Der Unersetzliche

von Carry Brachvogel (1864–1942)

Der jähe Tod des berühmten Professors versetzte die kleine Universitätsstadt, an deren Hochschule er jahrzehntelang gelehrt hatte, in die größte Aufregung. Seine Beerdigung gestaltete sich zu einer imponierenden Kundgebung, wie sie das dankbare Vaterland nur seinen großen Söhnen bereitet. Der König hatte die sonst nur bei Fürstenbegräbnissen übliche Trauerhoheit entsendet, jede europäische Universität eine besondere Deputation. Alle Fachkollegen, die ihn beneidet und gehasst hatten, umstanden schmerzerfüllt seine Gruft und freuten sich, dass sie nicht drin lagen. Die Chargierten der Korps, Burschenschaften und freien Verbindungen legten prächtige Kränze an seinem Sarge nieder und versprachen dem Verstorbenen feierlich alles, was Chargierte nur versprechen können, wenn sie in Wichs sind und »im Namen« reden. Die Berichterstatter großer Zeitungen notierten und erfanden rührende und charakteristische Züge des Toten, in denen fast immer von seiner Hässlichkeit, seiner Barschheit, seiner Weltunerfahrenheit und seinem innigen Familienleben die Rede war, denn das Publikum hat’s gern, wenn ein großer Gelehrter hässlich, grob, weltfremd ist und ein Familiensimpel obendrein. Der Verstorbene hätte auch in der Tat weder mit dem Apoll von Belvedere noch mit dem höflichen Herrn v. Knigge konkurrieren können, hatte es auch nicht unter seiner Würde gefunden, ungefähr ein Halbdutzend Kinder zu zeugen – selbstverständlich alle legitim. Nur so ganz weltunerfahren schien er nicht gewesen zu sein, denn er hinterließ ein beträchtliches Vermögen. Davon aber brauchte schließlich das Publikum nichts zu erfahren …

Nach der Beerdigung gingen die Fremden tieferschüttert in ihr Hotel und die Einheimischen, nicht minder tieferschüttert, in die Kneipe. Etliche, die nicht einmal der Alkohol zu trösten vermochte über den Verlust, den die Alma Mater erlitten, begaben sich noch bei anbrechender Nacht hinaus vor die Stadt, nach einem bescheidenen kleinen Haus, das mit seinen herabgelassenen Fensterläden, hinter denen rosiges Licht schimmerte, äußerst sittsam und gemütlich aussah. Es war auch sittsam und gemütlich, denn es wurde ausschließlich von Damen bewohnt und ausschließlich von Herren besucht …

Am nächsten Morgen stand der Erstchargierte des Korps »Tantania« vor dem Mathematiker der Universität. Der Erstchargierte – Fritz v. Kumpfmüller – war der Sohn eines Oberstaatsanwaltes, Neffe eines Konsistorialrates und zweier Kirchenräte und berechtigte also selbstverständlich zu den schönsten Hoffnungen; trotzdem war er sonst ein normaler Mensch. Er sah etwas übernächtig aus – wahrscheinlich hatte er sich über den unersetzlichen Verlust der Alma Mater mit zu starken Mitteln trösten wollen. Auch dass er in seiner Angelegenheit gerade zum Mathematiker kam, ließ auf sanfte Verblödung schließen.

Der Mathematiker berechnete eben die schönsten Logarithmen und ließ sich zunächst durch den Eintritt des Herrn v. Kumpfmüller nicht im Geringsten stören. Erst als der Studiosus über seine einleitenden Worte hinaus dem Kernpunkt der seltsamen Angelegenheit näher kam, fuhr der Professor auf seinem Sitz herum.

»Herr Studiosus, das ist unmöglich! Sie … Sie müssen sich täuschen! Wie, dieser edle, unersetzliche Tote, auf dessen herrliches Familienleben wir alle mit Bewunderung blickten … er sollte … O, undenkbar!«

»Herr Professor, ich hab’s mit eigenen Augen gesehen!«

»Wo, wenn ich fragen darf?«

Der Studiosus zögerte eine Sekunde lang, dann sagte er mit edlem Anstand und einer schweifenden Handbewegung:

»Bei der Mina selbst … gestern Abend …«

Da war der Mathematiker überwunden und erklärte sich für inkompetent. Selbstverständlich aber wollte er den ungeheuerlichen Fall unverzüglich dem Senat vortragen, so erforderte es das Ansehen der Alma Mater. Er tat etwas Niedagewesenes – er schob seine Logarithmen beiseite, begab sich unverzüglich und in großer Bestürzung zu seinen Freunden, dem Juristen und dem Historiker.

Der Historiker schrieb gerade an einem Buch: »Die Ethik der Assyrer im Jahre 961 v. Chr. in ihren Wechselbeziehungen zum Moralbegriff der Babylonier.« Es ist also begreiflich, dass er im ersten Augenblick nicht recht verstand, um was es sich handelte, dann aber bestürzt rief: »Wie?! Eine Hetära sagen Sie … (er betonte das »a« am Schluss, denn er hielt es für sehr ungebildet, wenn ein Mensch »Hetäre« sagte). Eine Hetära und dieser große, unersetzliche Tote …«

Der Jurist fragte, ob Defloration vorläge oder Folgen des außerehelichen Beischlafes vorhanden wären. Da jedoch weder die Logarithmen noch die Ethik der Assyrer darüber Aufschluss gaben, konnte ihm keine Antwort werden …

Am nächsten Tage schon trat der Senat zu einer Sitzung zusammen, in der die peinliche Angelegenheit besprochen und schleunigst erledigt werden sollte. Schleunigst. Sonst sahen am Ende noch andere, was der Studiosus v. Kumpfmüller gesehen hatte, und der Tote war noch im Grabe geschändet, die Alma Mater lächerlich gemacht, vernichtet …

Der Dekan der philosophischen Fakultät hatte das Referat übernommen. Er beherrschte sein Thema tadellos, denn er hatte sich genau informiert, so weit das, ohne Aufsehen zu erregen, möglich gewesen war. Aus Respekt vor der Würde des Senats berichtete er alle peinlichen Details nur im Flüsterton. Trotz der gedämpften Stimme lag die Sache aber doch bald klar am Tage: Der hochverehrte, unersetzliche Tote, der weltfremde Mann mit dem herrlichen Familienleben war ein regelmäßiger Gast jenes sittsam-behaglichen Hauses gewesen, hinter dessen geschlossenen Fensterläden abends rosiges Licht schimmerte … Und einer der Damen – Mina – hatte er kaum acht Tage vor seinem Tode seine Photographie mit einer launigen Unterschrift geschenkt. Er war nämlich, wie alle wussten, ein leidenschaftlicher Amateurphotograph gewesen …

Obschon des Dekans Flüstern fast erstarb, als er an das Bild kam, bemächtigte sich des ganzen Senats dennoch eine tiefe Entrüstung.

»Ein Hurenknecht also!«, sprach der Magnifikus. In diesem Jahr war gerade die theologische Fakultät an der Reihe und die biblische Stärke des Ausdruckes erschien daher begreiflich. Alle waren niedergeschmettert. Nicht einmal der Literarhistoriker wagte die Sache mit dem Bild zu verteidigen, obwohl er in den Kreisen der Alma Mater als Repräsentant einer schönen, gesunden Sinnlichkeit galt. Er las nämlich seit zwanzig Semester ein Goethe-Kolleg mit besonders schonender Behandlung der Vulpius und war außerdem Junggeselle.

Sein Halsknorpel, der neugierig über den umgelegten Hemdkragen hinaussah, hüpfte zwar etliche Male auf und ab, als wolle der Mann mit der schönen, gesunden Sinnlichkeit etwas sagen, aber ein Blick auf den biblischen Magnifikus und auf den ehrfürchtigen Flüsterdekan band dem Goethe-Professor alsbald wieder die Zunge.

Entrüstung allein war aber nicht der Zweck dieser Senatssitzung. Vielmehr war man zusammengetreten, um über das Bild zu beraten und über die Stellung, welche man zu ihm einnehmen sollte.

»Wir müssen das Bild erwerben«, sagte Magnifikus. »Es darf nicht in einem Freudenhause von Hand zu Hand gehen.«

»Und zwar muss es gleich erworben werden«, fügte der Jurist bei, »denn es ist anzunehmen, dass gerade jetzt, da das Interesse an dem Erblasser noch sehr rege ist, das Bild in eigennütziger, wenngleich nicht straffälliger, aber darum doch verwerflicher Absicht gezeigt werden könnte.«

Nach kurzer Beratung wurde beschlossen, einen unlimitierten Betrag für den Ankauf des Bildes auszuwerfen.

»Wer von den Herren übernimmt nun die traurige Mission, sich mit jener … jener« … »Hetära«, sagte der Historiker entschlossen. »Nun also, sich mit jener Hetära wegen des Bildes in Verbindung zu setzen?«

Der Magnifikus hatte gefragt. Alle blieben stumm. Nur der Dekan wagte schließlich zu fragen, und zwar ganz laut:

»Sollte man nicht vielleicht den Herrn Studiosus v. Kumpfmüller …?«

Magnifikus lehnte mit einer hoheitsvollen Geste ab.

»Die Würde der Alma Mater gebietet, dass die traurige Angelegenheit auf den engsten Kreis beschränkt bleibe.«

Nach etlichem Hin und Her wurde einstimmig der Literarhistoriker als die geeignete Persönlichkeit bezeichnet. Er las ja, wie gesagt, seit zwanzig Semestern ein Goethe-Kolleg mit besonders schonender Behandlung der Vulpius – also konnte ihm nichts Menschliches fremd sein. Er weigerte sich zwar ein wenig und sein Halsknorpel hüpfte aufgeregt auf und ab, aber schließlich nahm er die Sendung an. Mit den Dankesworten des Senats und seinem unlimitierten Betrag machte er sich auf den Weg …

Magnifikus erwartete ihn am nächsten Morgen – vergebens. Und am nächsten und am übernächsten, aber er wartete umsonst. Er konnte sich dies Zögern nicht recht erklären, aber da er Theologe war, wartete er mit Gottvertrauen. Am vierten Morgen endlich trat der Entsendete ein. Er war etwas blass, aber er hatte die würdige Haltung eines Mannes, der seiner Pflicht genügt hat. Sein Halsknorpel jedoch duckte sich hinter dem Hemdkragen, als schämte er sich dessen, was jetzt kommen musste …

Schweigend legte der Literarhistoriker ein sorgfältig versiegeltes Päckchen vor Magnifikus nieder. Der staunte im Stillen, dass eine einzige Photographie so dick sein könne, riss das Päckchen auf … sah … staunte noch mehr … begriff und war so empört, dass ihm nicht einmal das kleinste Bibelwort einfiel.

Das Päckchen enthielt nicht nur eine, sondern mindestens ein Dutzend Photographien, fast alle nach Dilettantenart geknipst, denn der berühmte Mann war ja ein leidenschaftlicher Amateurphotograph gewesen. Nur ein einziges Bild, das obenauf lag, war aus dem ersten Atelier der Stadt. Hässlich, struppig, wie er im Leben gewesen, zeigte es ihn. Unten stand von seiner Hand: »Der fidelen Mina in treuer Anhänglichkeit ihr alter Professor.« Die anderen Aufnahmen hatte er selbst geknipst. In anmutigen Gruppenbildern zeigten sie ihn und Mina, zuweilen auch noch in Gesellschaft der einen oder anderen Dame. Diese Bilder hätten sich nicht gerade für ein Jungmädchenzimmer geeignet, aber sie waren allesamt sehr flott und lustig und bewiesen, dass der unersetzliche Tote auch außerhalb seines Faches ein Mann von Begabung gewesen war …

In der nächsten Senatssitzung wurden die Bilder feierlich verbrannt; Magnifikus schob sie eigenhändig in den Ofen. Als die ersten Rauchwölkchen aufstiegen, schlug er heimlich das Kreuz; der Halsknorpel des Literarhistorikers schaute in träumender Erinnerung auf all die Reize, die zur höheren Ehre der Alma Mater verkohlten …

Als das Autodafé beendet war, öffnete Magnifikus die Fenster, um den abscheulichen Brandqualm hinauszulassen. Alle atmeten nun leicht und froh. Ihre Stimmung verschlechterte sich erst wieder, als der Literarhistoriker seine Abrechnung »für Bilder und Nebenspesen« vorlegte. Sie betrug nämlich an dreihundert Mark.

Zur Strafe dafür fiel der Urheber der ganzen Sache – Studiosus v. Kumpfmüller – beim Examen glänzend durch, nachdem er vorher zu den schönsten Hoffnungen berechtigt hatte.


Textnachweis
Aus: Die Muskete. Humoristische Wochenschrift, Bd. V, Nr. 114, 5. Dez. 1907, S. 74–75. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alice Pike Barney, In Pose, um 1900

Der Wegweiser

von Irene Forbes-Mosse (1864–1946)

Frühling 1918

O quante lagrime!

Das ausgeweidete Reh hing mit verglasten Augen vom Balkon herab, von seiner Zunge troff langsam ein schwarzer Tropfen zum Lehmboden nieder.

Nachdem die Frau des wilden Mannes es mit Wacholderreisern ausgelegt hatte, wandte sie sich, zum Brunnen zu gehen. Da liefen ihre kleinen Töchter auseinander, die in der braunen Dämmerung der Tür gestanden hatten, vom Blutduft angelockt.

Aber eine davon saß auf dem Brunnenrand im letzten Abendglast. An ihren baumelnden Füßen hatte sie runde Schuhchen aus Baumrinde, mit bunten Wollbändern um die Beine verschnürt.

»Geh heim, Bärhild«, sagte die Frau, »die Abendkost steht auf dem Tisch.«

Das Mädchen grinste. Ihre hellen Augen standen ein wenig schräg wie bei einer Katze. Um den Hals hatte sie ihren zahmen Marder gelegt, man wusste nicht, wer von den beiden spitzere Zähne hatte; sonst aber ähnelten sie einander nicht, die Kleine breit und stämmig, mit kurzem sehnigen Hals und kurzer zerzauster Mähne, rotblond wie alle Töchter des wilden Mannes.

»Jetzt geh ich Schlingen legen«, sagte sie mit rauer Knabenstimme und schlüpfte davon.

Die Frau seufzte und bückte sich zu den Blumentöpfen, die beim Brunnen standen und so einsam dufteten in die Abendstille hinein. Sie beugte sich über den Brunnenrand und sah hinunter in die Finsternis. An den schleimigen Wänden wuchsen Farren und Moose, nur selten kam ein Lichtstrahl und glitzerte sie wach. Hinter ihr lag das Haus hingestreckt in Weiden und Erlen; wohin man trat, gab die schwarze, schwammige Erde nach; im ersten Frühling, wenn alles voll gelbstäubender Kätzchen war, drängten sich die großen, breitblättrigen Dotterblumen in den Sümpfen zwischen den Erlenwurzeln; jetzt waren die Gräben schon blau von Vergissmeinnicht. Die Frau verstand schöne, feste Kränzchen daraus zu binden und hätte sie gern ihren kleinen Töchtern aufgesetzt, die aber hatten sie abgeschüttelt mit Geschrei. Sie wollten nichts auf ihren wilden Mähnen dulden, nur manchmal setzten sie die beiden Kupferreifen auf, die der wilde Mann ihnen mitgebracht; fremde Schmiedarbeit aus Norden; fremde Buchstaben drin eingeritzt, sie sahen aus wie Beile und Galgen.

Ja, wie kam sie zu diesen Wildkatzen, die mit spitzen Zähnen zur Welt gekommen, ihr die Brust zerbissen und ihr Blut getrunken hatten; man hatte sie den kleinen zottigen Stuten anlegen müssen, die sie mit Stampfen und Schlagen in Ordnung hielten; und von der wilden Milch waren sie stark geworden. Nun fingen sie sich die Fohlen, ihre Milchbrüder, ein und trabten auf ihnen durch Weidengebüsch und seichtes Gewässer und über den toten weißen Sand.

Wie anders sah die Erde hier aus als dort, wo sie daheim war. Busch und Binsen, düstrer Erlenwald, wo das Wasser zwischen dem geschwärzten Silber der Stämme gluckerte und man die schmalen Dämme kennen musste, um nicht zu versinken. Man konnte sich verkriechen und war doch wie preisgegeben dem rauschenden Regen, der brütenden Schwüle, den Mückenschwärmen im Dunst. Und weiter, da hörte auch das niedere Gestrüpp auf, die Erde wurde dürr und karg, wilde Schafe mit bösen, schwarzen Fratzen schrien in den Wind. Dort begannen die großen, verlassenen Steinbrüche mit ihren Hallen und Labyrinthen, ihrem schräg geschichteten Stein, als hätten Riesen sich große Stücke herausgeschnitten; Wacholder und Berberitzen wucherten in den alten Narben. Dort war die Welt zu Ende, weiter wusste sie den Weg nicht; da war ein strenges Verbot, und niemand, der das Geheimnis nicht kannte, hätte aus dem Irrsal heimgefunden. Als Warnung dienten noch die Knochen des Trödlers, der es gewagt hatte, und die betrunkenen Hochzeitsgäste, die auf eine Wette hin, um abzukürzen, den Weg genommen, sie hatten dasselbe Los gehabt.

Daheim bei ihr, im Hochwald, schlüpfte die Sonne durch das säuselnde Wipfeldach und streichelte den roten Pelz der Eichkatzen, die großen Bäume waren ihre Freunde gewesen, wie starke Helden stiegen die Stämme aus der rostigen Blätterdecke oder dem vollen Grund von Heidelbeeren und stäubendem Moos. Da war alles redlich. Und ihr Vater, der hasste die Fallen und Schlingen. Eine Kugel ins Herz, ja, das konnte dem freien Wild recht sein, und die Mütter und die Kleinen blieben geschont; aber es gab kein Quälen mit zerschmetterten Läufen, kein Würgen und Zerren, keine Todesangst mit blutender, flatternder Schwinge. Der Vater! Wie silberweiß war sein Bart, wie scharf sein dunkles Aug, wie gut hatte er’s immer gemeint!

Die Frau sog die Luft ein; es ging ein süßes Düften über den Geruch der Sümpfe, der braunen Gräben voll fauligen Erlenlaubs dahin. Da hatte wohl irgendwo ein Jasminstrauch seine weißen Sterne aufgetan! Und der Duft tat ihr weh; denn so hatte der Strauch am Jägerhäuschen geduftet, an jenem Tag, als der Jäger nicht wiederkam; als wolle er ihr helfen, ihr etwas sagen mit seinem Düften. Sie saß den halben Tag dort und sah ihn versinken in Dämmergrau und wieder auferstehen im weißen traurigen Mondlicht. Aber der Vater kehrte nicht wieder. Da brach sie sich einen blühenden Zweig ab und ging in den großen, unbekannten Wald.

Erst war sie mit schweren Füßen, mit schwerem Herzen gegangen, aber um sie her all das Summen und Säuseln machte ihr auch den Kummer zum Traum. Es ging sich so sacht über das tote braune Laub, gefleckte Salamander saßen unter den moosgrünen Steinen wie in Märchenhöhlen, und die Sonne glitt an den grauen Buchenstämmen nieder wie einer stolzen Mutter Lächeln über wohlgeschaffene Söhne. Dann, im Tannenwald, war’s noch stiller, Bernsteintropfen glühten an den rissigen Rinden, und die Wipfel waren reglos und redeten doch fern oben mit der blauen Luft. Doch das Schönste war der Abhang, wo die Holzfäller gewesen; da kam der Fingerhut zu seinem Recht, in großen Völkern stand er zwischen den Stümpfen und öffnete den heißen Sammetschlund der Sonne und den Bienen … Und die Stechpalme wucherte und der Holunder, die wilde Himbeere warf feine Arme aus nach dem Geißblatt, und das war so voll Süßigkeit, kein Bienchen konnte dran vorüber. Dort saß sie lang, die Hände um die Knie gespannt, der Berghang ihre Lehne, das blühende Erdbeerkraut ihr Teppich, unter ihr die Wiesen schimmerten durch den Dunst, und aus dem Wald läutete der Kuckuck rief und eindringlich, und weil sonst alles still war, ging sie seiner Stimme nach.

Wie dann der Abend kam, fand er sie in einer großen Lichtung; da lag der braune Waldsee mit schwarzen Binsen im gelben Widerschein, Libellen standen bebend in der Luft mit glasigen Glotzaugen, das feine Waldgras nickte, die Hummeln schliefen, vom Tau verklebt in der Disteln seidenem Schoß. Da legte auch sie sich hin, und hinter ihr öffnete der schwarze Wald seine Hallen.

Trapp, trapp, kamen die wilden Männer geritten, weich schlugen die Hufe auf den federnden Waldboden; als sie die Augen auftat, traten sie in die Lichtung mit finsterroten Gesichtern im Abendlicht. Stumm und gewaltig ritten sie an ihr vorbei, mit harten Stirnen und harten Lippen, leise klirrend die Armbrüste und eisenbeschlagenen Knüttel. Aber der zuletzt ritt, hielt bei ihr an und streckte die Hand aus. Da streckte auch sie ihre kleine Hand empor, und es rieselte ihr durch den Arm bis ins Herz. Und der ganze Wald summte in ihrem Herzen. Da zog er sie hoch und aufs Pferd und nahm sie an sich.


Die Frau beugte sich tiefer über den Brunnen. Dort unten wohnte die Brunnenfrau, dort ging sie auf goldenen Wiesen mit ihrem kleinen silbernen Hund. In hellen Nächten, hieß es, könne man ihr weißes Kopftuch sehen. Nun fing es an zu dunkeln, das Haus lief über in die grauen Erlen und Weiden; nur oben unter dem Dachrand blinkte ein kleines Fenster; dort lagen wohl schon ihre kleinen Töchter; sobald die Sonne sank, gingen sie schlafen, aber früh, wenn der Himmel noch düster war, liefen sie schon und sammelten sich in der taugrauen Wiese, wo man sie schreien und schnattern hörte, ehe sie auseinanderstoben.

Die Frau ging ins Haus zurück. Heute Nacht wollte der wilde Mann heimkehren von einem Beutezug; da musste sie auf sein und helfen, die Säcke verstauen an geheimen Plätzen; sie setzte sich an den Herd, um die grünen Wollkittel ihrer kleinen Töchter zu flicken, aber die Arbeit sank ihr in den Schoß, und sie lauschte den wunderlichen Geräuschen der Nacht, all dem Seufzen und Knarren draußen in den grünen Stämmen und drinnen im braunen Gebälk. Nun wurden die Nachtvögel in den Wipfeln lebendig, sie wanden sich durch die Äste, plump und seidenweich, bis sie sich aufschwingen konnten, lautlos in die freie Finsternis; sie wussten, wo die wolligen Junghasen lagen, die sie forttrugen zu ihrer eigenen Brut, die mit bösen gelben Augen nach frischem Fleische schrie. Und durch die Baumwurzeln schlüpften Marder und Wiesel, sie hatten ihre Gänge und Höhlen, ihre Vorräte und Kinderstuben ganz wie die Menschen, und wenn ihre Wege sich kreuzten, gab es da unten einen kurzen, bitteren Kampf mit leisem, heißem Gefauch, die Erde schluckte ein wenig Blut, aber darüber lag verschwiegen der moorige Teppich mit tausend nickenden Flockblumen oder die faulenden Blätter des Vorjahres, durch die sich die gelben Taubnesseln drängten.

Durch den Ladenausschnitt kam ein Mondstrahl; mit dünnen Fingern tastete er über die Stühle und den Tisch, über ihre Arbeit im Schoß; da stützte sie den schmalen Kopf in die Hand und dachte an die Abende daheim, wie sie die Quelle schwätzen hörte im Dunkeln und dann des Vaters Schritt, immer näher, bis er hereintrat und sein weißer Bart im Mond noch weißer war.

Wie sie so gesessen ist, hat sie auf einmal wirkliche Schritte gehört, viele kleine Schritte und Klopfen an der Tür, und wie sie geöffnet hat, haben da vier kleine Buben gestanden, einer immer ein wenig kleiner als der andere, und der Kleinste war wie ein Kätzchen, man hätte ihn in die Tasche stecken können, die baten um Einlass.


Die Bübchen hatten die Schüssel geleert, die sie ihnen hingestellt, saßen mit schweren Augen um die kleine Öllampe und erzählten weinerlich von Vater und Mutter und wie sie in die Irre gegangen seien. Die Frau ging von einem zum andern, streichelte dem den Kopf, rückte dem das Halstuch zurecht, beugte sich verstohlen über sie; immer wieder musste sie den Duft ihrer braunen warmen Hälschen einatmen, diesen gesunden Dunst, in den sich ein wenig Ruch mischte von Harz und Kohlenmeilern und fetter, ungebleichter Schafwolle. Ach, und ihre singende Sprechweise war ihr wie langentbehrte Musik. Von einem guten, geplagten Vater, von einer harten, geplagten Mutter erzählten sie, von den Meilern tief im Wald und dem Hündchen Strupp, von Buchecken und Pilzen, und sie meinte, wieder mitten drin zu stehen, die Füße tief im Heidelbeerkraut, die gleitenden Sonnenstrahlen um sie her, als würde das Licht zur Orgel. … Aber auch von einem Dorf erzählten sie, wo sie zur Schule gingen, früh, wenn es kaum Tag war, die einsame Straße entlang, wo Krähen auf den verschneiten Steinhaufen saßen und schweren Fluges in die graue Luft stießen. Manchmal kam ein Planwagen, und der Fuhrmann ließ sie aufsteigen, da kauerten sie unter dem Zeltdach, im Stroh, über ihnen die kleine schwankende Laterne, wo das irdene Geschirr verpackt lag, oder zwischen Mehlsäcken, und schliefen und träumten vom frischen Brot. Die Kinder waren so müde, sie nickten beim Erzählen ein, und auf einmal fuhr die Frau zusammen und sagte: »Ihr dürft nicht hier bleiben, o um Heilands Namen, ihr müsst fort, kommt, wir müssen gehen …«

Denn sie meinte, sie habe die Treppe knarren hören, und sie rannte die morschen Stufen hinauf, wo in der großen niederen Stube ihre kleinen Töchter schliefen. Aber die rührten sich nicht, lagen nebeneinander im Mondlicht, ganz fahl, mit zurückgebogenen schneeweißen Gurgeln; und ihre Zähne glitzerten und der Atem kam und ging.

Draußen wusste sie keinen sicheren Winkel; die bösen Hunde spürten alles auf. Da brachte sie die Kinder in die Kammer, wo das ausgeweidete Reh hing, doch war auch Holz aufgestapelt, das war ein gutes Versteck. Dort würde der Mann sie nicht wittern vor Wildgeruch. Aber still sollten sie sein wie die Mäuse. Ach, durch die Nacht meinte sie schon die raue Stimme zu hören und das Pferd, wie es müde, mit gebeugtem Kopf, die Hufe aus den schmatzenden Pfützen zog. So hüllte sie sich ganz in eine graue Decke ein, die nur ihre dunklen Augen frei ließ, dass er das Beben ihres Mundes nicht sehen möge, und zog den schweren Riegel zurück, als er näherkam. …


Wie dann der wilde Mann, von Wein beschwert, eingeschlafen war, winkte die Frau den kleinen Buben, und sie krochen aus ihrem Versteck hervor mit ängstlichen Augen. Da drückte sie sie ans Herz, die kleinen runden Köpfe, und küsste sie ins Genick und sog noch einmal den warmen Hauch ihrer sonnenverbrannten Hälschen ein. Dann aber, den Finger am Mund, ging sie vor ihnen her, wo das Wasser zwischen den Erlen gluckste und der Mond schmalfingrig durch die Zweige griff. Und weiter, wo nur noch Gebüsch war und seichte silberne Pfützen, wo der tote, weiße Sand begann und der Pfad langsam aufstieg, und dann, am Rande des Steinbruches vorbei, wo der Wind durch die Höhlen und Hallen fuhr und das schwarze Gewässer tief unten heraufstarrte zum Mond, wie eine Seele, die kein Lichtstrahl mehr erhellen kann … dort ging die Frau und trug den Kleinsten im Arm, ein anderer hielt sie am Kleid und die Größeren folgten ihr nach; an Abgründen und Kreuzungen kamen sie vorüber, aber keines sprach ein Wort; sie gingen mit blassem Angesicht, und die Frau irrte sich nicht und hielt auch nirgends an; sie sah nur grad in die Luft, denn ihr Herz war ihr zum Wegweiser geworden. Dann, allgemach, senkte sich der Weg, die Steinbrüche blieben liegen und schon schimmerte die Landstraße und ging von Nebelgrau zu Nebelgrau, aber in der Ferne blinkten die Lichter. … Da kniete sie vor den Kleinen nieder und küsste sie, so jammervoll, und wies sie den Weg und flüsterte ihnen in die Ohren, guten Rat oder waren’s nur Töne, wie brütende, säugende Tiere ausstoßen, nichts als Angst und Liebe! … Und wandte sich ab von ihnen in scharfem Schmerz, die nun still und ernsthaft im Mondlicht weiterstapften, so kleine Buben, die so große Schatten warfen.


Vor ihr der Weg stieg wieder an, den sie zurückgehen musste; erst durch Wiesen, wo hier und dort ein Steinblock lag, weich eingebettet im feuchten Thymian, dann aber steiniger, zu beiden Seiten umlagert von Geröll, und graues Gebüsch klomm aus den Fugen. Dem Steinbruch zu wand sich der Pfad, schon fühlte sie wieder den kalten Wind aus den Höhlen, der ihr das Kleid um die schmalen Knie zurückschlug. Wie schwer waren ihr die Füße, wie leer das Herz. Daheim? Dort würden die bösen Hunde im Verschlag winseln, dort stand der Brunnen, das Haus, grau im ersten fahlen Licht. O Herzeleid, o Ersticken!

Grad aus ging sie mit weit offenen Augen, die Hände über dem erstorbenen Herzen, und wusste nicht mehr, sollte sie rechts oder links, wo der Pfad sich teilte; denn der Wegweiser in ihrem Herzen redete nicht mehr. Im Steinbruch wisperte es und seufzte und immer tiefer ging sie hinein, und der graue Nebel rollte hinter ihr zusammen.


Kommentar
Irene Forbes-Mosse (1864–1946), geb. von Flemming, war eine Enkelin Bettina von Arnims und damit die Ururenkelin von Sophie von la Roche. Als Autorin bevorzugte sie kürzere literarische Formen und schrieb v. a. Lyrik, Erzählungen und Novellen. Daneben war sie auch Übersetzerin und übertrug u. a. Werke von W. B. Yeats und Vernon Lee ins Deutsche. (Als Übersetzerin von Lees Erzählung Schwester Benvenuta und das Christkind kam sie auch schon auf Töchter der Zeit vor.) Mit Vernon Lee verband sie auch eine zeitweise enge Freundschaft. Wie die Texte ihrer berühmteren englischen Freundin haben die Erzählungen von Forbes-Mosse oft einen phantastisch-märchenhaften Einschlag. Auch Der Wegweiser aus dem Jahr 1918 greift auf Märchenmotive zurück: Erzählt wird die bekannte Geschichte vom kleinen Däumling, allerdings aus ungewohnter, nämlich weiblicher Perspektive und mit ungewohntem Ausgang. Für Forbes-Mosse charakteristisch ist die Art, wie darin durch dichte Naturbeschreibungen eine düstere, beklemmende Atmosphäre erschaffen wird.

Textnachweis
Aus: Neue Freie Presse, 24. Juni 1918, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Frances MacDonald MacNair, Man Makes The Beads Of Life But Woman Must Thread Them, um 1912/15

Die Alte von der Eiche

von Aglaia von Enderes (1836–1883)

Niemand von allen den Leuten im Dorfe wusste zu sagen, seit wann die alte Saatkrähe in der alten Eiche, draußen am Rande des Fichtenwaldes wohne; niemand wusste zu sagen, wann sie dort zuerst gesehen worden, denn die schwarze Krähe war älter als die alten Leute vom Dorfe. Diese wussten nur, dass sie Jahr um Jahr mit jedem Frühlinge gezogen komme, dass sie einst mit einer anderen Krähe, mit einem fröhlichen, jungen Genossen ihres Volkes, dort oben in dem Astwerk der Eiche alljährlich ihr stattliches Nest bewohnt und eine Schar von kleinen krächzenden Rabenkindern großgezogen habe. – Aber dies war nun auch schon Jahre her und nun wohnte sie allein dort oben in der knorrigen Baumkrone und hütete allein ihr einsames Haus.

Die anderen Saatkrähen hatten sich in den Fichtenbäumen angesiedelt. In hellen Haufen kamen sie in den ersten schneefreien Tagen des Februar, mit dem ersten lachenden Sonnenschein in das Tal geflogen und in den dunklen Wald gesaust. Mit fröhlichem Getümmel begrüßten sie die grünen Wipfel, die geheimnisvollen Verstecke unter den Zweigen und das weite Ackerland, das sich südwärts über die Hügel dehnte.

Mit Gekrächze und Gelärme wurde die Heimat begrüßt und dann wurde zur Arbeit geschritten. Gab es da zu schaffen, zu ordnen, zu sorgen! Heimtückisch, zornmütig und rücksichtslos hatte der Wintersturm in allen den Horten und Burgen gehaust, nicht ein Nest war unberührt geblieben und überall lag am Boden zu Füßen der Fichten verwehtes und gebrochenes Trümmerwerk. Solcher Anblick genügte Jahr um Jahr, um das Volk der Krähen in Aufruhr zu bringen. Wie sollte in all dem Reisig, in all den Moosbüscheln und dürren Halmen, die da unten lagen, über Mein und Dein entschieden werden? Zornig fassten sie an, die eifrigen Bauleute, mit Krähenhast und nach Krähenart rüttelten und zerrten und zogen sie, oft zwei, oft drei an ein und demselben Zweiglein, krächzend flog jeder mit seiner Beute von dannen und trug sie auf seinen Fichtenast. Tagelang ging das so fort; unten am Boden, auf der angrenzenden Wiese, in den nächsten Büschen wurde gerungen, mit den Schnäbeln gehackt, mit den Flügeln geschlagen, oben unter den Fichtenkronen wurde gestohlen, von einem Nest zum andern getragen, fortgeholt, was sich fortholen ließ und im Entdeckungsfalle mit dem Nachbar gefochten, gekrächzt, gelärmt, dass der Wald von dem Getümmel wiederhallte.

Die alte Krähe saß indessen ruhig in ihrem stillen, einsamen Hause und ordnete darin, was es da nach Schnee und Sturm des Winters zu ordnen gab. Zuweilen hielt sie in ihrer Arbeit inne und horchte nach dem Tumulte hinüber. Einst war auch sie mitten unter den anderen, einst stritt auch sie, wie sich’s für eine echte, tapfere Saatkrähe geziemt; – aber das war lange, lange her und jetzt schlug sie sich das luftige, wirbelnde Flattern und Lärmen aus dem müden Sinn.

Von dem jungen Volke kam keiner herüber, sie zu stören. Die alte Krähe und die alte Eiche gehörten zusammen. Das wussten sie, und niemand hatte ein Recht, an das moosige Reisig und Bauwerk zu greifen, das dort oben seit vielen Jahren lag; alte Sparren, altes Fachwerk, ohne weiches Moos, ohne Flaum und Gräser, nichts als ein kahles Gebälke auf dem kahlen, knorrigen, verdorrenden Eichenbaum. »Der Wipfel ist dürr, die Äste sind morsch, das Herz ist krank an dem alten Stamm«, dachten wohl die jungen, fröhlichen, lebenslustigen Krähen und ließen den einsamen Vogel allein auf seinem einsamen, verfallenden Horste.

Indessen kamen wärmere und wärmere Tage. Der Streit im Fichtenwalde war zu Ende und in jedem Neste lagen vier, auch fünf junge Rabenvögel und krächzten und sperrten die langen Schnäbel auf, während ihre Eltern in Hast und Eile nach den Feldern und Wiesen hinausflogen und an Würmern, Käfern und Raupen eintrugen, was sich in dem Lande finden ließ.

Einige Wochen später waren die Jungen flügge; in mattschwarzen, netten Kleidern saßen sie auf dem Nestrande und schauten durch das dunkle, grüne Fichtengezweig in die helle Welt hinaus. Jetzt kam die alte Krähe von dem Eichenbaum zu Besuch in die Fichten geflogen. Sie setzte sich zu den Kindern, die mit ängstlich angezogenen Schwingen an der Schwelle ihres Hauses standen, sie plauderte und knurrte ihnen leise vor nach Krähenart, sie glitt dann sachte vom Nestrande fort und wiegte sich auf den weiten Flügeln und rief und lockte die Kleinen und endlich, wenn das jagende Volk ewig nicht kommen, nicht folgen wollte, streifte sie mit der Spitze ihrer Schwingen bald rechts, bald links an der kleinen Gesellschaft vorüber, bis diese aus dem Gleichgewicht kam, und, eiligst die Fallschirme spannend, halb erschreckt und halb erstaunt von dem Fichtenzweige und dem Neste fort, auf die Wiese hinaus flog.

Von solch’ denkwürdiger Stunde an war die alte Krähe nicht mehr so einsam wie früher. Nun hatte sie die Jungen auf die Wiesen, auf die Äcker, auf das Jagdland hinauszuführen; niemand von allen wusste ja so gut Bescheid hier wie sie, niemand, selbst die Eltern nicht, die ja doch auch noch so jung waren, wie die alte Krähe bei sich dachte. Und da ging dann der ganze, große, dunkle Flug früh am Morgen schon, vom Walde fort in das Land hinaus. Wie eine schwarze Wolke tauchte er aus dem Fichtengewipfel auf; hunderte und hunderte von glänzenden Flügeln schaukelten sich im hellen Tageslicht und eine laute, krächzende Morgenhymne tönte von einem Ende des weiten Tales zum andern wieder.

Mitten unter dem lustigen Volke war die alte Krähe; sie schlug wohl nicht so übermütig die Flügel wie die andern, sie konnte auch nicht wie sie aus voller Brust ihr Morgenlied singen, aber sie freute sich des Bewusstseins, dass sie mittue mit ihren lieben schwarzen Leuten und freute sich der Erinnerung an längstvergangene Zeit, in der sie mit ihren eigenen Kindern über Busch und Heide flog.

Dann führte sie die Jungen in das Ackerland hinab; Scholle an Scholle, und jede ein Versteck für die Feinde der Saat; hier die Höhle des nagenden Engerlings, da das Bett der schlummernden Larve, dort der Schlupfwinkel des Regenwurmes, daneben die Türe zum Hause der Feldmaus, überall Spuren und Weg und Steg des verderblichen, verwüstenden, nimmerruhenden Gelichters, das Halm um Halm zu Tode bringt. Wie die Rächer des Frevels, der sich hier unausgesetzt vollführt, langte die schwarze Schar der Saatkrähen auf dem Felde an. Voran schritt die Alte, stolz und aufrecht, im Bewusstsein ihrer Führerschaft. Purpur und violett schillerte ihr glänzend schwarzes Gefieder, hell leuchteten ihre nussbraunen Augen und stoßbereit trug sie den langen spitzen Schnabel; ober diesem hatte sie eine kahle, raue, federlose Stelle. In der Jugend war das anders; da hatte sie auch ein glattes Gesicht, wie die anderen Krähen vom Walde, aber das war jetzt längst vorbei, und die Arbeit in der Ackerkrume, das Auflesen der Würmer und Engerlinge zwischen den rauen, borstigen Stoppeln hatte die harte, raue Schwiele in das alte Saatkrähen-Gesicht gebracht.

Und nun führte sie die Jungen zur Arbeit. »Hübsch die Schollen umgedreht, frisch hineingeschaut in die Erde, dort das Mäuslein gehascht, nicht gezögert, wenn es gilt – nicht gerastet – fort und fort gesucht, geforscht! Die kranken Gräser aus dem Boden gezogen; da hockt der nagende Wurm an der Wurzel; die nackte Schnecke weggeschafft, die Heuschrecke gehascht, den Käfer, der vorübersurrt – schnell, schneller müsst ihr sein, ihr kleinen, täppischen Leute, wollt ihr dem Saatkrähenvolke Ehre machen.« – So bedeutete wohl die alte Krähe den Jungen, wenn sie vor ihnen herschritt, in dem Boden wühlte und manches Würmlein vor die Füße der kleinen Schar hinwarf, die begierig danach haschte.

Am Abend flogen sie heim, die Jungen den Fichten zu, die alte Krähe nach der Eiche hin. Glorreich stand der mächtige Baum mit seiner zackigen, laubleeren Krone im glühenden Strahl der sinkenden Abendsonne, die auf das morsche Gebälke des Krähenhorstes niederleuchtete und auf die breiten Schwingen des Vogels, der langsam von Ast zu Ast schlüpfte und sich in seinem einsamen Hause zurecht machte.

Die Jungen wurden kühner und flogen nach und nach von den Wiesen und Feldern am Walde über das Dorf hin und nach den jenseitigen Hügeln. »Haltet hübsch zusammen und bedenkt, dass ihr Saatkrähen seid«, lehrte die Alte. »Mit Raben- und Nebelkrähen pflegt nicht Gemeinschaft; die sind zornmütig und zanksüchtig und behaupten das Recht der Stärkeren unserem Volke gegenüber. Zu den Dohlen haltet euch, das sind vornehme Leute, die wohnen hoch oben unter dem Kirchendach und schauen weit in das Land hinaus.« Und zu den Dohlen hielten sich die jungen Krähen, zu den vornehmen Leuten, die vom Kirchturm herunterkamen und wieder zum Kirchturm hinaufflogen und mit denen es sich bis unter die Wolken schweben ließ.

»Morgen gibt es Wind«, sagten die Leute vom Dorfe, wenn sie das schwarze Volk hoch oben kreisen sahen.

»Bald geht es an das Wandern«, dachte die alte Krähe, wenn sie von ihrem Horste nach den Wolken und nach den schwebenden Vögeln spähte, und dann breitete sie sehnsüchtig die Flügel aus. Aber die trugen nur über die nächsten Bäume und über die Gärten des Dorfes hin, und dort saß die Krähe auf einem Zaunpfahle nieder und sah den lustigen, lachenden Menschenkindern zu, die in der Dorfgasse spielten.

»Gegen Süden geht euer Weg«, bedeutete die alte Krähe den heimkehrenden Fliegern. »Immer dem Süden zu. Viele, viele werden sich zu euch gesellen, die Dohlen vom Kirchturm, die Saatkrähen vom nächsten Walde, und vom nächsten und so fort; zu Tausenden werdet ihr über Länder und Meere schweben, ein stolzes, fröhliches, glückliches Volk. Staunend werden die Menschen nach euch schauen, die jungen und die alten. Seid vorsichtig und klug; nahe an der Erde zieht schweigend hin, doch oben unter den Wolken mögt ihr jauchzen und rufen; das ist so alte, gute Saatkrähensitte.«

Die Tage wurden kürzer, die Nächte länger und kalt. Der Nordwind jagte in das Land herein und fegte die Nebelwolken das Tal entlang. Vom Kirchturm flogen die Dohlen auf und vom Fichtenwalde her die Krähen; mit Sausen und Gebrause begegneten sie sich über den Häusern des Dorfes und machten sich zur Flugordnung zurecht und riefen ihren Abschiedsruf in das Tal hinab. Höher, immer höher stiegen die schwarzen Gesellen, bald flogen sie vorwärts, bald kehrten sie krächzend und lärmend um und schwenkten im Kreise, bald schossen sie eilend weiter auf der luftigen Bahn, die Hügel entlang, an dem Walde vorüber, immer weiter und weiter, immer höher, bis ihre Stimmen immer leiser wurden, ihre Flügel immer unsichtbarer und der ganze Zug in den sinkenden Nebelwolken verschwand.

Auf dem Gipfel der Eiche aber stand die alte Krähe und spähte den Ziehenden nach. Sehnsüchtig hob und dehnte sie die Flügel und neigte sich hinaus in die Luft. Wollten sie denn diese Schwingen nicht weiter tragen, nicht vom Norden fort, nie mehr dem warmen Süden zu? Sollte sie allein, vergessen, verloren, einsam sterben, sie, die Mutter eines ganzen ungezählten Saatkrähenvolkes – sie allein? Da rauschte es und brauste es ober ihr in den Lüften, und eine ganze Wolke von schwarzen Flügeln zerteilte den Nebel und ein langes, lärmendes, fröhliches Gekrächze ging los. Eine ganze unabsehbare schwarze Schar umkreiste und umflatterte die alte Eiche und umdrängte die Krähe und jauchzte ihr vom Wandern vor und bedeutete ihr, dass sie um ihretwillen noch einmal umgekehrt auf der luftigen Reise, denn: »Eine Saatkrähe verlässt die andere nicht!« Da kam Mut und Freudigkeit in das alte müde Herz und beglückende Erinnerung, und die gab den matten Flügeln Kraft, und hinauf ging es nun mit der jubelnden Schar in die Lüfte, dem Süden zu.

»Was doch die Krähen heute für ein Gelärme vollführen«, sagten die Leute im Dorfe und sahen nach dem Fichtenwalde hinüber.

Am nächsten Morgen aber war es dort stille; die Krähen waren fort. – Und stille blieb es bis zum nächsten Frühling, wo die alte, lustige, krächzende Wirtschaft begann und wo alles wieder so war wie die vielen, vielen Jahre her. Nur die Eiche stand nicht mehr auf ihrem Platze, die hatte der Sturm einer Winternacht niedergebrochen, und die alte Krähe kam nicht mehr, um ihren Horst in dem morschen Geäste aufzusuchen, die hatte tief unten im blühenden Süden das tapfere Herz und die müden Schwingen für immer zur Ruhe gebracht.


Kommentar
Aglaia von Enderes, geb. Podhaisky, stammte aus Wien. In den 1860ern begann sie, Feuilletons und Erzählungen zu veröffentlichen und sich in der Frauenbewegung zu engagieren. Ab 1873 war sie Sekretärin des Wiener Frauen-Erwerb-Vereins. Ihre erzählerischen Texte zeichnen sich oft durch detaillierte Naturschilderungen aus. Mit ihren Federzeichnungen aus der Thierwelt (1874, ein zweiter Band folgte 1876) wurde Aglaia von Enderes zu einer Pionierin der modernen Tiergeschichte in der deutschen Literatur. In diese Kategorie fällt auch Die Alte von der Eiche, die 1877 im ersten Jahrgang von Peter Roseggers Zeitschrift Heimgarten erschien.

Textnachweis
Aus: Heimgarten, 1. Jahrgang, 1877, S. 518–521. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Tina Blau, Frühlingstag im Prater, um 1881/82

Schattenleben

von Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916)

Bist du dir schon einmal vorgekommen wie dein eigener Schatten? Ich mir wohl. Es ist ein seltsames, über allen Ausdruck friedliches Gefühl. Ich kann es in mir erwecken, wenn ich am Abend, besonders im Spätherbst, auf- und abgehe im geschlossenen Gang des ersten Stockwerks unseres Hauses. Er ist lang und ziemlich schmal und verbindet das hochgewölbte Treppenhaus mit einer Brücke, die in den Garten führt. An seinen Wänden hängen Teppiche und Bilder, die Fenster sehen auf eine vierfache Reihe uralter Linden. Einst bildeten sie eine undurchsichtige Wand, und ihre Wipfel überragten das Dach. Jetzt sind sie dürr und gestutzt, große Lücken haben sich im Laube gebildet, das morsche Geäst stöhnt im Winde, der Boden ist mit schwarzen, dürren Zweiglein bedeckt, Greisenkindern, die spät geboren, früh schon abfallen. Sie führen einen kleinen Totentanz mit welken, raschelnden Blättern im Sande auf. Manchmal auch nimmt der Wind einige von ihnen auf seine Flügel, trägt sie durch die Lüfte und wirft sie an die Scheiben, und das gibt einen leisen, dumpfen Ton, wie wenn Nachtfalter ans Fenster stoßen.

Sonst alles ruhig, das große Licht am Himmel untergegangen, die kleinen Lichter im Hause noch nicht angefacht. Die Leute gönnen sich eine kurze Rast vor der langen, die die Nacht bringen wird.

Ich bin allein mit den Geistern der Einsamkeit. Mein Gehen wird sehr bald ein Gleiten, ich brauche die Füße kaum mehr zu heben, ich bin federleicht, bewege mich vorwärts fast ohne mein Zutun. Allerlei Gestalten tauchen dicht vor mir auf, aus dem Boden, aus den Wänden, oder kommen mir entgegen von weit, weit her. Und wenn ich an einem Ende des Ganges bin, weichen sie aus, scheinen verschwunden – sind wieder da, schweben mir nach …

Da taucht eine Erinnerung aus der Kinderzeit auf – und ich sehe mich rasch um, instinktmäßig. Ja, das war einst, das war eigen. Ich weiß, dass ich jahrelang den Zweifel in mir trug, ob denn außer mir noch etwas wirklich sei, ob ich nicht allein lebe, fühle, atme, in einem ungeheuren Nichts. Wohin du nicht siehst, da ist nichts, dachte ich. Der Blick deines Auges zaubert die Welt, die du siehst, hervor. Ich war im Kampf mit diesem Nichts, das sich vor mir für Etwas ausgab; ich suchte es zu überlisten, es gleichsam auf der Tat zu ertappen. Ich rannte zuweilen im Garten vorwärts, so rasch ich konnte, und wendete mich dann plötzlich um und meinte: Einmal wirst du’s erwischen, das Weiße, das Leere. Aber ich erwischte es nie, es war immer schneller als ich; eh’ ich mich umsehen konnte, hatte die Dekoration sich wieder aufgestellt. Das fortwährende Misslingen dieser Versuche betrübte mich übrigens nicht sehr, wie mich denn auch merkwürdigerweise der Gedanke nicht traurig machte, dass alle Menschen, die ich liebte, an denen mein Herz hing, nichts anderes waren als Gebilde meiner Phantasie, die zerrannen, sobald ich sie nicht mehr ansah.

Und dass sich unter diesen Phantasiegebilden einige befanden, die mich mit großer Strenge behandelten, die ich fürchtete, denen ich gehorchen musste, auch das beirrte mich nicht im Glauben an ihre Wesenlosigkeit. Dummes Kind, das ich war, und immer fröhlich, ohne Grund zur Fröhlichkeit … Arme, mutterlose Kindheit!

Ist der reich, der nicht weiß, wie arm er ist, oder doppelt arm? Arm oder reich, geliebt oder ungeliebt – ich war. O Glück zu sein, unausrottbare Lust am Dasein! Jetzt noch, in einem schwachen Nachhall, in einem Schein des Lebens regst du dich. – Wie gut, zu sein, wie gut auch, zu vergehen. Ins Nichts? O nein. Das hab’ ich gelernt: Alles ist, nur nicht das Nichts. Kein banges Sterben, ein Scheiden in tiefster Seelenruh. Wie der Weg auch sei, Allweisheit hat ihn vorgezeichnet, Allwissenheit kennt sein Ziel. In seliger Zuversicht betret’ ich ihn, kein Bangen vor dir, Allwissenheit!

Da schwebt er vorbei, der Schatten der Kindertage, und welche lange Reihe von Schatten ihm nach. Viele sind dunkel, düster und kalt, manche sind hold und duftig, wie die Schatten rosiger Wolken, die hinfliegen über das Gefild. Mir bangt nicht vor den dunkeln, ich freue mich nicht der holden, ich weiß nichts von Angst und von Freude, mir tut nichts weh und nichts wohl.

Nun tauchen Bilder auf. Wollt ihr mich Lügen strafen? Weckt ihr noch Freud und Leid? Ihr seid Erinnerungen. Wer hat euch gerufen? Geht dahin, wo eure Heimat ist – ins große Reich des Vergessens. In Scharen ziehen sie. Was doch ein langes Leben bringt und – nimmt. Vorbei, vorbei – nicht alle. Da sind einige, die wurzeln fest. Sie dräuen, sie möchten noch im Tode verwunden. Nun denn, beharrt; tut so weh, wie man einem kühlen, dahingleitenden Schatten tun kann. Kindheit, Jugend, reifes Alter, alles vergangen, alles wie gehüllt in die Nebelschleier des Traums. Vergangene Freuden, überstandene Leiden sind wie geträumte Freuden und Leiden.

Nun wieder an der Glastür angelangt und einen Blick hinaus geworfen ins Dunkel; ein Wagen rollt. Die Hunde schlagen an. Jauchzendes Gebell. So begrüßen sie nur einen. Große, wuchtige Schritte kommen rasch über die Brücke. Ist er’s? Ja, das ist die geliebte Wirklichkeit. Eine hohe Gestalt tritt in die Tür:

»Aber Marie«, sagt der beste aller Brüder, »so spät noch auf dem Gange, du musst dich ja erkälten.«


Kommentar
Schattenleben ist einer der ungewöhnlichsten Texte Marie von Ebner-Eschenbachs. Er erschien 1896, als die Autorin 65 Jahre alt war, und ist eine ihrer ersten explizit autobiographischen Arbeiten. Im Gegensatz zu den meist umfangreichen, in sich geschlossenen Erzählungen, mit denen Ebner-Eschenbach bekannt wurde, handelt es sich um eine scheinbar flüchtig hingeworfene Prosaskizze, die ebenso unvermittelt abbricht, wie sie einsetzt. Beschrieben wird eine plötzlich auftauchende Kindheitserinnerung, die eindringlich die realitätsverändernde Kraft der Phantasie beschwört. In einen weiteren Kontext eingebettet, nahm Ebner-Eschenbach die in Schattenleben angerissene Episode zehn Jahre später in ihr Buch Meine Kinderjahre auf.

Textnachweis
Aus: Deutsche Rundschau, Bd. LXXXVI, Januar–März 1896, S. 463–464. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Im Atelier 3, 1897

Der Schatten

Eine Fabelei von Rosa Mayreder (1858–1938)

Es war sehr kalt. Das Licht des Vollmondes glänzte blendend auf dem frischgefallenen Schnee. Ich watete darin bis über die Knöchel; ein feiner glitzernder Staub wirbelte beständig unter meinen Kleidern auf. Vor mir aber watete mein Schatten. Eilig lief er dahin und begleitete mich getreulich durch die ausgestorbenen schweigenden Gassen. Der Schnee verschlang alle Geräusche, von denen die Mitternacht der Städte belebt ist; ich hörte meine eigenen Schritte nicht.

Da kam mir ein Gedanke. Ich blieb stehen. Das ist zwar kein Grund stehenzubleiben; zu meiner Rechtfertigung muss ich aber bemerken, dass es ein ganz verblüffender Gedanke war, der mir da eben gekommen war, ein phänomenaler, schicksalsschwerer Gedanke. Die Menschheit allerdings, fürcht’ ich, wird wenig davon profitieren; nicht, weil sie überhaupt von allen phänomenalen Gedanken bisher wenig profitiert hat, sondern weil mein phänomenaler Gedanke lediglich eine Privatangelegenheit meiner Person betraf. Ich befand mich nämlich damals in jenem sonderbaren und abnormen Zustand, den man gewöhnlich mit dem schwachen Worte »Verliebtheit« bezeichnet.

Als ich so stille stand, hörte ich einen gähnenden Seufzer, wie von jemandem, der nach einem tiefen Schlafe langsam erwacht. Ich sah mich um – niemand da. Alles leer, alles einsam. Hatte ich mein eigenes Seufzen für ein fremdes gehalten? Ich wollte weitergehen; aber da trat ich auf eine schwammige, gallertartige, elastische Masse, und eine schwindsüchtig heisere Stimme sagte:

»Au! So gib doch acht, du trittst mir ja auf den Bauch!«

Und nun bemerkte ich, dass mein Schatten, der so klar auf der schimmernden Fläche lag, sich aufgebläht hatte und sich als dunstiger Körper vom Boden abhob. Er stützte sich halbliegend auf seinen linken Ellbogen; seine rechte Hand, die einem bläulichen Rauchwölkchen gleichsah, streckte er gegen mich aus, wie jemand, der will, dass man ihm beim Aufstehen behilflich sei.

Schleunig trat ich einen Schritt zurück, um diesen unverschämten Rebellen vermittelst der optischen Gesetze in die gebührenden Schranken zu weisen. Aber es war zu spät. Er hatte sich schon emanzipiert und allen Respekt vor den altbewährten Naturgesetzen verloren. Schwerfällig unbeweglich blieb er auf der Stelle liegen, losgetrennt von der Gestalt, mit der er fünfundzwanzig Jahre unauflöslich verbunden gewesen war.

Ich dachte, dass ihm vielleicht durch gütliches Zureden noch beizukommen wäre.

»Was fällt dir ein?«, sagte ich vorwurfsvoll. »Das geht doch nicht, dass du dich auf einmal benehmen willst, als wärest du dein eigener Herr. Sei gescheit; lege dich wieder hin, wie sich’s gehört, und lass mich weiter gehen. Habe ich nicht Kummer genug? Willst auch du mir abtrünnig werden und mich allein lassen?«

Er kehrte sich nicht an meine Worte. Mit blindem Eifer, pustend und stöhnend, suchte er sich auf die Beine zu stellen. Dabei schlotterte er am ganzen Leibe vor Anstrengung; krampfhaft klammerte er sich an die Mauer, um sich im Gleichgewichte zu erhalten.

Recht kläglich sah er aus, in die Länge gezogen, schwarzblau vom Kopf bis zu den Füßen und ganz unausgearbeitet in den Details, nur gerade die notdürftige Kontur eines weiblichen Wesens. Er hatte sich einige Körperlichkeit gegeben, indem er sich zu einem wolkigen Dunst aufblies; aber durch seinen transparenten Leib schien die fleckige Mauer hindurch; und was er an Rundung gewonnen hatte, war ihm an Intensität verloren gegangen.

Ich versuchte es noch einmal mit der Güte. »Du warst ja bis jetzt ein braver, folgsamer Schatten! Oder hättest du auf einmal den Ehrgeiz, aus einem Schatten ein Geist zu werden? Da wärst du was Rechtes! Kein Mensch hat mehr Respekt vor Geistern; selbst der ›höchste Geist‹ ist in Misskredit gekommen. Und überlege doch: Hast du als ein solider, wohlversorgter Schatten, für den ich in allen Lebenslagen mit meiner Person einstehe, nicht eine angenehmere Existenz, als wenn du zum Geist avanciertest und etwa jedem schäbigen Medium Rede stehen müsstest –? So lange du mein Schatten bist, hat dir niemand außer mir was zu befehlen; aber als vazierender Geist hättest du keine andere Aussicht für deine fernere Laufbahn, als dich bei den Spiritisten mit Alphabetklopfen abzurackern; und am Ende gar als unorthographischer Geist zum Gespötte der Ungläubigen zu werden.«

Dennoch machte er keine Miene, seinen erbgesessenen Platz wieder einzunehmen.

Nun riss mir die Geduld. Drüben auf der andern Seite der Straße lag der Häuserschatten als ein breites, dunkles Band; ich brauchte nur hinüberzugehen; und dann musste es sich zeigen, wie weit mein rebellischer Schatten mit seiner Selbständigkeit reichte.

Kaum hatte ich den ersten Schritt hinüber gemacht, so hing er auch schon hilflos an meinen Rockfalten.

»Halt, halt!«, rief er mit seiner schwachen, unangenehmen Stimme, die klang, als wenn eine Kleiderbürste auf einem Papier gerieben würde. »Bringe mich doch nicht um, kaum dass ich das Licht der Welt erblickt habe.«

Da musste ich lachen.

»O du Renommist! Das Licht der Welt? Hast du schon vergessen, dass zwischen dir und dem Lichte der Welt ich stehe? Willst du etwa dieses Ich, das dich gezeugt hat, in Pension setzen wie einen ausgedienten Feldwebel, um ferner ohne seine Vermittelung in Beziehung zu dem Lichte der Welt zu treten?«

Er räusperte sich langwierig; das Reden schien ihm beschwerlich zu sein. Dann sagte er mit etwas besserer Stimme in einem Tone zwischen kriechender Schamdemut und heimlichem Geisterhochmut:

»Da ich also dein Werk bin, warum redest du Dinge, die nicht hergehören? Warum verhöhnst du mich deswegen, was du selbst mit aller Gewalt herbeigeführt hast? Bin ich nicht der Triumph deiner Technik? Hast du nicht dein Ich unbarmherzig geschunden, um mich mit seiner lebendigen Haut auszustatten? Hast du mir nicht deinen Atem eingehaucht, bis ich aufgeblasen worden bin? Hast du mich nicht gefüttert mit deinem Fleisch und Blut? Hast du mir nicht eben früher dein eigenes Herz zum Fraße hingeworfen? Ich hab’ es, ich hab’ es, dein Herz, ich hab’ es und geb’ es nicht mehr her!«

Er machte einen sonderbaren Luftsprung; dabei spaltete er sein dünnes Schattenkleid und verwandelte sich auf diese Weise in einen männlichen Schatten. Mit jedem Augenblick schien er kräftiger, selbständiger zu werden; in seinem Innern glaubte ich auf einmal einen undurchsichtigen Kern zu bemerken. Sollte das wirklich mein Herz sein? Mich überlief’s; ich begann mich zu fürchten. Das ist etwas, was ich ungern eingestehe; nicht einmal mir selbst: Ich tat, was man gewöhnlich tut, um eine beschämende Tatsache zu bemänteln, ich begann zu schimpfen.

»Lügner, frecher, unanständiger Lügner! Ich hätte dir mein Herz, mein gutes, volles, lebendiges Herz zugeworfen, ich dir? Aber wenn du schon mein Herz zu haben vorgibst, Elender, so zeig es her, beweise deine Behauptung. Ja, beweise, beweise, wenn du kannst.«

Da stellte er sich mit gespreizten Beinen vor mich hin. Und mitten in seiner blauschwarzen Brust, wie ein Stern durch eine Rauchwolke, schimmerte es rötlich gelb. Eilig suchte ich – denn ich bin sehr kurzsichtig – meine Lorgnette aus der Tasche. Kein Zweifel! Es war mein Herz, das er da in der Brust trug! Es sah aus wie ein Lebkuchenherz, schön verziert mit blauen und roten Adern, und auch der Zettel mit dem Sinnspruch fehlte nicht. Deutlich stand darauf zu lesen:

Glaube, Hoffnung, Liebe sind drei;
Eins wenn fehlet, breche ich entzwei.

»Gib es mir augenblicklich zurück!«, sagte ich, meine Hand danach ausstreckend. »Mit einem so sentimentalen Herzen darf man keine Experimente machen, das sehe ich jetzt. Ich will es künftig in Ehren halten. Also gib her, und mit Vorsicht, hörst du?«

Er hielt sich beide Hände vor die Brust und wich zurück. Meine Angst stieg aufs Höchste.

»Räuber, Dieb, Schurke, gib mir mein Herz zurück«, schrie ich und stürzte mich auf ihn, um es ihm mit Gewalt zu entreißen.

Aber ich stürzte ins Leere. Da lag ich, schmählich zu Boden gestreckt durch mein eigenes Gewicht. Als ich mich wieder aufrichtete, sah ich, dass mein Schatten die Flucht ergriffen hatte. Er war schon weit weg; schnell und geräuschlos glitt er an den weißen Häuserwänden entlang. Dann bog er um die Ecke.

Was blieb mir übrig, als ihm nachzulaufen? Doch als ich an die Ecke kam, war von meinem Schatten straßauf straßab keine Spur mehr zu entdecken.

Und o Schrecken! In meiner Brust rührte sich nichts. Dort, wo sonst jenes närrische, einfältige, wunderliche Ding hüpfte, das Herz, war alles still und tot; ich fühlte nur eine dumpfe, leere, eine unbehagliche Kühle an der Stelle, die es einzunehmen pflegte.

Aus der Ferne kam der Rayonposten schläfrig durch den Schnee gestapft. In meiner Ratlosigkeit ging ich ihm nach und fragte ihn, ob er nicht jemanden vorüber laufen gesehen habe.

Nein, er hatte niemanden gesehen. Wer denn vorübergelaufen sein sollte?

Jemand, der mir mein Herz gestohlen hatte.

Der Rayonposten ermunterte sich ein wenig.

Gestohlen? Jetzt eben? Auf offener Straße?

Ja, eben jetzt auf offener Straße.

Also ein Raubattentat? Das Herz samt der Uhr? Vielleicht auch die Geldbörse?

Nein, bloß das Herz.

Ein silbernes oder goldenes?

Nein, nein, mein wirkliches, lebendiges Herz, kein bloßes Uhr- oder Armbandanhängsel.

Der Rayonposten sah mich misstrauisch an.

»Aber Sie sind ja ganz wohlauf, meine Liebe«, sagte er. »Wollen Sie sich vielleicht einen Scherz mit mir erlauben? Und überhaupt, was machen Sie denn so ganz allein nach Mitternacht auf der Gasse? Das schickt sich nicht für ein anständiges Fräulein –«

Er warf einen außerordentlich scharfen Blick auf mich und schien sich auf die in solchen Fällen der Tugend der Rayonposten angemessene Grobheit vorzubereiten.

Ich beeilte mich ihm mitzuteilen, dass ich kein Fräulein, sondern eine verheiratete Frau sei.

Der Respekt des Rayonpostens befestigte sich wieder ein wenig. Er sagte mit einer Anwandlung von Galanterie:

»Hm, an Stelle Ihres Herrn Gemahls würde ich Sie um diese Stunde nicht so allein herumgehen lassen!«

O ahnungsvoller Rayonposten! Er griff mit sicherer Hand hinein in das Gewebe schicksalsvoller Gedanken und Begebenheiten, in das ich mich während dieser Nacht verstrickt hatte. So widerstand ich nicht der Versuchung, ihm meine Leiden anzuvertrauen. Es liegt ja eine solche Erleichterung darin, sich seine Beschwerden von der Seele herunterzureden, selbst wenn es nicht die richtige Adresse ist, an die sie gelangen! Nebenbei bemerkt, war der Rayonposten wirklich ein ungewöhnlich hübscher Mann. Das weibliche Geschlecht soll zwar, nach den offiziellen Berichten, wenig Gewicht auf die Vorzüge der männlichen Schönheit halten; aber es ist anzunehmen, dass diese offiziellen Berichte von sehr hässlichen Männern herstammen.

»Sie müssen wissen, ich bin noch nicht gar lange verheiratet«, sagte ich vertraulich; »heute ist es genau drei Monate und zwei Wochen her. Sind Sie vielleicht auch verheiratet?«

»Verheiratet gerade nicht«, versetzte der Rayonposten, ebenfalls vertraulich.

»Ach Gott, dann können Sie sich unmöglich vorstellen, was es heißt, drei Monate und zwei Wochen verheiratet zu sein!«

Der Rayonposten schmunzelte. »Warum nicht? Das muss eine ganz angenehme Zeit sein – das sind ja die sogenannten Flitterwochen.«

»Nein, diese Zeit bedeutet schon das Ende der sogenannten Flitterwochen. Ach das ist es ja eben! Jetzt beginnt die Zeit der Enttäuschung!«

»Na, es wird nicht so gefährlich sein!«

»Ich weiß nicht, ob Sie Schiller gelesen haben – aber selbst dieser Schiller, der doch bekanntlich ein Idealist war, sagt: Mit des Lebens schönster Feier endet auch der Lebensmai. Er verhält sich also schon gegenüber den Flitterwochen skeptisch. Hingegen bezeichnet Jean Paul dreieinhalb Monate als den Termin, an dem es für Eheleute angezeigt sei, höflich miteinander zu werden. Und gar Schopenhauer – kurzum, es ist grausam! Ich habe keine ruhige Stunde mehr. Bei jedem gleichgültigen Worte denk’ ich schon: So, jetzt ist es aus! Jetzt hat er verraten, dass es schon aus ist! Es gibt Töne in seiner Stimme, Töne – ach Töne, bei denen ich glaube, das Herz steht mir still, Töne so voll Gleichgültigkeit, voll Kälte, voll Fremdheit –! Und dabei sich immer zu fragen, ob diese Töne nicht bloße Ausgeburten des Argwohns sind! Nicht bloße Selbsttäuschungen! Haben Sie schon einmal über das Kapitel der Selbsttäuschungen nachgedacht? Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, fangen Sie nie damit an! Das ist ein Labyrinth, ein Abgrund, eine unterirdische Höhlenwelt, aus welcher es keinen Ausweg gibt. Es ist eine verzauberte Wüstenei, in der man von bösen Geistern ewig im Kreis herumgeführt wird. Es ist ein Fegefeuer, in dem man die Sünden der Skepsis am eigenen Leibe büßen muss. Weh dem, der die Kraft des Glaubens nicht hat. Es genügt nicht, dass man liebt; man muss auch an die Liebe glauben, glauben an seine eigene Liebe! Der Zweifel bricht uns das Rückgrat – und dann sind wir allen gemeinen Mächten ausgeliefert, ein Spielzeug unserer eigenen Geschöpfe, Sklave unserer eigenen Sklaven –!«

»Ich weiß aber noch immer nicht, warum Sie sich so spät allein auf der Straße herumtreiben«, sagte der Rayonposten.

Er gehörte offenbar zu jenem Publikum, das mehr auf Handlung als auf psychologische Beobachtungen Gewicht legt.

»Also dass ich es kurz sage: Heute ist er zum ersten Mal, seit wir verheiratet sind, wieder in den Klub gegangen. Natürlich allein, ohne mich! Konnte es ein deutlicheres Symptom geben? Ich war außer mir – aber ich ließ ihm nichts merken. Denn die Liebe ist leider eine furchtbar komplizierte Sache. Gewiss, wenn ich gesagt hätte: ›Bleibe bei mir zu Hause, es kränkt mich, dass du mich allein lässt‹, er wäre zu Hause geblieben. Daran zweifle ich beinahe nicht. Aber Liebe will erraten sein. Wir hätten es so leicht, wir wissen, dass sich alles fände, wenn wir nur ein Wort sagten – aber das ist es eben! Wir wollen dieses eine Wort nicht sagen, denn wir wollen erraten sein.«

Der Rayonposten räusperte sich.

»Nun, er erriet nichts. Wohlgemut wusch er sich die Hände und band eine frische Krawatte um, bevor er fortging; dann küsste er mich und fragte zerstreut – denn er war mit seinen Gedanken schon aus dem Hause –:

›Was wirst du denn machen, bis ich nach Hause komme, mein Herz? Übrigens komme ich sicher vor Mitternacht.‹

›O ich werde mir die Zeit schon vertreiben‹, sagte ich und lachte, während er fortging. Kaum aber war er fort, so rannte ich davon.

Ich hätte um keinen Preis länger zu Hause bleiben können, in diesen Wänden, die mich einst so maßlos glücklich gesehen hatten. Ich weiß nicht, wohin ich lief. Ich glaube, ich hatte die Absicht, eine lange Reise anzutreten oder auf immer spurlos zu verschwinden.

Später gab ich diese Absicht wieder auf. Ja endlich, nachdem eine ganze Legion verzweifelter Gedanken, wer weiß wie lange, in meinem Gehirne hin und her galoppiert war, kam mir auf einmal ein neuer Gedanke, ein frappierender Gedanke, ein phänomenaler Gedanke, der meinen Fall in ein vollständig verändertes Licht setzte.

Wie, wenn vielleicht meine eigenen Empfindungen es wären, die sich schon zu verändern beginnen? Wie, wenn die Ernüchterung am Ende bei mir selber anfinge oder vielmehr schon angefangen hätte? Gerechter Gott, wenn dieser erbärmliche Argwohn, dieses widerwärtige Auflauern und Behorchen, diese feige Zweifelsucht nur Symptome dafür wären, dass ich – ich – ich diejenige bin –!«

An diesem Punkt meiner Bekenntnisse fiel mir mein Schatten wieder ein. Ich hatte gänzlich vergessen, auf ihn zu achten, während ich dem Rayonposten mit jener nüchternen Tatsächlichkeit, die im Verkehr mit Rayonposten angezeigt ist, mein Schicksal erzählte.

Sollte ich fortsetzen?

Er war zwar ein schöner Mann, aber bei längerer Bekanntschaft schien es mir, als ob der Umgang mit Geistern nicht seine starke Seite wäre. Hatte er doch nicht einmal noch bemerkt, welche Bewandtnis es mit meinem Schatten hatte!

Ich warf einen geringschätzigen Blick nach der Richtung hin, wo der Schatten des Rayonpostens mit der Plattheit der gewöhnlichen Schatten auf dem Boden lag – und siehe da, ganz als wäre nichts vorgefallen, lag daneben mein eigener Schatten in friedlichem tête-à-tête mit der Pickelhaube, die sich kokett auf der blanken Schneefläche abzeichnete. Er musste unvermerkt zurückgeschlichen sein – und wahrhaftig, da drinnen an der alten gewohnten Stelle klopfte es auch wieder in der alten gewohnten Weise, dieses närrische, einfältige, wunderliche Ding, mein Herz, mein Herz!

Der Rayonposten sah auf seine Taschenuhr.

»Es ist dreiviertel zwei vorüber«, sagte er und gähnte. »Um zwei Uhr werde ich abgelöst; kommen Sie mit mir aufs Kommissariat, damit Sie den Vorfall bezüglich des Herzens zu Protokoll geben können –«

Dreiviertel auf zwei! Also wartete er seit zwei Stunden zu Hause, ohne zu wissen, was mit mir geschehen war! Mein Herz, wie alle verlorenen und zurückgekehrten Söhne, machte seine Hausherrenrechte geltend; ich ließ den Rayonposten im Stich und schlug spornstreichs den Weg nach Hause ein, ohne mich auch nur ein einziges Mal umzusehen, ob mein Schatten hinter mir folgte oder nicht. Ich lauschte auf die Schläge meines Herzens, ganz selig, dass es so unverdrossen darauf los pochte.

»Poche, poche, liebes Herz«, sagte ich immer wieder voll Rührung. Es fiel mir gar nichts anderes ein; aber wie froh war ich, dass mir nichts anderes einfiel!

Erst beim Haustor kam mein Schatten mir wieder vor die Augen. Er gab kein Lebenszeichen von sich; flach und geknickt lehnte er halb auf dem Boden und halb auf dem hölzernen Torflügel.

Und während ich ungeduldig auf den verschlafenen Hausmeister wartete, enthielt ich mich nicht, meinem Schatten zu sagen: »Du sollst mir keine Possen mehr spielen! Denn jetzt weiß ich, wie man Schatten behandelt: Man muss sie ignorieren, wenn man über sie Herr bleiben will.«


Kommentar
Die Autorin, Malerin und Frauenrechtlerin Rosa Mayreder (1858–1938) ist, zumindest in Österreich, keine Unbekannte: In ihrer Heimatstadt Wien sind eine Straße, ein Park und ein feministisches College der Volkshochschule nach ihr benannt; vor Einführung des Euro zeigte die 500-Schilling-Banknote ihr Porträt. Im Gedächtnis geblieben ist sie aber vor allem als Aktivistin in der Frauenrechts- und in der Friedensbewegung sowie als Verfasserin kritischer Essaysammlungen (Zur Kritik der Weiblichkeit, 1905; Geschlecht und Kultur, 1923). Demgegenüber sind ihre dichterischen und fiktionalen Werke heute kaum noch bekannt.

Erstmals im Jahr 1900 erschienen, schildert Der Schatten auf humorvolle Weise eine kurze, surreal anmutende Episode, in der die Grenzen zwischen Phantasie und Wirklichkeit aufgehoben oder zumindest in Frage gestellt scheinen. Mayreder prägte dafür die neue Gattungsbezeichnung ›Fabelei‹. Der Schatten und andere ihrer Texte von ähnlicher Art erschienen 1921 als Fabeleien über göttliche und menschliche Dinge gesammelt in Buchform. In einer ausführlichen Besprechung umriss Christine Touaillon die Charakteristika dieser Sammlung wie folgt: »Die Dichterin bezeichnet ihre ›Fabeleien‹ als Flucht vor der Wirklichkeit. Aber in Wahrheit sind sie kein Ausdruck eines Bedürfnisses, sondern der Ausdruck einer Wesensnotwendigkeit; Rosa Mayreder flüchtet nicht aus dem Leben in eine ferne Phantasiewelt, sondern die Phantasiewelt ist die Form, in der ihr Geist die Wirklichkeit erlebt. (…) Rosa Mayreder setzt sich in [den ›Fabeleien‹] mit dem Zweck des Lebens auseinander, mit dem Geist und der Sinnlichkeit, dem Schönen und dem Alltäglichen, mit den leeren Versprechungen der Philosophie und den Gefahren des eigenen Herzens. Aber die Schlussworte aller dieser kleinen Erzählungen, die keine schweren äußeren Akzente haben und so gewichtslos scheinen, klingen in tiefe Wehmut aus.« (Neue Freie Presse, 5. März 1923, S. 7.)

Textnachweis
Aus: Das Magazin für Litteratur [sic], 69. Jg., Nr. 38, 1900, Sp. 946–952. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Der Dom von Pisa, 1905

Dini

von Else Feldmann (1884–1942)

Dini wohnte zwei Stock tiefer als wir, unten im Erdgeschoß. Zwei große, kahle Stuben und eine Küche hatten sie. Die Wohnung war vollständig finster, und immer brannte ein Petroleumlämpchen mit angerußtem Glas. Dinis Eltern waren sehr alt; alle ihre Geschwister waren schon erwachsen und vom Hause fort. Ich glaube, sie hatte fünf, meist Brüder – zwei waren bei der Eisenbahn und trugen Uniform – ich konnte nicht glauben, dass diese bärtigen Männer wirklich Brüder Dinis waren.

Dinis Eltern waren Flickschneider – man brachte ihnen die alten Kleider. Dann saßen die beiden Alten, Grauhaarigen beim Lämpchen mit ihren großen Brillen bewaffnet und zupften Fäden, hantierten mit Nadel und Zwirn oder sie hatten gelegentlich wohl auch eine Schüssel mit Fleckwasser vor sich stehen, sie bügelten und bürsteten die alten Kleider wieder auf neu. Aber da es nicht genug trug, um davon leben zu können, vermieteten sie ein Zimmer an Schlafgänger. In diesem einen Zimmer gab es drei Stühle, sonst lauter Lagerstätten, einige Eisenbetten und Strohsäcke und Matratzen auf dem Boden, so viel man wollte.

Dini schlief in demselben Zimmer auf zwei zusammengerückten Koffern. Aber sie hatte Kissen und Decken, mehr als alle andern Schlafgänger, und Dini beklagte sich bei mir, dass man sie Nacht für Nacht, wenn sie schlafe, ihrer Decken beraube und sie dann frierend erwache.

Noch eine große Merkwürdigkeit hatte Dini; das war ihre Großmutter. Seltsame Dinge hatte sie mir von ihr erzählt. Aber einmal passierte das Wunderbarste; denn Dini sagte zu mir: »Komm du einmal mit zur Großmutter. Sie lebt im Gemeindearmenhaus; es ist dort sehr hübsch. Es wohnen dort nur fünf Alte in einem Zimmer, und eine von ihnen liegt im Bett und ist verrückt, und man muss viel lachen über sie; und die andre heißt Frau Treu und hat eine große blaue Blase an der Unterlippe und schaut jedes Mal, ob die blaue Blase noch nicht aufgesprungen und Tinte herausgeflossen ist.«

»Tinte?«

»Ja, es kann nicht anders sein, als dass Tinte darin ist. Und denke, Frau Treu hat Wasser in den Beinen und sie sagt, wenn das Wasser zum Herzen komme, ist es aus mit ihr; ich muss immer hinlaufen und schauen, und das ist auch so lustig.«

Wieder fragte sie: »Kommst du einmal mit?« »Ja«, sagte ich, »aber erst nach meinem dreizehnten Geburtstag, denn dann kann man mich nicht mehr schlagen, denn dann gelte ich schon für groß.« Aber es fehlten noch zwei Tage bis zu meinem Geburtstag, als ich beschloss mitzugehen.

»Ach«, meinte Dini, »ich werde noch heute geschlagen und bin schon vierzehn Jahre alt.«

»Nein«, sagte ich erschrocken, »wenn ich einmal dreizehn bin, darf mich niemand schlagen.«

Ein paar Tage später schlich ich mich fort und ging mit Dini in das Armenhaus. Es war so, wie Dini erzählt hatte. Lange, schrecklich unheimliche Gänge voll Gespenstern – denn nicht anders als Gespenster sahen die vielen alten Weiblein aus, die auf den Gängen herumstanden oder hockten.

Es war Kaffeezeit, und sie guckten aus den Türen und über die Treppen, ob der Wagen mit dem Kaffee schon angefahren käme.

Von den Fenstern hatte man den Ausblick auf den alten Friedhof mit seinen Bäumen, Hügeln und Grabsteinen.

»Oh, wie schauerlich«, sagte ich zu Dini, »dass die Alten da immer hinuntersehen müssen und denken: Jetzt liege ich oben, bald aber werde ich unten liegen.«

»Dummes Zeug«, belehrte mich Dini, »dies ist der alte Friedhof, dort wird nicht mehr begraben.«

»Und wenn auch nicht mehr begraben wird, ein Friedhof ist es, und sie müssen ihn vor Augen haben und sehen.«

Dini erzählte mir eine abergläubische Geschichte, als wir uns an ein Gangfenster lehnten und von dort aus hinunterblickten.

»Siehst du, da unten«, sagte Dini, »in der Mitte den Stein, diesen eigentümlichen Stein? Darunter liegt ein Fisch begraben.«

»Wieso denn ein Fisch?«

»Ja. Ein Fisch wurde aus dem Wasser gezogen und sollte geöffnet werden, da hörte man, wie der Fisch, der doch für gewöhnlich stumm ist, einen Wehlaut ausstieß; gerade als das Messer ansetzen wollte, hörte man ein deutliches menschliches Stöhnen aus dem Innern des Fisches kommen. Man ließ sogleich davon ab, ihn zu zerschneiden und zu kochen, und er wurde wie ein Mensch auf dem Menschenfriedhof begraben und er bekam einen Denkstein, und dieses ist der Platz.«

Ich fragte: »Und du glaubst, dass das wahr ist?«

»Ja, ja.«

»Ich nicht, das ist Aberglaube.«

»Und der Stein dort mit dem Fisch – von hier kannst du ihn gut sehen –, was wäre dann das?«

Ja, den Stein mit dem Fisch sah man; wir standen lange und sahen ihn an.

Dann gingen wir in das Zimmer der fünf Alten, wo Dinis Großmutter wohnte.

Es war genau so, wie Dini es geschildert hatte. Im Bett lag eine Alte und war verrückt, sie sprach fortwährend und lachte grausig. In einem Krankenlehnstuhl saß Frau Treu, und an ihrer hängenden Unterlippe war eine große, dunkelblaue Blase, die wie mit Tinte gefüllt aussah, und Frau Treu erzählte uns sofort, dass sie Wasser in den Beinen habe, und wenn es zum Herzen komme, sei es aus mit ihr.

Die verrückte Alte im Bett sagte etwas und Dini fing an laut zu lachen.

Mir war es nicht zum Lachen.

Dinis Großmutter saß am Fenster und strickte; sie war wirklich uralt mit einem Netz von Runzeln im Gesicht; ihre Augen und ihr Mund waren in all den vielen Furchen und Falten fast ganz verschwunden. Dini ging sofort zu den Schubladen, zog eine um die andre heraus, und ich hörte sie jede Sekunde rufen: »Großmutter, kann ich das haben? Kann ich das haben?«

Die Alte am Fenster nickte, sie sprach fast kein Wort. Sie musste zu viel husten, darum konnte sie nicht sprechen. Sie legte jedes Mal die Strickerei weg, wenn sie husten musste, und nahm sie dann wieder auf.

Dini räumte alle Laden aus und versteckte die Sachen, die sie fand, in ihrem Kleid. Dann flüsterte sie mir zu: »So, jetzt können wir wieder gehen.«

Ich stürzte hinter Dini die Treppen hinunter; ich fürchtete mich auf den langen Gängen und endlosen Treppen, und am meisten vor den Schatten, die unsere Gestalten auf den weißen Wänden warfen. Ich fürchtete mich auch ein wenig wegen der Fischgeschichte und wurde erst ruhiger, als wir wieder auf der Straße waren.

Aber jetzt erst fiel es mir ein, wie spät es geworden war, und wir hatten noch einen langen Weg.

»Von den Sachen kann ich dir nichts geben«, sagte Dini.

»Oh, ich brauche nichts«, erwiderte ich zornig. Was glaubte Dini von mir? War ich vielleicht acht oder neun Jahre alt? Mit dreizehn Jahren ist man nicht mehr so genäschig, dass man geraubte Sachen annahm. O ja, die Sachen waren so gut wie geraubt oder gestohlen; ich hatte aufgepasst und gemerkt, dass Dinis Großmutter beinahe taub war und nichts verstand, wenn sie gefragt wurde: »Darf ich das haben?«

»Weißt du«, flüsterte mir Dini zu, obwohl wir auf der Straße waren, wo niemand uns kannte, »ich habe von allem genommen, nur nicht von den Spitzwegerichzuckerln, sie sind grün, ich kann die grüne Farbe nicht leiden; auch schmecken sie nach Süßholz.« Zum Schluss sagte sie: »Die Sachen werde ich dann essen, wenn ich auf der Kellertreppe sitzen und ›Verlorene Liebe‹ lesen werde.«

Als ich von dem langen Weg nach Hause kam, war es vollkommen dunkel. Ich wurde ermahnt, die Wahrheit zu sagen, wohin ich heimlich ausgerissen und wo ich so lange geblieben sei.

»Im Armenhaus, bei Dinis Großmutter.« Ich wurde heftig gestraft, ich bekam sogar Schläge.

»Ich sehe schon, reden nützt bei dir nichts, und wer nicht hören will, muss fühlen …«

Ich weinte den ganzen Abend, und als ich im Bett lag, weinte ich noch immer.

Ja, wäre es noch vor acht Tagen gewesen, da war ich noch zwölf, jetzt aber, da ich schon dreizehn war, man zu mir in der Schule »Sie« sagte, und noch immer Schläge.

Ich war bekümmert; ja ich konnte es nicht unterlassen, Vergleiche anzustellen zwischen Dini und mir. Freilich hatte ich nicht in einer Anstalt Laden ausgeraubt, und noch dazu in einem Armenhaus. Aber war ich nicht mit Dini gegangen? Mit diesem schlimmen und diebischen Mädchen. »Willst du wissen, wer du bist?«, musste ich im Laufe des Abends einige Male hören.

Freilich war der Friedhof mit dem Denkstein und die Geschichte von dem Fisch sehr schön … ich würde sie mir lange merken und vielleicht auch anderen erzählen …

Ich schlief endlich ein mit geschwollenen Augen und Lippen vom Weinen. Und am Morgen beim Erwachen weinte ich aufs Neue, als ich mich erinnerte: Dreizehn Jahre und noch immer Schläge!


Kommentar
Else Feldmann (1884–1942) war eine jüdische Autorin aus Wien. Die überzeugte Sozialdemokratin behandelte in ihren Kurzgeschichten, Erzählungen und Romanen, aber auch in Feuilletons und Reportagen meist sozialkritische Themen. Ihr Hauptaugenmerk galt dabei dem Elend der Kinder und Jugendlichen in den ärmeren Vierteln der Stadt. Der größte Teil von Feldmanns Werk erschien in Zeitungen und Zeitschriften mit politisch linker Ausrichtung. Besonders eng war ihre Zusammenarbeit mit der Arbeiter-Zeitung, für die sie insgesamt weit über 100 Beiträge lieferte. Nach der Zerschlagung der Sozialdemokratie durch das Dollfuß-Regime 1934 hatte Feldmann kaum noch Publikationsmöglichkeiten, nach der Machtergreifung der Nazis 1938 gar keine mehr. 1942 wurde sie ins Vernichtungslager Sobibór deportiert und dort ermordet. – Erst in den letzten Jahren wurden einige von Feldmanns Texte neu herausgegeben: Bei der Wiener Edition Atelier erschien ein Band mit ausgewählten Erzählungen und ein Band mit Reportagen.

Wie viele von Feldmanns Texten erzählt auch Dini eine Episode aus dem Leben von Kindern, die nicht gerade aus betuchten Familien kommen. Der Text erschien erstmals am 9. Mai 1925 in der sozialdemokratischen Salzburger Wacht. Die hier wiedergegebene Fassung folgt jedoch dem leicht gekürzten Wiederabdruck in der Arbeiter-Zeitung vom 28. Juni desselben Jahres. Abgesehen von kleinen Details unterscheidet sich diese Fassung vom Erstdruck vor allem durch den Wegfall des Einleitungssatzes. In der Salzburger Wacht beginnt der Text nämlich mit einer rückblickenden Betrachtung, die ihm eine moralisierende Note verleiht: »Die Geschichte von Dini habe ich noch nicht erzählt, dieselbe Dini, die ich 16 Jahre später eines Abends im dunklen Hafengässchen Hamburgs spazieren gehen sah; die mich ansah, erkannte und doch nicht kennen wollte; o welch trauriger Putz sie umgab.« – Dass diese Einleitung in der Arbeiter-Zeitung weggestrichen wurde, basierte vermutlich einfach auf der Notwendigkeit, den Text noch als Ganzes auf der letzten Seite vor dem Anzeigenteil unterzubringen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass die Kürzung eigenmächtig von der Redaktion durchgeführt wurde. Bedenkt man die langjährige Zusammenarbeit Feldmanns mit dieser Zeitung, scheint es aber doch naheliegend, dass die Änderungen in Absprache mit der Autorin erfolgten.

Textnachweis
Aus: Arbeiter-Zeitung, 28. Juni 1925, S. 18. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: María Blachard, Die Bretonin, 1928–1930

Fünf Gedichte

von Thekla Merwin (1887–1944)

Dämmerung

Am Horizont verblasst das Abendrot,
Grau wird der letzte rosenfarb’ne Strich,
Nacht, Schlaf und Tod
Vermischen ihren Atem wunderlich.

Der Wind seufzt leise, und dann schweigt die Flur,
Unwirklich ist das Sein, sind ich und du,
Und allen Dingen bleibt nur die Kontur
… Seele, du wanderst fernen Tagen zu.

Du wanderst und du wanderst ohne Rast,
Bis sich der Schoß, der alle Pflanzen hält,
Dir öffnet, dir, der Erde flüchtigem Gast –
Dann wirst du selbst ein Teil der stummen Welt.

Du bist die Dryas, die im Dämmer nickt,
Der Bach, der durch den stillen Abend fließt,
Der Stein, der eine letzte Stätte schmückt,
Die Blume, die aus morschem Leibe sprießt.

Und tiefste Ahnung peinigt dich und droht,
Mit dunkeln Augen naht das Ewige sich
… Nacht, Schlaf und Tod
Vermischen ihren Atem wunderlich.

Die Straße

Die laue Nacht bringt Wonne und Versagen,
Dort, von den Bergen wächst sie riesengroß,
Und was im Lärm vertönt an lauten Tagen,

Das zeigt sie schweigend, nackt und schleierlos.
In hohen Straßen stirbt der letzte Schimmer,
Trübes Laternenlicht erhellt sie bloß.

… Da birgt sich manch ein Glück im stillen Zimmer,
Da weint ein Säugling, dass es widerhallt,
Oder ein Auge schließt sich müd’ für immer.

Hier siehst du eines Weibes Wohlgestalt,
Halb schon erfahren, halb noch voller Schämen,
Noch jung, doch schon in einem Jahre alt.

Bald lockt ihr Aug’, bald ist es voller Grämen.
Im Häuserschatten wartet der Bandit,
Bereit, den grausen Lohn ihr abzunehmen.

Woran der Blick sonst leicht vorüberflieht,
Das wächst im Dunkel zum erbarmungsreichen
Und urgewaltigen Menschheitsklagelied

Und macht das Herz schwer und die Lippen bleichen.
Der schwarze Himmel, den die Nacht umspannt,
Er trägt in tief geheimnisvollen Zeichen

Auch unser Schicksal, nah, doch unbekannt.

Die Stadt

Aus müden Lungen atmet Dunst die große Stadt,
Mildäugig über dem gezackten Turme
Steht blasser Mond, der mich begleitet hat.
Und wie das stille Meer nach hartem Sturme
Schläft auch dies Meer von Menschen, stumm und matt
… Aus müden Lungen atmet Dunst die Stadt.

Doch morgens brüllt das aufgeweckte Tier
Und schreit nach Nahrung durch die engen Gassen,
Aufpeitscht die Woge Hunger, Lust und Gier,
Aufpeitscht die Woge Ehrgeiz, Lieben, Hassen,
Und alle Dämme überfluten schier
… Tagsüber brüllt das aufgeweckte Tier.

Doch in dem feierlichen Raum der Nacht,
Wie liegt sie mir geheimnisvoll zu Füßen,
Gleich der Natur in ihrer Schöpferpracht.
Und auch mein Blut spürt ihr verwandtes Grüßen,
Und jeder Stein, er singt ein Lied von Macht
Hoch in dem feierlichen Raum der Nacht.

Großstadtballade

Hinter mir der Tod über die Gasse sprang,
Kling! Klang!
Das war wie ein Sensenschnitt, harsch und rau,
Und am Boden lag sie, die elende Frau,
Die der Hunger zur Erde zwang.

Fünf Groschen klirrten vom Straßenrand
In den Sand,
Ein Bettler bückte sich heimlich und stahl
Der sterbenden Frau das Betriebskapital,
Und er grinste scheu und verschwand.

Selbst vornehme Wagen warteten schon
(Dabei ein »Baron«!),
Denn die Menge sammelte sich im Nu
Und sah dem Schauspiel des Sterbens zu,
Dann ging man davon.

Die Sonne am Himmel stand purpurrot
Über Grauen und Kot,
Still grüßt’ sie die Erde und ihre Qual,
Das alte Weib verröchelte fahl,
Dann seufzte es tief und war tot.

Vier Arme huben die traurige Fracht,
Gute Nacht!
Dann trabten vier Hufe gleichmütig dahin …
O Menschen, was habt ihr für Widersinn
Aus herrlichem Leben gemacht?

Und alle Jahre geht’s dem Winter zu

Und alle Jahre geht’s dem Winter zu,
Und alle Jahre steigt ein Frühling jung
Gewaltig aus der Erde starrer Ruh’.

Rasend bewegt sich ewiger Erdenschwung,
Hier tönt der Schrei der nächtlichen Geburt,
Dort werden Menschen für den Humus Dung.

Das alte Räderwerk, es rollt und surrt,
Und in den Speichen dreh’n sich unsere Lose,
Narr, der sich freut, Narr, der verbittert murrt.

Der kriegt die Lumpen, der die Bügelhose,
Und beide lädt zuletzt ein Hügel ein,
Ein Pfarrer rührt euch – je nachdem die Chose.

Die Witwe kauft sich einen Totenschein,
Und die Verlassenschaft bezahlt die Parte,
Ist sie aktiv, wird es ein Marmorstein.

Doch stirbst du ohne Geld, mein Freund, dann starte
Zur Ewigkeit im wesenlosen Schein.


Textnachweis
Dämmerung, aus: Neues Wiener Tagblatt, 15. Mai 1921, S. 22.
Die Straße, aus: Arbeiter-Zeitung, 6. Juni 1926, S. 17.
Die Stadt, aus: Arbeiter-Zeitung, 18. Juli 1926, S. 20.
Großstadtballade, aus: Arbeiter-Zeitung, 21. April 1929, S. 17.
Und alle Jahre geht’s dem Winter zu, aus: Arbeiter-Zeitung, 29. Oktober 1932, S. 7.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alexandra Exter, Farbentwurf, 1922

Künstler

von Else Lasker-Schüler (1869–1945)

Herr von Kuckuck sitzt immer auf dem Fenstersims und schnappt mit seinem zugespitzten Mund alle meine todtraurigen Worte auf, die sonst im Zimmer liegen blieben, und ich würde schließlich in der Überschwemmung von Todtrauer ertrinken. Auch sieht er so spaßig bei der Fütterung aus, ich muss manchmal hell auflachen. Mein Mann kann von Kuckuck nicht ausstehn. »Er ist eine Beleidigung neben dir.« Aber ich muss immer einen Hofnarren haben, das ist so ein uraltes erbübertragenes Gelüste. Er folgt mir überall hin. Auf dem Salzfass sitzt er in der Küche, wenn ich am Herd stehe und mit dem Quirl dem Feuer behilflich bin – ich meine wegen des Weichwerdens der Erbsen. Ich trage goldene Pantoffel, aber in meinen seidenen Strümpfen sind schon Löcher. Herr von Kuckuck wird merkwürdig düster, immer wenn er auf dem Salzfass sitzt und meinem Kochen zusieht. Er erzählt von Prinzessinnen, die in Goldpantoffeln und Seidenstrümpfen kochen und scheuern müssen und sich die Hände blutig reiben, und aber der Himmel ihnen alle Sterne schulde. Ich glaube, ich bin am Anfang aus einem goldenen Stern, aus einem funkelnden Riesenpalast auf die schäbige Erde gefallen – meine leuchtenden Blutstropfen können vor Durst nicht ausblühen, sie verkümmern immer vor dem Tage der Pracht, und mein Mann erzählte mir dasselbe, und darum haben wir uns geheiratet. »Wenn sich mein Budget besser gestaltet«, sagt Herr von Kuckuck, »so braucht Prinzessin keine Erbsen mehr kochen.« Er verspricht es feierlich; zwei große Tropfen fallen aus seinen Augen, die sind lila, und die Feierlichkeit kleidet ihn so: eine Burleske, die plötzlich auf geraden rabenschwarzen Beinen steht. Ich rieche zu gern Ananas – ich glaube, wenn ich mir täglich eine Ananas kaufen könnte, ich würde die hervorragendste Dichterin sein. Alles hängt von Kuckucks Budget ab. Mein Mann, der wünscht sich gar nichts mehr, er denkt morgens schon heimlich an seine Zigarette, die er im Bett rauchen wird. Die Lampe zuckt, es ist alles so dünn im Zimmer. »Herein!« Eine Erbse klopft an meinen Magen. Kleine Beinchen bekommen die Erbsen und wackeln mit ihren dicken Wasserköpfen – eine plumpst den Berg herunter. »Bist du aufgewacht?« Mein Mann fragt und hebt den Zigarrenbecher vom Boden auf – dann streichelt seine Ananashand mein Gesicht – die Finger tragen alle Notenköpfe – sie singen – und immer, wenn das hohe C kommt, sägt mein Arm über seine Brust und seinen Leib, ich nehme die Gedärme hervor – eine Schlangenbändigerin bin ich – dudelsack ladudelludelli liii …! Ich schiebe die Schlangen vorsichtig wieder in seinen Körper, die kleinste hat sich fest um meinen Finger gesogen, aber sie ist die hauptsächlichste Schlange, sonst kann er keine indischen Vogelnester mehr essen. Ich gleite die Kissen herab, mein Kopf liegt in einem weißen Bach, alle Fische tragen Ketten von Erbsen um den Hals und schwimmen hinter mir über die flaue Matratze. Mein Mann wartet schon im Sessel. Im Rahmen über dem Schrank hängt von Kuckuck und über ihm sein Onkel Pankratius, einer der gestrengen drei Herren, und zählt – Budget, lauter goldene Schnäbel. Es wird alles so grau – ich habe solche Angst, ich verkrieche mich in die Achselhöhle meines Mannes. Auf dem Sofa sitzt ein Jüngling, er hat große, braune, spöttische Augen, die lächeln schüchtern. »Wer bist du!«, ruft mein Mann. »Ich bin der Schatten Ihrer Frau und habe Theologie studiert.«


Textnachweis
Aus: Der Sturm. Wochenschrift für Kultur und die Künste, Jg. 1910, Nr. 29, S. 228–229. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alexandra Exter, Stillleben, 1913

Vor der Premiere

von Emmy Hennings (1885–1948)

Sie ging in ein schmieriges Automatenrestaurant. Sie hatte nicht den Mut, ins Café zu gehen. Das Café war so oft ihre Zuflucht und Rettung gewesen. Sie glaubte Hunger zu haben. Sie sah die vertrockneten belegten Brötchen, alle geordnet in einer Reihe, ging vorbei und steckte ein Zehnpfennigstück in den Kaffeeautomaten. Der Kaffee war kalt und die Tasse nur halbvoll, aber sie wagte nichts zu sagen. Scheu setzte sie sich in eine Ecke. Wie gerne hätte sie geraucht, aber es war verboten. Sie dachte nach. Heute war Premiere. An den Anschlagsäulen hatte sie ihren Namen in riesigen Lettern gelesen. Es war fast unheimlich. Voll Kummer blickte sie auf ihre Schuhe. Sie waren schlecht und die Absätze schief. Ihr Mantel sah nur noch abends schön aus, ihr schwarzer Samtmantel, den sie so sehr liebte. Sie sah ihn an. Er schien ihr abgetragen und billig. Die grüne Mütze war unmöglich. Das Grün passte allerdings gut zu den blonden Haaren, aber trotzdem. Ob ihr Repertoire wohl gut war? Sie sang ganz leise die letzte Strophe ihres Liedes: »Als ich zuletzt ihn sah, mein Gott!« Ihre Augen wurden groß und verzweifelt. »Da schleppten sie ihn aufs Schafott.« Ihr Mund öffnete sich, unendlich schmerzlich und voller Angst. »Sah seinen Kopf in der Lunette.« Ihr Körper reckte sich, und sie konnte es nicht verhindern, dass sich ihre Hände krampften. »A la Roquette.« Da bemerkte sie, dass man sie beobachtete. Ihre Schultern sanken herab, das Gesicht wurde schlaff und fiel zusammen. Sie ging fort und jetzt direkt nach Hause. Die Leute auf der Straße sahen sie an und lachten über sie, so dass ihre Brust schmerzte. War sie es, die heute Abend für die Unterhaltung dieser Menschen sorgen musste? Sie wurde ganz hilflos. Sie hatte diese große Stadt erobern wollen. Jetzt zweifelte sie an ihrer Schönheit. Sie kaufte sich für zwei Mark Cognac. Zu Hause angekommen, trank sie hastig und gierig und warf sich, ohne sich erst zu entkleiden, aufs Bett. Bis sieben Uhr hatte sie Zeit. Es war früh genug, wenn sie um acht in der Garderobe war. O ja, sie würde sich sehr schön schminken, das Gesicht ganz weiß und den Mund grellrot wie eine blutende Wunde. Eine angenehme Betäubung kam über sie. Sie kroch tiefer in die Kissen und lächelte. Ein süßer Gedanke kam. Vielleicht blühten Wiesen irgendwo. Sie schlief ein.


Textnachweis
Aus: Die Schaubühne, Jg. 9, 1913, Bd. 1, S. 393. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Alexandra Exter, Stillleben, 1913

Kleine Hexe

von Margarete Beutler (1876–1949)

Und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt, und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt. Und kleine Hexe, kleine Hexe – darin liegt etwas wie Militärmusik, etwas, was das Blut hüpfen und die Augen tanzen macht; etwas, was die Finger ein bisschen krümmt, als ob sie ein Vorbeihuschendes fangen wollen, etwas, wie es in Großvaters Johannisbeerwein steckt – etwas, das sich wild berauschend und doch eigentümlich schwer aufs Denken legt.

Und es hat niemand zu ihr kleine Hexe gesagt, und sie wüsste gar nicht, wie das ist, wenn nicht, wenn nicht …

Um ein Uhr hatte sie heut erst gehen können – da waren noch einige Federn notwendig zu kräuseln gewesen. Nun ja, nach dem feuchten Wetter der letzten Tage!

Sie war abgemattet und hungrig. Aber als sie dann an das niedrige, von dem vielen Regen recht blinde Fenster trat, um ihren Hut aufzusetzen, da blitzte da oben in einem Fenster des vierten Stockes ein seltsames Leuchten. Und da lachte sie. Sie war wohl eine kleine Schwärmerin, denn sie lachte, weil sie wusste, dass das Leuchten da oben von der Sonne kam, und sie lachte, weil sie ahnte, dass es am Nachmittag etwas heller in dem kleinen Parterrestübchen sein würde. Es kräuselte sich noch einmal so schnell, wenn man weiß, dass es eine Sonne gibt da oben, die gewiss recht voll zu uns hineinschauen möchte, wenn der Hof nicht gar so eng und die Häuser nicht gar zu hoch wären.

Da am Fenster sah Trude auch, dass das Band an ihrem Hute schon recht fahl war. Vielleicht, dass man es umkehrte!

Oder ob sie das rotseidene Schürzenband herumgeben soll? Die Schürze hat sie zwar von Hanne Krüger zum Geburtstag bekommen, aber die ist ja viel zu schade zum Umbinden. Für wen soll sie sich wohl zu Hause solche feine Schürze umbinden – Mutter geht flicken – die Tante wäscht … Gertrud warf noch einen Blick auf das flimmernde Leuchten da oben, dann ging sie hinaus über den winzigen Hof, wo der Kommis aus dem ersten Stock Tabaksballen ablud.

Der Kommis ließ sie nie vorbei, ohne mit der Zunge zu schnalzen. Er hat sehr schwarze, listige Augenbrauen – mein Gott, so ein hässlicher Mensch! Was der sich einbildet! – –

Im Flur des Vorderhauses zog sie den einen braunen Zwirnhandschuh an. Sie zieht immer nur einen Handschuh an – sie hat eine hübsche, weiße Hand, und wenn sie den dunklen Rock so ein bisschen hebt und den kleinen Finger ein wenig zurückbiegt …

Sie stand allein in dem Hausflur. Er war finster und traurig wie diese alte Mietskaserne.

An der Wand vor ihr hing ein kurzer Schlauch mit einem Holztrichter – das war ein Sprachrohr, das irgendein Vizewirt einmal angelegt hatte, um in seine Wohnung hinaufzusprechen.

Wie ein Kichern ging es durch Trudes Gedanken: einmal etwas hineinrufen – dann fortlaufen – ganz flink!

Ihr Mund spitzte sich, und sie nahm den Schlauch in die Hand.

Aber da bebte etwas, da zitterte etwas von oben herunter. Da waren Töne – Worte – – sie legte mechanisch das Ohr an den Trichter und presste die linke Hand fest an die Brust.

Da, da – nun trafen die Töne, die Worte ihr Ohr – – aber – – aber das war ja ganz deutlich! – »I du – klei–ne H–hexe«, und dann ein trillerndes, unverschämtes Lachen wie unterdrücktes Schreien aus Mädchenmund.

Eine kalte, fremde Hand strich über Gertruds Körper. Sie wagt nicht zu atmen – – Da oben die Sonne, sie sieht sie vor sich – – Das kann nur der dicke Vizewirt und das rothaarige Stubenmädchen, dem der Tabakkommis neulich einen Klaps gegeben hat – sie hat das ganz deutlich gesehen! – – Und die Vizewirtin ist ausgegangen – die beiden sind in seiner Arbeitsstube … Einmal ist sie oben gewesen und hat die Miete von der Modistin heraufgetragen – dicht am Sprachrohr steht das Ledersofa – –

Ihr Arm sank schlaff herab – dann jagte sie aus dem dunklen Flur hinaus über die Straße, über die Brücke.

Sie sah die Sonne nicht, die aus dem Wasser freundlich zu ihr reden wollte, sie hob ihren Rock nicht und bog ihren hübschen, kleinen Finger nicht rückwärts. Ihre Hände zerrissen beinahe den braunen Zwirnhandschuh – ihre Augen suchten etwas Neues, Fernes, Hässliches …

Und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt, und kein Mensch hat zu ihr kleine Hexe gesagt. Und kleine Hexe – kleine Hexe – darin liegt etwas wie Militärmusik, etwas, was das Blut hüpfen und die Augen tanzen macht, etwas, was die Finger krümmt, als ob sie etwas haschen wollen, das vorbeikommen wird, das vorbeikommen muss.


Am Nachmittag war es wirklich heller in dem dumpfen Hofstübchen. Aber das bemerkte Gertrud nicht. Sie nahm sich schweigend ihre Federn vor – große, schwarze, glänzende Federn, die sich kühl und weich zwischen die Finger legen.

Große, schwarze, glänzende Federn!

Und wie die Fiederchen beben, als ob ein geheimnisvolles Leben in ihnen wäre!

Es ist Leben in ihnen – die Fiederchen sind schwarze, wilde Musikanten.

Was spielen sie?

Tolle bunte Weisen: Geigen trillern wie unterdrücktes Schreien aus Mädchenmund und irgendeine Flöte schäkert: »I du – kleine Hexe – klei–ne H–hexe!«

Die schwarzen, glänzenden Federn! Wenn sie über den Hutrand nicken, so weich, so biegsam – wenn sie sich um einen braunen, breiten Haarknoten schmiegen – – und dann – dann das graue Kleid dazu – ein weißer Unterrock –

Gertruds Nasenflügel zittern, sie liebkost die weichen, schwarzen, glänzenden Federn.

Die tollen Musikanten haben ihre Sache gut gemacht.

Morgen ist Sonntag – wenn die Kommerzienrätin heut’ nicht mehr um die Federn schickt, morgen tut sie es sicher nicht. Morgen – Sonntag – nicht!

Und nur einen Tag auf dem Hute die schwarze, wallende Pracht zu haben, einen einzigen Sonntagsnachmittag! Was schadet das der Kommerzienrätin, die Kästen voll Federn und Blumen zu Hause hat.

Am Montag werden die schwarzen Federn wieder in ihrer roten Pappschachtel in dem dunklen Parterrestübchen liegen. Einen Kasten voll Federn und Blumen möchte Gertrud haben – besonders Blumen. Rosaseidene, zarte Rosen oder purpurne Sammetrosen und ganz stille, traurige weiße Rosen – oder sonnengelbe, leuchtende Rosen – – aber am liebsten doch zarte, rosa Seidenrosen mit mattgrünen Blättern.

Und dann möchte Gertrud vor einem Spiegel stehen, der so groß ist, dass sie sich ganz und gar darin sehen kann. In einer weißen Mullbluse möchte sie davor stehen – – aber nein, solche Blusen sind nicht genug ausgeschnitten, in ihrem Einsegnungshemde möchte sie vor dem Spiegel stehen – das hat nur ganz schmale, gehäkelte Spangen über den Schultern und eine breite, durchsichtige Passe, die mit einem grünen Bändchen geschlossen wird.

In ihrem Einsegnungshemde möchte sie vor dem Spiegel stehen und sich die braunen Haare über die Schultern fließen lassen. Und dann die zarten, rosa Seidenrosen in die Haare hinein – und überall Rosen – an der Passe Rosen und auf den Schultern Rosen.

Aber nicht allein möchte Gertrud dastehen, es müssten irgendwo in der Nähe fremde, dunkle, bewundernde Augen sein, die ihre Mädchenschönheit in sich tränken.

Sie kennt wohl keine solche Augen?

Die Männer, die sie kennt, haben kühle graue Augen – kühle blaue Augen – kühle braune Augen – Geschäftsaugen – Alltagsaugen – meistens unter Gläsern –

Aber?

Aber …

Der schwarze Kommis – –

Die Augen könnten so aussehen – graulich beinahe in ihrer wilden Bewunderung – aber berauschend wäre das, berauschend wie die Musik der schwarzen Fiederchen und wie Großvaters Johannisbeerwein. –


Und dann ist die Luft so närrisch warm, und alles sieht so sonntäglich aus, und der schwarze Kommis ist so spaßig.

Und er ist absolut nicht hässlich! – –

Das ist viel schneller gegangen, als Gertrud gedacht hat.

Als sie gestern Abend an ihm vorbeiging, hat er wieder geschnalzt, und sie hat gelacht. Da ist er zu ihr in den Hausflur getreten und hat ihren Arm an sich gedrückt und gesagt: »Na, wie ist es, wollen wir nicht morgen ein bisschen zusammen ausgehen?« – Und seine schwarzen, seltsamen Augen hat sie dicht vor sich gesehen. Nein – solche Augen – solche Augen!

Und nun im Walde ist die Luft so närrisch warm – und das Moos ist so närrisch weich – und die Vögel haben solche possierliche Stimmen – und der schwarze Kommis drückt ihren Arm und erzählt so verdrehte Geschichten.

Aber etwas fehlt noch – etwas fehlt noch – das muss Gertrud noch hören – das Wort, das so mächtig macht, weil es ein Zauberwort ist. Sie kann nicht anders – sie kann nicht dafür – sie muss es hören, muss – muss – muss – –

Und plötzlich liegt sie vor dem schwarzen Kommis auf den Knien und drückt ihre schmächtigen Arme um seinen Leib und stammelt mit durstigen, lachenden Augen: »Du – du – sage mal – sage doch mal ›kleine Hexe‹ zu mir!«

Da lacht der schwarze Kommis, dass die Finken aufhören zu pfeifen, und umklammert und schüttelt ihre kleine Gestalt und zischelt: »Kleine Hexe – kleine Hexe – Hexe – Hexe – Hexe – – wenn du weiter nichts willst …«

Ach, das ist wie Johannisbeerwein, so wild berauschend – – aber man kann nicht mehr denken – gar nicht mehr denken. – –

Im Moose liegt der Hut mit großen, schwarzen, glänzenden Federn.

Die schwarzen Fiederchen geigen wirres, tolles Zeug.

Wind ist Kapellmeister.


Textnachweis
Aus: Die Gesellschaft. Halbmoantschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitk, XVI. Jahrgang, 1900, Bd. III, S. 163–167. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Louise Catherine Breslau, Die Putzmacherinnen, 1899

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