Ein armer Augenblick

von Helene Lassen (1858–1931)

Vor einigen Jahren im Juli kam ich an einem regnerischen Nachmittag zu einem unserer Gebirgssanatorien. Es hatte gerade einen Augenblick aufgehört zu regnen, und eine Masse Menschen strömten auf den Hof hinaus. Ein Maler hatte seine Staffelei hinausgeschafft, die Modelle aufgestellt und malte nun auf Tod und Leben, um den Augenblick, den es nicht regnete, zu benutzen, ohne sich darum zu bekümmern, was um ihn her vorging.

Ein bummlerhafter junger Mann von ungewöhnlich schwerem Körper und mit ein paar unförmlich weiten Beinkleidern hatte sich nonchalant bei der Treppe aufgestellt, indem er träge aus einer langen Pfeife dampfte und den Maler mit Kennerblick beobachtete, während er bald seine raschen Pinselstriche und bald die beiden kleinen blaugefrorenen Modelle betrachtete – hu, wie langweilig das alles hier oben in den Bergen war. Er sah sich nach einer Abwechslung um. Da kam rasch ein junges Mädchen im Regenmantel vorbei. Sie trug in der einen Hand eine Angelstange und ein irdenes Gefäß, mit der andern Hand hielt sie das für ihre Angeltour sehr unpraktische Kleid empor, der Kopf war in einer eigenen, schüchternen Weise geneigt, die Züge waren fein und der Ausdruck kindlich weich. Sie eilte schnell an der Malergruppe vorüber – o, da hakte der Angelhaken sich am Regenmantel fest. Sie blieb stehen und versuchte ihn loszumachen. Der Dicke setzte erstaunlich schnell seinen schweren Corpus in Bewegung und ging zu ihr hinunter, um ihr zu helfen. Unter Scherzen und Lachen bekamen sie den Haken los. Er begleitete sie weiter, und sie verschwanden unten beim Wasserfall, wo sie angeln wollte.

Ich bummelte eine Weile umher und traf dann meine Reisegefährtin, Frau L.

»Na, hast du dir schon das Publikum angesehen?«, fragte ich.

»Ja, hast du das hübsche junge Mädchen bemerkt? Fräulein Dahl heißt sie, Alma Dahl.«

»War das die, die eben angeln ging?«

»Jawohl. Ist sie nicht nett?«

»Ja, das ist sie in der Tat.«

In demselben Augenblick kam sie, gefolgt von ihrem Kavalier, mit ihrer Angelstange zurück. Frau L. ging zu ihr hin; sie hatten schon früher miteinander gesprochen.

»Na, haben Sie schon geangelt?«

»Ja, ich stand eine Weile mit meiner Stange unterhalb des Wasserfalls, aber ich bekam nichts.«

Sie sagte das so naiv, augenscheinlich gereizt über die Geduld, die dazu gehört, um Fische zu angeln. Ihr Kavalier stand neben ihr und blickte sie halb beschützend, halb unverschämt an.

Später kam sie wieder auf den Hof hinaus. Sie hatten den Regenmantel ausgezogen und trug eine hellblaue Blouse, die sie vorzüglich kleidete. Sowohl die Blouse als das lange Kleid sahen ganz neu aus; überhaupt machte alles, was sie anhatte, den Eindruck von etwas gerade Gekauftem, und als wenn es ihr Vergnügen bereitete, es anzuhaben. Aber sie stand gleichsam ein wenig hilflos allein in der Schar, als wenn sie nicht daran gewöhnt wäre, und ließ ihre dunkelblauen Kinderaugen mit den langen schwarzen Wimpern suchend zwischen all den Fremden umhergleiten. Eine Weile später entdeckte ich, dass sie mich mit neugierig interessiertem Gesicht anstarrte, und ich sah, dass sie Frau L., die neben ihr stand, etwas nach mir fragte. Ich ging zu ihnen hin. Frau L. stellte vor.

Da sagte sie mit weicher, angenehm gedämpfter Stimme:

»Ich habe Sie schon früher gesehen.«

Sie sagte das, wie wenn Kinder einem Fremden auf den Schoß springen und sagen: »Ich habe dich schon früher gesehen; auf der Straße!«

»Sie haben mich schon gesehen?«, erwiderte ich, »ich kann mich nicht entsinnen, Sie schon gesprochen zu haben.«

»Nein, ich habe Sie nur auf einem Bilde gesehen; aber ich erkannte Sie sogleich wieder.«

Und Sie begann von einem Gemälde zu erzählen, bei dem ich in der Tat zu einer Figur Modell gesessen hatte.

»Aber ich bin ja nur von der Rückseite gemalt?«

»Ja, aber ich kannte Sie doch sogleich an der Kopfform und dem Haar wieder.«

Sie schien in Künstlerkreisen ein wenig bekannt zu sein. Ob sie eine Art Künstlerin war? Ich fragte. Ja, sie hätte sich als Schauspielerin versucht, aber – es kam ein wenig zögernd – sie hätte so geringes Honorar bekommen. Jetzt nähte sie Handschuhe; aber dann wäre sie im Frühjahr so gefährlich erkrankt, so dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Daher müsste sie auf die Berge, hätte der Doktor gesagt, und nun habe ein guter Freund dafür gesorgt, dass sie den Sommer über hier oben wohnen und wieder gesund werden könnte. Und die großen kinderblauen Augen strahlten.

»Er kommt selbst später hier herauf.«

Und dann verschwand sie wieder unter den anderen Gästen.

Am Tage darauf war sie nicht wohl, man sagte, sie müsse zu Bette liegen. Auch zu Mittag kam sie nicht hinunter; aber am Nachmittag traf ich sie auf der Treppe, im Begriff auszugehen. Sie war verweint und sah betrübt aus.

»Sind Sie heute krank gewesen, Fräulein Dahl?«, fragte ich freundlich. Sie blickte dankbar zu mir auf.

»Ja, ich bin oft krank. Im Frühling war ich nahe dem Tode«, sie erschauerte leicht und sah mich bittend an, als wenn ich ihr helfen könnte, »ach, ich möchte so ungern sterben – und doch!«, sagte sie mit plötzlichem Ausbruch. Ich verstand, dass sie sich mit einer großen und geheimen Freude trug, mit etwas, was das Leben für sie reich machte, obgleich sie arm und krank war.

Sie setzte sich mit einem Strickzeug allein, ein wenig von den anderen entfernt, hin, und blickte über das Wasser hinaus.

Alle anderen vereinigten sich in Gruppen, verstanden einander und gehörten zu einander. Nur dieses junge Mädchen gehörte gleichsam nicht hieher, hatte seine eigene Welt für sich. Ich kam mit einer der Frauen, einer schönen jüngeren Dame mit der sicheren Haltung der Weltdame, ins Gespräch. Sie sprach mit großer Zungengeläufigkeit.

»Sagen Sie mir, gnädige Frau, haben Sie das junge Mädchen dort beachtet?« Sie zeigte auf Fräulein Dahl hin.

»Ja, ich habe mit ihr mehrmals gesprochen.«

Sie blickte mich fragend an.

»Haben Sie nicht das starke Parfum bemerkt, das sie benutzt?‘

»Ja, sie macht einen etwas simplen Eindruck, so dass sie wohl nicht zwischen feinen und einfachen Parfums zu unterscheiden vermag.«

Die Frau lächelte.

»Wissen Sie, was der junge Herr, der ihr überall nachgeht, gestern zu meinem Mann sagte? Ja, er sagte: Keine Dame gebraucht solches Parfum.«

»Sie meinen«, fragte ich erschreckt, »dies junge, naive Mädchen?«

»Ja, schön naiv! Sie ist ein Protegé von Herrn (sie nannte einen bekannten Namen aus der Hauptstadt), er bezahlt für sie hier oben, und voriges Jahr war er mit einer anderen hier.«

Ich fühlte mich sehr unangenehm berührt. Unwillkürlich sah ich nach ihr hin. Nun erhob sie sich und ging langsam fort, und es war mir, als warf sie uns einen misstrauischen Blick zu.

Am Tage darauf hatte ich keine Lust, mit ihr zu plaudern, näherte sie sich, so zog ich mich zurück, obgleich es mir leid tat, ihren scheuen und betrübten Blick zu sehen, den sie mir jedesmal nachsandte. Ich begriff, dass sie meine Freundlichkeit vermisste; warum konnte ich sie ihr also nicht gönnen? Wie herzlos wir »Damen« im Grunde genommen gegen unsere unglücklichen Schwestern sind! Sollte ich nicht doch mehr Mitleid mit ihr haben?

Und ich sah sie in Gedanken arm und krank drinnen in der Stadt sitzen und vom Morgen bis zum Abend Handschuhe nähen, und hörte dann mitten in dem hoffnungslosen Dunkel einen reichen jungen Mann sagen: Folge mir von all diesem fort; ich schenke dir gute Tage – ich gebe dir meine Liebe, vielleicht wird sie lange währen, lange – – Nein, was wussten wir Glückskinder der Gesellschaft davon, was die Versuchung ist?

Und der Gedanke an die kleine Alma verfolgte mich, noch nachdem ich von dort fortgereist war. Ich sah sie so deutlich vor mir, wie sie dort allein für sich war in der Menge mit ihren kindlichen blauen Augen und ihrer kindlichen blauen Blouse.

*

Eine Woche später saß ich am Fenster in meinem Zimmer und schrieb. Ich wohnte nun auf einem Hof weiter unten im Tal, wo die Straße vorbeiführte, und ich amüsierte mich oft damit, die Reisenden von und zum Sanatorium zu beobachten. Wagengerassel ertönte auf der Landstraße, und ich blickte empor.

O, da saß sie ja im Wagen, strahlend vor Freude! Denn nun war sie nicht mehr allein – er war gekommen! Sie war also den weiten Weg zum Dampfschiff hinuntergefahren, um ihn zu holen, und nun saß er hinten und fuhr sie – fuhr sie durch die schönen Reiche des Sommers, durch Wald und grüne Bäume, durch blumige Wiesen, vorbei an blinkenden Wassern und rieselnden Bächen, durch Vogelsang, durch Liebesverheißungen.

Es war nicht anders möglich, ich musste mich für sie freuen, obgleich es mich so schmerzlich berührte, dass ich wusste, es würde nur einen armen Augenblick dauern; wusste, dass sie die Blume war, die heute oder morgen ins Feuer geworfen wird. Und ich folgte ihnen mit den Augen, sah ihre gerade freudige Haltung. Es war, als wenn das Glück und die Ruhe über seine Anwesenheit sie geadelt, ihr die Frauenhaltung und die Sicherheit gegeben hätten, welche der Stempel der Gesetzlichkeit verleiht. Und dann sah ich ihn an – ferienfroh, die Jagdhunde hinter sich. – Nun würden die beiden leben!

Und ich wollte die Hand gegen ihn ballen, ihn Verführer und Betrüger nennen – aber die Hand sank nieder, denn die beiden sahen so froh aus, und die Freude entwaffnete mich.

Ich erhob mich und ging hinaus, sie hatten mich für heute verstimmt.

Das Thema hatte mich ergriffen, und ich sah das Ganze wie auf einem Gemälde: eine sommergrüne, duftende Wiese voll hellblauer Blumen – mutig und gerade stehen sie da. Und einzelne so schüchtern und halbgeschlossen. – Dann kommt der Jäger, er, den ich eben im hellgrauen Sportanzug ferienfroh mit den hinter ihm herstürmenden Hunden sah. Und er bleibt stehen und pflückt die schüchternen wie die kecken, die geneigten wie die geraden und lässt hinter sich einen Weg voll gebrochener, verwelkter, niedergetretener Blumen zurück.

*

Etwa vierzehn Tage später begleitete ich einige mir bekannte Touristen zum Sanatorium hinauf. Es war dort keiner von den früheren Gästen mehr da, sondern lauter neue Gesichter. Ich fragte nach den beiden. O, sie hatten sich eine Sennhütte dort oben gemietet, sie beide allein; sie hatten nur einen alten Mann mit, der sie auf die Jagd begleiten sollte und ihnen sonst ein wenig helfen; und man lächelte vielsagend zu diesen Erklärungen.

Wir wollten auf dem Bergsee fahren und setzten uns ins Boot.

Der See lag still, blank und träumend da. Die moosbekleideten, buntfarbigen Ufer fielen gegen das Wasser sanft herab; über ihnen ragten hohe, düstere Felsen empor, deren Spitzen vom Nebel verborgen waren; keine Sonne, kein Wind, nur träges Wohlbehagen.

Wir duselten hin, jeder in seinen eigenen Sorgen oder Freuden.

Da näherte sich ein Boot, das hinter einer Landzunge hervorkam. Wie deutlich es sich abzeichnete. Vorne saß ein junger Mann in hellgrauem Anzuge und angelte, mitten im Boot saß ein alter Mann und ruderte; aber im hinteren Teile des Schiffes lag, sorgfältig mit Decken und Shawls eingehüllt, ein Kind und schlief, so glaubten wir. Fein und weich zeichneten sich die Konturen des Kindes ab, keck und jugendlich die desjenigen, der angelte, alt und gebeugt die dessen, der ruderte. Ein schönes, stimmungsvolles Bild. Ich genoss es eine Weile, während wir uns dem Boote näherten. Da rührte sich das feine Köpfchen in dem Boote. Ach – es war kleine, blaue Alma; aber nicht so, wie ich sie das letzte Mal gesehen hatte; wo war nun ihre stolze Freude? Warum legte sie sich wieder so müd, so todesmüde in das Boot zurück? Das Boot glitt weiter; aber ich wandte mich um und folgte ihm mit den Augen.

Und ich sah eine feine, wehmütige Linie von dem bloßen Kopf die Schulter hinunter, wo der Shawl herniedergeglitten war. Die Augen waren auf einen lichten Punkt droben auf der Berghalde gerichtet, auf ihre Sennhütte droben, sein und ihr kleines Sommerheim droben auf den Bergen.

Wie von unwiderstehlichem Drang getrieben, erhob sie eine Hand, eine schmale, bleiche, kleine Kinderhand, als wollte sie die Sennhütte in der Flucht ergreifen, sie festhalten, fest, denn das war ja ihr Schloss, ihr schönes Soria-Mosta-Schloss, wo kein anderer als sie und er wohnte, wo keine Blicke sie kalt und mit weltlichem Urteil bewachten, sondern wo nur die kleinen, bleichen Sommersterne spät, spät am Abend zu ihnen hineinguckten, wenn das Feuer auf dem Herde im Erlöschen war und er müde nach den Strapazen der Jagd dasaß und wie ein Regen von Rosen die zärtlichen, betörenden Worte über sie herabflüsterte!

Und das Boot glitt weiter, die Sennhütte entschwand, das Schloss verschwand, wie sie wusste, dass es wirklich verschwinden würde.

Sie blickte sich um. Zuerst hinauf nach den hohen, rauen Felsen; unwillkürlich sank sie zusammen. Die Linie vom Kopf über die Schulter wurde noch gebeugter, noch wehmütiger, denn die Felsen ähnelten den Menschen draußen in der Welt, den Menschen mit dem kalten, abweisend harten Blick. Und heute war keine Sonne auf dem Berge; keine Sonne, keine Sonne, plätscherte es düster um das Boot!

Sie blickte sich wieder um; ich wusste, es geschah nach Farben und Sonne.

Und ihr gleitender, suchender Blick traf die feinschattierten Moosflächen; aber es lag die kühle Reinheit der Berge darüber und stieß sie, die Unreine, zurück. Und der kindesblaue Blick – nein, er war nicht mehr kindesblau, denn er war vor der Trauer des erwachsenen Weibes verschleiert – glitt demütig zum Walde herab. Hatte auch er kein Mitgefühl mit ihr, keinen Schutz für ihren brennenden Schmerz? Düster stand er da mit der Einsamkeit des eingeschlossenen Bergsees, schwarzgrün und in Kirchenstimmung, heute mit keinen anderen Farben als dem ersten herbstgelben Hauch, der sie gerade heute so schmerzlich daran erinnerte, dass das Ganze nun bald ein Ende hatte. Wie im Märchen würde der Prinz und das Schloss und alles verschwinden! Selbst würde sie allein bleiben wie früher, arm wie früher.

Aber etwas würde ihr doch übrigbleiben, all die schönen Dinge, die er ihr gegeben!

Und ich glaube, sie lächelte wieder und ließ die Hand liebkosend über das warme, weiche Kleid herniedergleiten, das er ihr zum Winter geschenkt hatte, und den Shawl, den schönen, gestreiften Shawl, der weich und warm war wie seine Liebe! Und außerdem – noch waren ja vier Tage übrig, noch vier Tage droben auf dem Schloss!

Und ihre Augen öffneten sich weit und blickten nach ihm in dem hellgrauen Anzug hin. Wie flott und frisch und licht er aussah! Nun nickte er ihr munter zu, während er eifrig die Schnur einzog – ein Fisch hatte am Haken angebissen!

Und ihre Augen wurden wieder kindesfroh und kindesklar. Sie richtete sich halb im Boot empor und warf den Kopf mutig zurück. Noch hatte er sie ja nicht fortgeworfen, noch war sie ja die Blüte, die lebt und duftet – noch, noch einen kurzen Augenblick.

*

Einige Tage später begegnete ich ihm im Wagen auf der Straße. Er war auf der Heimfahrt – die vier Tagen waren vorüber.

Es war ein kühler, herbstlicher Morgen, und er sah aus, als wenn er fror, wie er da in dem Wägelchen neben dem Postillon saß. Er fuhr auf, als er jemandem auf der einsamen Straße begegnete; er lüftete rasch den Hut und verschwand bei einer Biegung. Die Jagdhunde trabten hinterher.

Es war eine kurze Begegnung, aber ich sah so viel in dem kurzen Augenblick.

Ich sah, er war bleich, nicht nur von der Morgenkälte, sondern von den Tränen der kleinen Alma. Die Blässe der Trennung lag über seinen Zügen. Ich sah, er hatte gelitten, ja er litt sogar noch jetzt.

Auch diesmal hatte ich die Hand geballt, auch diesmal sank sie nieder. Jetzt war es sein Schmerz, der mich entwaffnete, wie es das letzte Mal seine Freude war.

Und während ich still zwischen all dem herbstgelben Laub heimging, welches erzählte, dass nun der Sommer vorbei wäre, dachte ich an sie, die wieder allein dort oben saß auf einem kleinen grünen Fleck im Walde.

Wieder ergriff mich das Thema; nicht künstlerisch wie das letzte Mal, sondern menschlich; ich hatte keine Lust, die kleinen hellblauen Blumen zu malen, welche der Sportsmann niedertritt; heute wollte ich lieber für sie bitten. Wie einen Lichtpunkt sah ich seine bleichen Schmerzenszüge, und ich schloss wie im Gebet: Möchte das Leid ihn Barmherzigkeit lehren, Barmherzigkeit gegen sie dort oben und gegen diejenigen, denen er noch auf seinem Wege begegnen würde! Möchte das Leid ihn lehren, dass das Leben etwas mehr ist als ein armer Moment, ein armer Augenblick der Freude!


Übersetzung
Aus dem Norwegischen von Ernst Brausewetter

Textnachweis
Aus: Wiener Rundschau, Bd. II, Nr. 22, 1. Okt. 1897, S. 829–835. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Oda Krohg, Japanischer Lampion, 1886

Drei Gedichte

von Ricarda Huch (1864–1947)

Einsamkeit

Du neigtest, Herz, dich gern, wie sich die Birke neigt,
Dem Nachbarstamme zu.
Steh aufrecht, wie die Tanne trotzig steigt:
Allein bist du.

Wohl strömt ein jedes Ding des eignen Wesens Hauch
Den andern Dingen ein;
Doch will ihr Sehnen überfließen auch,
Sie sind allein.

Schlaft ihr umarmt auf einem Kissen, ihr erwacht
Wie Sonnen fern im Raum;
Nur dass ihr einmal träumt vielleicht bei Nacht
Den gleichen Traum.

Sei deine Welt, dein Stern; beglückt, wenn deine Glut
Am goldnen Leben schafft,
und ford’re nichts. Dir wird kein andres Gut
Als deine Kraft.

Herbst

Die gelben Blätter, wandernd in den Flüssen,
Des Glückes Überfluss, das ich besessen,
Die Küsse, die nun andre Lippen küssen –
Es ist nichts als Erinnern und Vergessen.
Wär’ wieder mein, was mir so lieb gewesen,
Grünte der Wald noch, den der Herbst geräumt,
Bald wär auch das vorbei und kaum geträumt.
O Herz, rings braust das ew’ge Licht Genesen!

Der Augenblick

Du schwebst, o schöner Augenblicke
Melodischer, geschürzter Tanz,
Um meine Rast, und die Geschicke
Drangvollen Lebens weichen ganz.

Ihr löst mich von der heil’gen Kette
Vergangner Tat und künft’ger Frucht,
In flammumstürmter Zufluchtstätte
Versinkt des Sklaven sel’ge Flucht.

Vertauscht die Jahre, mischt die Räume,
Betaut mich mit Vergessenheit!
Schwingt eure schlangenschnellen Säume:
Der Ring wird weit und weltenweit;

Traum wird Gestalt und nah wird ferne
In Zauberkreisen trunknen Lichts –
So blitzt die Ewigkeit der Sterne
Spurlos erlöschend durch das Nichts.


Textnachweis
Einsamkeit, aus: Neues Frauenleben, XXIII. Jahrg., Jänner 1911, Nummer 1, S. 26.
Herbst, aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jahrg., Februar 1912, Nummer 2, S. 54.
Der Augenblick, aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jahrg., September 1912, Nummer 9, S. 245.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga_Boznańska, Landschaftsmotiv, um 1890

Fünf Lieder

von Helmina von Chézy (1783–1856)

Dort, wo sanfter wehn die Lüfte,
Wo der goldnen Primel Düfte
Wehen unter leichtem Schnee;
Wo durch kühne Felsenbogen
Mächtiger die Fluten wogen,
Möcht’ ich bergen all mein Weh!

Könnt’ ich je mit dir die Auen,
Die so wonnig blühen, schauen,
Wo der Frühling immer blüht;
Wo der Nachtigallen Klagen
Alle Sehnsuchtwonnen sagen,
Die mein trunknes Herz durchglüht!

Eitler Wünsche bunt Gewimmel!
Ist denn Erde mehr als Himmel,
Der in deinem Auge thront?
Stille, süße Blicke sagen
Mehr als Nachtigallenklagen;
Eden blüht, wo Liebe wohnt!

Lasst mich einsam lauschen,
    Wie mein Herz es will;
Wo die Bächlein rauschen,
    Wird die Seele still.

Lasst mich einsam träumen,
    Mild ist Waldesnacht,
Wo in grünen Räumen
    Träumend Sehnen wacht.

Lasst mich einsam weinen,
    Wo im goldnen Strahl
Tauesperlen scheinen,
    Süßer glänzt das Tal.

Lasst mich einsam singen,
    Weil mein Herz so schwer,
Auch die Blumen bringen
    Herz in Düften her.

Lauschen, klagen, träumen
    Wollen einsamlich
Hier in grünen Räumen
    Nachtigall und ich.

O Leben, das kein Leben ist,
Wo du nicht in der Nähe bist!

Es brennt dein Blick mir in der Brust,
Dort schafft er ewig Schmerz und Lust.

Manch liebend Herz ersehnt den Mai,
Ich wünschte, dass er ferne sei.

Manch Herz wünscht, dass die Rose glüht,
Mein Lenz nur blüht, wenn nichts mehr blüht.

Der Lenz, der Tal und Höhen schmückt,
Hat Herzens-Flur mir leer gepflückt.

Die Lerche, die den Frühling bringt,
Mit meinem Frühling fern sich schwingt.

Die Nachtigall, die Rosen liebt,
Für Rosen mir nur Dornen gibt.

Wenn alles duftet, glänzt und lacht
Erstarrt mein Herz in öder Nacht.

Man ratet, was mein Lied wohl meint?
Ach, Treue nur, die einsam weint.

Kannst du wieder leiden, lieben,
    Herz, das dumpfe Ruh’ umfing,
Ist die Kraft dir treu geblieben,
    Die im Sturm nicht unterging?

Ja, die Welt ist nicht mehr öde,
    Und das Leben nicht erstarrt,
Und das Herz sieht nicht mehr blöde,
    Teilnahmlos die Gegenwart.

Alles blüht und glüht im Innern,
    Reiches Leben quillt empor,
Selig Ahnen, süß Erinnern,
    Leuchtet durch der Wolken Flor.

Lieb’ und Hoffnung, milde Sterne,
    Strahlet auf die Wogen hin!
Ob der Irrfahrt Ziel noch ferne,
    Zeigt es hell dem gläub’gen Sinn.

Unter Wonnen, unter Schmerzen,
    Blühet mir ein Sehnen nur;
Sanfter Tod an treuem Herzen
    Und ein Grab auf stiller Flur.

Gib mir Nachtigallen-Klagen,
    Banges Lieben, süßes Leid,
Klagen wie in Frühlingtagen
    Sanft umwölkter Jugendzeit.

Hebt euch stürmend, Lebenswogen
    Besser Sturm als tote Ruh,
Düstre Wolken, kommt gezogen,
    Milder Strahl, erschein auch du.

Auf dem dunkeln Hintergrunde
    Blüht der Iris milde Pracht,
Und der goldnen Träume Kunde
    Leuchtet durch die Schmerzennacht.


Textnachweis
Dort, wo sanfter wehn die Lüfte, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1824, X. Jahrgang, Wien [1823], S. 77–78.
Lasst mich einsam lauschen, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1825, XI. Jahrgang, Wien [1824], S. 122–123.
O Leben, das kein Leben ist, – Kannst du wieder leiden, lieben, – Gib mir Nachtigallen-Klagen, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1826, XII. Jahrgang, Wien [1825], S. 147–149.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Louise-Adéone Drölling, Interieur mit einer jungen Frau, die eine Blume abpaust, um 1820

Phantastischer Spaziergang

von L. Andro (1878–1934)

Wer von euch, meine Freunde, fragte Lelio, ist gleich vom Bahnhof an in die Wunder einer Stadt geraten? Gewiss noch niemand. Denn unweigerlich führt irgendeine breite, gleichgültige tramwaybelärmte Straße von da weg, mag die Stadt nun Paris oder Nürnberg, Rom oder Kopenhagen heißen. Als ich in Prag ankam, geriet ich auch in solche lange, saubere, mit wohlhabenden Geschäften besetzte Straßenzüge, was mir eine Enttäuschung war. Indessen will ich sie nicht schelten. Sie führten mich wohl richtig, denn mit einem Male tat sich das wundervollste Bild vor mir auf: eine Brücke, von grauen Türmen bewacht, mit goldschimmernden Heiligenfiguren besetzt. Jenseits des ernsten stahlfarbenen Flusses grüne Kuppeln, reiche Paläste, verfallende Häuser, das alles kühn von einer Burg bekrönt, die aus graulilafarbigem Duft sich stolz und unerbittlich in ihren reinen Konturen gegen den Himmel hob. So schön war dies alles, dass ich lange in schweigendem Entzücken stehen blieb.

Und doch ist dies noch nicht das Schönste, sagte plötzlich eine Stimme neben mir. Dies ist nur das große Schaustück – jedem zugänglich und darum für den Kenner schon nicht mehr ganz so kostbar. Es gibt noch feinere, seltsamere Dinge.

Ja, ich weiß, sagte ich, auf die Hügel deutend. Die wunderbar mystische Welt des Hradschins, die sich da oben auftun muss. Rudolf II., Tycho de Brahe, Rabbi Löw – welche Assoziationen!

Der kleine dürre, sorgsam und altmodisch gekleidete Herr mit dem ergrauenden Backenbart neben mir verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Bleiben Sie mir um Himmelwillen mit den Golemgeschichten vom Leibe. Wenn Romantik bis ins Kino dringt, ist sie keine Romantik mehr. Freilich – ich möchte vor Neid sterben, wenn ich bedenke, was das für ein Stoff war, den ich mir da entgehen ließ!

Ach, Sie sind Poet?

Kriminalist! sagte der andre und verbeugte sich höflich. Kammergerichtsrat … Er murmelte einen Namen. Die Welt des Unbelebten, Lebendiggewordenen ist meine Spezialität. Wenn es Ihnen recht ist, führe ich Sie ein wenig. Sie dürfen aber nicht böse sein, wenn ich Sie bitte, die großen Schau- und Glanzstücke für ein andermal zu lassen und mir in meine besondere Welt zu folgen.

Gewiss nicht, sagte ich, froh, einen so sachkundigen Begleiter gefunden zu haben. Wir schritten zusammen über die Brücke. Vor dem Steinbildnis Johann von Nepomuks blieb er stehen.

Dieser ist der Märtyrer der Diskretion, versetzte er. Er starb, weil er das Geheimnis einer Frau nicht preisgeben mochte. König Wenzel hat ihn in die Moldau stürzen lassen, weil er das Beichtgeheimnis seiner Gemahlin, der sicherlich sehr schönen Königin Johanna, nicht verraten wollte.

Was hat sie ihm denn anvertraut? fragte ich neugierig.

Ich weiß es nicht. Und wüsste ich’s, ich würde es ebenso wenig verraten, wie er es tat. Wie kommt es, dass der stille Mensch da oben nicht zum Lieblingsheiligen aller Frauen geworden ist? Es gibt doch keine Gerechtigkeit, nicht einmal nach dem Tode. Ihr Herzenswächter sollte er sein und hat es nur zum Brückenzöllner gebracht – das ist keine Laufbahn. Aber wenn ich irgendwo eine Bauersfrau sehe, die ihm einen bescheidenen Asternkranz oder einen Strauß roter Ebereschen zu Füßen legt, dann denke ich: endlich eine, die die Schuld abzutragen versucht, in der er schon so lange bei ihrem ganzen Geschlecht steht!

Wir gingen der Kleinseite zu, aber in der Tat schien mein Begleiter die schönen Dinge geflissentlich meiden zu wollen. Sehnsüchtig streifte mein Blick die wundervollen Fassaden der Paläste und der Kirchen, aber es nützte mir nichts. Die schönen Bauten wurden immer spärlicher und verschwanden schließlich ganz. Eine traurige, nüchterne Proletariergegend umfing uns, Fabriksschlote wurden sichtbar, und die schimmernde Welt der wunderbaren Brücke schien nie gewesen zu sein. Ein leises Misstrauen fasste mich gegen meinen Begleiter. Wohin lockte er mich? Hätte nicht sein Deutsch so kultiviert und nordisch rein geklungen, ich hätte auch an seinem Titel zweifeln müssen. Ich machte eine schüchterne Einwendung: Wollen wir nicht lieber umkehren? Ich wollte eigentlich in Prag etwas ganz andres sehen!

Wenn Sie es wünschen – bitte! Aber was ich Ihnen zeigen werde, dürften Sie in keinem gedruckten Führer finden.

Wir waren am Ende der Stadt angelangt, da wo spärliche Hafer- und Kartoffelfelder sich schon zwischen die Häuser drängen. Vor einer langen Mauer blieb mein Begleiter stehen. Ein Pförtchen sprang auf.

Die Welt, die uns nun umfing, war freilich eine ganz andre. Ein entzückendes Barockhäuschen stand vor uns, von einem wundervollen Garten umgeben, in dem man schattige Alleen, kokette Schäferszenen, aus Sandstein nachgebildet, ahnte. Nach rückwärts schien er sich in duftiges Waldgelände zu verlieren. Auch mein Begleiter war ein andrer geworden. Mit sonderbaren Bewegungen, die in den Gelenken wie gelöst schienen, mit einem Lachen, das etwas Skurriles hatte, eilte er auf das Haus zu. Nur heraus, Meister, rief er. Nur heraus! Dabei zog er einen Gegenstand aus der Tasche, ihn entwirrend, in dem ich mit Erstaunen eine seidene Strickleiter erkannte. Er war das obere Ende an ein Fenster. Oben fing es eine Hand auf, befestigte es, und alsbald schwang sich eine Gestalt herab.

Ich war gar nicht weiter überrascht, dass dieser kleine Herr eine gepuderte Zopfperücke trug und einen grünseidenen Frack mit edelsteinbesetzten Knöpfen. Schönen Dank, lieber Kammergerichtsrat, sagte er, allerschönsten Dank, dass Sie mir da heraushelfen. Und zu mir, mit einem lustigen Zwinkern seiner großen Augen und in unverfälscht älplerischem Dialekt: Eing’sperrt haben’s mich! Nutzt ihnen aber nix! Er schwang vergnügt sein Stöckchen und verschwand lachend in der grünen Gartenwildnis oder vielmehr sie nahm ihn auf und schlug hinter ihm zusammen.

Herrgott, wer war das nur? fragte ich. Er kommt mir so bekannt vor …

Kommen Sie, sagte der Kammergerichtsrat. Wir kletterten die Leiter hinauf und traten in ein kleines, reizendes Zimmer. Die hellen Möbel hatten geschweifte Beine und die Fenster blickten ins Grüne. Wie es tönt! Was klingt da so? fragte ich.

Hören Sie nur.

Ich lauschte. Immer deutlicher wurde das Tönen. Ich verstand es mit einem Male. Erschauernd hörte ich unsterbliche Akkorde:

Kennen Sie das? fragte der Kammergerichtsrat.

Ob ich es kenne! Wer wagte es, Schönes schön zu finden, und kennte dieses nicht! Aber was ist es, das da so tönt?

Das sind seine Gedanken, sagte der Kammergerichtsrat feierlicher als bisher. Die Menschen haben ihn hier eingesperrt, damit er sein Meisterwerk fertig komponieren sollte. Als ob dieses Meisterwerk nicht längst fertig wäre! In einer Nacht wird er das alles einmal aufschreiben und die Leute werden sich wundern, wie er das so schnell fertigbrachte. Als ob er seine törichten Freunde nicht nur hätte necken wollen! Als ob die wunderbare Kraft der Inspiration mit dem Mechanismus des Aufzeichnens in einem andern Zusammenhang stünde als in dem der Zufälligkeit! Aber das alles habe ich in meiner Kreisleriana schon so ähnlich gesagt.

Kreisleriana, sagte ich und griff mir an den Kopf. Aber natürlich, es stimmt, auch Sie sind Kammergerichtsrat – und jener Mann mit dem Zopfe …

Still, sagte er andre und fasste mich heftig am Arm. Entweihen Sie wunderbare, gewichtlose Stunden nicht durch irdische Namen, die nur unvollkommene, törichte Schilder sind, für Gedanken- und Gefühlskomplexe, die sie niemals ganz einschließen. Sie werden eines Erlebnisses seltener Art gewürdigt – müssen Sie das gleich in einen historischen Rahmen einfassen?

Verzeihen Sie, sagte ich, ich muss aber doch etwas Ordnung in meine Vorstellungen bringen. Jener Mann war Mozart, und dieses Häuschen ist natürlich die Bertramka, in die er eingeschlossen wurde, um die Ouvertüre zum Don Juan endlich fertig zu komponieren. Das ist ja eine ganz bekannte Anekdote. Sie aber, Gott weiß, wie Sie hiehergekommen sind, Sie sind niemand andrer als der von mir hochverehrte E. T. A. …

In diesem Augenblick knarrte das rostige Pförtchen der Mauer, vor der ich mich wieder, ich weiß nicht weiter wieso, befand. Ein kleines tschechisches Mädel trat heraus. Sie hielt meine Visitkarte in der Hand und sagte etwas, was ich nicht verstand. Ein paar zerlumpte Kinder halfen mit es verdeutschen: Die Herrschaften ließen bedauern, gerade heut sei die Bertramka nicht zu besichtigen.

Lelio schwieg. Nun und? fragte jemand aus der Gesellschaft.

Nichts mehr. Ich stand in einer ärmlichen Gasse, vor einer Mauer, irgendwo aus der Ferne kam der Duft karger Felder herüber.

Und Ihr Begleiter?

Der war natürlich nicht mehr da. Die Geschichte ist zu Ende.

Aber sie hatte ja gar keine Pointe?

Seit wann haben Erlebnisse eine Pointe? Nur erfundenen Geschichten wird irgendeine Moralität beigegeben. Da diese hier wahr ist, hat sie keine.

Wahr! sagte einer der Zuhörer und lachte. Sie haben selbstverständlich geträumt!

Natürlich! rief Lelio zornig. Das ist immer eurer Weisheit letzter Schluss. Unsre feinsten Erlebnisse sollen darauf zurückgehen, dass wir abends zu viel Käse gegessen haben oder auf der unrichtigen Seite gelegen sind. Was ich erzählte, war – für mich wenigstens – die vollste, unangreifbarste Wahrheit!

Noch eins – erlauben Sie, sagte der Gegner. Die literarische Forschung weiß nichts davon, dass Hoffmann – und niemand anders war wohl Ihr Kammergerichtsrat – jemals in Prag gewesen sein sollte. Wüssten Sie etwas Bestimmtes darüber anzugeben, es könnte für die Literaturgeschichte von Wert sein. Aber leider ist zu befürchten, dass nicht einmal Ihre Träume logisch und Ihre Annahmen ganz willkürlich sind.

Ich kann in Prag herumspazieren mit wem ich will, sagte Lelio heftig. Und Sie, verehrter Herr, hätte ich mir niemals zum Begleiter ausgesucht!


Textnachweis
Aus: Donauland. Illustrierte Monatsschrift, Heft 3, 1918, S. 272–274. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Zdenka Braunerová, In einem ruhigen Garten in der Kleinseite, 1905

Der Günstling

von Irene Forbes-Mosse (1864–1946)

Nachdem die Gräfin Rhoden, das Fräulein von Dieveneck und die dem Haushalt der jungen Herzogin zuerteilten Kammerfrauen derselben eine tiefe Reverenz gemacht, welche von der Neuvermählten in ihrem großen, von Seide und Federbüschen überdachten Bett durch ein unbehagliches und darum hochmütig wirkendes Nicken erwidert wurde, blieb Ihre Hoheit allein.

Dieses Gemach, in welchem sie nun zum ersten Male ruhte, wirkte beklemmend, und wenn man bei Betreten desselben der hochgebornen Frauen gedachte, die alle, nach altem Brauche, hier ihre Brautnacht verlebt hatten, so war es wie Gespenster, aus sammetverbrämten Särgen auferstanden, dass man sie, blass und wartend, umhergehen sah. Aber jung und warm und lebensdurstig, nein, das ging hier nicht an.

Ihre Hoheit dehnte die kleinen, brennenden Füße, die den ganzen, langen Hochzeitstag so schrecklich wehgetan. Gott, sie war auch so furchtbar echauffiert gewesen, und das Bewusstsein davon, unter all den neugierigen Blicken, hatte ihre runden, ach zu runden Wangen immer heißer und röter werden lassen. Aber das wurde jetzt besser, in der Dunkelheit.

Sie war ein wenig eingeduselt; nun fuhr sie wieder auf. Ihr Herz klopfte so rasch: Es war doch etwas Erstickendes mit all dem Damast an den Wänden; wenn man nur ein Fenster öffnen könnte! Wie lange lag sie wohl schon da? ………… Diese kleine Dieveneck war eigentlich niedlich, mit amüsanten Augen, so ein bisschen chinesisch. Ja, aber auf Freundschaften musste sie hier wohl verzichten. »Sei recht vorsichtig« – das war der Kehrreim aller Ermahnungen gewesen bis zum letzten Augenblicke, als sie das töchterreiche Schloss ihrer Eltern verließ.

Sie seufzte, so tief es ihre durch rechtzeitiges Schnüren wohlerzogene Lunge vermochte, und wollte sich eben etwas anders legen, denn die große Seidenrolle knirschte so ärgerlich unter ihrem Genick, als sie auf dem Kies unter den Fenstern Pferdegetrappel und leises Sprechen vernahm. Sie stützte sich auf den Ellbogen und zog die Knie ein wenig an, ihre fein gezeichneten Brauen hoben sich, strebten einander zu, wie zarte, zuckende Fühlhörner: Das war ja ihres Vetters, ihres jungen Gemahls Stimme, sie hatte ihn gleich erkannt; und jene andre, tiefere auch, die ihr unlieb war wie mit der Hand über Sammet zu streichen. Noch einen Augenblick, dann trabten die Pferde davon, erst weich klingend über den Kies, als ob bei jedem Schritt ein Beutel voll Silber leise aufschlüge, dann sacht dröhnend; ja, sie ritten über die Brücke, die zur Allee führt.

Plötzlich war sie aus dem Bett geglitten und rannte auf schmerzenden Füßen den Fenstern zu. Sie griff in den schweren Damast, der Geruch alter Seide fuhr ihr ins Näschen, sie blickte hinaus in die fremde, nächtige Welt.

Gradaus, mitten in der Allee, zwischen den Platanen, die weißgefleckt im Monde standen, sah sie zwei Reiter. Dort war die Erde mit kurzem, moosigem Rasen bedeckt, wie mit einem Fell; geisterhaft, ohne einen Laut, konnte man darüber wegtraben, das wusste sie … und sie sah, wie die Reiter kleiner wurden, undeutlicher, bis sie ihren Augen ganz verloren gingen, in den weißen Dunst hinein, zwischen den Bäumen. Ja, oder war’s, weil sie ein bisschen kurzsichtig war?

Sie ließ den Vorhang fallen, sie tappte sich zurück in ihr großes Bett; es war ganz kalt, sie lag erst starr, und nur langsam, nicht auf einmal, fing sie an zu weinen, lautlos und ergiebig, weinte über die erste, schwere Kränkung ihres Lebens ……

Es hatte sich aber begeben, dass der junge Herzog, als er, von Wein erhitzt und der hergebrachten, platten Witze seiner Vettern überdrüssig, sich zurückzog zur Nacht, auf der Treppe mit dem Stallmeister, Herrn von Holk, zusammentraf, dessen Blick er den ganzen Tag wie eine weiche Last im Nacken gespürt hatte. Derselbe stellte sich ehrfürchtig an die Wand, um den Gebieter vorbeizulassen, sah denselben auch gar nicht an, sondern blickte bescheiden auf die Spitzen seiner tadellos sitzenden Reiterstiefel. Vielleicht war aber doch ein leichtes, mitleidiges Zucken unter seinem rötlichen Schnurrbart gewesen, genug, der Herzog fühlte sich genötigt, ihm zu winken und dann, noch im Vorzimmer seiner Privatgemächer, wo die wartenden Lakaien lautlos auseinanderstoben, dem ergebenen Diener und Vertrauten klarzumachen, dass er sein eigner Herr, dass von Zwang oder Überredung keine Rede sei, dass ihm diese gespreizte Wichtigtuerei wegen der Erbfolge nur lächerlich dünke, und das Geschwätz scheinheiliger Hofprediger erst recht; und dass, wenn er auch seiner Mutter zu Gefallen die kleine Kusine mit dem spitzen Kinn zum Altar geführt, und es ja vielleicht auch das Vernünftigste gewesen sei, er sich seine Freiheit, seine Freude am Augenblick nicht rauben lassen, sondern sie erst recht mit Argwohn, wie ein verbrieftes Recht, behüten würde. Das möchten sich auch seine Untertanen gesagt sein lassen, nun er großjährig sei, ob er auch oft Langmut walten ließe, wo andere mit Strenge und Gerechtigkeit vorgingen – ihm sei nun einmal dies zu Gerichtsitzen und dieser unnatürliche Abstand zwischen Herrscher und Volk ein Gräuel – aber zu toll dürften sie’s auch nicht treiben, und bei Übergriffen, da knackte etwas in ihm, da sei er fähig, ohne das geringste Bedenken seinem Gegner das Genick zu brechen ……

Dies alles von kurzen, etwas harten Handgebärden begleitet, wie sie lebhaften, unreifen Menschen eigen sind, die schon nach vielem zu greifen gelernt, aber noch keine Zeit hatten, sich im Halten zu üben.

Vom Stallmeister gefolgt, war er sodann in seine Gemächer gegangen, um nach kurzer Zeit, gestiefelt und im dunklen Reitermantel, herauszukommen. Durch Seitengänge, eine Wendeltreppe hinab, schritten die beiden den Ställen zu.

Dieser warme Pferdedunst, als sie eintraten, hatte etwas Berauschendes. Hunde fuhren knurrend aus dem Stroh, Stallknechte schnarchten in finstern Ecken, von Herrn von Holks leisgrollender Stimme zurückgescheucht, wenn sie schlaftrunken herbeitaumelten, Strohhalme im Haar, rot und zwinkernd unter den tiefhängenden Laternen.

Zwei Pferde standen bereit, gesattelt, mit den Köpfen nach vorn gestellt, mit dem tiefen, abenteuerlichen Licht in den Augen, das edlen Pferden in der Nacht zu eigen ist. Sie wieherten gedämpft, verstehend, als der Stallmeister in ihre Nähe kam.

»Du hattest schon satteln lassen, Holk?«, sagte er junge Herzog, und eine kleine Wolke ging über sein Gesicht.

»Eurer Hoheit Wünsche sollen stets rasch in Erfüllung gehen, soweit sie in mein Departement gehören«, erwiderte der Stallmeister; und wieder legte sich sein Blick wie ein weicher, lastender Druck auf des Herzogs Genick, auf seine Arme und hastigen Hände, die eben am Kopfzeug des Pferdes nestelten.

»Ja«, sagte der Herzog und lachte ein bisschen schrill, »Wünsche darf man nicht kalt werden lassen.«

Auf einen leisen Ruf des Stallmeisters kam ein Stalljunge mit krausblondem Kinderkopf auf dem Nacken eines jungen Gladiators herbei, und führte das Pferd des Stallmeisters, der selber mit dem seines Herrn voranging, ins Freie. Wieder fuhr ein Hund aus einer Ecke hervor, Gestalten richteten sich im Stroh auf, sanken wieder hinein in die Dunkelheit, das Rascheln, das leise Klirren, der warme, beißende Geruch blieben zurück.

Herr von Holk hielt dem Herzog den Bügel, dann sprang er selbst auf, der junge Stallbursche reichte ihm die Peitsche und blieb ganz starr und weiß im Mondlicht stehn und blickte ihnen nach, mit weichem Mund, mit überwachen, strahlenden Augen. Sacht ritten die beiden über den kiesbedeckten Hof. Die Fenster der jungen Herzogin glänzten. Da gab der eine sich einen Ruck. »Eine Stunde, Stallmeister«, sagte der Herzog, und seine knabenhafte Stimme klang dunstig in all dem Tau und der schwimmenden Klarheit.

»Alle Stunden meines Lebens, so lang und so weit Eure Hoheit befiehlt«, sagte der Mann und grüßte. Und dieser stolzweiche Gruß war wie die Liebkosung einer Hand, die sehr leicht sein kann, weil sie sehr stark ist.

So ritten sie davon, über den tiefen Kies, dass es klang wie ein Beutel voll Silber, der leise aufschlägt bei jedem Schritt, und dann, sacht dröhnend, über die Brücke, und weiter, nun fast ohne Widerhall, in schnellerem Tempo, über den Sammet der Allee, zwischen den großen, fleckigen Platanen, hinein in die weiße, schwimmende Ferne.


Textnachweis
Aus: Die Neue Rundschau, Oktober 1913, S. 833–836. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Agnes Slott-Møller, Isolde, 1907

Zwei Gedichte

von Grete Wolf (1882–1942)

Ein jedes Morgen …

Ein jedes Morgen hat nun feste Wände,
ist wie ein gut verschlossenes und enges Haus.
Es geh’n nicht mehr der Sehnsucht helle Brände
auf jedem Weg wie Fackeln mir voraus.

Wollt ich’s nicht so: dass ich die Stätte fände,
wo selbst der Schaffende sein Wirken misst;
durch Arbeit, Liebe und Besitztum bände,
was schweifend frei und ewig heimlos ist?

Oh schnell und gierig können Wünsche bauen!
Schon mauert um mein Herz sich satte Ruh.
Nur manchmal fühl’ ich: meine Augen schauen
fremd, wie im Spiegel. Fragen fremd: wozu?

Frauenschicksal

Du bist der Fremde und du bist der Feind.
Du brichst in meinen Frieden ein und raffst
All das für dich, was in mir lacht und weint – –
Ich weiß nur dies, dass du mir Sehnsucht schaffst.

Noch gestern warst du nicht. Ich ging allein.
Und war in mich geschlossen und war gut.
Nun muss ich nach mir selbst voll Sehnsucht sein,
Weil, was ich bin, in deinen Wünschen ruht.

Drum wird mir vieles Böse von dir kommen:
Du wirst nicht hüten, was du jetzt erflehst.
Ganz einsam bin ich morgen, wenn du gehst,
Und arm an allem, was du mir genommen.

Ich will mich bang und glühend an dich pressen,
Küss mir die Augen, Liebster, mach sie blind!
Und gib den Mund – dein Mund ist voll Vergessen – –
Dass wir nicht wissen, wann der Tag beginnt.


Textnachweis
Aus: Neues Frauenleben, XVI. Jahrgang., Nr. 6, Juni 1914, S. 185. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Hilma af Klint, Die zehn Größten, Nr. 3 – Jugend, 1907

Blauer Falter

von Marie Eugenie delle Grazie (1864–1931)

Ein blauer Falter gaukelt
Um einen Lindenbaum –
Der wiegt sich leis’ und schaukelt
Die Zweige wie im Traum,
Die blüh’nden Zweige.

Sie schwanken hin und wider
Vor einem Kämmerlein,
Drin liegt in weißem Flieder
Ein totes Kind … allein
In weißem Flieder.

Er fiel aus kleinen Händen
Herab wohl auf die Leich’ –
Die Sonn’ geht an den Wänden
So lautlos und so weich –
Der Tag rückt weiter.

Und mitten in dem Kreise,
Dem mag’schen Zauberring
Von Licht und Tod tanzt leise
Der blaue Schmetterling –
Im Kreis’ … im Kreise …


Textnachweis
Aus: Wiener Rundschau, Bd. 1, 1897, S. 290. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Mary Cassatt, Flieder in einem Fenster, um 1880

Ibsens Köchin

von Carry Brachvogel (1864–1942)

Schon muss ich fürchten, allzu lange über sie geschwiegen zu haben, denn ein sichtbarer Platz gebührt ihr in einer Zeit, da verschämte wie unverschämte Indiskretionen über große Männer an der Tagesordnung sind. Seit erst gar über Ibsens Grab sich eine ebenso interessante wie feinsinnige Debatte erhob, ob Henrik bei Paul Heyse gute oder schlechte Trinkgelder gezahlt habe, seitdem habe ich die Empfindung, dass ich eine Defraudation an der Unsterblichkeit begehe, wenn ich sie noch länger verleugnete. Sie, die wohl mehr als andere Frauen berechtigt wäre, einen Band zu veröffentlichen »Meine Beziehungen zu Ibsen«.

Staunender Leser und neugierige Leserin, es ist kein Märchen, das ich euch erzählen will. Keine Gestalt der Phantasie oder auch nur Aufschneiderei soll vor euch hintreten, sondern die strenge Frau, die sieben Jahre lang in Ibsens Küche herrschte. Sieben Jahre lang – genau so lang wie der Erzvater um Rahel diente – hat sie für ihn gesotten, gebraten, gedämpft, geröstet, aus schwimmendem Schmalz und auf der Pfanne gebacken, hat die Früchte des Feldes und die Tiere des Waldes zu seinem Opfer bereitet, dass sie ihm wohlschmeckten und ihm nimmer ein miserables Mittagessen die Laune verdarb. O ihr Dichter der alten und insbesondere der neuen Zeit! Wer von euch darf sich rühmen, sieben Jahre lang eine so übermenschliche Weibesliebe empfangen zu haben?

In München war es, wo Mina zuerst dem Dichter nahe trat und jene bedeutungsvollen Beziehungen anknüpfte, die sie sieben Jahre lang mit ihm und seinem Hause verbinden sollten. Als ich sie kennenlernte, waren jene Beziehungen bereits gelöst, und es wäre mir nun ein Leichtes zu renommieren, dass ich Mina direkt aus Ibsens Händen empfing. Da aber meine Aufzeichnungen über sie dem strengsten Wahrheitsgebot entsprechen sollen, muss ich gleich hier feststellen, dass eine engere Verbindung, eine gemeinsame Häuslichkeit zwischen Mina und mir niemals zustande kam oder auch nur projektiert war. Immerhin aber lernte ich sie genügend kennen, um jenen Teil ihres dramatischen Schicksals darzulegen, der am deutlichsten Ibsensche Einflüsse verrät, der am zwingendsten erweist, wie diesem schlichten Mädchen aus dem Volke des Dichters Gebote und Träume in Fleisch und Blut übergegangen waren.

Als ich Mina kennenlernte, hatte sie bereits das Ideal aller Dienstmädchen erreicht: Sie war Haushälterin bei einem einzelnen Herrn, bei einem jungen Arzt, mit der harmlosen Spezialität der Ohren-, Nasen- und Rachenkrankheiten. Er verkehrte seit Jahren in meinem Hause, und ich wusste daher, dass er dazu prädestiniert schien, von einer Frau, das heißt seiner Frau, gehätschelt, bemuttert und auch ein wenig pantoffelt zu werden. Erstaunlich war, wie schnell Mina in die Psychologie ihres Dienstherrn und Gebieters eindrang; ich bin überzeugt, dass die Lektüre von »Nora« ihr dabei wesentliche Dienste geleistet hat. Der Doktor war für sie bald »das Eichkätzchen«, das immer munter, liebenswürdig und arglos zu sein hatte, indes Mina mit eiserner Rute das Haus, das heißt die Parterrewohnung regierte. Hausmeister, Wäscherin und die Dienstboten sämtlicher Nebenparteien zitterten vor ihr, und wahrscheinlich tat es auch das Doktor-Eichkätzchen, das übrigens in seiner Jugend eine Entschuldigung für seine furchtsame Hingebung fand: Er war nämlich um mindestens zehn Jahre jünger als Mina, die konsequent, wie es in ihrem Charakter lag, an der Schwelle der Vierzig stehenblieb. Wenn ihre eine Hand aber auch gelegentlich mit Skorpionen züchtigte, so kochte dafür die andere tadellos; insbesondere in ihren Rahmstanitzeln hob sie sich weit über den Durchschnitt berufsmäßig oder dilettantisch kochender Münchnerinnen hinaus. Sie sorgte aber nicht nur für das leibliche, sondern auch für das geistige Wohl ihres Eichkätzchens und erzählte ihm zeitweise Küchenintimitäten aus dem Hause Ibsen. Die eine ist mir besonders im Gedächtnisse geblieben, nämlich: Der Dichter liebte es, das Rindfleisch mit englischem Senfpulver dick zu bestreuen, nicht etwa mit angerührtem Senf, sondern mit dem trockenen Pulver … Es wäre mir natürlich eine Kleinigkeit, noch mehr nordische Küchenallotria zu berichten, aber ich möchte erst die Stöße von Entgegnungen, Kommentaren und Berichtigungen abwarten, die der Senfenthüllung folgen werden … An dem geistigen Schaffen des Dichters scheint sie dagegen weniger Anteil genommen zu haben; so sehr ich mich auch besinne, wüsste ich nichts von Mitarbeiterschaft oder Inspiration zu sagen …

Es widerstrebt mir im Allgemeinen, bedeutende Frauen auf ihr Äußeres hin zu kontrollieren, dennoch möchte ich Minas Seelenhülle mit ein paar flüchtigen Worten gedenken. Sie war eine kleine Blondine, deren energisch vorspringender Mund rhetorische Eigenschaften verriet, und die früher, noch zu Ibsens Zeit, Plattfüße gehabt hatte. Ein chirurgischer Kollege und Freund Eichkätzchens befreite sie aber von diesem ästhetischen Übel, so dass auf des jungen Doktors Nacken wenigstens ein normal geformter Frauenfuß stand. Zu Anfang unserer Bekanntschaft war mein Verhältnis zu Mina ein freundschaftliches und ungetrübtes: Wir achteten einander und tauschten Kochrezepte. Später schlich sich leider ein Misston in die Harmonie unserer Seelen und Kasserollen, und Mina warf Hass auf mich. Ein Vanillekipfel, ein einziges kleines Vanillekipfel (Rezept »Vanillekipfel ohne Ei«) war zwischen sie und mich getreten! Mir gelang es nämlich, diese Kipfel, wenn auch nicht besser, so doch schöner herzustellen als Mina, in einem verblüffenden Miniaturformat, während die großzügige Natur der Ibsen-Köchin ausführliche Kipfel, auf denen sogar Weltanschauungen Platz gehabt hätten, bevorzugte. Das medizinische Eichkätzchen, das, gleich vielen Junggesellen, den Ehrgeiz der »besten Küche« hatte, nahm einmal, da alles Zureden zu »Klein-Kipfel« nichts half, eines meiner Liliputkunstwerke als Muster mit und meinte in seiner Manneseinfalt, dass Mina nun künftighin ihre Kipfel »in Schönheit« backen sollte. Selbstverständlich ging es gerade umgekehrt. Mina erklärte mit wahrem Trollenlächeln, dass die Figur der Kipfel mit dem jeweiligen Herd in Zusammenhang stünde, und Eichkätzchen schwieg resigniert, weil es doch nicht Lust hatte, zu »Vanillekipfel ohne Ei« einen neuen Herd setzen zu lassen. Zwischen ihr und mir aber stand Hass seit jenem Tage, und ich glaube, auch Eichkätzchen büßte um des Kipfels willen an Liebe und Achtung ein.

An der »sittlichen Forderung« im buchstäblichen Sinne des Wortes sollte dann das Puppenheim zugrunde gehen, in dem Mina sich so lange an dem Singvögelchen-Doktor erfreut hatte. Für ängstliche Gemüter füge ich gleich bei, dass nichts, absolut nichts passierte, was Minas oder Eichkätzchens Ruf nur im Leisesten hätte trüben können. Das Verhängnis lag einzig und allein in Minas Phantasie, die entschieden bei dem großen Skandinavier in die Schule gegangen war und von ihm gelernt hatte, aus dem Alltag die tiefen und grausigen Lebensprobleme herauszuholen. Wie in einem richtigen Ibsen-Drama fing die Sache mit scheinbarer Harmonie an.

Da war unter unseren Bekannten eine hübsche, mollige, lustige, geistig nicht übermäßig ausstaffierte Witwe, mit der Eichkätzchen und ich eines Tages eine Landpartie machten. Als wir abends müde, aber immer noch in sehr fideler Stimmung heimkamen, lud Eichkätzchen uns ein, à la fortune du pot bei ihm zu nachtmahlen. Ich bestaunte im Innern seinen Mut, denn jede Hausfrau weiß, dass auf die fortune du pot fast allemal le malheur du lendemain folgt, weil Dienstboten einen unüberwindlichen Horror gegen Improvisationen haben. Was aber mit und durch Mina geschah, grenzte ans »Wunderbare«.

Zunächst täuschte sie uns alle freilich durch ein gütiges Lächeln und kulinarische Impromptus, die entschieden Beachtung verdienten. Auch als sich dem vergnügt speisenden Kleeblatt noch ein junger Maler angesellte, deutete nichts auf die drohende Katastrophe hin. Nach dem Essen setzte sich der Maler ans Klavier und spielte Strauß-Walzer. »Die lustige Witwe«, die der Ausflug sehr müde gemacht hatte, legte sich auf die Ottomane und ließ sich vom Doktor eine Reisedecke über die Füße breiten, eine Handlung, die sie schon aus Klugheit hätte vermeiden sollen, denn sie trug kalblederne Tourenstiefel Nr. 43. Lange vor Mitternacht verabschiedeten wir uns vom Doktor, der uns höchsteigenhändig hinausleuchtete, denn Mina durfte stets unmittelbar nach dem Abendessen zu Bette gehen. Vergnügt lachend schritten wir ins Dunkel und ahnten nichts von den noch viel dunkleren Mächten, denen wir den Doktor überlassen hatten.

Was zwischen Eichkätzchen und Mina in jener Nacht sich zutrug, haben wir nie genau erfahren. Doch am anderen Morgen kam der Doktor bleich und erschüttert zu mir.

»Mina hat gekündigt! Sie kann nicht länger ›in so einem Haus‹ bleiben!«

Eine kluge Hausfrau fragt ja nie, was das Dienstmädchen mit »so einem Haus« sagen will. Eichkätzchen aber mit der zweifachen Begier, des Mannes und des Naturwissenschaftlers, hatte törichterweise gefragt. Was Mina da alles vorbracht, ließ sich nur mit den Worten kommentieren: »O welch ein edler Geist ist hier zerstört …« Die Ausschweifungen ihrer Phantasie waren unbeschreiblich und gipfelten schließlich in der wildromantischen Behauptung, dass »die lustige Witwe« gegen Morgen aus dem Fenster in den Vorgarten gesprungen sei … Vergebens versuchte man, ihr klar zu machen, dass selbst unter den pikantesten Voraussetzungen normale Großstadtmenschen sich vorteilhafter durch die Haustür als durch einen Salto mortale entfernen. Es half nichts. Die springende Witwe blieb der springende Punkt ihrer Anklage und Kündigung. Der Doktor entsprach nicht mehr dem »frohen Adelsmenschen«, für den ihn Rebekka-Mina gehalten hatte. Ganz ähnlich wie »Brand« scheint sie in jener rätselvollen Nacht mit der Forderung »alles oder nichts« vor ihn getreten zu sein, und da der Unselige, der eben eine Reisedecke über Kalbslederstiefel Nr. 43 gebreitet hatte, die Reinheit nicht gewähren konnte, die sie forderte, so ging sie, »weil sie jahrelang mit einem fremden Manne unter einem Dache zusammengelebt hatte«. Das heißt, ganz so friedlich und würdig ging sie nicht, sondern sie schimpfte noch zuerst tüchtig bajuwarisch, woraus zu ersehen war, dass der skandinavische Einschlag das Bodenständige in ihr nicht hatte vernichten können.

Das ist die Geschichte von Ibsens Köchin. Allen Biographen, Kommentatoren etc. stelle ich mit Vergnügen weitere Auskünfte zur Verfügung. Auch Minas Adresse kann bei mir erfragt werden sowie die Eichkätzchens, das immer noch jung, unbeweibt und pantoffelbedürftig ist, eine große Praxis besitzt und nun mit einer gänzlich unliterarischen Haushälterin wirtschaftet …


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Tagblatt, 7. April 1907, S. 2–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Mädchen mit Gemüsekorb im Garten, 1891

Der lästige Ausländer

Eine aktuelle Legende von Hermynia Zur Mühlen (1883–1951)

Er war des Himmels überdrüssig geworden, das Gedudel der Engel, die ewig heitere Ruhe der Seligen ging ihm auf die Nerven. So beschloss er denn, zur Erde niederzusteigen, und langte eines Tages an einem kleinen deutschen Ort an.

Dem Rate des heiligen Paulus folgend, hatte er genügend Geld mitgenommen, doch kehrte er nicht in dem erstklassigen Hotel ein, weil ihm die Schieber und die Offiziere in Zivil allzu widerlich waren, sondern begnügte sich mit einem kleinen Gasthof.

Den nächsten Tag hielt ihn ein Polizist auf der Straße an und verlangte seine Papiere zu sehen. Er schüttelte verwirrt den Kopf. »Ich habe keine!«

»Woher kommen Sie?«

»Aus dem Himmel!«

Der Polizist starrte den schwarzbärtigen, blassen Mann verblüfft an. War der Mann etwa aus dem Irrenhaus entsprungen? Doch war der Polizist ein Mensch – freilich nur im Geheimen – und seine spöttische Überzeugung half ihm das Rätsel lösen. Sicherlich ist der Fremde aus Russland gekommen, wollte dies nur nicht aussprechen und umschrieb daher den Sowjetstaat mit der Bezeichnung Himmel.

»Sie müssen versuchen, sich eine Aufenthaltsbewilligung zu verschaffen«, meinte er gutmütig, und der Fremde nickte zerstreut.

Eine Woche lebte der Fremde still und unbehelligt in dem kleinen Ort, dann kam er unglücklicherweise an der gemeinsamen Mittagstafel mit einem Alldeutschen ins Gespräch, das bald, trotz der Milde des Fremden, in einen heftigen Streit ausartete.

»Wie erfrechen Sie sich, mir derartiges zu sagen«, brüllte der Alldeutsche. »Was wissen Sie vom reinen Germanentum? Was sind Sie denn eigentlich? Woher kommen Sie?«

»Ich bin Jude«, sagte der Fremde sanft, »stamme aus Palästina.«

»Natürlich!« Des Alldeutschen feistes Gesicht rötete sich vor Zorn. »Ostjuden, lästige Ausländer!«

Der Fremde blickte ihn verständnislos an.

Zwei Tage später erschien ein anderer Polizist bei dem Fremden und verlangte dessen Papiere. Da der Fremde bekennen musste, dass er keine besitze, wurde ihm mitgeteilt, er habe binnen vierundzwanzig Stunden Deutschland zu verlassen.

Der Alldeutsche lachte höhnisch, als er des Polizisten klobige Gestalt die Treppe hinabsteigen sah.

Der Fremde wusste nicht ein noch aus. Wohin sollte er, der keine Papiere besaß, in vierundzwanzig Stunden reisen? Ein wohlwollender Gast des Hotels zog ihn beiseite und riet ihm zu versuchen, über die Schweizer Grenze zu gelangen. Wenn die Leute dort sehen, dass er viel Geld besitzt, werden sie ihm keine Schwierigkeiten machen, auch solle er sich einen aristokratischen Namen zulegen, dann halten ihn die Schweizer Behörden vielleicht für einen Konterrevolutionär aus Deutschland oder Österreicher oder für einen Anhänger Horthys und werden ihn mit offenen Armen aufnehmen.

Der kluge Ratgeber hatte rechtgehabt, ungehindert überschritt der Fremde die Schweizer Grenze. Nun aber beging er einen argen Fehler. Anstatt in einem der vornehmen Hotels zu wohnen, begab er sich auch hier in ein schäbiges kleines Gasthaus, außerdem besuchte er bisweilen eine sozialdemokratische Versammlung, und so entstand das Gerücht, er sei ein »Bolschewik«, der die Schweiz samt ihrer Verfassung, ihren Hotels und ihren vielen konterrevolutionären Gästen an Russland verraten wolle.

Er wurde abermals ausgewiesen, doch weigerte er sich ebenso sanft wie hartnäckig, das Land zu verlassen, sagend, er habe auf Erden kein Vaterland und sei nirgendhin zuständig.

Ein Schweizer Flieger erbarmte sich seiner. »Gebt mir den Mann mit, ich werde ihn über die österreichische Grenze bringen«, sagte er, und die Schweizer Behörden nahmen seinen Vorschlag an.

Doch geschah es, dass am Flugzeug irgendetwas brach und der Wind es weitertrieb über die Donau. In Budapest musste der Flieger eine Notlandung vornehmen. Er setzte den Fremden auf der Straße ab und begab sich in ein elegantes Hotel.

Verloren und verwirrt schlenderte der Fremde dahin. Eine Offizierspatrouille kam ihm entgegen.

»Wieder so ein Saujüd!«, brüllte der Anführer.

»Nachschau’n!«, gebot ein zweiter.

Auf offener Straße rissen sie dem Fremden die Kleider herunter. Dann trieben sie ihn unter Schlägen vor sich her. An einer Kirchentür brach der Fremde zusammen.

Die Tür stand offen, frommer Orgelton drang aus der Kirche. Über dem Hauptaltar hing ein großes Kruzifix. Viele Männer und Frauen knieten betend davor. Die Offiziere schlugen ein Kreuz.

Der Fremde blickte sie verwundert an.

»Wie kommt es«, fragte er, »dass ihr mich dort drinnen anbetet und hier draußen erschlägt?«

Mit wildem Gebrüll stürzten sich die Offiziere auf ihn. »Gotteslästerer!« »Grindiger Jud’!« »Schlagt ihn tot!«

Sie rissen ihn weiter. Bei einem Baum machten sie Halt. Einer brachte einen Strick.

»Bet’ zu deinem Götzen, Saujud, deine letzte Stunde ist gekommen!«

Da hob der Fremde die Augen, und vor dem Licht, das aus ihnen strahlte, erschraken die Mörder. Sein Blick umfasste die ganze Stadt, und in ihm lag die Ahnung des letzten Gerichts. Da ihm einer den Strick um den Hals warf, betete er laut mit erhobenen Händen:

»Vater, vergib ihnen nicht, denn sie wissen, was sie tun!«


Textnachweis
Aus: Burgenländische Freiheit, 14. April 1922, S. 5. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne Werefkin, Klostergarten, um 1926

In der Konditorei

Skizze von Else Krafft (1877–1947)

Gleich am Eingang, hinter den breiten, blitzenden Glasscheiben, zwei grienende Studenten. Sie musterten die Vorübergehenden der belebten Straße und machten ihre Glossen darüber. Die halbgeleerten Kaffeetassen dampften nicht mehr, und die sechs Stück Zucker lagen unberührt auf dem Metallschälchen.

»Blödsinniges Weib«, meinte der eine, indem er der schon etwas reifen Dame zusieht, die hinter dem Glase gravitätisch wie ein Pfau in ihrem überputzten Seidenkleide vorüberrauscht. Als sie die jungen, lachenden Gesichter sieht, stockt einen Augenblick ihr Fuß.

»Um Gottes willen, Mensch, die kommt noch rein, wenn du solche Zicken machst«, warnt der ältere den jüngeren Studiengenossen. »Wir wollen doch hier keine Antiquitätenhandlung anlegen.«

Und sein Blick streift herausfordernd das Nebentischchen, an dem ein bejahrtes Fräulein ihre Schokolade löffelt.

Sie achtet gar nicht auf die kecke Jugend. Sie sieht alle Minuten auf die große Uhr über dem Küchenbüfett und denkt nur eins: »Wirst du die Stellung bekommen oder nicht?«

Sie ist vorhin zu früh gekommen, als sie sich in dem großen Bureau der Friedrichstadt gemeldet hat. Der Chef empfing noch nicht. »Um sechs wiederkommen«, hieß es. Bis dahin war es noch eine gute Stunde. Zuerst hatte sie vor der Haustür unten auf und ab gehen wollen die ganze Zeit. Dann, als der kalte Wind ihr wieder und wieder das Haar zausend auseinanderriss, ihr das Kleid emporblähte, dass die vorübergehenden Herren nach ihren Füßen sahen und sie ansprachen, flüchtete sie in die Konditorei. Das Geld für die Tasse Schokolade freilich tat ihr leid, es war entschieden ein Leichtsinn für eine stellenlose Buchhalterin, drei von den teuren Spargroschen so hinauszuwerfen. Aber hier zitterte sie doch wenigstens nicht mehr so in Angst und Erwartung, in Sturm und Herbstnebel, hier unter den geschliffenen Spiegeln, den roten Samtstühlen und der goldenen Pracht an der Wand lag es wie ein einziges zuversichtliches Hoffen in der Luft.

Der alte Herr über seiner Zeitung, der ganz in der Nähe des einsamen Mädchens saß, hatte den Wandel in dem müden Frauengesicht beobachtet.

»Was doch so eine Tasse Schokolade ausmacht«, dachte er. »Sieht distinguiert aus in dem schwarzen Kleid. Gewiss eine Offizierstochter, die das Heiraten aufgegeben hat und ihr Taschengeld vom gestrengen Papa für süße Erinnerungsstündchen in der Konditorei anlegt.«

Und er vertiefte sich von Neuem in die Börsenberichte, mit Wonne einen Aufschwung seiner Aktien feststellend.

In einer Nische saß eine junge Frau mit ihrem kleinen, vielleicht dreijährigen Mädchen, das sich den Kuchen selber aussuchen durfte.

»Aba mit Schlacksahne«, befahl das kleine Fräulein, »ein ganz großes Stück, … Schukelade auch, und denn noch viel Tortens!«

Mama nickte und zupfte an der rosenroten Bandschleife der lebendigen Puppe. Heute kriegte Mausi alles. Heute kam Papa zurück. Acht Wochen war er auf einer Geschäftsreise fortgewesen, acht lange, einsame Wochen. Heute mit dem Siebenuhr-Zug kehrte er heim. Sie hatte es aber schon am Nachmittage nicht mehr ausgehalten in der stillen Wohnung. »Bahnhof Friedrichstraße« hatte auf der Depesche gestanden. Die beiden Worte waren wie ein Strom von Glut und Glück über die junge Frau hergefallen. Sie hörte nicht den Herbststurm draußen, sah nicht den Nebel, der nass und schwer über Berlin lag. Ihr bestes Kleid hatte sie angezogen, hellgrau, mit rosa Seide garniert, und Mausi hatte sogar das weiße Spitzenkleidchen unter dem blauen Mäntelchen an, an dem die Schärpenenden wie Freudenflaggen bis zu den runden Beinchen herniederhingen.

»Papa kommt«, weiter wussten Mutter und Kind nichts. Und nun saßen sie beide wartend nahe dem Bahnhof Friedrichsstraße in der Konditorei, und Mausi aß Mamas unberührte Kuchenportion auch noch mit auf. Ein kleiner Winkel voll großen Glücks!

An einem Tische zankten sich zwei, ein Herr und eine Dame, flüsternd zwar nur, aber sie zankten sich doch. Sie würgte mit emporquellenden Tränen ihr Sahnenbaiser herunter, und er qualmte wie ein Schornstein.

»Das geht dich gar nichts an!«

»Doch! … Ich verbitte mir überhaupt diesen Ton!«

»Du hast dir gar nichts zu verbitten!«

Er fuhr hoch.

»Denkste, ich weiß das nicht ganz genau, dass du den Herrn da drüben kennst? Würde er sonst so frech rüberblicken?«

Sie lachte krampfhaft.

»Einbildung!«

»Du kommst jetzt mit … Kellner zahlen!«

»Fällt mir nicht ein … ich bleibe.«

»Das werden wir ja sehn!«

»Sprich doch nicht so laut!« Sie schluchzte jetzt wirklich. »L…i…eber geh’ – ich schon – mit.«

Als das elegante Paar über den roten Teppichboden dem Ausgang zuschritt, stieß eine junge Frau ihren Mann an.

»Du … sieh mal, Schatz, solch Kleid … das mit den Kimonoärmeln … mein’ ich.«

Er sah.

»Unsinn … so was kannst du gar nicht tragen.«

»Warum nicht?«

»Na, Suse!«

Er lachte zärtlich.

»Meine lüttche Frau und solch Kleid! Nee … da sprächen dich ja die Herren auf der Straße an.«

Sie wurde trotzig.

»Lass sie doch! Ein Zeichen, dass man hübsch aussieht!«

Er trank erschrocken sein Glas Echtes aus.

»Komm, Kind. Der Luxus hier verdirbt dich. Wir gehen nie wieder in ’ne Konditorei!«

Darauf sagte sie nichts. Aber nach einem ganzen Weilchen – der Apfelkuchen war auch mit den letzten Krümeln vertilgt – griff die kleine Frauenhand schmeichelnd unter dem Tisch nach der großen des Mannes.

»Noch ’n Stück … ja, Schatz? Dafür will ich auch kein Kleid … alter Brummbär!«

Der Händedruck wurde stürmisch zurückgegeben.

Zwei, die sich heute zum ersten Male heimlich getroffen hatten, saßen auf einem der Tischchen.

»Sie« ganz in die Ecke gedrückt, hinter einem Kleiderständer.

Er war weniger schüchtern.

»Was befehlen Gnädigste?«

»Eisschokolade«, lispelte sie.

»Ist Ihnen so heiß, gnädiges Fräulein?«

Dunkles Erglühen, hastiges Nicken.

»Wie Ihnen mal wieder die Bluse entzückend steht, Fräulein Elisabeth!«

»Finden Sie?«

Verschämtes Lächeln.

»Natürlich, … kleine, süße Liese …«

»Die ist glücklich«, dachte ein schlankes, braunäugiges Mädel, die neben der Mutter saß und das Paar beobachtete. »Die hat Mut! Sich treffen mit dem Liebsten, heimlich, plaudern mit ihm können, Stuhl an Stuhl, Kopf an Kopf, jung, selig sein, ohne Gedanken an Gegenwart und Zukunft … ach, wer das doch auch könnte! Nicht immer nur mit Mama durch Berlin ziehn, durch die Warenhäuser, durch die Ausverkäufe, und dann zur Belohnung ein Stück Kuchen für 15 Pfennig in der Konditorei essen. Torte mit Sahne war der Mutter zu teuer oder gar Eisschokolade …«

»Sitz grade, Erna! Sieh doch nicht so auffallend an den Tisch da drüben, Gott, Mädel … wann endlich lernst du mal Manieren! Was hast du denn … was machst du denn für ein Gesicht? Ist das der Dank für den teuren Kleiderstoff, den ich dir heute gekauft habe? Drei Mark das Meter … Vater darf das gar nicht wissen. Wie ich so alt war wie du, habe ich überhaupt noch kein Tuchkleid bekommen. Halbwolle … allenfalls einen praktischen Cheviot für sonntags. Aber heutzutage … ich sage ja … wer hat’s denn so gut wie du?«

Dazwischen kauderwelschten ein paar Russen bei ihrem Glas Tee, die gleich neben Mutter und Tochter saßen. Sie hatten Bücher vor sich auf dem Tisch liegen und gestikulierten so lebhaft mit den Händen, dass die Löffel klirrten.

Und drüben, ganz weit vom Eingang entfernt, im äußersten Winkel des Raumes saß ein altes Ehepaar, das sich gegenseitig anlachte.

Er hatte zuerst allein seinen Kaffee in der Ecke getrunken. Dann war seine Frau gekommen, die Besorgungen gemacht hatte.

Er hielt die Taschenuhr in der Hand.

»Zum ersten Male unpünktlich … Alte!«

Sie war ganz heiß und rot.

»Ach Gott … es gab so viel zu besorgen, Alterchen.«

»Was denn?«, fragte er.

Da lächelte sie.

»Donnerwetter«, dachte der Grauhaarige, »dein Weib wird wieder jung. Guckt einen an wie ’ne Siebzehnjährige!«

Sie suchte unter ihren Paketen und schob ihm das kleinste direkt vor seine Kaffeetasse.

»Wohl wieder ’n neuer Schlips für deinen eitlen Mann?«

Umständlich wickelte er es aus. Mittendrin stockten seine Finger. Ein feines Klingen, wie von winzigen Glöcklein, kam aus dem Papier.

»Da…as … da soll doch … Du hast wohl ’ne Höllenmaschine drin?«

Sie schüttelte den Kopf. Unter dem weißen Scheitel lachten die Augen wie Sonne im Schnee.

»Wickle man weiter … Großpapa!«

»Großpapa«, hatte sie gesagt. Er war förmlich erschrocken vor diesem neuen Wort. Er wickelte, und da lag’s vor ihm, blinkend, mit Elfenbeingriff und funkelnagelneu: eine Babyklapper.

»Will ich der Lotte schicken, sie … sie hat mir heut geschrieben, dass im Frühling« … Die alte Frau stockte.

Er half ihr schon.

»Dass sie so’n Dings braucht?«

Sie nickte.

»Kling…lingelinge…ling« … Es war das reine Freudenkonzert, was da für einen Augenblick unter den Fingern des alten Herrn begann.

Alle blickten auf, und keiner wusste, wo’s herkam. Aber alle lächelten.


Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, Nr. 1497, 16. Januar 1908, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marianne von Werefkin, Verlassen, 1907

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