langte endlich auch der langerwartete Gouverneur des Königreichs Polen, Fürst Paskewitsch, an, und bezog eine Wohnung von 19 Zimmern. – Morgen oder übermorgen (am 7. oder 8. Juli) aber erwartet man Se. Majestät den König von Preußen, dessen Ankunft immer mit einer kleinen Festivität gefeiert wird.


Textnachweis
Aus: Der Telegraph, II. Jg., No. 82, 10. Juli 1837, S. 340; II. Jg., No. 83, 12. Juli 1837, S. 343.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Gedichte und Lieder

von Charlotte Löw

Verlorne Mühe

Jüngst sah er im Auge ihr glänzen
Die Träne, perlenhell;
Der Wehmut schien sie entsprungen –
Ein bittersüßer Quell.

Viel Fischlein drinnen baden
Auf seinem so düstern Grund:
Die Fischlein sind die Gedanken,
Gefleckt, wie Forellen, so bunt.

Schnell ward er lüstern, zu fischen
In diesem Gedanken-Meer.
Auswarf er das Netz und die Angel;
Er zog sie heraus – doch leer!

Und wieder glänzte im Auge
Die Trän’ ihr, perlenhell;
Doch lachend spitzt sich ihr Mündchen –
Geschwätzig spricht es und schnell:

»Gedanken wirst nimmer du raten,
Kündet sie dir nicht der Mund.
Im Trüben wirst du stets fischen,
Gibt der Gedanke im Wort sich nicht kund!«

Lieder

I.

Wenn ich auf meinem Lager,
Von Schatten eingehüllt,
Dann drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

Vom Bild, das sonst mit klarem Blick
Mich freundlich angeschaut,
Bis jede Wolke wich zurück,
Die meine Stirn umtaut’!

Von Worten, die beredt und mild
Durchdrangen Seel’ und Herz;
Und oft die Tränen mir gestillt,
Beschwichtigt oft mein Herz.

Wohl blicket klar noch jetzt das Bild,
Das Wort entströmt dem Mund;
Doch dass die Ferne sie umhüllt,
Das drückt das Herz mir wund.

Drum wenn ich auf dem Lager ruh’,
In Schatten tief verhüllt,
So drück’ ich fest die Augen zu
Und träum’ vom lieben Bild.

II.

Könnt’ ich das Herz heraus mir heben
Aus meiner grabesstillen Brust:
Wie wollt’ ich gute Wort’ ihm geben,
Bis es erwacht zu neuer Lust!

Wie wollte ich es eifrig pflegen,
Ihm Lieb’ einhauchen, glutenheiß,
Bis es in lebenswarmen Schlägen
Sich regte aus dem starren Eis!

Doch eingesargt im kalten Schreine,
Der Totenwürmer sich’rer Raub,
Verschlossen jedem Hoffnungsscheine,
Zerfällt es bald in leichten Staub.

In Staub, aus dem nicht Halm noch Blüte
Mit frischem Dufte je entquillt;
Die Brust, die einst vulkanisch sprühte,
Hat tote Lava jetzt gefüllt.

Kein Frühling

Wie es schwillt aus jeder Knospe,
Aus den Keimen steigt’s empor;
Wie es zwitschert in den Zweigen,
Freudig grüßt es Aug’ und Ohr.

Auch die Schwalben kommen wieder,
Und der Storch baut hoch sein Nest;
Und die bunten Schmetterlinge
Schwärmen froh nach Ost und West.

Blüte dränget sich an Blüte,
Zweig um Zweig die Arme schlingt;
Liebesfreuden, Lebensfreuden
Junger Frühling mit sich bringt.

Nur ein Veilchen tief im Busche
Steht vereinzelt da und sinnt,
Matten Blicks, gesenkten Hauptes,
Perlentau es leis’ durchrinnt.

Perlen, sagt man, deuten Tränen,
Tränenperlen künden Schmerz;
Armes Veilchen! ach ich ahne,
Was so früh zerknickt dein Herz.

Ungestillter Sehnsucht Schauer,
Rieselt kalt im Busen dir,
Und nach Sonne und nach Wärme
Lechzest du vergebens hier.

Sehnsucht schleicht gesenkten Hauptes
Mit dem tränumflorten Blick;
Schmerz weiß nichts von Lenzesjubel,
Sehnsucht nichts von Maienglück.


Textnachweis
Verlorne Mühe, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 8, 17. Januar 1838, S. 31.
Lieder, aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 76, 25. Juni 1838, S. 309.
Kein Frühling, aus: Camellien. Almanach für 1840, Prag und Berlin [1839], S. 363–364.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

Lob des Schmerzes

von Charlotte Löw

Du mächtiger König mit dem blutgefärbten Purpur, dessen Palast gebrochene Herzen sind, dessen Gefolge Jammer und Tränen bilden, dessen Hofstaat aus bleichen Wangen und hohlen Augen besteht, auf deinem Altare will ich jetzt Weihrauch opfern!

Lobt man doch die Nacht und die Finsternis; lobt man doch den Winter mit seinen alles Leben zerstörende Frösten; lobt man doch Regen, Sturm und Ungewitter und all die Schattenseiten des Lebens, die dem Lichte zur Folie dienen – warum nicht auch ein Wort des Lobes für den Schmerz?

Das Ungetüm »Schmerz« ist für die menschliche Brust das, was die Seeungeheuer für die Tiefe des Meeres sind. Ohne diese raubgierigen Larven würde das große Weltmeer zu einem Pest aushauchenden Sumpfe, der mit polypenartigen Armen das ganze Weltall umfasste, dass es ersticke in seinen Umarmungen. Aber jene furchtbaren Seebewohner reinigen das heimatliche Element von dem Aase toter Fische und retten es von dem tötenden Dunste der Fäulnis. Also auch der Schmerz. Wie er auch mit seinen furchtbaren Flossen unsere Brust peitscht, dass es zum Himmel spritzt; so reinigt er doch unser Herz von den verpesteten Dünsten, die Zorn, Neid, Rachsucht und tausend andere Leidenschaften darin zurückgelassen haben. Wohl wühlt er unbarmherzig in unserem Innern; aber er gleicht dem Spaten des Bergmannes, der die reichsten Goldadern im Schoße der Erde entdeckt; – ein neues, längst verschüttetes Herculaneum steigt plötzlich ans Licht, eine Welt von Wundern erschließt sich; und indem wir mit ihm ringen, werden wir erst die kostbaren Schätze gewahr, die sich in der Menschenbrust gebettet haben. Er ist es, der den trägen Schläfern das »Erwache!« zudonnert, und geschäftig, gleich Bienenschwärmen, kreuzen sich Gedanken und Empfindungen in dem früher so wüsten Raume. Wohl gibt uns der anfangs überlegene Feind viel zu schaffen; doch an seiner Kraft stählt sich unsere Stärke; zum riesigen Kampfe aufgefordert, stehen uns auch außerordentliche Mittel zu Gebote, und wie die Lawine im raschen Sturze sich immer vergrößert, indem zum kleinen, unbedeutenden Schneeflocken sich Myriaden seiner Brüder gesellen, so vergrößert sich auch die Sicherheit unsers Innern durch die Aufforderung von außen. Unsere frühere stille Welt ist zwar zerstört; unsere geweckten tatkräftigen Gesinnungen hingegen schaffen sich neue Welten. Das früher unfruchtbare, brachgelegene Feld unserer Gedanken wird neu bebaut; mit schaffendem, emsigen Fleiße wird jedes Plätzchen urbar gemacht, um jetzt, durch unser eigenes Selbst, das in uns nun üppig blühende Leben zum keimenden, wuchernden und reifenden Saatfelde zu gestalten.

Nur im Schmerze beurkunden wir unsere göttliche Abstammung. Durch seine Gluten geläutert, gleichen wir dem Demant an Glanz und Klarheit; – die unreinen Schlacken unsers Innern hat sein Feuer verzehrt! Selbst die Freude, dieser ewige Antipode des Schmerzes, muss zur festeren Gründung ihres Reiches den Schmerz als Grundlage nehmen, wenn nicht die Pfosten ihres Thrones wanken, wenn nicht Gewohnheit und Stumpfsinn bald die Säulen ihres Palastes zernagen sollen! – Im Schoße des Glückes reift der Mensch keiner Vollkommenheit entgegen. –

Kein Schmerz, und wäre er der höchste, dauert ewig; die Zeit gleicht der Baumwolle, die um den Pfeil sich legt und auch die schärfste Spitze abstumpft und überwindet. Der überwundene Schmerz aber hat sich zu einem andern Wesen in unserem Innern gestaltet. Gleich der Raupe hat er sich eingesponnen, und von seinem Dasein gibt nur die Schwermut Kunde, die mit ihrem grauen Nebelschleier (sein Kokon) ihn bedeckt und deren milden Reflex wir so oft als Stempel höheren Seelenadels auf dem bleichen Menschenantlitze bewundern. Das Leben wird erst unser, wenn es sich wieder erzeugt in unserm Innern. Der Schmerz ist der edelste Reiz, der uns gleichsam zum Wettkampfe auffordert, die Verheerungen unsers Innern durch neues Leben zu ergänzen; – und er ist es wieder, der Herz und Geist mit seltener Produktivität begabt. Nennet ihn daher nicht den Verheerer, den Würgeengel unseres Lebens! – Er erschließt uns neue, unversiegbare Lebensquellen, lässt unsern Sinn zu jener Reife und Vollkommenheit gedeihen, durch welche Erdenleid und Erdenschmerz leicht besiegt werden, und bereitet uns endlich würdig zur letzten Katastrophe vor, wo aller Kampf und alles Mühen ein Ende hat und wo wir, Erdenleid und Erdenfreude tief unter uns lassend, das endliche Ziel unserer Wanderung erreichen.


Textnachweis
Aus: Der Wiener Telegraph, III. Jg., Nr. 16, 5. Februar 1838, S. 66. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

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Detail aus: Amalia Lindegren, Augusta von Fersen, 1844

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