Drei Gedichte

von Else Lasker-Schüler (1869–1945)

Morituri

Du hast ein dunkles Lied mit meinem Blut geschrieben –
Seitdem sind meine Lippen kalt und blass.
Du hast mich aus dem Rosenparadies vertrieben!
Ich musst’ sie lassen, alle die mich lieben.
Gleich einem Vagabund zieh’ ich fürbass.

Und in den Nächten wenn die Rosen singen –
Dann brütet still der Tod – ich weiß nicht, was …
Ich möchte dir mein krankes Herze bringen,
Den gift’gen Odem und mein mühsam Ringen,
Mein Weh und alles Kranke und den Hass.

Sehnsucht

Mein Liebster, bleibe bei mir die Nacht
Ich fürchte mich vor den dunklen Lüften.
Ich hab’ so viel Schmerzliches durchgemacht
Und Erinnerung steigt aus den Totengrüften.
Ich fürchte mich vor dem Heulen der Stürme
Und dem Glockengeläute der Kirchentürme
Vor all den Tränen, die heimlich fließen
Und sich über meine Sehnsucht ergießen.

Leg deinen Arm um meinen Leib,
Du musst ihn wie dein Kind umfassen –
Ich seh’ im Geiste ein junges Weib –
Das Weib bin ich – von Gott verlassen …
Mein Liebster, erzähle von heiteren Dingen!
Und ein Lied von Maienlust musst du singen!
Und herzige Worte und schmeichelnde sagen …
Damit sie die Raben des Schicksals verjagen.

Mein Liebster, siehst du die bleichen Gespenster?
Von mitternächtlichen Wolken getragen …
Sie klopfen deutlich ans Erkerfenster.
Ein Sterbender will »Lebewohl« mir sagen.
Ich möchte ihm Blüten vom Lebensbaum pflücken …
Und die Schlingen zerreißen, die mich erdrücken!
Mein Liebster, küsse, – küss’ mich in Gluten
Und lass deinen Jubelquell über mich fluten!

Phantasie

Ich schlummerte an einem Zauberbronnen
Die Nacht – und träumte einen stillen Traum –
Von Sternenglanz und Mondenblässe
Und silberhellem Wellenschaum.
Von dunkler Schönheit der Zypresse
Und von dem Glühen deiner Augensonnen.

Der Neumond kann sich nicht vom Morgen trennen –
Ich hör’ ihn mit den jungen Frauen scherzen. –
Im Tale blühen heiße Purpurrosen
Und Lilien, andachtsvoll wie heil’ge Kerzen
Und sonnenfarbig, goldene Mimosen
Und Blüten, die wie meine Lippen brennen …


Textnachweis
Aus: Das Magazin für Litteratur [sic], 69. Jg., Nr. 38, 1900, Sp. 666–667. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Juana Romani, Eine dunkelhaarige Schönheit, 1898

Die bleiche Nachbarin

von Carola Bruch-Sinn (1853–1911)

Sie wohnte Tür an Tür mit mir schon seit vierzehn Tagen, und nie noch hatte ich ihre Stimme gehört. Auch aus ihrer Wohnung drang nie ein Geräusch. Wenn sie mir zuweilen am Gange begegnete, hörte ich nie ihre Tritte; sie schien über den Fliesen zu schweben und hatte auch einen seltsamen Gang, der wie ein niederes Fliegen aussah. Sie neigte sich, stumm grüßend, vor mir und glitt vorüber wie eine segelnde Schwalbe. Sie war noch jung und hübsch, zart gebaut wie eine Sylphe, aber von einer erschreckenden Blässe des Gesichtes. Sie huschte mitunter über den Gang zur Wasserleitung, aber nur, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, ängstlich um sich spähend, ob niemand sie bemerke.

Als sie mir zum ersten Male begegnete, wandte sie rasch ihr Gesicht zur Seite, aber ich hatte dessen geisterhafte Blässe, die in ein fahles, totenähnliches Grau überging, trotz dieses Manövers bemerkt. Später versuchte sie es nicht mehr.

Sie lebte völlig allein und abgeschieden und empfing keine Besuche in ihrer bescheidenen Wohnung, die aus Zimmer, Kabinette und Küche bestand. Die Hausbesorgerin, die sie bediente und ihr das Essen aus dem Gasthause holte, war die einzige Person, die ihre Schwelle überschritt.

Dieses junge Wesen, das allem Anschein nach ganz verlassen und freudlos in der Welt dastand und, nach ihrer Blässe zu schließen, auch leidend zu sein schien, begann mir die regste Teilnahme einzuflößen. Ich befragte die Hausbesorgerin über sie.

»Krank?«, meinte diese erstaunt. »Das glaub’ ich nicht. Blass hab’ ich sie nie gesehen.«

Über weitere Fragen erfuhr ich, dass das junge Wesen sich unter dem Namen Serena Neri, Private, in den Meldzettel eingetragen habe, zweiundzwanzig Jahre alt, katholisch und ledig sei.

Allein meine Sympathie für das einsame junge Geschöpf mit dem süßen, todbleichen Gesichtchen, dem Elfenkörper und den schwarzen Rabenflechten, die ich einmal gelöst über ihren Nacken fluten gesehen wie einen dunklen Strom – sollte plötzlich einen argen Stoß erleiden. Ein Vorkommnis, bizarrer, als es sich die kühnste Phantasie träumen lassen konnte, verwandelte meine Gefühle für die interessante Straniera in Grauen, ja Entsetzen. Ich war eines Abends gegen meine Gewohnheit spät – gegen Mitternacht – aus einer Gesellschaft nach Hause gekommen. Vorsichtig über den schon dunklen Gang nach meiner Wohnung schreitend, musste ich an dem Fenster vorbei, das zu der Küche meiner interessanten Nachbarin gehörte. Zu meinem Erstaunen schimmerte mir durch die dünnen Vorhänge Licht entgegen.

»Sie ist noch wach! Vielleicht ist sie leidend, hilfsbedürftig!« Viel Teilnahme, gemischt mit ein wenig Neugierde, veranlassten mich zu der Indiskretion, durch das Fenster zu blicken. Was ich sah, machte mein Blut erstarren und trieb mir die Haare zu Berge.

Das schwache Licht drang aus dem Zimmer, dessen nach der Küche führende Tür geöffnet war, so dass der volle Einblick in das Gemach ermöglicht wurde. Dieses Zimmer – ich fuhr mit der Hand über die Augen – ich musste träumen oder eine gruselige Halluzination hielt mich in ihrem Banne! Dieses Zimmer glich einer Gruft. Die Wände ringsum schwarz verhängt und auf diesem dunklen Grunde grinsende Riesen-Totenschädel, auf kolossalen, gekreuzten Knochen gelagert.

Inmitten des Raumes aber stand ein offener Sarg, dessen nebenan liegender Deckel ein weißes Kreuz zeigte. Immer wieder fuhr ich mir über die Augen – es musste doch all das nur ein phantastisch toller Traum sein!

Jetzt begann es sich in dem unheimlichen Raum geheimnisvoll zu regen; weiße Schleier flatterten, es bewegte sich wie die Fittiche eines Riesenvogels in phantastischen Windungen um den Sarg herum. Es war eine formlose Gestalt, die eine Art Reigen tanzte in dem spukhaften Raum, und es war mir, als hätte sie ein unsichtbares Vis-à-vis. Denn augenscheinlich galten diese Bewegungen, die mich an das Flattern des »luftigen Gesindels« um den Rabenstein gemahnten, einer zweiten Gestalt, als wären sie die Antwort auf deren Gebärden, der stumme Verkehr mit ihr.

Jetzt wandte die Gestalt sich langsam nach der offenen Tür, schwebte in die Küche und kam auf das Fenster zu, hinter dem ich zitternd, zähneklappernd stand. Ich erkannte sie jetzt. Im langen, schleppenden Leichentuche, mit dem schwebenden Gang, das Antlitz fahler denn je – die Augen wie heiße Kohlen darin glühend – so kam sie mir nahe.

Ich taumelte vom Fenster zurück, tiefer ins Dunkel des Ganges hinein, aber mein Blick blieb gebannt, ich musste wider Willen durch das Glas starren.

Jetzt wandte sich die grässliche Erscheinung wieder nach dem Zimmer zurück. Sie warf jetzt mit einer wilden Bewegung die Arme empor, dass das Totenhemd wie im Winde flatterte; dann stürzte sie sich in den Sarg, dessen Deckel sich über ihr schloss. Gleichzeitig erlosch das bläuliche Licht und tiefes Dunkel umhüllte die grässliche Szene …

Ich wankte nach meiner Wohnung. Wie ich diese Nacht geruht, das frage mich niemand …

Ich beschloss, dem unheimlichen Treiben neben mir auf den Grund zu kommen oder – auszuziehen. Früher aber wollte ich neuerdings die Hausbesorgerin interpellieren und sie durch geschicktes Ausfragen zu einem Bekenntnis über das eigentliche Wesen meiner bleichen Nachbarin veranlassen.

»Ich glaube, das Fräulein neben mir war heute Nacht leidend; ich hörte sie im Zimmer umhergehen, und als ich nach Hause kam, sah ich noch Licht in ihrer Wohnung.«

»Ach nein, sie wird gelesen haben. Sie liest immer in den Romanbücheln, die ich ihr aus der Buchhandlung hol’.«

»So, so. Und sie arbeitet nichts, beschäftigt sich mit nichts?«

»Die hat’s nicht nötig.«

»Beneidenswert! Sie wird gewiss schön eingerichtet sein?«

»Nicht besonders. Sie hat ihr gutes Bett und ein paar Kästen, einen Waschtisch – was man halt so braucht.«

»Und im Kabinett?«

»Da hat sie nichts als ein paar große Koffer. Was drinnen ist, weiß ich nicht.«

»Mir ist, als hätte ich dunkle Vorhänge gesehen an den Fenstern!«

»Hat sie nicht. Nur die weißen Fahnerln vor dem Küchenfenster.«

»Und an den Wänden hat sie wohl schöne Bilder?«

»Sehr wenige. Eine heilige Maria und ein paar Photographien.«

»Sie sieht immer so schlecht aus – als wenn sie hungerte. Isst sie denn mit Appetit?«

»O ja, danke, sehr passabel. Ich bring’ ihr jeden Mittag zwei Speisen und abends Bier, und es schmeckt ihr alles ausgezeichnet. Es ist eine sehr liebe Fräul’n.«

»Aber warum sie nur so elend aussieht, wenn es ihr so gut geht?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Vielleicht war sie halt unwohl. Ich hab’ sie immer ganz frisch gesehen.«

Merkwürdig! Ich musste unwillkürlich an die südslawische Sage vom Vampir denken, der auch verschiedene Gestalten anzunehmen pflegt, um seine Opfer und die Umgebung zu täuschen. Und die interessante Signora Neri war wohl ein solches Doppelwesen?

Am selben Abend hörte ich plötzlich die schwermütigen Töne eines Harmoniums aus der Wohnung der bleichen Nachbarin dringen. Hatte die Hausbesorgerin dieses Instrument bei der Aufzählung des Inventars vergessen?

Signora Neri (oder eines ihrer Gespenster) spielte gedämpft einen Totenmarsch. Wahrlich, die geeignetste Musik zu ihren anmutigen, munteren Tänzen.

Mir ward es nachgerade unerträglich in der Wohnung; trotzdem es schon spät war, kleidete ich mich an um auszugehen. Als ich aus der Tür trat, öffnete sich die meiner Nachbarin, und ein eleganter Herr schritt heraus. Eine hohe Gestalt, ganz in Schwarz gekleidet, dunkles Haar, bleiches Gesicht und ein Paar glühende Augen. Er machte mir eine feierliche Reverenz.

»Vampir Nr. 2!«, sagte ich mir. »Auch dieses Inventarstück scheint die biedere Hüterin des Hauses und seiner Geheimnisse übersehen zu haben, so wie das Harmonium, den Sarg und die Totenschädel. Sehr interessant, aber ich ziehe, wie in der Kunst, den Realismus bei weitem dem Mystizismus vor – auch bei der Nachbarschaft. Morgen werde ich die Wohnung kündigen.

*  *  *

Der Morgen kam und mit ihm die Hausbesorgerin, die mir ein zusammengefaltetes Papier brachte, »mit einer schönen Empfehlung von dem Fräulein nebenan und Herrn Bruder, der gestern angekommen.«

Ich schlug das Blatt auseinander und las:

»Zaubertheater der Geschwister Neri im Blumensaal. Heute den 26. März erste Vorstellung. Geistererscheinungen à la Kratky-Baschik von Professor der Magie Luigi Neri und Serena Neri

I. Abteilung: Die Schöne und der Tod. – Das Leben im Sarge. – Der Kampf mit den Skeletten. – Der Tanz der Gerippe.

Apparate nach den neuesten Erfindungen auf dem Gebiete der Zaubertechnik.

II. Abteilung: Der entlarvte Spiritismus. – Das wunderbare Medium. – Die Hellseherin. – Erscheinungen im Dunkelzimmer.

Alles auf natürlichem Wege erklärt.

Um den werten Besuch bitten ergebenst

            Geschwister Neri.«


Textnachweis
Aus: Österreichische Illustrierte Zeitung, 28. Mai 1899, S. 2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, In einem weißen Kleid, 1890

November im Englischen Garten

von Josefa Metz (1871–1943)

Greisenhaft stehen die Baumgruppen auf dem Teppich ihrer welken Jugend, der sich rostrot vom hellen Grün der Rasenflächen hebt. Diesem Grün, dem der Reif, der es in der Frühe übersilbert, noch nichts von seiner Leuchtkraft nehmen kann.

Zwischen gelb-braunen Laubrüschen und farblosen Astgerippen liegt grau, mit weißlichen und violetten Lichtern, der Kleinhesseloher See. Die Schwäne, die flimmernde Kielfurchen durch seinen fahlen Spiegel ziehen, sehen aus, als seien sie soeben aus der Nymphenburger Porzellanmanufaktur gekommen: weiß und neu und künstlerisch. Sie machen Frage- und Ausrufungszeichen mit ihren langen Hälsen, und die stumme Bitte des goldenen Schnabels, den sie mit königlicher Gebärde vorstrecken, bedeutet ein bescheidenes: »Nichts zu essen?« – Die Enten sind weniger königlich und weniger bescheiden. Sie verlassen ihr feuchtes Logis und watscheln dem Spaziergänger entgegen. »Was heißt denn das?!«, schnattern sie ihn an, »denkst du, weil’s jetzt kalt wird, hätten wir keinen Hunger mehr, Bazi, elendiger?!« Also heraus mit dem Brot aus der Paletottasche! – – Ein kleines Mädel mit einem Korb am Arm sagt: »Bitt schön, i hab’s vergessen. Da herin sind Eier, die könnt’s ihr nit fressen, die tut ihr ja selber legen.« – »Faule Ausreden!«, schnattern die Enten, aber das kann das kleine Mädchen nicht verstehen.

Eine blasse Sonne schiebt das Gewölk beiseite. Schräg über den See fällt ein bleicher, metallischer Schein. Die Trauerweiden stehen wie gekämmte Struwelpeter, viele ihrer gelben Haare mussten sie schon lassen. – Auf den schwarzen Reitwegen dumpfes Aufschlagen, helles Vorüberblitzen. Rhythmische Geräusche, die langsam verstummen. Der chinesische Turm gleicht einem vergessenen Sommerhut: verbraucht, verbogen, fortgeworfen.

Über das tote Kinderkarussell könnte man Tränen vergießen. Vornehm blickt der Monopteros auf Garten und Stadt. Er wird das Geheimnis der vielen Stelldicheins, die er überdacht, gut bewahren, ebenso wie die Sprüche und Namen, die seine Säulen wenig schmücken. Ein bunter Papierfetzen liegt auf seiner untersten Stufe. Vielleicht der Überrest eines gewiss einst stolzen und schönen Drachens, dem der Flug nach den Höhen schlecht bekommen ist. Die Kinderbänke stehen vereinsamt, nur ein paar hungrige Spatzen unternehmen dort Forschungsreisen nach unsichtbaren Zielen.

Das fröhliche Jankerl, die sportliche Joppe wurden verdrängt von ängstlich geschlossenem Überzieher, selbstbewusst flatterndem Havelock, schwer hängendem Kapuzenmantel. Die Lust des Sommers ist erschlagen, die Fröhlichkeit des Winters noch nicht erwacht. Ein Dämmerzustand herrscht im Garten, den erst der kommende Schnee siegreich brechen wird. Doch auch in diesem fahlen Traumzustand ist der liebe Garten schön und reizvoll. Blicke gibt’s da über rote Büsche, auf schlanke, weiße Türme, auf die Isar, die ihr lichtes Grün durch den sterbenden Wald trägt, festlich und unbekümmert. Ein früher Mond taucht seine Sichel in das ernste Dunkelbraun einer Buche, die einsam steht. Die entkleideten Sträuche tragen zwischen spärlichen Blättern schwarze Beeren mit bläulichem Schmelz, wie köstliche Perlen.

Auf glitschigen Wegen, über denen es schon dunkelt, geht einsam ein Student. Ein unbekanntes Heimweh beschleicht ihn, eine uneingestandene Sehnsucht. Er prunkt mit einem leichten Sommerpaletot, aber die blauroten Hände verraten ihn. Frierend taucht er sie tief in die Taschen. Die Stadt ist ihm kein verschlossenes Buch mehr, er hat sie rasch durchblättert, hat viele, noch nicht weit zurückliegende Gymnasiastenträume verwirklicht. Aber nun kommt so eine tote Stunde, die erste im ersten Semester …

Da schreitet es leicht federnd daher: braune Stiefelspitzen, das sanfte Dunkelblau eines fußfreien Rockes … die reizende Erfüllung eines unbewussten Wunsches. – Ein strammes Zusammennehmen, ein kurzes Rücken des Hutes: »Darf ich vielleicht … gnädiges Fräulein sind so allein … vielleicht begleiten …? schon etwas dunkel …« Ein halbes Nicken. Dann in gemeinsamem Schweigen geht es dahin. Das Laub raschelt, die Enten quarren.

»Es fängt schon an, kühl zu werden?«

»Ja.«

»Nun ist der Winter bald da.«

»Ja.«

Pause.

»Man kann sich einen Schnupfen holen.«

»Ja.«

Pause.

»Haben … gnädiges Fräulein vielleicht … schon einen … Schnupfen?«

»Nein, danke.«

Pause.

»Man muss sich sehr in acht nehmen, hier in München.«

»O ja.«

Pause.

»Gnädiges Fräulein sind auch nicht von hier?«

»Nein.«

»Wie gefällt es gnädigem Fräulein denn hier … in München?«

»O, es macht sich.«

»Gnädiges Fräulein sind auch … Norddeutsche?«

»Ja.«

»Ah, das ist aber ein glückliches Zusammentreffen.«

Pause.

»Haben gnädiges Fräulein schon viel gesehen?«

»Es geht.«

»Theater?«

»Nur im Deutschen.«

»So, so.«

Pause.

»Sind gnädiges Fräulein vielleicht Studentin?«

»O nein!«

»Aber bei der Kunst?«

»Auch nicht mal.«

»Hm.«

»Nun, es ist ja nicht … unumgänglich notwendig … etwas … zu sein … ich meine …«

Tiefe Pause.

»Frieren gnädiges Fräulein auch so?«

»Nein, danke, mir ist warm.«

»So? Ach.«

»Gott sei Dank, da ist er! Ich hatt’ ja so ’ne Angst in dem ekligen dunklen Garten!«

Braune Haken, ein fußfreier Rock von sanftem Dunkelblau …

Unerträglich, wie die Enten so schnattern! Und das faule Laub riecht abscheulich. Und dann diese Kälte! Und eigentlich war sie ein ganz stupides Subjekt. Nächstens wird man die Sache anders anfangen.

Was soll man nur essen heute Abend? Wurst von zuhause und zwei Rollmöpse? Oder schlemmen gehn? Kalbshaxen mit Kraut. Geschwollene Wollwürste? … Vornehm sieht der Monopteros herab auf den dunkelnden Garten, die Stadt, in der die Lichter sich entzünden. Der Novemberwind bläst auf den bunten Papierfetzen auf der untersten Stufe, und der, in dem Wahn, er sei noch der einstige stolze Drache, bläht sich und hebt sich, dreht sich um sich selbst, ohne doch die Höhe zu erreichen, und taumelt zwischen die frierenden Reiser eines nackten Strauchs.


Textnachweis
Aus: Jugend. Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1909, Heft 49, S. 1175–1176. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Elisabeth von Eicken, Herbstlandschaft

Drei Gedichte

von Sophie Albrecht (1756–1840)

Lied auf dem Kirchhofe

Sei leiser hier, du meines Kummers Klage,
Und seufze nur, was mich zu Gräbern beugt;
Verzeiht – verzeiht, ihr Toten, dass ich’s wage
Zu jammern, wo des Schmerzes Stimme schweigt.

Nichts kann der Gräber stolze Ruhe stören,
Der Friede wohnt im stillen Schattenreich;
Drum will ich heilig eure Täler ehren,
Ach! er, mein Herzensfreund, wohnt unter euch.

Mein Freund, der wieder all die süßen Bande,
Die längst die Welt von meinem Herzen riss,
Sanft knüpft’ und mir im finstern Wechsellande
Elysiums ewig daurend Glück verhieß.

Die heiße Stirn gelehnt am kalten Steine,
Der meiner Trauer stummen Hügel deckt;
Rinnt sanft, ihr Tränen! wie im Frühlingshaine
Des Morgens Tau, der junge Rosen weckt.

Sie fließen nicht, dich Freien zu beklagen,
Der nicht im Kerker der Verwesung wohnt;
Dir jauchz’ ich zu, dem nun nach schwülen Tagen
Das kühle Wehn der Dulderpalme lohnt.

Dort seh ich dich den großen Morgen feiern,
Der nur an jenem Purpurufer tagt;
Wohin keins von des Lebens Ungeheuern
Durch Gottes Wachen sich hinüberwagt.

Nur mir, nur mir Gesunknen rinnt die Zähre,
Nur mich Verlassne klagt dies Tränenlied;
Mir ist die Welt nur eine öde Leere,
Wo mir allein kein stiller Hügel blüht.

Er deckt mit dir auch alle bleiche Schrecken,
Die Gruft und Tod mir einstens schaudernd gab;
So muss die Nacht den jungen Morgen wecken,
Du starbst – und Heimat wird mir Tod und Grab.

Umschlungen unsrer schönsten Hoffnung Büste
Späh ich, ob bald der Kahn herüber schwimmt,
Der mich von der Verwesung schwarzen Küste
Zu dir – zu dir, mein Freund, hinüber nimmt.

Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe

Leise wie das Lispeln junger Bäume,
Wenn der erste West sie wiegt,
Sei der Inhalt aller eurer Träume,
Die ihr hier im kalten Staube liegt;
Leicht mög’ euch des Todes Dunkel decken,
Graus und Schrecken fliehe eure Gruft,
Bis Gott wird den schönen Tag erwecken,
Der einst Leben in die Gräber ruft.

Lied auf dem Kirchhof zu singen

Vergebens weht die Frühlingsluft
In diesen Todeshain,
Vergebens streut die Rose Duft
Ums modernde Gebein.

Ach! keine Liebesstimme ruft –
Und keine Träne weckt
Sie aus der öden dunkeln Gruft,
Wo lange Nacht sie deckt.

Wach auf! Wach auf! Posaunenton!
Komm, letztes Morgenrot!
Zerstöre der Verwesung Thron,
Und scheuch den starken Tod.

Weck auf, was in der Erde schlief,
Was längst vermodert lag,
Was keine Träne wiederrief,
Weck auf, du großer Tag!

Komm, lass uns ewig Frühling wehn
Und düften Rosenduft
Und unsre längst Getrennten sehn
In neugeborner Luft.


Textnachweis
Aus: Sophie Albrecht, Gedichte und Schauspiele, Dresden 1791, Teil 2, S. 65–66 (Lied auf dem Kirchhof zu singen), Teil 3, S. 32–35 (Lied auf dem Kirchhofe), S. 85 (Auf dem St. Heinrichs-Kirchhofe). (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Constance Marie Charpentier, Melancholie, 1801

Geisterspuk

Novellette von Martha Asmus (1844–1910)

Der Herbstwind fuhr durch die Straße und trieb Regen und welke Blätter an die Fensterscheiben.

Nach zwei Jahren der Examen-Studien wieder zu Hause bei Großtantchen!

Johanna drückte sich behaglich in den alten Großvaterstuhl und ließ sich ohne Widerrede von dem Großtantchen bedienen. Sie hatte es ja fast vergessen, wie das Rostbrötchen hergerichtet und wie der Tee aufgegossen werden musste. Ja, richtig! So hatte es Großtantchen immer gehalten: nicht viel von den China-Blättern, aber ein Stückchen Vanillestange in den Teetopf! Großtantchens gutes, runzliches Gesicht strahlte über dem feinen, uralten Teeservice, und ihre Kinnladen machten einige unmotivierte Kaubewegungen, als sie die heißen Brötchen mit Butter bestrich.

»Ja, siehst du«, sagte sie, »so hat es dir doch nie geschmeckt in der ganzen Zeit.«

Nein, wirklich! Und dazu das ganze alte Heim! Diese Wände mit den rotbraunen Sammettapeten, das tafelförmige Klavier, der rote Ripssofa mit dem Großtantchen darauf, der hochlehnige Großvaterstuhl, in dem sie selbst saß, und da in der Ecke ihr einstiges Kinderschränkchen, hinter dessen Glastüren jetzt ihre Seminarbücher standen. Johanna war es wie im Traum, und die Berliner Anstalt, die sie heute erst verlassen hatte, lag wie in weiter Ferne hinter ihr.

Nur ein Wesen fehlte: das alte Faktotum Barbara mit ihrer weißen Küchenhaube um das kleine spitze Gesicht; ihr Gehen und Kommen fehlte, ihr Einmischen in die Gespräche, ihr leises Stöhnen, mit dem sie ihre Atemzüge zu begleiten pflegte. Außerdem war alles wie sonst.

Wie sonst tickte die alte Wanduhr mit den Hängegewichten, und wieder sprach Großtantchen, leise und etwas heiser, wie sonst.

»Ich sehe doch nicht ein, warum du wieder fort willst. Nun Barbara nicht mehr hienieden ist – du weißt, heut ist’s gerade ein Jahr. –«

»So? Gerade heut?«, sagte Johanna traurig. »Die gute Barbara!«

Aber Großtantchen fuhr etwas hastig fort: »Und du hast es doch nicht nötig!«

»Nein!«, sagte Johanna träumerisch. Dann richtete sie sich aus ihrer zurückgesunkenen Stellung empor und atmete tief auf. »Aber es hat mich nötig! Ich habe Pflichten gegen die Welt. Die neue Zeit will die Kräfte ihrer Kinder nützen.«

»Na ja, du weißt ja, dass ich dich nicht hindern will. Wenn es zu deinem Glück ist. – Du kannst ja wohl hier nicht leben, wo’s nichts für dich zu tun gibt. Zu den jungen Mädchen in den Leseverein passest du nicht mehr. –«

Johanna sagte: »O, deshalb –!« Dann lachte sie aber doch kurz auf –

»Und von unserm Nähverein und den Kaffees wirst du auch nichts wissen wollen.«

Johanna lachte wieder, und doch tat ihr Großtantchen leid. Ihre alten trüben Augen sahen über die große Brille hinweg so gespannt nach einem Widerspruch aus. Enttäuscht richteten sie sich wieder auf das Strickzeug, das Großtantchen nach dem Einschenken der Tassen vorgenommen hatte.

Nein, Johanna hatte sich bereits gebunden, im neuen Semester eine Stelle als Lehrerin in einem bekannten Berliner Institut anzutreten. Sie schilderte Großtantchen das Leben, das sie dort erwartete, ihre zukünftige Tätigkeit, ihren anregenden Umgangskreis. Es sollte ein frisches, freudiges Schaffen, Weiterstreben und Wachsen werden.

Großtantchen hörte halb bewundernd, halb eingeschüchtert zu. Ganz zufriedengestellt aber war sie, als Johanna schloss: »Wenn ich mich völlig eingelebt habe, dann kommst du zum Besuch, und wenn es dir gefällt, dann trennen wir uns nie mehr.«

Sie – in Berlin! Na, daraus würde wohl nichts werden, dachte Großtantchen. Das Beste davon war, dass ihr altes kleines Mädchen doch nicht ohne sie sein mochte.

Sie nahm die Brille ab und wischte daran herum. Dann brauchte sie das Taschentuch in ihrer alten unhörbaren Weise, setzte die Brille wieder auf und strickte eifrig fort.

Der Herbstwind fuhr durch die Straße und trieb Regen und welke Blätter an die Fensterscheiben.

Unter dem Plaudern war es spät geworden. Großtantchen und Johanna saßen noch auf ihren Plätzen. Es gab so viel zu reden über Vergangenheit und Zukunft.

Johanna hatte hin und wieder nichts gegen eine kleine Pause, in der sie wie träumend umher sah. Mochte Großtantchen dann immerhin einmal das Strickzeug sinken lassen und etwas tief mit dem Kopfe nicken. Unbeschadet setzte das Geplauder lebhaft und traulich wieder ein.

Da fuhr plötzlich Großtantchens Kopf aus seiner hängenden Lage mit einem Ruck in die Höhe. Scheu sah die alte Frau hinter sich.

»Was war das?«, flüsterte sie.

»Ich weiß nicht!«, sagte Johanna gleichgültig, »ein sonderbares Geräusch, nicht wahr?«

»Wo?«, fragte Großtantchen leise.

»Da, nebenan, in meiner Schlafstube. Es klang fast wie menschliches Seufzen. Wahrscheinlich der Wind. – Was ist dir, Großtantchen?«, rief sie plötzlich lachend, »du fürchtest wohl Gespenster?«

»Bst! Um Gotteswillen!« Großtantchen nahm die Brille ab, faltete ihr Strickzeug zusammen und legte beides in ein Körbchen. Behutsam, um jedes Geräusch zu vermeiden, und mit einem bekümmerten, ergebenen Ausdruck.

»Großtantchen, ist es möglich?«

Die alte Frau stand auf. Mit einem verstörten Blick nach der Tür winkte sie Johanna zu schweigen.

Die Stille wurde durch zwölf laute Schläge der Wanduhr unterbrochen.

Gleich darauf stöhnte es tief auf in der Nebenstube. Zitternd und kreidebleich stand Großtantchen da.

Johanna wurde ungeduldig. »Frage doch deine Vernunft, Großtantchen! Wovor fürchtest du dich denn? Vor irgendeinem Toten? Das ist doch –«

Großtantchen zog Johanna dicht zu sich und flüsterte ihr ins Ohr: »Es war um diese Stunde. Gerade jetzt vorm Jahr.«

»Und deshalb?! Meinst du wirklich, dass ihr Geist –«, unwillkürlich flüsterte Johanna auch.

»Sie findet keine Ruhe ohne mich!«

Nun lachte Johanna laut auf. »Ich glaube, Großtantchen, du schmeichelst dir zu viel. Warum spukt sie denn nicht in deiner Schlafstube, sondern in meiner?«

»Ach, du weißt doch, das Bild, das du von ihr gezeichnet hast, mit der spitzen Tollenhaube, das hing doch immer über meiner Kommode. Das hab’ ich da weggenommen und in deine Schlafstube gehängt.«

Die alte Frau stieß ein leises Wimmern aus. Deutlich kam ein Echo aus Johannas Schlafgemach.

»Deshalb?«, sagte Johanna ärgerlich, »und ich glaube, weil ich dem Wind das Fenster aufgemacht habe. Es gibt keine Geister!«

Großtantchen faltete die Hände. »Sprich nicht so gottlos, Johanna! Davon wissen die Berliner auch nicht mehr als wir.«

Johanna, die ein Licht angezündet hatte, ging der Tür zu. Da vergaß Großtantchen alle Scheu. »Um Gotteswillen, schlaf nicht da drin!«, rief sie entsetzt.

Johanna sagte nur: »Ich hätte dich für aufgeklärter gehalten.« Dann ging sie hinein.

Als Johanna die Tür hinter sich geschlossen hatte, begann Großtantchen sich zu beruhigen. Sie hörte menschliche Schritte in dem Gespensterraum hin- und hergehen, Schubladen öffnen und schließen, zuletzt ein Liedchen summen. Da nahm sie ihr Körbchen, und mit einem halblaut gesprochenen Gebet ging sie in ihr Schlafzimmer.

Johanna lag noch lange wach. Sie konnte sich nicht so bald beruhigen. Immer sah sie Großtantchens verstörtes Gesicht vor sich und hörte ihre wimmernden Laute.

Wie fremd war sie doch in zwei Jahren in ihrer alten Welt geworden! Ihre eigene Großtante! Noch Zeitgenossen, nur zwei Generationen entfernt, und schon war es ihnen nicht mehr möglich, sich zu verstehen. Großtantchen glaubte an Geisterspuk! An wandelnde, seufzende Geister! Ein unmöglicher Begriff! Das war ja das reine Mittelalter! Nein, hierher gehörte sie nicht! Sie kam sich wie verirrt vor und sehnte sich in ihre eigene Welt der neuen, goldenen Morgenröte.

*

Es war ein Jahr später. Johanna hatte keine Zeit gefunden, Großtantchen wiederzusehen. In Berlin schien es, als ob die Erde zu schnell um die Sonne kreiste. Das Jahr war zu Ende und die Ausführung aller Wünsche und Pläne noch im Rückstande. Im Sommer waren Ausflüge mit neuen Bekannten gemacht worden. Nun war es wieder Herbst. Beim Rückblick auf den vorigen war die Welt doch sonderbar verändert. Da waren neue Verhältnisse, neue Freunde, neue Anschauungen. Johanna schien sich selbst verwandelt, andere Sinne, andere Fähigkeiten gewonnen zu haben.

Ein blasser, herbstlicher Morgensonnenstrahl fiel auf die Chaiselongue, auf der Johanna aus ihrer Nachtruhe erwachte. Sie dehnte sich lässig, verschränkte die Arme im Nacken und starrte sinnend in die Helle der Fenster, die auf einen weiten, lichten Hofgarten führten. Die Taschenuhr auf dem Stuhl vor Johannas Lager hatte ihr die volle achte Stunde gezeigt. Welche Wonne, noch im Bett zu sein, statt zu unterrichten!

Da kam die Aufwärterin herein, schloss das Fenster, das die Nacht über offen gewesen war, und machte Feuer im Ofen. Als sie sah, dass Johannas Augen blinzelten, sagte sie: »Ich glaube, die alte Dame wacht!«

»Was, Großtantchen?« Johanna sprang auf, warf einen Schlafrock über und tappte leise an die Tür ihrer Schlafstube. Da drin war Großtantchen einquartiert und hatte ihre erste Nacht in Berlin verbracht. Wirklich! Das Schlüsselloch verdunkelte und erhellte sich bei dem Hin- und Hergehen eines Etwas dahinter. Johanna öffnete die Tür.

Fast gar nicht geschlafen hatte Großtantchen. Die Pferdebahnen und die Droschken fuhren ja immerzu, und Nacht wurde es überhaupt wohl nicht in Berlin. Aber das tat nichts. Ein Mittagsschläfchen sollte es wieder gut machen. Großtantchen fühlte sich jung wie ein Backfisch. Sie freute sich auf die Bildergalerien, das Panoptikum, die Theater und die Schaufenster. Sie wollte sich mehrere Garderobestücke kaufen. Im Nu war sie fertig, und während Johanna den Toilettentisch benutzte, besah und bewunderte Großtantchen die Wohnstube, aus der die Aufwärterin die Schlafdecken fortgenommen hatte, und die nun elegant und wohnlich aussah. In der Nähe des Ofens war ein Frühstückstisch arrangiert, an dem Johanna einige Minuten später vergnügt ihren Gast bediente.

Sie machten eben ihren Tagesplan, für den vor allem die großen Warenhäuser mit den bekannten Namen in Aussicht genommen waren, als Johanna ein Brief eingehändigt wurde. Nachdem sie ihn gelesen hatte, rief sie fröhlich: »Und damit sind die Außengenüsse für heute vorbei! Am Abend geht’s hier innen los. Meine besten Freunde haben sich angesagt.«

Großtantchen sah etwas unruhig aus. »O, sie werden dir gefallen! Sie kennen dich auch schon bis ins Kleinste. Es ist ein Ehepaar und die Schwester der Frau. Sie beschäftigen sich viel mit dem Seelenleben. Sie beschreiben das wissenschaftlich. Weißt du, wie man –«

Aber Großtantchen sprach bereits dazwischen. Sie fragte, ob sie das Schwarzseidene oder das Grauwollene anziehen sollte, und nach einigem Hin- und Herreden wurde für das Schwarzseidene entschieden.

*

Gefallen würden sie ihr, hatte Johanna gesagt, aber Großtantchen fand, dass das nicht das rechte Wort war. Sie konnte sich nicht so schnell an all das Sonderbare gewöhnen. Zu Hause, in ihrem Verein, hätte man einfach über diese Menschen gelacht. Schon die Trachten! Die Frauen trugen lose Gewänder, Johanna auch. Herr Mallwitz hatte eine Art Joppe an und hackenlose Schuhe. Und auch die Haarfrisuren sahen absonderlich aus. Das Haar war tief über die Ohren weggescheitelt. Fräulein Bieler trug sogar ihr hellrotes Haar ganz offen herunterfallend, darüber hinweg, wo sonst die Taille abschloss. Großtantchen kam das alles etwas unpassend vor. Sie atmete öfter tief auf und drehte sich hin und her, dass ihre feste Seidenkorsage knarrte und knackte, und stolz strich sie über die korrekt genähten Falten ihres Rockes.

Und diese Unterhaltungen bei Tisch! Nichts vom gewohnten Leben und Treiben! Von der Zubereitung der kleinen Teekuchen, die Großtantchen so gut schmeckten, wusste Frau Mallwitz nichts. Sie könne gar nicht kochen, verstand Großtantchen, aber sie mochte nicht genauer fragen. Auch waren bereits Gespräche im Gange über unentdeckte Seelenfähigkeiten. Johanna sprach erregt, und ihre Augen glitzerten unruhig. Mit Frau Mallwitz geriet sie in ein eifriges Streiten über den Astralleib, das Od, die Suggestion und andere Dinge, von denen Großtantchen noch nie gehört hatte. Johanna musste ihr später all die Worte wiederholen. Jetzt schwirrten sie nur so an ihrem Ohr vorbei, ohne haften zu können. Zudem wurde ihre Aufmerksamkeit von ihrem Nachbar in Anspruch genommen, der ihr von seinen Beobachtungen aus der »vierten Dimension« sprach. »Die Toten sind für mich lebendiger als die Lebenden«, sagte er.

Großtantchen überlief ein geheimes Gruseln, das aber von Johannas plötzlichem Auflachen verscheucht wurde. Auch Frau Mallwitz lächelte, und Johanna warnte sie vor Eifersucht. Da erst merkte Großtantchen, dass sie, in ihrer Eingenommenheit, unwillkürlich die schwarzen Haare ihres Nachbars zurückgestrichen hatte, die ihm fast in die träumerisch halbgeschlossenen Augen hingen. Und nun küsste er ihr sogar die Hand mit einem Lächeln, das, anstatt lustig und mokant zu sein, etwas Ernsthaft-Schwermütiges hatte! Großtantchen konnte sich nicht zurechtfinden.

Fräulein Bieler war sehr schweigsam. Blass und nervös lehnte sie in ihrem Stuhl, aß wenig und nichts von dem, das gelebt hatte wie sie. So drückte sie sich aus auf Großtantchens verwunderte Frage, als sie den Teller mit dem appetitlichen Aufschnitt immer weiterreichte, ohne davon zu nehmen.

Die Unterhaltung über die unverständlichen Dinge war immer lebhafter geworden. Zuletzt wurden Beweise für die Behauptungen auf beiden Seiten gefordert und angeboten. Man erhob sich hastig. Johanna klingelte der Aufwärterin, mit der sie den Tisch anfasste, um ihn in die Küche zu tragen. Da griff aber schon Herr Mallwitz zu. Alles ging so schnell, dass Großtantchen noch ihr »Gesegnete Mahlzeit« knixte, als sie bereits niemand mehr an ihrer Seite hatte. Sie beeilte sich, in den Kreis zu kommen, der sich um ein kleines Tischchen schloss.

Lautlose Stille trat ein. Die Spitzen der Endfinger ruhten übereinander auf der Tischplatte. Großtantchen fand es nicht recht passend, dass Herr Mallwitz dabei zwischen Johanna und seiner blassen Schwägerin stand. Aber niemand schien dabei etwas zu finden. Und wirklich, es dauerte nicht lange, so fing der Tisch an zu schwanken. Alle sahen starr und feierlich aus, und Großtantchen schrie vor Angst plötzlich laut auf.

Natürlich war die magnetische Wirkung dadurch gestört. Aber man machte gute Miene zum bösen Spiel. Die Tatsache war ja doch festgestellt: Der Tisch hatte »gerückt«. Alle waren in einer begeisterten Erregung. Großtantchen machte mit, obwohl sie leise Gewissensbisse hatte, denn was war das anderes als Zauberei? Aber sie war nun einmal mittendrin und wusste nicht, wie sie sich herausziehen sollte. Sie beschwichtigte die warnende innere Stimme mit allerlei Ausreden. Es war ja doch harmlos gemeint, eine Art Gesellschaftsspiel.

Fräulein Bieler bewies sich als wunderbares »Medium«. Einer nach dem andern fand die versteckten Gegenstände mit verbundenen Augen, wenn sie nur ihre Finger um das Handgelenk der Suchenden legte. Nur Großtantchen weigerte sich hierbei standhaft, sich zu einem Versuche herzugeben. Freilich war ihr das Ersatzspiel, das die Bresche füllte, auch nicht recht. Wie konnte Johanna sich von Herrn Mallwitz am Handgelenk herumführen lassen! Er verstand es auch sichtlich nicht so gut wie Fräulein Bieler, denn es dauerte viel länger, bis Johanna den Gegenstand fand.

Der Abend war schon weit vorgerückt, und die Spiele wurden immer wunderbarer. Etwa um Mitternacht wurde, nach Angabe der Frau Mallwitz, die Beleuchtung des Zimmers auf einen Punkt gedrängt. Der übrige Teil blieb in tiefem Dämmer. In der Helle, die das Licht der halbumhüllten Lampe warf, ruhte mit geschlossenen Augen das todblasse Fräulein Bieler. Ihr Haar leuchtete wie helles Gold um sie herum. Frau Mallwitz stand, von einer Draperie verborgen, neben ihr und richtete Fragen an sie. Eintönig und feierlich klangen die kurzen Sätze durch die Stille und Dunkelheit.

Die ruhende Gestalt veränderte sich. Sie sah bald nicht mehr aus wie die Gefährtin der Abendunterhaltungen. Ein fremdes Wesen schien sich dafür eingetauscht zu haben, das sich nur ihrer Hülle bediente, um sichtbar zu werden. Der Ausdruck der Züge und die Stimme gehörten nicht Fräulein Bieler an.

Was sie in sonderbar gequälten Tönen, die sich ihr wider Willen zu entringen schienen, antwortete, verstand Großtantchen nicht. Entweder war es eine fremde Sprache oder die Ausdrücke waren ihr so unbekannt, dass sie für sie eine sinnlose Aneinanderreihung von Worten bedeuteten. Johanna und Herr Mallwitz aber folgten mit der größten Spannung den Vorgängen. Einmal hörte Großtantchen den Namen »Sokrates« von seinen Lippen kommen. Bald darauf sagte Johanna voll Andacht: »Nietzsche!«, und in seliger Vergessenheit stammelte sie: »Wirst du uns wieder gehören?«

Aber das beunruhigte die Verzückte. Sie warf sich hin und her, und ihr Gesicht drückte physische Pein aus. Die Hand der verborgenen Fragerin wurde sichtbar und strich beruhigend über die liegende Gestalt hin. Da wurde Fräulein Bieler wieder still. Nach einer Weile fing sie plötzlich an aufzustöhnen, aber in einer kurzen behaglichen Art, und dann fragte sie in klagend vorwurfsvollem Ton nach den Wirtschaftsschlüsseln. Da antwortete von den Zuschauern her ein Seufzer: »Barbara!«

In dem Augenblick rief Johanna: »Genug, genug! Bitte, aufhören!« Herr Mallwitz sprang hinzu und riss die Verhüllungen von der Lampe, und seine Frau weckte ihre Schwester. Johanna aber hielt das ohnmächtige Großtantchen im Arm, und alle außer dem erschöpften Fräulein Bieler bemühten sich um ihre Wiederbelebung.

*

Eine Stunde später waren die Spuren des abendlichen Treibens verschwunden, und das Wohnzimmer war zur Nacht hergerichtet. Aber Johanna saß noch am Bett von Großtantchen, die sich in den Kissen aufgerichtet hatte und eine Tasse Pfefferminztee schlürfte.

»Ja, ja, alles ist wieder gut! Lass nur und sorge dich nicht mehr! Aber ich bitte dich, lass die Zauberei! Es ist schlimm genug für uns arme Menschen, dass es Geisterspuk gibt. Warum ihn auch noch herbeirufen?«

Johanna zuckte plötzlich zusammen, als habe das Wort sie körperlich getroffen. Deutlich sah sie den Spukabend in Großtantchens Hause vor sich. Damals hatte Großtantchen die Nervenerregungen für Geisterspuk gehalten, heute hatte sie, die Verstandesstolze, dasselbe getan. Sie hörte kaum, was die liebe alte Frau noch sagte, nur die leis klagende, heisere Stimme klang ihr zu Herzen. Immer spärlicher und müder fielen die Worte. Großtantchen war im Einschlafen. Sorglich rückte Johanna die Kopfkissen zurecht, schob ihr die Wärmflasche an die Füße und deckte das Federbett um sie herum. Dann sagte sie ihr zärtlich Gutenacht und löschte das Licht.

Sie ging in ihr Zimmer und öffnete das Fenster zum Schlafen. Da sah sie über den Bäumen des Gartens einen mattroten Streif aufdämmern. Grauweiße Wolken lagerten darüber. Johanna glaubte deutlich die Gestalt einer Sphinx zu erkennen. Unerreichbar thronte sie über der Morgenröte. Ihre weißen Augen sahen mit stolzem Mitleid herab, und ihre Lippen bewegten sich. Höhnisch schwirrte es vor Johannas Ohren:

»Geisterspuk! Geisterspuk!«


Textnachweis
Aus: Das Magazin für Litteratur [sic], 69. Jg., Nr. 38, 1900, Sp. 633–637, 663–666. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Blick aus dem Fenster, 1900

Ritter Aage und Jungfrau Else

von Luise von Plönnies (1803–1872)

Es war am Maientage, die Glocken hallten laut,
Da freite Ritter Aage schön’ Else, seine Braut.

Und als sie sich umschlungen, da blühten die Rosen all,
Da hat ihr Lied gesungen die holde Nachtigall.

Ein Monat ist verflossen, die Rosen fallen ab,
Das Glück ist all genossen, Herr Aage ruht im Grab.

Viel heiße Tränen rollen von Elsens Aug’ herab,
Wohl durch die braunen Schollen, hinunter in sein Grab.

Eine Träne ist gesunken ihm auf das tote Herz,
Als wie ein glüh’nder Funken – da wacht er auf voll Schmerz.

Die Lieb’ hat aus den Banden des Grabes ihn befreit,
Da ist er aufgestanden, zur mitternächt’gen Zeit.

Er hat den Sarg genommen wohl auf die Schulter fein
Und ist damit gekommen bis vor ihr Kämmerlein.

»Schließ auf die Tür, Geliebte, dein Liebster, der ist nah,
Schließ auf die Tür, Betrübte, der Bräutigam ist da!«

»Sprich aus des Heilands Namen, wie sonst lass ich dich ein.«
Herr Aage der sprach Amen und trat ins Kämmerlein.

Das waren sel’ge Wonnen, er lag an ihrer Brust,
Das Leid war all zerronnen, versunken in der Lust.

Sie strich auf seinem Haupte mit goldnem Kamm das Haar,
Für jedes, das sie raubte, fiel eine Träne klar.

»O du Herzliebster, sage, wie ruht sich’s in dem Grab?« –
»Wenn du lächelst«, spricht Herr Aage, »dann fallen Rosen hinab.«

»Doch wenn ich weine, sage, fühlst du’s in deinem Grab?« –
»Wenn du weinest«, spricht Herr Aage, »tropft es wie Blut herab.«

Sie schmiegt in Lust und Leide sich fester an ihn an.
»Horch, Zeit ist’s, dass ich scheide, es kräht der rote Hahn.

Jetzt müssen alle Toten zurück zum Erdenschoß.«
»Lass kräh’n den Hahn, den roten, ich lass dich nimmer los!« –

»Es kräht zum zweiten Male, das ist der schwarze Hahn,
Jetzt wird im Morgenstrahle der Himmel aufgetan.

Lass mich den Sarg erheben und folgen dem Gebot!«
»Ach Liebster, nimm mein Leben und gib mir deinen Tod!«

Mit seinem Sarge schreitet Herr Aage aus dem Haus,
Von seinem Lieb begleitet, in dunkle Nacht hinaus

Zum Kirchhof, durch den dunkeln und langen Tannenwald.
»Sieh, wie die Sterne funkeln, zur Stelle sind wir bald.«

Sie treten aus dem Walde, der Kirchhof ist erreicht;
»Herr Jesu, wie ist balde dein golden Haar gebleicht!«

Sie treten zur Kapelle im blassen Mondenstrahl;
»Herr Jesu, wie so schnelle wird deine Wange fahl!«

»Süß Lieb, du darfst nicht weinen, schlag auf dein Augenpaar,
Sieh wie dort oben scheinen die Sterne hell und klar.«

Sie lässt die Blicke fliegen empor in blaue Luft,
Indes ist er gestiegen hinab in seine Gruft.

Sie sah ihn nimmer wieder, ging heim in stillem Gram,
Bald legte man sie nieder zu ihrem Bräutigam.


Textnachweis
Aus: Ignaz Hub (Hg.), Deutschland’s Balladen- und Romanzen-Dichter. Von G. A. Bürger bis auf die neueste Zeit, zweite, gänzlich umgearbeitete und stark vermehrte Auflage, Karlsruhe 1849, Bd. 1, S. 672. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Marguerite Godin, Griseldis, 1894

Was es kostet

von Selma Lagerlöf (1858–1940)

Gerade jetzt, während ich in die Arbeit vertieft dasitze, flammt im Nordwesten ein feuerroter Sonnenuntergang. Der Tag war regnerisch und grau gewesen, aber eben erst zeigte sich ein schmaler Streif klaren Himmels unten am Horizont. Er kam gerade noch zur rechten Zeit, damit ich einen Schimmer des Sonnenballs erhaschen konnte, bevor er hinter den blauen Höhen hinabglitt. Jetzt benutzen ihn die Sonnenstrahlen, um zu den Wolkenrücken emporzugleiten und sie mit Blut und Purpur zu umrahmen. Das ganze Firmament nimmt sich wie eine ungeheure Seidenbahn aus, mit Rot gerändert. Zu unterst, vor allem in der Nähe der Stelle, wo die Sonne eben versank, ist das Rot vorherrschend, da laufen die roten Streifen so dicht zusammen, dass der graue Grundton verschwindet. Höher oben wir die Moirierung spärlicher, und im Zenit sieht man nur ein paar roter Spritzerchen. Der große Pinsel, der die ganze Himmelswölbung malen zu wollen schien, ist zu verschwenderisch gewesen. Die Farbenschale ist schon geleert. Für die östliche Himmelswölbung blieb nichts übrig.

Die Glut und der Strahlenglanz haben mich verlockt, die Feder hinzulegen und an das Fenster zu treten. Aber mit einem kleinen Seufzer kehre ich bald zum Schreibtisch zurück. Ich musste daran denken, dass es denen, die mit Feder und Tinte arbeiten, fast nie gelingt, eine solche Herrlichkeit zu beschreiben. Man mag sein Allerbestes tun, es kommt doch äußerst selten vor, dass man das Interesse des Lesers zu fesseln vermag. Denken Sie sich, dass Sie in einem Buch auf eine lange Beschreibung eines Sonnenuntergangs, einer Abendröte stoßen. Gestehen Sie ehrlich, dass Sie sie am liebsten überspringen. So mache ich es wenigstens.

Der Fehler muss jedoch irgendwie an dem liegen, der dies schildert. Etwas so Bezauberndes wie eine Abendröte muss sich so beschreiben lassen, dass sie dasselbe Entzücken wie beim Beschauen auslöst. Es lässt sich schon machen, aber es gilt die rechte Art zu finden.

Ich erinnere mich, dass zu der Zeit, als ich als Lehrerin in Landskrone lebte – also vor etwa fünfunddreißig Jahren – im »Südschwedischen Tagblatt« eine Folge von Naturschilderungen erschien, die die größte Bewunderung aller Leser erregten. Sie waren selten mehr als eine Spalte lang, überaus konzentriert und mit einer erstaunlichen Sicherheit und Eleganz geschrieben. Sie erschienen anonym, aber es war leicht zu sehen, dass der Verfasser wissenschaftliche Bildung besaß. Und doch schilderte er keine fremden Weltteile und Länder, er gab nur jede Woche eine Übersicht über die Witterung und die Vegetation eines Landstriches an der Öresundküste. Er verfolgte das Auftauchen der Wiesenblumen, er zählte sie auf, so wie sie sich im Frühling zeigten oder im Herbst verschwanden, er kündigte die Ankunft der Zugvögel an, er behielt Kriechtiere und Insekten der Erde im Auge sowie die Maneten, Seesterne und Krabben, die an den steinigen Strand gespült wurden. Vor allen Dingen aber beschäftigte sich der Anonymus mit der Himmelswölbung, den Wolken, den Regenbogen, den Gewittern und den Sonnenuntergängen.

Alles ließ darauf schließen, dass er sich in der Helsingborger Gegend aufhielt, also nur einige wenige Meilen nördlich von Landskrona. Man konnte sagen, dass derselbe Himmel sich über ihm wölbte wie über uns, dass dieselben Wolkenbildungen über seinem Kopfe dahinstrichen wie über unserem.

Aber dennoch griff man jedes Mal eifrig nach der Zeitung, wenn einer seiner Artikel darin stand, um von Regenschauern oder Federwölkchen oder von den Farbenschattierungen der Abendröte zu lesen. Wir hatten ja genau dasselbe gesehen, aber wir hatten nicht herausgefunden, wie merkwürdig, wie interessant alles war, ehe dieser Mann uns die Augen öffnete.

Haben Sie den Sonnenuntergang an diesem und diesem Abend beobachtet?, konnte er fragen, und darauf folgte ein ganzes Drama. Eine Wolke zog auf, wurde beschrieben, in Positur gestellt, dann kam eine zweite, eine dritte, eine vierte, bis der ganze Abendhimmel von einer drohenden Wolkenburg umgeben war. Wenn sie glücklich zur Stelle und geordnet waren, begann das Spiel der Strahlen, Farbe ging in Farbe über, sie kämpften und wurden besiegt. Das Wasser des Sunds und die schöne dänische Küste bekamen auch ihr Teil von den Schattierungen und Stimmungen ab, nicht eine Nuance des ganzen Schauspiels ging dem Leser verloren.

Man erkannte ja alles wieder, aber das Bild ward um so viel reicher und klarer, als unsere eigenen Sinne es zu erfassen vermocht hatten.

Man darf sich nicht denken, dass diese Schilderungen poetisch im hergebrachten Sinne waren, Der Anonymus bediente sich weder großartiger Bilder noch hoher, klingender Worte. Seine Zaubermacht bestand in etwas ganz anderen. Er zwang einen, das, wovon er sprach, zu erleben. Es nahm uns mit hinaus ins Freie. Man fühlte sich von der Abendbrise umfächelt. Man hatte die Regenschauer oder die Gewitter dicht über sich. Man schaute mit seinen eigenen Augen diesen violetten oder bronzegrünen oder zitronengelben oder goldnen Sonnenuntergang.

Aber dies, dass wir sozusagen an seinen Wanderungen teilnahmen, dass wir gleichsam an seiner Seite Muscheln und Pflanzen sammelten, machte es wohl, dass wir gern gewusst hätten, wer er war. Wir nahmen so eifrig an seinen kleinen Freuden teil, wir waren stolz auf seine Entdeckungen! Wer war er denn, dieser Mann der Wissenschaft mit der gewandten Feder, dieser Sonnenuntergangsanbeter, dieser Wortmaler?

Es konnte eigentlich nicht schwer sein, die Lösung des Rätsels zu finden. Nur auf ganz wenige Menschen konnte ja die Beschreibung passen: wissenschaftlich geschulter Beobachter, künstlerisch ausgebildeter Schriftsteller, auf dem Lande ansässig, in der Nähe von Helsingborg.

Aber wie wir auch nach ihm fahndeten, der Mann war nicht zu entdecken.

Da halfen wir uns selbst. Wir nahmen an, dass der Unbekannte jung war, er hatte sich noch keinen Namen machen können, deshalb konnte man ihn nicht aufspüren. Und wir dachten ihn uns als einen neuen Linné, fröhlich, schön, strahlend und genial. Wir waren überzeugt, dass wir bald von reden hören würden. Wenn er fertig war, wenn er in der ihm eigenen lebensvollen Art das Ergebnis seiner Forschungen darlegte, dann würde unser Land einen neuen großen Gelehrten haben, auf den es stolz sein könnte.

So hofften wir im Stillen, als auf einmal die Artikel ganz aufhörten. Einige Tage später erzählte das »Südschwedische Tagblatt«, dass der Anonymus, der die vielbeachteten Artikel auf der Helsingborger Gegend geschrieben hatte, gestorben war.

Die Zeitung brachte auch einige kurze biographische Notizen. Der Mann mit der wissenschaftlichen Schulung, der eleganten Darstellungsweise war ein alter ehemaliger Student. Der hieß Frederikson und hatte wohl nie daran gedacht, dass dieser Name irgendwelche Berühmtheit erlangen könnte. Eine Zeitlang hatte er in Lund studiert, aber die Hochschule verlassen, ohne Prüfungen abzulegen. In späteren Jahren war er, wie man so sagt, menschenscheu geworden; überaus arm, wie er war, und ungeneigt, jemandes Hilfe in Anspruch zu nehmen, hatte er in der letzten Zeit in einer verlassenen Hütte irgendwo am Sund gehaust. Es sah beinahe aus, als glaubte die Zeitung, dass er an Entbehrung, Hungers gestorben war.

Also der Meister der schönen Sonnenuntergänge war kein neuer Linné. Wir hatten ihn uns als einen ruppigen, alten, verbummelten Studenten zu denken, menschenscheu und herabgekommen.

Sein einziger Umgang war die große, freie Natur gewesen, seine einzige Freude hatte darin bestanden, dem Wechsel der Jahreszeiten zu folgen. Die einzige Herrlichkeit, die er vor Augen gehabt hatte, war die Abendröte gewesen. Ein schöner Sonnenuntergang hatte das große Ereignis in seinem armen Leben bedeutet.

Aber das ist es vielleicht, was nottut. Nur das, was höheren Wert für uns hat als irgendetwas sonst auf der Welt, kann man wohl in der richtigen Weise schildern.


Textnachweis
Aus: Neues Wiener Journal, 6. Jan. 1926, S. 3–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Schwedischen von Marie Franzos (1870–1941).

Titelbild
Detail aus: Marie Luplau, Abendstimmung bei Fredensborg, 1898

Der Student und der Besenbinder

von Grazia Deledda (1871–1936)

Es war im Oktober.

Auf der roten Weinbergmauer hockte der Studiosus Lixia und blickte in die raue, melancholische Landschaft hinaus, die ihm, wenn er fern war, doch manchmal so ungestümes Heimweh erweckte. Die einförmige, mit Besenkraut bewachsene Hochebene erstreckte sich bis zum Horizont, nur unterbrochen von einer hellen, steilen Landstraße und roten, mit rostfarbenem Moos bedeckten Felsen. Über dem dunklen Grün der Heide erschien der Himmel graublau. Das Getriller einer Lerche war der einzige Ton in der schweigenden Öde.

Was für ein melancholisches, unglückliches Land ist doch Sardinien, dachte der Student. Während die ganze Welt sich bewegt und fortschreitet, ist diese Insel tot. Und was noch nicht gestorben ist, ist dem Tode nahe; wie dieser Weinberg meines Vaters, das einzige, was noch grün ist in dieser Öde, an der Phyllorera zugrunde geht. Im nächsten Jahr werden nur noch die Mauern vorhanden sein, und ich kann den Weinberg nicht erneuern, denn ich verstehe nichts davon. Aber wer kommt da? Ach! Zio Pascale. Nun ist das Bild vollständig, denn der Alte mit seinem melancholischen Gesicht sieht aus, als ob er aus verrostetem Eisen wäre. Wahrhaftig! Wenn ich ein symbolistischer Maler wäre, so würde ich diesen Alten zwischen zwei Besensträuchern malen, einen roten Felsen und den bleichsüchtigen Himmel, und darunterschreiben: Sardinien.

Der alte Besenbinder kam langsam näher, und der Student vernahm Stöhnen und unterdrücktes Husten. Vielleicht hatte Zio Pascale das Fieber und phantasierte, denn jetzt hörte Lixia, wie er leise, doch in vorwurfsvollem Tone vor sich hin sprach: »Maria Annicca, warum hast du das getan? Wusstest du nicht, dass er ein steinreicher Mann ist? Ach! Was wird jetzt aus mir, mein heiliger Francesco!«

»Zio Pascale!«, rief der Student.

Der Alte, der eben mit seiner kleinen Sichel einen Besenstrauch schnitt, fuhr in die Höhe, als ob er aus einem Traum erwache, und hielt die Hand über die eingesunkenen Augen.

»Bist du eine Seele aus dem Fegefeuer?«

»Seht Ihr mich denn nicht?«

»Ach! Du bist der Sohn Batore Lixias. Gott segne dich, mein Herz. Ja, ich sehe nicht mehr recht, du kamst mir vor wie eine Wolke.«

»Was macht Ihr, Zio Pascale?«

»Ich schneide Besen. Und du bist jetzt ein Doktor, nicht wahr?«

»Noch nicht. Und was tut Ihr mit den Besen?«

Der Alte stöhnte und hustete krampfhaft; dann sagte er demütig, fast furchtsam: »Die bringe ich nach Nuoro zum Verkauf.«

»Jeden Tag?«

»Ach nein! Ja, als ich noch die Kraft hatte, als ich zwanzig, dreißig Jahre alt war. Aber jetzt …«

»Wie alt seid Ihr jetzt, Zio Pascale?«

»Achtzig …, nein, neunundsechzig, warte, mehr …«

»Neunundsiebzig?«

»Ja, es fehlt noch eins an neunzig.«

»Also Ihr wollt sagen, dass Ihr näher an hundert seid als an zwanzig, nicht wahr? Seid Ihr immer Besenbinder gewesen?«

»Immer! Aber sage mir, bist du jetzt am Hof des Königs angestellt?«

»Noch nicht, Zio Pascale! Vielleicht mit der Zeit … Wen habt Ihr bei Euch? Ihr scheint mir doch krank zu sein?«

»Krank, krank, sehr krank, mein Herzenskind. Ach, der Husten! Es ist, als ob ich hier in der Brust und im Halse eine Säge hätte, die beständig arbeitet. Ich habe auch deinen Vatergekannt, weißt du? Er war ein guter Mann … ach! … dieser Husten …«

»Aber warum nehmt Ihr nicht etwas dagegen, Zio Pascale?«, fragte Lixia, von Mitleid erfüllt über den Zustand des Alten.

»Was sollte ich wohl nehmen? Ich habe es mit der Medaille von Santu Pascale versucht, mit gekochten Königskerzen, mit Pflastern … alles habe ich versucht … aber willst du wissen, was es ist? Es ist der Tod.«

»Wen habt Ihr denn bei Euch?«, wiederholte der Student und setzte sich auf der Mauer zurecht. Der alte Besenbinder fing an, ihn zu interessieren; er kam ihm vor wie der echte Vertreter einer ihm unbekannten Rasse. Und doch – wie oft hatte er, bevor er zur Universität ging und während der Ferien, den alten Mann gesehen und hundert andere Angehörige jener, der menschlichen Gesellschaft unbekannten Rasse, die selbst nichts davon weiß, dass auch sie dazu gehört?

»Seit wie vielen Jahren seid Ihr schon Besenbinder?«

»Seit vielen, vielen Jahren, habe ich dir gesagt«, erwiderte der Alte mit einer Bewegung, die eine unabsehbare Ferne bedeutete. »Ich war zehn Jahre alt, als ich zuerst nach Nuoro ging, Besen verkaufen; auch mein Vater war Besenbinder, und auch mein Sohn. Einmal, als er müde war, immer und immer zu Fuß zu gehen, warf er einem Pferde auf der Weide einen Strick um den Hals und setzte sich darauf. Und da kamen zwei Carabinieri, die einen Banditen suchten: Du hast das Pferd gestohlen, sagten sie. Er widersprach. Aber die zwei Carabinieri, die vielleicht Angst hatten, dem Banditen zu begegnen, fassten meinen Sohn, banden ihn und führten ihn ins Gefängnis.«

»Ihr seid doch schlau, Zio Pascale!«, bemerkte der Student; aber der Alte hustete, dass ihm die Augen aus dem Kopfe traten, und hörte die Bemerkung nicht. Als der Anfall vorüber war, sprach Zio Pascale weiter, und wie er so dastand, mit der Sichel in der Hand, erschien er wie das Abbild eines elenden Todes.

»Ach, San Francesco mio, was für ein entsetzlicher Husten! Ja, und mein Sohn starb im Gefängnis und hinterließ mir seine beiden Kinder.«

»War er denn verheiratet?«

»Er war Witwer. Ja, zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Der Junge ging mit einem umherziehenden Schlosser fort und ich sah ihn nie wieder. Das Mädchen, Maria Annicca, trat bei dem Bürgermeister in Dienst. Kennst du Marcu Virdis … he, kennst du ihn, den Geldsack?«

»Eh, er ist mein Onkel! Nun?«

»Nun, Geduld! Das Mädchen war das Licht meiner Augen. Aber sie war leichtsinnig. Sie bekam einen Sohn von ihrem Herrn. Hatte sie es denn nicht gewusst, dass Marcus Virdis ein steinreicher Mann war, der sie nie heiraten würde? Ach, San Francesco mio! Der Herr wird ihr verziehen haben, wie ich ihr verzieh.«

»Wo ist sie denn jetzt? Ach … mir scheint, ich habe schon davon gehört! Sie ist gestorben, nicht wahr?«

»Gestorben.«

»Und ihr Sohn?«

»Ist bei mir, aber er ist sehr böse, ein kleiner Teufel! Mag nicht arbeiten, mir nicht helfen, nichts. Was wird aus ihm werden, ohne Eltern, arm und ganz allein?«

»Zio Pascale«, sagte der Student begeistert, »darum macht Euch keine Sorgen! Die Welt geht vorwärts. Drüben über dem Meer, auf dem Festland wollen die Menschen alle gleich werden; in zwanzig, dreißig Jahren, vielleicht noch eher, wird es keine Armen und Reichen mehr geben; das heißt, alle werden arbeiten und alle werden bequem zu leben haben. Auch hier in Sardinien wird das kommen. Sorgt Euch also nicht um Euren Enkel; wenn er alt sein wird, wird er sich nicht so elend dahinschleppen durch die öde Heide, in Gefahr, einsam zu sterben.«

Der Alte hörte zu und schüttelte traurig den Kopf.

»Ach! Glaubt es nur«, fuhr der Student noch eifriger fort. »Die Zeiten ändern sich. In der ganzen Welt, und also auch hier in Sardinien, wird es keine Armen mehr geben, keine Übeltäter, keine Schufte wie mein Onkel Virdis und keine Carabinieri. Hier, wo jetzt nur Heide wächst, werden dann Weinberge und Obstgärten sein …«

»Ach!«, sagte der alte Besenbinder erschrocken, »die Weinberge und die Gärten gehören doch den Reichen, die Armen werden nie etwas haben, und dann also noch nicht einmal mehr Besensträucher … Ach, San Francesco mio!«

Der Student breitete die Arme aus und blickte verzweifelt gen Himmel. Sie können es nicht einmal verstehen, sie sind gar keine Menschen …

»Schenkst du mir etwas?«, fragte der Besenbinder endlich.

Doch seinen Grundsätzen getreu, weigerte der Student ihm ein Almosen.

»Der Bursche ist verrückt!«, dachte der Alte.


Textnachweis
Aus: Die Sonntags-Zeit. Belletristische Beilage zu No 288 der Wiener Tageszeitung ›Die Zeit‹, 19. Juli 1903, S. 1–2. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Italienischen; Übersetzer*in unbekannt.

Titelbild
Detail aus: Tina Blau, Steine, Erde, Gras (Studie zum Gemälde An der Friedhofsmauer)

Frau Asta

von Regine Mirsky-Tauber (1865–?)

Frau Asta war schön, jung und reich, somit eine der gefeiertesten Salonlöwinnen der Hauptstadt. Sie war lebenslustig, ja noch mehr: lebenshungrig. Und ihr Gatte, ein sehr wunderlicher alter Herr, konnte die Leere in ihrem Herzen nicht ausfüllen. Er bemühte sich auch gar nicht mehr darum; sein ganzes Interesse galt nur noch seiner reichen und wirklich sehenswerten Münzensammlung, in welcher es viele Seltenheiten, ja sogar Unika gab. Er hatte seine Frau recht lieb, hatte ihr aber trotzdem (oder vielleicht eben deshalb?) stillschweigend gestattet, sich ihr Leben ganz nach ihrem Belieben gestalten zu dürfen. – – – Und Frau Asta machte von dieser Erlaubnis ebenso ausgiebigen als – vorsichtigen Gebrauch. Denn die Welt durfte nichts erfahren. Frau Asta hatte unter den Söhnen der Großstadt Umschau gehalten und sich einen Herzensfreund erwählt, der ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Zehe war. Er war sehr, sehr diskret, und es fiel kein Makel auf das Haus des alten Edelmannes; die Dehors wurden peinlich gewahrt.

Jeden Donnerstag hatte die Dame des Hauses ihren Jour, da stellte sich die elegante Welt der Hauptstadt gern ein, um zu flirten und zu medisieren, um in den tonangebenden Salons des Hauses zu sehen und gesehen zu werden. Aber außerdem empfing sie noch ab und zu ihre Intimsten zu einem behaglichen Plauderstündchen. Ihr bevorzugter Haus- und Herzensfreund war Herr von Berger, ein schneidiger Offizier. Diese Verbindung hatte schon mehrere Jahre gedauert, und die Welt hatte nichts zu lästern gefunden, denn das Paar benahm sich sehr korrekt und – beweisen ließ sich nichts; da ging man denn stillschweigend über dieses Seelenbündnis hinweg. Doch nun war Herr von Berger von Wien versetzt worden, weit weg nach Bosnien. – – –

Und abermals war Frau Asta auf der Suche nach einem Herzensfreund. Diesmal sollte es aber kein Offizier sein, sondern ein Zivilist. Die sind verlässlicher, weil sesshafter.

Zu den Gästen des Hauses zählte auch der beliebte Frauenarzt Dr. Hart, ein gediegener, fester Charakter, dabei ein sehr hübscher und geistreicher Mann. Nur er schien ihr würdig, den verwaisten Platz in ihrem liebesdurstigen Herzen einzunehmen. – Er war auf einen Wink der Hausfrau zurückgeblieben, alle anderen Gäste hatten sich schon entfernt.

»Kommen Sie morgen um fünf Uhr auf eine Tasse Tee zu mir. Mein Gatte reist nach München zur großen Münzauktion bei Helbing; Sie wissen ja, die Sammlung des Grafen Sporck kommt unter den Hammer. Ohne meinen Gatten mag ich nicht in Gesellschaft gehen, und allein würde ich mich daheim entsetzlich langweilen. Sie kommen doch?«

Schweigend verneigte sich der junge Arzt. Ein vielsagender Blick der Dame streifte ihn und wurde von ihm erwidert. Er küsste ihr die schmalen, brillantengeschmückten Hände, dann entfernte er sich, die Brust von freudiger Erwartung geschwellt. –

Tags darauf. –

Sie hatten den Tee eingenommen und gerieten ins Plaudern. Sie waren ganz allein.

Und da kam es, wie es bei solchen Gelegenheiten zu kommen pflegt: Ein Blick hinüber, herüber und – schon hatten sie sich zu einem Kuss gefunden. – –

»Meine Süße, Geliebte, sei mein, ganz mein!«, jubelte er beglückt, indem er das schöne Weib fester an sich drückte.

Allein sie entwand sich ihm behänd und sagte:

»Nicht eher, als bis Sie mir den vollen Beweis Ihrer Liebe geben.«

»Welchen? Ich bin zu jedem Opfer bereit.«

»Wirklich?«, fragte sie lauernd, indem sie ihn mit ihren großen, stahlgrauen Augen durchbohrend ansah und seine Hände ergriff.

»Ich wünsche vorher zu wissen, ob Sie …«

»Sage mir du, mein Liebstes!«, und abermals zog er sie fester an sich.

»Du, du«, sagte sie lächelnd, indem sie sich an seine Schulter lehnte. »Sage mir also, hast du mit meiner Freundin Mimi ein Verhältnis gehabt? Ja oder nein?«

Betroffen und scheu trat er einen Schritt zurück.

»Nein, was fällt dir nur ein?«

Aber sie stampfte mit dem Füßchen.

»Ich will die Wahrheit wissen, die volle Wahrheit?«

Er war bleich geworden, und eine kleine Narbe auf der Stirn trat grellrot hervor. Er kämpfte einen schweren Kampf.

»Ich muss es wissen, das ist der Liebesbeweis, den ich von dir verlange! Geh, Schatz, sage mir doch die Wahrheit, ich bitte dich.«

Und abermals schmiegte sie sich weich an ihn, so dass er ihr reiches, goldblondes Gelock küssen konnte.

Er kämpfte noch immer mit sich.

Das schöne Weib, das im Begriffe war, sich ihm ganz zu geben, war auch zu verführerisch!

Sie musste sein werden um jeden Preis!

»Ja«, presste er heiser hervor, »sie war wirklich meine Geliebte.«

»Und der Beweis? Ich muss Beweise haben«, sagte sie hastig.

Da zog er aus einer gestickten Brieftasche, offenbar einem Geschenk von zarter Hand, ein Bild heraus, Mimis Bild …

Und am Rande des Bildes sah sie in Mimis charakteristischer Steilschrift die Worte stehen: »Mit tausend Küssen deine Mimi.«

Sie starrte schweigend auf das Bild. – – –

Ein kalter, abweisender Zug prägte sich auf ihrem Antlitze aus.

»Herr Doktor, Sie haben die Probe schlecht bestanden. Wenn ich mir je einen Herzensfreund erwählen sollte, dann müsste ich mich unbedingt auf seine Diskretion verlassen können!«

Dann schellte sie dem Stubenmädchen.

»Der Herr Doktor wünscht seine Oberkleider.«

Und mit einer förmlichen Verbeugung zog sich Frau Asta in das Nebenzimmer zurück …


Textnachweis
Aus: Die Muskete, Bd. II, Nr. 39, 28. Juni 1906, S. 307. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Titelbild
Detail aus: Olga Boznańska, Porträt von Janiny Dygatówny, 1904

Die Erbtochter von Bouzas

von Emilia Pardo Bazán (1851–1921)

Ich werde den Schauplatz der folgenden Ereignisse nicht mit peinlichster Sorgfalt und Genauigkeit bezeichnen. Wer sich für novellistische Topographie interessiert, dem genüge es, dass Bouzas ebenso gut in der pittoresken Gegend von Bercia liegen kann wie hinter den Schroffen und Klüften des Barco de Baldeorras zwischen der Sierra de la Eucina und der Sierra del Ege. Jedenfalls gehört Bouzas jenem ursprünglichen schönen Galizien an, das vor zwanzig Jahren noch nicht entdeckt war.

Wer hat dort nicht die Erbtochter gesehen? Wer kennt sie nicht noch als kleines Kind, wie sie an heißen Sommerabenden hoch oben auf dem Maiswagen mit fliegendem Haar in den väterlichen Gutshof einfuhr? Größer geworden, ließ sie sich oft auf einem ungesattelten Klepper sehen, ohne anderes Geschirr als eine Strickhalfter. Sie und ihr Reittier waren wie ein Stück. Um aufzusitzen, hielt sie sich an den Mähnen fest oder stützte die Hand auf den Rücken des Pferdes: ein Sprung, und sie war oben. Mit einem Hasel- oder Tamariskenzweige, den sie sich abgeschnitten hatte, fuchtelte sie dem Gaul um die unruhigen Ohren, und im Galopp ging’s dahin an den steilen Ufern des Sil.

Als die Erbtochter ein fertiges und vollkommenes Weib war, machte ihr Vater die Reise nach dem klassischen Markte von Monterroso, wo sich alle ländlichen Sportsmen versammeln. Da handelte er für sein Mädel eine hochbeinige, lebhafte Stute ein, einen andalusischen Mischling – einen Sprossen des Regierungsgestüts, und um das Geschenk zu vervollständigen, ein reiches Sattelkissen und ein silbernes Geschirr. Und die Erbtochter, die sich mit Kleinigkeiten nicht abgab, brauchte keinen englischen Sattel – von denen man überhaupt in Bouzas nichts weiß – und leitete ohne Stallmeister, der sie unterwiesen, ohne Reitknecht, der sie gestützt hätte, ihr Reittier mit der Geschicklichkeit und Kraft einer mythischen Zentaurin.

Ich fürchte sehr, wenn irgendein ehrenfester Bürger von Madrid unverhofft nach Bouzas gekommen wäre und das große Mädchen allein durch Wald und Feld hätte reiten sehen, er würde mit würdevollem Ernste gesagt haben, dass Don Remigio Padornin de las Bouzas seine einzige Tochter zu einem Mannweibe erziehe. Und ich möchte gern sehen, was für eine Miene eine sächsische Instituts-Vorsteherin zu den Inkonvenienzen der Erbtochter machen würde. Wenn sie Durst hatte, stieg sie ruhig vor einer Schänke an der Heerstraße ab und ließ sich ein Glas Wein reichen. Zu Zeiten machte es ihr Spaß, ihre Kräfte mit den Schäferbuschen und Ackerknechten zu messen, und gar manchem beugte sie das Handgelenk, manchen warf sie zu Boden. Nicht selten half sie den Heuwagen beladen oder sie pflügte mit dem besten Ochsenpaare des väterlichen Stalles. Auf dem dörflichen Tanzboden, bei Ernte- und anderen ländlichen Festen tanzte sie wie ein Kreisel mit ihren eigenen Taglöhnern und Pächtern, indem sie, wie Königinnen tun, den herbeirief, der ihr gefiel. Und es gefielen ihr die hübschesten und behändesten Burschen.

Gleichwohl würde man eher Flecken am Himmel erblickt haben als Schatten an der rauen Tugend der Erbtochter. Ihr galt kein anderer Moralkodex als der Katechismus, den sie in der Kindheit gelernt hatte; er genügte ihr aber, um den Gebrauch ihrer wilden Freiheit zu regeln. Streng katholisch, hörte sie täglich die Messe im Sommer wie im Winter, betete abends den Rosenkranz und gab Almosen, so viel sie konnte. Ihre demokratische Vertraulichkeit den Arbeitern und Knechten gegenüber wurzelte in jenem Instinkt des patriarchalischen Systems, der den Adeligen als Angehörigen einer höheren Rasse betrachtet, und gewiss gestattete es ihr bloß die Überzeugung, dass jene Leute nicht so seien wie sie, mit ihnen so frank und frei zu verkehren, so dass sie sich oft auch an ihren Tisch setzte und, gleichsam als Musterbild der Mäßigkeit, Fleischbrühe und Maisbrot mit ihnen aß.

Dem Vater konnte nichts erwünschter sein als die energische entschlossene Sinnesart dieser Tochter. Er war ein gutmütiger ruheliebender Mann, der das Fideikommiss von Bouzas durch den tragischen Tod seines älteren Bruders übernommen hatte. Dieser war während des ersten Bürgerkrieges das Haupt eines Häufleins Aufständischer gewesen, mit dem er unter dem nom de guerre eines Senorito de Padornin die Gegend durchstreifte, bis ihn eines Tages das Militär abfasst und in den Fluss stürzte, nachdem er drei Bajonettstiche in den Leib erhalten hatte. Don Remigio, der Zweitgeborne, machte es wie die Katze, die sich verbrannt hatte: Er sah kein Zeitungsblatt an, hatte über gar nichts eine Meinung und wollte nicht einmal mit den Wahlen zu tun haben. So verbrachte er ein Leben ohne Kummer und Sorgen und machte seine regelmäßige Kartenpartie mit dem Pfarrer und dem Dorfarzte.

Die Erbtochter mochte nahe an die Zweiundzwanzig sein, als ihr Vater die Wahrnehmung machte, dass sie schlechter aussehe, dunkle Ringe um die Augen habe, seltener auf ihrer Stute ausreite und ohne Ursache vor sich hinbrüte. – Das Mädel muss heiraten – entschied der Alte in seiner Weisheit. Und sich eines Edelmanns erinnernd, eines gewissen Balboa de Fonsagrada, der einstmals sein guter Freund gewesen und von der Vorsehung mit einer zahlreichen männlichen Nachkommenschaft beglückt worden war, setzte er sich hin und richtete an diesen ein Schreiben, in welchem er eine Familienverbindung vorschlug. Die Antwort lautete, der dritte Balboa, der eben Lizenziat der Rechte in Santiago geworden war, werde nicht zögern, sich auf Bouzas einzustellen; denn der erste dürfe das Haus nicht verlassen und der zweite sei schon vermählt. Und in der Tat, nach Ablauf von drei Wochen – welcher Zeitraum nötig war, um ihm sechs Hemden zum Wechseln machen und ein Dutzend Sacktücher märken zu lassen – traf Camilo Balboa ein, ein hübscher Junge, etwas verfeinert durch das Universitätsleben, aber ein wenig bleich infolge der Wirtshauskost und der studentischen Liederlichkeit. Zwei Stunden, nachdem der junge Herr von Balboa von seinem mageren Pferde abgestiegen war, war die Hochzeit beschlossene Sache.

Vom physischen Standpunkte bildeten die Brautleute einen außerordentlichen Gegensatz, gleich als ob die Natur bei ihrer Bildung die Eigenschaften der Geschlechter verwechselt hätte: die Erbtochter kräftig, breitbrüstig, hochgewachsen, mit Wangen wie ein Apfel um Johanni, mit einem dunklen Flaum auf der Oberlippe, gesunden Zähnen, harten Händen und mit ihren freien und energischen Bewegungen; Balboa zart, blass, blond, mit feinen Gesichtszügen, ein Freund des Plauderns und des Schmeichelns, etwas nervös und allem Anschein nach der Verhätschelung und Bevormundung bedürftig. War es diese Verschiedenheit, welche in dem Busen der Erbtochter eine so heftige Liebe entzündete, dass die Braut zuverlässig schwer erkrankt wäre, wenn sich die Trauung nur ein wenig verzögert hätte? Oder lag es einzig daran, dass die Frucht reif war, dass Camilo Balboa eben zur rechten Zeit kam? Tatsache ist es, dass man in Bouzas, seit die Welt steht, kein so hingebendes Weib gesehen hat.

Das eheliche Leben vermochte nicht, diese Zärtlichkeit abzukühlen; es verhüllte sie nur, indem es sie heiter und ruhig machte. Die Erbtochter hätte um alles in der Welt gern ein Püppchen gehabt, und da das Püppchen nicht kommen wollte, vereinigte sich der doppelte Strom der Liebe in dem Gatten, für ihn also alle Zärtlichkeit und Freundlichkeit, Leckerbissen und Lieblingsspeisen, gute Zigarren und starker Kaffee, die feinsten Liköre und die kostbarste Wäsche. Sie, die imstande war, von einem Teller voll Gemüse zu leben, erbat sich jetzt von den Nonnen Rezepte zu feinen Bäckereien; sie, die auch auf einem Steine geschlafen hätte, kaufte jetzt die zartesten Dunen zusammen und füllte damit die Kissen und Decken des Ehebettes. Und als sie sah, dass Camilo stärker und dicker wurde, dass ihm ein schöner kastanienbrauner Bart wuchs, da lächelte die Erbtochter und dachte bei sich: Zur Zeit der Weinlese, da haben wir unser Püppchen.

Doch die Zeit der Weinlese verstrich, und die Zeit der Aussaat und die Zeit, wo die Äpfel blühen: und das Püppchen stieg nicht zur Erde herab, um deren Unannehmlichkeiten mitzumachen. An seiner statt beschäftigte sich Don Remigio damit, es mit einem besseren Leben zu versuchen, und unterstützt von einer Gedärmverschlingung, welche auch eine Pille größten Kalibers nicht zu entwirren vermochte, ließ er dieses Jammertal und seine Tochter als Herrin von Bouzas hinter sich.

Für die Erbtochter war es keine Überraschung und keine Verlegenheit, sich an der Spitze der Gutsverwaltung und des Hauswesens zu sehen. Seit langer Zeit schon fiel alles ihr anheim; ihr Vater hatte sich um nichts gekümmert, ihr Mann, unpraktisch, wie er war, half ihr nicht viel; dafür besaß sie ein Faktotum, das ihr ergeben war wie ein Hund und pünktlich wie eine Maschine, in ihrem Milchbruder Amaro, der in Bouzas eines jener undefinierbaren Ämter versah, halb Majordomus, halb Aufseher. Obwohl von derselben Milch genährt, glichen sich Amaro und das Fräulein von Bouzas in keinem Punkte. Denn der Bauer war klein, mager und hässlich, und das wirre Haar, das ihm in Büscheln in die Stirne und an den Ohren herabhing, trug nicht dazu bei, sein Aussehen zu verschönern. Trotz der Vertraulichkeiten der Kindheit behandelte Amaro die Erbtochter mit dem tiefsten Respekt, er nannte sie nie anders als »meine gnädigste Herrin«.

Kurz nach Don Remigios Tode begann die revolutionäre Bewegung höhere Wellen zu schlagen, und ihre Wogen wälzten sich auch in das Tal von Bouzas, wo sie sich in eine carlistische Agitation umsetzen. Gleich als ob ihr das Gespenst des mit Bajonetten gespickten Oheims abends in den Dünsten des Sil racheheischend erschienen wäre, fühlte die Erbtochter ihr Parteigängerblut in den Adern rollen, und sie widmete sich mit ganz vendéeischem Eifer dem Verschwörergeschäfte. Wieder konnte man sie auf dem Rücken ihrer schnellen Stute durch Schluchten und Waldwege eilen sehen, auf dem Busen eine leuchtende Nadel, die auf einer Seite das Bildnis des Don Carlos, auf der anderen das Pius’ IX. zeigte. Da gab es Gürtel und Brotsäcke zu nähen, Patrontaschen zu füllen, aus farbigem Flanell Herzen als Abzeichen auszuschneiden, rostzerfressene Flinten zu reinigen, alte Pistolen beim Waffenschmied ausbessern zu lassen, aus der Umgebung Reitpferde zu requirieren, insgeheim eine Fahne zu sticken.

Camilo Balboa wollte sich anfänglich den Schleichwegen seiner Frau nicht anschließen. Er behandelte sie skeptisch, gleichgültig, als kluger Alphonsist und riet ihr eindringlich sich zurückzuziehen, oder er machte über die ganze Sache studentische Witze, wenn er beim schwarzen Kaffee saß, zwischen dem Domino und dem Gläschen Cognac. Über Nacht, ohne Übergang, kam der Enthusiasmus über ihn. Er begann mit der Erbtochter zu wetteifern, verlangte auch sein Teil an der Arbeit, indem er sich erbot, das Tal zu durchstreifen, während sie, von Amaro eskortiert, in den Bergen herumklettere. So geschah es auch, und Camilo nahm sich der übernommenen Aufgabe mit solchem Eifer an, dass er ganze Tage vom Hause wegblieb. Nur am Morgen kam er zu der Erbtochter und verlangte »Geld für Pulver … für einige Flinten, die er da und dort entdeckt habe«. Er kehrte mit leerer Börse zurück, versichernd, die Waffen seien wohlgeborgen, ganz bereit für die feierliche Stunde.

Eines Nachmittags, nach einem leckeren Mahle – so beschäftigt auch die Erbtochter sein mochte, nie vergaß sie deshalb den Magen ihres Gatten; das hätte noch gefehlt! – zog Camilo seinen Samtrock an, ließ sein Pferd satteln und empfahl sich mit den hingeworfenen Worten:

»Ich gehe zu den Resendes. … Wenn wir nicht fertig werden, bleibe ich vielleicht über Nacht dort. … Nur keine Angst, wenn ich nicht heimkehre. … Von hier zum Kastell von Resende ist’s auch ein gut Stück Weges.«

Das Kastell von Resende, ein adeliges Jagdschloss, war in eine Art von Arsenal oder Werkstätte verwandelt worden. Man fabrizierte Munition, richtete alte Feuerwaffen her und maskierte sogar Pferdedecken als Reitsättel. Die Erbtochter würdigte vollkommen die Wichtigkeit der Expedition; gleichwohl flog ein Schatten über ihre Augen; war es doch das erste Mal seit der Hochzeit, dass Camilo erst am anderen Tage zurückkehren sollte. Sie vergewisserte sich, dass ihr Mann gut geschützt fortgehe – er trug Pistolen im Sattel und einen Revolver im Gürtel »für alle Fälle« – und begleitete ihn bis zum Torwege. Dann rief sie Amaro und befahl ihm, die Pferde vorzuführen. Sie hatte noch mit dem Pfarrer von Buron zu sprechen, einem der Organisatoren des künftigen königlichen Heeres.

Ohne der Peitsche zu bedürfen, schlug die Stute der Erbtochter ihren lebhaften Trab ein, während Amaros Klepper in ungleichen, holprigen Sprüngen wütend nebenher galoppierte. Herrin und Diener schwiegen; er noch stiller und verschlossener, als es sonst schon seine Art war; sie, ein wenig melancholisch, an den abwesenden Gatten denkend. Sie ritten einen Pfad, der, anfangs steinig und stellenweise durch den angeschwollenen Sil überschwemmt, dann geradeaus auf das Pfarrhaus von Buron hinführt, als Amaros Gaul plötzlich die Ohren spitzte und einen Seitensprung machte, dass er samt seinem Reiter beinahe in den Fluss gestürzt wäre. Die Erbtochter sah über einer Weidengruppe die Dreispitze der Guardia Civil auftauchen.

Die Begegnung hatte durchaus nichts Beunruhigendes, denn alle Gardisten der Umgebung waren dem Hause Bouzas wohlgesinnt, wo stets für sie der Mostkrug bereitstand, im Notfalle ein reines Bett und allemal freundliche

Aufnahme und gute Behandlung. So kam es, dass der Sergeant, welcher die Abteilung befehligte, beim Anblicke der Erbtochter den Hut respektvoll lüftete und einen guten Abend bot. Sie aber, einer plötzlichen Eingebung folgend, führte ihn abseits zu einer Krümmung des Pfades und fragte ihn leise, doch in gebieterischem Tone:

»Wohin geht Ihr, Pineiro?«

»Verraten Sie mich nicht, Señorita, beim Heile Ihres Vaters, der im Himmel sein möge. … Nach Resende, Señorita, nach Resende. … Es heißt, dass dort eine Waffenfabrik ist, und Leute sind versteckt, und der Teufel und seine Großmutter. … Ja, ja, Señorita, manchmal muss der Mensch auch gegen seinen Willen. … Man muss leben, und wenn man kein anderes Mittel hat. … Die Jungfrau gebe, dass nichts daran ist …«

»Es wird nichts daran sein, Pineiro. … Nichts als Erfindung. … Geht jetzt, und Gott lohn’ es Euch…«

»Señorita, noch einmal, verra…«

»Keine Seele wird es erfahren. Adieu, grüßt mir Eure Frau!«

Man sah noch das Wachstuch der Mäntel durch die Weiden schimmern, als die Erbtochter Amaro anrief.

»Gnädigste Herrin?«

»Du reitest, so schnell du kannst … gib acht, dass dich die Gardisten nicht sehen … nach Resende und sagst dem jungen Herrn, dass die Garde hinkommt, um das Kastell zu durchsuchen. Sie sollen die Waffen vergraben, das Pulver und die Patronen verstecken. … Mein Mann soll den kürzeren Weg über Illosa einschlagen und gleich nach Hause kommen. … Nun, du stehst noch da?«

Unbeweglich, mit einer tiefen Falte zwischen den Augenbrauen, den Blick zur Erde gesenkt, stand Amaro da, als wäre er zu Stein geworden.

»Nun! … Sprich! Was ist dir über die Leber gelaufen? … Wird’s bald, oder soll ich selbst nach Resende gehen?«

Amaro hob die Augen nicht empor, sondern fuhr sich nur mit der Hand in sein wirres Haupthaar. Endlich öffnete er die Lippen zu einem tiefen Seufzer und brachte mit heiserer Stimme mühsam die Worte hervor:

»Wenn es ist, um die Herren von Resende zu benachrichtigen, denk’ ich, so will ich gleich gehen. … Wenn es wegen dem gnädigen Herrn ist, denk’ ich, es wäre umsonst. … Der junge Herr ist nicht in Resende.«

»Mein Mann ist nicht in Resende?«

»Nein, gnädigste Herrin, mit Ihrer Erlaubnis; in Resende nicht.«

»Wo denn sonst?«

»Wo er ist? … Er wird dort sein, wo er jeden lieben Tag hingeht.«

Die Erbtochter schwankte im Sattel und ließ die Zügel der Stute locker, so dass diese überrascht schnaubte und sich zum Laufen anschickte.

»Wohin geht er jeden Tag?«

»Alle Tage.«

»Aber wohin, wohin? … Heraus mit der Farbe, oder es geht dir schlecht!«

»Gnädigste Herrin!« – Amaro überstürzte sich im Sprechen, sprudelnd und glucksend wie das Wasser aus einer abwärts gekehrten Flasche. – »Gnädigste Herrin, der gnädige Herr … in Carballos … das heißt … da ist eine hübsche Näherin, welche im Resende-Kastell arbeitete … jetzt geht sie nicht mehr hin. – Der Herr gibt ihr Geld … sie leben zusammen, sie und ihre leibliche Tante … manchmal geht sie mit dem gnädigen Herrn auf die Berge … auf dem Jahrmarkt von Illosa hat ihr der gnädige Herr Ohrringe von Gold gekauft … sie ist eine kecke Person … sie nennen sie Wunderblume, denn heut’ ist sie zum Sterben, morgen ist sie frisch und gesund, singt und tanzt. … Sie ist verrückt, denk’ ich.«

Die Erbtochter hörte, ohne mit den Wimpern zu zucken. Die Blässe verlieh ihrer dunklen Haut die Färbung des Lehms. Maschinenmäßig nahm sie die Zügel auf und streichelte den Hals ihres Pferdes, während sie an der Unterlippe kaute. Nach einer kurzen Pause sagte sie mit dumpfer Stimme:

»Amaro, du lügst nicht?«

»Gnädigste Herrin, so wahr wir alle sterben müssen … Möge mich ein Blitzstrahl treffen, wenn ich nicht die Wahrheit sage.«

»Gut – jetzt schweige! Der Herr sagte, dass er diese Nacht in Resende schlafen werde. Er wird aber dort über Nacht bleiben bei – dieser?«

Amaro nickte, einen scheuen Seitenblick auf seine Herrin werfend. Diese dachte einige Augenblicke nach. Ihre entschlossene Natur kannte kein langes Schwanken.

»Hörst du, du gehst jetzt nach Resende, so schnell als möglich. Sie müssen Zeit haben, die Waffen zu verbergen. Vom Herrn erwähnst du nichts. Auf dem Rückwege triffst du mich eine Stunde vor Tagesanbruch in dem Wäldchen bei Corballos, bei der Raposo-Quelle. Jetzt geh.«

Amaro pfiff seinem Pferde, zog sein Messer, mit dem er sich Reitgerten abzuschneiden pflegte, aus der Tasche, und den Gaul sanft damit stachelnd, sauste er im Galopp davon. Lange vor den Gardisten traf er in Resende ein, und Sergeant Pineiro hatte das Vergnügen, in dem Kastell keine anderen Waffen zu finden als den Bratspieß in der Küche und die Jagdflinten der Herren in einem Saalwinkel. Noch hörte man in den Gebüschen kein Flüstern des Laubes, kein Piepsen der Vögel, wie es die Annäherung des Morgens ankündigt, als Amaro mit seiner Herrin zusammentraf. Sie verbargen sich hinter einer Gruppe von Eichen, an deren Stämmen sie ihre Pferde ankoppelten.

Schweigsam harrten sie das etwa anderthalb Stunden. Das bleiche Licht der Morgendämmerung breitete sich langsam über die Landschaft aus, schon begann die Sonne den Nebelschleier zu durchbrechen, der über dem Flusse lag, als zwei menschliche Gestalten in geringer Entfernung von dem Eichenwäldchen sichtbar wurden: ein zierlicher junger Mann und ein schlankes Mädchen, frisch und lächelnd, aber nicht ganz ausgeschlafen. Das Pärchen nahm zärtlichen Abschied. Der Mann bestieg das Pferd, welches er an der Rechten führte, und eilte in scharfem Trabe weg wie einer, der Eile hat. Das Mädchen folgte ihm eine Weile mit den Augen, dann dehnte und streckte es sich und band ein blaues Tuch um den Kopf, denn sie war barhaupt mit zwei langen, herabhängenden Zöpfen. Bei diesen Zöpfen packte sie Amaro, indem er ihr mit ihrem eigenen Tuche den Mund verstopfte und ihr mit drohender Stimme zurief:

»Wenn du muckest, bring ich dich um!«

Sie stiegen eine Weile bergauf, die Erbtochter voran, Amaro, der das Gekreisch der Dirne erstickte und ihr die Arme festband, hintendrein. In Wahrheit leistete die kleine Näherin zwar wütenden, doch nur schwachen Widerstand; ihr zartes Körperchen machte Amaro wenig zu schaffen. Er begnügte sich, ihr die Kinnladen zu pressen, damit sie nicht beiße, und die Hände, damit sie nicht kratze.

Sie mochten so etwas wie eine Viertelmeile gegangen sein und befanden sich auf einer öden Lichtung, begrenzt von schwarzen Felsen, zu deren Füßen der stumme Sil dahinrollte. Da hielt die Erbtochter an, wendete sich um und betrachtete einen Augenblick ihre Nebenbuhlerin. Die Näherin besaß eines jener zarten Gesichtchen, welche die Bauern Gnadenbilder nennen, die von Wachs geformt zu sein scheinen; im Augenblicke glich sie einem solchen noch mehr infolge ihrer tödlichen Blässe. Gleichwohl belebten sich, als der Blick der beleidigten Gattin auf sie fiel, ihre Züge, und ihre Pupillen entluden einen Strahl triumphierenden Hasses, als wollten sie sagen: Du kannst mich töten; aber vor einer halben Stunde ruhte dein Gatte in meinen Armen. – Mit diesem Aufleuchten traf ein Aufblitzen von Gold zusammen, ein Glanz, den die aufgehende Sonne von den kleinen Ohren her zurückwarf: Es waren die Ohrgehänge, das Geschenk Camilo Balboas. Die Erbtochter fragte mit rauer und dumpfer Stimme:

»War es mein Mann, der dir diese Ohrringe gegeben hat?«

»Ja«, antworteten die funkelnden Vipernaugen.

»Nun ich, ich schneide dir die Ohren ab«, entschied die Erbtochter, ihre Hand ausstreckend.

Und Amaro, der weder taub noch lahm war, zog sein Taschenmesser hervor, öffnete es mit den Zähnen und zückte es. … Ein Schrei des Entsetzens und der Todesangst … und noch einer …

»Soll ich sie in den Sil werfen?«, fragte der Milchbruder, das ohnmächtige, blutbedeckte Opfer hoch emporhebend.

»Nein, lass sie hier. … Eilen wir jetzt zu unseren Pferden.«

Und sie stiegen den Berg hinab, ohne den Blick zurückzuwenden.

– – – – – – – – – – – –

Von der hübschen Näherin weiß man, dass sie sich niemals öffentlich zeigte, ohne ein stark ins Gesicht gezogenes Kopftuch; von Camilo Balboa, dass er seiner Frau keine Streiche mehr spielte, oder wenn er es tat, sie geschickt zu verheimlichen wusste; und von jener Verschwörung, die in Resende geplant wurde, dass ihre Taten der Geschichte nicht überliefert worden sind.


Textnachweis
Aus: Die Presse, 3. Januar 1894, S. 1–4. (Die Orthografie wurde der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst, die Interpunktion behutsam modernisiert. Offensichtliche Satz- und Druckfehler wurden stillschweigend ausgebessert.)

Übersetzung
Aus dem Spanischen; Übersetzer*in unbekannt.

Titelbild
Detail aus: Rosa Bonheur, Weißes Pferd, 1866

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