Frühe Gedichte

von Hilda Bergmann (1878–1947)

Die Windmühle

Sie ragt vom Hügel dunkel in die Bläue
Und lässt die schweren Flügel langsam kreisen.
Ihr Freund, der Wind, umfächelt sie aufs neue,
Summt ihr ins Ohr die oft gehörten Weisen.

Die Lieder kennt sie längst. Und kennt auch ihn …
Bei seinem Singen ist sie grau geworden.
Wie oft sah sie ihn treulos weiterziehn
Und wiederstürmen dann aus fernem Norden.

Sie fühlte manchmal bange Sehnsuchtsqual,
Wenn regungslos sie in die Weite blickte –
Und dann Erfüllungsschmerzen, wenn brutal
Er seine Schauer ihr zum Gruße schickte.

Jetzt eben kehrt er wieder. Doch ihr Herz
Ist abgestumpft und wunschlos. Sonder Klagen,
Doch flügelmüde starrt sie himmelwärts,
Er hat nichts mehr – gar nichts mehr zu sagen …

Der flammende Abend

Stehen oft auf goldnem Grunde
Blasse Heiligenfiguren,
Sichtbar tragend ihre Wunde
Und das Zeichen der Torturen,
Starren Blicks, in starren Falten
Die Gewänder, – die Gesichter
Der verneinenden Gestalten
Ohne Leben – ohne Lichter – –

Heute haben Ströme Goldes
Schwer den Himmel übergossen
Und der Abend hat ein holdes
Farbenzauberspiel erschlossen:
Maiengrüner Blätter Schwanken
Auf dem Goldgrund. Und das Leben
Selber scheint dem Frohgedanken
Der Bejahung recht zu geben.

Die junge Nonne

Weiße Flügel über schwarzem Kleid, –
aber keine, die ins Leben tragen.
Ihre stumme Sprache heißt Entsagen,
alles Irdische heißt Eitelkeit.

Augen, deren Blick zu Boden geht,
Lippen, welche betend sich bewegen,
denn – die Welt ist böse und es steht
die Versuchung lockend an den Wegen.

Und sie sieht nicht, dass die Sonne scheint,
Sündenfurcht hält ihren Sinn umnachtet.
Ob der Gott, dem sie zu dienen meint,
dieses Leben als gelebt betrachtet?

Weiße Flügel über schwarzem Kleid, –
sie beschatten kinderweiche Züge.
Ob nicht einst aus Irrtum und aus Lüge
diese Seele um Erlösung schreit?

Und es will Abend werden

Ein Tag: er ahnt es kaum, dass er der letzte
von allen schönen ist. – Doch scheint es nicht,
als blaut’ sein Himmel blauer und als netzte
ihm eine Tränenspur das Angesicht?
Liegt nicht die Sonne wärmer auf den Hängen
und zärtlicher als jemals hingebannt –
und zieht nicht mit den Abendglockenklängen
schwermütig Abschiednehmen durch das Land?

Und eine Stunde, die von allem leuchtet,
was nur die Welt an Schönheit geben kann:
Warum hat sich das Auge dir gefeuchtet,
was für ein leiser Schauer weht dich an?
Ist es der letzte Becher, den das Leben
rosenumwunden deinen Lippen neigt,
um dann den dunkeln Schleier wegzuheben,
der vor der Zukunft liegt und sie verschweigt?


Textnachweis
Die Windmühle, aus: Die Muskete, 20. Februar 1908, S. 165.
Der flammende Abend, aus: Neues Frauenleben, XXIII. Jg., Juli 1911, Nummer 7, S. 194.
Die junge Nonne; Und es will Abend werden, aus: Neues Frauenleben, XVI. Jg., Juli 1914, Nummer 7, S. 220–221.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Tina Blau Dordrecht

Herbstgedichte

von Hilda Bergmann (1878–1947)

Herbst

Gehst du wieder, Fackeln in den Händen,
Hängen zu, die du mit Feuer färbst,
sanfter dann zu blumigen Geländen,
Farbigkeit noch einmal zu verschwenden,
ehe deine Sonnentage enden,
bunter Herbst?

Ach, schon raubt der Frost von deinem Feste,
was der Wind des Nordens übrig ließ:
Blätter taumeln trunken vom Geäste
und bedecken welke Rasenreste
wie ein goldnes Vlies.

Bald, – und auch die hundertjähr’gen Linden
geben ihren Schmuck den Stürmen preis.
Und die Teiche, offen allen Winden,
fühlen ihren Augenstern erblinden
jäh im Eis.

Das gelbe Blatt

Auf glatter Fläche schwimmt ein gelbes Blatt,
wer weiß, aus welcher Ferne hergeweht.
Des Windes leichte Hand hat es gesät
in einen Teich unweit der großen Stadt.
Es schwebt wie eine Blütenflocke, die
ihr leuchtend Gold dem Wassergrün vermählt:
ein Stückchen Leben, licht und glanzbeseelt
auf einem Grunde von Melancholie.

Sanfter Herbst

Ein sanfter Herbst geht seinem Ende zu
Die Bäume, schon im Purpur der Vergängnis,
schwer von der Früchte reifender Bedrängnis,
ermüdeten und sehnen sich nach Ruh’.

Vom Pflug zerrissen liegt das Land im Hauch
des blauen Tags. Es strömt aus jeder Rille
Geruch von Erde. O geliebte, stille,
verträumte Zeit! Was macht es, wenn dann auch

der Winter kommen muss nach dem Gebot,
dem das Geschaffne hörig ist und pflichtig?
In dieser Stunde ist nur eines wichtig:
das Leben lieben treu bis in den Tod.

November

Nun gießt das Jahr aus dem geneigten Kruge
die letzten Tropfen glänzend-bunten Scheins.
Gerötet sind die Ranken wilden Weins.
Wildgänse schreien im Vorüberfluge.

Geerntet ist, was Feld und Wiese boten,
geborgen alles ackerauf- und ab.
Dort drüben auf dem Erntefeld der Toten
entbrennen Kerzen über jedem Grab.

Auf jedem Hügel weiße Chrysanthemen.
Es ist, als wollte deren mildes Licht
wie Freundeshand dich bei den Händen nehmen,
dich trösten wie ein Freundesangesicht.

Es ist, als raunt’ es in den Friedhofseschen:
»Bald kommt ihr nach, ihr Wandrer in der Zeit.
Lasst nur die Leuchte Liebe nicht erlöschen
und seid gesammelt, still und schnittbereit.«

Raureif

Raureif hat heut’ den Garten eingehegt
und sein Gezweig in Hauch und Flor gefangen.
Jedweder braune Strauch am Wege trägt
Kristallgeschmeide und Korallenspangen.

In feinstem Zug dem Leben nachgespürt
bildet der Frost als Künstler die Gedanken:
Nie hat ein Goldschmied feiner ziseliert
solch Gitterwerk von Blatt und Silberranken.

Nie hat ein Dichter freier überspannt
die Welt mit einem Wundernetz von Blüten.
Heut’ morgen ist der Park ein Märchenland
und in Legenden eingewirkt und Mythen.

Er strahlt in seiner ungewohnten Haft,
hoch in der Luft krächzt missvergnügt ein Rabe.
Ich aber seh’ vor solcher Meisterschaft,
wieviel, wieviel ich noch zu lernen habe …


Textnachweis
Herbst, aus: Hilda Bergmann, Zünd Lichter an. Gedichte, Wien 1936, S. 22.
Das gelbe Blatt, aus: Am häuslichen Herd. Schweizerische illustrierte Monatsschrift, 50. Jg. (1946–1947), 5. H., S. 93.
Sanfter Herbst, aus: Am häuslichen Herd. Schweizerische illustrierte Monatsschrift, 46. Jg. (1942–1943), 2. H., S. 38.
November, aus: Am häuslichen Herd. Schweizerische illustrierte Monatsschrift, 46. Jg. (1942–1943), 3. H., S. 65.
Raureif, aus: Jugend, Jg. 1925, Heft Nr. 49, S. 1174.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, Friedhof in der Dämmerung

Schönbrunn (Drei Gedichte)

von Hilda Bergmann (1878–1947)

Schönbrunn

In diesem Garten schlummert noch Alt-Wien.
Wie einstens steigt das Wasser der Fontänen
Und perlt nieder zu den blassen Schwänen,
Die ihre träumerischen Kreise ziehn.

Und hüllt den moosbewachsenen Delfin,
An dem verwitterte Najaden lehnen
In einen Schleier wie von tausend Tränen,
Die langsam in die grüne Tiefe ziehn.

Wird plötzlich nicht der tiefe Schlummer enden?
Ist hinter den verschnittnen Taxuswänden
Nicht junges Volk zum Schäferspiel versteckt?

Die kleinen Amoretten stehn und lauschen – –
Doch nur des Springquells monotones Rauschen
Erfüllt den Park. Alt-Wien bleibt unerweckt.

Nymphe in Schönbrunn

Als wären sie aus Stein, die grünen Mauern,
so stehn sie hart ins blasse Blau gebannt:
vom Sonnengold umfasst und hell gerändert,
seit Urgroßvätertagen unverändert
und alle zu dem gelben Schloss gewandt,

das weltverloren, mit geschloss’nen Lidern
inmitten all des grellen Lichtes steht,
ein alter Träumer, dem das Spiel des Lebens
umsonst den Fuß umschmeichelt, dem vergebens
ein fremd Jahrhundert um die Stirne weht.

Und mit ihm träumt der ganze weite Garten.
Nur eine Nymphe beugt sich vor und späht,
das Auge von der Marmorhand beschattet,
und wartet Tag um Tage unermattet,
ob nicht die alte Zeit  vorübergeht.

Herbst in Schönbrunn

Verschwenderische Tage und Gebärden,
Wenn alle Sträucher Gold und Purpur tragen
Und wenn die alten Bäume Fackeln werden,
Aus denen lichterloh die Flammen schlagen.
Den Park erfüllt ein Leuchten, Glühen, Prangen,
Ein Farbenrausch durchzittert die Alleen,
Und leisen Fußes kommt der Herbst gegangen,
Im Blätterrieseln, um sein Werk zu sehen.

Er rührt mit leichtem Finger die Platanen,
Damit ihr gelber Regen niederflute,
Er nimmt den Ulmen ihre bunten Fahnen
Und winkt, dass sich der wilde Wein verblute;
Und in die Brunnen, über die Amphoren
Verstreut er händevoll die vielen losen
Braungoldnen Blätter und bekränzt die Horen
Und Grazien damit, anstatt mit Rosen.

Dann spinnt er blaue Schleier um die Gänge,
Die vielverschlungen ineinandertauchen,
Lässt der Fontänen heitere Gesänge
Mit einem Mal verstummen und verhauchen,
Spielt mit der Trauerweide langen Haaren
Und mit der Birken flimmernden Gewändern.
Und in den Lüften ziehn die Wanderscharen
Der wilden Vögel nach den Sonnenländern.


Textnachweis
Schönbrunn, aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jg, Heft 10, Oktober 1912, S. 279.
Nymphe in Schönbrunn, aus: Moderne Welt, Jg. 1924, Heft Nr. 24, S. 7.
Herbst in Schönbrunn, aus: Jugend, Jg. 1923, Heft Nr. 21, S. 618.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Josephine Siccard-Redl, Schönbrunn

Zwei Sonette

von Kazimiera Zawistowska (1870–1902)

Ich liebe dich

Ich liebe dich, weil du mir wiedergibst die schönen
Lenztage meiner Jugend – jene goldnen Stunden.
Dein Schatten folgt mir immerfort – mir treu verbunden,
Und meine Seele ruft nach ihm mit bangem Sehnen.

Dass deine Arme mich nur eng und fest umschließen –
Verhüll die Augen mir, will nicht die Zukunft sehen,
Vergessen will ich alles, was mir je geschehen
Und selig liebe Zärtlichkeiten nur genießen.

Es ist heut kalt und dunkel … Gib mir deine Augen!
Sie sollen tiefer Träume Gärten mir erhellen,
Drin süße Klänge sind und Gold und Purpurwellen

Und – farbenreich umstrahlt – ein froher Hochzeitsreigen.
Es ist heut kalt und dunkel … Über mir entsteigen
Der bösen Ahnung Träume … Gib mir deine Augen! …

Gib deine Träume mir …

Gib deine Träume mir, die für mich glühten –
Dass ich erblick in ihrem Spiegelbilde
Die eigne Seele mein so still und milde,
Gleichwie des Silberreifes zarte Blüten.

Führ wieder mich in die kristallnen Weiten,
Dass dort, erweckt von deinen lieben Händen,
Sich all die zarten Töne wieder fänden –
Zu jenem Liede, das uns starb vor Zeiten …

Du wirst mich wieder so wie einstens sehen:
Und meiner Seele tote Perlen leben
Dann auf und werden leuchtend neu erstehen.

Die schönste Weile will ich deinem Leben
Dann geben – um ins Dunkel fortzugehen,
Dass wir uns niemals … niemals wiedersehen.


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Ich liebe dich, aus: Czernowitzer Tagblatt, 30. Mai 1909, S. 17.
Gib deine Träume mir …, aus: Czernowitzer Tagblatt, 16. April 1911, S.15.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Wisinger-Florian, In Gedanken

Ein Augenblick

von Maryla Wolska (1873–1930)

Ein Duften rings … Es schweigt der Grillen Chor,
          Es welkt das Heu.
Und linde Winde quellen frisch hervor
          Und strömen herbei.

Ein stiller Geist, in Schweigen tief gehüllt,
          Blickt um sich stumm.
Das Glück irrt wie ein flüchtig Wunderbild
          Im Felde herum.

In unseren Herzen, heimlich still entfacht,
          Ein Wunder loht.
Und über uns stirbt der Tag so sacht
          Den glücklichen Tod.


Übersetzung
Aus dem Polnischen von Lorenz Scherlag

Textnachweis
Aus: Czernowitzer Tagblatt, 15. Mai 1910, S. 12. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Anna Gardell-Ericson, Sonnenaufgang über einer Landschaft mit Wasser

Die Nacht in der Mühle

von Louise Brachmann (1777–1822)

Wohl auf, wohl ab, durch Berg und Tal
Zog Ritter Willibald
Im Morgenrot, im Abendstrahl
Durch Busch und Flur und Wald.

Das Auge trüb, das Herz in Glut
Zog ihn die Liebe fort;
Er suchte sein verlornes Gut
Er fand’s an keinem Ort.

Verschwunden die Geliebte war,
Wohin? er nicht vernahm,
Als er zurück, nach Tag und Jahr,
Vom Krieg aus Welschland kam.

Nichts blieb ihm übrig als ihr Bild,
Das trug er auf der Brust,
Das strahlt ihm aus dem Auge mild
Noch einzig Trost und Lust.

So irrt’ er sonder Ruh noch Rast,
Die Seele bang und schwer;
So irrt’ er dreißig Monden fast
Nach ihr durch Land und Meer.

Und eines Abends, als er lang
Im Wald geritten war,
Da rauscht es ihm wie Wellenklang
Zum Ohr so wunderbar.

Er kam heraus, und glänzend wand
Ein Strom am Fels sich hin,
Und eine Mühle lag am Strand
Gar still im dunkeln Grün.

Fünf braune Tannen rauschten hoch
Am Felsen um ihr Dach;
An ihren Wänden scheidend noch
Der Abendstrahl sich brach.

Der Ritter hielt; gefesselt war
Sein überraschter Blick;
Ihm war, als hielte unsichtbar
Ein Geist ihn hier zurück.

Die Mühle lag so friedlich da
Und lud zur Herberg ein,
Sein Ross war matt, die Nacht war nah
Und rings nur Fels und Stein.

Zwar brauste dumpf der Strom und schwoll
Doch setzt’ er durch mit Mut,
Und kam zur Mühle jenseits wohl
Durchs Schaumgetös’ der Flut.

Er traf hier gute Herberg an;
Ein Stall ward für das Ross,
Für ihn ein Stübchen aufgetan
Im obersten Geschoss.

Indes begrüßten schon das Tal
Die Sterne nach und nach;
Und freundlich fiel der Mondenstrahl
In Willibalds Gemach.

Er trat ans Fenster hin; die Nacht
War schimmervoll und mild;
Am Berge stand in stiller Pracht
Des Mondes lichter Schild.

Und unten, dicht am Fenster schlang
Der Strom sich durch das Tal;
Dem Ritter ward es wohl und bang
Beim dumpfen Flutenschall.

Er zog ihr holdes Bild hervor
Und küsst’ es tausendmal,
Hing’s hoch dann an der Wand empor
Im bleichen Mondenstrahl.

Drauf warf er müd aufs Lager sich,
Doch ruhlos wacht’ er lang;
Und außen, horch! so schauerlich
Kam’s her wie Geistergang.

Und eine dämmernde Gestalt
Trat leis’ zur Tür herein;
Dem Ritter lief es heiß und kalt
Durch Adern und Gebein.

Es schlug sein Herz, sein Odem stand,
Ein Schauer weht’ihn an,
Als jetzt das Bildnis an der Wand
Mit leisem Laut begann:

»Gott grüß dich, schönes junges Blut!
Wie? find’ ich so dich hier?
Ich komme aus der tiefen Flut
Vom Stromgebraus’ zu dir!

Vergönnt ward mir noch diese Nacht
Einmal heraufzugehn.
Dann scheid’ ich, wenn der Hahn erwacht,
Zum Nimmerwiedersehn!«

»Aus tiefer Flut? vom Stromgebraus?
O sag Geliebte mein!
Wie, ruhst du dort im feuchten Haus?
Wie kamst du da hinein?«

»Ach lang schon ist’s, manch Jahr verschwand,
Da reiste wohl mit mir
Mein Vater hier durch dieses Land,
Wir hielten Mittag hier.

Es ruhten alle, Mann und Ross,
Nur ich mit stillem Sinn
Ging dort im Tale sorgenlos
Am Ufer her und hin.

Und sieh! da hob vom Stromgeroll
Die Nixe sich empor,
Ihr Lied so süß und sehnsuchtsvoll
Drang lockend mir ins Ohr.

Mir ward so wohl und ach so weh,
So wunderbar zu Sinn;
Da reichte sie mir weiß wie Schnee
Drei helle Lilien hin.

Und Rosen, rot wie Abendglut:
Ich Arme griff danach,
Und plötzlich, ach! in tiefer Flut
In ihrem Arm ich lag!

Sie trug hierher durchs Wasser mich
In ihrer Schwestern Saal;
Tief unterm Strome wölbt’ er sich
Mit Wänden von Kristall.

Du bist nun unser, hub sie an,
Mein Zauber schließt dich ein!
Nur von dem starken Bande kann
Die Liebe dich befrei’n.

Bewähret noch im sechsten Jahr
Sich deines Liebsten Treu,
So rein und heilig, als sie war:
Dann geh, dann bist du frei!

So sprach sie, und in Tränen schwer
Floss nun mein Leben hin.
Ich sahe nie den Himmel mehr
Und nie des Waldes Grün.

Mein Kummer zehrte still mich auf,
Und fast das Herz mir brach,
Ich seufzte nach der Zeit Verlauf,
Von der ihr Zauber sprach.

Nun ist die Zeit, nun wär’ ich frei
Von ihres Banns Gewalt.
Ach liebte mich so heiß und treu
Noch jetzt mein Willibald!«

»Ich liebe dich! ich fasse dich!«,
Fiel jetzt der Ritter ein,
»Dein Zauber ist gelöst durch mich,
Du bist auf ewig mein


Textnachweis
Aus: Auserlesene Dichtungen von Louise Brachmann, hg. v. Professor Schütz, Bd. 2, Leipzig 1824, S. 124–129. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Elizabeth Siddal, Dame, ein Fähnlein an der Lanze eines Ritters befestigend, um 1856

Ein armer Augenblick

von Helene Lassen (1858–1931)

Vor einigen Jahren im Juli kam ich an einem regnerischen Nachmittag zu einem unserer Gebirgssanatorien. Es hatte gerade einen Augenblick aufgehört zu regnen, und eine Masse Menschen strömten auf den Hof hinaus. Ein Maler hatte seine Staffelei hinausgeschafft, die Modelle aufgestellt und malte nun auf Tod und Leben, um den Augenblick, den es nicht regnete, zu benutzen, ohne sich darum zu bekümmern, was um ihn her vorging.

Ein bummlerhafter junger Mann von ungewöhnlich schwerem Körper und mit ein paar unförmlich weiten Beinkleidern hatte sich nonchalant bei der Treppe aufgestellt, indem er träge aus einer langen Pfeife dampfte und den Maler mit Kennerblick beobachtete, während er bald seine raschen Pinselstriche und bald die beiden kleinen blaugefrorenen Modelle betrachtete – hu, wie langweilig das alles hier oben in den Bergen war. Er sah sich nach einer Abwechslung um. Da kam rasch ein junges Mädchen im Regenmantel vorbei. Sie trug in der einen Hand eine Angelstange und ein irdenes Gefäß, mit der andern Hand hielt sie das für ihre Angeltour sehr unpraktische Kleid empor, der Kopf war in einer eigenen, schüchternen Weise geneigt, die Züge waren fein und der Ausdruck kindlich weich. Sie eilte schnell an der Malergruppe vorüber – o, da hakte der Angelhaken sich am Regenmantel fest. Sie blieb stehen und versuchte ihn loszumachen. Der Dicke setzte erstaunlich schnell seinen schweren Corpus in Bewegung und ging zu ihr hinunter, um ihr zu helfen. Unter Scherzen und Lachen bekamen sie den Haken los. Er begleitete sie weiter, und sie verschwanden unten beim Wasserfall, wo sie angeln wollte.

Ich bummelte eine Weile umher und traf dann meine Reisegefährtin, Frau L.

»Na, hast du dir schon das Publikum angesehen?«, fragte ich.

»Ja, hast du das hübsche junge Mädchen bemerkt? Fräulein Dahl heißt sie, Alma Dahl.«

»War das die, die eben angeln ging?«

»Jawohl. Ist sie nicht nett?«

»Ja, das ist sie in der Tat.«

In demselben Augenblick kam sie, gefolgt von ihrem Kavalier, mit ihrer Angelstange zurück. Frau L. ging zu ihr hin; sie hatten schon früher miteinander gesprochen.

»Na, haben Sie schon geangelt?«

»Ja, ich stand eine Weile mit meiner Stange unterhalb des Wasserfalls, aber ich bekam nichts.«

Sie sagte das so naiv, augenscheinlich gereizt über die Geduld, die dazu gehört, um Fische zu angeln. Ihr Kavalier stand neben ihr und blickte sie halb beschützend, halb unverschämt an.

Später kam sie wieder auf den Hof hinaus. Sie hatten den Regenmantel ausgezogen und trug eine hellblaue Blouse, die sie vorzüglich kleidete. Sowohl die Blouse als das lange Kleid sahen ganz neu aus; überhaupt machte alles, was sie anhatte, den Eindruck von etwas gerade Gekauftem, und als wenn es ihr Vergnügen bereitete, es anzuhaben. Aber sie stand gleichsam ein wenig hilflos allein in der Schar, als wenn sie nicht daran gewöhnt wäre, und ließ ihre dunkelblauen Kinderaugen mit den langen schwarzen Wimpern suchend zwischen all den Fremden umhergleiten. Eine Weile später entdeckte ich, dass sie mich mit neugierig interessiertem Gesicht anstarrte, und ich sah, dass sie Frau L., die neben ihr stand, etwas nach mir fragte. Ich ging zu ihnen hin. Frau L. stellte vor.

Da sagte sie mit weicher, angenehm gedämpfter Stimme:

»Ich habe Sie schon früher gesehen.«

Sie sagte das, wie wenn Kinder einem Fremden auf den Schoß springen und sagen: »Ich habe dich schon früher gesehen; auf der Straße!«

»Sie haben mich schon gesehen?«, erwiderte ich, »ich kann mich nicht entsinnen, Sie schon gesprochen zu haben.«

»Nein, ich habe Sie nur auf einem Bilde gesehen; aber ich erkannte Sie sogleich wieder.«

Und Sie begann von einem Gemälde zu erzählen, bei dem ich in der Tat zu einer Figur Modell gesessen hatte.

»Aber ich bin ja nur von der Rückseite gemalt?«

»Ja, aber ich kannte Sie doch sogleich an der Kopfform und dem Haar wieder.«

Sie schien in Künstlerkreisen ein wenig bekannt zu sein. Ob sie eine Art Künstlerin war? Ich fragte. Ja, sie hätte sich als Schauspielerin versucht, aber – es kam ein wenig zögernd – sie hätte so geringes Honorar bekommen. Jetzt nähte sie Handschuhe; aber dann wäre sie im Frühjahr so gefährlich erkrankt, so dass sie nicht mehr arbeiten konnte. Daher müsste sie auf die Berge, hätte der Doktor gesagt, und nun habe ein guter Freund dafür gesorgt, dass sie den Sommer über hier oben wohnen und wieder gesund werden könnte. Und die großen kinderblauen Augen strahlten.

»Er kommt selbst später hier herauf.«

Und dann verschwand sie wieder unter den anderen Gästen.

Am Tage darauf war sie nicht wohl, man sagte, sie müsse zu Bette liegen. Auch zu Mittag kam sie nicht hinunter; aber am Nachmittag traf ich sie auf der Treppe, im Begriff auszugehen. Sie war verweint und sah betrübt aus.

»Sind Sie heute krank gewesen, Fräulein Dahl?«, fragte ich freundlich. Sie blickte dankbar zu mir auf.

»Ja, ich bin oft krank. Im Frühling war ich nahe dem Tode«, sie erschauerte leicht und sah mich bittend an, als wenn ich ihr helfen könnte, »ach, ich möchte so ungern sterben – und doch!«, sagte sie mit plötzlichem Ausbruch. Ich verstand, dass sie sich mit einer großen und geheimen Freude trug, mit etwas, was das Leben für sie reich machte, obgleich sie arm und krank war.

Sie setzte sich mit einem Strickzeug allein, ein wenig von den anderen entfernt, hin, und blickte über das Wasser hinaus.

Alle anderen vereinigten sich in Gruppen, verstanden einander und gehörten zu einander. Nur dieses junge Mädchen gehörte gleichsam nicht hieher, hatte seine eigene Welt für sich. Ich kam mit einer der Frauen, einer schönen jüngeren Dame mit der sicheren Haltung der Weltdame, ins Gespräch. Sie sprach mit großer Zungengeläufigkeit.

»Sagen Sie mir, gnädige Frau, haben Sie das junge Mädchen dort beachtet?« Sie zeigte auf Fräulein Dahl hin.

»Ja, ich habe mit ihr mehrmals gesprochen.«

Sie blickte mich fragend an.

»Haben Sie nicht das starke Parfum bemerkt, das sie benutzt?‘

»Ja, sie macht einen etwas simplen Eindruck, so dass sie wohl nicht zwischen feinen und einfachen Parfums zu unterscheiden vermag.«

Die Frau lächelte.

»Wissen Sie, was der junge Herr, der ihr überall nachgeht, gestern zu meinem Mann sagte? Ja, er sagte: Keine Dame gebraucht solches Parfum.«

»Sie meinen«, fragte ich erschreckt, »dies junge, naive Mädchen?«

»Ja, schön naiv! Sie ist ein Protegé von Herrn (sie nannte einen bekannten Namen aus der Hauptstadt), er bezahlt für sie hier oben, und voriges Jahr war er mit einer anderen hier.«

Ich fühlte mich sehr unangenehm berührt. Unwillkürlich sah ich nach ihr hin. Nun erhob sie sich und ging langsam fort, und es war mir, als warf sie uns einen misstrauischen Blick zu.

Am Tage darauf hatte ich keine Lust, mit ihr zu plaudern, näherte sie sich, so zog ich mich zurück, obgleich es mir leid tat, ihren scheuen und betrübten Blick zu sehen, den sie mir jedesmal nachsandte. Ich begriff, dass sie meine Freundlichkeit vermisste; warum konnte ich sie ihr also nicht gönnen? Wie herzlos wir »Damen« im Grunde genommen gegen unsere unglücklichen Schwestern sind! Sollte ich nicht doch mehr Mitleid mit ihr haben?

Und ich sah sie in Gedanken arm und krank drinnen in der Stadt sitzen und vom Morgen bis zum Abend Handschuhe nähen, und hörte dann mitten in dem hoffnungslosen Dunkel einen reichen jungen Mann sagen: Folge mir von all diesem fort; ich schenke dir gute Tage – ich gebe dir meine Liebe, vielleicht wird sie lange währen, lange – – Nein, was wussten wir Glückskinder der Gesellschaft davon, was die Versuchung ist?

Und der Gedanke an die kleine Alma verfolgte mich, noch nachdem ich von dort fortgereist war. Ich sah sie so deutlich vor mir, wie sie dort allein für sich war in der Menge mit ihren kindlichen blauen Augen und ihrer kindlichen blauen Blouse.

*

Eine Woche später saß ich am Fenster in meinem Zimmer und schrieb. Ich wohnte nun auf einem Hof weiter unten im Tal, wo die Straße vorbeiführte, und ich amüsierte mich oft damit, die Reisenden von und zum Sanatorium zu beobachten. Wagengerassel ertönte auf der Landstraße, und ich blickte empor.

O, da saß sie ja im Wagen, strahlend vor Freude! Denn nun war sie nicht mehr allein – er war gekommen! Sie war also den weiten Weg zum Dampfschiff hinuntergefahren, um ihn zu holen, und nun saß er hinten und fuhr sie – fuhr sie durch die schönen Reiche des Sommers, durch Wald und grüne Bäume, durch blumige Wiesen, vorbei an blinkenden Wassern und rieselnden Bächen, durch Vogelsang, durch Liebesverheißungen.

Es war nicht anders möglich, ich musste mich für sie freuen, obgleich es mich so schmerzlich berührte, dass ich wusste, es würde nur einen armen Augenblick dauern; wusste, dass sie die Blume war, die heute oder morgen ins Feuer geworfen wird. Und ich folgte ihnen mit den Augen, sah ihre gerade freudige Haltung. Es war, als wenn das Glück und die Ruhe über seine Anwesenheit sie geadelt, ihr die Frauenhaltung und die Sicherheit gegeben hätten, welche der Stempel der Gesetzlichkeit verleiht. Und dann sah ich ihn an – ferienfroh, die Jagdhunde hinter sich. – Nun würden die beiden leben!

Und ich wollte die Hand gegen ihn ballen, ihn Verführer und Betrüger nennen – aber die Hand sank nieder, denn die beiden sahen so froh aus, und die Freude entwaffnete mich.

Ich erhob mich und ging hinaus, sie hatten mich für heute verstimmt.

Das Thema hatte mich ergriffen, und ich sah das Ganze wie auf einem Gemälde: eine sommergrüne, duftende Wiese voll hellblauer Blumen – mutig und gerade stehen sie da. Und einzelne so schüchtern und halbgeschlossen. – Dann kommt der Jäger, er, den ich eben im hellgrauen Sportanzug ferienfroh mit den hinter ihm herstürmenden Hunden sah. Und er bleibt stehen und pflückt die schüchternen wie die kecken, die geneigten wie die geraden und lässt hinter sich einen Weg voll gebrochener, verwelkter, niedergetretener Blumen zurück.

*

Etwa vierzehn Tage später begleitete ich einige mir bekannte Touristen zum Sanatorium hinauf. Es war dort keiner von den früheren Gästen mehr da, sondern lauter neue Gesichter. Ich fragte nach den beiden. O, sie hatten sich eine Sennhütte dort oben gemietet, sie beide allein; sie hatten nur einen alten Mann mit, der sie auf die Jagd begleiten sollte und ihnen sonst ein wenig helfen; und man lächelte vielsagend zu diesen Erklärungen.

Wir wollten auf dem Bergsee fahren und setzten uns ins Boot.

Der See lag still, blank und träumend da. Die moosbekleideten, buntfarbigen Ufer fielen gegen das Wasser sanft herab; über ihnen ragten hohe, düstere Felsen empor, deren Spitzen vom Nebel verborgen waren; keine Sonne, kein Wind, nur träges Wohlbehagen.

Wir duselten hin, jeder in seinen eigenen Sorgen oder Freuden.

Da näherte sich ein Boot, das hinter einer Landzunge hervorkam. Wie deutlich es sich abzeichnete. Vorne saß ein junger Mann in hellgrauem Anzuge und angelte, mitten im Boot saß ein alter Mann und ruderte; aber im hinteren Teile des Schiffes lag, sorgfältig mit Decken und Shawls eingehüllt, ein Kind und schlief, so glaubten wir. Fein und weich zeichneten sich die Konturen des Kindes ab, keck und jugendlich die desjenigen, der angelte, alt und gebeugt die dessen, der ruderte. Ein schönes, stimmungsvolles Bild. Ich genoss es eine Weile, während wir uns dem Boote näherten. Da rührte sich das feine Köpfchen in dem Boote. Ach – es war kleine, blaue Alma; aber nicht so, wie ich sie das letzte Mal gesehen hatte; wo war nun ihre stolze Freude? Warum legte sie sich wieder so müd, so todesmüde in das Boot zurück? Das Boot glitt weiter; aber ich wandte mich um und folgte ihm mit den Augen.

Und ich sah eine feine, wehmütige Linie von dem bloßen Kopf die Schulter hinunter, wo der Shawl herniedergeglitten war. Die Augen waren auf einen lichten Punkt droben auf der Berghalde gerichtet, auf ihre Sennhütte droben, sein und ihr kleines Sommerheim droben auf den Bergen.

Wie von unwiderstehlichem Drang getrieben, erhob sie eine Hand, eine schmale, bleiche, kleine Kinderhand, als wollte sie die Sennhütte in der Flucht ergreifen, sie festhalten, fest, denn das war ja ihr Schloss, ihr schönes Soria-Mosta-Schloss, wo kein anderer als sie und er wohnte, wo keine Blicke sie kalt und mit weltlichem Urteil bewachten, sondern wo nur die kleinen, bleichen Sommersterne spät, spät am Abend zu ihnen hineinguckten, wenn das Feuer auf dem Herde im Erlöschen war und er müde nach den Strapazen der Jagd dasaß und wie ein Regen von Rosen die zärtlichen, betörenden Worte über sie herabflüsterte!

Und das Boot glitt weiter, die Sennhütte entschwand, das Schloss verschwand, wie sie wusste, dass es wirklich verschwinden würde.

Sie blickte sich um. Zuerst hinauf nach den hohen, rauen Felsen; unwillkürlich sank sie zusammen. Die Linie vom Kopf über die Schulter wurde noch gebeugter, noch wehmütiger, denn die Felsen ähnelten den Menschen draußen in der Welt, den Menschen mit dem kalten, abweisend harten Blick. Und heute war keine Sonne auf dem Berge; keine Sonne, keine Sonne, plätscherte es düster um das Boot!

Sie blickte sich wieder um; ich wusste, es geschah nach Farben und Sonne.

Und ihr gleitender, suchender Blick traf die feinschattierten Moosflächen; aber es lag die kühle Reinheit der Berge darüber und stieß sie, die Unreine, zurück. Und der kindesblaue Blick – nein, er war nicht mehr kindesblau, denn er war vor der Trauer des erwachsenen Weibes verschleiert – glitt demütig zum Walde herab. Hatte auch er kein Mitgefühl mit ihr, keinen Schutz für ihren brennenden Schmerz? Düster stand er da mit der Einsamkeit des eingeschlossenen Bergsees, schwarzgrün und in Kirchenstimmung, heute mit keinen anderen Farben als dem ersten herbstgelben Hauch, der sie gerade heute so schmerzlich daran erinnerte, dass das Ganze nun bald ein Ende hatte. Wie im Märchen würde der Prinz und das Schloss und alles verschwinden! Selbst würde sie allein bleiben wie früher, arm wie früher.

Aber etwas würde ihr doch übrigbleiben, all die schönen Dinge, die er ihr gegeben!

Und ich glaube, sie lächelte wieder und ließ die Hand liebkosend über das warme, weiche Kleid herniedergleiten, das er ihr zum Winter geschenkt hatte, und den Shawl, den schönen, gestreiften Shawl, der weich und warm war wie seine Liebe! Und außerdem – noch waren ja vier Tage übrig, noch vier Tage droben auf dem Schloss!

Und ihre Augen öffneten sich weit und blickten nach ihm in dem hellgrauen Anzug hin. Wie flott und frisch und licht er aussah! Nun nickte er ihr munter zu, während er eifrig die Schnur einzog – ein Fisch hatte am Haken angebissen!

Und ihre Augen wurden wieder kindesfroh und kindesklar. Sie richtete sich halb im Boot empor und warf den Kopf mutig zurück. Noch hatte er sie ja nicht fortgeworfen, noch war sie ja die Blüte, die lebt und duftet – noch, noch einen kurzen Augenblick.

*

Einige Tage später begegnete ich ihm im Wagen auf der Straße. Er war auf der Heimfahrt – die vier Tagen waren vorüber.

Es war ein kühler, herbstlicher Morgen, und er sah aus, als wenn er fror, wie er da in dem Wägelchen neben dem Postillon saß. Er fuhr auf, als er jemandem auf der einsamen Straße begegnete; er lüftete rasch den Hut und verschwand bei einer Biegung. Die Jagdhunde trabten hinterher.

Es war eine kurze Begegnung, aber ich sah so viel in dem kurzen Augenblick.

Ich sah, er war bleich, nicht nur von der Morgenkälte, sondern von den Tränen der kleinen Alma. Die Blässe der Trennung lag über seinen Zügen. Ich sah, er hatte gelitten, ja er litt sogar noch jetzt.

Auch diesmal hatte ich die Hand geballt, auch diesmal sank sie nieder. Jetzt war es sein Schmerz, der mich entwaffnete, wie es das letzte Mal seine Freude war.

Und während ich still zwischen all dem herbstgelben Laub heimging, welches erzählte, dass nun der Sommer vorbei wäre, dachte ich an sie, die wieder allein dort oben saß auf einem kleinen grünen Fleck im Walde.

Wieder ergriff mich das Thema; nicht künstlerisch wie das letzte Mal, sondern menschlich; ich hatte keine Lust, die kleinen hellblauen Blumen zu malen, welche der Sportsmann niedertritt; heute wollte ich lieber für sie bitten. Wie einen Lichtpunkt sah ich seine bleichen Schmerzenszüge, und ich schloss wie im Gebet: Möchte das Leid ihn Barmherzigkeit lehren, Barmherzigkeit gegen sie dort oben und gegen diejenigen, denen er noch auf seinem Wege begegnen würde! Möchte das Leid ihn lehren, dass das Leben etwas mehr ist als ein armer Moment, ein armer Augenblick der Freude!


Übersetzung
Aus dem Norwegischen von Ernst Brausewetter

Textnachweis
Aus: Wiener Rundschau, Bd. II, Nr. 22, 1. Okt. 1897, S. 829–835. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Oda Krohg, Japanischer Lampion, 1886

Drei Gedichte

von Ricarda Huch (1864–1947)

Einsamkeit

Du neigtest, Herz, dich gern, wie sich die Birke neigt,
Dem Nachbarstamme zu.
Steh aufrecht, wie die Tanne trotzig steigt:
Allein bist du.

Wohl strömt ein jedes Ding des eignen Wesens Hauch
Den andern Dingen ein;
Doch will ihr Sehnen überfließen auch,
Sie sind allein.

Schlaft ihr umarmt auf einem Kissen, ihr erwacht
Wie Sonnen fern im Raum;
Nur dass ihr einmal träumt vielleicht bei Nacht
Den gleichen Traum.

Sei deine Welt, dein Stern; beglückt, wenn deine Glut
Am goldnen Leben schafft,
und ford’re nichts. Dir wird kein andres Gut
Als deine Kraft.

Herbst

Die gelben Blätter, wandernd in den Flüssen,
Des Glückes Überfluss, das ich besessen,
Die Küsse, die nun andre Lippen küssen –
Es ist nichts als Erinnern und Vergessen.
Wär’ wieder mein, was mir so lieb gewesen,
Grünte der Wald noch, den der Herbst geräumt,
Bald wär auch das vorbei und kaum geträumt.
O Herz, rings braust das ew’ge Licht Genesen!

Der Augenblick

Du schwebst, o schöner Augenblicke
Melodischer, geschürzter Tanz,
Um meine Rast, und die Geschicke
Drangvollen Lebens weichen ganz.

Ihr löst mich von der heil’gen Kette
Vergangner Tat und künft’ger Frucht,
In flammumstürmter Zufluchtstätte
Versinkt des Sklaven sel’ge Flucht.

Vertauscht die Jahre, mischt die Räume,
Betaut mich mit Vergessenheit!
Schwingt eure schlangenschnellen Säume:
Der Ring wird weit und weltenweit;

Traum wird Gestalt und nah wird ferne
In Zauberkreisen trunknen Lichts –
So blitzt die Ewigkeit der Sterne
Spurlos erlöschend durch das Nichts.


Textnachweis
Einsamkeit, aus: Neues Frauenleben, XXIII. Jahrg., Jänner 1911, Nummer 1, S. 26.
Herbst, aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jahrg., Februar 1912, Nummer 2, S. 54.
Der Augenblick, aus: Neues Frauenleben, XXIV. Jahrg., September 1912, Nummer 9, S. 245.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga_Boznańska, Landschaftsmotiv, um 1890

Fünf Lieder

von Helmina von Chézy (1783–1856)

Dort, wo sanfter wehn die Lüfte,
Wo der goldnen Primel Düfte
Wehen unter leichtem Schnee;
Wo durch kühne Felsenbogen
Mächtiger die Fluten wogen,
Möcht’ ich bergen all mein Weh!

Könnt’ ich je mit dir die Auen,
Die so wonnig blühen, schauen,
Wo der Frühling immer blüht;
Wo der Nachtigallen Klagen
Alle Sehnsuchtwonnen sagen,
Die mein trunknes Herz durchglüht!

Eitler Wünsche bunt Gewimmel!
Ist denn Erde mehr als Himmel,
Der in deinem Auge thront?
Stille, süße Blicke sagen
Mehr als Nachtigallenklagen;
Eden blüht, wo Liebe wohnt!

Lasst mich einsam lauschen,
    Wie mein Herz es will;
Wo die Bächlein rauschen,
    Wird die Seele still.

Lasst mich einsam träumen,
    Mild ist Waldesnacht,
Wo in grünen Räumen
    Träumend Sehnen wacht.

Lasst mich einsam weinen,
    Wo im goldnen Strahl
Tauesperlen scheinen,
    Süßer glänzt das Tal.

Lasst mich einsam singen,
    Weil mein Herz so schwer,
Auch die Blumen bringen
    Herz in Düften her.

Lauschen, klagen, träumen
    Wollen einsamlich
Hier in grünen Räumen
    Nachtigall und ich.

O Leben, das kein Leben ist,
Wo du nicht in der Nähe bist!

Es brennt dein Blick mir in der Brust,
Dort schafft er ewig Schmerz und Lust.

Manch liebend Herz ersehnt den Mai,
Ich wünschte, dass er ferne sei.

Manch Herz wünscht, dass die Rose glüht,
Mein Lenz nur blüht, wenn nichts mehr blüht.

Der Lenz, der Tal und Höhen schmückt,
Hat Herzens-Flur mir leer gepflückt.

Die Lerche, die den Frühling bringt,
Mit meinem Frühling fern sich schwingt.

Die Nachtigall, die Rosen liebt,
Für Rosen mir nur Dornen gibt.

Wenn alles duftet, glänzt und lacht
Erstarrt mein Herz in öder Nacht.

Man ratet, was mein Lied wohl meint?
Ach, Treue nur, die einsam weint.

Kannst du wieder leiden, lieben,
    Herz, das dumpfe Ruh’ umfing,
Ist die Kraft dir treu geblieben,
    Die im Sturm nicht unterging?

Ja, die Welt ist nicht mehr öde,
    Und das Leben nicht erstarrt,
Und das Herz sieht nicht mehr blöde,
    Teilnahmlos die Gegenwart.

Alles blüht und glüht im Innern,
    Reiches Leben quillt empor,
Selig Ahnen, süß Erinnern,
    Leuchtet durch der Wolken Flor.

Lieb’ und Hoffnung, milde Sterne,
    Strahlet auf die Wogen hin!
Ob der Irrfahrt Ziel noch ferne,
    Zeigt es hell dem gläub’gen Sinn.

Unter Wonnen, unter Schmerzen,
    Blühet mir ein Sehnen nur;
Sanfter Tod an treuem Herzen
    Und ein Grab auf stiller Flur.

Gib mir Nachtigallen-Klagen,
    Banges Lieben, süßes Leid,
Klagen wie in Frühlingtagen
    Sanft umwölkter Jugendzeit.

Hebt euch stürmend, Lebenswogen
    Besser Sturm als tote Ruh,
Düstre Wolken, kommt gezogen,
    Milder Strahl, erschein auch du.

Auf dem dunkeln Hintergrunde
    Blüht der Iris milde Pracht,
Und der goldnen Träume Kunde
    Leuchtet durch die Schmerzennacht.


Textnachweis
Dort, wo sanfter wehn die Lüfte, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1824, X. Jahrgang, Wien [1823], S. 77–78.
Lasst mich einsam lauschen, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1825, XI. Jahrgang, Wien [1824], S. 122–123.
O Leben, das kein Leben ist, – Kannst du wieder leiden, lieben, – Gib mir Nachtigallen-Klagen, aus: Aglaja, Taschenbuch für das Jahr 1826, XII. Jahrgang, Wien [1825], S. 147–149.
(Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Louise-Adéone Drölling, Interieur mit einer jungen Frau, die eine Blume abpaust, um 1820

Phantastischer Spaziergang

von L. Andro (1878–1934)

Wer von euch, meine Freunde, fragte Lelio, ist gleich vom Bahnhof an in die Wunder einer Stadt geraten? Gewiss noch niemand. Denn unweigerlich führt irgendeine breite, gleichgültige tramwaybelärmte Straße von da weg, mag die Stadt nun Paris oder Nürnberg, Rom oder Kopenhagen heißen. Als ich in Prag ankam, geriet ich auch in solche lange, saubere, mit wohlhabenden Geschäften besetzte Straßenzüge, was mir eine Enttäuschung war. Indessen will ich sie nicht schelten. Sie führten mich wohl richtig, denn mit einem Male tat sich das wundervollste Bild vor mir auf: eine Brücke, von grauen Türmen bewacht, mit goldschimmernden Heiligenfiguren besetzt. Jenseits des ernsten stahlfarbenen Flusses grüne Kuppeln, reiche Paläste, verfallende Häuser, das alles kühn von einer Burg bekrönt, die aus graulilafarbigem Duft sich stolz und unerbittlich in ihren reinen Konturen gegen den Himmel hob. So schön war dies alles, dass ich lange in schweigendem Entzücken stehen blieb.

Und doch ist dies noch nicht das Schönste, sagte plötzlich eine Stimme neben mir. Dies ist nur das große Schaustück – jedem zugänglich und darum für den Kenner schon nicht mehr ganz so kostbar. Es gibt noch feinere, seltsamere Dinge.

Ja, ich weiß, sagte ich, auf die Hügel deutend. Die wunderbar mystische Welt des Hradschins, die sich da oben auftun muss. Rudolf II., Tycho de Brahe, Rabbi Löw – welche Assoziationen!

Der kleine dürre, sorgsam und altmodisch gekleidete Herr mit dem ergrauenden Backenbart neben mir verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Bleiben Sie mir um Himmelwillen mit den Golemgeschichten vom Leibe. Wenn Romantik bis ins Kino dringt, ist sie keine Romantik mehr. Freilich – ich möchte vor Neid sterben, wenn ich bedenke, was das für ein Stoff war, den ich mir da entgehen ließ!

Ach, Sie sind Poet?

Kriminalist! sagte der andre und verbeugte sich höflich. Kammergerichtsrat … Er murmelte einen Namen. Die Welt des Unbelebten, Lebendiggewordenen ist meine Spezialität. Wenn es Ihnen recht ist, führe ich Sie ein wenig. Sie dürfen aber nicht böse sein, wenn ich Sie bitte, die großen Schau- und Glanzstücke für ein andermal zu lassen und mir in meine besondere Welt zu folgen.

Gewiss nicht, sagte ich, froh, einen so sachkundigen Begleiter gefunden zu haben. Wir schritten zusammen über die Brücke. Vor dem Steinbildnis Johann von Nepomuks blieb er stehen.

Dieser ist der Märtyrer der Diskretion, versetzte er. Er starb, weil er das Geheimnis einer Frau nicht preisgeben mochte. König Wenzel hat ihn in die Moldau stürzen lassen, weil er das Beichtgeheimnis seiner Gemahlin, der sicherlich sehr schönen Königin Johanna, nicht verraten wollte.

Was hat sie ihm denn anvertraut? fragte ich neugierig.

Ich weiß es nicht. Und wüsste ich’s, ich würde es ebenso wenig verraten, wie er es tat. Wie kommt es, dass der stille Mensch da oben nicht zum Lieblingsheiligen aller Frauen geworden ist? Es gibt doch keine Gerechtigkeit, nicht einmal nach dem Tode. Ihr Herzenswächter sollte er sein und hat es nur zum Brückenzöllner gebracht – das ist keine Laufbahn. Aber wenn ich irgendwo eine Bauersfrau sehe, die ihm einen bescheidenen Asternkranz oder einen Strauß roter Ebereschen zu Füßen legt, dann denke ich: endlich eine, die die Schuld abzutragen versucht, in der er schon so lange bei ihrem ganzen Geschlecht steht!

Wir gingen der Kleinseite zu, aber in der Tat schien mein Begleiter die schönen Dinge geflissentlich meiden zu wollen. Sehnsüchtig streifte mein Blick die wundervollen Fassaden der Paläste und der Kirchen, aber es nützte mir nichts. Die schönen Bauten wurden immer spärlicher und verschwanden schließlich ganz. Eine traurige, nüchterne Proletariergegend umfing uns, Fabriksschlote wurden sichtbar, und die schimmernde Welt der wunderbaren Brücke schien nie gewesen zu sein. Ein leises Misstrauen fasste mich gegen meinen Begleiter. Wohin lockte er mich? Hätte nicht sein Deutsch so kultiviert und nordisch rein geklungen, ich hätte auch an seinem Titel zweifeln müssen. Ich machte eine schüchterne Einwendung: Wollen wir nicht lieber umkehren? Ich wollte eigentlich in Prag etwas ganz andres sehen!

Wenn Sie es wünschen – bitte! Aber was ich Ihnen zeigen werde, dürften Sie in keinem gedruckten Führer finden.

Wir waren am Ende der Stadt angelangt, da wo spärliche Hafer- und Kartoffelfelder sich schon zwischen die Häuser drängen. Vor einer langen Mauer blieb mein Begleiter stehen. Ein Pförtchen sprang auf.

Die Welt, die uns nun umfing, war freilich eine ganz andre. Ein entzückendes Barockhäuschen stand vor uns, von einem wundervollen Garten umgeben, in dem man schattige Alleen, kokette Schäferszenen, aus Sandstein nachgebildet, ahnte. Nach rückwärts schien er sich in duftiges Waldgelände zu verlieren. Auch mein Begleiter war ein andrer geworden. Mit sonderbaren Bewegungen, die in den Gelenken wie gelöst schienen, mit einem Lachen, das etwas Skurriles hatte, eilte er auf das Haus zu. Nur heraus, Meister, rief er. Nur heraus! Dabei zog er einen Gegenstand aus der Tasche, ihn entwirrend, in dem ich mit Erstaunen eine seidene Strickleiter erkannte. Er war das obere Ende an ein Fenster. Oben fing es eine Hand auf, befestigte es, und alsbald schwang sich eine Gestalt herab.

Ich war gar nicht weiter überrascht, dass dieser kleine Herr eine gepuderte Zopfperücke trug und einen grünseidenen Frack mit edelsteinbesetzten Knöpfen. Schönen Dank, lieber Kammergerichtsrat, sagte er, allerschönsten Dank, dass Sie mir da heraushelfen. Und zu mir, mit einem lustigen Zwinkern seiner großen Augen und in unverfälscht älplerischem Dialekt: Eing’sperrt haben’s mich! Nutzt ihnen aber nix! Er schwang vergnügt sein Stöckchen und verschwand lachend in der grünen Gartenwildnis oder vielmehr sie nahm ihn auf und schlug hinter ihm zusammen.

Herrgott, wer war das nur? fragte ich. Er kommt mir so bekannt vor …

Kommen Sie, sagte der Kammergerichtsrat. Wir kletterten die Leiter hinauf und traten in ein kleines, reizendes Zimmer. Die hellen Möbel hatten geschweifte Beine und die Fenster blickten ins Grüne. Wie es tönt! Was klingt da so? fragte ich.

Hören Sie nur.

Ich lauschte. Immer deutlicher wurde das Tönen. Ich verstand es mit einem Male. Erschauernd hörte ich unsterbliche Akkorde:

Kennen Sie das? fragte der Kammergerichtsrat.

Ob ich es kenne! Wer wagte es, Schönes schön zu finden, und kennte dieses nicht! Aber was ist es, das da so tönt?

Das sind seine Gedanken, sagte der Kammergerichtsrat feierlicher als bisher. Die Menschen haben ihn hier eingesperrt, damit er sein Meisterwerk fertig komponieren sollte. Als ob dieses Meisterwerk nicht längst fertig wäre! In einer Nacht wird er das alles einmal aufschreiben und die Leute werden sich wundern, wie er das so schnell fertigbrachte. Als ob er seine törichten Freunde nicht nur hätte necken wollen! Als ob die wunderbare Kraft der Inspiration mit dem Mechanismus des Aufzeichnens in einem andern Zusammenhang stünde als in dem der Zufälligkeit! Aber das alles habe ich in meiner Kreisleriana schon so ähnlich gesagt.

Kreisleriana, sagte ich und griff mir an den Kopf. Aber natürlich, es stimmt, auch Sie sind Kammergerichtsrat – und jener Mann mit dem Zopfe …

Still, sagte er andre und fasste mich heftig am Arm. Entweihen Sie wunderbare, gewichtlose Stunden nicht durch irdische Namen, die nur unvollkommene, törichte Schilder sind, für Gedanken- und Gefühlskomplexe, die sie niemals ganz einschließen. Sie werden eines Erlebnisses seltener Art gewürdigt – müssen Sie das gleich in einen historischen Rahmen einfassen?

Verzeihen Sie, sagte ich, ich muss aber doch etwas Ordnung in meine Vorstellungen bringen. Jener Mann war Mozart, und dieses Häuschen ist natürlich die Bertramka, in die er eingeschlossen wurde, um die Ouvertüre zum Don Juan endlich fertig zu komponieren. Das ist ja eine ganz bekannte Anekdote. Sie aber, Gott weiß, wie Sie hiehergekommen sind, Sie sind niemand andrer als der von mir hochverehrte E. T. A. …

In diesem Augenblick knarrte das rostige Pförtchen der Mauer, vor der ich mich wieder, ich weiß nicht weiter wieso, befand. Ein kleines tschechisches Mädel trat heraus. Sie hielt meine Visitkarte in der Hand und sagte etwas, was ich nicht verstand. Ein paar zerlumpte Kinder halfen mit es verdeutschen: Die Herrschaften ließen bedauern, gerade heut sei die Bertramka nicht zu besichtigen.

Lelio schwieg. Nun und? fragte jemand aus der Gesellschaft.

Nichts mehr. Ich stand in einer ärmlichen Gasse, vor einer Mauer, irgendwo aus der Ferne kam der Duft karger Felder herüber.

Und Ihr Begleiter?

Der war natürlich nicht mehr da. Die Geschichte ist zu Ende.

Aber sie hatte ja gar keine Pointe?

Seit wann haben Erlebnisse eine Pointe? Nur erfundenen Geschichten wird irgendeine Moralität beigegeben. Da diese hier wahr ist, hat sie keine.

Wahr! sagte einer der Zuhörer und lachte. Sie haben selbstverständlich geträumt!

Natürlich! rief Lelio zornig. Das ist immer eurer Weisheit letzter Schluss. Unsre feinsten Erlebnisse sollen darauf zurückgehen, dass wir abends zu viel Käse gegessen haben oder auf der unrichtigen Seite gelegen sind. Was ich erzählte, war – für mich wenigstens – die vollste, unangreifbarste Wahrheit!

Noch eins – erlauben Sie, sagte der Gegner. Die literarische Forschung weiß nichts davon, dass Hoffmann – und niemand anders war wohl Ihr Kammergerichtsrat – jemals in Prag gewesen sein sollte. Wüssten Sie etwas Bestimmtes darüber anzugeben, es könnte für die Literaturgeschichte von Wert sein. Aber leider ist zu befürchten, dass nicht einmal Ihre Träume logisch und Ihre Annahmen ganz willkürlich sind.

Ich kann in Prag herumspazieren mit wem ich will, sagte Lelio heftig. Und Sie, verehrter Herr, hätte ich mir niemals zum Begleiter ausgesucht!


Textnachweis
Aus: Donauland. Illustrierte Monatsschrift, Heft 3, 1918, S. 272–274. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Zdenka Braunerová, In einem ruhigen Garten in der Kleinseite, 1905

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